INSELJAHRE als Lesebuch: Tagesmotto 02/28/2021 … „Ulysses – Wanderer ohne Ziel“ (1) … Band 23 (Entwurf: Teil 1 – 1. Kapitel)

Titel

Ulysses – Wanderer ohne Ziel

(Teil 1)

Frühe Jahre

Günter Stephan-Kempf

INSELJAHRE

Band 23

Edition GEOTEAM

Bad Schwalbach & Kampot

Nie wieder Krieg!

(alternativ) Clara Zetkin (links) und Rosa Luxemburg auf dem Weg zum SPD-Kongress in Magdeburg 1910

INSELJAHRE („Ulysses – Wanderer …“ in 4 Einzelbänden)

* Band 2300Ulysses – Wanderer ohne Ziel (1). Frühe Jahre (Kapitel 1– 3; die Jahre 1948– 1973)

* Band 2400Ulysses – Wanderer ohne Ziel (2). Ein Leben in Deutschland und anderswo. (Kapitel

4–10; die Jahre 1974– 1989)

* Band 2500UlyssesWanderer ohne Ziel (3). Heimkehr in ein fremdes Land (1). (Kapitel 11–15;

die Jahre 1990– 2012);

* Band 2600 UlyssesWanderer ohne Ziel (4). Heimkehr in ein fremdes Land (2). (Kapitel 16–18;

die Jahre 2013 – 2022; Anmerkungen zu 16-18; mit Epilog und Anhang: Werkstattbericht, Literatur-

und Abbildungsverzeichnis, Handlungsskizzen (?), Register (?) und vollständigem Inhaltsverzeichnis

Innentitel

Ulysses – Wanderer ohne Ziel

(1) Frühe Jahre

Günter Stephan-Kempf

Inseljahre Band 23

Edition GEOTEAM

Bad Schwalbach & Kampot

Editorial

Securities Disclosure: I, Günter Stephan-Kempf, do not hold equity interests in any of the companies, political parties or still living persons mentioned in this text and articles.

Editorial Disclosure: Edition-GEOTEAM is a private client of the named person above. This textes are not paid for their content.

Die für den Cover des Band 1 verwendete Zeichnung – Nie wieder Krieg! – stammt von Käthe Kollwitz. Weitere Abbildungen sind im Anhang erläutert. Bei Einbänden gezeigte Abbildungen dienen, wie sämtliche anderen Vorlagen lediglich als Platzhalter für nicht veröffentlichte, nur der Korrektur dienlichen Manuskriptbände. Allein wegen der Auflage von maximal sechs Exemplaren, unterliegen deren gesamte Inhalte, wie andere eventuell urheberrechtlich geschützten Benutzungen, das gilt selbstverständlich auch für alle übernommen Textinhalte, deshalb keiner besonderen Genehmigung durch einen Urheber.

Der Text, trotz alledem ursprünglich in amerikanischer Tabulatur geschrieben, kennt weder einen Respekt, geschweige denn eine unterwürfige Ehrfurcht vor der angeblich wieder herrschenden neuen Deutschen Rechtschreibung!

Edition GEOTEAM Bad Schwalbach und Kampot 2021

© Günter Stephan-Kempf

Erstauflage – 6 Exemplare

Alle urheberlichen Rechte vorbehalten, insbesondere die des öffentlichen Vortrags, der Rundfunksendung und der Fernsehausstrahlung, der handschriftlichen, fotomechanischen und der elektronischen Wiedergabe, auch einzelner Teile.

Jedwede Ähnlichkeit mit natürlichen Personen und tatsächlichen

Ereignissen ist selbstverständlich . . .

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek:

Stephan-Kempf, Günter (2021):

Ulysses – Wanderer ohne Ziel (1) – Teil 1 (Erster Band, Kapitel 1 – 3)

aus: Ulysses – Wanderer ohne Ziel/ Heimkehr in ein fremdes Land (4 Bände)

Bad Schwalbach und Kampot: Edition Geoteam, 202

© 2021 by Günter Stephan-Kempf

Edition GEOTEAM, Bad Schwalbach und Kampot – Einbände und Schutzumschläge:

Fotokollagen des Autors

Printed in the Kingdom of Cambodia 2021 /// ISBN 00000000000000

. . . rein zufällig und unbeabsichtigt.

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Ich kann Ihnen ein paar Nachrichten vom Leben und Schreiben

dessen vermitteln, der sich seine Erfahrungen bewusst machen

will und zu sich selber sagt: Vielleicht findest du einmal jemand,

der manches so sieht wie du. HERMANN LENZ

Vorrede

Dieser in eigenbiografischer Manier ausgeführte Roman folgt in seiner Struktur in gewisser Weise einem früheren, den ich „Der Skorpion“ betitelt habe. Er ist dennoch weder eine Fortsetzung noch eine lediglich stark erweiterte Auflage. Aber es ist zwangsläufig die gleiche Geschichte, auch diesmal wieder mit den dilettantischen Göttern, die in ihrem Osloer Bunker hocken und versuchen, das fehlgeleitete Geschick der Menschheit und womöglich das von Felix selbst in den Griff zu bekommen, um sie allesamt wohlmeinend endlich auf einen besseren Weg zu bringen. Vielleicht sollten das bestenfalls die Menschen in ihrer Gesamtheit und wenn schon, dann allein in ihrer eigenen Person vollziehen müssen.

Diesmal will der hintergründige Tenor insbesondere eine tiefe emotionale Wahrnehmung ausdrücken. Diese ist mit Sicherheit eine der schrecklichsten historischen Fehlentwicklungen der Menschheit, und das ist der Krieg! Dabei geht es zugleich um die Erkenntnis des täglich an vielerlei inneren und entfernten Fronten stattfindenden höchst unmenschlichen „Krieg im Frieden“ – ein Krieg des Menschen gegen den Menschen und gegen seine gesamte Mitwelt.

Bereits im ersten Kapitel der insgesamt vier Bände beginnen neben den Er­zählungen der Hauptprotagonisten die komplexer werdenden, eingefügten Montage-Elemente verschiedener, auch zeitgeschichtlicher Episoden, dann die Erläuterungen des begleitenden Erzählers und weiterer Erzählerinnen und Erzähler.

Da ist also ein meist objektiv versachlichender, männlicher Erzähler [E1], bis zum Ende quasi ein allwissendes Über-Ich oder als Nestor fungierend; zugleich melden sich verschiedene, dann eher subjektive Erzählerinnen und Erzähler [E2] zu Wort, aber meist aus der Perspektive der bereits vollzogenen Zukunft heraus, dann wie in einem inneren, unsichtbaren Brief an den Protagonisten Felix gerichtet. Ihre scheinbare Allwissenheit lässt vermuten, dass es sich hier oft ebenfalls um mystische Einmischungen

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weiblicher Gestalten der antiken Götterwelten handelt. In der Montage wird eine immer wieder aufgegriffene Handlung auf ein ganzes Männerleben verteilt. Unterlegte 18 Monate der Marinezeit von Felix stehen dabei kapitelweise für eine gewisse Kontinuität des damit eingerahmten Geschehens. Selbst das wird in der Form einer Montage erzählt. Es kommen nicht zuletzt lebenslange Erinnerungen des „Helden“ zustande, dann schließlich aus der subjektiven Sicht eines inzwischen greisen, geläuterten und einsamen Mannes.

Es wechseln sich Erzähltechniken, Schriftsatz, grammatikalische Formen, bis zu interpunktionslosen joyce’schen Gedankenströmen als ‚Innere Monologe‘ ab. Montagestrukturen werden, als „roter Faden“ fungierend, in spontan erscheinenden Sequenzen in den Strang der „Monatskapitel“ der militärischen Marinezeit eingeflochten.

Diese Schreibform wird wie geseilerte Stränge eines dicken Strecktaus über die gesamte Länge des Buches beibehalten; bis sich aus dem zumindest militant und linksradikal denkenden und empfindenden Felix ein regelrechter Pazifist entwickelt hat, der nunmehr als zurückgezogen lebender Mensch den Lauf der Welt nicht mehr ändern kann und dieses am unheroischen Ende seiner nahezu Odyssee artigen Wanderschaft längst auch nicht mehr anstrebt. Der alte ‚Teerzopf‘ des realen, hier nur selten auch ein wenig imaginierten Seesoldaten ist endlich vollständig abgeschnitten, und er soll ihm nie wieder nachwachsen.

Eine erste eigenwillige, intellektuelle Sicht auf einen uns in dieser Weise unbekannten Odysseus als vorgelebte Vergleichsfigur stammt letztlich von Walter Jens, dem es ebenfalls darum ging, den KRIEG als das zu entlarven, was er immer war und bis heute noch ist: „ein abscheuliches, verbrecherisch eingesetztes Mittel einer nur scheinbar mächtigen, immer undemokratisch herrschenden, winzigen Minderheit an der gestohlenen Macht zu bleiben!“

Der „Krieg im Frieden“, in der belegbaren Historie nachweislich meistens initial befördert vom aggressiven nördlichen und reichen Westen, wird heute wieder fernab in der südlichen Dritten Welt allein um ihre dort vorhandenen Ressourcen und zur Erhaltung ökonomischer Dominanz ausgetragen. Er wird aus rein wirtschaftlichen, nicht wegen altmodisch vorgeschobener,

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bösartig missionarischer Gründe, weniger wegen eines Landgewinnes, auch kaum wegen rassistisch behauchter ideologischen Überzeugungen, dann aber weiterhin und zunehmend zur Inkarnation einer bestialischen, ökonomischen, politischen und militärischen Staatsgewalt und mit großem zugefügten Leid ständig initiiert. Jeder der stets mutwillig angezettelten Kriege, auch die millionenfach tödlichen ‚Kriege der US-Sanktionen‘ benötigen nicht zuletzt eine willenlose und unterwürfige Akzeptanz des hinreichend plump, aber zugleich geschickt manipulierten, all das ignorierenden Massenmenschen, der im leeren, geistlosen Konsumwahn sich befindet. Deshalb ermöglicht eine immer gleiche, aber stets modernisierte Illusion auf erschreckende Weise, dass sogar unsichtbar bleibende schreckliche Kriege weiterhin konstruiert, künstlich herbeigeführt und physisch, ausgetragen werden. Sogar vor geplantem Völkermord schrecken Militarismus und seine Rüstungsindustrie, die anderen Syndikate und ihre Propaganda, die Massenmedien und die Kulturindustrie nicht zurück. Nicht einmal zu reden vom ökologischen Frevel an der Natur unseres endlichen Planeten Erde. Das alles findet täglich vor unseren eigenen Augen statt, schaut man nur einmal wirklich wahrnehmend und bewusst hin.

Ein ganzes hier beschriebenes Menschenleben war hier mehr als genug, um allein das zu erkennen.

Stets sollte man sich mit einem Blick auf unbedarfte Leser bei solchen Sachverhalten vor einer immer wieder erscheinenden Paraphrasierung hüten, diese aber lieber in Kauf nehmen, denn die realen Verhältnisse sind zu schrecklich, um sie aus einer anderen Weltsicht heraus bei dem zentralen Thema einfach zu verschweigen.

Vermutlich ist dieser fast autobiografische Bericht über das herum schweifende Leben des Felix Kusch an seinem Ende zumindest zu einem eigenhändig gewebtem „Lesebuch“ geworden. Existentialistisch geratenes Denken verbindet persönlich Erlebtes wie mit einem rotem Faden direkt mit der jeweils akuten Historie und mancherlei vergangenen, einst durchaus zeitgeistigen Ereignissen. In diesem Sinne will es ein sehr subjektives Buch zur modernen, von Felix wahrgenommenen Geschichte und ihrer nicht immer erfundenen Hintergründe sein. Zugleich spielen die sich entwickelnden Reflexionen und persönliche Wahrnehmungen eine wichtige Rolle.

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Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse sind bezeichnend für einen Lebensweg, hier letztlich eindeutig, aber wirklich gesellschaftskritisch immer noch zu sehr zurückhaltend dargestellt.

Das Herz schlägt bei den allermeisten Menschen instinktiv links der Mitte, und ihr Blut ist weiterhin rot, denken diese Menschen nur einmal wieder an diese unermüdliche Pumpe des Lebens, die alle konkreten Werte und Waren aller Art erschafft, und dabei allen unermesslichen Reichtum für die gnadenlos Unbarmherzigen und Unerbittlichen der menschlichen Spezies in der Welt produziert.

Allein die in ihrem Leben schwer arbeitende Menschen sind tatsächlich das „Salz der Erde! Ohne die von ihnen allein geopferte Arbeitskraft würden alle Parasiten schnell absterben.

Wären die zornigen Menschen in Geist und Tat dabei etwas behilflich, so ginge es mit einer solchen qualitativ humaneren Historie sogar schneller voran. Weil das denn so ist: „Hier stehe ich in meinem alten ‚Buscherump‘ und kann nicht anders über mein Leben berichten. All die guten Götter mögen mir helfen. Amen.“

Günter Stephan-Kempf alias Felix Kusch

Kampot City/ Kingdom of Cambodia, 2021 zur Trockenzeit

Traveling is not just seeing the new; it is also leaving behind.

Not just opening doors; also closing them behind you never to

return. But the place you have left forever is always there for you

to see whenever you shut your eyes. And the cities you see most

clearly at night are the cities you have left and will never see

again.” (JAN MYRDAL ‚The Silk Road‘)

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Widmungen

Allen männlichen und weiblichen Revolutionären, den Deserteuren und Pazifisten gewidmet, namentlich, dann stellvertretend den aufrechten Kommunistinnen Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, den ersten herausragenden Vorkämpferinnen für einen menschengerechten Frieden in der Welt; gleicher Maßen dem Lebenswerk von Käthe Kollwitz beigestellt, die nicht zuletzt den Aufschrei „Nie wieder Krieg“ für ein bis heute gültiges, künstlerisches Plakat festgehalten hat.

Wir ehren stellvertretend Stefan Zweig, den friedensliebenden Europäer, den großen Prosaisten, der unsere tief liegenden Seelen, mit Sexus und uralten Instinkten beladen, spürbar gemacht hat. Auch er zerbrach zuletzt an der um ihn herum herrschenden kapitalistischen Gier nach Geld, auch an dem persönlich empfunden Verrat seiner besten Freunde, die bis heute letztlich keinen Frieden unter den Menschen zulassen.

Dem Gedenken an Rudi Dutschke empfohlen, der Großes für die Liebe der Menschen untereinander vollbracht hätte, wäre er nicht zuletzt ein Opfer eines im Kapitalismus gedeihenden „grün-alternativen“ Revisionismus geworden.

In Würdigung der Werke zur Kritischen Theorie und ihrer wahren geistigen Väter – u. a. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Walther Benjamin, Georg Lukács und ganz besonders auch in der Erinnerung an die Schriften des geliebten und unvergessenen Menschenfreundes Ernst Bloch.

Dem Gedächtnis an meine Eltern Hildegard und Erich, meiner Tochter Cordula-Katharina, meiner Schwester Heide, dann allen lieben Freundinnen und Freunden gewidmet, auch den einstigen, die ich der fortschreitenden Zeit still und meist sehr wortlos verloren habe.

Gäbe es dabei noch eine kleine Hoffnung auf ein Wiedersehen irgendwo da draußen, ich würde ihnen und auch mir gern verzeihen.

GSK

vii

INHALTSVERZEICHNIS (als Übersicht) der 4 Bände . . . ca. 16 Seiten ?

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Ulysses – Wanderer ohne Ziel (1)

Erster Teil

Frühe Jahre – Telemachie

1xx April 1968 1948-1964 Sonja = Lea

Erstes Kapitel

Telemachos = Sonja

1. Kapitel bei James Joyce: Turm-Szene; Telemach-Episode; 8 Uhr vormittags; Stephen Dedalus, geistig noch derselbe wie am Ausgang von „Jugendbildnis“ – nur ein Jahr liegt dazwischen, davon die Hälfte als Aufenthalt in Paris – , haust mit dem zynisch-frechen Medizinstudenten Buck Mulligan und einem englischen Studenten namens Haines in dem am Meer gelegenen Martello-Turm. Die unbewältigte Vergangenheit, besonders auch der schwere Tod der Mutter, gehen ihm nach. Noch immer geht er seinen Weg allein, und was er in den Gesprächen mit den Studenten äußert, wirkt scharf, ätzend und verschafft im einen zweifelhaften Respekt. Er sucht ein fernes Ziel, weiß aber: „Nach Hause kann ich nicht gehen.“*)

1. Kapitel bei ‚Ulysses – Wanderer ohne Ziel (1)‘: Sonja =Lea; April 1968; im Lebensverlauf von Felix weitgehend die Jahre 1948-1964. (vorl. Manuskriptseite 8/16 – 90/180) = 164

Abschieds- und Bahnhofs-Episode; Zugfahrt nach Glückstadt/Elbe;

Charakterisierung des noch jungen Protagonisten Felix, der als ein Kriegsdienst-Pflichtiger zur Grundausbildung bei der Marine aufbricht, zugleich wird seine heimatliche Region und deren Historie beispielhaft beschrieben.

Blick auf die internationalen politischen Ereignisse im Frühjahr 1968, die Felix nachhaltig beeinflussten. Weitere historische Exkurse zum Verständnis der zeitnahen deutschen Geschichte. Zugleich Blick auf das damalige aktuelle Weltgeschehen.

Der Haupterzähler [E 1] und erste Erzählerinnen bringen sich mit ihren Sichtweisen ein.

Bei der Marine schickt man die Matrosen sonderbarerer Weise gleich in einen frühen Osterurlaub. Während der Zugfahrt Rückblick auf Felix‘ Jugend- und Schulzeit. Daran anknüpfend wird zumindest für den Leser seine Mitschülerin Sonja zu einer der Göttinnen, die seit langem heimlich in Oslo in einem Gegenparlament zur amerikanisch dominierten UNO in New York agieren. Die nordische Göttin Freya klärt den Leser bereits ein wenig über diese geheimnisvollen Vorgänge auf. Felix hat weiterhin keine Ahnung über das von ihnen gesteuerte Geschick seines Lebens.

Der ewige „Amerikanische Krieg“ – in Indochina, über My Lai bis hin zum Irak . . . Felix wird ständig zunehmend politisiert.

Das Musical „Hair“ oder die Geburt eines neuen Pazifismus?

Wenn der Senator erzählt.“ – das deutsche Wirtschaftswunder;

Antikommunismus und Wiedergutmachung; Mauerbau und jugendliche Pfadfinderzeiten;

Erste Montagetexte . . . Hannes Wader und Rudi Dutschke – zwei Menschen aus Deutschland begleiten hin und wieder das Geschehen.

Erster Landgang der Matrosen in Glückstadt. In der Fischerkneipe: Die Margeriten-Episode.

***

1

Wir fangen leer an; Ich rege mich. Von früh auf sucht man.

Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.“

ERNST BLOCH „Das Prinzip Hoffnung“

Noch ist Felix Kusch neunzehn Jahre alt. Das richtige Alter, um ihn zu einem Marinesoldaten zu machen. Das, sagte sich der Mann vom Kreiswehrersatzamt, und er hatte damit einen innigen Wunsch des jungen Mannes erfüllt. Nun also winkt ihm sein Schicksal, und er marschiert mit einem kleinen Koffer in der Hand auf den Bahnsteig zu, wo bereits ein langer, dunkelgrüner D-Zug auf ihn wartet.

Nicht einmal die Bremsen quietschten bei der Ankunft im Wiesbadener Hauptbahnhof sonderlich laut. Die gemächliche Zugfahrt hatte erst hinauf zum Pass der Eisernen Hand geführt, dann über den Bereich des Schläferskopf in weiten Kurven am steilen Taunuskamm entlang, schließlich hinunter zum nördlichsten Rand des Mainzer Beckens. Hier, an den aufragenden Hängen des von einstiger urzeitlichen Natur am Rhein deutlich terrassierten Rheingaugebirges beginnt das romantische und touristische Mittelrheintal. Mit dem Hauptbahnhof Wiesbaden ist die allererste Reiseetappe dieses Tages erreicht.

Als der blonde junge Mann mit seinem Faconschnitt aus dem bordeauxroten Triebwagen steigt, hat er freilich keine Ahnung, was ihn in Glückstadt an der Elbe bei der Bundesmarine erwartet. Man schreibt den Ersten April des 1968-er Jahres. Gerade erst vor wenigen Tagen hat der Realschüler seine dreijährige Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen.

Viel lieber würde Felix richtig zur See fahren. Schon früh hat er sich für ein abenteuerliches Leben in der weiten Welt und auf den fernen Ozeanen, die in sie hinein führen, begeistert. Entsprechend ist seine Büchersammlung in seinem Zimmer über die Jugendjahre geworden. Aber auch andere klassische Literaturen befinden sich darin. Er verschlingt geradezu die vielen Böll-Romane, die beeindruckenden Erzählungen, leidet mit den Protagonisten bei Remarque, liest Camus, versucht sich bei Brecht und sogar bei Sartre. Es ist die Zeit kritischer Wörter und Taten. All diese vielen Bücher? Felix liest sie, wie er sie nur kriegen kann. Eines späten Abends vor einem normalen Arbeitstag in der Lehrzeit kommt sein Vater unerwartet in sein Zimmer und trifft ihn lesend, anmerkend und notierend an. Solche väterlichen Besuche sind sehr selten.

„Denke, es ist jetzt Zeit das Licht auszumachen, du musst morgen wieder früh raus.“ Und im hinausgehen sagt der Vater noch, sich bereits der Tür zuwendend: „Diese Bücher da verderben dich!“

Das ist also die Würdigung seiner Lesetaten. Er liest in manchen bürgerlichen Klassikern, bis er auch Joseph Conrad, Arthur Rimbaud, Albert Camus, Jean Paul Sartre, später Charles Baudelaire, Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Erich Fromm und noch viel schlimmeres entdeckt, was ihn in der Tat für sein ganzes Leben in nicht unbedeutendem Umfang geimpft hat.

Im Herbst zuvor musste Felix nach Wiesbaden zur Musterung, und er ist tauglich für alle Waffengattungen. An diesem 26. Oktober ist das seinem Vater, dem ewigen Landser, der dieser Mann in den vergangenen zwanzig Jahren seelisch geblieben ist, als bestes Geburtstagsgeschenk von seinem Sohn erschienen.

„Wo möchten sie denn gerne hin“, hatte ihn der Krawattenmann hinter seinem fast leeren Schreibtisch, irgendwo im diesem großen Gebäude gelegen, gefragt.

„Unbedingt zu den Fallschirmjägern ins Saarland bitte!“

Als Felix den Flur zum Aufzug entlang geht, flackert in ihm etwas auf. Er geht zurück in das Amtszimmer.

„Was wollen sie denn noch?“

„Ich habe eine große Bitte. Könnten sie das mit den Fallschirmjägern streichen? Ich möchte eigentlich lieber zur Marine.“

Der Krawattenmann nickte jetzt durchaus freundlich: „Das lässt sich machen.“

Er nahm einen Bleistift und strich das mit den Fallschirmjägern und schrieb in Druckbuchstaben Marine darüber. Bestimmt würde er das später ausradieren.

*

Am frühen Morgen der Abreise des zur Marine Einberufenen frühstücken sie alle zusammen in der kleinen Wohnküche. Die mit einem gepolsterten, weinroten Kunststoff überzogene Eckbank, an der die vierköpfige Familie sitzt, hatte man gebraucht von einem der Onkel erworben. Zusammen mit den zwei Stühlen findet daran die ganze Familie bequem Platz. Als die Mutter ihn fragt, wünscht er sich Rührei, was er aber nicht ganz aufessen kann.

„Du musst aber was essen“, sagt die Mutter. „Es ist eine lange Fahrt bis da oben hin.“ Dabei hat sie ihm einen ganzen Haufen Proviant und Limonade in einen sehr alten, kleinen Koffer gepackt.

„Bei der Marine ist das Essen gut, das hörte man immer wieder“, sagt der Vater. „Die Burschen haben damals keinen wirklichen Kohldampf geschoben. Na ja, es waren letztlich auch arme Schweine, denn es war schließlich Krieg. Melde dich bloß nicht freiwillig zu den U-Booten, wenn man dich fragt, hast du mich da klar verstanden? Habt ihr denn so etwas überhaupt schon wieder?“

„Nun lass‘ das doch“, sagt die Mutter beschwichtigend. Sie sorgt sich offenbar sehr, ihren davon ziehenden Sohn hungrig auf der langen Fahrt zu wissen. „Aber du hast ja die Verpflegung mit. Iss‘ sie auch auf gell!“

Seine erst zehnjährige Schwester fragt ihren großen Bruder, ob er bald wieder nach Hause käme. „Da ist doch jetzt niemand hier, der mich beschützt“, sagt sie traurig.

Sieben Wochen später, während ihres Landkampftages am Mittwoch, dem 22. Mai versinkt, vermutlich zu einem sehr gerechten Ausgleich des militärischen Gleichgewichts der Superpowers, das amerikanische Atom-U-Boot USS Scorpion (SSN-589) mit 99 Mann 400 Meilen südwestlich der Azoren.

Das ist der Tag, an dem die dritte Kompanie nach ihrem Mittagessen mitten im Gelände ein dreifaches Hurra auf den Matrosen Kusch brüllt, der heute in ihren Reihen seinen 20. Geburtstag begeht. Abends geht es mit den Stubenkameraden in die Kantine. Am nächsten Tag ist Himmelfahrt, Vatertag. Viele amerikanische Kinder weinen um ihren toten oder verschollenen Daddy, wie es sicher auch russische oder vietnamesische Kinder und ihre Mütter machen. Warum? Wozu dieses Militär der Superpowers und der Bananenrepubliken? Nur, um sich in einem „Ernstfall“ verteidigen zu können? Wie auch immer, das wäre ein Grund, denkt sich Felix, aber er denkt lange noch nicht weiter, als eben bis dahin.

Nur gut einen Monat zuvor, am 8. März lässt eine heftige Explosion in seinem vorderen Torpedoraum das sowjetischen U-Boot K-129 auf den Meeresgrund des nördlichen Eismeeres sinken. Alle 86 Besatzungsmitglieder finden trotz vieler Rettungsbemühungen den Tod. Später kommt es zum Azorian-Projekt, dem geheimen Versuch der CIA, das U-Boot mit den toten Kommunisten und ihrer hinterlassenen Militärtechnik aus über 5.000 Metern Tiefe zu bergen.

Bald ist es Zeit zum Aufbruch. Das besorgte Mädchen wird bald danach in die ihre unweit gelegene Grundschule gehen. Dann wird er vermutlich bereits drüben in Wiesbaden auf dem Sammelplatz sein. In der Diele nimmt ihn die Mutter unverhofft in den Arm.

„Pass gut auf dich auf!“

„Lass doch Hilde, nimm dich zusammen, das hat doch wirklich Zeit, bis wir unten am Bahnhof sind“, bemerkt der Vater lachend.

Nur mit dem Vater und der Mutter geht es zunächst im flotten Fußmarsch durch einen Teil der Unterstadt, hinunter zum Bahnhof im unweit gelegenen Aartal. Er ist weniger als einen Kilometer von ihrem Haus entfernt. Es ist ein milder, trockener Frühlingstag. Kann man es besser treffen? Der ihm seit Jahren gut bekannte Triebwagen war stets pünktlich gewesen. Er müsste also bald eintreffen.

Felix ist mit seinen Abschiedsgedanken bereits ganz woanders. Komisch ist das alles, denkt er sich, wie oft habe ich mir das gewünscht, einmal aufzubrechen, um etwas neues zu erfahren, und gerade jetzt kommen mir blitzartig ganz andere Erinnerungen.

*

Einmal, nach einer langen Arbeitswoche in den Abteilungen der Fabrik, an einem ersehnten Samstagabend war das, da hatte ihm der Vater ganz ohne irgendeinen Grund dafür zu haben, seinen üblichen Besuch des Kinos, gleich unten am Brodelbrunnenplatz gelegen, vollkommen unverhofft verboten.

„Lass ihn doch bitte gehen. Schau mal, er ist alt genug, achtzehn schon, und verdient sich bereits sein eigenes Geld“, sagte die Mutter vermittelnd zum Vater.

„Wenn ich einmal Nein gesagt habe, heißt das Nein!“ darauf der Vater laut. „Felix, du gehst mir heute nicht ins Kino, und Basta!“

„Nun lass ihn doch. Er geht doch jeden Samstag ins Kino“, äußerte die Mutter sich erneut. „Er ist schon achtzehn, andere fahren bereits ein Auto. Felix aber gönnt sich stattdessen kaum etwas.“

„Halt du dich da bitte raus. Das wäre ja noch schöner“, sagte der Vater schließlich, noch etwas energischer werdend. Auf seinem Zimmer hat sich Felix dann ein Buch vorgenommen, um sich über diese merkwürdige Ungerechtigkeit, aus einem heiteren Himmel kommend, hinweg zu trösten. Er akzeptierte sie nicht, denn dazu war keinerlei Grund vorhanden, aber er folgte der Anordnung allein des lieben Friedens willen. Vermutlich an diesem Abend hatte Felix den festen Entschluss gefasst, nach der Lehre möglichst schnell das Elternhaus zu verlassen. Irgendwie, und vielleicht dann gleich so weit wie möglich.

*

[E 1] = Diese baulich höchst interessante, inzwischen längst historische Bundesbahn-Nebenstrecke wurde nur wenige Jahre danach in den siebziger Jahren bereits vollständig stillgelegt. Sie führte über den Doppelkamm des Taunusgebirges mit seinen zwei quarzitenen Rücken hinweg und reichte von Limburg an der Lahn bis Wiesbaden am Rhein. Zum Bau der Bahnstrecke mit ihren starken Steigungen und Tunnels holte man sich gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, in einer Hochphase der Industrialisierung, die man auch Gründerzeit nennt, bereits erste italienische Gastarbeiter nach Preußen. Darunter waren natürlich auch Bauingenieure, die sich mit derartigen Gebirgsstrecken hervorragend auskannten.

Vom Aar-Kall, über den Jugendstil zu Tutanchamun. – Allein durch diesen Bahnanschluss wurde der kleine, aber dennoch berühmte Kur- und Badeort Bad Betteldorf mit der weiten Welt verbunden. Es sollte einmal die steilste Bahnstrecke Deutschlands werden. Da gab es aber noch die ‚Bäderstraße‘ quer durch den westlichen Hintertaunus, die von Bad Ems an der Lahn kommend, die kleineren Badeorte Betteldorf und letztlich auch Schlangenbad mit dem bereits früh eher feudal entwickelten Wiesbaden am Rhein mit dem damals noch üblichen Kutschendienst und den immer zahlreicher aufkommenden Verkehr durch Automobilisten, auch für die damals noch sehr willkommenen Kurgäste verband.

Jedes Jahr kam die reiche Buschfamilie mit ihrer ganzen Corona von Privatbediensteten, als Dollarmillionen schwere Bierbrauer von St. Louis in Amerika herüber, erst über die neu erbaute Bremerhavener Columbuskaje angelandet, dann per Bahn sogar mit ihrem eigenen luxuriösen Pullman-Salonwagen, der im Schiff verladen war, in die Sommerfrische zu ihrer „Villa Lilly“. Das ging viele Jahre bis zum Ersten Weltkriegs so. Danach blieben natürlich auch die meisten der reichen englischen und die oft noch nicht einmal geldadeligen russischen Kurgäste weg, und diese kamen später nie mehr wieder zurück. Bad Betteldorf mit seinem Moor, mit seinen zahlreichen Quellen von Kohlensäuerlingen, degenerierte über die letzte Nachkriegszeit mit ihrem ‚Wirtschaftswunder‘ hinweg immer mehr zu einem rein medizinischen Sozialbad einiger deutscher Landesversicherungsanstalten, beispielsweise der LVA-Oldenburg. Aber von einem solchen modernen Kurbetrieb profitieren erst einmal nur die fremden Investoren, oft sind es dann regelrechte Klinik-Syndikate, aber kaum wie dereinst die vielen einheimischen privaten Gästezimmervermieter, die traditionellen Badebetriebe, einige Hotels, Restaurants und manch andere kleine Geschäftsleute der Stadt. Das hessische Staatsbad opferte seine einzigartigen Traditionen an den anonymen Massenbetrieb großer Kliniken und zugleich der zunehmenden Mobilität der arbeitenden Bevölkerung, denn das nahe Rhein-Main-Gebiet bot zahlreiche Arbeitsplätze. Bad Betteldorf wurde in der Tat von einem ehemals etwas verschlafenen aber heimeligen Kurort zu einer wirklichen ‚Schlafstadt‘. Sogar die Moorpackungen wurden später zunehmend von außerhalb bezogen, verpackte Industrieprodukte also, welche die originellen örtlichen Moorgruben nahezu überflüssig machten. Aber die schmalspurige „Museums-Moorbahn“ wurde als einzige touristische „Tradition“ diesbezüglich erneuert und wird deshalb seit Jahren fast täglich und das oft mehrmals in der Regionalpresse erwähnt. Nur ausgerechnet an einem hessischen „Tag des Denkmals“ hatte sie keinen Fahrbetrieb für Besucher anzubieten. Der war aber in den Ankündigungen einzigst offeriert worden.

Direkt und indirekt historisch verbunden mit Bad Betteldorf, so nennst du deinen Heimatort seit vielen Jahrzehnten, ist nicht nur der häufige Aufenthalt von Prinzessin „Sissi“ aus dem österreichischen Kaiserhaus. Man hat ihr zu Ehren später den hölzernen „Elisabethen-Tempel“ mit seinen vier dorischen Säulen errichtet. Der ist jetzt wegen zeitgemäßer, äußerst nachlässiger, aber wenigstens kostensparender Landschaftspflege vollkommen zugewuchert. Der einst herrliche weite Blick auf die Oberstadt ist mit wild ausgesamten Fichten und dichten Weißdornhecken hoch eingewachsen. Zumindest manche Vogelarten freuen sich darüber. Einst aber hatte man von dort wirklich einen schönen Blick auf das sich im engen Tal erstreckende Städtchen.

Auch der berühmte Fjodor Dostowjeski, der seiner krankhaften Spielsucht verfallen war, kam gelegentlich über die Höhe, wie man den Taunuskamm zu seiner Zeit nannte, von Wiesbaden herüber, um trügerisches Spielerglück und manches andere in den Langenschwalbacher Casinos zu suchen.

Dann, es geschah genau im Jahr 1922, die sensationelle archäologische Entdeckung des glücklicherweise nahezu unversehrten Pharaonengrabes von Tutanchamun im Tal der Könige des altägyptischen Theben durch den Engländer Howard Carter*). Vom damals bereits etwas angesagteren Badeort Bad Ems an der Lahn her kommend, hatte der bildungshungrige Tourist Carter auf der Bäderstraße einen Automobilunfall. Angeblich riet ihm ein ansässiger Arzt in Langenschwalbach wegen der dabei erlittenen pneumatischen Verletzungen zu einem längeren Aufenthalt in einem heißen aber trockenen Klima. Carter, den es ursprünglich vermutlich ins Welsche, für Archäologen immerhin noch lohnende Italien gezogen hatte, reiste später tatsächlich weiter nach Ägypten. Das war für damalige Engländer sogar noch ein Teil ihres kolonialen Machtgebietes und versprach mit seinem ariden Klima eine gute Rekonvaleszenz für seine Lungen. Ägypten hatte darüber hinaus auch unendlich viele altertümliche Kunstschätze zu bieten. Carter ging, kaum am Nil angekommen, natürlich seinem Forscher- und Entdeckerdrang nach. Die wilde Schatzgräberei war zu jener Zeit immer noch sehr in Mode. Dabei entdeckte der britische „Hobbyarchäologe“ bei einer seiner ersten, organisierten Raubgrabungen an einer bislang vollkommen unbeachteten Stelle im Tal das wie gesagt fast unbeschädigte Pharaonengrab und wurde danach als „Ägyptologe“ sofort international berühmt. Sein Buch „Götter, Gräber und Gelehrte“ und der dazu gehörende Bildband wurden in der Tat ein Weltbestseller. So etwas wie raffgierige Schatzgräber waren jene Männer der ersten Stunde fast alle! Ganz wie vorher ein Heinrich Schliemann mit seinen diversen Trojas in der westlichen Türkei. Schätze, kostbarer Edelsteinschmuck, Grabbeigaben und natürlich Gold, diese Magie begleitet die Archäologie unterschwellig bis heute, will man denn einmal herausfinden, weshalb jemand meist früh in seiner Jugend von diesem aufregenden Berufswunsch beseelt wird. Felix macht dabei beizeiten absolut keinerlei Ausnahme.

Entdecker und Forscher mag mancher Junge einst werden, oder wenigstens ein guter Lokomotivführer, dann aber so einer, der seinen Personenzug unter Dampf auch über die steile Gebirgsstrecke der Eisernen Hand im Taunus führen kann. Die Franzosen und die Engländer der Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten fast alle deutschen Politiker, Polizisten, Verwaltungsbeamte und allerlei Reichsbedienstete nach Hause geschickt oder ausgewiesen. Auch Eisenbahner mitsamt der Lokführer wurden unter diesem Rubrum rigoros zwangsversetzt. Man holte letztere aber sehr bald, wenn auch aus rein technischen Gründen zurück, denn nur sie verstanden es, einen Dampfzug über die enorm steile Bahnstrecke des Taunuskamms zu führen.

Die Villa Lilly. – Die Welt des zunehmenden, spätneuzeitlichen Feudalismus und die preußisch-wilhelmische Industrialisierung brachte in Architektur und anderen Kunstarten nicht nur den Klassizismus, den Historismus dann aber auch den verbreiteten ‚Jugendstil‘ hervor. Oben auf der Höhe über Bad Betteldorf besaßen die reichen Buschs in der Vorkriegszeit ein riesiges, bald vollständig umzäuntes Waldgebiet, in dem sich Schwarzwild herum trieb, und sogar Rotwild stand. Sie hatten dazu einen weitläufigen Park um die neu erbauten, wunderschönen Jugendstilvillen anlegen lassen, zugleich zum Ensemble passend, dazu einige durchaus dekorative Wirtschaftsgebäude errichtet. Bis heute bildet die lange Kastanienallee entlang der gesamten Vorderfront einen eindrucksvollen und landschaftsprägenden Bestandteil, welcher die ebenfalls teilweise noch gut erhaltenen, nostalgischen, gusseisernen Einfriedungen überragt. Noch heute steht etwas oberhalb ein einzigartiger Kastanienwald in Reih und Glied, in dem die Kinder des Dorfes Lindschied namens des Busch-Försters für das Wildfutter des kommenden Winters die braunen, fettglänzenden Früchte sammeln durften.

Das alles war einst die Villa Lilly.

Heute ist das große Anwesen ein über Jahrzehnte etabliertes Therapiedorf für schwerst drogenabhängige Jugendliche, und auch junge drogenkranke Mütter mit ihren kleinen Kindern sind dort untergebracht. Finanzieller Träger dieser sozialen Einrichtung ist das seit Jahren immer wieder von Skandalen umwitterte Bistum Limburg. Wenn das die protestantischen Buschs damals schon geahnt hätten. Adolphus Busch starb bereits 1913 auf der Villa. Aber über den Krieg hinweg und in der ihm folgenden Weimarer Zeit war das Engagement der Familie Busch auf der Villa bereits beendet.

Zu unruhig und unsicher erschienen ihnen diese sich politisch stark polarisierenden Zeiten besonders in Deutschland Dann kam die große Depression, die weltweite jahrelang anhaltende Wirtschaftskrise. Aus der ging natürlich kein Sieg der Arbeiterklasse, aber der des Totalitarismus, dem des italienischen Faschismus, des spanischen, dem des Nationalsozialismus antisowjetischen, rassistischen und faschistischen Charakters hervor. Mörderbanden herrschten allerorten. Die inzwischen bereits erwachsene Sozialdemokratie und die starken deutschen Kommunisten versagten gleichermaßen. Jeder auf seine unentschuldbare Weise. Zu einer gemeinsamen, zumindest doch parlamentarischen Volksfront gegen die Nazis, die in der letzten „freien“ Reichstagswahl leicht zu machen gewesen wäre, ist es natürlich leider nie gekommen. In der Nachkriegszeit saßen dann zunächst amerikanische Offiziere auf der Villa, die danach fast zu verfallen drohte.

*

Vom profanen Profit. – Die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau unterhält Einrichtungen wie „Behindertenwerkstätten“ beispielsweise in Wiesbaden, in denen mit Verlaub nicht zuletzt in zeitlich andauernder Therapie manche geistig durchaus gesunden Taschengeldmenschen durch jahrelanges routiniertes Tütenkleben und einfache Metallbearbeitungen auf fragwürdige Art weiterhin in Abhängigkeit gehalten werden, dabei dauerhaft manufakturmäßig, letztlich kapitalistisch ausgebeutet werden. Arbeit macht bekanntlich in Deutschland nicht nur frei, sie macht offenbar manch einen auch gesund, wenn auch nur mit Tütenkleben, nicht allein für die örtliche Zement- und Chemiefirma Dyckerhoff eine traditionell günstige Bezugsquelle. Hatte die deutsche Industrie nicht schon längst gute Erfahrungen mit Zwangsarbeitern oder ähnlichen, mutwillig in sklavenähnliche Abhängigkeiten gebrachten Menschen gemacht?

Unweit des stark katholischen Limburg liegt das berüchtigte Hadamar. In der dortigen psychiatrischen Klinik wurden während der Nazizeit über viele Jahre hinweg Tausende angeblich erbkranker und geistig behinderte Menschen mit „Euthanasie-Spritzen“ und in anderer heimtückischster Weise, so auch in geschlossenen, dann mit Zyklon-B begasten Lastkraftwagen, von „Ärzten“ ermordet, von Naziärzten wohlgemerkt und ihren Handlangern, die später in der Adenauer-Bundesrepublik regelhaft ihren eigentlichen Beruf weiter ausüben konnten, manche von ihnen sogar weiterhin eine der üblichen deutschen Adenauer-Altnazi-Karrieren machten. Wenn das besagte erzkatholische Bistum Limburg heute beispielsweise das Drogentherapiedorf Villa Lilly bei Bad Betteldorf unterhält, so ist das Ensemble zumindest von außen schön anzuschauen, mit seinen schmucken Jugendstilbauten, und dann liegt es so wunderschön auf einer der bewaldeten Taunushöhen, jetzt leider unter einigen enorm hohen, längst abgeschrieben, aber nur manchmal träge rauschenden Windrädern.

Alles an solchen sozialen Einrichtungen ist historisch gewachsen. Aber sie sind durchsichtige Stückchen des weltlichen, kristlichen Feigenblatts, mit dem die heuchlerischen, stets schon skandalumwitterten Kirchen ihre moralisch gebotene Scham bedecken. Das dabei sehr berüchtigte Bistum Limburg hatte indes auch einen Bischof Tebartz-van Elst zu bieten, der mit der Sucht nach weltlichem Hyperluxus seinen bis heute immerhin unerreichten Vorbildern, den Renaissance-Päpsten nämlich, nachzueifern trachtete. Seine prunkvolle neu errichtete Residenz am romanischen Dom von Limburg, ist heute bereits ein Museum mit einer den Besuchern leider versteckt bleibenden Badewanne. Dieser Bau hatte nicht zuletzt alle deutschen Steuerzahler bereits allein 30 Millionen Euro gekostet, denn die Kurie wird nach der Aufhebung der napoleonischen Säkularisierung in Deutschland weiterhin nicht aus der gesonderten Kirchensteuer von dazu veranlagten Kristen, aber aus den allgemeinen Steuereinnahmen des Fiskus bezahlt. Jeder zahlt somit für diese beiden Staatskirchen, ob er das nun will oder nicht. Jeder! Sexuelle Missbrauchsskandale, Kinderpornos auf bistumsinternen Computern, ein musealer Luxus-Bischofssitz: Limburg ist dazu mit seiner sehr schön restaurierten Fachwerkaltstadt, die noch aus der jüngsten Zeit der frühen katholischen, dann besonders der spätneuzeitlichen protestantischen Hexenverbrennungen stammt, eine sehr sehenswerte hessische Kreisstadt an der Lahn. Unweit von Limburg, in Idstein (ebenfalls mit einer schönen Altstadt), wurden noch zur Lebenszeit Goethes die allerletzten Hexen und Hexer verbrannt.

In Limburg, wo sonst, flog zuletzt im Jahr 2018 ein Diakon auf, der größere Mengen an Kinderpornografie auf seinem Dienstcomputer gespeichert hatte. Dieser Mann war intimer persönlicher Referent und der Büroleiter des neuen Bischofs von Limburg, der aber seine eigene Residenz hat und nicht zur reuigen Busse im hochfrequentierten Tebartz-van-Elst-Museum wohnen muss. Bereits im Februar 2010 hatte sich die katholische Kirche in Deutschland vorsorglich einen Missbrauchsbeauftragten bestellt. Der hatte sich aber offenbar noch nicht so richtig eingearbeitet weil seitdem immer mehr Fälle bekannt wurden und weiterhin vertuscht werden mussten! Endlich wird am 10. März 2010 die erste CD über Missbrauchstäter allein in der Katholischen Kirche veröffentlicht. Der Papstbruder dazu: „Wir bedauern!“

Dieses Land betreut schon immer seine Soldaten mit Militärgeistlichen der beiden kristlichen Kirchen. Diese Priester und Pfarrer haben in der Militärhierarchie und bei der Truppe, so etwas wie die Sonderstellung eines Stabsoffiziers. Sie tragen in Wort und Tat dazu bei, dass der jeweilige Hauptauftrag der Armee in die richtige, Gott gefällige Richtung weist. Meist wies er von Deutschland aus nach Osten, wo es gute schwarze Ackererde, Erdöl, und viel manuell auszumerzende jüdische, dann ausschließlich nur noch kommunistische Insekten in blitzartigen atomaren Angriffskriegen zu vernichten gilt. Wenn sich heute auch die Regionen, die es zu besetzen und zu missionieren gilt, etwas in den Orient verschoben haben, so bleibt eines seit der Zeit der Heiden schlachtenden Karolinger absolut gewiss:

Die Mordwaffen werden weiterhin von kristlichen Priestern gesegnet.*)

*

Der Zug wird pünktlich von Limburg herauf kommen, und Felix wird heute vermutlich zum letzten Mal in seinem Leben mit diesem weinroten Triebwagen fahren, den die Menschen hier liebevoll ihren „Aar-Kall“ nennen.

Zusammen mit den Eltern steht Felix auf dem ansonsten menschenleeren Perron vor dem spitzgiebeligen, historistisch-wilhelminischen Bahnhofsgebäude der Kreisstadt. Gegenüber des Fahrkartenschalters, mit Blick auf die Signal- und Weichenstellungen, ist gleich der Eingang zum Bahnhofslokal. Dort wird der Vater während der Marinezeit seines Sohnes, meist am Freitag nach Feierabend sitzen, und seinen Freund Holger zu Binding-Pilsner und Asbach-Uralt einladen. Dann wird er dem jungen Mann eine lange Weile vom Krieg erzählen, so wie er das vorher bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch mit Felix gemacht hat. Sein Freund Holger ist zu dieser Zeit ebenfalls wehrpflichtig, inzwischen aber auf dem unweiten Westerwald in Westerburg stationiert. Holger kommt deshalb fast jedes Wochenende nach Hause. Etwas anders würde das nun bei Felix werden. Es ist vermutlich ein Abschied für eine längere Zeit. Die Mutter macht den Anfang. Sie umarmt und drückt ihn fest und zärtlich an sich.

„Pass‘ gut auf dich auf! Und denk‘ an deine Brote und all das andere, was ich dir eingepackt habe. Dass du mir das bloß nicht vergisst.“

„Er wird schon bald Hunger kriegen“, sagt der Vater, drückt ihn ebenfalls kurz und klopft ihm dabei auf die Schulter. „Halte bloß deine Ohren steif“, sagt er ihm zum Abschied, sonst sagt er nichts, und Felix weiß, dass das immer noch der knappe alte Landser-Jargon ist. Bald wird er einen weiteren beherrschen, den sehr speziellen Marinejargon, und so war es dann tatsächlich.

Der frisch zum Militär einberufene Felix marschiert inzwischen zum Sammelplatz der Rekruten, zu einem D-Zug, der auf dem Hauptbahnhof in Wiesbaden bereit steht. Der Zug wird mit vielen dieser jungen Männer in den Abteilen über Frankfurt am Main bis hinauf nach dem fernen Hamburg fahren. Endlich also der vorläufige Abschied eines jungen Mannes vom Elternhaus und der Familie.

Sofort erste sehr markante Eindrücke vom Barras; die noch gemütliche Zug-Episode steigert bloß die Spannung; Fahrt nach Glückstadt/Elbe; die Marinekaserne hat ihre Tore für die frischen Rekruten weit geöffnet, für den Nachschub an Soldaten-Lehrlingen, die hier Matrosen genannt werden.

Wann werden diese sich ablösenden Lehrzeiten für ihn einmal enden? Vielleicht droht sogar wieder eine Art Schulzeit? Mit viel sportlichen Einlagen und einer bewährten Pädagogik. Die Armee als Schule der Nation – für Bürger in Uniform? Eine Art Volksgrundschule? Aber er wird neben Befehl und Gehorsam in dieser Grundausbildung auch schießen lernen. Möchte er das wirklich, oder war das nur eines seiner konstruktiven Argumente gegenüber einigen seiner so pazifistisch daherkommenden Freunde?

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[E 1] = Große und kleine Fluchten. – Im April 1968 gelingt es dir aus dem Elternhaus zu flüchten. Es sieht dabei aber kaum einer Flucht ähnlich. Wenn erste Jugendphantasien und andere spätere Pläne meist scheitern, der schon lange bewährte Staatsmilitarismus gibt jungen Männern ein Chance ihrem zivilen Leben für eine Weile zu entrinnen. Monatlich erhaltet ihr jungen kriegsdienstpflichtigen Rekruten 90 DM Wehrsold. Immerhin weniger oder fast genauso viel, wie ein kaufmännischer Lehrling im ersten Lehrjahr, denn das organisierte praktische Ermorden von Menschen mit der Waffe in der Hand oder mittels speziellen, etwas komplizierteren Techniken ist teuer, und ihr solltet das erst einmal richtig erlernen.

Am 11. April wird der West-Berliner Studentenführer Rudi Dutschke*) durch einen nachweislich von der Springer-Presse aufgehetzten jungen Mann, den Hilfsarbeiter Josef Bachmann, durch Kopfschüsse auf offener Straße lebensgefährlich verletzt. Bachmann wird zu sieben Jahren Haft verurteilt, Rudi Dutschke stirbt 1979 an den Spätfolgen des rechtspolitischen Attentats. Dieses Ereignis ist der weitere traurige Auftakt einer recht neuen Qualität gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen, die eine Generation antreibt, welche man später „die 68-er“ bezeichnen wird.

Im riesigen Audimax der TU hängen sogar noch 1973 wegen der ständigen revolutionären studentischen Veranstaltungen nach wie vor die langen roten Stoff-Transparente; mit gelber Schrift.

Sieg im Volkskrieg – Kambodscha, Laos, Vietnam!“

Nieder mit dem US-Imperialismus – der Hauptfeind der Menschheit!“

Der Daniel Cohn-Bendit lehnt nach dem Pinkeln grinsend an der Doppeltür oben zum Foyer, dann nimmt er seinen Platz auf dem Podium wieder ein. Ihr KSV-Genossen von der FHW hattet noch einige Sitzplätze oben in der hintersten Reihe des riesigen Auditoriums ergattert. Rudi Dutschke beginnt vor den über 3.000 Menschen zunächst sehr leise zu sprechen.

„Genossinnen und Genossen, als ich heute im Interzonenzug von Braunschweig nach Berlin fuhr, saß mir ein bereits recht alter Mann gegenüber . . .“

Erst ein paar schräge Pfiffe, aber dann wird es plötzlich sehr still im großen Saal.

Mit zwei Brandanschlägen in Frankfurter Kaufhäusern protestiert im April 1968 die Gruppe der späteren RAF-Begründer Gudrun Ensslin und Andreas Baader gegen den im Kapitalismus herrschenden Konsumterror. Dabei wird niemand verletzt, aber solche und ähnliche Anschläge reihen sich künftig in eine Kette zunehmend gewalttätiger „revolutionärerer“ Proteste gegen die konservativen Regierung der weiterhin aktiven Naziväter. Die wieder einmal konservativ erstarrte Hochschulpolitik der akademischen Elite, der Krieg der Amerikaner in Vietnam, die BILD-Zeitung sowie das ganz besondere durch die gesamte ultrakonservative Springer-Presse bewusst hetzerische, brisant aufgeheizte politische Klima im Westen Deutschlands stehen in dieser Zeit als zentrale Themen auf der Tagesordnung.

Dann kommt es fast zwangsläufig zu einem Mordversuch an Rudi Dutschke. Josef Bachmann, ein junger, von der monoton hetzerischen Berichterstattung der BILD-Zeitung bereits eingepeitschter Neonazi und Hilfsarbeiter, fügt an diesem Gründonnerstag 1968 bei einer Kundgebung auf dem Ku‘damm, dem Studentenführer Rudi Dutschke lebensgefährliche Schussverletzungen mit einem Revolver zu. Drei dieser Schüsse wurden durch den nachweislich rechtsextremen Bachmann, auch in den Kopf seines Opfers abgegeben. Ein Vorstandsmitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ist somit haargenau im vorgegebenen Sinne schon allein der BILD-Zeitung als „Rädelsführer“ fast liquidiert worden. Kurz nach der Tat wurde der Attentäter dennoch von der Polizei gefasst. Wenige Jahre später wird Rudi Dutschke an den Folgen der ihm zugefügten Verletzungen vorzeitig sterben.

Natürlich machen viele der studentischen „Revoluzzer“ jetzt vor allem die Springerpresse für dieses Attentat mitverantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die Demonstranten in übelster Weise nicht nur polemisiert, sogar bis zu unverhohlenen Mord aufrufen und gehetzt hatte.

Die BILD-Zeitung hatte Dutschke seit Dezember 1966 in der Tat immer wieder mit Steckbrief ähnlichen Fotos systematisch als den radikalsten „Rädelsführer“ dargestellt und am 7. Februar 1968 neben einem solchen Foto unter dem Titel „Stoppt den Terror der Jungroten jetzt“ verlangt, man dürfe gerade jetzt nicht „die ganze Drecksarbeit nur der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen“.

Diese öffentliche Art der Hetzpropaganda durch die Medien war seit den Tagen des staatlichen SPD-Terrors in der deutschen Novemberrevolution 1918, auch zum Berliner Blutmai 1929, dann während der schrecklichen zwölf Jahre der Naziherrschaft seitens der reaktionären Boulevardpresse bereits gut eingeübt. Nichts anderes machte man schließlich im Winter 1919 mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seitens der anti-kommunistischen SPD-Politik unter einer korrumpierenden Zuhilfenahme der bereitwilligen nationalistischen bürgerlichen Einheitspresse, die es immer schon gibt seit es eben solche Zeitungen gibt.

Den neu entstandenen Spartakusbund leitete Rosa Luxemburg zusammen mit dem Rechtsanwalt und früheren linksrevolutionären SPD-Reichstagsabgeordneten Karl Liebknecht mit Hilfe politischer Schriften und Versammlungen, in denen sie die Burgfriedenspolitik der SPD analysierte und verurteilte. In ihren letzten Lebenstagen ging es Rosa Luxemburg gesundheitlich sehr schlecht, trotzdem verfolgte sie noch aktiv das revolutionäre Geschehen.“ (vgl. Koenig 2020)*)

Die Antibolschewistische Liga*) wurde im Dezember 1918 von Eduard Stadtler als eine rechtsradikale, nationalistische Organisation gegründet, dann gleich und sofort von namhaften deutschen Großindustriellen finanziert, um anfänglich gegen die Novemberrevolution der Arbeiterräte und vor allem gegen die sich von der SPD abgespaltene USPD, dann den kommunistischen Spartakusbund militärisch einzuschreiten. So organisierten und bezahlten deutsche Großunternehmer aus einem Fonds die Militäreinsätze der nationalistischen, SPD-nahen Freikorps gegen Arbeiterrebellion und den Berliner Spartakusaufstand im Januar 1919 sowie die Auftragsmorde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919.*) Bereits seit Dezember wurden von der »Antibolschewistischen Liga« Flugblätter und Plakate veröffentlicht, in denen zur Ergreifung der Anführer des revolutionären Aufstandes aufgerufen wurde. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden dabei als Verantwortliche ausdrücklich benannt. In all diesen Medien wurde explizit zum Meuchelmord an den Führern des Spartakusbundes aufgerufen.“ (Koenig 2020)

Man machte als militante Gegner der Arbeiterbewegung keinen Unterschied zwischen der Sozialdemokratie und dem Kommunismus, die man beide als Angriff auf die Kultur der deutschen Nation auffasste. Gleich gewann man Führungspersonen der deutschen Industrie sowie rechtsgerichtete Parteien- und Medienvertreter zur gemeinsamen Bekämpfung von Systemgegnern. Es galt das fragwürdige Privateigentum an Produktionsmitteln vor Enteignungen zu schützen, wie sie die Rätebewegung seit der Novemberrevolution forderte, zum anderen die kommende parlamentarische Demokratie zugunsten einer „diktatorischen nationalsozialistischen Regierung“ abzuschaffen, um so die totalitäre Macht zu erlangen. Das wurde sogar auch vom Industriellen Hugo Stinnes gebilligt. So kam es bereits Anfang Dezember dazu, dass diese Liga in Berlin massenhaft Flugblätter und Plakate verteilte, die allesamt offen zur Ermordung führender Köpfe des Spartakusbundes aufriefen. Am 10. Januar 1919 trafen sich etwa 50 Spitzenvertreter der deutschen Großindustrie, des Handels und der Bankenwelt und diese richteten einen Antibolschewistenfonds der deutschen Unternehmerschaft ein. Die Deutsche Bank lud u. a. ein: Industrieverbandschef Hugo Stinnes, Albert Vögler, Carl Friedrich von Siemens, Otto Henrich (Siemens-Schuckert-Werke), Ernst von Borsig, Arthur Salomonsohn, einen jüdischen Bankier von der Diskonto-Gesellschaft und Felix Deutsch von der AEG.

Hugo Stinnes schlug federführend vor, dass die deutsche Wirtschaft 500 Millionen Mark bereitstellt, die dann über die Verbände der Industrie, des Handels und der Banken auf das deutsche Großkapital umgelegt wurden. Die Gelder flossen sehr großzügig an zahlreichen antibolschewistischen Gruppen, aber auch an die bereitstehenden Freikorps, an das Militär und seine Kassen, an konservative Studentenverbindungen – aber natürlich auch an die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, an die SPD(!) als die damals noch herausragende politische Kraft, wenn es zugleich um die Eliminierung, dann also um die physische Liquidierung unliebsamer linker und jetzt sogar kommunistischer Kräfte aus ihren abtrünnigen eigenen Reihen geht. Wer vor solcher Mordbrennerei einhergeht, der wird irgendwann in der Geschichte die „parlamentarische“ Rechnung dafür bekommen. Das Volk wird sie nicht mehr wählen, lieber Schwarzen und den Neofaschisten dienen, denn da weiß man doch gleich, woran man ist! Auch eine andere Vereinigung zur Bekämpfung des Bolschewismus verteilte im Vorfeld der organisierten Morde ebenfalls Hetzplakate mit Kopfprämien für Karl Radek und andere führende Mitglieder des Spartakusbundes. Die blutige Jagd war eröffnet.

Durch einen bezahlten Spitzel wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am Abend des 15. Januar verhaftet. Ein „Helfersdienst der SPD“ hatte zusätzlich eine Kopfprämie von 100.000 Mark für die Ergreifung der benannten Spartakusführer ausgesetzt. Die Mitglieder der Truppe und der Bürgerwehr erhielten pro Person eine hohe Belohnung, die ebenfalls aus dem Antibolschewisten-Fonds der deutschen Industrie stammte.

Am 15. Januar 1919 nahm eine »Wilmersdorfer Bürgerwehr«, die über exakte Steckbriefe verfügte, sie und Karl Liebknecht in einer Wohnung der Mannheimer Straße 27 in Berlin-Wilmersdorf fest und brachte sie in das Eden-Hotel. Dort residierte der Stab der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Ersten Generalstabsoffizier Hauptmann Waldemar Pabst, der die mörderische Verfolgung von Spartakisten in Berlin organisierte. Die Gefangenen wurden nacheinander über mehrere Stunden verhört und dabeigefoltert und schwer verletzt.“ (vgl. Koenig 2020)

In seinen Erinnerungen berichtet Eduard Stadtler, wie er nach dem Ende der Januarkämpfe am 12. Januar 1919 Waldemar Papst besucht habe, den Kommandeur der Gardekavallerie-Schützen-Division, die Aufstände gegen die provisorische Reichsregierung im Auftrag der SPD niederzuschlagen hatte. Er habe ihn von der „Notwendigkeit“ überzeugt, zwingend auch die Spartakusführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sowie Karl Radek – einem im besonderen Auftrag Iljitsch Lenins in Berlin anwesenden Sozialisten – zu ermorden.

„Das Parlament kann uns Frontsoldaten gestohlen bleiben, auf Männer und Taten kommt es an; wenn auf unserer Seite vorerst keine Führer zu sehen sind, dann darf wenigstens die Gegenseite ebenfalls keine haben.‘

Hauptmann Pabst beschloss mit seinen Offizieren, die Gefangenen zu ermorden. Der Mord sollte nach einer spontanen Tat Unbekannter aussehen. Er [Papst] begriff dies bis zu seinem Lebensende nicht als Mord – der es ganz unzweifelhaft war – sondern als eine Hinrichtung im „nationalen Interesse“. (Koenig 2020)

Nach dem Ende der unmittelbaren Revolutionskrise hoffte eine Mehrheit der ursprünglichen Finanziers kurz- und mittelfristig auf eine Stabilisierung des kapitalistischen Systems mit Hilfe der Weimarer Koalition. Als mit der Weimarer Nationalversammlung am 6. Februar 1919 klar war, dass Deutschland durch die Dominanz der SPD kein Rätesystem bekommen würde, wie die Industriellen befürchtet hatten, zogen sie sich als die Hauptfinanzierer der Konterrevolution zurück. Bald würde es sich lohnen gerade mitten in der Weltwirtschaftskrise einen Adolf Hitler mit seinen SA-Mörderbanden und eine fette deutsche Rüstungswirtschaft zu unterstützen. Aber Großindustrie und Banken bleiben zunächst weiterhin einflussreich. Broschüren der Liga trugen Titel wie Im bolschewistischen Tollhaus, Der Imperialismus der Bolschewiki, Die Despoten der Sowjetrepublik und Der asiatische Bolschewismus – das Ende Deutschlands und Europas?

Der Nationalheld und Mörder Waldemar Papst. – Der lebte, wie viele andere solcher politischen Henkersknechte vor und nach ihm, bis zum Schluss persönlich stolz auf seine zahlreichen Verbrechen tatsächlich unbescholten und wohl protegiert in der Adenauer-Republik der ultrarechten CDU. Seine Biografie ist, wenn auch sehr ekelhaft, so aber doch beispielhaft für den Zustand einer „Demokratie“ die, wenn sie da nicht auf kapitalistisch nackte, blutige Gewalt, dann dort auf Lügen und ergaunerten Reichtum der „Herren mit der weißen Weste“ aufgebaut ist. Der Berufsoffizier Waldemar Papst, wurde schnell ein politischer Intrigant, Rüstungslobbyist und erfolgreicher Waffenhändler, agierte zeitlebens inmitten der jeweiligen deutschen Armeen, der chauvinistischen, kaiserlichen, der verbrecherischen Naziwehrmacht, der nicht weniger fragwürdig nachfolgenden Bundeswehr. Nach mehr als kriminellen Nachkriegs-Engagements in der Schweiz, dort in Sachen höchst illegaler Waffengeschäfte in Verbindung mit den Rüstungsfirmen Rheinmetall in Düsseldorf und der Schweizer Solothurn kehrte Papst erst 1955 in nach Deutschland zurück, wo er weiterhin seine ziemlich undurchsichtigen Waffengeschäfte und dabei ein Vermögen machte. Er genoss den Schutz des redlichen Bundeswehrobersts Achim Oster, der beim Militärischen Abschirmdienst (später als MAD) hochrangig tätig war. Wenn es juristisch eng wurde, berief man sich gewöhnlich auf Pabsts lobenswerte „Verdienste“ bei der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, um eine weitere Kooperation mit der Bundeswehr zu begründen. Am 8. Februar 1962 wurde im Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung die damals lange vorbereitete heimtückische Ermordung von Liebknecht und Luxemburg als eine „standesrechtliche Erschießung“ bezeichnet. Pabst habe diese nur befohlen, um „den Bürgerkrieg zu beenden und Deutschland vor dem Kommunismus“ zu retten. Eine filmreife deutsche Karriere? Ganz gewiss!

Dafür sollten diese deutschen Idioten Noske und mir auf den Knien danken, uns Denkmäler setzen und nach uns Straßen und Plätze benannt haben! Der Noske war damals vorbildlich…“ – Papst 1969 in einem Brief zum Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Pabst stand später natürlich der neofaschistischen NPD nahe, was gab es ganz rechts sonst? Er starb im Jahr 1970 mit 90 Jahren, sehr wohlhabend und hochgeehrt in seiner Diamantenstadt Düsseldorf. Pissen wir gemeinsam auf sein Grab! Mit einem reinen pazifistischen Gewissen könnte man das wirklich tun.

Nach dem letztlich dennoch tödlichen Attentat auf Rudi kommt es bereits am Karfreitag zunächst in West-Berlin, am nächsten Tag auch in Frankfurt am Main, zu spontanen Protestaktionen gegen das Berliner Verlagshaus des Axel-Springer-Konzerns. Es waren wieder einmal verständliche Reaktionen der oft genug regelrecht eingekesselten Demonstranten auf die staatlich inszenierte, gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Einfach friedlich nach Hause gehen war den protestierenden Menschen dann leider unmöglich.

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[E-2 Margot] = Die Zeit der Papphelme und weißer Tellermützen, wie sie noch bei der Anti-Schah-Demonstration im Jahr zuvor zur Uniform getragen wurden, war definitiv vorbei. Selbst du Felix, trägst gerade einen Stahlhelm, und man sagt euch Kriegsdienstpflichtigen, dass ihr das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes jederzeit tapfer verteidigen müsst. Auch der Staat selbst, seine Polizei und seine Justiz sollten das eigentlich jederzeit tun. Nicht wie Reichskanzler Adolf Hitler mittels eines Ermächtigungsgesetzes, sondern jetzt sogar mit den parlamentarisch frisch gebügelten, etwas moderner formulierten und gar erweiterten Notstandsgesetzen im Rücken.

Der bürgerliche Staat hatte sich in undemokratischster Weise gegen alle aufgeklärten Freunde des Grundgesetzes, gegen die eigene Verfassung, dann gegen jedweden demokratischen Protest des Volkes gerüstet. Künftig fühlte sich der kapitalistische Staat hinreichend legitimiert mit allen Mitteln, auch gewalttätig polizeilich oder sogar militärisch gegen einen direkten gewerkschaftlichen, gegen den demokratisch aufkeimenden, dabei lediglich harmlos reformsüchtig entwickelten Widerstand in der Bevölkerung gewappnet.

Bei den dem Mordanschlag folgenden „Osterunruhen“ bewarfen einige der Protestierenden das Berliner Springer-Verlagsgebäude, mit Steinen und zündeten schließlich Brandsätze. Das Verlagshochhaus ist am U-Bahnhof Kochstraße gelegen, steht sehr nahe dem berühmten amerikanischen „Check-Point-Charly“, einem der alliiert kontrollierten Übergänge in den Ostsektor der längst vollkommen geteilten Mauerstadt.

Diese bereits mitgebrachten Brandbomben hatte sinnigerweise der Spitzel des Westberliner Verfassungsschutzes, Peter Urbach, an die schließlich doch zur Gewalt bereiten Demonstranten, die vorher von der Polizei massiv provozierten Straßenkämpfer verteilt. Das war mehr als ein bloßes Versehen, es war bereits ein staatlich organisierter Terror, eine Aktion der bewussten Eskalationen. die man gleich zu allen Anfängen dringend brauchte, um die Innere Sicherheit, optisch grün kostümiert auf den Straßen erkennbar, zugleich geheimdienstlich bundesweit aufrüsten zu können.

Auslieferungsfahrzeuge der BILD-Zeitung wurden zwar beschädigt, deren Verteilung an ihre aufgehetzten Leser verhinderten die Demonstranten jedoch nicht lange. Die erste Saat der Gewalt war, wie bei all den Demonstrationen zuvor, so am Mord an Benno Ohnesorg beim Schah-Besuch der Deutschen Oper, faktisch allein von staatlicher Seite gelegt worden, nun konnte die Polizei paramilitärisch und martialisch aufgerüstet werden.

Am Ostersamstag, dem 13. April 1968, blockierten Demonstranten in einer vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) unterstützten Aktion die Societäts-Druckerei in Frankfurt am Main (Hessen), um dort symbolisch die Auslieferung der vom Axel-Springer-Verlag gedruckten BILD-Zeitung zu verhindern.*) Spätestens am Ostermontag wird es deutlich: Allein in der Bundesrepublik haben sich – eher untertriebenen Angaben der „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ zufolge – an diesen Ostertagen rund 300.000 Menschen verschiedenster gesellschaftlicher Gruppierungen an den Ostermärschen beteiligt. Das wurde für die Bürger im Land, die nicht mit demonstriert haben, in den Medien zur „kleinen radikalen Minderheit, meist jugendlicher Demonstranten“ gemacht. Die Springer-Presse verfällt dabei in den üblichen Jargon der Polizeiberichte. Oder ist es sogar längst wieder umgekehrt geworden? Diese Medien sehen sogar auch in diversen gewerkschaftlichen Gruppen, in nur etwas linken SPD-Mitgliedern, in unbescholtenen, friedliebenden Bürgern und nicht zuletzt in den häufigen, wohl organisierten Aktionen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) zwar die angeblich herrschende kapitalistische Freiheit von Recht und Demokratie, nicht aber die grundgesetzlich verbürgte Demokratie, die Freiheiten großer Mehrheiten mitsamt dem atomar äußerst labil erscheinenden Weltfrieden bedroht.

Bei diesen Ostermärschen ging es schon allein wegen der polizeilicher Provokationen leider oft nicht friedlich zu. So war der 32-jährige Journalist und Pressefotograf Klaus Frings in München an den Folgen einer schweren Kopfverletzung gestorben, die er zwei Tage zuvor, am 15. April im Rahmen der Demonstrationen am Ostermontag erlitten hatte. Trauer und Erschütterung sowie emotionale Anteilnahme gab es nur bei sehr wenigen Politikern, war aber in den Reihen der Teilnehmern und vieler solidarische Menschen mit einem aufrechten Gewissen groß. Die zunächst friedlich begonnenen Osterdemonstrationen waren wegen Staatsinteressen zu Oster-Unruhen initiiert worden. Und wer den Stein auf Klaus Frings geworfen hatte, ließ sich angeblich nicht eindeutig nachweisen, denn manche hart angegriffenen und malträtierten Teilnehmer, aber sogar Polizisten (!) hätten Steine geworfen. So konnte niemand dingfest gemacht werden, der juristisch feinjustiert für den Tod des Journalisten verantwortlich gemacht werden konnte. Ein weiteres Todesopfer war der Student Rüdiger Schreck geworden, der einen Tag nach Frings Tod an den Folgen einer Schlagstockverletzung starb. Diese war ihm vermutlich von einem kräftigen Polizisten zugefügt worden, da allein die „Freund-und-Helfer-Polizei“ gewöhnlich mit dazu sehr gut geeigneten harten Knüppeln bewaffnet ist. Ebenfalls am 15. Aprilerklären sich vierzehn Wissenschaftler, allesamt renommierte deutsche Professoren, in einem gemeinsamen Aufruf mit den studentischen Aktionen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke solidarisch. In dem Aufruf ist auch die zunehmende Gefahr einer Polarisierung allein durch mangelnde Diskussionsbereitschaft innerhalb der Gesellschaft sehr deutlich kritisiert worden. Kann sich dabei aber nicht fast jeder der Beteiligten eine narzisstische Prägung an seine Fahnen heften? Die heute durchschaubare, aber von Anfang an hintergründige Bürgerlichkeit all dieser gesellschaftlichen Proteste und ihrer längst erlernten Eskalation durch den Staat wirkt nämlich stets fördernd auf das etablierte, dabei erstarkende Machtsystem.

Ein objektiver Generationskonflikt in fast allen westlichen Ländern, in Deutschland die unbewältigte Nazizeit, die Notstandsgesetzgebung und eben weiterhin überall die alten, unbestraften Nazis in ihren hohen öffentlichen, staatstragenden Ämtern, die einer Elite dienende, anhaltende und sogar zunehmende Entdemokratisierung gerade im Bildungssystem, der kaum zu kontrollierende Kalte Krieg, der realere bestialische Krieg der Amerikaner in Indochina waren die zeitgeistigen Hintergründe einer explosive gewordenen politkritischen Mischung. Zugleich brachten die starke Hippiebewegung, das solidarische Engagement von vielen fortschrittlichen Künstlern und Wissenschaftlern aus allen Bereichen und der heimlich sogar von staatlicher Seite geförderte Drogenkonsum Bewegung in die von Anfang an bis zur Unkenntlichkeit zu zersplitternde Sache. Teile und herrsche!

Schlimm wird es aber erst, wenn zuerst die etablierten ökonomischen, dann ihre ausführenden politischen Strukturen in einem solchen hierarchischen gesellschaftlichen Überbau die Überhand gewinnen. Erich Fromm schreibt in seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“, dass unter politischen Führern ein hochgradiger Narzissmus sehr häufig anzutreffen ist. „Man kann ihn als Berufskrankheit – oder auch als Berufskapital – auffassen, besonders bei denen, die ihre Macht ihrem Einfluss auf ein Massenpublikum verdanken. Wenn der betreffende Führer von seinen außergewöhnlichen Gaben und von seiner Mission überzeugt ist, wird es ihm leicht fallen, das große Publikum zu überzeugen, das sich von Männern angezogen fühlt, die ihrer Sache absolut sicher zu sein scheinen. Aber der narzisstische Führer benutzt sein Charisma nicht nur als Mittel zum politischen Erfolg; er braucht den Erfolg und den Beifall auch zur Aufrechterhaltung seines eigenen inneren Gleichgewichts. Die Idee seiner Größe und Unfehlbarkeit beruht im Wesentlichen auf seinem narzisstischen Größenwahn und nicht auf seinen Leistungen als menschliches Wesen. (…) Wenn (…) das Objekt (…) die Gruppe ist, der es angehört, kann sich der einzelne dieses Narzissmus voll bewusst sein und ihn ohne Hemmungen zum Ausdruck bringen.“*)

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[E 1] = Was bleibt mir nun noch, dich an den politischen April des Jahres 1968 zu erinnern? Viele dieser Ereignisse habt ihr als frische Soldaten in der anstrengenden Grundausbildung kaum wahrnehmen können. Allein der Osterurlaub hatte für einige kurze Tage den Zugang zu einigen Medien, wie das Fernsehen mit seinen beiden Programmen oder zu den bürgerlichen Zeitungen, Magazinen und Illustrierten ermöglicht. Aber was macht ein junger Soldat gewöhnlich auf seinem kurzen Urlaub? Eher doch nicht Lesen und sich um den ihm kürzlich entgangenen Lauf der Weltgeschichte kümmern. Er wird Schlafen, Essen, Erzählen und . . . da war nämlich Heidrun!

Weiterhin stand nach den Studentenunruhen der Vietnamkrieg im Fokus der Meldungen. So wird General Creighton Abrams von US-Präsident Lyndon B. Johnson zum neuen US-Oberkommandierenden in Vietnam ernannt. Der alte Haudegen und Falke General William C. Westmoreland wird nicht ohne Grund gerade jetzt abgelöst. Gleichzeitig waren inzwischen weitere 10.000 amerikanische Reservisten zum jetzt allgemein erzwungenen Kriegsdienst erklärter Maßen allein für den Krieg in Vietnam eingezogen worden.

Krieg dem Kriege. – Anlässlich des „Welttages der Kampagne gegen den Krieg“ war es in Rom, Kopenhagen, New York City, Tokio und in anderen Städten der Welt zu Protestkundgebungen gekommen, die sich gegen den Vietnamkrieg und die Politik der USA richteten. An diesem 27. April 1968 demonstrierten allein in New York mehr als 100.000 Menschen gegen die Vietnampolitik und den Krieg von US-Präsident Lyndon B. Johnson.

Alles in Vietnam deutete beiderseitig eindeutig auf eine weitere militärische Eskalation hin. Aber das waren sicher nur taktische Manöver, um für den zur Zeit noch sehr unwahrscheinlichen Fall eines baldigen Zustandekommens von Friedensverhandlungen zwischen Nordvietnam und den USA jeweils eine bessere Verhandlungsbasis zu erlangen. Währenddessen hatte sich die südvietnamesische MarionettenRegierung unter Thieu mit nichts als mit Amerika konformen Parolen gegen die eventuellen Friedensbemühungen erklärt. Dann, vermutlich auf das heimliche Anraten der Amerikaner hin, die diesen ihren willigen Chef von Mörderbanden einst selber durch die CIA installiert hatten, drohte dieser Thieu, allerdings kaum medienwirksam, kriegslüstern weil westlich erzogen, sogar mit einer Generalmobilmachung der südvietnamesischer Streikräfte im Falle von unerwünschten Friedensverhandlungen der USA mit dem kommunistischen Norden des geteilten Landes.

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In Zentralafrika bahnt sich voraussichtlich eine große, allein von Menschen gemachte Hungerkatastrophe an. Nigeria brach diplomatischen Beziehungen zu Tansania ab. Das ostafrikanische Tansania hatte vorher die abgefallene nigerianische Ostregion Biafra als einen Staat anerkannt. Nigeria befürchtete nun, dass andere afrikanische Staaten dem Beispiel Tansanias folgen würden. Mit Flugzeugen des Internationalen Roten Kreuzes sind 121 vorwiegend belgische Söldner, deren Rebellion im Kongo Ende 1967 fehlgeschlagen war, aus ihrem Internierungslager in Ruanda nach Brüssel geflogen worden.

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Mitte April wurde in Japan erstmals der Dokumentarfilm eines japanischen Arztes über die schrecklichen und nachhaltigen Folgen der beiden Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki im August 1945, unmittelbar vor dem Ende des Pazifik-Krieges, gezeigt. Mehr als 20 Jahre hatten die US-amerikanischen Zensurbehörden diesen Film, nicht ohne sehr naheliegende, nämlich übliche geschichtsklitternde Gründe dafür zu haben, zurückgehalten. Bei der Premiere im Mossowjet-Theater in Moskau war die Dramatisierung des Romans „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll mit sehr großem Erfolg aufgenommen worden. Dieser Roman hat dich einmal ebenfalls stark bewegt, denn der Vater Sohn-Konflikt hat auch für dich viel mit der weiterhin unbewältigten Nazizeit und dem scheinbar gerade erst frisch vergangenen Weltkrieg zu tun.

In Paris hatte der Francois-Truffaut-Film „Die Braut trug schwarz“ seine Premiere-Aufführung. Die Hauptrolle spielte Jeanne Moreau. Die zeitgeistige Frauenemanzipation hatte damit einen spannenden Auftritt.

Freie Fahrt für freie Bürger. – Auf der Hannover-Messe 1968, die bis zum 5. Mai dauerte, waren aus 32 Ländern 5.900 Aussteller gekommen, um ihre Güter zu präsentierten. Die Hannover-Messe war besonders nach der herbeigeredeten Wirtschaftskrise von 1966/67 für die Investitionsgüter-Industrie eines der wichtigen realen Konjunkturbarometer geworden. Drei der acht bundesdeutschen Autohersteller hatten aufgrund der steigenden Nachfrage nach Personenwagen in diesen Tagen wieder Sonderschichten einlegen müssen, um auf die stark gestiegene Anfrage zu regieren.

Die Schlagzeilen, die diese linken Chaoten machen, wie sie Willy Brandt erstmalig genannt hat, polarisieren sich in verschiedenen Ansichten darüber. In der breiten Bevölkerung, den Leuten da draußen im Land, denen besonders von den Springer-Medien Angst vor einer langhaarigen, bolschewistischen Hippie-Gammler-Diktatur gemacht wird, gewinnen die Altnazis wieder an Boden. Fünfzig Jahre später wird es der wissenschaftlich monopolisierte Klimawandel, angeblich verursacht ganz allein durch Kohlendioxid sein, mit dem man den einfachen, gutgläubigen Menschen vor sich selber Angst einträufelt.

Die Neonazis mit ihrer AfD werden die einzigen sein, die verbal ein wenig dagegen halten. Ihre Argumente sind ebenso erlogen, wie die der angeblich 99,9 % Wissenschaftler auf der ganzen Welt, die man politisch erfunden hat.

Rudi Dutschke

Die längst korrumpierten Grünen sorgen im Konsens mit der Reaktion für weiteren Sozialabbau und makabre neuartige Ökosteuern, und sogar die rosafarbenen Linken werden angesichts der medialen Lügenpropaganda versagen und weiterhin ihre total verängstigten letzten proletarischen Wähler ins demokratische, unbedingt antikommunistische Bockshorn jagen.

Erstmal zum Friseur und dann ab nach drüben, wo ihr Pack herkommt.“ Besser noch: „Ebenfalls Vergasen sollte man euch, ihr verfluchten Gammler!“ Das war der herrschende Grundton 1968.

Die tiefbraune NPD hat bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg mit 9,8 Prozent der Stimmen und 12 Mandaten das beste Ergebnis in ihrer Nachkriegs-Partei-Geschichte erzielt. Ein Stuttgarter Schwurgericht hat am 29. April nach 144 Verhandlungstagen im sogenannten Lemberg-Prozess um die Ermordung von Juden in der polnischen Stadt Lemberg (heute Lwiw in der Ukraine) im Zweiten Weltkrieg elf der Angeklagten zu Zuchthausstrafen zwischen zwei und zehn Jahren verurteilt. Vier Angeklagte waren freigesprochen worden. In einer Sondersitzung befasst sich der Deutsche Bundestag in Bonn nicht mit den fortgesetzten Nazikarrieren inmitten der bundesdeutschen Politik aber mit den sogenannten Studentenunruhen der vergangenen Wochen.

Der Leiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), Generalleutnant Reinhard Gehlen, ist nach 13-jähriger Amtszeit in den Ruhestand getreten. Gleich nach 1945 war Gehlen bereits maßgeblich am Aufbau des pro-zionistischen, militaristischen deutschen Geheimdienstes im Sinne aller USA-Dienste beteiligt. Ihm hat diese deutsche Westrepublik und der zionistisch-rassistische Staat Israel viel zu verdanken. Auch vielen alten „Fachleuten“ der mörderischen Nazidiktatur hat er wohlwollend zu ehrenvoller Mitarbeit und somit schließlich zu hohen Staatspensionen verholfen.

Auf Seiten des Staates wird erstaunlich hurtig martialisch und elektronisch aufgerüstet. Hat man nach den in erschreckender Weise undemokratisch durchgesetzten Notstandsgesetzen jetzt nur darauf gewartet? Immer mehr Polizei wird als paramilitärisch ausgebildete und entsprechend bewaffnete „Bereitschaftspolizei“ fernab der Innenstädte, auch im Westberliner Spandau und anderswo kaserniert. Handgranaten aller Art und das an allen Fronten bewährte Maschinengewehr MG-42 gehört zur Bewaffnung der Polizei – für alle bürgerlichen Notstände bereits infanteriemäßig bewaffnet. Allein in Westberlin werden das gegen Ende der siebziger Jahre an die 10.000 meist junge Männer sein. Hinzu kommen seit 1961 Tausende der ständig aktiven Freiwilligen Polizei Reserve.*) Wo kommen die denn plötzlich alle her? Als „Neuberliner“ aus Westdeutschland angeworben?

Im Grunewald gibt es nur selten noch Holzauktionen aber weiterhin eine nostalgische Reiterstaffel, nun nicht mehr mit scharfen preußischen Säbeln aber mit besonders langen Gummiknüppeln ausgestattet. Friedliche Demonstrationen, ganz besonders die gegen den Krieg in Vietnam, werden in den folgenden Jahren in der Regel von Agitatoren, Provokateuren und Spitzeln durchsetzt, und wenn das allein nichts nützt, auf amtlich genehmigten und friedlich begonnenen Demonstrationen grundlos brutal zusammen geknüppelt, niedergeritten und mit Tränengas und dicht geschlossenen Polizeiketten gnadenlos in enge Kessel gejagt. Greifertrupps, grüne Mannschaftswagen, Merzedes-Wannen im Jargon, die über blutige Bürgersteige rasen, häufige Verhaftungen, sehr lästige politische Untersuchungsverfahren werden wegen eines angeblich strafbaren Inhalts sogar gegen Flugblattverteiler eingeleitet.

Nixon Mörder! Brandt Komplize!“

Einmal war Felix dran, als er direkt vor dem Amerikahaus herausgegriffen wurde. Seine kostenlose juristische Verteidigung übernahm die Rote Hilfe, hier waren es Christian Ströbele in seinem Neuköllner Kiez und die Rechtsanwältin Margit Banheff. Politische Prozesse im Amtsgericht Moabit, gleich gegenüber der U-Haftanstalt werden für ein neuartig installiertes Rechtswesen und die Betroffenen fast alltäglich – alles wirkt als bedrohliches Menetekel, angesichts einer durchorganisierten Klassenjustiz bereits deutlichst in die aller näheste Zukunft projeziert [vgl. Peggy Parnass].

Zunehmende Eskalierungen in Hörsälen und auf der Straße sind in den kommenden Jahren die Folge. Aber der intellektuelle linke Widerstand wächst leider nicht nur, er zersplittert sich auch zusehends, zur Freude derer, die wie auch immer daran ein sehr praktisches Interesse haben könnten. Ein deutscher, orwellscher Überwachungsstaat erhebt in diesen frühen Jahren bereits seinen von Computern genährten, immer größer werdenden Rüssel aus den Startlöchern.

Dieses alles zertrampelnde Elefanten-System wird mit seinen sensiblen Fußsohlen bald keinen Bodenkontakt mehr haben, dann gedopt vom Gift des Neofaschismus, durch den Porzellanladen demokratischer Grundprinzipien hindurch torkeln, hin zum neu liberalisierten globalen Kapitalismus der entkoppelten Finanzmärkte und Oligarchen stampfen, immer ein frisch angepasstes Grundgesetz für den Staffellauf gegen moralische Konkurrenten und oppositionelle Nutzmenschen in den demokratischen Sumpf treten. Unaufhaltsam?

Der schwarze amerikanische Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King wird am 4. April 1968 in Memphis/Tennessee von einemWeißen erschossen. Deshalb kommt es in den USA landesweit in mehr als 20 großen Städten zu spontanen Protesten, blutigen Ausschreitungen und vereinzelt leide sogar zu Plünderungen. 10.000 (!) Menschen werden verhaftet. Mindestens 39 Menschen, vermutlich noch viel mehr, sterben nach offiziellen Angaben durch das mörderische Vorgehen von Polizei und dem blutgierig übenden Heimatmilitär, das sich „Nationalgarde“ nennt. Auch George W. Bush hat sich seinerzeit in diesem Kriegsdienst fürs Vaterland vor einem etwas gefährlicheren Einsatz in Vietnam gedrückt!

Vier Tage nach dem Attentat führt die Witwe Coretta King den friedlichen Protestmarsch an, zu dem ihr Mann angereist war. 35.000 Menschen nehmen teil. Am 9. April wird Martin Luther King in seiner Geburtsstadt Atlanta im US-Bundesstaat Georgia beigesetzt. Dazu erscheinen mehr als 50.000 Trauergäste und folgen dem fünf Kilometer langen Trauerzug. Unter den Trauernden waren prominente Vertreter des öffentlichen Lebens. Aber die inzwischen ungesetzliche Unterdrückung der Schwarzen geht freilich weiter. Erst durch die Unterschrift von US-Präsident Lyndon B. Johnson hatte der „Civil Rights Act von 1968“ am 11. April endlich formale Gesetzeskraft erlangt. Ob es die weißen Rassisten geläutert hat, das ist bis heute die Frage.

Zwischen Jackson und Montgomery nahm ich noch einen Passanten mit, einen jungen Negerstudenten mit scharfen Gesichtszügen. Man sah und merkte ihm seine wilde Ungeduld an. Drei Füllfederhalter steckten in seiner Brusttasche, und die Innentasche war prall von Papier. Ich weiß, dass er Student war, denn ich fragte ihn danach. Er war wachsam. Nummernschild und Sprache lockerten ihn soweit, wie er sich je lockern kann.

Wir sprachen über die Sitzstreiks. Er hatte daran teilgenommen, ebenso am Omnibusboykott. Ich erzählte ihm , was ich in New Orleans gesehen hatte. Er war ebenfalls dort gewesen. Er wusste, worüber ich entsetzt war.

Schließlich sprachen wir über Martin Luther-King und seine Lehre vom passiven, aber erbarmungslosen Widerstand.

Das geht zu langsam“, sagte er. „Das dauert zu lange.“

Aber es führt zum Ziel, es führt immer näher zum Ziel. Gandhi hat bewiesen, dass es die einzige Waffe gegen Gewalt ist.“

Ich weiß. Ich habe das studiert. Aber die Fortschritte sind nur winzige Wassertröpfchen, und die Zeit läuft uns weg. Ich möchte, dass es schneller geht, ich möchte Taten – und zwar jetzt.“

Das könnte alles verderben.“

Ich bin sonst ein alter Mann, ehe ich überhaupt ein Mensch geworden bin. Vielleicht bin ich vorher tot.“

Stimmt. Und Gandhi ist tot. Gibt es viele wie sie, die sich nach Taten sehnen?“

Ja, das heißt einige – das heißt, ich weiß nicht wie viele.“

Wir unterhielten uns über alles mögliche. Er war ein interessierter, gebildeter junger Mann, und die wilde Ungeduld lag dicht unter der Oberfläche. Aber als ich ihn in Montgomery absetzte, beugte er sich zum Wagenfenster herein und lachte. „Ich schäme mich“, sagte er. „Es ist nur Selbstsucht. Aber ich will es noch mitansehen. Hier! Ich! Ich möchte es erleben – bald.“ Er drehte sich um, wischte sich über die Augen und ging rasch weg.*)

Viele junge Burschen, sehr viele Schwarze oder auch Weiße mit nur geringerer Schulbildung werden bevorzugt als Soldaten nach Vietnam einberufen, dort in einen verbrecherischen Krieg der puritanischen Weißen geschickt, den sie bereits längst hassen gelernt haben. Mehr als 58.000 von ihnen werden, von der US-Flagge „Stars and Stripes“ bedeckt, in einem Zinksarg wieder nach Hause kommen. Immerhin haben sie bei der grausamen Liquidierung von bis zu 5 Millionen Menschen auf vietnamesischer Seite gesorgt. Statistisch hat somit grob gerechnet jeder dort gefallene GI für die imperialistischen Zwecke von Uncle Sam etwa 86 Vietnamesen auf Befehl meist nur mit einem auslösenden Zeigefinger ermorden müssen.

Und was den Rassismus besonders im Süden der USA betrifft, so wird in Santa Monica (US-Bundesstaat Kalifornien) der Film „In der Hitze der Nacht“ als bester englischsprachiger Film des Jahres 1967 mit einem Oscar ausgezeichnet.

Gegenüber des großen Teichs protestieren am 14. April 1968, es ist der allseits historisch gewordene Ostersonntag, an der Columbia Universität in New York Studenten massiv aber absolut friedlich gegen den Vietnam-War, besetzen das Rektorat und einig der Verwaltungsgebäude, und sie legen damit den normalen Lehrbetrieb der ‚Ivy Institution of New York City‘ lahm. Sie organisieren für sich keine der üblichen Vorlesungen, machen stattdessen erste pazifistische „Teach Ins“. Zusätzlich finden zahlreiche Diskussionsveranstaltungen statt. Sie demonstrieren auf dem Campus und auf den Straßen. In einem der Hauptgebäude verschanzen sich viele schwarze Studenten, die damit zugleich für die Durchsetzung der Zivil-Rights kämpfen. Zwischen den Demonstrierenden der Columbia und der Polizei bleibt es zunächst halbwegs friedlich. Aber diese ‚Zustände‘ währen nur sechs Tage, bis das New Yorker Police Department am 30. April jeden weiteren Widerstand der aktivistischen Studenten sehr brutal erstickt.

Was geschah noch im April 1968? Die Vereinigte Arbeiterpartei Polens begann Anfang April 1968 als Reaktion auf die Studentenunruhen im März mit einer Kampagne gegen „reaktionäre“ und „zionistische“ Kräfte. Im Verlauf dieser Kampagne verloren im April besonders viele jüdische Parteifunktionäre ihre Ämter.

Die Studie „Die Unfähigkeit zu trauern“ der beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich war Anfang April 1968 zum in Deutschland zum Bestseller geworden. Sie setzten sich kritisch mit der Verarbeitung der NS-Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland auseinander und hatten schnell einen oberen Platz der „Spiegel-Bestsellerliste“ für Sachbücher erreicht.

Einige der seit acht Wochen in Vietnam vermissten Deutschen waren Anfang April in einem Massengrab bei der alten Kaiserstadt Hue aufgefunden worden. Unter ihnen befanden sich drei Ärzte.

In Brasilien hatten in diesen ersten Apriltagen gewaltsame Studentenunruhen von Rio de Janeiro ausgehende auf andere Universitätsstädte übergegriffen. Der Protest der Studenten hatte sich gegen das harte Vorgehen der Polizei gerichtet und in einigen Städten hatte er sich zugleich gegen US-amerikanische Einrichtungen gerichtet.

Martin Luther King

In Frankfurt am Main hatte am 3. April eine Aktivistengruppe um Andreas Baader und Gudrun Ensslin Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser mit vier selbstgebastelten Zeitbomben verübt. Der entstandene Sachschaden belief sich auf mehr als 2 Millionen DM. Verletzt wurde dabei niemand.

Nach einer angekündigten Begrenzung der schweren US-Bombenangriffe auf Nordvietnam hatte sich die nordvietnamesische Regierung zu Friedensverhandlungen mit den USA bereit erklärt. US-Präsident Lyndon B. Johnson stimmte einem Treffen zwischen Unterhändlern beider Länder zu. Da Nordvietnam nur zu bilateral-vietnamesischen Gesprächen mit den Vereinigten Staaten bereit war, kam es zur Palastkrise in den Beziehungen zwischen den USA und seinem Vasallen Südvietnam.

Durch das Zentralkomitee der KP der CSSR wurde am 5. April 1968 das Aktionsprogramm „Der Weg der Tschechoslowakei zum Sozialismus“ verabschiedet. Es sah umfassende Reformen zur Meinungs-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit vor. Der „Prager Frühling“ währte aber nur kurz.

In den USA erlangt der Civil Rights Act von 1968, gegen die übliche Diskriminierung von farbigen Bürgern, gerichtet, am 11. April endlich Gesetzeskraft. Am gleichen Tag unterzeichnet U.S. Präsident Lyndon B. Johnson “the ‘Civil Rights Act of 1968, which included the Fair Housing Act as its Title VIII section, into law. For the first time, it was a violation of federal law for a homeowner, to refuse to sell or rent a dwelling to a person based upon race, color religion, or national origin. A day earlier, the bill had been approved by the U.S.House of Representatives, 250 to 172.”

In New York City wurde am 6. April 1968 erstmals die endgültig Fassung des Films „2001: Odyssee im Weltraum“ in Kinos gezeigt. Stanley Kubrick, der zweifelsohne etwas zu geniale Filmregisseur, hat den Film selber nochmals überarbeiten müssen, nachdem er bereits am 2. April in Washington D.C. vor einem handverlesenen Publikum aufgeführt worden war.

Das Deutsche Hydrographische Institut (DHI) in Hamburg teilte am 7. April 1968 mit, dass der Gehalt radioaktiver Stoffe im Seewasser der deutschen Küstengebiete sehr gering ist. Die Untersuchungen des DHI hatten sich aber weitgehend nur auf die aus Atombombenversuchen stammenden Isotope Strontium 90 und Cäsium 137 konzentriert.

Eine Wirkung der spürbaren gesellschaftskritischen Ereignisse macht sich über Wasser in den Köpfen mancher Gesellschaftswissenschaftler breit. In Frankfurt am Main hatte der viertägige 16. Deutsche Soziologentag über das Thema „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“ diskutiert.

Der deutsche Bildungsrat hatte eine Verdoppelung der öffentlichen Ausgaben für Schulen in der BRD bis 1975 gefordert. Gefordert? Die von der SPD bloß versprochen Reformzeit wird jetzt medienwirksam. Wenn auch sonst in dieser Richtung wenig passiert.Die Kultusminister der Bundesländer hatten sich in Bonn auf Grundsätze zur Neuordnung des Hochschulsystems geeinigt, so auch die Hochschulverfassung, darin das erweiterte Mitspracherecht der Studenten und die Höchststudiendauer.

11. April 1968 (Thursday) Rudi Dutschke, the leader of the West German leftwing movement (APO), was seriously wounded in an assassination attempt by Josef Bachmann, who shot Dutschke twice in the head outside the Socialist German Student Union (Sozialistischer Deutscher Studentenbund, or SDS) offices on the Kurfürstendamm in West Berlin. Dutschke survived after emergency surgery, but would suffer seizures for the rest of his life and would die of his brain injuries 11 years later. (…) So German leftwing students blockaded the Springer-Press HQ in Berlin and many were arrested, including Ulrike Meinhof, who would found the Baader-Meinhof Gang. (vgl. US-Presse viele, viele Jahre später.

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[E 2 Heidrun] = Du warst derweil in diesem April auf einen unerwartet frühen Heimaturlaub gekommen. Wir haben uns wieder einmal getroffen, und alles war fast wie früher. Damals verfolgtest du das weltpolitische Geschehen nur am Fernseher. Viel war es aber natürlich nicht, was die deutschen Medien darüber brachten. Du hast dich später sehr darüber gewundert, aber dennoch waren diese Vorgänge, gerade die in Deutschland, und die in Frankreich nur gut zwei Wochen später, fast unbemerkt an dir vorbei gegangen.

Vielleicht warst du in dieser Zeit zu sehr mit deinen ersten Eindrücken bei der Marine beschäftigt, was bis in den August hinein womöglich auch allgemein für große Teile der sogenannten 68-er Generation gilt. Alle waren ja damals nicht Studenten. Wir gingen zu unseren Arbeitsstellen tagein und tagaus. Deine eigene, die wirkliche Politisierung setzte erst ein, als du dich mit deinem Umzug nach Berlin selber im Brennpunkt mancher Ereignisse befandest. Vielleicht warst du zunächst mehr ein Hippie, dann stärker von einer inneren friedlicheren Welt begeistert, als du später zugeben wolltest. Da waren die ersten Phasen der gesellschaftlich in Mode kommenden Befreiung der Gesellschaft von sexuellen Tabus. Die ständigen Ablenkungen durch Mädchen und Frauen haben in deinem existentialistischen und zugleich linksgerichteten Lebensmotiven ebenfalls ihren großen Teil beigetragen. Alles war dir vielleicht wie das Surfen auf einer langen Welle erschienen, ein Gleiten, dennoch mit reagierenden, fast hektischen Bewegungen, die dich in dieser rasanten Fahrt aufrecht hielten.

Unsere Zeiten zusammen? Gerade die, als ich oft genug wegen der Nachbarn heimlich zu dir in unser Gartenhäuschen schlich, waren sehr schön und aufregend. Hätte da nicht etwas mehr mit uns passieren können? Nun ja, ich fand es toll, als du in deiner Marineuniform zu meinen Eltern kamst, und ihr euch zusammen gut unterhalten habt. Auch wenn wir später am Abend noch mit einem komischen Gefühl des Verbotenen möglichst leise hinauf in mein uriges Dachzimmer gingen, wir waren in diesen wenigen Monaten tatsächlich irgendwie viel erwachsener geworden.

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Überraschend bald schickt man einen Teil der Matrosen des Bataillons mit ihrer ersten Geige, der geschniegelt und gebügelten Ausgehuniform, in eine Osterdispenz. Gerade erst zwei Wochen haben sie das Soldatenhandwerk erlernen dürfen, in einem für sie lustigen Sonderkurs sogar das korrekte Grüßen von Vorgesetzten, falls sie solchen irgendwo auf ihrem Heimaturlaub begegnen sollten.

Mein Gott, denkt sich Felix vor dem Fernseher im Wohnzimmer seiner Eltern, ich habe wohl recht gehabt, Frieden machen in der Welt, das geht nicht so einfach ohne dabei zunächst alle politische Macht innezuhaben.

„Kriege und sogar die Gewalt gegen nötige Veränderungen im Inneren gehen tatsächlich allein von den Staaten selbst aus.“

„Rede nicht solch einen Unsinn. Du bist jetzt selber Soldat und musst den Befehlen deiner Vorgesetzten gehorchen.“

„Aber nicht allen Befehlen, sogar das hat man uns bereits beigebracht.“

„Ihr habt sicher den Eid auf dieses Land geschworen. Gibt‘s den noch?“

„Bisher noch nicht, Papa, das kommt irgendwann auf die neuen Zeit- und die Berufssoldaten zu, aber wir Wehrpflichtige müssen nur ein Gelöbnis auf die BRD, dabei keinen Eid auf einen Führer oder so ablegen.“

Da ist in der weiten Ferne immer noch Danielle. Hier aber wenigstens seine zuletzt von ihm zurückgelassene Freundin Heidrun. Sie schleichen sich nachts über knarrende Holzstufen des Treppenhauses in ihr Zimmer unter dem Dach. Sie fühlen sich dabei trotzdem irgendwie endlich erwachsen.

Warum hat man es in seiner Jugend damit so eilig, kann es kaum erwarten, bis man endlich das tun darf, was man will? Aber das Erwachsensein bietet nicht nur das, sondern auch die Möglichkeit, sich manchmal besonders an die spätere Jugendzeit zu erinnern. Besonders wenn sie sich beizeiten wirklich so schön, so liebreizend und verführerisch ergibt. Würde er deshalb nach seinen achtzehn Monaten nach Bad Betteldorf zurückkehren? Ach, darüber wurde vermutlich zwischen den beiden nicht gesprochen. Vieles geschah, aber man ließ es einfach erst einmal geschehen, ohne dabei an eine nähere Zukunft zu denken.

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[E 2 Margot]= Das Musical „Hair“ avanciert am New Yorker Broadway nach seiner Uraufführung am 29. April 1968 unter der Regie von Betram Castelli, einem der künstlerischen ‚Friedensaktivisten‘, zum großen Erfolg. Das Buch von Gerome Ragni und James Rado schildert die Geschichte dreier Hippies, die sich gegen ihre Einberufung zum Vietnamkrieg in ihrem individuellen Verhalten wehren. Es zeigt das Begehren der nunmehr wütend aufgewachten jungen Generation und die Inhalte der Protestbewegungen in fast rührender Weise aber dennoch sehr deutlich auf. Hair gilt heute als eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten. Seine Botschaft traf den Nerv der Zeit. Wir aber haben uns erst etwas später im Steve-Club kennengelernt. Ich meine, dass wir uns bereits in der ersten gemeinsamen Nacht unter deinem geklauten Union-Jack ein wenig verliebt haben. Genug allemal für unsere jahrelange Freundschaft.

Make Love not War!“ soll der Schlüssel sein und Peace das Ergebnis. Das Werk wendet sich mit seinen mystischen Gesangseinlagen eindeutig gegen jeglichen Krieg im allgemeinen.

Am gleichen Tag erfolgt die mörderische US-Invasion in Kambodscha mit dem Ziel, die Nachschubwege der Nordvietnamesen nach Südvietnam, besonders über den „Ho-Chi-Minh-Pfad“ abzuschneiden und die Wege zu zerstören. Das gelingt aber nicht! Viel Nachschub wird den ganzen Krieg über meist sogar zu Fuß oder mit Fahrrädern transportiert.

Wir waren damals beide auf Seiten der kämpfenden Völker, besonders der von Indochina. Und nach dem Sieg Vietnams haben wir auf dem großen Teach-In im TU-Audimax meinem Bruder zufällig getroffen und uns freudig, ja, fast weinend umarmt.

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Buchstabenrätsel: Man verbinde die fetten Kapitalien miteinander, nur das böse Auge nicht, dann kennt man ihr gefährliches Gesicht!

[E 1] = Heute sorgeNgleichaltrigen deutsche Soldaten beiderlei Geschlechts in Afghanistan für den nie nachlassenden Nachschub an Dope und SchlImmerem. Diese Krieger wissen wieder nicht, wozu man sie benutzt. Sind sie so dumm? Ja, sie sind es! Opportunistisch, wie Felix einst und geil auf ein Abenteuer weit weg von zu HausE. Sie melden sich freiwillig zum „Auslandseinsatz“, das hat in unerklärten Angriffskriegen eine geWisse Tradition. Es ist ein gigantisches, rasant wachsendes Milliardengeschäft, das ist als Hauptgrund des Gemetzels leicht erklärbar, In dem besonders die USA dafür sorgen, dass sich der Opiumanbau in Afghanistan sEit der Verdrängung der bösen Taliban unter dem militärischen Schutz des „freiheitsliebenDen Westens“ in eine blühende Oase des Drogenhandels entwickelt hat. Felix liest dazu einem detaillierten, journalistischen Bericht, bestückt mit viElen Fakten und Daten, genau fünfzig Jahre nach seiner FahRt nach Glückstadt, um ein Marinesoldat zu werden. Bald würden die Sowjets den Prager Frühling niederwalzen. Wird der Kalte Krieg bald zu einem Heißen werden? Nukleares HeizmateRial liegt in Deutschland genug und reichlich auf Lager, dafür haben dIe Amerikaner gesorgt. Die gesamte Nato-Strategie beruhtE bereits, auf einem rechtzeitigen „blitzartigen“ Angriffskrieg, dem sogenannten atomaren ErstschlaG. Na das kann wirklich heiter werden. Es fehlt nur noch eine gescheite neue Pandemie in den politischen Köpfen und eine richtig fette Weltwirtschaftskrise , ein totales Disaster– SIC! Die Verbindungen der Fettbuchstaben ergeben ein aufgerissenes Haifischmaul!

„Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht!“ Das hat dir Claude aus ihrer brechtigen Dreigroschen-Oper vorgesungen. „Drüben“ in Ostberlin, im Theater am Schiffbauer Damm, jenseits des Eisernen Vorhangs hast du sie dir später durchaus ein wenig mit Erinnerungen beladen angesehen. Es geht jetzt aber erst einmal ums Abnabeln. Hinaus in die Welt junger Mann! Die männliche Wanderschaft beginnt!

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[E 2 Margot] = Wie gelingt dir das das immerzu? Das staatliche System sorgt bereits früh dafür, dass zumindest bei den Schulkindern einige Bewunderung und Begeisterung für die spannenden Kriegsabenteuer der Erwachsenen generiert wird. Adelige und großbürgerliche Helden des Widerstands werden hofiert, proletarische, demokratische oder kleinbürgerliche, vergessene tapfere Menschen werden historisch ignoriert. Allein die Leiden der Ostvertriebenen unter den bösen Russen, dann nicht die Kriegsverbrechen der Alliierten werden politisch dramatisiert und kaltkriegerisch benutzt. Die heldenhafte Rettung von Menschen über die winterliche Ostsee durch die Kriegsmarine? Sie ist ein statistisches Märchen! Die begleitende kristliche Erziehung ist dann die Feinjustierung, die über alle aufkommenden moralischen Bedenken in einem Kind, in einem Jugendlichen hinweg, eben einen solchen Staatsbürger formt, der für die wirtschaftlichen Belange der Produktionsweise, nach innen und außen beschützt durch das Militär, nützlich erscheint. In der vollzogenen staatlichen Schulpflicht zeigt sich von Anfang an eine Struktur der Pädagogik, die in aller Regel wegen ihrer scheinbaren Gutmütigkeit kaum in Frage gestellt wird. Neben Geometrie und dem Stammbaum des Lebens, im Stundenplan mit Leibesertüchtigung und Werkunterricht, lernen die Jungens eine mittelalterliche Armbrust zu bauen, ein viele Kanonen tragendes Kriegsschiffsmodell unter Segeln, während die Mädchen ein Stockwerk tiefer bürgerlichst das später für sie allein wichtige Kochen, Nähen, Häkeln, Sticken, Stopfen, und Stricken erlernen.

Wie gelingt dir das das immerzu? Erinnerst du dich, wie das mit dir seinen Fortgang nahm. Du warst 1963 fünfzehn Jahre alt und bereits heftig in deine Mitschülerin Sonja verliebt. Sie selbst hat mir dabei, natürlich stets in einer von Leas Metamorphosen steckend, manch eine der Felix-Anekdoten suggeriert. Da konnte ich bloß staunen, denn ich war zu meiner Zeit ja auch nicht gerade prüde. Aber als Frau mag das anders sein, denn wir verfolgen dabei oft etwas andere Zwecke und Ziele. Ihr Männer aber seid oft genug Abenteurer, ziellose Wanderer, man muss euch deshalb einfach festzunageln versuchen. Bei manchen gelingt es leicht, bei anderen nicht, und die ziehen dann einfach weiter.

Wie gelingt dir das das immerzu? Wir beide, wir haben uns ziemlich genau acht Jahre nach dieser Jugendzeit eines Winterabends im Steve-Club, dem Folklore-Schuppen in der Charlottenburger Krummen Straße kennengelernt.

Unweit von hier war knapp fünf Jahre zuvor der Student Benno Ohnesorg vom Polizisten Karl-Heinz Kurras ohne einen ersichtlichen Grund erschossen worden. Über den Kaiserdamm hinweg, an der Deutschen Oper vorbei weiter die Krumme Straße hoch, gab es ein schönes altes Stadtbad, in dem wir später manchmal zu Gast waren. Oder war dieses Bad nicht doch in der Zillestraße? Ach ja, es hieß wohl Zille-Bad. Du wirst bemerken, auch ich werde allmählich älter und ein wenig vergesslicher. Schmunzeln wir einfach darüber, mein lieber Felix. Wie gelingt dir das das immerzu?

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[E 2 Lea] = Natürlich fließen in deine Aufzeichnungen Erinnerungen an die gemeinsame Realschulzeit mit deiner geliebten Sonja ein. Ihr seid selbstverständlich eine gemischte Klasse, so wie das in Hessen, zumindest in den Grund- und Realschulen damals bereits üblich war. Du hattest deinen Platz neben Wolfgang, ein guter Schüler und in der Erinnerung sozial kompetent. An welche Mitschülerinnen, Mitschüler und Lehrer erinnerst du dich noch?

An Sonja Baldering natürlich, das will ich meinen. Sie ist Sonja, aber für dich, Felix, eigentlich Lea in all ihren späteren, höchst geschickten Verkleidungen. Ach, und unbedingt an die rein menschliche Sonja Martin die nach der Schule manchem von euch Buben in deinem Freundeskreis beizeiten das richtige Küssen in einer immerhin ebenfalls göttlicher Weise beibrachte.

Seit der Volksschule einer deiner Freunde, Holger Ludwig, den sie seit ihrem harten Gepäckmarsch an Ostern von mehr als dreißig Kilometern von Lorch am Rhein herauf, in ihrer CVJM-Jungschargruppe wegen seiner mageren Gestalt allesamt bald nur Hering nannten. Dessen erklärte Lieblingslehrerin war Sinjen Langenstrass, die in eurer Klasse zum Glück einzigst Englisch unterrichtete.

Wolfgang Weigelt, der enorm extrovertierte Spaßvogel. Etwas erinnerte dann schließlich an Wolfgang Neuss, ein bekannter Kabarettist jener Tage.

Veit Buchholz, der Langewachsene mit seiner Igelfrisur. Er hatte sich eine comicähnliche, eine Art Micky-Maus-Sprache angewöhnt. „Boing! Zack! Wumm! Zisch!“ Er hielt aber nicht bis zum Abschluss durch.

Gisela Funke, die Veit sehr viel später als Witwe von Rüdiger heiratete, der in den beiden Sommern in Charente Maritime, frühreif aufgestellt, dabei war.

Schauß, denn wie du es aus deiner Marinezeit erinnerst, gibt es da immer Menschen, die man nur mit ihrem Nachnahmen in Erinnerung behält. Schauß war der Schönling in der Klasse, der viel wert auf seine krauslockigen Haare legte. Na endlich! Schauß war euer Hans-Joachim.

Gerhard Pasucha, seine Familie hatte in ihrem kleinen Heimatdorf nahe bei Bad Betteldorf die Poststation. Gerhards Großvater erzählte bei einem deiner Besuche von ihrem verlorenenen Ostpreußen und auch aus der schlimmen Zeit vor ihrer Vertreibung, als die Russen kamen, die Klospülkasten-Episode. Als Soldaten der Roten Arrmee ihr Haus durchsuchten, standen sie vor der Toilette Schlange. Jeder von ihnen wollte selber dieses Wunderwerk von einem Spülkasten erleben und an der Kette mit dem weißen Porzellangriff ziehen.

Gerd Schindehütte, der vorher sitzengebliebene Aufschneider, der mit den viel benutzten Fremdworten, die er oft selber nicht richtig verstand, der dann zu euch in die Klasse kam. Sein Vater war einer der Ingenieure bei Passavant im Bereich der Kläranlagentechnik. Auch er ging früher ab.

Wolfgang Köhler, dein Banknachbar, der später zur Bundesbahn ging. Wolfgang war im Gegensatz zu dir eher einer der guten Schüler. Dich neben ihn zu setzen war deshalb von Fräulein Beritz vermutlich sehr gut überlegt.

Gudrun Enders, die obigen Wolfgang heiratete und später in engagierter und sehr lobenswerter Weise eure Klassentreffen organisierte. Dann sogar noch das Fünfzigste Jubiläum, zu dem sie einlud, du aber absagtest. Du würdest inzwischen einen zu großen Abstand fühlen, wärest auch in Vorbereitung einer langen weiten Reise, hattest du zu Gudrun im Aldiladen gesagt, als ihr euch zufällig getroffen habt. Auch Wolgang war dabei, sehr wohl gealtert.

Karlheinz Müller . . . er war gut in Mathe, hatte ein Glasauge, was ihm dafür nicht hinderlich erschien und war später am hiesigen Amtsgericht beschäftigt.

Hannelore Ansorge, ganz bestimmt die Klassenprima in den Hauptfächern, die später ebenfalls eine gute Karriere bei der Bundesbahn machte.

Bernd Gerhard . . . spielte bereits gern mit den kleinen Panzermodellen, die er regelrecht sammelte . . . tatsächlich ist er zuletzt kein Panzergeneral aber ein Luftwaffenmajor, ganz wie Werner Mölders geworden. Wer weiß welchen höheren Rang er später einnahm. Er wird in unserer weiteren Geschichte zu Bodo Gebhardt werden, und eine wichtige Rolle spielen.

Jürgen Kugelstadt, der hatte bereits ein Moped, ein Kreidler Florett, mit dem ihr amerikanische Soldaten auf der Funkstation Hohe Wurzel besucht habt.

Wolfgang Diehl, wohnte zwar in der Oberstadt, wurde dennoch für eine Weile ein Spielkamerad . . . ist leider sehr früh verstorben.

Resi Englert, sie war tasächlich eine Müllerstocher, fast wie im Märchen, mit Rehaugen und ihren tollen Zöpfen, ganz so wie ein Schwarzwaldmädel halt.

Auch Ilona Fuhr trug lange Zöpfe, hatte bereits etwas Holz vor der Hütten und etwas dunklere Haare. Vielleicht war sogar ihr weißer Körper voller aufregender Sommersprossen.

Da waren noch Bärbel Matuschek, Norbert Rönisch, Ottokar Peter (er ist 2019 leider verstorben), Jürgen Knab, Wilhelm Köppe, der rundliche Putten im barockenen Schlosspark von Veitshöchheim liebte.

Reinhold Lohaus wurde quasi zum „Tanzlehrer“ ernannt. Kurz vor der Schulabschlussfeier war nämlich beschlossen worden, dass alle, die es vorher noch nicht konnten, zumindest einige Grundkenntnisse erlernen sollten.

Joachim Reinhold. Der war eher etwas still und lächelte oft, war vermutlich gut in Mathematik, und er trug öfter einen maschinell gestrickten Kaufpullover, an dessen feines Muster du dich merkwürdiger Weise noch erinnern kannst, denn es war skandinavisch, wie die beiden Norweger, die Du dir später einmal in Kopenhagen, dann in Oslo gekauft hattest.

Christa Gintaut. Wirkte auf einen ersten Blick weiblich zart, war sie aber nicht. Vielleicht grazil, etwas elegant. Damals waren das für euch Buben sicher keine gebräuchlichen Vokabel. Welche dann?

Irgeborg Mosch, die Tochter eines neureichen Bauunternehmers. Mehr gab es dabei schon damals nicht zu bemerken. Zumindest war ihr Vater etwas erfolreicher, als Sepp.

Brigitte Beck, die wirklich niemals mundfaule, energisch Burschikose. Hat sie auf eurer Abschlussfahrt nach Berlin eigentlich bemerkt, dass sie dir sehr gefiel? Ich selber war damals bereits in Frankfurt, nein eigentlich in Oslo, aber das weißt du inzwischen selber. Aber Brigitte ist eine Tischlermeisterin geworden und hat beizeiten die väterliche Schreinerei übernommen.

Dorle Sipeer, die langhaarige Brünette, die etwas zu sensibel erscheinende Tochter eures Turnlehrers.

Angelika Baum, als gut gelungene Tochter eines Fuhrunternehmers der Stadt. Sie war auch nicht übel; trug damals bereits gern enge weiße Jeans, die ihr tatsächlich sehr gut standen.

Bernd Engelhardt . . . der etwas zu lang gewachsene Luftikus . . .

Sigrid Nitsche … Eine weitere Mitschülerin sehen wir beide vor Augen. Sie hatte ihre blonden Haare dann kurz geschnitten, wirkte etwas hausbacken, war als ruhender Pol sehr nett und immer hilfsbereit. Wenn wir nun etwas weiter nachdenken, sehen wir sie auch als eine liebevolle Mutter und treue Gattin in ihrem weiteren Leben.

Und last but not least Fräulein Hannelore Beritz, eure liebe Klassenlehrerin. Sie gab für euch Deutsch, Biologie und evangelische Religion. Im ersten Jahr nebenbei etwas Frühgeschichte und natürlich Heimatkunde, die sich an den diesbezüglich ausgezeichneten Unterricht von Kläre Kluge aus der Volksschule anschloss. Dadurch wurde bereits dein Interesse an Geschichte geweckt. In der Erinnerung hast du „euer Fräulein Beritz“ später ein wenig mit dem Schriftsteller Werner Bergengruen und seiner Erzählung „Der Tod von Reval“ in Verbindung gebracht, denn „Fräulein“ Hannelore Beritz stammte als Kriegsvertriebene ursprünglich aus dem Baltikum, aus der Nähe des sehr deutschsprachigen Reval, der Hauptstadt von Estland. Daraus ist nach dem Krieg das jetzt estländische Tallinn geworden. Frau Beritz am 02. Juni 2017 gestorben!

Lehrer Buss, der Mathematik und Physik gab. Was dir gefallen hat war Geometrie, die konntest du später bei Ortungsdienst und für die Navigation gut brauchen. Vielleicht kamst du dadurch auch ein wenig dem Studium der Kartografie näher. Lineal, Zirkel und Anlegedreiecke haben bis heute für dich eine gewisse nautische Faszination. Das kann man so sagen.

Lehrer Schmidtson, unterrichtete Chemie. Wenn’s stinkt und knallt, hat’s funktioniert. Die Chemie hatte dich anfangs sehr begeistert. Hast dir sogar gleich ein eigenes kleines Labor im Keller eingerichtet. Bis über Schwefelwasserstoff bist du aber letztlich nicht hinausgekommen, da ödete dich diese Art des Unterrichts bereits an. Auch die Chemie bedarf einer gewissen Begeisterung.

Lehrer Carl, der nach Herrn Lammel Geographie gab, was dein absolutes Lieblingsfach nach Geschichte wurde. Beim Wort Vulkanismus wurde es dir warm ums Herz. Brauchtest dabei nur eine Bank weiter zu schauen, wo Sonja saß. Das sieht man an den liebevoll und detailliert geführten Heften, in die du aus alten Atlanten Karten und andere Abbildungen einklebtest, dann mehr eigene Zeichnungen, allerlei Tabellen und pastellfarbige Kartenskizzen beigefügt hast, als es jemals für Hausaufgaben gefordert war. Lehrer Karl erzählte einmal aus seiner späteren Kindheit, als in Rüsselsheim ein schwerer nächtlicher Sturm schreckliche Schäden verursacht hatte. Sie hatten derweil in einem Bunker gesessen und alles Schreckliche gut überstanden.

Es waren aber die Bombengeschwader unserer heutigen Freunde gewesen, die kurz vor dem Ende des Krieges noch Tod und Verderben über die Zivilisten schüttete. Er redete sich also seine tiefsitzenden Angst von der Seele, denn es war ein Feuersturm gewesen, der alles Lebendige verbrannte, garkochte und in seinen Gasen erstickte, was sich ihm offen darbot.

Lehrerin Sinjen Langenstrass. Ihr Englischunterricht war für viele von euch Schüler die wahre Hölle. Und Französisch, was du sehr gern gemacht hättest, durftest du bei ihr nicht lernen, weil du bei ihr in Englisch so schlecht warst (!). Die „Sinjen“ war vermutlich die einzige Lehrerin, die man ihm Gegenzug hin und wieder auch verulken mochte. Ihr Schüler Holger hatte die Erinnerung, dass man sie nur genug ärgern musste, damit sie ihren roten Verlegenheitskopf hinter ihrer hohen Tasche auf dem Pult versteckte. Die Tasche stand dort nur yu diesem Zweck. Vielleicht mehrmals hab ihr den heimtückischen Streich mit den Löschpapierkügelchen gespielt.

Man riss ein Blatt Löschpapier in etwa zwei Zentimeter große Quadrate, kaute die Blättchen dann gut durch und warf sie mit klebrigem Speichel hoch an die Decke über dem Pult. Trockneten die Haftladungen ab, fielen sie meist herunter.

„Wer war das?“ Schweigen. Kurz darauf: „Wer war das?“ Allgemeines Schulterzucken. „Ich lasse euch alle nachsitzen, wenn das nicht aufhört.“ Irgendwann hörte das zum Glück von selber auf, wenn nämlich alle Kügelchen herabgefallen waren.

Die Teilnahme an ihrem Sonderkurs in Kunstgeschichte war ebenfalls freiwillig. Teilweise gab es dabei auch Dias von ihrer Griechenlandreise zu sehen. Dieses spezielle Fach hat dich außerordentlich begeistert, denn es war eng mit Geschichte verknüpft, und eine Menge hast du dabei tatsächlich gelernt.

Lehrer Lammel wurde mit seinem Geschichts- und Musikunterricht bereits an anderer Stelle lobend erwähnt.

Lehrer Heinrich Stephan gab später neue Geschichte und machte den Werkunterricht nur für die Jungens. Weil er dein Patenonkel war, hat er dich wegen guter Leistungen in Geschichte oder beim Werken niemals gelobt. Sogar ein hölzernes Schiffsmodell fast in Profiqualität hast du gebastelt.

Lehrerin Frieda Schmidt-Baumann lehrte Hauswirtschaft, Handarbeit und Sport nur für die Mädels. Es ist mir natürlich klar, dass du dich gewundert hast, weshalb Jungen nicht auch Kochen lernen sollten, wie dann die Mädchen später eben auch handwerkliche, praktische Fähigkeiten brauchen würden. Es war doch gewissermaßen eine Realschule. War das also tatsächlich die vollständige oder bloß eine altbackene, absolut willkürlich herrschende Wirklichkeit?

Lehrerin Hannelore Thieß . . . Sie kam viel später an die Schule und war die letzte Sportlehrerin, kaum älter als ihr! (Sie war als einzige Lehrerin beim 50-jährigen Klassentreffen dabei). Sie war wirklich noch jung, ein echter Feger und gut gebaut, unterrichtete Leibesertüchtigung — lleider nur für die Mädels.

Lehrer Volker Heil . . . er war euer Musiklehrer nach Herrn Lammel. Er begleitete auch eure Klassenfahrt besonders zur Kunstgeschichte nach Würzburg. Auch in Berlin war Volker Heil dabei.

Lehrer Kaiser vermittelte Stenographie? Dabei gab es damals bereits Diktiergeräte. War das eine Handelsschule für angehende Sekretärinnen? Nein. Es war nach wie vor eine deutsche Realschule der sechziger Jahre. Das alte Motto der staatlichen Pädagogik „Nicht für die Schule lernen wir, wir lernen für das Leben“ wurde von manchen Schülern zunehmend in Zweifel gezogen. Vielleicht war es nur die Aufmüpfigkeit der Jugend, vielmehr mag es zugleich der Gedanke gewesen sein, dass die in den ersten Klassen bei Fräulein Kläre Kluge noch erlernte Süttelinschrift mit der Tintenfeder damals bereits zutiefst nostalgisch war, dann aber wenigsten zum Lesen der Briefe deiner Eltern aus der Kriegszeit gut taugte. Immerhin.

In den neunziger Jahren hat man dich einmal für drei Monate vom Arbeitsamt in eine Übungsfirma in Wiesbaden geschickt. Das musste man akzeptieren, denn sonst wäre die Arbeitslosenhilfe gestrichen worden. Dort versuchte man mit drittklassige Lehrkräften und mit mittelalterlichen Methoden höher qualifizierte Arbeitslose für einen Berufsalltag im kaufmännischen Bereich wieder fit zu machen. Dafür wurde den Betreibern der Maßnahme üppig viel Geld gezahlt. Man lernte eine Postanweisung auszufüllen, einen Wechsel zu schreiben, alles wie zu Abrahams Zeiten. Der Gipfel der Inkompetenz zeigte sich bei der Computertechnologie. Man hatte nur einige alte MS-DOS Dampfmaschinen, wobei es damals aber bereits überall das neue Windows gab. Ein Mann, der sonst nichts konnte, malträtierte sie mit dem veralteten DOS, und auch er bekam gutes Geld für diesen Job, weil er sonst für lau keinen anderen bekommen hatte.

Lehrer Sipeer, Sportunterricht, als Leibesertüchtigung für die Jungens. „Gelobt sei, was hart macht! Oder „Was uns nicht umbringt, macht uns umso härter!“

Lehrerin Groth, die an der Schule sehr berüchtigt, weil grausam streng war, tauchte bei euch zum Glück niemals auf.

Herr Scherer war als Hausmeister der ansonsten kaum sichtbare proletarische Teil des Schulpersonals. Er trug stets einen grauen Kittel und einen kleinen spitzen Hut wie ihn Männer gewöhnlich zu jener Zeit in Eisenwarengeschäften trugen. Hinter der Schule, schon im steilen Hang durch eine hohe Mauer abgestützt, gab es einen langen überdachten Gang. Dort und an der Seite konnten Fahrräder abgestellt werden. In einem großen verzinkten Blechkasten wärmte Herr Scherer den Schülerkakao für die große Pause, der von der Berz-Molkerei am Ort geliefert wurde. Dieses Getränk war stark subventioniert, ich meine sogar kostenlos. Immer noch so etwas wie soziale Schülerspeisungen, bekannt aus noch nicht lange zurück liegenden Nazi- und Kriegszeit.

Mehrmals während der sechs Jahre, so gesehen jedes neue Schuljahr habt ihr aus irgend einem wichtigen, euch aber unbekannten Grund den Klassenraum gewechselt. Vom ersten großen Klassenraum der Backsteinschule in den hinterwärtigen. Dann oben im Haupttrakt nahe dem Feuerwehrturm, wo die Schläuche zum Trocknen hingen. Erst den hinteren, helleren und schöneren zum Berg hin gelegen, dann den etwas dunkleren zur Hufeisenschule hin. Zum Ende der Schulzeit war eure Klasse in einer der alten Arbeitsdienstbaracken untergebracht, die noch aus Kriegszeiten stammend auf dem bereits leeren Grundstück des längst abgerissenen Hotels „Russischer Hof“ stand. Nebenan, etwas tiefer gelegen, war das „Asylanten-Quartier“ für obdachlose Männer, die dort nächtigen durften. Etwas modrig und immer etwas schweißig roch es manchmal, wenn man dort passieren musste. Gegenüber, an der Hauptstraße neben der Hufeisenschule war das einzige städtische Pissoir, aus dem es stets nach Urin stank, wenn man auf dieser Seite der Hauptstraße vorbei musste. In der Baracke war es irgendwie etwas elitär. Weitab vom Lehrerzimmer im Hauptgebäude und dem Pausenhof davor, führtet ihr hier ein gewisses Eigenleben. Bereits früh sah man die jeweiligen Lehrer über den langen Hof herankommen, immer Zeit genug also, um manch wilde Pausen-Clownerien rechtzeitig zu beenden. Sie waren schließlich im letzten Schuljahr und fühlten sich eigentlich schon fast wie erwachsen.

*

[E 2 Holger]= „Herrscher über das seitlich der Stadt gelegene Wiedbachtal waren einige Zeit zuvor Veit und Heinzchen. Aber in der Unterstadt und auf der Höhe der Busemach war das eure Kellerbande. Immer wieder ist es euch gelungen auf der anderen Seite des Tals Hütten zu bauen. Heute Freund und morgen Feind, das war unser Spiel. Zu Hause bei Veit, ganz hinten in der Hardtstraße im Wiedbachtal, rauchten wir einmal zur Versöhnung eine stinkende Friedenspfeife. Es war ein klobiges, qualmendes Imkergerät, einer normalen Tabakpfeife kaum ähnlich, und der billige rheinisch-pfälzische Bienentabak stank fürchterlich. Ja, wir hatten eine schöne Kindheit.“

Da ist wieder der liebe Lehrer Lammel, der wie gesagt in unserer Klasse lediglich anfangs seine Weltgeschichte und weiterhin Musik unterrichtete. Der Mann war ein weiteres Beispiel aus dem Lehrerkollegium einer kleinstädtischen Realschule der frühen 60-er Jahre. Wir beide sehen ihn noch heute in dem hellen Musikzimmer in der Backsteinschule, welches große hohe Fenster hatte, und wie er uns oft die immer gleiche Geschichte von seiner Kriegszeit irgendwo auf dem Balkan erzählt hat.

Für dich war das alles die Zeit des Ersten Weltkriegs, denn du konntest dir einfach nicht vorstellen, dass dieser weißhaarige, überaus freundliche und gütige Mann ein Oberleutnant der Hitlerwehrmacht gewesen war. Bei diesem Rang ein Berufsoffizier womöglich, der dann bei der ständig erwähnten Partisanenbekämpfung sicher mehr Greueltaten an Zivilisten gesehen oder sogar verübt hat, als sich ein Schuljunge nur vorstellen kann. Vielleicht wollte er es sich, genau wie dein Vater, einfach von der Seele reden. Die K. u. K-Zeit jedoch erschien dir aus einem weiteren Abstand eher als ein Epos, mit dem sich irgendwie eine gute, alte Zeit verknüpfen ließ. Das erinnerte dich an den braven Soldaten Schwejk, den Heinz Rühmann damals so vortrefflich im Kino vorzeigte. Da konntest du dir diesen Mann besser vorstellen. Ernst Lammel war auch unser Geschichtslehrer. Wie dein Vater konnte er besonders Kriegsgeschichten sehr gut erzählen. Jeder freilich auf seine Art. Oberleutnant Ernst Lammel war nach seiner Flucht vom Sudetenland in den American Sector ein Mitbegründer der BHE, der von Sudetendeutschen gegründeten Partei in Bad Betteldorf und dort dann auch ein Stadtverordneter, und er hatte ein hohes Ansehen in diesem seinem neuen Heimatstädtchen im etwas zu eng geratenen Tal.

Ja, und da waren wir aber schlauer! Wir haben vor der Lok einige leere Güterwagen gehabt, und wenn die bösartigen Partisanen dann unseren Zug sprengten . . . Na ja, und trotzdem haben wir unsere beiden Weltkriege ganz traurig verloren.“

Dann spielte er endlich die „Ballade von Prinz Eugen“, der so schrecklich tapfer gegen die bösen Türken vor Wien gekämpft hat, äh, hat kämpfen lassen. Schließlich hatten wir zum Ende der Lehrstunde hin wenigstens noch mindestens eine viertel Stunde vom angesagten Musikunterricht. Noten dafür haben wir dafür niemals richtig erlernt. Wann und wie auch?“

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[E 2 Freya] = Unser junger Held stammt aus einem ‚ordentlichen‘, und dabei vom patriarchalischen, kaiserlich-preußisch und durchaus noch militaristischen Großvater geprägten Elternhaus. Man war durchweg protestantisch, der Großvater selbst und später eine von Felix‘ Tanten sogar im Kirchenvorstand der Stadtgemeinde. Von den anderen Göttern hielt man dort nicht viel. Gern hätte ich den begeisterungsfähigen Felix, wie so viele andere von einem der großen Schlachtfelder seines so überaus an blutigen Kriegen reichen Jahrhunderts eingesammelt und von meinen Walküren nach unserem Walhall bringen lassen. Aber die Gnade seiner späten Geburt bewahrte ihn davor. Ziemlich genau drei Jahre nach dem letzten großen Weltkrieg wurde Felix nämlich erst geboren.

Sein Großvater, als Kind wurde der mit seinem Bruder bereits Vollwaise, war nach einer längeren Dienstzeit als wilhelminischer Kürassier im Geßler-Regiment zu Köln-Deutz, dann nach erstem Polizeidienst in Bad Betteldorf als Chef über einige Landjäger zum höchsten Polizeibeamten im Untertaunuskreis befördert worden. Felix Vater, der nach einem gymnasialen Einstieg in der Weltwirtschaftskrise dann doch vor dem Abitur eine Tischler und Schreinerlehre hat machen müssen, erzählt seinem Sohn, als der noch ein Knabe ist, einige seiner eigenen Jugenderinnerungen während dieser großen ökonomischen Katastrophe, und welche Auswirkungen das auf eine Familie hatte, die knapp an Geld war. Später erzählte er aus seiner SA-Zeit, aber sehr viel mehr von seinen Erlebnissen aus dem Krieg an der Ostfront in Russland. Zuletzt unchronologisch durchmischt mit abenteuerlichen aber amüsanten, dann einigen sehr schreckliche Episoden aus den Seealpen Italiens, wobei es schon wieder um diese bösartigen Partisanen ging, sowie um die zweieinhalb Jahre dauernden Kriegsgefangenschaft in Nizza an der Côte d’Azur, zum Glück an der warmen französischen Riviera also. Dort lernte der Vater Georg Steiner, und Karl Graumann kennen, den alle anderen Kriegsgefangenen „Tarzan“ nannten. Seine durchaus merkwürdige Vertrautheit mit Hauptmann Chartier hat der Vater nie so ausführlich geschildert. Sicher lieferte sein Schreinerberuf den Hauptgrund für die Kontakte zu dem französischen Offizier, denn sie bauten für Chartier ein größeres Segelboot, die „Monsun“. Seine Freundschaft mit dem manchmal sogar Gedichte schreibenden Infanteristen Arno hat ihm ein Erinnerungsstück beschert, welches Felix später im kleinen persönlichen Nachlass des Vaters fand. Es war ein schmaler Gedichtband mit einer persönlicher Widmung des guten Kameraden, hergestellt mit den einfachsten, meist frech eingeschmuggelten Dingen, die ihnen das Gefangenenlager in einer Kaserne bot.

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Unvergessene Wander-Episoden aus Felix‘ Kinder- und Jugendzeit gäbe es viele zu erzählen. Der Vater macht als einstiger „Wandervogel“ seinen Sohn auf den gemeinsamen Spaziergängen und langen Wanderungen schon früh mit den unterschiedlichen Landschaften der Heimat, ihrer schon lange währenden Natur- und Kulturgeschichte vertraut. Auch erwirbt sich der Junge bereits, bedingt durch das handwerkliche Vorbild des Vaters, Interessen und ein gewisses Geschick für verschiedene Gewerke.

Von der sich in der Nachkriegszeit stark emanzipierenden Mutter hat Felix den bäuerlich-kulturellen Teil seines Naturinteresses vererbt bekommen. Vielleicht auch seine philanthropischen Neigungen in gutmütiger Zähigkeit die Zustände besser zu machen oder gute Sachen so zu belassen. Auch einen gewissen Ehrgeiz, den des vielgestaltigen Vertrauens in die eigene Kraft, nämlich selbständig, auch gegen manche Widerstände angehend, etwas aus sich zu machen.

Die frühesten konkreteren Emanzipierungs-Episoden der Mutter gehören für den zwölfjährigen Felix bereits zum bewussten Erleben. Bis lange nach der Adenauerzeit war es den Ehefrauen nämlich nicht gestattet, irgendwo draußen arbeiten zu gehen, wenn es der Ehemann nicht erlaubte.

Die Famillje ist die Keimzelle des Staates.“ (vgl. O-Ton Bundeskanzler Helmut Kohl noch in den neunziger Jahren).

Felix kann sich durch quasi fremdbestimmtes Verlassen des Elternhauses dem immer stärker werdenden Konflikt mit dem in diesen Jahren trinkenden, die Mutter zeitgemäß unterdrückenden Vater, entziehen ohne es dabei zur anstehenden Eskalation kommen zu lassen.

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Wäre es denn wirklich ein Gewinn, ein Gewinn für den

Menschen, wenn er unsterblich wäre, statt – wie bald! – zu

vergehen und plötzlich dahinzumüssen? Wäre es ein Gewinn

für ihn: nicht in der Zeit zu sein, sondern unvergänglich wie

vielleicht – ein Stein oder ein ferner Stern? Liegt nicht

gerade in der Vergänglichkeit, und vor allem, im Wissen darum,

seine ihn auszeichnende unvergleichliche Kraft?“ Walter Jens*)

[E 2 Freya] =„Wir hatten Felix bereits früh zu einem unserer informellen Mitarbeiter gemacht, was er aber lange selber nicht ahnen konnte. Daran waren Sonja, also letztlich unsere Lea, dann ihre Eltern Hermes und Aphrodite wesentlich beteiligt. Es war ihre Idee, und Lea hielt zu Felix sein Leben lang engen Kontakt. Dies freilich stets in mancherlei Frauengestalten, die seinen Weg begleiteten und ihn dabei für die praktischen Zwecke von uns Göttern benutzten. Von Athene stammte nach unseren verworrenen Südsee-Aktionen auf Tahiti, Neu Kaledonien und in Auckland die Idee, Felix die Unsterblichkeit zu schenken. Sie meinte tatsächlich, es sei viel praktischer, ihn auch für längere Zeit ahnungslos zu lassen, aber zur friedlichen Bekehrung der Menschheit auf ihrer Seite zu wissen. Es waren Lea, Hermes und Aphrodite, Dionysos und ich Freya selbst, die Felix gut kannten, die aber nach guter Überlegung gegen eine Unsterblichkeit waren. Wir wussten sehr genau, dass Felix das selber niemals gewollt hätte. Alle seine menschlichen Freunde tot zu wissen, während er selbst seine Existenz auf immer und ewig verwandelt sähe, das wäre niemals sein eigener Wunsch gewesen. Vielmehr wirkte er zwar durch sein späteres erfolgloses Wirken gegen den Krieg, für Menschenliebe, Gleichheit und Gerechtigkeit, enttäuscht und resigniert, sah aber in seinen philosophischen Ansichten in einem natürlichen Tod eine große Wahrheit. Felix sehnte sich in seinem höchsten Alter sogar nach dem Tod, den er als Erfüllung und Erlösung zugleich anerkannte und selbstverständlich auch für sich akzeptierte.“

*

[E 2 Odysseus] = Auch ich bin, wenn man es denn so betrachten möchte, bereits als Mensch recht alt geworden. Eigentlich lebe ich nach meiner großen Wanderschaft als Krieger und Abenteurer fernab vom Geschehen der Welt weit hinten im Orient, wohin ich mich als geläuterter Krieger bald nach meiner Heimkehr in mein zerstrittenes Ithaka schließlich allein des lieben Friedens willen heimlich und still zurückgezogen habe. Man intrigierte in meiner Heimat gegeneinander und meuchelte dort erbittert um meinen so lange leerstehenden Königsthron. Seit der frühen Gründung des dir erst spät offenbarten Osloer Götterparlaments lebe ich seit diesen Tagen der ersten Nachkriegszeit im Jahre 1945 nur im Sommer an der südenglischen Küste, wo mir das nördliche Klima noch am ehesten zusagt. Im Winter zieht es mich manchmal zu den Säulen des Herakles, von wo es ins maghrebinische Marokko nicht weit weg ist. Nach dem bunten Marrakesch und Essaouira, die Städte kennst du ja selbst aus deiner nachvollzogenen Hippiezeit und von späteren Reisen.

Hermes gilt bei uns in Olso als dein göttlicher Vater und Aphrodite als deine Mutter. Die nordische Göttin Freya nun, die trotz ihrer rebellischen Walküren inzwischen unserer starken Friedensdelegation vorsteht, sprach neulich mit mir über dich, mein lieber Felix. Dabei erfuhr ich erstmals auch von deiner schicksalshaften lebenslangen Verbindung zu Lea. Die kanntest du bereits, dann als deine Mitschülerin ‚Sonja‘. Natürlich hast du dich in sie verliebt. Das hätte ich an deiner Stelle damals mit einiger Sicherheit auch gemacht.

Wenn ich es recht bedenke, könnte man deinen hier geschilderten Lebensweg kaum verstehen, wenn dich Lea nicht an ihrer Hand gehalten hätte. Jetzt verrate ich damit kein Geheimnis, denn du bist selber bereits alt geworden, denkst über dein Leben nach, und irgendwie habe ich den deutlichen Eindruck, als würdest du sogar meinem eigenen Schicksal ein wenig folgen müssen. Tatsächlich fördern uns das Alter und eine langjährige Abgeschiedenheit so manche verborgenen Einsichten und selbstkritische Erinnerungen zu Tage, die ohne eine rechte Besinnlichkeit, ohne stille Einkehr, ohne wirkliche Einsamkeiten des Denkens uns kaum dermaßen bewusst werden würden.

Freya sagte mir, dass ich mich dir ein wenig annähern könnte, denn mein guter Sohn Telemachos ist weit weg und immerzu genug mit sich selber beschäftigt. Ich freue mich als Vater letztlich darüber. So sei gewiss, mein lieber Felix, dass auch du in mir einen Nestor finden wirst, der dich wohlwollend begleiten möchte. Die vielen anderen, die weiterhin menschlichen, jene dir einst nahestehenden Erzählerinnen, die wir freilich zu diesem Zweck mit manchen magischen Fähigkeiten ausgestattet haben, sorgen bereits genug dafür, dass du bei der Reflexion auf dein Leben beizeiten ins Grübeln kommst, du deine einstigen männliche Leichtigkeiten wohl bedenkst, allerlei grausame Ernsthaftigkeiten begreifst, die hinter dem Lauf der Welt stecken.

Die ständigen Krieg sind dabei das Schrecklichste! Abscheulich zuletzt, wenn man in ihnen schnell an seiner Seele und edlen Gefühlen verroht. Das sage ich dir allein aus meiner eigenen Erfahrung heraus.

Wir waren Männer einst, das Leben ist nun fast getan, und dennoch ist uns die Reue an seinem Ende fast eine Wohltat. Die schmaler gewordene Zukunft bedeuten dem Heimgekehrten die Spur in eine endlose Gelassenheit, die der Erinnerungen, und zugleich die letzten wirklich menschlichen neuen Aufgaben in der realen Erwartbarkeit eines erlösenden Todes.“

Ich selber bin froh darüber, dass du aus in dir selbst erwachsenden, pazifistischen Motiven heraus die höchst vernünftige Sehnsucht nach Frieden als das Motto für deine Lebensgeschichte gewählt hast.

Zu deiner ebenfalls sensiblen, etwas zu harmoniesüchtigen aber selbstbewussten göttlichen Mutter Aphrodite hattest du nicht so sehr engen Kontakt, wie einst zur deiner weltlichen, leiblichen, gutmütigen aber dennoch emanzipierten Mutter Hilde. Das ist aber vollkommen natürlich. Hermes, der eher schlitzohrig agierende, phantasievolle Aktivist ist dagegen der wahre Kontrast zu deinem weltlichen Vater Erich. Das bereichert deine Geschichte, denn da haben wir einen Mann vor uns, der als einfacher Infanterist den Krieg mit all seinen Grausamkeiten selber am eigenen Leib hat erleben müssen. An anderer Stelle werde ich dir gedanklich darüber hinaus zunächst einige Stichworte zu deiner Kindheit und Jugend übermitteln. Für heute grüße ich dich – Dein Odysseus.

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[E 1] = Liebe Leserinnen und Leser! Die wichtigsten anderen Erzählerinnen und Erzähler werden bald näher eingeführt. Noch aber geht es inhaltlich im wesentlichen um die Charakterisierung von Felix als eine durchaus reale, manchmal aber auch fiktive Hauptperson. Das lässt sich in einem Roman, sei er auch noch so biografisch angelegt, meistens nicht vermeiden. Aber auch die Handlung selbst und ihre Dialoge haben sich einmal entweder genauso ereignet, zumindest so angehört, oder sie hätten sinngemäß oder inhaltlich durchaus so sein können.

*

Erste Dramatisierung (vorweg auch als Dramatische Konturierung): Felix hat mit neunzehn Jahren eine außerordentlich attraktive, geliebte Freundin, die leider ständig fernab in Südwestfrankreich in der Charente-Maritime lebt. Sich einfach einmal gelegentlich zu besuchen, das war zu jener Zeit nahezu unmöglich, zumindest wäre es sehr aufwändig und darüber hinaus teuer gewesen.

Das ahnen oder wissen wir bereits. Die hübsche Französin mag Soldaten, die wären harte Männer und ihrem Vaterland treu ergeben, so sagte oder schrieb sie einmal. Sie würde also, falls er während seines Kriegsdienstes zu den Fallschirmjägern ins Saarland ginge, ihrerseits im nahen Strasbourg studieren wollen, allein um sich dann örtlich und körperlich näher zu sein.

Felix steht nun schlagartig in einem Konflikt, denn es zieht ihn schon früh stark zur Seefahrt hin, in diesem Falle eben zur Marine – er will natürlich auf ein Bordkommando, auf ein Schiff – so bricht er seiner Danielle gegenüber mit dieser etwas anders gearteten Herzensentscheidung das Liebesversprechen.

Im April 1968 kommt Felix in die dreimonatige Grundausbildung bei der Bundesmarine, die größtenteils und oft genug wieder einer übertriebenen, barrasmäßigen Veranstaltung gleicht, jetzt zusätzlich in Nato-Oliv uniformiert, dabei aber weiterhin von den jungen Soldaten den berüchtigten preußischen, feldgrauen Kadavergehorsam erfordert. Vieles, was ihn dort als Rekrut erwartet, kennt er bereits aus den Anekdoten und Geschichten, aus den Erinnerungen des Vaters. Aber bei der Marine lernt Felix freilich auch viel zur praktischen Seemannschaft, Kenntnisse, die er später noch gut wird brauchen können. Muskelaufbauendes Kutterpullen auf der Elbe gehört regelmäßig zum Programm. Sie üben viele der bewährten, klassischen Seemannsknoten, putzen und ölen ihre Waffen, stehen bei den strengen Kontrollen ihrer Spinde erst stramm, dann „gerührt“.

Dann war da wöchentlich der infanteristische „Landkampf“, wie das meist schweißtreibende, für Grenadiere absolut übliche Gerenne und tiefe Herumkriechen im Gelände mit dem Sturmgewehr G-3, gar einem Maschinengewehr oder der Panzerfaust in der Hand, bei der Marine genannt wird. Landkampf? Erst einmal immer noch besser als wieder ein Seekrieg.

Zweite Dramatisierung (vorweg auch als Zentraler Konflikt): Felix steht im Konflikt, dass er wegen anerzogener Begeisterung, der er bereits etwas skeptisch gegenübersteht, beim Militär wenigstens gut schießen lernen möchte. Aufgrund der politisch bewegten Jugend im Westen, vor dem Hintergrund der ersten Studentenrevolten in Deutschland und Frankreich, wegen des bestialischen Krieges der USA in Indochina und dem dort geführten „Vietnamkrieg“ unterstützenden Verhaltens des Nato-Mitglieds Deutschland diesem Völkermord gegenüber, verweigern inzwischen immer mehr junge Wehrpflichtige den Kriegsdienst mit der Waffe. Das ist der Zeitgeist, dem einige von Felix Freunden angeblich längst folgen, und sie haben nur wenig Verständnis für den zwar bereits etwas kritisch entwickelten Felix, der nicht unbedingt zum Militär, dann aber eben zur Marine möchte.

„Als Bundeswehrsoldat kannst du in Wirklichkeit kein Pazifist sein“, wirft man ihm bei jeder besten Gelegenheit vor.

Felix weist darauf hin, dass er das etwas anders sieht, denn, so sagt der Realschüler seinen als Abiturienten bald studentischen Freunden: „Zwei Seiten hat die Barrikad‘, wo stehst du Bundeswehrsoldat?“

Und damit, liebe Leserinnen und Leser beginnt thematisch die eigentliche Lebensgeschichte von Felix, die zugleich ein rein humanes, aber auch ein kritisches historisches Zeugnis über eine ihm erzählte oder selbst erlebte Zeit ablegen möchte. Bald den Krieg der Menschen brandmarkend und noch mehr aber gegen sich selbst gerichtet, scheint Felix‘ Bericht bereits einem ihm viel später wichtig gewordenen Gedichtband von Erich Fried mit dem Titel „Gegen das Vergessen!“ zu folgen.

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[E 2 Margot] = Die historische, uns hier ebenfalls relevante Vorgeschichte, wenn sie sich ursprünglich um deine kritische gesellschaftspolitischen Bewusstseinsbildung in den vorhergehenden vier Jahren dreht, ist schnell zusammengefasst. In der Schule bist du gegen ihr Ende hin im Literatur-, Sozialkunde- und auch im Geschichtsunterricht manchmal doch etwas verwundert gewesen, weil du dir angewöhnt hattest, hin und wieder auch über den Tellerrand zu schauen. Da fehlte dir mancher würdigende Hinweis auf modernere Schriftsteller, die du fast durch Zufälle bestimmt bereits gelesen hattest, zumindest vom Namen her kanntest und sie einordnetest und dir vormerktest. Viel Geld für Bücher hattest du leider nicht. Aber auch die halbwegs interessanten Inhalte in den Bücherschränken eurer Schülerbibliothek, die du in den letzten beiden Jahren verwalten durftest, waren ausgelesen.

Das Taschengeld, das du dir weitgehend durch das Austragen von Zeitschriften und Illustrierten an drei Nachmittagen in der Woche verdiente, reichte nur knapp, denn du kauftest dir deine Kleidung und manche Schuhe meist selbst. Ein normal dickes Taschenbüchlein kostete in den Buchhandlungen in Wiesbaden damals nur etwas mehr, als ein Kinobesuch am Samstag Abend. Eine Mark zwanzig, bzw. eine Mark und siebzig Pfennige.

Weshalb ist Bert Brecht nach der Hitlerzeit eigentlich rüber in die kommunistische „DDR“ gegangen? Und hier gibt es beispielsweise vom Rowohlt- oder Fischer-Verlag trotzdem alle seine Bücher zu kaufen.

Als es endlich um die spannende parlamentarische Grundordnung ging, fragte er nach dem merkwürdigen Schicksal der vor wenigen Jahren erst von Adenauer verboten Kommunistischen Partei in Deutschland.

Die deutschen Kommunisten haben doch auch heldenhaften Widerstand gegen das Hitlerregime geleistet, nicht nur Pfarrer und die Offiziere wie der Staufenberg. Warum wurden sie dann hier bei uns als Partei verboten?“

Auch im Geschichtsunterricht blieben in deiner Erinnerung manche gestellten Fragen vollkommen offen.

Ist der römische Limes damals nicht so etwas wie die böse Berliner Mauer gewesen? Voller Wachsoldaten, die auf ihr erobertes Gebiet gut aufgepasst haben. Weshalb sollen wir ihn für teuer Geld zu einem nationalen Museum machen? Das sollten doch eigentlich die heutigen Italiener bezahlen müssen.“

Warum haben nationalistische Regierungstruppen und SPD-Politiker in der Novemberrevolution 1918 und später einmal am 1. Mai auf Bürger und Arbeiter schießen lassen? Man hat dabei viele Menschen umgebracht. Die SPD ist doch selber eine erklärte Arbeiterpartei gewesen, oder etwa nicht.“

Dieser Lehrplan endete sowieso in einer sehr merkwürdiger Weise mit den letzten Tagen der Weimarer Republik. Später bitte keine Fragen an die deutsche Geschichte?

Die Realschule der Nachkriegszeit blieb weiterhin realistisch und war mit ihrem vermittelten Wissen auf eine eher praktische Verwendung im nützlichen Zusammenleben der Menschen ausgerichtet. Also machten Realschüler damals, ganz wie zuvor meist eine Lehre in einem von IHK oder Handwerkskammer anerkannten Ausbildungsberuf oder sie wurden später höchstens zu mittleren Beamten. Die Mädchen unter ihnen sollten sowieso baldmöglichst heiraten. Aber in diesem Muster kam es bei manchen von ihnen in ihren Karrieren vollkommen anders. Sie machten ihren Weg. Sie studierten später sogar.

*

Während seiner Lehrzeit, war Felix abgesehen von den verschiedensten Büchern, auch zum regelmäßigen Leser des Hamburger „Spiegel-Magazins“ geworden. Die gemeinsamen Wanderung mit dem Vater wurden jetzt seltener. Der marschierte sonntags ganz allein durch die Wälder und kam oft etwas beschwipst zu seinem im Bett warmgestellten späten Mittagessen heim.

Felix hatte sich für fünf Mark ein altes NSU-Qickly erworben und war damit in seinem Amiparka und einer groben beigefarbenen Manchesterhose im Taunus, im Rheingau und bis nach Koblenz sowie in der Pfalz unterwegs. Sonntags schlief er etwas länger, sah sich später im Fernseher den Frühschoppen mit Ernst Höfer und den „Wochenspiegel“ der ARD-Tagesschau an und wartete dabei auf das leckere Mittagessen, das die Mutter immer ganz allein zubereitete. Meist knatterten währenddessen allerlei Hubschrauber über Palmenhaine und Reisfelder. Das alles in noch in Schwarzweiß. Abenteuerlich aussehende GI’s trugen ihre verwundete Kameraden und beförderten sie sehr fototauglich und kameragerecht in einen der Bell-Helikopter, ohne zu wissen (oder doch), wer allein an diesem Krieg profitiert, in dem sie für irgendeine dubiose Freiheit für die Welt kämpfen und mit einem immensen Materialeinsatz schließlich massenhaft Menschen töten mussten. Sind ein paar Millionen Menschen bereits Massen? Mit einiger Sicherheit sind sie es. Meist waren die Mörder wohl eh bekifft, was er zwar schon damals wusste, aber erst sehr spät in seinem Leben begriff er, was ihm da alles womöglich entgangen war. Es war immerhin seine Generation, und die war in mindestens zwei Lager der Weltanschauungen gespalten.

Im ersten Quartal des Jahres 1968 würde die Lehrzeit mit der IHK-Prüfung abgeschlossen werden. Was nun den Vater betraf, den man wegen seiner ewigen Bandscheibenprobleme stellvertretend in die Büroleitung der Betriebskantine versetzt hatte: da wurden zu Beginn des Jahres in der der BRD Arbeiter den Angestellten arbeitsrechtlich gleichgestellt und erhielten nun ebenfalls eine sozial dringend erforderliche Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. So war der sehr späte Wechsel das Vaters in ein Angestelltenverhältnis nunmehr zumindest in dieser Beziehung nicht mehr sonderlich vorteilhafter.

Die Mehrwertsteuer wurde eingeführt. Sie betrug damals erst einmal nur 10 Prozent, war aber für bestimmte Produkte wie Nahrungsmittel und Druckerzeugnisse auf 5 % ermäßigt. Diese Mehrwertsteuer, in jeder einzelnen Waren- und Dienstleistungsstufe erneut aufgeschlagen, wird mit dem Finanzamt verrechnet, so dass am Ende nur die Differenz zu zahlen ist. Sie ersetzte die 4-prozentige Umsatzsteuer. Am bitteren Ende wird die Mehrwertsteuer selbstverständlich ebenfalls ganz allein vom letzten Verbraucher bezahlt. Deshalb ist sie eigentlich eine Verbrauchssteuer. Unternehmer, Firmen, niedergelassene Handwerker und Freiberufler, die zur Verrechnung der gezahlten „zur Vorsteuer Abzugsberechtigte“ sind, müssen also nur die verbleibende Differenz an den Fiskus zahlen, addieren sie natürlich bei ihrer Kalkulation bei Produktverkauf oder einer erbrachten Dienstleistung bei ihrer entsprechend höheren Rechnungsstellung an den Kunden. Die frühere Umsatzsteuer als ein betrieblicher Kostenfaktor wird damit lediglich zu einem „durchlaufenden Posten“ in der betrieblichen Buchführung. Steuern? Der Letzte macht nicht nur bitte das Licht aus, er zahlt auch die ganze Zeche.

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Was nun die jüngeren Leute in diesen Jahren mehr interessiert, dass im Januar der deutsche Spielfilms „Zur Sache, Schätzchen“ mit Uschi Glas in manche der Kinos kommt. In Bad Betteldorf wird er nicht gezeigt, man müsste dazu nach Wiesbaden in die Landeshauptstadt fahren. Dieser Film avanciert bald, ganz wie das Musical „Hair“, oder das amerikanische Roadmovie „Easy Rider“, zu einem der Events und Kultfilme jener Jahre, und trägt sehr viel zum Selbstverständnis einer politisch und moralisch aufmüpfigen Generation bei. Die Provos und langhaarigen Gammler wurden zu bunt beseelten Hippies und von den Elterngeneration gern in einen gleichen Topf geworfen oder in einen anderen Sack gesteckt.

Fast alle Erwachsenen wollten diese Jugend gern wenigstens zum Friseur schicken, ihnen dort den Scheitel ziehen lassen, oder sie hatten andere praktische Lösungen im Auge. Der allerschlimmste Lösungsvorschlag, den sich die jungen Menschen anhören mussten, war wieder einmal die „Endlösung“.

Man war rebellisch, aufsässig, eigensinnig, romantisch verträumt und zunehmend friedliebend. Man neigte zumindest in einem organisierten gewerkschaftlichen, studentischen und kirchlichen Widerstand gegen das immer noch herrschende Nazisystem der Väter. Wieder einmal hatten wir die „schlimmste Jugend, die wir jemals hatten“, wie sich Sokrates bereits auszudrücken pflegte.

Den Rest besorgten zahlreiche angesagte Rockbands, oder die berühmten Sänger, allen vorweg Mick Jaegger oder Soloidol Bob Dylan. Ein Jahr später dann das Woodstock-Festival.

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In Prag wird Alexander Dubček Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Der Traum von einem „Sozialismus mit einem menschlichen Antlitz“, der sogenannte „Prager Frühling“ wird für dieses eigenwillige Ostblockland acht Monate später bereits ausgeträumt sein.

Der Kaufhauskonzern und Versand Quelle bietet Anfang Januar als erstes deutsches Versandhaus die neuartige Tiefkühlkost an. Die Mutter träumt vielleicht auch von eine Gefriertruhe, denn sie läuft jeden Tag von ihrer Arbeitsstelle für knappe eineinhalb Stunden nach Hause, allein um ein Mittagsessen für die jetzt 10-jährige Tochter zu kochen. Abends gibt es davon oft noch einiges aufzufuttern. Felix kocht sich hin und wieder „Spaghetti Miracoli“ von Nestlé-Maggi, denn ein viel, viel besseres, selbst gekochtes Spaghetti-Bolognese kannte man für sich damals als eigentlich einfachste Rezeptur leider noch nicht. Auch Pizzas waren nicht bekannt.

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Im Frühsommer 1968 wird im dänischen Billund das Legoland eröffnet. Felix wird sehr bald in dänischen Gewässern herumfahren, dem Legoland aber erst fünfundzwanzig Jahre später einen Besuch abstatten können.

Das wird unseren Kindern bestimmt gefallen“, sagte zuerst Ursi.

In Hennestrand haben sie zwar immer eine tolle Zeit beim Spielen in der freien Natur, man muss ihnen aber auch einmal so etwas zeigen“, fügte Jonny hinzu.

Die Kinder der zwei befreundeten Paare Jonny und Ursi sowie Felix und Hansi, waren allesamt begeistert. Jannis und Heli, Chris und Cora konnten es nicht erwarten, auf ihrer Heimfahrt nach Kiel bzw. Bad Betteldorf dort im Legoland nach Ostern einen ganzen vollen Tag verbringen zu dürfen..

Also Felix, jetzt sei bitte kein Spielverderber! Da gibt es nicht nur diese bunten Plastikbaukötzchen. Hier schau dir mal den Prospekt an. Das wird bestimmt für uns alle interessant werden“, versuchte Hansi zu überzeugen.

Wie kommt ihr eigentlich alle darauf, dass ich dort nicht hin möchte? Klar bin ich immer für Besichtigungen, wenn es schon uns allen etwas bringt“, rief Felix verwundert.

Bereits Mitte Januar wird es in der Welt wieder deutlich gruseliger. In der „realsozialistischen“ DDR wurde ein neues Strafgesetzbuch beschlossen. Es verschärfte Strafen für „politische Delikte“. In Aachen beginnt endlich der lange erwartete Contergan-Prozess gegen mächtige Pharmakonzerne. Auch die amerikanische Atomrüstung lenkt ein wenig von den Ereignissen des Vietnamkriegs ab. Bei einem Atomwaffentest erfolgt 1.000 Meter unter der Wüste von Nevada die bisher stärkste Explosion. Da die Amerikaner genug Atombomben besitzen, verlieren sie solche auch einmal gern irgendwo in ihrer großen freien Welt. Der Absturz eines US-Langstreckenbombers vom Typ Boing B-52 südlich der Thule Airbase auf dem dänischen Grönland mit vier Wasserstoffbomben an Bord fordert ein Todesopfer und sorgt für schwere Verstimmungen zwischen dem kleinen Nato-Dänemark (das mit dem Legoland) und der US-Regierung, die eigentlich überall herrscht. Drei der schrecklichen Bomben können aus dem Eismeer geborgen werden. Die Suche nach der vierten in der Baffin Bay wird erst im Jahr 1979 erfolgreich sein. Ob bei den Unfällen auch Radioaktivität freigesetzt wurde, bleibt lustigerweise in den freien Medien umstritten, der Absturz löste aber nachweislich radioaktive Kontaminationen in der weiteren Umgebung aus.

Während die Hongkong-Grippe grassiert, die weltweit zwischen 750.000 und 1 Million Menschenleben forderte, bringen andere B-52-Bomber weiter Tod und Verwüstung über Indochina. Felix war an einem ihrer Gruppenabende beim Dekanats-Jugendwart Volker der Ansicht, dass dabei leider viel zu wenige dieser Bomberbesatzungen abstürzen. Es gab eine lange Diskussion, ob Pazifisten sich agitatorisch für eine dieser Kriegsparteien aussprechen dürfen.

„Gibt es nicht auch so eine Art ‚gerechte‘ Kriege, in denen sich die Menschen gegen die ihnen aufgezwungene Gewalt nur wehren?“

Das natürlich nicht, war der allgemeine Konsens. So wie einst Mahatma Gandhi, entweder gegen jedwede Art Gewalt, gerade auch kriegerischer Natur oder gar nicht.

„Dann möchte ich kein Pazifist sein, aber lieber jemand, der gegen Krieg und Unrecht kämpft, dann mit allen Mitteln, genau wie die von einer Übermacht angegriffenen kommunistischen Vietnamesen es weiterhin gegen die Amerikaner tun müssen“, wehrte sich Felix.

Und wie man wohl mit den neuen Faschisten umgeht, die vermutlich von der CIA nur an die Macht gebracht werden, damit einer der wichtigen Eckpfeiler gegen den Kommunismus nicht zu wackeln beginnt. Das blutrünstige griechische Folter-Militärregime unter Papadopoulos war nämlich als erster aller Nato-Staaten ausgerechnet von der irgendwie doch traditionell verfeindeten Türkei anerkannt worden.

Dachten diese jungen Leute damals wirklich schon dermaßen realistisch und in Zusammenhängen? Wohl kaum.

„Das ist aber schon sehr merkwürdig, denn die Amerikaner haben tatsächlich für diesen Militärputsch in Griechenland gesorgt.“ Das sagte Volker dazu, der sich eine letzte Ausgabe seines abonnierten Spiegel-Magazins ergriffen hatte.

„Ich bekomme meine Spiegel immer erst eine Woche später geschenkt, wenn ein Arbeitskollege sie ausgelesen hat“ sagte Felix, und er blätterte dann interessiert in dem neuen Heft.

„Nordkoreanische Schnellboote haben das vermutlich in ihre Gewässer eingedrungene amerikanische Spionageschiff „USS-Pueblo“ aufgebracht.“

„Die Nordkoreaner sind selber so etwas wie Faschisten“ sagte Axel, der eine südkoreanische Krankenschwester kannte, die in einem Wiesbadener Krankenhaus arbeitete, in dem sein älterer Bruder bereits ein Assistenzarzt war.

„Denke, dass ich wie mein Bruder ebenfalls Humanmedizin studiere. Da kann ich später vielen Menschen helfen und mir dabei noch gutes Geld verdienen.“

Ein Vorbild für die Studenten in den USA, in Paris, Berlin, Frankfurt und München? Bereits Ende Januar 1968 brechen in Manila der Hauptstadt der quasi amerikanisch unterjochten Philippinen, die allgemein als „First Quarter-Storm“ bezeichneten schweren Studentenunruhen aus.

Im Vietnamkrieg beginnen Ende Januar nordvietnamesische Truppen und Einheiten der nationalen Front für die Befreiung von Südvietnam die große Tet-Offensive unter General Võ Nguyȇn Giáp, die gerade zum buddhistischen Neujahrsfest für amerikanische und südvietnamesische Truppen völlig überraschend kommt. Besonders betroffen sind die Städte Saigon und die alte Kaiserstadt Hué, die bei den schweren Kämpfen fast vollständig zerstört wird. Im A-Shau-Tal in der Nähe von Hue haben B-52-Bomber die bisher schwersten Luftangriffe des gesamten Vietnamkrieges gegen die dortige nordvietnamesische Bevölkerung und einige militärischen Stellungen geflogen.

Während der Tet-Offensive im Januar bis Februar 1968 befinden sich auf antikommunistischer Seite etwa 1,5 Millionen südvietnamesische Soldaten des Thieu-Regimes und dazu 500.000 amerikanische Soldaten im Einsatz. Zwar scheitert die starke Offensive Nordvietnams und der FNL-Kämpfer, aber sie war militärisch sowohl auch politisch, dann ganz besonders propagandistisch und psychologisch dennoch außerordentlich wirksam. Danach regen sich tatsächlich schnell stärkere Proteste gegen den Vietnamkrieg der USA in aller Welt, und diese leiten letztendlich den nun beginnenden sukzessiven Rückzug, dann zuletzt eine panische Flucht der USA aus dem obsiegenden Vietnam ein. Dieser Krieg wird nach 1968 für den in der zunehmenden Kritik des eigenen Volkes stehenden Uncle Sam konventionell nicht zu gewinnen sein. Die Welt wartet zunehmend auf Friedensgespräche oder auf eine nukleare Katastrophe, was den Amerikanern durchaus zugetraut wird.

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[E 1] = Jetzt ist es wieder an mir, dich an die Tage und Wochen kurz vor deinem Aufbruch in Richtung Marine zu erinnern. Du hattest immer noch das gemütliche, mit einem offenen Kamin ausgestattete solide Gartenhaus. Weit hinten auf dem inzwischen eingewachsenen Grundstück war es gelegen. Dort kam es gelegentlich zu allerlei heimlichen Schäferstündchen – besonders auch mit Heidrun.

Was mir dabei komisch erscheint, dass ihr euch kaum sonstwo getroffen habt. Noch nicht einmal ins Kino seid ihr zusammen gegangen, geschweige denn zu anderen Veranstaltungen oder zu den wenigen Bierkneipen, die vom nahezu nur männlichen Bekanntenkreis frequentiert wurden. So gesehen war das mit Heidrun eine rein sexuelle Angelegenheit, aber auch sie schien damit zufrieden gewesen zu sein. Bald aber wurdest du bei ihren Eltern eingeführt, und da du sehr bald darauf zur Marine gehen musstest, bist du für dein Gefühl mit einem blauen Auge davongekommen.

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was bess‘res findet“ schreiben Schiller und Goethe sinngemäß in der „Glocke“ oder in „Hermann und Dorothea“. Na, das Stück kennst du ja aus eurer „Deutschstunde“. Nicht aus der Erzählung von Siegfried Lenz. Was aber ist damals anderswo noch in der Welt passiert?

Kaum beachtet von dir, denn du hattest wirklich andere Interessen, als abends pünktlich um acht Uhr die Tagesschau anzusehen. Diese und die nicht weniger halbamtliche Nachrichtensendung ‚Heute‘ des ZDF gibt es ab dem 29. März 1968 für die deutschen Fernsehzuschauer sogar in Farbe. So ein sündhaft teures Gerät konnten sich aber die Allerwenigsten kleinen Leute leisten. Das galt damals für die anderen Geräte der Unterhaltungsindustrie ebenfalls. Eine Schwarzweiß-Glotze und ein Monoradio mussten genügen. Zu farbigen Sportübertragungen gingen die besonders die Fußballfans in eine Kneipe.

Beim Brandanschlag am 13. Februar auf das Altenheim der Israelithischen Kultusgemeinde in München sterben sieben der Bewohner. Derartige Nazi-Brandanschläge werden weniger als fünfzig Jahre später hauptsächlich gegen ausländische Mitbürger, Asylanten und aufgenommene Flüchtlinge gemacht, die zumeist wegen unserer in ihren Heimatländern geführten Kriege den bei uns sogar grundgesetzlich verbürgten Schutz und eine neue berufliche Existenz suchen. Die deutsche Zivilgesellschaft würde sich angesichts einer juristisch und politisch tolerierten braunen „Pegida“ und einer ultrarechten „Initiative für Deutschland“ immer mehr polarisieren.

Am 21. Februar stürzt in der Schweiz der Swissair-Flug 330 vermutlich aufgrund eines palästinensischen Bombenattentats ab. Für die Medien gibt es natürlich keine anderen Täter. Ziel des Anschlags war angeblich aber die israelische Fluggesellschaft El-Al. Was sind eigentlich Palästinenser, dass man sie für eine solche Angstmacherei benutzt? Was geschieht mit ihnen? Wie müssen sie leben? Wehren die sich nicht zurecht gegen einen zunehmend mörderischen und landräuberischen Zionismus? Es kann aber auch sein, dass hier einige Dilettanten am Werk waren, die wieder einmal hochgradigen Mist gebaut haben. Mehr möchte ich im Moment nicht verraten. Es sind und bleiben Vermutungen.

Die Unruhen von 1968 beginnen im sozialistisch regierten Polen am 8. März zunächst ebenfalls mit Studentendemonstrationen. Von den Philippinen über Europa bis in die USA wird dieses denkwürdige Jahr von Protesten gegen die eigenen Regierungen durchwachsen.

Am 18. März beschließt der US-Kongress, dass die Goldreserven für den inflationären US-Dollar künftig nicht mehr vorgehalten werden müssen. Der immer mehr Kosten verursachende intensive Krieg, besonders der in Indochina, erfordert eine zunehmende Liquidität des Staates, um die Rachen der Rüstungsindustrie zu stopfen, und um die in Wahrheit volkswirtschaftlich rein „unproduktive“ Vernichtung von Menschen- und Kriegsmaterial zu finanzieren.

Aber erst am 18. März 1970 würde Lon Nol als erklärter Freund Amerikas, natürlich im Auftrag der CIA Prinz Norodom Sihanouk, den legitimen Regierungschef von Kambodscha, entmachten. Kambodscha galt bis dahin als ein in diesem Krieg neutrales Land, war aber allein durch die nordvietnamesischen Nachschubwege zugunsten der Kämpfer im Süden, die als „Ho-Chin-Minh-Pfad“ auch durch weite abgelegene Teile des nördlichen und östlichen Kambodschas führten, strategisch (ganz wie auch das arme Laos) das Ziel unvorstellbar massiver Flächenbombardements durch die US-Luftwaffe. Allein die Menge der im östlichen Kambodscha und auch in Laos abgeworfenen Bomben und Minen ist bis heute unvorstellbar. Der Vietnamkrieg war nach der schlagartigen militärischen Niederlage der Kolonialfranzosen im Jahr 1955 auch durch die Schlacht von Dien Bien Phu schnell wieder zu einem weiter anhaltenden und immer weiter ausufernden rein antikommunistischen „Indochinakrieg“ geworden, in dem versucht wurde die auch zivile Bevölkerungen zu terrorisieren oder in Kampfhandlungen oder mit höchst giftigen Dioxinen schlichtweg auszurotten!

Massive Bombardierungen auch der erklärt neutralen Länder Kambodscha und Laos, die durch die Menge der Bomben einen historischen Rekord aufstellen, wurden lange Zeit von den USA und den westlichen Medien vor der Weltöffentlichkeit verschwiegen. Es war weiterhin ein unerklärter, diesmal „Der geheime Krieg“, und so kennt man diese Verbrechen der USA gegen die Menschlichkeit bis heute kaum.

Im Vorfrühling startet der Deutsche Sportbund die „Trimm-Dich-Bewegung“, während Bundeskanzler Willy Brandt sich im Hotel Erfurter Hof mit dem Ministerpräsidenten der DDR Willi Stoph trifft. Ende März reden sogar die vier Besatzungsmächte miteinander über ein Berlinabkommen, das den Status der Stadt für die Zukunft eindeutiger klären soll. Der bereits sichtbar vorangehende Entspannungsprozess zwischen Ost und West soll dadurch aber nicht gestört oder beeinflusst werden. Wie denn das?

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Unter dem schockierenden Eindruck, den die Tet-Offenive ausgelöst hatte, reduziert US-Präsident Lyndon B. Johnson, sicher auch allein aus reinen Kapazitätsgründen die Bombenangriffe in Vietnam und auf die neutralen Nachbarländer Indochinas. Er fordert, dabei immer noch auf einem hohen Rosse sitzend, heuchlerisch den Beginn von Friedensgesprächen. Ganze sechs Jahre würde der abscheuliche Krieg mit seinen Millionen Opfern aber noch weitergehen.

Am 30. Januar 1968 begann also die politisch hochgradig erfolgreiche Tet-Offensive. Zum buddhistischen Neujahrsfest Tet schlagen Vietcong und nordvietnamesische Truppen in einem groß angelegten und massierten Überraschungsangriff los. Die US-Imperialisten und die Armeeschergen der südvietnamesischen Marionettenregierung in Saigon haben erstmals in diesem Kriegsverlauf recht große Verluste und müssen sich aus vielen Gebieten erbärmlich geschlagen zurückziehen. Dennoch erlangen die Amerikaner und die südvietnamesischen Thieu-Truppen bald wieder die Überhand. Es zeichnet sich dennoch ab, dass es im Vietnamkrieg besonders für die Amerikaner keinen schnellen und ganz sicher keinen guten Ausgang nehmen wird.

Im Februar 1968 beginnen in der BRD und Westberlin erste gezielte Proteste gegen den deutschen Pressegiganten Springer. Der überaus konservative und hetzerisch agierende Springer-Verlag gilt besonders den linksorientierten Studenten als Symbol für die sich monopolisierenden Medien in einem angeblich ‚freiheitlich-demokratischen‘ Kapitalismus. In Berlin findet das Springer-Tribunal der APO statt, in dem vehement die Enteignung des Verlegers Axel Cäsar Springer gefordert wird. Das Attentat auf Rudi Dutschke im April wird, wie die bewusste Ermordung von Benno Ohnesorg im Jahr zuvor, zum Fanal der meist studentischen Proteste. Auch in Frankfurt am Main brennen zu Ostern Springer-Autos, und die Auslieferung der BILD-Zeitung wird teilweise verhindert.

In dieser amerikafeindlichen, emotional aufgeheizten Stimmung findet in Vietnam vor den journalistischen Augen der Welt eine Exekution auf offener Straße statt. Eine schrecklich verdeutlichende Tat in den Greuel des Krieges wird durch Pressefotos in fast jedes Wohnzimmer der Welt verbreitete: Der Polizeichef von Saigon erschießt vor den laufenden Kameras versammelter Journalisten einen angeblichen Kämpfer des Vietcong. Die abscheulichen Fotos und die dabei gedrehten Filme von dem öffentlichen Mord löst in vielen Ländern große Proteste aus, dann besonders in den USA. Auch in der BRD verstärkt sich der Protest gegen den barbarischen Vietnamkrieg sichtbar.

Am 17. und 18. Februar versammeln sich Tausende Menschen an der TU-Berlin zum Internationalen Vietnam-Kongress. Einer der Sprecher ist natürlich auch Rudi Dutschke. Mehr als 20.000 Demonstranten gehen danach auf die Straßen West-Berlins, um weiterhin im Massenprotest gegen die von Westdeutschland deutlich und klar unterstützte, kriegerische US-Politik lautstark zu protestieren. Die breite Berliner Bevölkerung, die weiterhin konservativ und bürgerlich zu ihrem großen Freund Amerika steht, macht keinen Hehl daraus, dass diese verdammten Krakeeler besser rüber in den Osten gehen sollten, anstatt die doch ganz prima in Indochina und anderswo unmenschlich agierenden, wenigstens antikommunistischen USA wegen ihrer allgemein bekanntgewordenen „angeblichen“ Kriegsverbrechen völkerrechtlich anzuklagen.

Kriech is Kriech, det is doch wohl klar. Kenn ick doch zur Jenüje. Det kannste mir echt glooben, Jüngelchen! Verpiss dir, geh‘ mittenmang nach drüben, wo de och hinjehörst!“

Das sind doch alles Studenten, die sich in unserem Berlin bloß vor der Bundeswehr drücken wollen. Die haben die Luftbrücke damals nicht erlebt, als uns die Amerikaner gegen die russische Blockade geholfen haben“, sagt ein bezahlter Claqueur in reinstem Hochdeutsch in ein Reportermikrophon.

Was die Berliner damals nicht wussten, dass allein die Amerikaner mit ihrer Nachkriegspolitik und ihren geheimdienstlichen Tricks für die politische Teilung Deutschlands, und die Abtrennung von Berlin, dann den schließlichen Mauerbau und die heutige umzäunte Insellage verantwortlich waren. Die Berlin-Blockade wurde seitens der USA nachweislich und mutwillig in einer skandalöser Weise provoziert, und damit bewusst in die Länge gezogen, und was hätten die Russen denn machen sollen? Einen Krieg vielleicht? Aber Amerika und seine Westalliierten stehen nun als Helden der Menschlichkeit vor der lange zuvor von ihnen selbst beeinflussten, geklitterten Geschichtsschreibung. Genau so geht Machtpolitik!

Noch zwanzig Jahre später waren die an sich als aufgeweckt bekannten Berliner weiterhin dankbare und treue Antikommunisten geblieben. Mit einem Peace-Zeichen am grünen Amiparka konnte man sich ohne ein merkwürdiges Gefühl im Magen kaum in eine der Tausenden Berliner Eckkneipen wagen. Überall die zahlreichen Kioske, an denen Schultheiß- oder Kindl-Pils, Schnaps, Zigaretten und natürlich die tägliche BILD-Zeitung verkauft wurden. Tausende kleine aber meist feindliche Inseln waren das geworden.

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[E 2 Margot] = Felix, du wirst dich erinnern: Auf einer nachmittäglichen Demonstration, es müsste im Jahr 1975 gewesen sein, marschierten fast alle Studenten und Fachhochschüler, ihre Professoren, das Personal und das aus den Uni-Kliniken gemeinsam und sehr ordentlich durch die Westberliner Innenstadt. Selber war ich damals im Klinikum Westend halbtags als Röntgenassistentin beschäftigt, denn ich hatte zwischenzeitlich einen Studienplatz an der FHSS bekommen. An jenem Tag ging es uns 30.000 friedlich demonstrierenden Menschen nicht mehr um den endlich beendeten Vietnamkrieg aber diesmal um das geplante Hochschulrahmengesetz. Ach, wollte man, wie gesetzlich verbürgt, seinen Einfluss auf die universitären Gremien und seine Betroffenheit über staatliche Tendenzen zu einer undemokratischer Willkür aufzeigen. Die BILD-Zeitung und die BZ berichteten am nächsten Tag in großen Lettern: „Berliner Studenten legen Verkehr lahm! . . . einige Tausend meist jugendliche Demonstranten blockierten gestern zur Zeit des Berufsverkehrs die Innenstadt rund um den Kurfürstendamm . . . nach Polizeiangaben handelte es sich um nur wenige Tausend, die für Randale sorgten . . .“

Bürger! Lasst das Gaffen sein! Kommt herunter, reiht euch ein!“

Laokratia. – An der Ecke Giesebrechtstraße hattest du zwei Jahre zuvor beinahe Pisse vom Balkon eines gründerzeitlich verzierten Mietshauses abbekommen. An jenem Abend aber kehrten wir zusammen mit meinem Bruder und deiner Gudrun in der preisgünstigen Taverna in der Knesebeckstraße ein, wo es für uns echte Halbe, 0,5 Liter Bier, allerlei Retsina und dazu leckere Schmalzbrote, Salzgurken und Bouletten gab.

Im März 1968 dringen US-Soldaten in das vietnamesisches Dorf My Lai ein, vergewaltigen Frauen jeden Alters und ermorden mit Gewehr, Bajonett und Handgranaten sowie mit gelegten Zippo-Bränden dabei mehr als 500 Kinder, Frauen und alte Männer – junge Männer sind in dem Dorf nicht vorzufinden. Ein schreckliches Wiegenlied von Mord und Totschlag, das diesmal schlitzäugigen zivilen Wehrlosen vom US-Militär vorgesungen wird, nicht also Millionen lebensunwürdiger Rothäute. Man spielt seitens der US-Kavallerie die alte Melodie von militärischem Befehl und Gehorsam, auf den sich bestialisch mordende Soldaten später wie gehabt moralisch berufen werden. Viele afrikanische, süd- und mittelamerikanische, auch muslimische Völker werden dem eingeübten Butchering, dem hochgradig organisierten Bodycount der amerikanischen Gewaltpolitik bald folgen müssen.

Das Drama von My Lai, wird aber erst Ende 1969 durch ein Interview des Journalisten Seymour Hersh mit dem dabei befehlshabenden Leutnat Calley, dem bestraften aber bald freigelassenen kleinen Bauernopfer der Army und dem Round-Office, weltweit bekannt. US-Presseverlage hatten sich vorher, nicht ohne triftige Gründe dafür zu haben, beharrlich geweigert, den haarsträubenden Text zu veröffentlichen. Die US- Regierung verliert danach einen weiteren Teil moralischer Unterstützung durch den größten Rest ihrer eigenen Bevölkerung, ganz besonders der inzwischen kritisch beseelten Jugend. Ihre Proteste nehmen landesweit an Stärke enorm zu, bleiben aber gegen die überall sichtbare, martialisch aufmarschierte Polizei und die Nationalgarde erstaunlich friedlich.

Damals, wie heute. – Es wirkt in aller erbärmlicher Konsequenz derselbe Geist unmenschlicher Kriegsführung, und dazu gehören wirtschaftliche Sanktionen, initiierter Terrorismus Drohnenkrieg, Folter und politische Morde gleichermaßen, wie er damals vor über fünfzig Jahren in Vietnam aus dem Mund eines US-Offiziers artikuliert wurde, der einem Journalisten gegenüber erklärte: „Um dieses Dorf vor dem Vietkong zu retten, mussten wir es komplett zerstören“. (vgl. LZ, 04/11/2020) Bei derartigen Rettern braucht man keine anderen Feinde mehr, die nichts weiter können, als alles an andersartigen und minderwertigen Rassen „auszu…rr…radieren!

Man hatte in dieser historischen Antikriegsbewegung vor einem halben Jahrhundert sehr wohl etwas erkannt, nicht ohne dabei auf das Leben von Mahathma Ghandi zu blicken,: Wenn die Protestierenden dauerhaft keinerlei Gewalt anwenden, kann es manchmal gelingen, dass ein derartig friedlicher Kampf irgendwann zu einem großen Sieg gereichen wird.

Wer sich in einem hinreichend organisierten, massiven Widerstand gegenüber der aufmarschierten Staatsgewalt erklärter Maßen nicht vollkommen passiv verhält, in nicht aggressivem Aufbegehren wie aber in Boykotts ökonomisch reagiert, wer seine Einberufungsbefehle und Wehrpässe verbrennt, aus der Armee desertiert, vehement bewusst demokratisch für einen politischen Zustandswechsel eintritt und sich als Bürger seines Landes gegen interne staatliche Gewalttätigkeit und kriegerische Verbrechen anklagend verhält, der wird sich hoffentlich nachhaltig gegen solche zivilisatorischen Fehlentwicklungen erfolgreich wehren können.

Das ist und bleibt eine stete Hoffnung. Die ekelhaft menschenverachtende Zeit der Sklavenhalter und der Falken sollte irgendwann ihrem Ende zugehen. Das erhoffte sich eine junge Generation. Ganz besonders in den USA, wo faktisch, zumindest für unterprivilegierte Weiße und besonders für Farbige eine „allgemeine“ Wehrpflicht herrschte, kam beizeiten spürbarer Druck in den Kessel. Das Kanonenfutter mochte nicht entgegen seinen friedliebenden Überzeugungen für die Superreichen sterben!

Es gibt einen menschlichen Maßstab, den wir nicht

verändern, sondern nur verlieren können. Max Frisch

Es ist weiterhin die bunte Zeit von Love and Peace. Zahlreiche der Hippiekommunen schießen nicht nur in den USA wie Pilze aus dem Boden. Bald werden ‚Easy Rider‘ oder ‚Zabriskie Point‘ zu Kultfilmen, die eine erbärmlich eingeschränkte, unmenschliche amerikanische Wirklichkeit eben nicht fortwährend gegen die mächtigen Kulturindustrie, gegen die immer monotoner wirkenden Fließbänder der jüdisch gewebten Leinwände Hollywoods projizieren.

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Besonders in der gesamten westlichen Welt kommt es nach dem lange streng geheimgehaltenen Massaker von My Lai zu einem Wendepunkt gegen eine weitere stille Tolerierung des Krieges der Amerikaner, der wie sich immer deutlicher zeigt, hauptsächlich gegen unschuldige und vollkommen wehrlose Zivilisten geführt wird. Das wahllose Töten der ländlichen Bevölkerung genießt Befehlsgewalt, und nur weil sie Sonnenhut und traditionell schwarze Kittel tragen! Search & Destroy! Das ist der glorreich geratene Auftrag, und dazu kommt für die Presse der alltägliche Bodycount! Man trachtet dabei besonders dem bereits gänzlich infiltrierten, verfuckten Südvietnam endlich überall das kommunistische Leopardenfell abziehen! Das ist die einzige hilflos erscheinende Strategie und bösartiges Ziel eines in Wirklichkeit militärisch und weltanschaulich nur scheinbar haushoch überlegenen Aggressors.

Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer!

Nein, jetzt heißt es ganz unverblühmt: Nur ein toter Indochinese ist ein guter Kambodschaner, Laote oder Vietnamese! Die unvorstellbar massierten Bombardierungen und Verminungen, jetzt sogar fast ganz Indochinas, die bewusst durchführte Vergiftung der Reisfelder mit Agent-Orange-Dioxin nehmen an Heftigkeit und Ausmaß deutlich zu. Das alles, dieses unbeherrschbare Disaster wird trotz ansonsten erstaunlich vieler öffentlicher Berichterstattung vor den Augen der Weltöffentlichkeit, für eine lange Zeit, besonders hinsichtlich der unvorstellbaren eindeutig völkerrechtswidrigen Bombardierungen besonders der weiterhin neutralen Nachbarländer Laos und Kambodscha, vollkommen verschwiegen. Der mörderische Krieg, meist gegen die Zivilbevölkerung gerichtet, nimmt ein unvorstellbar blutiges Ausmaß an, kaum lässt er sich dabei noch wesentlich eskalieren. An Weihnachten wird Hanoi erneut das Ziel der B-52-Bomber, unten aber ist man sehr gut auf sie vorbereitet. Tausende, in Städten und Dörfern, gar an die Hunderttausend kleinere „Einmann- oder Familienbunker“ waren bereits überall errichtet. Die relativ geringen Verluste an Menschen sind dennoch erstaunlich, nicht aber die durch die Yankeebomben angerichteten massiven Schäden. Das alles, was sich der Vater aller Dinge auch neues ausdenkt, kostet gleichzeitig unvorstellbar viel Geld und generiert dabei nicht allein gigantische Profite. Die amerikanische Vetternwirtschaft boomt. Aber Citizen Kane ertrinkt dabei allmählich in der medialen Kloake eines offensichtlich längst verlorenen Krieges. Dennoch: Viele Regierungen, allen vorweg Großbritannien mit seinem Commonwealth-Australien, der Vasall Südkorea, dann die BRD, unterstützen den Natochef-Partner weiterhin ohne ein einziges Wort der Kritik.

Die beiden kristlichen Kirchen schweigen wieder einmal dazu.Auch sie haben allen Grund dazu. Es geht diesmal nicht gegen unkristlich schachernde Konkurrenzjuden oder weiterhin gegen bedrohliche slawisch-katholische oder bolschewistische Völkermassen, die es zu vernichten gilt. Jetzt aber wenigstens gegen angeblich wirklich vollkommen ungläubige, schlitzäugige und jetzt sogar kommunistisch gewordene Atheisten.

Only the good die young!“ – In der Zwischenzeit sorgten CIA und die amerikanische Regierung für eine ausreichende Versorgung dieser rebellischen Jugend mit weichen und mit harten Drogen aus den bis heute immer gleichen Herkunftsländern Südamerikas und dem nahen Orient, die bereits unter ihrem politischen und militärischen Einfluss standen und bis heute allesamt wieder stehen. Viele friedensliebenden, stürmische Wellen wurden bereits dadurch geglättet. Kritischen Köpfen, einer ursprüngliche Avantgarde des Widerstands wurde mit Dope und Härterem das Gehirn weggebrannt. Der Rest wurde da weiterhin mit Bomben, Agent-Orange und Napalm erledigt, im opponierenden Westen mit gar nicht einmal neuartigen Berufsverboten durch die Sozis kaltgestellt, weil diese unter Bismarck und den Nazis bereits gut erprobt waren.

Diesmal aber waren es die Sozialisten selber, die altmodische „Sozialistengesetze“ anwandten. Man hatte als SPD natürlich auch für das KPD-Verbot gestimmt, jetzt an die Macht gekommen fiel die Maske der Arbeiterverräter vollends. Früh hatte Willy Brandt den Amerikanern die Abkehr von jeglichem Sozialismus versprechen müssen (sic). Dafür bekam Kanzler Brandt den Friedensnobelpreis, nur wusste damals kaum jemand, dass auch Brandt eine US-Marionette war!

Im Wahlkampf der frühen siebziger Jahre gab es einige Parolen der maoistisch orientierten KPD/AO und seines Studentenverbandes, dem recht stark vertretenen und berüchtigten KSV.

Willy Brandt muss Kaiser werden!“ – „Nur Volksfeinde stehen zur Wahl! Ihnen keine Stimme!“

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[E 1] = Es werden mit Geldern der Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU in Südvietnam auch Foltergefängnisse für Verdächtige und die berüchtigten absolut KZ-artigen „Umerziehungslager“ für viele der in Südvietnam zwangsverschleppten Jugendlichen errichtet, die ansonsten vielleicht vom Vietcong rekrutiert werden könnten. Tausende Dörfer Südvietnams werden als „Wehrdörfer“ eingezäunt und vom Militär bewacht, um damit dem Vietcong möglichen Nachschub an Lebensmitteln und andere, immer weiter zunehmende Unterstützung durch die südvietnamesische Landbevölkerung zu entziehen.

Die erste deutsche Regierung unter Adenauer ignorierte sogar eindeutige Informationen über Folterungen der CIA in der abgeschirmten Villa Schuster in Kronberg im Taunus. Solche Folterkammern gibt es heute weltweit, sogar in Rumänien, wenn man Recherchen der seriöseren Presse glauben mag. Die BRD und Westberlin waren seit dem Kalten Krieg internationaler Tummelplatz westlicher und östlicher Geheimdienste. Natürlich mischte auch der israelische Dienst fleißig mit.

Gewöhnlich gut unterrichtete Kreise vermuteten sogar Beziehungen zu mythologischen hellenistischen, keltischen und nordischen Götterwesen, die sich erneut in manche irdische Belange einzumischen beginnen. Als gäbe es inzwischen weltweit nicht Religionen und machtlose Institutionen genug auf der Welt, die nichts gegen manipulierten Mangel, das Menschenelend und die ständigen Kriege, nichts also für humane Gerechtigkeit und Frieden zu tun vermögen. Das oft genug nicht einmal wirklich wollen, stattdessen ihre eigenen nicht richtig funktionierenden Präsidenten, optimistischere Staatspolitiker, Dissidenten und so manche kritischen Persönlichkeiten aus Justiz und Wirtschaft heuchlerisch ermorden lassen. Das hat eine bewährte Methode.

Nach einigen geheimdienstlichen Erkenntnissen wurde nicht nur die New Yorker UNO gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, dann 1968 der Club of Rome ins Leben gerufen, sondern jeweils zeitlich identisch vielleicht auch für uns weiterhin vollkommen unsichtbar bleibende, oppositionelle Komitees dieser besagten Götter, Halbgötter und einiger auserwählten Menschen. Manche der ersten, natürlich unüberprüfbaren Informationen weisen nach Skandinavien. Doch wir stehen hier immer noch am Anfang deiner Lebensgeschichte.

Adenauer: „Sein Gesicht ist das eines Indianers, trocken wie Pergament, ausdruckslos und unermüdlich. Wie ein Indianerhäuptling herrscht er denn auch über alle und alles in der Bundesrepublik“, schrieb 1953 die größte schwedische Tageszeitung.

Aber der Ehrenname Konrad Adenauer für eine politisch-kulturelle Stiftung für die CDU ist bis heute durchaus passend gewählt. Wenn sich der arme Heinrich Böll angesichts der fast identischen Entwicklung der Grünen zum Angst einflössenden Kapitalistenmonster vermutlich in seinem Grab umdreht, so gilt das sehr bald auch für die Linken, die kulturstiftend noch mit Rosa Luxemburg firmieren. Ich möchte deiner Lebensgeschichte hier aber nicht vorgreifen.

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[E 2 Freya] = Moralisch war er hin und her gerissen „Zwei Seiten hat die Barrikad‘, wo stehst du Bundeswehrsoldat?“ Aber erwar noch sehr jung, abenteuerlustig und kämpferisch dazu. Felix wollte für jeden denkbaren Fall bereit sein und schießen gelernt haben, gut überlegt und notfalls präzise. Die Abiturientenfreunde werden sich aus seinem neugeratenen Leben sowieso bald verabschieden; sie möchten einmal zu Studienräten, Rechtsanwälten, Frauenärzten, zu Architekten und Künstlern geraten. Insbesonders manche der Juristen unter ihnen profilieren sich beizeiten in der Realofraktion, der sich an traditionellem deutschen Militarismus und gieriger Optionen der Nato-Osterweiterungen anpassenden Grünen; oder sie wechseln ihre einst so modischen pseudopazifistischen politischen Ansichten noch vollkommener – aber wer will das in erinnerten, gesellschaftlich geschickt inszenierten, bereits damals sinnentleerten Hoffnungen, nach mehr als fünfzig Jahren überhaupt noch wissen.

Aber geschieht das nicht weiterhin und gerade heute?

Nur Atommüll wird für allezeit das bleiben, was er ist: Gefährlich für die allermeisten Menschen und ihre gesamte Mitwelt!“ Auf den konventionellen Kriegsschauplätzen haben wir mit unseren Walküren im alt hergebrachten Sinne dennoch gut zu tun. Nur haben sich die Zeiten dabei sehr gewandelt. Obwohl, es sind immer noch die gleichartigen Schlachtfelder und Schlachtbänke, von denen viel Menschenblut herunterfließt. Manchmal denke ich, dass gerade wir nordischen Götter im Vergleich mit den mediterranen Olympiern inzwischen in unserer parlamentarischen Beliebtheit steigen, wenn wir nur einmal beginnen, über das alles wirklich nachzudenken. Das ist sicher auch längst die Meinung von Thor und Odin, die in allem dennoch stets die alt hergebrachten Chefs bleiben wollen.“

*

[E 1]=Der Vater hatte dir oft erzählt, wie sie als Kinder schon früh am Bahnhof standen, um die Buschs und die ganze Corona aus Amerika zu begrüßen. Sie rannten der Pferdekutsche hinterher, mit der die elegant gekleideten Buschs durch die Unterstadt bis auf ihren hohen eigenen Bergrücken mit dem Anwesen hinauf holperten. Ihr rotwangiger dicker Chauffeur transportierte gemächlich hintendrein fahrend das riesige Gepäck in einem luxuriösen, offenen Landauer.

„Das halbe, ja gar das ganze Dorf Lindschied hat für die Familie Busch gearbeitet. Auch wir Schreiner aus Bad Betteldorf haben dort viel gemacht. Einmal wurde die gesamte Bibliothek fast ganz abgebaut und fein restauriert. Dabei fand ich hinter einer Verschalung ein zweihundert Jahre altes Bienenbuch, das mir unser Meister Herwig aber gleich abgenommen hat.“

Jahre später wollte der dicke Schreinermeister dem damaligen Finder das altertümliche Bienenbuch zurückgeben.

Hier Heinrich, dieses Buch hat dein Erich seinerzeit auf der Villa im Abfall gefunden“, sagte er zu dessen Vater, zu deinem Opa also. „Du als alter Imker wirst es sicher gerne lesen. Nimm es dir und heb‘ es bitte für ihn auf. Was macht er eigentlich?“

Erich ist gleich nach der infanteristischen Ausbildung in Polen am ersten Tag mit in Russland einmarschiert, wir wissen aber nicht genau wo er jetzt ist. Irgendwo im Mittelabschnitt der Front.“

Feldpost, na das kennt man noch. Die Wehrmacht kommt dort erstaunlich gut voran. Tolle Sache das! Sind vielleicht schon bald in Moskau.“

Hoffentlich noch rechtzeitig, bevor der russische Winter über sie kommt“, sagte der ehemalige kaiserliche Garde-Kürassier mit einer sehr bedenklichen Miene.

Aber erst nach dem legendären ‚General Schlamm‘ im Herbst kam der erste russische Winter für die Wehrmacht, dazu unerwartet früh, mit wenig Schnee zunächst aber dafür mit dauerhafter Kälte. Nicht nur blieb erst fast alle Fahrzeuge im Schlamm stecken, bei Gefrornis dieser Straßen, Wege und auf der ‚Rollbahnen‘ war ein Fortkommen jetzt aber kaum besser.

Das alles erging der Roten Armee aber ebenso, es war also in Wirklichkeit die energische sowjetische Abwehr, nicht das unbewaffnete Wetter. Es war der feste Wille eines überfallenen Volkes ihren „Großen Vaterländischen Krieg“, den Josef Stalin sehr erfolgreich gegen die mächtig erscheinende Naziwehrmacht propagierte, rechtzeitig, bereits sehr dicht vor Moskau zu einer massiv erzwungenen Wende zu führen, was sehr bald tatsächlich geschah. Der deutsche Nachschub kam nicht mehr in ausreichender Menge an, dazu die Partisanen in den bereits eroberten Gebieten, die immer wieder die Zugstrecken blockierten. Die armen Landser hatten aber oft nur ihre schon vollkommen eingeschissene dünne Sommerbekleidung. Sie warteten dringend auf warme Sachen, auf mehr Nahrunf, denn sie froren und hungerten erbärmlich. Das Nachführen von immer neuen Kampfeinheiten, von Waffen und Munition, von Treibstoff, hatte auch in diesem ersten Winter aber eindeutig Vorrang. Die Wehrmacht hatte bei den Abwehrschlachten vor Moskau nämlich sehr große Verluste erlitten, die dennoch nicht hinreichend ausgeglichen werden konnten, und die Truppe zehrte sich dabei immer mehr aus. Man musste nach alter soldatischer Manier zusätzlich von dem gerade eroberten, aber bereits vorher stark ausgeplünderten Land leben. Alles wurde requiriert. Die Bevölkerung auf dem Land und in den Städten hungerte sich zu Tode. Was übrig blieb, wurde gleich ins Deutsche Reich geschafft. Hinter der eigentlichen Front wurden bereits Hunderttausende Juden durch Sondereinheiten der SS, der deutschen Polizei und mit tätiger Hilfe der Wehrmacht, wie man heute nachweislich und sicher weiß, ermordet. Millionen Kriegsgefangene ließ man einfach verhungern. Die Weltpresse schwieg! Es war wenigstens kein konkreter Bestandteil der Nazipropaganda, aber die Zeit der großen Siege war eindeutig vorbei.

Das „Unternehmen Barbarossa“, wie der geplante deutsche Überfall auf die Sowjetunion intern genannt wurde, war bereits eindeutig zum Erliegen gekommen, geriet bald zum Disaster und musste sich mehr oder weniger auf seinen blutigen jahrelangen Rückzug begeben. Der war auch noch von strategisch angelegten Großoffensiven und einigen gewaltig großen historisch werdenden Panzerschlachten begleitet, so beispielsweise die am ‚Kursker Bogen‘.

Sie müssen gut aufpassen, sonst ergeht es ihnen wie einst der armen Franzosenarmee Napoleons. Aber unser großer Führer Adolf Hitler, dieser geniale Weltkriegsgefreite, soll ja ein hervorragender Stratege sein, und unser Generalstab wird hoffentlich genau wissen, was er da tut.“

Dann tranken die beiden alten, noch rüstigen Stammtischmänner einen weiteren Schoppen vom Rheingauer-Riesling und zündeten sich mit etwas verhalten sorgenvollem Siegesstolz ausnahmsweise dickere Zigarren an.

Das geschah im November des Jahres 1942, wenige Wochen vor der leicht vorhersehbaren tödlichen Einkesselung durch die Rote Armee im Süden der endlosen Front. Die deutsche 6. Armee hatte kurz vorher, in einem keilartigen Vorstoß, noch lange vor dem Winter, die wichtige Wolgastadt Stalingrad mit ihren vielen Fabriken fast vollständig erobert. Nur ein sehr schmaler Streifen direkt am Ufer der Wolga wurde von den russischen Soldaten auf eine unglaublich mutige Weise, aber natürlich unter extrem hohen Verlusten, zäh verteidigt. In ihrem Rücken befand sich nur noch der breite, mütterliche Strom. Der lag aber von einer strategischen Höhe herab ständig unter dem Beschuss durch deutsche Artillerie. Die inzwischen fast vollständig zerstörte riesige Stadt selbst war immer noch voller Zivilisten, die Sowjets hatten ihre weitere Evakuierung aber beizeiten strikt verboten. Da waren sie gnadenlos!

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Vorher noch geschahen fast nebenbei, wie immer vollkommen andere, scheinbar bedeutungslose Sachen. Am 7. März 1940 wird in Schönefeld in der Mark Brandenburg ein Knabe als vierter Sohn eines Postbeamten geboren. Die Familie Dutschke. nennt ihr jüngstes Kind Rudolf, der aber bald meist nur noch Rudi gerufen wird.

Wie erging es um das Jahr 1940 der späteren Familie von Felix? Der Vater arbeitet noch in der Passavant-Fabrik-Gießerei in der Modellschreinerei.

Die Mutter lebt und arbeitet weiterhin noch unverheiratet in ihrem Heimatdorf auf dem elterlichen Bauernhof mit dem ihm angeschlossenen größeren Gasthof.

Der Großvater Kusch ist als ehemaliger Polizeichef in Bad Betteldorf bereits im Ruhestand, und er ist weiterhin ein begeisterter Gärtner und Imker mit seinen etwa 20 Bienenvölkern. Er wird aber bald nach Usingen im Taunus zu einem erneuten Polizeidienst verpflichtet werden.

Dort ganz in der Nähe, in Langenhain-Ziegenberg, heute zur Gemeinde Ober-Mörlen gehörig, war damals ein streng geheim gehaltenes und bis heute allgemein weniger bekannte Führerhauptquartier, das „Adlerhorst“ genannt wurde. Einige der Bauten sind bis heute erhalten. Ein großes Stollensystem wurde tief in die devonischen Schiefer und in die Quarzite der Gesteine des Taunus-Südrandes gesprengt. Nach den Amerikanern werdendie dortigen Stollen heute vom deutschen Militär u. a. als Munitionsdepot benutzt. Auch dicht bei Lorch am Rhein, noch im Wispertal gelegen gibt es ein ähnliches Stollensystem unter deutscher militärischer Nutzung.

Die „Wolfsschanze“, heute im polnischen Ostpreußen, dann auch der anfangs private Wohnsitz von Adolf Hitler „Berghof“ am Obersalzberg bei Berchtesgaden wurden historisch eher wahrgenommen und später sogar touristisch bedeutsamer. Letzterer wurde sogar zu Hitlers zweitem Regierungssitz nach der Reichskanzlei in Berlin mit dem dortigen großen Führerbunker. Bereits 1952 ließ der bis heutekristlich-sozial‘dominierte Freistaat Bayern die für 1.000 Jahre gedachten Gebäude am Obersalzberg, ganz sicher zum Leidwesen der Neonazis, sprengen.

In der Gemeinde Ober-Mörlen, wo Felix und Sigrid sechs Jahre wohnten, und wo ihre Tochter Cora ihre ersten fünf Lebensjahre verbrachte, war die Anwesenheit der Amerikaner im nördlichsten Rhein-Main-Gebiet, vielmehr am Rande der flachen Bucht der Wetterau irgendwie ständig zu spüren. Bad Vilbel, Bad Nauheim und die Kreisstadt Friedberg mit Kasernen liegen am südlichen Eingang bzw. am Ausgang der Hessischen Pforte, die im Kalten Krieg strategisch als potentielle Einfallschneise für einen konventionellen Angriff für beide Seiten galt.

In der Nähe des ehemaligen Führerquartiers bei Ober-Mörlen, gleich gegenüber ihres Hausberges, dem quarzitenen Winterstein, mit seinen am Gipfel heraus gewitterten großen Gesteinsbrocken gab es einmal einen weitläufigen Truppenübungsplatz der US-Army, der inzwischen zu einem natürlichen Refugium geworden, wunderschön verwildert ist und für die Sukzession der Natur willkommen, vollkommen brach liegt.

In einem guten Restaurant in Langenhain-Ziegenberg, also zwischen den Städten Usingen und Bad Nauheim gelegen, haben Felix und Sigrid ihre sehr intime Hochzeit gefeiert. Ihre Gäste waren dabei nur ihre Trauzeugen Emmi und Jonny nebst ihrem familiären Anhang Wolfgang und Ursi. Dann aber kamen im nach hinein auch die Eltern von Felix hinzu, weil die doch nur siebzig Kilometer entfernt in Bad Betteldorf wohnten. Sigrids Eltern im Ostschwäbischen empfanden das sicher als einen Affront, es wurde später aber niemals darüber gesprochen.

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Auf dem Bahnhof sind viele Menschen mit Gepäck, denn die Reisewelle zu Ostern steht bereits vor der Tür. Er aber trägt nur das alte Pappköfferchen, mit dem sein Vater bereits in eine von der deutschen Wehrmacht beschlagnahmte ehemals polnische Kaserne eingezogen worden war. Es ist tatsächlich der gleiche Koffer, mit dem die Mutter etwas später in diesem Krieg zu den künftigen Schwiegereltern aus ihrem Dorf in die Kreisstadt kam. Der Koffer ist dennoch recht schwer, und der schmale blecherne Griff ist viel zu eng für seine kräftige Hand, er schneidet unangenehm in seine Finger. Man hat ihm allerlei Essbares auf die lange Reise weit hoch in den Norden mitgegeben. Kaum denkt Felix wieder daran, dass es bei der Marine bestimmt genug gutes Essen geben würde, da ist er fast schon auf dem Bahnsteig, den man ihm benannt hatte. Einige aus der Menge ebenso junger Männer, wie er selbst, viele von ihnen bereits mit recht kurzen Haaren, krakeelen herum, als wäre das ein Schulausflug von zumeist langhaarigen Gammlern, welche die Kurzgeschorenen nur mitgenommen haben, weil es nun einmal ihre Klassenkameraden sind. Einer der künftigen Rekruten, der rechtzeitig auf einer der wenigen Bänke des vollen Bahnsteigs Platz genommen hat, schaltet sein kleines Transistorradio ein. Auf AFN-Frankfurt läuft gerade eine Art Ami-Hitparade. „Nights in white satin, never reaching the end . . .“. kommen die Moody Blues schwülstig und dabei etwas blechern klingend aus dem winzigen Gerät. Das war weiterhin der angesagte Lieblingssong von Danielle, wie sie ihm neulich erst geschrieben hatte.

„White satin? Das können sie sich für die nächste Zeit abschminken“, sagt ein Marineleutnant im Vorübergehen. „Machen, sie bitte das Ding aus, Mann. Wir sind hier doch nicht auf dem Jahrmarkt.“

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[E 2 Claude] = Das Musical „Hair” kommt 1971 endlich nach Westberlin; es wurde mit dem Originalensemble aus aus New York inszeniert, es wird mit gigantischem Erfolg ewig lang in Westberlin gastieren. Ihr seid von deiner Wohnung in der Schillerstraße 73 zu Fuß die ganze Wilmersdorfer Straße heruntergelaufen bis zum Olivaer Platz, dann noch das kleine Stück den Kuhdamm hoch bis zum Musiktheater am Lehniner Platz. Bald würde dort die Schaubühne mit Peter Weiss als Intendant einziehen.

Holger schaute deiner Begleiterin auf dem Weg durchs frühlingshafte Charlottenburg bisweilen verstohlen auf ihre Brüste, die sich unter ihrem orangegelben, selbst gefärbten alten Unterhemd deutlich abzeichneten.

Du selber aber schautest bei bei bester Gelegenheit hinüber nach dem Haus unweit der Ecke der Wilmersdorfer am Kuhdamm. Ja, ihr blauer Käfer steht da nirgendwo mehr. Auch sie hatte große, aber sehr schöne Tidden. So sagtet ihr doch, nicht wahr. Weißt du den Namen eigentlich noch? Den von jenem einmaligen Weibsstück, wegen dem dich Claude verlassen hat. Bin ich Claude? Das werde ich dir natürlich nicht verraten. Sie ist tatsächlich eine Stewardess geworden, bald nach Eurer langen Liebesnacht. Erinnerst du dich an den Anruf am nächsten Morgen, den sie erhalten hatte, während sie noch splitternackt im Lotterbett saß, dir gegenüber, und dabei etwas rote Marmelade auf ihre linke Brust tropfte. Ja das weißt du also noch, und dass der Tropfen von einem der noch backwarmen Croissants herunterkam, die ihre wohl etwas prüdere Wohnungsgenossin euch allen schon in aller Frühe besorgt hatte, und dass er ihre linke Brust traf, und wie der süße Streifen an ihrem leicht bräunlichen Vorhof zum Stehen kam, und du ihn zärtlich ablecktest noch während sie sehr erregt telefonierte. Das war ein Personalmanager der Lufthansa, aus Frankfurt vermutlich, das tut hier aber nichts zur Sache. Sie könne am Freitag kostenlos mit der BEA fliegen und an einer ersten Vorstellung teilnehmen. Das Ticket wäre für sie dann hinterlegt. Die Lufthansa fliege Tempelhof leider nicht an, aber das wisse sie ja. Ja, diese Frau wusste sicher genau, was sie wollte. Ja, du sehnst dich manchmal nach dieser Nacht zurück, du elender Schuft, und vieles hast du später irgendwo wieder wettgemacht, denn du warst meistens ehrlich, und was du sagtest, das kam einzig aus dir und deinem Herzen, nur aus dir selber heraus. Bald danach wirst du vom Busenfreund Holger auf eine Fete in ihrem Arbeitnehmerwohnheim in Britz eingeladen werden, die ebenso lasziv verlaufen wird, wie manches zuvor. Ihr werdet morgens nackt im ersten Sonnenlicht auf einem der schmalen Betonbalkons stehen, über die Schrebergartenkolonien der BILD-Zeitung oder BZ-Lesenden ersten frühen Spießer hinweg eure Arme erheben, während „Aquarios – Let the Sunshine in“, von einem unteren Appartement kommend, durch das ganze Haus schallt. Immer wieder, immer wieder Aquarious! Ihr wart damals unersättlich, unglaublich jung und dabei auch oberflächlich glücklich.

Kurz glücklich kann jeder!

Ach, du warst später noch einmal bei „Hair“, zusammen mit zwei ehemaligen Freundinnen von dir aus Bad Betteldorf. Auch die bereits ältere Schwester der einen war zu deren Besuch in Berlin mitgekommen. Aber das wäre nun wieder eine andere von diesen schier unglaublich frechen Geschichten, die du dir, natürlich meist nachts, geleistet hast, du elender Schuft.

Manchmal denke ich mir, dass du bei der Marine genau richtig warst, mit deinen männlichen Sehnsüchten und der Zerrissenheit, in der deine beiden faustischen Seelen sich immer wieder entzweit haben. Ein Mensch wie du, vom Leben aus einem Stück geschnitzt, und doch so sehr gespalten; du hast niemals wirklich gewusst, was du wirklich willst. Vielleicht war das ganz gut so, denn du wirst eines Tages deinen gesuchten Platz irgendwo finden, ganz bestimmt – irgendwann.

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Der erste Mann in Marineuniform, der ihm ins Auge gefallen ist, trägt eine etwas verwegen schief sitzende blaue Tellermütze. Das fällt Felix sofort auf. Die langen Mützenbänder flattern im Fahrtwind einer gerade einfahrenden S-Bahn auf dem Gleis gegenüber. Eine ebenfalls dunkelblaue Uniformjacke, es ist ein Colani, reichte dem Mann bis zu seinen Oberschenkeln hinunter. Das ist ein praktisches Zwischending von Jacke und Mantel, denkt Felix, und ihm wird dabei warm ums Herz – das also ist endlich die Marine.

Der Obermaat mit diesem zweireihigen Colani brüllt aber plötzlich los: „Alles Inzucht! Auf die Spinde ihr Affen!“ schreit er laut. „Euch werden wir die Hammelbeine schon noch lang ziehen!“ Aber er grinst dabei, was ihn weiterhin zu einem ausgesprochenen Sympathieträger macht.

Andere Uniformierte, es sind heute wohl alle Waffengattungen dabei, drängen die rauchenden, sich unterhaltenden und herumblödelnden Rekruten zum Einsteigen. Man sieht da Listen auf Klemmbrettern, Listen mit Namen, und auf dem lärmigen Bahnsteig auch einige ungeduldige Offiziere. Das sind also ihre bürokratischen, typisch deutschen Namenslisten. Die Verladung selbst ist genauestens durch nummeriert und mit „Name, Komma, Vorname, dann mit der Bezeichnung des ‚Lehr- und Umerziehungslagers‘ und der Zugangabe versehen, in das ehemalige Reichsbahner all diese ‚Bürger in Uniform‘ bringen würden, das hätte Felix nur zwei Jahre später mit Schaudern in seiner Stimme bemerkt.

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[E 2 Margot]= Vor dem Bahnhofseingang kauerte Franz Kafka. Er sah wie immer ziemlich verhungert aus. Er käme letztendlich aus Theresienstadt. Dort hatte man die Intellektuellen seiner Art untergebracht. Er sagte das schüchtern. Er blickte dabei hinab auf den kalten steinernen, grauen Boden dieser nördlichen Seite. Es war wirklich fix und fertig, dieses arme dürre Kerlchen – aber es glaubt an die Menschlichkeit und endlich einen wirklichen Frieden in der Welt.

Wer immer diese Stufen hinab schreitet, dem droht ein endloser Schlund des Vergessens“, flüsterte er leise.

Aber du Felix hörtest das nicht. Bist aus dem roten Triebwagen ausgestiegen. Bist flotten Schritts auf den unweit entfernten Perron zugegangen. Dort wartete bereits ein grüner D-Zug hoch in den Norden des Landes auf dich. Du warst freudig erregt. Das möchte ich dir nicht nachtragen.

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Von den Vereinten Nationen (UNO) wird 1968 zum Internationalen Jahr der Menschenrechte“ erklärt. Besonders der Mai 1968 ist hinsichtlich einer internationalen Jugend-, Studenten- und Protestbewegung historisch tatsächlich bedeutsam. Eine weltbewegende gesellschaftliche Emotion, die sich vehement gegen erstarrte Bildungssysteme da, und dort meist pazifistisch bleibend gegen den imperialistischen Vietnamkrieg der USA in ganz Indochina richtet. Aber auch die „Bürgerrechtsbewegung“ im Homeland der Rassendiskriminierungen und der Mord an Martin Luther King stehen im Fokus der Ereignisse dieses sehr markanten Jahres. Menschenrechte? Daran wird ständig hart gearbeitet, wenn man die Medien verfolgt und die jämmerlich bleibenden, wirklichen Ergebnisse damit vergleicht. In Biafra werden wir es sehr bald sehen müssen.

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Vor lauter Aufregung hat Felix am Morgen nicht viel gefrühstückt. Bereits in Gießen nimmt er sich eine Käsestulle und eine Flasche Limonade aus seinem kleinen Koffer. Das ist Edamer, denkt Felix, während er kaut. Den kauft die Mutter unten in der Stadt in dem kleinen Laden, wo er mit einer besonderen Schneidemaschine zu Scheiben geschnitten wird. Der längliche Käseblock hat einen roten, wachsartigen Überzug, der sich dennoch schwer von einer Scheibe lösen lässt. Deshalb legt man zu Hause die Scheibe Käse auf ein Holzbrettchen, um ihn mitsamt der festen Käserinde darunter mit einem Messer zu entfernen. Als Felix gerade wieder in das Brot beißen will, bemerkt er ein winziges restliches Stück dieser roten Außenrinde. Er versuchte es mit einem vorsichtigen Biss mit seinen Schneidezähnen vom Käse zu lösen. Dabei steigt ihm wieder der typische milde Geruch des Edamer in die Nase. Er erinnert sich für nur einen kurzen Moment an die Samstage, wo es nach dem Baden zum Abendbrot meist Cervelatwurst und eben genau diesen Edamer gab. Zusammen mit Tomaten aus dem Garten und etwas frischer Zwiebel, dann noch etwas Salz und Pfeffer darüber, wurde das ein ein besonders leckeres belegtes Brot. Und als Felix von seiner Tätigkeit kurz aufschaut, hält man ihm eine Flasche Binding-Export vor die Nase. Dieser herum brüllende Obermaat hat sich zum Glück bisher nicht mehr blicken lassen. Felix nimmt einen tiefen Schluck vom Bier. Scheinen gute Kameraden zu sein, wo immer sie landen werden; was bleibt uns sonst anderes übrig. Man lacht, blödelt herum und ist ausgelassen. Das mit dem Bier reicht ungefähr bis Kassel, dann ist der mitgebrachte Vorrat bereits alle, in ihrem Abteil zumindest. Im Zug wird es bereits hinter Kassel deutlich ruhiger, es ist gut auszuhalten.

Einige versuchen weiterhin gute Stimmung zu machen, andere holen sichtbar ihren entgangenen Schlaf nach. Pennen sollte man, wo immer man Gelegenheit dazu hat, das ist die typische Art der Landser, hört er von fern seinen Vater sagen. Auch Felix wird jetzt ein wenig müde. Er denkt irgendwie diffus an sein bisheriges Leben, und er kann sich kaum vorstellen, was ihn demnächst erwarten wird. Dabei döst er sogar ein wenig ein . . .

1948

[E 2 Odysseus] = Als du, Felix, im Mai 1948 geboren wurdest, erfolgte bereits die Einschulung eines Hannes Wader in Bethel bei Bielefeld. Bielefeld? Da würdest du einmal an Fieler denken, den du erst ganze 70 Jahre später in Kambodscha kennenlernen würdest. Bei Hannes war der Sozialstatus der Eltern „arm, aber verhältnismäßig sauber.“ Der führte einmal weiter aus:

In der Vergangenheit sah ich mich gelegentlich dem Vorwurf ausgesetzt, meine proletarische Abkunft dünkelhaft überzubetonen. Ich räume inzwischen ein, dass es auch Vorteile haben kann, privilegierteren Schichten zu entstammen als ich. Dennoch möchte ich auf ein Wort meines Kollegen Rilke verweisen: ‚Armut ist ein großer Glanz von innen!‘ Ein Glanz, der seine größte Intensität in den Augen afrikanischer Kinder im letzten Stadium des Verhungerns erreicht.“

Der spätere, konsequent linksorientierte Songwriter und bekannter Barde der Szene trat früh bei Familienfesten mit dem Lied: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ auf. Er sang dabei „wie Miles Davis Trompete spielt, immer mit dem Rücken zum Publikum.“

Wenn Hannes als Dreijähriger Sänger bereits vor einem Publikum stand, so geschah das bei dir erst im Alter von vierzehn Jahren. Zusammen mit Bübchen, Ralf und Joachim bist an Fassenacht durch die gefüllten Lokale der Stadt getingelt, und ihr habt mit gestreiften Hemdchen und Matrosenkäppis eben solche Lieder gesungen, die tatsächlich mancherlei Stimmung unter die Gäste brachten. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins … Lili Marleen … Wir lagen vor Madagaskar … La Paloma . . . Ihr habt auf diese Weise das erbettelte Geld gesammelt, um es vielleicht auf dem letzten Kindermaskenball für euch Jungen im Kurhaus oder für heimliches Zigarettenrauchen ausgeben zu können. Es war wirklich ein sehr komisches Alter für euch. Ihr wolltet keine Kinder mehr sein, es reichte aber lange noch nicht für richtige Berührungen mit Mädchen. Aber auch das trat alsbald sehr aufregend in euer Leben – so oder so geschah das.

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[E 2 Margot] = Da dein weltlicher Vater Erich erst recht spät aus seiner Kriegsgefangenschaft kam, wurdest du erst am 22. Mai 1948geboren. Da gab es für die Familie zunächst einmal die in jeder Hinsicht entbehrungsreichen Nachkriegsjahre. Aber man brauchte im Land auch Arbeitskräfte. Immer mehr Zwangsvertriebene und Ostflüchtlinge strömten dabei in die Westzonen hinein. Willkommen waren sie dort nicht sonderlich. Es waren schließlich Fremde für die Eingesessenen. In der BRD war aber bereits im Juni die amerikanische D-Mark eingeführt worden. Deutschland wurde durch den Willen der Amerikaner dadurch in zwei konkurrierende Wirtschaftszonen geteilt. Überall wurde in rasanter werdendem Tempo wieder aufgebaut. Hüben wie drüben. Nur hier hüben war das etwas lukrativer. Man konnte sich sogar bald etwas dafür kaufen.

Ärmel aufkrempeln! Zupacken! Aufbaun!“ wird der linkspolitische Bänkelsänger Franz Josef Degenhardt später auf der Burg Waldeck mit Blick auf jene äußerst dynamischen Aufbaujahre singen.

Aber in der Welt geschehen immerzu andere und absolut geheime Sachen, die viele Jahrzehnte später die gesamte Menschheit betreffen werden. In einem streng klassifizierten Bericht des Ausschusses für biologische Kriegsführung des Pentagon gab es bereit im Jahr 1948 ein wichtigstes Verkaufsargument der Produzenten für die allerschlimmsten tödlichen Extrakte aus der militärischer Forschungen:

„Eine Waffe oder eine Bombe lässt leider keinen Zweifel daran, dass ein absichtlicher Angriff stattgefunden hat. Aber wenn … eine Epidemie in einer überfüllten Stadt ausbricht, gibt es keine Möglichkeit zu wissen, ob jemand einen Angriff durchführte, geschweige denn wer“, und fügte voller Hoffnung hinzu, dass „ein bedeutender Teil der menschlichen Bevölkerung in ausgewählten Zielgebieten mit nur sehr geringen Mengen eines Erregers getötet oder kampfunfähig gemacht werden kann.“

1949

Mit der Gründung der separatistischen Bundesrepublik Deutschland (BRD) aus den Westzonen unter Konrad Adenauer bestehend, entstand 1949 postum die Deutsche Demokratische Republik (DDR) unter Otto Grotewohl allein in der östlich geleegenen sowjetischen Besatzungszone. Die deutsche Hauptstadt Berlin war von den Siegermächten wie als eine Insel inmitten der DDR jetzt zwischen Ost und West geteilt. Die Westalliierten hatte eine eine lange Blockade ihres Westberlins durch die Sowjets rein politisch provoziert. Nun hatte man endlich bewiesen, dass der Kapitalismus gut und der Kommunismus böse ist. Der kalte Krieg konnte jetzt endlich sichtbar legitimiert beginnen! Oberstes Ziel der Amerikaner war es, den nun einmal entstandenen Ostblock einfach „totzurüsten“, bis dieser Anfang der 1990-er Jahre tatsächlich an seine ökonomische Grenzen kam, dann wirtschaftlich und auch innenpolitisch zusammenbrach.

Die westlichen Interessen rührten viele Jahrzehnte lang in einem Kompost herum, der bis in unsere Tage hinein eher ein deutliches Komplott war und weiterhin ist. Wenn man nur an die ‚Osterweiterung der Nato‘ denkt, an die strategische oder geopolitische Umzingelung Russlands. Dann an die Zukunft der Ukraine oder Weißrusslands, an die kleinen baltischen Staaten. Dabei wird Russland selbst vom Westen und vom Orient her durch die Türkei und die vielen asiatischen neu entstandenen Staaten nach der Auflösung der Sowjetunion immer mehr eingekreist. Da kann einem, als jemand, der besonders „die Russen“ als wunderbare und herzliche Menschen eines Volkes respektiert und achtet, nur Angst und Bange werden.

Ein Imperium implodierte, nicht ohne vorher durch Michail Gorbatschow noch einige Hoffnungen auf einen lebenswerten Sozialismus aufzuzeigen. Jetzt herrscht in diesen vielen neu entstandenen Ländern ein mafiöser Kapitalismus, den allein die Oligarchen als Milliardäre in der Hand haben, verflochten mit dem Finanzkapital der internationalen Börsenplätze. So betrachtet sollen diese infiltrierten Regionen nicht zuletzt zu neuen Bundesstaaten der USA werden. Alles das kurz vor dem bereits sichtbaren Ende des „Amerikanischen Jahrhunderts“ aber vermutlich vor einem schrecklichen weiteren ‚Sezessionskrieg‘ stehend.

1950

Die frühen 50er Jahre waren weiterhin vom Wiederaufbau und einer angeblichen großer Kriegsgefahr belegt. Es herrschte weiterhin Mangel an Arbeitskräften. Die Gewerkschaften hatten jetzt ihre Blütezeit, die zumindest vorübergehend zu einer ‚Sozialen Marktwirtschaft‘ führen würde. Es gab sogar hin und wieder Bananen zu dem Spinat aus dem eigenen Garten, den man Felix eintrichterte, winters und an Weihnachten sogar einige dicke Apfelsinen. Der Krieg in Europa wurde tunlichst vermieden, stattdessen führte der Westen in Korea von 1950-1953 einen entbehrungsreichen und blutigen Krieg, angeblich gegen den Weltkommunismus. Dafür wurde eigens die ‚Domino-Doktrin‘ erfunden. Fast nur Nordkorea wurde in diesem Krieg in eine lebensfeindliche Bombenwüste verwandelt, das Land mit seinen Millionen von Toten wurde per UN-Beschluss geteilt. Auch Vietnam würde es so ergehen.

Divide et impera! Teile und Herrsche! Das ist das künftige Motto der Vereinten Nationen, ganz im amerikanischen Sinn, und die Götter in Oslo schütteln in ihrem geheimen Gegenparlament nur mit den Köpfen. Die Menschen seien versucht, zwar die Macht der ideologisch etwas andersartigen Systemblöcke aufrecht zu erhalten, dabei aber eine Kontrolle gegen befürchtete wirkliche revolutionäre Entwicklung zu haben. Das würde auch den sozialimperialistischen poststalinistischen Sowjetkadern sehr wohl gefallen. Nach Nikita Chruschtschow würde der Ukrainer Leonid Iljitsch Breschnew an der längst erstarrten autoritären Macht sein, und die Blöcke würden für eine lange Zeit in diesem konkurrierenden Spiel der Mächtigen einigen stabilen Bestand haben.

Die zu besiegenden, zu unterjochenden dann zu beherrschenden Länder und freiheitliche Ideen werden sie in gegensätzliche, sich widerstrebende Interessengruppen aufspalten. Dadurch soll für die Imperialisten erreicht werden, dass die Unterdrückten sich gegeneinander wenden, statt einheitlich und vereint gegen den gemeinsamen Feind aufzubegehren“, sagte Rosa in einer Rede in Oslo. „Das gilt gleichermaßen für die sozialen Rechte der arbeitenden Bevölkerungen, die nach wie vor in mittelalterlicher, wenn jetzt auch kapitalistisch genannter Ausbeutung gehalten werden.“

*

Der Schatten des Elchs (1). – Erst im April 1953 wird Norwegen seine eher kleine Besatzungsmacht aus dem deutschen Schleswig-Holstein zurückziehen. Für den Unterhalt der 4.500 Soldaten und ihres Fuhrparks müssen bis dahin täglich nur 6,30 DM gezahlt werden. Die Garnison hinterlässt aber immerhin mehr als 150 uneheliche Kinder.

Auch Lea ist ein Kind aus der Zeit dieser Besatzung. Die Norweger ließen es sich recht gutgehen und fraternisierten, ganz wie die englischen Soldaten, sehr handfest mit deutschen Mädchen und Frauen. Leas Vater ist ganz sicher dieser schöne Hermes, einmal auch in Gestalt eines, sehr blonden und braungebrannten Kapitänleutnants, der als einer der Verbindungsoffiziere viel seiner freien Zeit auf einer schönen aber requirierten Colin Archer verbrachte, mit der er mit allerlei Freunden in sechs Jahren natürlich fast die gesamte westliche Ostsee besegelte und dabei nicht selten oder keinesfalls gelegentlich mindestens eine seiner vielen Freundinnen mitnahm.

Schon längst hatte sein eigentlicher Chef Hephaistos nach dem nordschwedischen Kiruna seine Zentrale wieder im norwegischen Oslo errichtet. Einer der alten deutschen Bunker war dazu wie geschaffen, denn er war zentral gelegen und dennoch unzugänglich, sogar für spielende Buben, die schon mehrmals vergeblich versucht hatten, durch alle möglichen nachlässig zugemauerten Öffnungen in den viel kleineren, für sterbliche Menschen sichtbaren Teil, einzudringen.

Leas leibliche Mutter stammte aus einem winzigen Ort bei Plön nahe der Ostsee, und sie hatte nur sieben Monate vor Leas „Geburt“ einen angehenden Zahnarzt geheiratet. Das nach amtlicher Eintragung aber leider tot geborene Baby verschwand auf seltsame Weise, und es wurde komischer Weise in einem Taunusdorf namens Bleidenstadt, ganz in der Nähe von Bad Betteldorf auf den Namen Sonja getauft.

1951

(E 2 Die Mutter) = Der Kindergarten ist ein Flachbau mit drei großen Räumen und einem langen Flur in dem an Haken in einer Reihe die Straßenkleidung und die kleinen Umhängetaschen der Kinder mit ihrem Frühstück darin hängen. Der Waschraum mit vielen kleinen Waschbecken ist hinterwärtig, gleich rechts vom Eingang gelegen. Dann ist bis heute der Kindergarten dicht neben der spätgotischen Martin-Luther-Kirche. Gleich gegenüber, drüben auf der anderen Talseite des Städtchens, das Elternhaus am Stephans-Berg. Deine Gruppe leitet Tante Käthe.

Manchmal durftest du damals auch bereits für einige Tage auf dem Bauernhof deiner Tante Hebitz und Onkel Willi bleiben, was für dich sicher immer aufregend war. Da gab es so viel zu entdecken und zu lernen. Einmal im Herbst warst du ein kleiner Teufel bei unsere Kartoffelernte, die damals weitgehend noch mit Pferd, einem Pflug und einer sich dahinter drehenden, die Kartoffeln heraus schleudernden Vorrichtung, danach aber per mühsamer Lesearbeit erfolgte, um die zahlreichen bereitliegenden Jutesäcke zu füllen. Mit deiner roten Strickmütze, die tatsächlich zwei Hörnchen hatte, was lustig aussah, hast du dich als Erntehelfer betätigt. Entlang der Reihen mit den noch nicht zugebundenen Kartoffelsäcken bist du gewandert und hast viele davon einfach um geschmissen. Nach diesem Akt hat dich Onkel Willi mit einer fasrigen Binderkordel aus Sisal mit einem Handgelenk an den großen Hund angebunden. Dann bist du mit Rolf tief in den nahegelegenen Hohensteiner Wald auf eine abenteuerliche Entdeckungstour gegangen. Und weg wart ihr. Es war aber bereits später Nachmittag.

„Macht euch keine Sorgen“, sagte Willi Noll zu den Frauen, die sich gleich um den kleinen Buben sorgten. „Er ist ja am Hund angebunden, der Bursche wird uns so schnell nicht weit weglaufen können.“

Nun wird es im Herbst aber bereits früh dunkel. Als man alle Säcke aufgeladen hatte und ins Dorf hinunter fahren wollte, rief man erst nach dir, dann aber nach dem Hund. Der begann folgsam zurück zurennen. Erst konntest du ihm noch folgen, aber am Rand des Feldes bist du hingefallen, und Rolf hat dich eine lange Strecke an dieser tief einschneidenden Binderkordel über den lockeren Ackerboden geschleift. Auf dem Wagen dann, hoch auf den Säcken hockend, haben dich die Frauen warm gehalten, denn es war bereits fast frostig kalt geworden so spät an diesem dunklen, dir bis heute bestimmt unvergesslichen Herbstabend.

Einmal, daran erinnerst du dich ebenfalls noch gut, bist du mit mir rüber nach Wiesbaden gefahren, erst waren wir zum Einkaufen in der Kirchgasse, dann mit dem Stadtbus nach Schierstein hinunter gefahren, um dort einmal die Verwandten, Tante Erna, Onkel Karl, deren Kinder Gerhard und Ilse zu besuchen. Auch dort gab es wie in Holzhausen eine Gastwirtschaft, aber etwas feiner war das dort schon. Es hieß nämlich „Weinhaus Presber“, und dort gab es stets ein prima Essen, oft mit tollem Wildbraten in allen Variationen und dazu Klöße. Die Laugenbrezeln waren dort viel größer, als die bei den Bäckern in Bad Betteldorf. Am Schanktisch neben den beiden Gläserspülbecken war ein komisches gusseisernes Gerät befestigt. Wenn man die geschwungene Kurbel an seinem Holzknauf fasste, dann die Weinflasche in die Öffnung mit der Spindel hielt, und dann einmal kräftig bewegte, kam aus dem Gehäuse der verchromt glänzender Korkenzieher heraus, drang in den Korken ein und zog ihn wie mit Zauberhand hinaus. Das alles machte ein lustiges Geräusch. Irgendwann bei einem späteren Besuch durftest du selbst damit Weinflaschen öffnen, was gar nicht einmal so einfach ist.

Du erinnerst dich auch an das damals teilweise noch sichtbar zerbombte Wiesbaden. In der Innenstadt gab es weiterhin einige wenige Ruinen. In Biebrich und in Schierstein, wo es auch einige Chemieindustrie gab, war offenbar mehr zerbombt worden, zumindest behaupten das die Leute so. Zumindest wurden die Wiesbadener Villenviertel am Neroberg oder entlang der Biebricher Allee, wo später die amerikanische Offiziere wohnen wollten, ganz offensichtlich von den Bombenangriffen verschont.

Auch in Berlin hatte man das wohl so gemacht. Bevorzugt die Wohnviertel der Arbeiter wurden in Schutt und Asche gelegt, die Stadtviertel der schönen Villen oder herrschaftlichen Häusern der Reichen wurden dagegen ausgelassen.

Um sechs Uhr abends läuteten in Bad Betteldorf die Glocken der Martin-Luther-Kirche, auch den Samstag ein. Aus dem Keller wurde die große verzinkte Wanne geholt. Mitten in der im Winter eingeheizten Küche stand sie dann, direkt vor dem Herd, auf dem schmalen Band der cottofarbigen Fliesen, die mehr als Schutz vor Funken denn als Zierde des Bodens dienten.

Offenbar tragen am wöchentlichen Badetag alle Väter in Deutschland ein schwarzes Haarnetz und stochern sich nach dem Baden mit einer, in einem Taschentuchzipfel verborgenen Haarnadel vorsichtig in den Ohren herum. Das ist wirklich ein komisches Gefühl. Du schüttelst dich und willst es dennoch immer wieder.

„Schau her, ganz vorsichtig muss man das machen, du glaubst ja nicht, wie schnell man sich dabei im Ohr schlimm weh tun kann“, sagte dir dein Papa.

*

In der Bundesrepublik werden 1951 die entscheidenden Weichen für die Einbindung in das westliche Lager gestellt: Im April Unterzeichnung des Schumann-Plans zur Montan-Union, im Mai folgt die vollberechtigte Mitgliedschaft im Europarat, im Juli verkünden die Westmächte offiziell die Beendigung des Kriegszustands mit Deutschland.

Aber: Die Verelendung der Dritten Welt wächst unter dem Preisverfall für Rohstoffe zusehends. „Wo Tauben sind, fliegen weitere Tauben zu.“ Auch der heuchlerische, weltwirtschaftliche „Truman-Plan“ ändert daran nicht das geringste, ganz im Gegenteil.

America first!

Dieser wirtschaftliche und nicht zuletzt militärisch durchgesetzte Nationalegoismus wurde also nicht erst von den dreisten US- Präsidenten George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump erfunden, er existiert spätesten seit dem Mitte bis Ende des 19. Jahrhundert, als die USA ihren Angriffskrieg um die riesigen mexikanische Ländereien im nordamerikanischen Trockenwesten führten, dann gegen Spanien um sich die große Antilleninsel Kuba einzuverleiben. Man hatte damals bereits beschlossen, sich möglichst die ganze Welt untertan zu machen!

Aber Mitglied im Europarat zu sein, das betrifft eben nur Europa. Der gleich darauf ermordete Generalsekretär der Vereinten Nationen Dag Hammarskjöld lenkte die Aufmerksamkeit auf die Dritte Welt, dann allzu sehr auf die absolut unmoralische Kehrseite des unerklärlichen, neuen Wohlstandes in den reichsten und allerkristlichsten Ländern der Welt.*)

1952

Manchmal gab es wieder eine Zeit in Holzhausen zu verbringen. Bald würdest du dort auch Spielkameraden im Dorf finden. Da waren Bernd Goetzi und Harald Debus. Allerlei Lausbubenstreiche waren besonders zu dritt auch viel schnell erfunden. Die Kindergartenferien würden bald durch die noch viel häufigeren und besonders im Sommer viel längeren Schulferien abgelöst werden.

1953

(E 1) = Die reale Welt neben dem Kinde. – Du bist eingeschlafen beim ständigen Stimmengewirr eine wirklich gute Leistung. Vielleicht übst du bereits für die anstrengende Marinezeit, in der man sich die Gelegenheit für etwas Schlaf regelrecht wird stehlen müssen, so knapp war er oft. Träumtest du jetzt, denn es erschien dir deine Kindergartenzeit? Warum gerade jetzt? Sehntest du dich bereits in die behütete Geborgenheit des Elternhauses zurück? Dann aber doch lieber die ungewisse Wanderschaft, den eigenständigen Weg ins Leben beginnen, denn dafür bist du hier angetreten. Gerade noch hattest du dich selber beim wohlig einlullenden Stampfen über die Schienenstöße gefragt, ob das wirklich eine gute und richtige Entscheidung war, dieses Land verteidigen zu wollen. Es erschien dir in seinem Zustand bereits ein wenig suspekt zu sein . . . vor dir siehst du wie in einer Imagination das Jahr 1953. Du warst fünf Jahre alt und alles andere, als an Politik interessiert, und das ist so komisch. Wie kann so etwas mit einem geschehen? Hatte er gekifft? Nein das gab es hier ebenfalls nicht. Was aber ließ ihn gerade jetzt diese absolut klaren Bilder entstehen?

Es ist das Ende des Koreakrieges, aber auch die Sowjets haben nun ihre Wasserstoffbombe gebaut und erfolgreich getestet … in der DDR kommt es zum Volksaufstand des 17. Juni, der im Westen Deutschlands bis zur deutschen Wiedervereinigung zum heiligsten antikommunistischen und sehnsuchtsvoll mahnenden Feiertag erklärt wird.

Im Iran wird Ministerpräsident Mossadegh, der die Engländer aus dem Land geworfen und ihre Ölfirmen enteignet hat, durch die bekannte Weise angloamerikanischer Intrigen der Ölkonzerne gestürzt, und der persische Schah wird als ihr gottgleich gemachter mörderischer Statthalter an die politische Macht gebracht. Weiterhin kommt es in vielen überseeischen Kolonialgebieten, die fast noch allesamt unter westlicher Herrschaft stehen, zum Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Portugal, das kolonialistisch erfahrene Großbritannien und auch Frankreich beginnen in Afrika, Südamerika und Asien eine durchaus kriegerische, zugleich aber reformerische koloniale Hinhaltepolitik, die immer zu spät kommt.

Vietnam wird durch das ideologische und militärische Erstarken der antiimperialistischen Opposition unter Staatspräsident Ho Chi Minh (von den Vietnamesen liebevoll Onkel Ho genannt) jetzt zu einem regelrechten Kriegsschauplatz, der nach der Niederlage der Franzosen zunächst zur Teilung des Landes und zwanzig Jahre später endlich auch zum schmählichen militärischen Abzug der Amerikaner und zur Flucht ihrer korrupten CIA-Marionettenregierung im Süden des Landes führen wird.

Eine entscheidende Entwicklung bahnt sich in Indochina an, wo der Vietminh seinen antikolonialistischen Krieg auch ins benachbarte Laos trägt. Die Franzosen werden dadurch gezwungen, den Norden Vietnams aufzugeben – der Weg nach Dien Bien Phu zur Entscheidungsschlacht ist nicht mehr weit, und die französischen Angebote, den drei Ländern Indochinas die Unabhängigkeit im Rahmen eines französischen Commonwealth, der Union Française, zu geben, kommen jetzt bereits zu spät.“*)

Am 4. Februar 1953 wird der Bundesgrenzschutz, der aber nur so heißt, weil er als infanteristisch bewaffnete Polizeitruppe zugleich nach innen gegen die eigene Bevölkerung aufgestellt ist, von 10.000 auf 20.000 Mann verdoppelt. Dagegen wird die in Deutschland kaum auffällige Werbung für die französische Fremdenlegion strafbar gemacht. Warum eigentlich?

Sollen sich Männer lieber zu den eigenen Truppen melden? Die Legionäre sind überaus berüchtigt. Weil sie besonders in Algerien als blutgierige Bestien bevorzugt arabische Zivilisten brutal gefoltert und abgeschlachtet haben? Frankreich erklärt dazu, dass nicht 90.000 Deutsche, bekannter Weise oft als ehemalige Wehrmachtssoldaten in dieser hart trainierten, fast unmenschlich auf einen nackten Kadavergehorsam ausgerichteten Légion étrangère dienten, sondern angeblich nur deren 18.000.

Erich Mende von der FDP, einst gar Major der Hitlerarmee (und wir wissen inzwischen, was die alles an unvorstellbaren verbrecherischen Grausamkeiten angestellt hat), schlägt in einer Parlamentsdebatte in Bonn tatsächlich ein gesondertes Bundesministerium für die alten Kämpfer vor – entsprechend dem französischen Vorbild, wo die Kriegsveteranen von einem eigenen Pensionsministerium betreut werden – und erntet dafür nur Hohn und Spott. Veteranen? Die könnten doch wirklich von den weißgewaschenen Großfirmen, die an allen Kriegen weiterhin gut verdienen, locker ausgehalten werden. So werden die Nachfolger der berüchtigten IG-Farben der Nazizeit (jetzt Bayer Leverkusen, Farbwerke Hoechst und BASF) im März ins Leben gerufen. Aber keinerlei Ehrensold für die Nazi-Soldateska oder wenigstens eine kleine Entschädigung für die Hunderttausende ausgebeutete Zwangsarbeiter wird von den heutigen feisten Aktionären genehmigt. Stattdessen wird wenigstens der Nazi-Rennfahrer Manfred von Brauschitsch Anfang Mai verhaftet, weil der angeblich für die feindliche Sowjetunion spioniert haben soll.

Felix, du interessierst dich bereits für Kultur, Geschichte und Literatur. Hast du schon einmal von der Frühen Leitkultur gehört?*). Macht nichts, denn du wirst sie bald genug zu spüren bekommen.

In Bayern stand die Kultur bereits in voller Blüte, als in anderen Teilen Deutschlands noch tiefste Kulturlosigkeit herrschte und die Missionare erschlagen wurden“, sagte Wilhelm Hoegner von der SPD als damaliger bayerischer Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident am 28. Juni 1953.

Eine andere bayerischer Kasperfigur mit cleverem Holzkopf, ein Edmund Stoiber (CSU), wird das fünfzig Jahren später gar mit einer ganzen politischen Riege völkisch Kulturbesessener gegen die zunehmende Infiltration fremdartiger Menschen und deren andere, oft orientalische Kulturbestandteile vollkommen widerstandsfrei gegen derartige eindeutig schwarzbraune Tendenzen noch toppen dürfen.

Nicht nur diese minderwertige fremde Kultur“, so sagt ein künftiger Oberleutnant der Reserve (erst NPD, jetzt AfD-Wähler), „muss man nicht nur zerhacken, man muss sie bestenfalls verbrennen.“

Das ist rein ethisch aber eigentlich verwerflich. Deshalb führt der bayerische Staatspräsident Markus Söder für Bayern im Jahr 2020 einen ganz neu gestrickten Ethik-Rat ein, der einzig und allein dazu dienen soll, seine menschenverachtende Sozialpolitik abzusegnen. Wer dieses fragwürdige Spiel da drin nicht mitspielt, der fliegt einfach raus.*)

Ganz wie in der Kultur braucht das menschliche geistige und emotionale Immunsystem unbedingt vielfältige aus der Mitwelt kommende und letztlich krankmachende Anreize, um sich gut zu entwickeln und seine inneren Widerstandskräfte aufzubauen. Das geschieht lebenslang und darf schon allein deshalb nicht über längere Zeit hinweg vollkommen verhindert werden. Ein totaler Lockdown, wie er in staatlich verordneter Pseudo-Bekämpfung des Coronavirus aus politischen Gründen praktiziert wird, wirft schnell die Frage auf, inwieweit damit langfristig eine (evolutionäre) Degeneration erfolgt, die letztlich allein durch die Pharmaindustrie und im privatisierten, hochgradig kommerzialisierten Gesundheitswesen in einer widersinnigen Weise eskalierend verstärkt wird. Künftig sicher ein weltweites Problem! Krankenhauskeime durch verstärkten Einsatz von Antibiotika in die Welt gebracht, sind ein erstes Beispiel. Hunderttausende Menschen starben allein in Deutschland bisher daran! Hier bereits von einem versuchten Massenmord zu sprechen, scheint verfrüht. Sicher ist aber, dass körperliche Isolation (s. Immunsystem) und soziale Abriegelung (Psychosen) zu schweren vielfältigen Krankheitsymptomen führen werden, die langfristig zivilisierte Bevölkerungen in ihrer Gesamtheit betreffen werden.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Nicht nur seine geistige Gesundheit hängt an dem sozialen Miteinander, nein auch seine körperliche. Wenn dem Immunsystem die Trainingsmöglichkeiten genommen werden, sind schwerere Erkrankungen wahrscheinlicher.“ (Tagespresse,12. Februar 2021)

*

Zur zweiten Bundestagswahl am 22. August 1953 ist die KPD, die drei Jahr später wegen ihrer bedrohlichen (das ganze Volk mit kritischen Viren infizierende) Wahlergebnisse schließlich verboten wird, als einzige der antifaschistischen Gruppierungen noch zugelassen. Sie erreicht nur 2,2 % der Stimmen, 1949 waren es immerhin noch stolze 5,7 %, immerhin gerade genug für eine einzige Rede pro Jahr im Bundestag vor all den anderen Einheitsparteyen, oder vor leeren Bänken.

Wir schauen 15 Jahre weiter: 1968 erringt die tiefbraune NPD in Baden-Württemberg mit 9,8 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis. Berücksichtigt man dabei die Wahlbeteiligung repräsentiert sie damit etwa ein Fünftel der badensisch-schwäbischen Volksmeinung. Noch mehr Menschen sind im fleißigsten Ländle vermutlich und mit einigem Recht gegen die auf ewig angelegten „Wiedergutmachungsleistungen“ für den zionistischen Staat, der immer aggressiver seine höchst inhumane, militaristische Landräuber- und Verelendungspolitik gegen die dort lebenden Palästinenser mit starker westlicher Unterstützung betreiben wird. Dabei wäre allein die brutale Aneignung des allermeisten dort verfügbaren knappen Trinkwassers durch die Stärkeren bereits ein denkbares Dauerthema für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, der aber allein schon genug mit den offensichtlichen Kriegsverbrechen der USA im vorderen Orient zu tun hätte, wenn er denn nur wollte.

Aber ein dafür hochgelobtes Bundesverfassungsgericht verbietet in einem höchst grundgesetzwidrigen Verfahren am 17. August 1956 die KPD. In Wirklichkeit ergeben sich dadurch ad hoc wieder einmal eine Vielzahl neuer Rechtsmittel gegen jegliche linksorientierte Kritik gegenüber einem Staat, der allein im Schutz des Kapitalismus eines Großkapitals und der amerikanischer Interessen seine eigentliche beschützende Funktion sieht. Diese Art von Nachkriegs-Demokratie musste pro forma sauber gewaschen bleiben und buchstäblich mit allen Mitteln aufrechterhalten werden. Wird es dereinst Historiker geben, die Hundert Jahre später rot werden vor Scham, dieser Nationalität anzugehören? Wer wird ihre Wissenschaftlichkeit dann noch dulden? Kaum hatte sich nämlich diese junge Bundesrepublik eine freiheitliche Verfassung gegeben, setzte sie ihr genau diese engeren Grenzen, wer in ihr allein von der darin festgeschriebenen Meinungsfreiheit Gebrauch machen darf, und wer nicht. Was kann schon aus einer Verfassung werden, die mit Hilfe eines „Parlamentarischen Rates“ aus der Taufe gehoben wird? Das werden sich heimlich einige Historiker fragen. Es dominierten bereits eben nur solche Parteylichkeiten, die nicht direkt vom Volk autorisiert sind, sondern von einem Klüngel aus dauerhaft angelegtem Parteykarrierismus. Mit einer Hand an der Penisspitze der Wirtschaft, der das nicht nur angenehm ist, sondern das eherne Prinzip der übernommenen amerikanischen Form der Freiheit allein für die Oberschicht war und ist.

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Land of the free? No! Heapes of bullshit everywhere! We will see!” Odysseus hatte in England schnell die für ihn vollkommen neue Sprache erlernt, die er bald sehr mochte.

Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden“, sagte Rosa einmal später in Oslo, aber solche meist hintergründig gedachte Sprüche kannten die anderen Götter in Oslo bereits von ihr. Denn sie wussten auch, dass Rosa in Sachen Weltfrieden in Wirklichkeit durchaus etwas radikaler, und dabei allein nur für ihre eigene angeblich gerechtere Sache dachte. Skepsis ist dabei also immer angesagt.

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[E 1] = Die Besatzungsmacht Großbritannien verkauft im September 1953 die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ an den aufstrebenden, natürlich ultrakonservativen und baldigen Pressemogul Axel Caesar Springer, und in den deutschen Volksschulen, die man bald Grundschulen nennen muss, wird die pädagogisch sehr umstrittene Ganzwortmethode als eine Modernität eingeführt. Aber welche Sache wäre in der Schulpädagogik nicht stets heftig umstritten?

Wenn schon, dann aber richtig! Im Oktober wird der frühere Rennfahrer und berühmte Nazi-Karrierist Manfred von Brauschitsch zum zweiten Mal und eben wieder wegen des Verdachts auf Hochverrat verhaftet.

Seine ersten Rennen bestritt Brauchitsch in einem privaten Merzedes-Benz Typ SSK seines Vetters Hans von Zimmermann. Bis 1939 gehörte er zum Werksteam von Mercedes. Trotz seines sprichwörtlichen Pechs erreichte er einige große Siege, wie zum Beispiel beim Großen Preis von Monaco im Jahr 1937 oder 1938 beim Großen Preis von Frankreich. Er hielt unerschütterlich den Streckenrekord des 1913-1934 ausgetragenen Gabelbachrennens. Von 1940 bis 1943 war Brauchitsch persönlicher Referent des Junkers Chefs Heinrich Koppenberg und hatte den Rang eines SS-Sturmführers beim Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps. 1944 bis 1945 war er Referent im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion unter Albert Speer (Panzerbeauftragter im Technischen Amt). 1945 übersiedelte Brauchitsch an den Starnberger See. 1949 bis 1950 lebte er wegen seiner Nazivergangenheit in Argentinien, konnte aber dort an seine Erfolge nicht mehr anknüpfen. Im März 1950 kehrte er nach Deutschland zurück. Was wollte er noch hier? Waren die Pfründe inzwischen wieder offen?

Der angeblich mittellose Brauchitsch traf sich mehrfach mit dem Genossen Walter Ulbrichts dem Generalsekretär des ZK der SED, und ließ sich im März 1951 zum Vorsitzenden des „Westdeutschen Komitees für Einheit und Freiheit im Deutschen Sport“ wählen. Nachdem auch seine Autobiografie in Ost-Berlin erschienen war und der Staatsschutz der BRD Ermittlungen angestellt hatte, wurde er September 1953 wegen Hochverrat, Geheimbündelei und Staatsgefährdung, definitiv angeklagt und kam für acht Monate in Untersuchungshaft. Kurz vor der Gerichtsverhandlung am Bayerischen Obersten Landesgericht verließ er Silvester 1954 seine erste Ehefrau Gisela und flüchtete in die DDR, wo er sodann als Sportfunktionär wirkte. Brauchitsch war in der DDR von 1957 bis 1960 Präsident des Allgemeinen Deutschen Motorsport Verbandes (ADMV) und von 1960 bis 1990 (!) Präsident der Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens. In letzterer Funktion betrieb er Sponsoring für die DDR-Olympiamannschaften.

Er wurde dreimal mit dem Vaterländischen Verdienstorden der DDR ausgezeichnet und erhielt 1988 sogar den „Olympischen Orden“ des Internationalen Olympischem Komitees (IOC). Diesen durch und durch korrupten Club von Absahnern wird man skandalumwittert bis weit ins nächste Jahrtausend hinein ertragen müssen.

Auf dem Weg in die sichere politische Mitte. – Nach der deutlichen Wahlniederlage der SPD erklärt Carlo Schmid im November 1953 in einem programmatischen Artikel in der Neuen Ruhr-Zeitung, dass seine Partei keine Weltanschauungspartei mehr sei. „Die SPD hat aus der Absage an den absoluten Glauben an eine ökonomische Automatik in der Geschichte die Konsequenzen gezogen und sie auf dem Parteitag in Hamburg im Jahre 1950 deutlich ausgesprochen. Sie ist keine Weltanschauungspartei mehr. Zu ihr kann, aus welchem weltanschaulichen Lager auch immer, jeder stoßen, der der Meinung ist, dass alles getan werden müsse, um den materiellen, moralischen und geistigen Lebensstand des Volkes zu heben, und der entschlossen ist, sich dabei ausschließlich demokratischer und rechtsstaatlicher Wege zu bedienen und den Menschen in die Mitte stellen.“ Die Mitte! Im zentralen Geschehen des Kapitalismus ganz ohne eine Weltanschauung stehen, genau das wollen die Wähler und die Herren mit der weißen Weste gleichermassen. Die Gewerkschaften blasen ins gleiche Horn, denn der altmodische Klassenkampf wird jetzt in eine Anbiederung gipfeln, die nur noch durch die unglaublichen Gehälter der Bonzen erklärbar sind. In der Mitte war immer schon der sicherste Platz.

1954

Mit der militärischen Niederlage bei Diên Biên Phù endete 1954 der erste Indochinakrieg mit dem beschämenden Abzug Frankreichs aus seinen drei Kolonien Indochinas. Mit dem sich gleich anschließenden Algerienkrieg begann ein weiterer kolonialer Befreiungskrieg gegen das dort schon lange eingesessene Mutterland Frankreich. Die in diesem schmutzigen Krieg auch gegen arabische Zivilisten vollzogenen Grausamkeiten werden sehr bald legendär. In Deutschland sorgte der einst geheime Verfassungsschutz mit der Flucht seines eigenen Präsidenten Otto John in die DDR für einen der üblichen öffentlichen politischen Skandale, die in der BRD künftig zum normalen Alltag einer anfänglich noch vorhandenen Kritik an der Staatsraison werden sollten.

Das Elend der Kinder an preußischen Schulen. – Du wirst an Ostern 1954 als Erstklässler in die Volksschule zu Fräulein Kläre Kluge geschickt. Irgendwie beginnt jetzt der Ernst des Lebens für ein deutsches Kind im ehemaligen Preußen. Aber besonders in den langen Sommerferien darfst du dennoch ein richtiger Lausbub bleiben. Dann geht es wochenlang zum unweit gelegenen Bauerndorf, von dem die Mutter stammt, und wo Onkel Willi und Tante Hebitz (die eigentlich Hedwig heißt) mit ihrem rumänischen Knecht Michel einen gemischten Bauernhof und eine Gastwirtschaft mit einigen Nebenräumen und fünf recht einfachen Gästezimmern betreiben.

Banknachbarn. – In der Schule wird Helmut Rausch dein Banknachbar, bald wird er dich „Metzger“ nennen, was komischerweise in der Stadt dein ständiger Uzname bleiben wird. Ein Foto erinnerte Felix an den ersten Schultag. Ebenso, wie man sich bei Erzählungen der Alten oder beim Betrachten alter Bilder so sehr erinnert, dass man schließlich glaubt, es selbst noch ganz bewusst in Erinnerung zu haben.

1955

Der Monat November ist nicht zuletzt besonders in Deutschland mit erschreckenden, weil oft traurigen Anlässen verbunden. Totensonntag, Heldengedenktag, Volkstrauertag aber bitteschön bloß keine Erinnerung an die kriminell kommunistische Novemberrevolution! Oder an ihre Niederschlagung durch SPD-Polizei und rechtsnationalistische Bataillone von schwer bewaffneten, mit Handgranaten und sogar mit Feldartillerie ausgestatteten Reichswehrsoldaten.

Wem die Stunde schlägt. – Am 12. November 1955 aber, gerade einmal gut 10 Jahre nach Ende des Krieges und der Naziherrrschaft, wird gegen den längst wieder verfeindeten, antifaschistischen Ostblock mit dessen Warschauer Pakt eine weitere Nato-Armee mit der Ernennung erster BRD-Soldaten aufgestellt. Das ist der Wunsch der Amerikaner. Alte Kameraden aller Waffengattungen der einstigen Hitlerarmee werden die ersten Offiziere der Bundeswehr sein, sie haben nur auf diese ihre kommende Stunde gewartet. Jetzt dürfen sie fast wie bisher in ihrem Job weitermachen.

*

Nach Hannover sind sie nur noch zu viert und strecken gelangweilt ihre jungen Beine auf den freien Sitze aus. Schon heute Abend werden sie alle irgendwo auf ihren Kommandos sein. Zwei von ihnen sind vorher Richtung Bremen umgestiegen, um nach Brake an der Weser zu ihrem dort gelegenen Marine-Ausbildungsbataillon zu gelangen. Bis nach Glückstadt muss aus diesem Abteil und draußen im Gang offenbar keiner – nur Felix.

Am Abend zuvor hat er sich vor seiner durstigen Strecke noch einmal mit Heidrun verabredet. Wir möchten ins Kino, sagte sie zu ihren Eltern. Stattdessen machen sie auf ihrem Zimmer unter dem Dach eine Party zu zweit. Heidrun hat Cointreau-Likör, den sie sehr mag, Eckes-Edelkirsch und eine Flasche guten Bordeaux deponiert. Ausgerechnet Bordeaux, ausgerechnet an diesem Abend, in dieser lasziven aber anstrengenden Liebesnacht.

„Wann bist du gestern oder heute Morgen eigentlich nach Hause gekommen“, fragt ihn der Vater beim Frühstück.

„Ich habe uns frische Brötchen mitgebracht“, antwortet Felix stattdessen.

„Na, die Marine, sag ich da bloß. Wie es im Buche steht“, grinst der Vater dann.

*

[E 1] = Am 14. Januar wurde Albert Schweitzer 80 Jahre alt. Natürlich hast du beizeiten einige Bücher über ihn gelesen. Lambarene ! Der große Fluss, ach, Afrika! Später wollte er reisen, um alles das einmal zu sehen.

Die Landschaft, die im Fenster vorbeizog, war lange schon vollkommen flach, die Norddeutsche Tiefebene halt. Du versuchtest wieder einzuschlafen. Die Beine auf die Bank gegenüber gestreckt lässt du die Füße frei pendeln. Der linke Fuß steht bis heute noch ein gutes Stück nach außen.

Beinbruch im Januar. – Hier liegen doch nur alte Männer, wundertest du dich. Bin ich jetzt auch in einem Lazarett, so wie Papa damals, fragtest du. Dein Lieblingsessen war damals Hühnerfrikassee mit Reis, das dir deine Mutter mindestens einmal ins Krankenhaus mitbrachte. Von der Schule verpasstest du auf diese Weise ganze drei Monate, aber im Zeugnis stand:

Felix hat das Versäumte erstaunlich rasch wieder aufgeholt.“

Weiße Bettlaken entlang langer Bettreihen, mit ihren Kopfenden zu den Wänden hin, erinnerten dich später an Schnee, dem gnädigen Leichentuch für unzählige Soldaten, die überfallartig nach Russland einmarschiert waren. Eine milde Frühlingssonne übertaute bald den bereits körnig gewordenen Schnee. Die Leiber, längst schon von Fliegen und Maden besetzt, begannen zu stinken. Um sie herum ein dunkler Brei, der in den Boden sickert. Die Knochen von Krähen zerfleddert. Ihre Seelen sind jemals weder da noch dort angekommen, und hätten all diese Soldaten noch gelebt, so wüssten sie jetzt endlich weshalb:

Es gibt keinen Himmel, keine Erlösung und kein ewiges Leben! Egal, was sie uns aufs Koppelschloss stanzen. Alles nur Humbug, sie haben uns alle nur belogen! Wir aber lassen Weizen, Sonnenblumen, Kartoffeln, oder Gurken wachsen, düngen den schwarzen Steppenboden im fernen Land“, hatte Unteroffizier Gerhard Neumann bereits im sommerlichen Stalingrad gesagt, als sie sich eine Büchse Ölsardinen teilten.

Wie Paprika, Ihr verdammten Schweine!“

Die geopferten Körper tapferer Gebirgsjäger lagen im Frühling im schmelzenden Firn unter‘m Rocca Alta, auf Matten und Almwiesen, wie um sie zu düngen“, erzählte Louis Trenker gesellig, als er einen seiner Filme im Fernsehen kommentierte.

„Nach der Tet-Offensive fand man manchen unserer vermissten GIs erst nach Wochen im Schlamm der Reisfelder. Der Vietcong hat sie einfach als Dünger liegengelassen“, sagte George in ihrer Stammkneipe.

„Der Charly hat euch einfach nicht sehr gemocht.“ So sagtest du.

Darauf habt ihr das Binding-Römer-Pils, das meist vom Sohn oder von der Mutter Proskawitz serviert wurde, einfach aus der Flasche. Aus der Musikbox des kleinen Tanzlokals „Keller“jetzt Otis Reddings ‚The Dog of the Bay‘, und später bei ‚The Whiter Shade of Pale‘ hast du eng mit Doris getanzt, die als Verlobte ihres schwarzen Air-Force-Sergeants George W. Cutter galt. Der recht muskulöse George stammte aus Brooklyn, nach dem er sich nach einigen Jahren bei der Army jetzt doch sehr zurücksehnte. George war nämlich ein etwas sentimentaler Mensch, der oft genug seinen Blues hatte.

„Warum bringst du deine Heidrun denn abends nicht einmal hierher mit?“ Holger hatte sich dabei an dich gewandt.

„Ja, eigentlich eine gute Frage. Wir sehen uns zwar öfter, aber irgendwie ergibt es sich einfach nicht einmal etwas anderes zu machen. Wirklich schon sehr komisch das alles.“

„I can‘t get no … no Satisfaction!“ Jetzt schien Holger von dem Song von Mick Jagger erfasst zu sein. Er sang eine Weile mit, schlug dann nur noch mit der flachen Hand leicht den rockigen Takt auf die Tischplatte.

„Tanz‘ doch auch mal“, schlugst du Holger vor. „Wozu sind wir denn hier? Nur zum Biertrinken? Sind doch nette Frauen hier, oder tanz‘ einfach alleine.“

„Ach, ich habe keine Lust dazu. Mir reicht es einfach ein wenig zu Quatschen. Machst du eigentlich sonst auch.“

„Ja, ein großer Tänzer war ich noch nie. Aber diese Doris …“

„Hör auf damit. Die wird ein anderes Kaliber gewöhnt sein.“ Holger grinste ansteckend. Dann habt ihr beide laut lachen müssen.

*

„Wenn man sich irgendwann, vielleicht nach über sechzig Jahren die Hits der 50-er- und 60-er-Jahre noch einmal anhören würde, könnte man sich wundern, dass man wegen ‚Sugar‘, ‚Honey‘ und ‚Candy‘ und manch süßer, einschmeichelnder Geigenbegleitung nicht mehr Karies bekommen hat. Andere Songs dagegen sind doch konsequent rockig, zeitkritisch, lyrisch aufklärend. oft schon aggressiv, was bei all dem üblichen Liebesgesülze in mystischer Solidarität oft wohlut.“

„Revolutionssehnsüchte?“

„We gotta get out of this Place … Girl! There‘s a better Life for me and You!“

„Ja, so geht eine Art Liebessong doch auch.“

*

Die schweren Überschwemmungen in Indien, bei denen im September 1955 etwa 45 Millionen Menschen obdachlos werden, sind noch weit weg vom kindlichen Erleben. Aber die zum Ende des Winters entstehenden Überschwemmungen sind genial. Im Frühjahr bauen sie sich später einmal zur Schneeschmelze, zu der heftiger Regen auf den gefrorenen Boden hinzukommt, ein ziemlich wackliges Floß und staken damit im hoch überschwemmten Aartal herum oder lassen sich einfach dahintreiben.

Vier Jahre später. Wieder einmal taut hoher Schnee, der bereits in wahren Sturzbächen von der Busemach auf den unter ihr verlaufenden Höhberg herunterkommt, wobei das Schmelzwasser tiefe Kerben in die bereits aperen Viehweiden unter dem Wald reißt.

Ist damals in Indien auch der Tiger von Eschnapur ertrunken?“ Seine ältere Cousine Inge lacht. Sie sammelt zwar all ihre Filmprogramme, weiß aber nur, dass sie den schneidigen Schauspieler Paul Hubschmid einfach echt toll findet.

Noch aber träumen besonders die sich inzwischen grell schminkenden amerikanischen Hausfrauen auch vom „Atomic-Grill“, um dem müde von der Arbeit heimkommenden Held (natürlich stets aus einem damals modern werdenden Großraumbüro, also keine ätzende Fabrikmaloche) ein richtig großes T-Bone-Steak zu machen, das ihm sicher gegen „Stress“, gegen „Managerkrankheit“ und seine „Midlife-Crises“ helfen wird.

Der Fleischkonsum der Deutschen wird im Wirtschaftswunder der kommenden Jahre hoffentlich ebenfalls sehr stark ansteigen. Hähnchenwelle? Wienerwald? Massentierhaltung! Das ist doch was für die einfachen Leute. Na, nur ein richtiges T-Bone- oder ein Rumpsteak sorgen bei den allseits bewunderten und doch zugleich verachteten Neureichen eher für geburtenstarke Jahrgänge, die jetzt dringend gebraucht werden. Nicht nur Deutschlands feiste Metzgermeister bauen sich ein tolles Haus nach dem anderen. Sogar örtliche Herrenfriseure wie ein Herr Mollenhauer kriegen das hin, wenn man Magnus Enzensbergers Mittelmaßkritik folgt.

Nach der versuchten soldatischen Eroberung der Welt und der organisierten Judenvernichtung folgt im Westen Deutschlands die große Fresswelle! Auf ihrer Sattheit surft eine professionell Angst einflößende Politik. Schon bald wird das Cholesterin erfunden, fettarm wird empfohlen, die schreckliche Fettlücke des ersten Krieges ist in den Hirnen der Älteren längst vergessen, und nur ekelhafter Lebertran ist sehr gesund für die Kinder, behauptet die Fischereiindustrie, in der bald auch die Gewerkschaften das nicht mehr benötigte Beitragsgeld ihrer Arbeiter heimlich investieren. In Großbritannien, eine der hochnäsigsten alliierten Siegermächte gibt es hingegen bis 1954 noch Lebensmittelmarken, für Fleisch und Fisch womöglich sogar noch viel länger.

Durch die aggressiv gegen den Ostblock gerichteten Pariser Verträge wird die BRD 1955 gegen jeden Widerstand der Bevölkerung wieder bewaffnet und somit scheinbar souverän. Gründung der Bundeswehr mit ehemaligen Nazi-Offizieren, weil andere gerade nicht zur Verfügung stehen. Auch der Justizapparat funktioniert, bis auf einen winzigen Skandal*) im Jahr 1978, ganz hervorragend. Manöver für den Frieden sind an der Tagesordnung. Ein Besatzerjunge stiehlt dabei das Messer von einem Essbesteck der US-Army und bildet sich ein, nun um sein Leben fürchten zu müssen.

Etwa zehn Jahre vorher kommen amerikanische Panzer auch in die hessische Wetterau, um dort für längere Zeit zu bleiben, und ein Junge im Soldatenmantel macht sich mit dem Fahrrad aus dem Staub. In Frankfurt gibt es in einem Lehrerseminar mittags immer einen warmen Eintopf, und so wird aus dem dürren Hitlerjungen mit Notabitur kaum zwanzig Jahre später ein Realschullehrer, der auch Geografie unterrichtet, und der nicht vom im Luftschutzbunker erlebten Bombenkrieg, nicht von seinen toten kleinen Flakhelfer- und Panzerfaust-Kameraden draußen erzählt.

Aber von dem „gewaltig donnernden Frühjahrssturm über der Stadt Rüsselsheim, der in einer Nacht fast alle Dächer abgedeckt hat.“

Eselsbrücken führen uns zur Tugend und Vernunft.Sie sollten nicht für die Schule, aber für das Leben lernen. Was sie dafür brauchten, das lernten sie in der Schule, und was sie im Leben nicht brauchten, das erfuhren sie auch nicht. Aber wie konnten sie das, was sie erfahren durften, alles behalten? Eselsbrückentragen sogar dumme Tiere; uns tragen sie in unser Gedächtnis. So oder ähnlich mögen sich seine Klassenlehrerinnen Fräulein Kläre Klugein der Volksschule und Fräulein Hannelore Beritz in der Mittelschule an die Kinder gewandt haben.

Manöver. – Die grünbraunen Amipanzer hatten die Landstraße oberhalb des Dorfes in eine Mondlandschaft verwandelt. Die mutigsten Kinder sprangen in die tiefen Spurgräben und versanken dabei bis zu den Knien im Morast, den die breiten Ketten immer wieder frisch aufwühlten. Manchmal winkten ihnen auch schwarze Männer zu. Die Buben bekamen angesichts dieser Neger eine richtige Gänsehaut.

Als er mit seinem Onkel mit dem Traktor und dem Anhänger Getränke an den Waldrand lieferte, standen die Panzer unter Tarnnetzen rückwärts eingeparkt. Viele der Bäume waren dabei einfach platt gelegt worden.

Das Messer mit dem Aluminiumgriff. –Ein braungebrannter Soldat mit kurzen, blonden Haaren zeigte Felix seinen Panzer. Er durfte hinein und auf ihm herum klettern, und sein Onkel stand draußen in der Sonne und zählte die gelieferten Kästen noch einmal nach.

Der freundliche Amerikaner schenkte Felix ein Messer mit einer kurzen, nicht sonderlich scharfen Klinge. Der Aluminiumgriff hatte ein großes Loch, damit man es bequem hinhängen konnte. „US“ war in das graue Metall eingestanzt. Er verbarg das Geschenk, weil er Angst hatte, dass sein Onkel das nicht erlauben würde. Auf dem Hof versteckte er es über die Nacht in einem der Brennholzstapel.

In den nächsten Tagen kamen manchmal Offiziere mit hohen Schirmmützen in das Wirtshaus und tranken hier frisches Bier. Felix durfte sie dabei bedienen. Seine Angst war längst gewichen. Als aber einmal ein Jeep überraschend in den Hof raste und mit quietschenden Reifen stoppte, bekam Felix einen furchtbaren Schreck. Alles war bemerkt worden! … und er hatte das Messer gerade in der Hand! Er rannte in die Scheuer und steckte es einige Stufen die Leiter empor mitten in das Heu hinein. Am nächsten Tag suchte er das Messer eine lange Zeit, fand es aber nicht mehr. Viel später dachte er erneut an das Messer im Heu, und er sorgte sich, dass es am Ende eine von den Kühen in den Magen bekäme und qualvoll daran sterben würde. Dann wunderte sich Felix auch, dass sein Onkel nicht nur Bier von Heckelmann-Kuhn in Hahnstätten in den Wald gebracht hatte, sondern auch viele Flaschen Coca-Cola, was die Amis doch selber gut machen konnten.

In diesem Sommer dachte niemand mehr an den Beinbruch des kleinen Felix. Für die Kinder im Dorf war das Ami-Manöver, das überraschend bis nach Holzhausen gekommen war, ein tolles Ereignis. Sie standen an der kurz vorher frisch sanierten Landstraße, die über den hohen Hügel von Breithardt her kommend, fast geradezu in den fruchtbaren Talkessel des Nachbarortes hinunter führte. Holzhausen war berühmt für seine vielen Apfelbäume auf den Streuobstwiesen und an den Rändern der Wege und Felder, die damals noch überall in unzähliger Zahl standen.

Einmal blieb die lange Panzerkolonne, mit Lastwagen zwischendurch und den Jeeps stehen. Etwas oberhalb schien etwas passiert zu sein, denn viele Soldaten umringten einen der Panzer. Ein Soldat der Infanterie war locker aufgesessen und plötzlich heruntergerutscht und in die tiefe Spur gestürzt. Der nächste Panzer hatte ihn überrollt. Viel war da nicht mehr zu sehen. Bernd nahm Felix bei der Hand, und auch Harald stand da leichenblass und zitterte. Ein Bein, eigentlich nur das untere Bein ragte am Rand der tiefen Fahrspur heraus. Felix sah nur kurz einen der geschnürten Stiefel, der voller dunklem Blut war. Ein Erwachsener trat hinzu.

Kommt Kinder, das ist wirklich nix für euch. Geht lieber heim.“

Auch die Amerikaner winkten ihnen zu, dass sie alle verschwinden möchten. Übers Feld kam ein schwankender kleiner Lastkraftwagen mit einem großen aufgemalten roten Kreuz. Was aber sollte der jetzt noch machen können. Ein schwarzer Soldat kam dabei beängstigend auf sie zu. Er griff in eine große Tasche auf seinem Oberschenkel und reichte ihnen ein ganzes Päckchen Kaugummi.

„And now piss off, you little german bastards!” Der Neger lachte dabei, und Felix hatte noch niemals in seinem Leben so große, blendend weiße Zähne gesehen. Sie flößten ihm fast Furcht ein. Es waren eigentlich doch Feinde.

*

Der Junge mit dem Fahrrad . – „You’re a fuckin‘ fellow, good luck!“ grinste der schwarze Sergeant bei der Stadt Hanau dem jungen Burschen nach, der sein Fahrrad mit einem dunkelbraunen Pappkoffer voller Konservendosen und Zigaretten den Kiesweg emporschob.

Auch die Manteltaschen hatte sich der abgemagerte Junge mit den kleinen, olivgrünen Dosen vollgestopft, Kekse mit Schokolade, Erdnussbutter, Cornedbeef, Bohnen in Tomatensauce. Der Junge trug eine kurze Hose, die in der weiteren Gegend ‚Dotzemmer Halblange‘ genannt wurden, der offene Soldatenmantel hing schwer über seine nackten Waden, die graugrüne Feldmütze war ihm natürlich zu groß und verdeckte seine Ohren fast ganz. Unten auf der Straße donnerten einige Shermans vorbei. Ihre breiten Ketten zermalmten die umher liegenden Brocken der aufgewühlten Straßendecke zu einem schwarzem Gebrösel.

„Show you many Nazi-Souvernirs“, hatte der kleine Soldat zu dem Mann mit dem handlichen Sturmgewehr in der Armbeuge gesagt.

„Here is my grandmother“, und er zeigte auf ein Gehöft am Hang unter dem hohen Buchenwald. Vor einer Stunde war die forsch heran preschende Panzerspitze von dort oben noch mit einer PAK beschossen worden. Jetzt aber hörte man weit und breit keinen Schuss mehr. Neben den amerikanischen Jeeps und einem brennenden deutschen Kettenwagen blühte ein früher Kirschbaum. Seine weißen Blüten rieselten wie Schneeflocken auf im Straßengraben hockende Gefangene herab. Hier, an der Straße in die meist flache Wetterau, hatten alte Männer und Jungen ängstlich auf die ersten Amerikaner gewartet. Dann schossen einige Verrückte noch auf die ersten Panzer. Natürlich wurden sie gleich von Jagdbombern ordentlich beharkt. Erst nachrückender Infanterie konnten sie sich die Überlebenden endlich ebenfalls ergeben.

Der Sergeant aus Brooksville, Virginia, hatte ihnen Zigaretten angeboten, die ängstlich angenommen und zitternd geraucht wurden. Die Gefangenen waren meist alte Männer vom Volkssturm oder junge Burschen, nein, Hitlerjungen waren die eigentlich noch. Einer der Buben war ihm aufgefallen, weil er sie gleich auf Englisch ansprach.

„Sir, we are no Nazis. No soldiers, Sir.“

Jonathan S. Birks, auf seinem fast einjährigen Weg mit der Army über den Rhein immerhin zum Sergeant geworden, war ein einfältiger Mensch geblieben. Als ihm der Junge von einem Nachschublager erzählte, welches die Wehrmacht in der Scheune ihres Bauernhofes angelegt hatte, wollte er das erst seinem Platoonleader melden.

„No, Sir, you alone please“, bettelte der Junge. So war er mit ihm allein zur nahen Scheune hinaufgefahren. Bald hatte sich der GI viele Kisten mit Orden und anderen gut verkäuflichen Souvenirs in den Jeep geladen. Sergeant Birks gab dafür einen guten Teil seiner gesammelten Verpflegung her und ließ den cleveren Hitlerjungen grinsend laufen. Der überlebte diesen merkwürdigen April und wurde mit einem Notabitur bald darauf nicht gerade ein Studiendirektor in einem Rüsselsheimer Gymnasium, dann aber doch Realschullehrer besonders für Geographie und Englisch in der kleinen Kreis- und Kurstadt Bad Betteldorf.

1956

Der erster „offizielle Gastarbeiter“ ist Italiener (für Ford-Köln) und bekommt schon am Bahnhof sehr pressewirksam ein Moped geschenkt. Eine gewisse Petra Schürmann prostituiert sich zur Miss World. Im Jahr 2002 endlich, nach tagelangen gewalttätigen Protesten mit mehr als 200 Toten (!) wird die Miss-World-Wahl von Nigeria, auf dem vergessenen Kontinent Afrika gelegen, nach London verlegt, nach England, der Heimat der unglücklichen Lady Diana, was den mit Felix am gleichen Datum geborenen Prinz Charles in unsere Handlung einbringen könnte.

In Deutschland wird immer noch am Samstag Nachmittag gebadet. Die Glocken läuten um sechs Uhr den Sonntag ein. Eine starke Linke ist für Adenauer gesellschafts- und wirtschaftspolitisch von Übel, und so werden die Reste der KPD, die zwölf Jahre wirklichen Terror, nämlich den staatlichen,Ermordung und Nazi-KZ überlebt haben, wieder einmal, und diesmal wohl endgültig, mit sehr freudiger Zustimmung der SPD, verboten, die diese Zeit auch etwas gelitten hat, sie dennoch offenbar etwas schlauer und schnell angepasst überstanden hat.

Genau vor zwanzig Jahren begann dieser besagte seltsame Spanische Bürgerkrieg, der für Felix über eine lange Zeit ein Rätsel blieb.

Wenn der Senator erzählt. – „Mitten im Krieg in schwerer Zeit, da hat der Senator nicht noch ein Hüttenwerk auf die Wiesen des Aartals gestellt, nein, er hatte ja schon längst eins.“*) Nein, da hat er den patentierten BETONGUSS erfunden; das sparte selbst bei Kanaldeckeln gleichermaßen Material und Kosten ein, was aus verschiedenen Gründen damals auch sehr, sehr wichtig war. Einige wenige Jahre später, schon gegen Abend auf der ATV-München, als der Senator seine Mitarbeiter in den Hofbräukeller eingeladen hatte, jeder hatte bestimmt schon vier Maß, da kam er selber wieder einmal vom Pinkeln zurück.

„Meine Herren, passend zum Anlass“, sagte er und wischte sich dabei mit seinem großen, weißen Taschentuch kurz und bündig über die rote, glänzende Stirn „das ist doch tatsächlich passiert, in Hamburg kürzlich, als wir wegen der Einweihung der neuen Kläranlage dort waren. Und prompt kam natürlich sein Witz, der mit dem langen Bart, den der Senator zu solchen Anlässen stets zu erzählen pflegte.

Ein Klärwärter stochert in der stinkenden Brühe herum. Kommt der Direktor mit einer Besuchergruppe fein angezogener Herren zum Einlaufrechen: Was machen sie den da, guter Mann, fragt der Direktor. Ach, mir ist meine Jacke rein gefallen, sagt der Arbeiter. Das macht doch nichts, die kriegen sie als Arbeitskleidung von uns gestellt, sagt der Direktor fürsorglich auf die Schulter des Mannes klopfend. Ja, Herr Direktor, das stimmt schon, aber da ist doch mein Frühstück drin.“

Cancer oder Napalm? – Gegen die vielen Strahlenopfer, die von der US-Regierung vor den Abwürfen über Japan bei ersten „wissenschaftlichen“ Atombombentests an eigenen Soldaten (Arizona etc.), der tödlichen Schädigungen wohl wissend, in Kauf genommen hatte, sind die wenigen Tausend von Pearl Harbour bis hin zu den „WTC-Ereignissen“ ein kleines Opfer für die inszenierte Begründung weiterer der zahlreich geplanten räuberischen Angriffskriege der USA gewesen. Die uns heute albern wirkenden Manipulation der infantilen westlichen Bevölkerungen tragen bereits früh komische Züge. „Atomic“ als anhaftender Produktzusatz kommt in den Fünfzigern in Mode, wird marktwirtschaftlich verniedlicht. Doris Day singt den A-Bomben-Song „Tik Tik Tik“. Sie wird nie erfahren, was ein Geiger-Müller-Zählrohr ist, welches solch ein tödliches Geräusch bei der ionisierenden, radioaktiven Zerfallsstrahlung, so insbesondere der harten Gammastrahlung verursacht. Die zivile Nutzung der Atomenergie kommt ins Gespräch. Auch der Bikini mit Blümchenmuster und Schleifchen gelangt ins Wirtschaftswunder, und bald auf die bunten Seiten der Illustrierten, während das Bikini-Atoll mit seinen polynesischen Einwohnern als Testgebiet einer atomar verstrahlten Hölle dient. „Mein itzi bitzi, Tini mini, Honolulu Strandbikini“, dröhnt es aus deutschen Wurlitzer-Boxen, rieselt aus den letzten Volksempfängern, aus ersten richtigen Radioapparaten, die sogar bereits einige elfenbeinfarbene Drucktasten und ein grünes „Magisches Auge“ bekommen hatten. Je besser und stärker der Senderempfang, desto größer wurde das flackernde grüne Auge.

Die McCarthy-Ära, die 1947 begann und erst 1956 nicht mehr so dringend nötig erscheint, erreichte in den von der Freiheit schier besessenen USA mit dem ‚Communist Control Act of 1954‘ ihren makabren Höhepunkt. Die Verfolgungen unter McCarthy war eine der größten Erbärmlichkeiten, die sich die USA jemals geleistet haben.

I never was a member of the Communist-Party”, müssen bevorzugt sogar jüdische Hollywoodschauspieler, Produzenten, Bankiers, vielerlei Künstler, und besonders deutsche Emigranten, die selber unter akuter Lebensgefahr vor den Nazis geflohen waren, vor den inquisitorischen Kommissionen schwören.

Eine treffende, fast einem Comic ähnliche aber durchaus dramatische Karikatur vonArthur Szykaus dem Jahr 1949, die in ihrer nachhaltigen Wirkung nach innen und außen fast prophetisch erscheint, zeigt das krankhafte Wesen der unvorstellbaren Denunzierungen und zugleich die hilflose Betroffenheit der gesamten, zunächst noch naiven Bevölkerung, gleich am Anfang dieser politischen Destillationen, die bis heute ständig andauern und deshalb technisch bereits überaus routiniert wirken – gerade weil sie hochgradig elektronisch ablaufen.

Zwei Amerikaner, ein sehr dicker, sichtbar bürgerlich gekleideter Mann und ein abgezehrter Kriegsinvalide beobachten auf dem Bürgersteig stehend einen ganz normalen Passanten. Bildunterschrift: „Es wird gegen ihn ermittelt; sein Blut ist rot und sein Herz ist links der Mitte!“ – „Wenn man das so sieht, kriegen wir alle Ärger.“.

Wie aber kann eine stabilisierende Mitte existieren, wenn links neben ihr nichts mehr existiert? Die konservativen Puritaner, die Milliardäre unter den Katholiken aber laufen zur Bestform auf. Ein Rundumschlag im eigenen Land? Kälter kann ein Krieg in einer Demokratie nicht mehr werden. Bereits im September 1950 schürte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in seiner Regierungserklärung wiederum die Angst vor der Roten Gefahr:

Sie werden gleich einen Kabinettsbeschluss hören, den wir heute Morgen gefasst haben und der zum Ziele hat, alle Anhänger des Kommunismus aus den Stellen der Bundesrepublik – seien sie als Arbeiter, als Angestellte oder Beamte tätig – rücksichtslos zu entfernen.

Der „Erlass gegen Verfassungsfeinde“ ist zwar bewusst neutral formuliert, aber seine Stoßrichtung ist klar: Von den darin genannten Organisationen sind elf sozialistisch oder kommunistisch, aber nur ganze zwei gelten als rechtsextreme Zusammenschlüsse. Das wird aus heutiger Sicht nicht verwundern, den es gibt bereits Hunderte solcher Neonazi-Organisationen im Westen Deutschlands, viele davon haben kriminelle Mörder und Brandstifter in ihren Reihen. Wo also bleiben solche Verbote heute? Erlasse gegen die Linke gibt es viele. Ist es nicht ein klarer Fall für die erst 1968 angesichts der Jugendrebellion schnell debattierte und beschlossenen Notstandsgesetzgebung? Angesichts der Morde in Hanau im Februar 2020 wäre es höchste Zeit für dieses Staatssystem, nach tausend Attentaten gegen Flüchtlinge und Asyl Suchende endlich einmal nach Rechts in die eigene braun eingeschissene Unterhose zu blicken.

Der Erlass von 1953 bildet den Auftakt zu weiteren juristischen Maßnahmen gegen jedwede linke Opposition. Im Visier hat Adenauer nicht nur die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und deren Sympathisanten, sondern auch den Widerstand der Bevölkerung gegen die von ihm angestrebte Remilitarisierung der Bundesrepublik. Der 74-Jährige, der allein auf die Westbindung setzt, warnt unablässig vor dem schrecklichen Feind aus dem Osten.

Deutschland steht unmittelbar der sowjetrussischen Macht gegenüber. Im Fall einer russischen Aggression wären wir das erste Opfer“, sagt er zum Beispiel auf dem ersten Bundesparteitag der CDU im Oktober 1950.

Adenauer drängte auf das KPD-Verbot. – Um Linke im eigenen Land zu bekämpfen, beschließt der Bundestag bereits im August 1951, natürlich wieder mit den Stimmen der SPD, das erste Strafrechtsänderungsgesetz. Nun kann neben Hochverrat und Landesverrat auch eine kaum klar zu definierende „Staatsgefährdung“ geahndet werden.

Jawohl, wir schaffen in gewisser Beziehung ein Gesinnungsstrafrecht“, erläutert Ludwig Schneider, Abgeordneter der FDP-Regierungsfraktion. „Aber wir bestrafen nicht die Gesinnung, sondern die Tat, die aus dieser Gesinnung erwachsen könnte.“

Nahezu jede oppositionelle Aktivität und Meinungsäußerung steht nun erst einmal unter dem Verdacht des Hochverrats. Sogar die gut bürgerliche „Süddeutsche Zeitung“ sprach damals von einem wahren „Hexeneinmaleins der kollektiven Schuldvermutung.“

Tatsächlich geht von der 1918 von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegründeten kommunistischen Partei keinerlei Gefahr für die noch junge Bundesrepublik aus. Außer ihrer Weltrevolutionsrhetorik hat die, den Hitlerfaschismus nur ausgedünnt überlebende KPD keinerlei Angriffe auf die parlamentarische Demokratie geplant, wie später sogar der Verfassungsschutz einräumen musste. Im Gegenteil. Die „freie soziale Marktwirtschaft“, die allerorten das deutsche Wirtschaftswunder beginnen ließ, war unbedingt im Sinne der Linken. Allerdings waren da die verfeindete SPD und die sich bereits anpassenden Gewerkschaften mit ihren Bonzen, die bald in Aufsichtsräten der Konzerne und Kartelle hocken würden. Ungeachtet dessen beantragt die Bundesregierung im November 1951 beim Bundesverfassungsgericht (BVG) nicht nur ein Verbot der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP), die sich selbst offen in der direkten Tradition zur NSDAP sieht, sondern im ihr viel wichtigeren proportionalen Gegenzug eigentlich das Verbot der KPD. Das Verfahren gegen die SRP endet nach wenigen Monaten mit deren Verbot. Bei der KPD hingegen ringen die Richter fast fünf Jahre lang. BVG-Präsident Josef Wintrich habe sogar versucht, Adenauer von der Rücknahme des Verbotsantrages zu überzeugen, sagte später der Jurist Heinrich Hannover: „Aber Adenauer blieb dabei hart.

Bis 1968 rund 10.000 Verurteilungen. – Am 17. August 1956 ist es soweit: Das Bundesverfassungsgericht ist zur „Nacht der langen Messer“ bereit, die KPD für verfassungswidrig zu erklären und zu verbieten. In allen großen westdeutschen Städten stehen Polizeikommandos Gewehr bei Fuß, um das schon vorher feststehende Urteil umzusetzen. Über den Tag werden 199 Parteibüros durchsucht und geschlossen, Funktionäre verhaftet, Druckereien beschlagnahmt, Zeitungen verboten, auch viel Propagandamaterial wird sichergestellt, das Parteivermögen eingezogen. Max Reimann, der KPD-Vorsitzende und andere Führungskader haben sich bereits in die DDR abgesetzt, um ihrer Festnahme nach Gestapo-Traditionen zu entgehen. KPD-Mitglieder, die in der Bundesrepublik bleiben, haben persönliche existenzielle, also auch formal gesetzwidrige finanzielle Sanktionen als Strafe zu befürchten.

So wird zum Beispiel Heinz Renner, der wie Reimann als Mitglied des Parlamentarischen Rates einst sogar an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt gewesen war, seine Rente als NS-Geschädigter allein wegen seiner KPD-Zugehörigkeit rückwirkend aberkannt. Renner wird als einer der Väter des Grundgesetzes in hohe Schulden getrieben.

Bekannte Naziverbrecher in Politik und Wirtschaft dagegen bekommen oft Amt und Würden zurück oder sie werden mit üppigen „Beamtenpensionen“ vom offensichtlich weiterhin braun befleckten bundesdeutschen Staat bedient. Die SPD als verbliebene parlamentarische Opposition, agiert nunmehr nicht mehr „weltanschaulich“, wozu auch, sondern belässt es bei ihrer nicht mehr vorhandenen Erinnerung an ihre eigene Verfolgung unter dem Hitlerregime – ganz ohne Scham versteht sich, was sie bereits in ihrer Weimarer Zeit gelernt hatte, als sie bereits einmal im Amt war und Kommunisten ermordete oder ans blutige Messer der Reaktionäre liefern konnte. SPD-Politiker machten das beispielsweise nachweislich bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Reue blieb bis heute aus.

Einer muss der Bluthund werden!“ sagte Reichswehrminister Gustav Noske von der SPD bereits 1919, als es brutal militärisch gegen die Arbeiter ging. Das KPD-Verbot betrifft bis heute nicht nur Kommunisten.

Alles, was nicht in die politische Richtung der Adenauerschen Politik passte, wurde zumindest in einen allgemeinen kommunistischen Verdacht gebracht„, sagte Rechtsanwalt Hannover. Der äußerst praktische Allround- und Gummiparagraph „Verstoß gegen das KPD-Verbot“ sei vieltausendfach auf alle möglichen, vermeintlich links motivierten Tatbestände angewendet worden. Allein bis 1968 gab es über 125.000 (!) staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und danach rund 10.000 (!) rechtskräftige Verurteilungen. Ein regel=RECHTES Progrom!

Aber auch die Amerikaner würden bald ihre „McCarthy-Ära“ bekommen – mittelalterlicher ging es in der Neuzeit in „freiheitlich-demokratischen“ Ländern kaum mehr zu, zumindest was die innere Staatsraison und die politische Inquisitionen westlicher, also kristlicher Nationen betrifft.

Im Kalten Krieg gab es allerdings nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in der DDR eine politische Justiz und entsprechende Unrechtsurteile. Während die Opfer der DDR-Justiz per Gesetz nach der Wiedervereinigung ganz selbstverständlich entschädigt worden sind, ist das in der Bundesrepublik unter Adenauer bis Brandt, unter Schmidt bis Merkel gegenüber entrechteten Oppositionellen auf eine äußerst erbärmliche und schändliche Weise niemals geschehen. Wozu auch? Das System ist dabei das gleiche geblieben. Wozu also?

Ein ähnliches Schicksal erlitten deutsche Deserteure der Hitlerwehrmacht, die also nicht für die Nazis kämpfen und morden wollten. Sie galten weiterhin als von der Nazijustiz zu Recht verurteilte Kriminelle. Ihre endliche Rehabilitation erfolgte erst vor wenigen Jahren und das wie bei solchen klammheimlichen, politisch lästigen Wiedergutmachungen üblich, meist erst nach ihrem Ableben. Dabei muss man vor deutschem Gesetz nicht unbedingt jüdischen Blutes sein, um eine Wiedergutmachung zu erhalten, sie steht nämlich normalerweise allen unschuldigen Opfern zu! Den einen eben deutlich mehr, den anderen halt weniger oder eben gar nicht.

Dann folgt 1972 der SPD-Radikalenerlass unter „Friedenskanzler“ Willy Brandt, man folgte lediglich einer guten deutschen Tradition. Bereits im Mai 1976 gibt es die Neuen Richtlinien zum Radikalenerlass . Es gilt nicht zuletzt die gesamte Generation der aufmüpfigen 68er und ihrer Nachfolger insbesondere generell vom Staatsdienst abzuhalten. Der Lehrermangel an deutschen Schulen hatte unter diesem „Blutzoll“ natürlich eben auch diese Ursache. Lehrermangel! Die Medien sagten aber niemals weshalb eigentlich.

Noch unter dem eisernen Reichskanzler Bismarck war sogar die SPD verboten. So ändern sich die Zeiten, sie dauern an, werden in einem neuen Perfektionismus mehr als bedrohlich.

Das KPD-Verbot wurde in Deutschland seit 1956 niemals aufgehoben. 1968 wird erstaunlicherweise die Gründung der DKP als ihre Nachfolgeorganisation trotz ihrer ideologischen Nähe zur DDR stillschweigend geduldet. Noch 1969 hatte die sozialliberale Koalition unter SPD-Bundeskanzler Willy Brandt das politische Strafrecht vorläufig entschärft. Bereits 1972, nur drei Jahre später führen SPD und FDP mit dem sogenannten Radikalenerlass die Berufsverbote für den öffentlichen Dienst in einer ganz neuer Qualität aber wieder ein. Allein bis Ende der 1980er Jahre werden rund 3,5 Millionen Bewerber auf ihre Gesinnung überprüft und danach rund 10.000 Berufsverbote ausgesprochen. Der angebliche Lehrermangel wurde deshalb zum Dauerthema, was er je nach der herrschenden Mode und Jahreszeit bis heute geblieben ist.

Die staatliche Pädagogik sollte sich aber nicht beklagen, denn immerhin fehlen auch ständig kasernierte Polizisten, dann sogar effektivere Waffen und modernes Gerät, später angeblich sogar für das nie ausreichend modernisierte deutsche Militär mit seinen verschiedenen „Friedens-Missionen“ an strategischen Rohstoff- und Handelsweg-Brennpunkten in aller Welt.

In einem Betriebshandbuch der US-Armee aus dem Jahr 1956 hieß es ausdrücklich, dass die atomare, biologische und chemische Kriegsführung ein integraler Bestandteil der US-Militärstrategie sei, in keiner Weise eingeschränkt werde und dass der Kongress dem militärischen „Erstschlag“ die Autorität über ihren Einsatz gegeben habe. Dazu braucht man keine Lehrer.

1957

Gründung der EWG; aber trotzdem wird Carl Zuckmayers Stück Schinderhannes uraufgeführt. Der Schaum auf deutschen Flüssen und Bächen gefällt dem Senator besonders, und er lässt immer bessere Kläranlagen konstruieren, bauen und auch gleich in alle Welt verkaufen.

Winnetou am Marterpfahl. – Sie hatten Felix gleich oben im Wäldchen an einen Fichtenstamm gebunden. Das war an jenem Abend, an dem sie sich vorher die Mägen mit kleinen, sauren Wildkirschen vollgestopft hatten. Als er einmal mit Fieber im Bett lag, seinen Körper riesengroß und schwer spürte, dann voller Leichtigkeit schwebend, selbst den Duft des riesigen Fliederstrauches, der bis zu seinem Fenster hinaufreichte, nicht mehr roch, dann plötzlich doch so intensiv, als ob ein großer Strauß mit den Blütenzweigen mitten auf seinem Bett liegen würde, dann auch die roten Wolken sah, vor denen die Krähen ihre Runden flogen, da wusste er freilich nicht, dass er sich einmal so lange daran erinnern würde. Seine Mutter brachte ihm am nächsten Morgen ein Fix und Foxi Heft vom Einkauf mit. Er las es, als er auf dem kleinen Chaiselongue in der Küche lag, während die Mutter mit Kochen beschäftigt war, mit den Töpfen klapperte; und er las, so grenzenlos weit entfernt. Dann war das Fieber irgendwann und wie plötzlich verschwunden, und in seiner Erinnerung ist manchmal dann immer noch diese Leichtigkeit zu spüren, diese seltsame Schwerelosigkeit, die den Körper einmal emporschweben lässt, ihn dann mit Titanenkraft grinsend herunter presst, ihn heimtückisch liebkost und dabei dennoch fest umklammert hält. Seine sorgenden Eltern jedoch, die hatte er immer.

Opas Witz mit dem Fliegendraht. – Ein General kommt zur Besichtigung in Kaserne. Alles umher steht stramm, strammer geht es nicht mehr. Der Küchenfeldwebel meldet: „Herr Jeneral, melde jehorsamst, hier neue Fliejendrähte, wejen der Hijeje.“ Der Adjutant, die Hacken schmeißend. „Fliegendrähte, Herr General! Neueste Errungenschaft der preußischen Armee!“ Der General ist davon sichtlich sehr beeindruckt. Er zieht einen Handschuh aus und kratzt mit den Fingernägeln eine ganze Weile am Fliegengitter. Alles steht weiterhin gehorsamst stramm, aber trotzdem passiert absolut nichts. „Schlafen wohl die Biester, was?“

Der Großvater hatte damals als Kürassier in Köln-Deutz gedient, und erzählte meist noch den antimilitaristischen Witz mit der preußischen Pferdedecke, die seinem Enkel Felix in seinem mündlichen Hauptdiplom für das Fach Anthropogeographie bei Professor Wilhelm Wöhlke vermutlich eine volle Note gekostet hat.

Robinson und Schinderhannes.Aus der nachbarlichen Schrotthandlung schenkte ihm sein Freund Reinhardt, den alle Stumpi nannten, ein bereits etwas zerfleddertes Buch „Franco befreit Spanien“. Er begann, nachts auch darin heimlich länger zu lesen, als es die Eltern erlaubt hatten. Die Geschichten vom Schinderhannes beeindruckten ebenfalls sehr. Sein Vater erzählte sie so spannend, als wenn er selber dabei gewesen wäre.

„Warum haben sie den Räuberhauptmann und seine Bande geköpft“, fragte Felix. „Er hat den Reichen doch nur etwas weggenommen, um es den Armen zu geben. Im Kindergottesdienst …“ Der Vater winkte gleich ab. Er wird seine Gründe haben, schließlich war der Schinderhannes auch ein wirklicher Räuber und die Polizei vom Napoleon hatte ihn nur gefangen, um ihn ordentlich zu bestrafen, dachte sich Felix und schwieg.

Wiedergutmachungslehrstuhl. – Der Philosoph Soziologe und MusikerTheodor W. Adorno wurde 1957 als verfolgter Jude auf diesen neu geschaffenen Lehrstuhl (er wurde tatsächlich so bezeichnet – sic) in der alten Heimat Frankfurt am Main berufen, gegen den Willen des damaligen Rektors Walter Rührk.

„Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“ Theodor W. Adorno*)

1958

Heim ins Reich!“ Vor zwanzig Jahren fand der bejubelte Anschluss Österreichs an Nazideutschland statt.

Fern von Bad Betteldorf traf der US-Truppentransporter General G. M. Randall in Bremerhaven ein. Zehntausende Fans begrüßten die Ankunft ihres hüftenschwingenden Rock‘n-Roll-Stars Elvis Presley. Elvis wird bei Bad Nauheim in der Kaserne in Friedberg zu seinem Wehrdienst in Deutschland stationiert. Er wird ein einfacher Besatzungssoldat sein, aber einer mit enorm vielen Fans, die ihn abgöttisch lieben und anhimmeln.

Kann es sein, dass spätestens ab dann sogar auch Bremerhaven zu einer Art ‚Spielwiese für die Osloer Götter‘ wurde? Eine symbolische Columbuskaje meist olympischer Querköpfe, die sich mit ihrer zeitgleichen Gründung eines aus der Antike geborenen Götterparlaments eindeutig gegen die längst amerikanisch dominierten Vereinten Nationen aufgestellt hatte?

*

Als der Wechsel zur Realschule ansteht, rät Fräulein Kläre Kluge, ihn nun lieber doch noch ein Jahr auf der Volksschule zu belassen. Von den Eltern um Rat gefragt, zuckt der Patenonkel, selber Realschullehrer, mit seinen breiten Schultern und orakelt: „Na, wenn Fräulein Kluge das meint…“ Recht hat er, denn er kennt seinen Neffen als sein Paten kaum. Es ist eine wichtige Entscheidung, die man über den kleinen Felix trifft, kann er sonst nicht in die Realschulklasse von Sonja (Lea?), Bodo und Paul gelangen, höchstens wenn er später einmal sitzen bleiben würde, aber dazu möchten ihm weder seine Eltern noch der Patenonkel vorausschauend raten.

Was einen zehnjährigen Jungen bewegt, das kommende Geschwisterchen und er als großer Bruder. Das Schicksal des Klaus Störtebeker und das des ebenfalls hingerichteten Schinderhannes. Könne abgeschlagene Köpfe sehen? Der Schatz des Montezuma, lesen ist sehr spannend. Opa stirbt.

Ob Noskes*)blutiger Antibolschewismus nun wirklich primitiv war oder nicht“, das interessierte den Jungen erst einmal nicht.

Von der Küche in den Garten. – Der Großvater war ein wirklich alter und fast bettlägeriger Mann geworden. Aber noch im Herbst zuvor stand er fünfundachtzigjährig im Garten unter den mächtigen Apfelbäumen, jagte die Buben davon, die sich mit den Bohnäpfeln kriegerisch bewarfen, und er konnte es dabei nicht verstehen, dass niemand aus der Nachbarschaft all diese vielen schönen Äpfel geschenkt haben wollte. Nur selbst raffen, das hätten sie schon machen müssen.

„Der Garten, mein Kindchen, kümmerst du dich um den Garten, wenn ich einmal nicht mehr da bin?“

Die Schwiegertochter nickte beschwichtigend.

Wenn das speckige Baby in der Küche gebadet wurde, ließ sich der alte Mann nicht davon abbringen, dabei zuzuschauen. Mühsam stieg er dafür die Treppe herunter und setzte sich schnaufend auf einen Stuhl. Sein Enkelchen war ein Mädchen, genau wie er es sich gewünscht hatte, und Felix hatte sogar ein kleines Schwesterchen.

Er war jetzt zehn Jahre alt, und im Garten machte er nur Unsinn und Durcheinander. Der Großvater jagte die Buben oft aus dem Garten. Eigentlich machte er das ständig, denn der Garten war sein ein und alles. Felix wartete die Woche über nur auf das Kino am Sonntag. Er hatte immer noch kein eigenes Fahrrad, wie all die anderen Jungs in der Nachbarschaft, aber plötzlich kamen Peter, Conny und schon wenig später Conny und Peter! Ins Kino konnte man leicht zu Fuß gehen, wenn man denn durfte. Einmal hatte ihm der Großvater die fünfzig Pfennig dafür unverhofft geschenkt.

Der Duft des Gartens, die Geräusche der Kleinstadt, die durch das geöffnete Küchenfenster drangen, die große Schnitthecke vor dem Haus, die nach dem Regen in der Sonne dampfte, der Fichtenwald mit seinem Meeresrauschen und die Krähen, die am Abend über der Stadt ihre Kreise zogen. Irgendwann erstarb ihr Krächzen in der Ferne, und sie kehrten zu ihren Nestern in den Bäumen über dem Müllplatz zurück. Von dort holten sich die Buben später Material für die Häuschen im Wald. Matratzen, Teppiche, Dachpappe, Bretter, Draht, und immer auf der Hut vor dem stets schimpfenden Schuttplatzkrämer, der sie einmal vermutlich sogar verfolgt hatte.

Felix rannte bis weit in den Mühlweg hinunter, und als er sich Atem holend umschaute, hatte der alte Mann die Verfolgung schon längst eingestellt. Eine andere Respektsperson war der Wildschütz, ein Schulkamerad seines Vaters, was die ständige Angst, vor dem „Schunk“ bei irgend einer offenbar verbotenen Sache in Wald und Feld erwischt zu werden, nicht weniger schlimm machte.

*

[E 1] = Schwesterlein und großer Bruder. – Am 26. März 1958 wird deine Schwester Heide geboren. Es war an einem Schultag und es kam danach zu der inzwischen anekdotenhaften Fleischwurst-Episode. Zehn Jahre alt warst du, als du an jenem Morgen, an dem du eine kleine Schwester bekamst, auf dem Nachhauseweg von der Schule warst. Da trafst du deinen Vater mitten in der Stadt. Er wollte hinauf zum Krankenhaus. Für dich war das alles merkwürdig genug. Niemals bisher hattest du deinen Vater so weit oben in der Stadt erlebt.Entweder er war zur Arbeit, dann sahst du ihn manchmal erst abends kurz vor sechs Uhr, mit seinem raschen Schritt vom Bahnhof kommen. Seine lederne Tasche schwang dann im Rhythmus seines federnden Ganges mit. So konntest du ihn schon auf hunderte von Metern die Allee hinaufkommen sehen. Jetzt trug er einen anderen Mantel und auch sonntägliche Schuhe. Dein Vater strich dir über den Kopf und klopfte irgendwie wohlwollend auf den Ranzen.

„Felix, hier hast du zur Feier des Tages fünf Mark, denn du hast ein Schwesterchen bekommen.“ Er gab dir damit quasi die fünf Mark zurück, die er einst im Wispertal zusammen mit seinen Wandervogelgesellen von einem, reichen Fahrer eines offenen Landauers geschenkt bekommen hatte.

Kauf dir dafür Fleischwurst“, sagte der Vater.

Dein Vater wusste freilich nicht, wie viel Fleischwurst man Ende der fünfziger Jahre für stolze fünf Mark bekommen würde. Ihr kauftet sie unten am Platz, beim alt eingesessenen Metzger Eyerle. Sie war um diese Zeit ganz frisch und sogar noch etwas warm. Mit den Schulkameraden hocktest du auf der Mauer gleich neben dem Brodelbrunnen, und ihr habt die Wurstpellen einfach hinter euch auf den Kies eures Bolzplatzes geschmissen. Dann wirst du dich auch deutlich daran erinnern, wie die Brötchen damals knackten, wenn man hinein biss. Vielleicht war Reinhard damals dabei. Bestimmt war er dabei. Ihr beide hattet nämlich den gleichen Nachhauseweg. Ja, er würde sich bestimmt ebenfalls daran erinnern, wie knusprig die Brötchen damals waren und laut knackten, wenn man hinein biss.

Die restlichen, nicht verwerteten Äpfel vom Herbst blieben im Winter für die Vögel liegen. Auf der Wiese verfaulten sie dann, wurden von den Amseln winters aber sogar im Schnee freigekratzt. Mit den Äpfeln habt ihr Buben auch regelrechte Schlachten veranstaltet, was dem Großvater weniger gefiel. Honig bekamst du auf alle Wunden geschmiert. Ständig hattest du irgendwelche Schnitte, Schrammen und Abschürfungen. Manchmal denke ich mir die damalige Zeit so, dass ständig eine Mullbinde mit Honig an dir klebte. Du warst ein rechter Junge, was das betrifft. Honig gab es auf alle Wunden, bei den seltenen Erkältungen in heißem Kamillentee, was dir heute allerdings gut schmeckt. Auch mochtest du früher kein Gemüse. Damals wurde es dir fast hinein geprügelt. Nur Sauerkraut schmeckte dir komischer Weise recht gut. Vermutlich war es eine gewisse unbewusste Opposition in der frühen Pubertät.

Im Kriegsgefangenenlager muss es zwei Jahre lang wirklich nur warmes Wasser mit einigen Sauerkrautfäden gegeben haben. So sah das Gesicht deines Vaters jedes Mal aus, wenn es bei euch Sauerkraut gab. Opposition war auch dein heimliches Lesen bis tief in die Nacht hinein. Weiterhin habt ihr damals meist nur harmlose Lausbubenstreiche getrieben.

Max und Moritz waren eigentlich die wunderbarsten Anarchisten, was dir zum Glück erst sehr später aufgefallen ist.

Den großen einstigen Hasenschuppen, in dem sogar noch ein Heulager war, hast du dir bald als einen ersten „Spielplatz“ ausgebaut und eingerichtet. Dieser ausreichend große Anbau gleich neben dem Bienenstand wurde je nach konsumiertem eigenen Lesestoff oder den sonntags selbst gesehenen Jugendfilmen, auch denen, die Velveta donnerstags sogar abends sehen durfte und euch haargenau erzählte, zur Ritterburg, zum Western-Fort, zur Trapper- oder Goldsucherhütte, zum Piratenschiff in der Karibik, zum Entdecker- und Abenteuerschiff in der Südsee, zur Polarstation. Irgendwann dann zu einem heimlichen Platz für immer aufregendere Verabredungen mit Mädchen. Dazu bautest du dir wenige Jahre später aber das weiter hinten auf dem Grundstück gelegene geschlossene Gartenhaus aus, wo du auch zwei alte Sofas, einen selbst gemauerten offenen Kamin und reichlich Posterbilder der beliebtesten Rockgruppen für die meist etwas romantischeren Mädchen hattest.

Zunächst aber machte „Metzger“ eine wohl gelittene Karriere in seiner Bubenbande. Nach dem Tod des Großvaters, das Schwesterchen war noch kein halbes Jahr alt, gehörte der ganze hintere Garten mit seinem Gartenhaus und den großen Schuppen allein den Buben. Gemeinsam mit den Hühnern, denn noch war das alles dort hinten zugleich ein großes Hühnergehege.

„Der Knabe scheint mir bald der Hauptmann vom Höhberg zu werden“, hatte der immer noch preußisch aufrecht wirkende Großvater einmal zu seiner Schwiegertochter Hilde gesagt. Er hielt sich dabei an einer der frisch gesteckten Bohnenstangen fest und wischte sich mit einem karierten Tuch den Schweiß aus dem Nacken.

„Komisch“, wunderte sich deine Mutter mit kaum verborgener Ironie. „Ein Hauptmann soll der einmal werden? Na, von wem er das bloß mitgekriegt hat?“

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Nach seinem sehr guten Abitur wird Rudi Dutschke 1958 aufgrund seiner politischen Einstellung die Erlaubnis zu einem Studium in der DDR verwehrt. Er verweigerte er lediglich den Kriegsdienst in der Nationalen Volksarmee, der NVA.

Ganz wie Felix sieben Jahre später bei Passavant, der Michelbacher Hütte, macht Rudi von 1958 bis 1960 eine Lehre zum Industriekaufmann im Volkseigenen Betrieb „VEB – Beschläge“. in Luckenwalde.

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Im September, gut zehn Jahre später, bist du von Bremerhaven aus auf einen nur kurzen Heimaturlaub gefahren. Der „Senator“ war eine sehr gute Zugverbindung. Der fuhr von Bremen direkt bis Wiesbaden. Du schliefst während der ganzen Fahrt und wurdest erst vom Schaffner geweckt, als nachts dein Wagen in Wiesbaden bereits auf einem dunklen Rangiergleis stand.

Deine kleine Schwester war „fastelf“ Jahre alt. Du machtest mit ihr einen Ausflug nach Wiesbaden, und ihr seid in den „Palu-Keller“ gegangen, um Pizza zu essen. Für das Mädchen war es die erste Pizza ihres Lebens. Heide war stolz auf ihren großen Bruder in der schmucken Marineuniform mit der weißen Mütze.

Weißt du eigentlich, dass du hier einen Kaugummi geschenkt bekommst, wenn du die Pizza ganz aufisst?“ Das Mädchen war begeistert. Sie schaffte es. Schon kam der Kellner, und überreichte dem Kind augenzwinkernd einen Kaugummi.

Helmut Rausch. – Die Ähnlichkeiten mit Reinhard waren erstaunlich. Denn auch mit Stumpi konnte Felix manchen grenzwertigen Jungenstreich kreativ mitgestalten. Die Neubau-Episode mit Helmut ist schnell erzählt. Gegenüber stand der Rohbau eines Sechs-Familienhauses, in das später Ralf und auch der dicke Klaus einziehen würden. Die Naturtüren aus Limba-Furnier waren noch nicht lackiert. Die Bauarbeiter hatten am Feierabend einen Kübel dünnflüssigen Verputz zurückgelassen. Wer auch immer auf die Idee kam, die Buben schmierten den cremigen Verputz an viele der Türen. Am Montag darauf stand erstmals der Ortspolizist Volz vor der Tür und berichtete über eine Anzeige. Ein Nachbar hatte die Buben nämlich verpetzt. Ab dann wurde eine Haftpflichtversicherung für Felix gemacht. Dieser nicht versicherte große Schaden aber wurde abgewendet, denn damals schon war Cousine Inge die Chefsekretärin bei der Wohnungsbaugesellschaft. So wurden die Türen später einfach weiß lackiert und kein Hahn krähte mehr danach.

Holger mochte ihren gemeinsamen Freund Helmut Rausch sehr, er sprach sein Leben lang von ihm, weil ihn Helmut stets vor den anderen beschützt hatte. Helmut war groß und stark, hatte ein gutes Gemüt, und nach seiner Volksschule in Bad Betteldorf lernte er einige Jahre später in Hanau am Main komischerweise ausgerechnet das Metzgerhandwerk. War das ein komischer Zufall? Felix aber wurde noch in seinem Erwachsenenleben, wenn er einmal alte Bekanntschaften aus der Kindheit in der Stadt traf, mit ihrem alten Spruch begrüßt. „Ei gude Metzger! Wie geht’s dir dann?“

An Weihnachten bekommt Felix von seinem Patenonkel Heinrich ein Buch geschenkt. „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek, der damals bereits in Frankfurt am Main den dortigen Zoologischen Garten leitete und aus dem Fernsehen mit seinen Tiersendung sehr bekannt geworden war.

1959

Wer war Nikolaus August Otto wirklich? Fidel Castro ist in Cuba erfolgreich. Godesberger Programm der SPD. Vor zwanzig Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Felix kommt in die örtliche Realschule. Lea (Sonja?), Bodo und Paul, wobei letzterer zwar nicht der Primus, aber ganz heimlich der Fleißigste ist.

In Oslo bekommt Lea zu ihrem zehnten Geburtstag ein kräftiges Island-Pony geschenkt. Sie reitet damit aus der Koppel und kommt erst zwei Tage später wieder zurück in den Bunker. Sie wird streng bestraft, denn sie darf nicht bei Onkel Hephaistos und ihrem lustigen Vater Hermes bleiben, stattdessen muss sie nach den Ferien zur Realschule in Bad Betteldorf, und sie heißt dort natürlich wieder Sonja.

Felix ist bereits ein Jahr älter, als er Sonjas Klasse zugewiesen wird. Man hat ihn nicht wegen seines Beinbruchs im ersten Schuljahr, aber weil er nach Meinung von Fräulein Kluge noch nicht reif dafür wäre, ein Jahr länger in der Volksschule behalten. War die damals bereits ältere Lehrerin vielleicht in den Osloer Plan eingeweiht?

Sogar der Patenonkel Heinrich orakelte Felix‘ erstaunter Mutter dazu bloß: „Hhm? Felix? Nun ja, wenn Fräulein Kluge das meint.“

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Hannes wurde immer wieder gefragt, ob die auffällige Krümmung seiner Nase ein Geburtsfehler sei. Jetzt antworte dieser: „Nein, ich habe sie bei einer Prügelei mit Jungens aus dem Nachbardorf erworben.” Bei einem Zeltfest hatte er mit einem Mädchen aus ihrem Dorf getanzt. Um einem alten Brauch zu genügen, sollte er als Ortsfremder einen sogenannten Jagdschein vorzeigen, also einen ausgeben, oder „- ’n paar anne Fresse kriegen. Dieser Brauch hat sich im Zuge der Verstädterung in der Variante des Anzündens von Ausländerwohnheimen lebendig erhalten können.“

Reinhard machte im Nachbarort Laufenselden auf der dortigen ‚Kerb‘ eine ähnliche Erfahrung. Er war aber bereits fast ein Jahr älter.

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[E 1] = Herr Best und der Spanische Bürgerkrieg. – Im Herbst machten sie Apfelsaft. Am steilen Berg gegenüber des Tales gab es einen älteren Mann, der eine kleine Kelterei betrieb. Es war eigentlich kein richtiges Geschäft, eher eine Art nachbarlicher Hilfe. Für Felix war es etwas besonderes, seiner Mutter bei solch einer Arbeit zu helfen. Der Bollerwagen war mit einigen Säcken der gesammelten Äpfel beladen, und Felix musste sich anstrengen, die Ladung auf der steilen Straße bergan zu ziehen. Herr Klein war ein kräftiger Mann mit einem roten Gesicht und hatte schon schlohweiße Haare. Er galt in der Stadt als ein „Kommunist“. Man sagte dieses merkwürdige Wort nur leise, so wie „es war bösartig“ wenn jemand an einem Krebs gestorben war. Felix wusste aber schon, dass Herr Klein einmal ein Spanienkämpfer gewesen war. Der Vater hatte davon erzählt, dass sein Freund Adolf Scheuermann damals bei der deutschen Legion Condor in Spanien war. Es war verwirrend.

„Warum haben andere Deutsche gegen die gekämpft? Das waren doch auch Deutsche.“

„Das ist wirklich ziemlich kompliziert“, hatte Papa nur gesagt.

Für Felix war der Spanische Bürgerkrieg nicht sehr interessant, denn sein Vater war noch nicht dabei. Später aber hat er sich an ein kleines Buch erinnert, liebevoll in feinstem Leinen gebunden, mit vielen Fotos. Auf einem umarmen sich zwei glücklich lachende Männer.

Zwei Brüder treffen sich nach der Schlacht um Toledo.“

Einmal fand er im Altpapier der benachbarten Schrotthandlung, bei Stumpi unten, ein anderes, viel dickeres Buch: „Franco befreit Spanien!“ Felix hat es nie gelesen, obwohl es mit einem roten, leinernen Einband versehen und handwerklich gut gemacht war. Er hatte schon früh einen diffusen Instinkt gegen das Böse in der Welt entwickelt, aber er hatte einfach keine rechte Lust dazu, weil das mit Spanien vermutlich noch viel zu kompliziert für ihn war.

Der Adolf, weißt du, der hat auch mords Schwein gehabt. In Spanien bereits; und später noch einmal über dem Englischen Kanal, haben sie ihn abgeschossen.“

Die deutsche Leitkultur lediglich ortsfremden Menschen gegenüber hat dabei ihre bewährte Tradition beibehalten. Eine gesunde Evolution hatte schon immer mit hartnäckiger Inzucht ihre Probleme. Du selber gehst erstmals zu den Gruppentreffs der Jungschar im CVJM. So eine Art Pfadfinder zu sein, das kann den Beginn manch einer deutschen Karriere bedeuten. Darüber aber machte sich damals niemand Gedanken.

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Im Jahr 1959 wurde ein Versuch des US-Kongresses, die völkerrechtswidrige Erstschlag-Autorität für atomare, biologische und chemische Waffen zu beseitigen, vom Weißen Haus vereitelt. Der katholische Präsident John F. Kennedy, der heilige Sunnyboy für verblendete, für ihn betenden Fans (sic,) erhöhte stattdessen zumindest die Ausgaben für Qualen und den ebenso schrecklichen Tod bringende biochemische Waffen von vorher 75 Millionen Dollar dann auf fast 350 Millionen Dollar. Das war in diesen Tagen eine wirklich enorme Summe Geld. Das waren über 1,4 Milliarden Mark! Dieser Bedarf scheint unersättlich zu sein. Es ist, als ob diese Waffen, so wie auch andere ständig verschwinden. Niemand ahnt bisher etwas, am wenigsten tun das die aller höchsten Politiker in der Welt.

1960

Ein Elvis Presley ist als wehrpflichtiger GI in Friedberg-Bad Nauheim stationiert. Siebenundzwanzig Jahre später ziehen Sigrid und Felix ebenfalls an den Rand des Rhein-Main-Gebietes, erst nach Friedberg, dann nicht weit davon entfernt in die Nähe Bad Nauheims nach Ober-Mörlen. Felix hält sich bei den Besuchsfahrten nach Bad Betteldorf tagsüber kaum in der Nähe amerikanischer militärischer Einrichtungen im Bereich der strategisch sehr wichtigen „Hessischen Senke“ auf, dann beruflich in einer Qualifizierungsmaßnahme in Richtung Umweltschutz immer öfter in Offenbach, dort in unmittelbarer Nachbarschaft zum Deutschen Wetterdienst. Nur im Osloer Bunker weiß man ziemlich genau, was er dort in Wirklichkeit macht.

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Das deutsche Wirtschaftswunder hält noch an, es bleibt aber nicht ohne erschreckend sichtbare Folgen bei Mensch und Umwelt. Männer wie Frauen werden allmählich fett. Sie essen zu viel! Wald für Neubaugebiete wird gerodet, Ackerland und Wiesen werden überbaut. Auch müssen immer mehr Spätaussiedler aus den den Siedlungsgebieten im Osten und eben Flüchtlinge durch den „Eisernen Vorhang“ untergebracht werden. Erneut nach einem großen Weltkrieg bringt der Chemie-Großgewinnler Henkel sein beliebtest „Persil“ in bester Friedensqualität auf den Markt.

Das weißeste Weiß meines Lebens!“

Die deutschen Hausfrauen sind begeistert. Es gibt auch modernere Waschmaschinen, und sie waschen, was das Zeug hält. In den 60er-Jahren sind massive Umweltschäden nicht mehr zu übersehen. Wie die Weizenerträge und die Mastviehproduktion ansteigen, so wächst auch der Stickstoffgehalt im Trinkwasser und in den Bächen und Flüssen bedrohlich an. Der viele weiße Schaum kommt dann vom Phosphat der Waschmittel, das damals die nur zweistufigen Kläranlagen noch ungehindert durchlaufen konnte.

Bei Passavant, wo neben Kanalguss auch immer bessere Kläranlagen konstruiert und gebaut werden, ist der Vater in der Modellschreinerei beschäftigt. Der bastelt auch an technischen Modellen herum, die für Fachtagungen, Ausstellungen, Messen und Sanitäre Großveranstaltungen gebraucht werden.

Velveta erzählt derweil von den Abenteuerfilmen, die er donnerstags sehen darf. Sie selber spielen im Wald oder in der Hütte hinten im Garten Robinson und Schinderhannes … oder Scott? Durch die hoch verschneiten Wälder streifen, über weite inzwischen fast schon baumlos gemachte Äcker mit ihren hohen Schneeverwehungen. Die Skitour mit Ralf bei fast minus dreißig Grad.

Wir Kellerkinder“ ist ein in Schwarzweiß gedrehter deutscher Spielfilm von und mit Wolfgang Neuss aus dem Jahr 1960, der sich satirisch mit der Ära des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit in Deutschland beschäftigt und dabei den Versuch unternimmt, „Kabarett“ filmbar zu machen“. Die Hauptrollen sind neben Neuss selbst mit Karin Baal, Ingrid van Bergen, Jo Herbst und Wolfgang Gruner besetzt. Der Titel ist angelehnt an den Film „Wir Wunderkinder“ , in dem Neuss zwei Jahre zuvor ebenfalls mitgewirkt hat. Die Premiere von Wir Kellerkinder fand am 26. Juni 1960 zunächst im Bayerischen Rundfunk statt. Kinostart war erst am 6. Oktober, vermutlich an einem der üblichen Uraufführungs-Donnerstage.

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Rudi Dutschke pendelt ab 1960 zwischen dem Ost- und dem Westteil von Berlin. Er wiederholt das dortige Abitur, um wenigstens in der Bundesrepublik, dann freilich in West-Berlin studieren zu können.

1961

Mauerbau zwischen Ost- und West-Berlin am 13. August. Es entsteht die „Stacheldraht-Insel“. Weil denen dort wegen der Torheit der Regierenden in der westlichen Welt sonst nichts anderes übrigbleibt, erklärt sich Kuba hinfort als ein sozialistischer Staat.

Die USA verhängen das bis heute andauernde totale Wirtschaftsboykott, was Kuba in die offenen Arme Moskaus treibt. Eine massiv durch US-Militär unterstützte Eroberung scheitert im April ganz erbärmlich. Das militärische und geheimdienstliche „Disaster in der Schweinebucht“ ist ein Vorgeschmack auf das „Trauma Vietnam“. Im CVJM – sie beten wenig, sind mehr im Wald. Der Schaum auf deutschen Bächen und Flüssen wächst gewaltig. Die erlernte Waldläuferromantik hindert sie beileibe nicht, sogar in Rhein und Main in den weißen Schaumflocken zu baden – er mit seiner blauroten Luftmatratze!

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Spiegel-Affäre: Rudolf Augstein muss wegen angeblichem Geheimnisverrats (Spiegel.Bericht über ein Bundeswehr-Manöver) ins Gefängnis. Kuba-Krise, kalte Kriegspropaganda. Die Antibabypille ist auf dem deutschen Markt.

Ein Kampf um Rom. – Dieses Buch von Felix Dahn liest er zwei Mal. Felix ist ehrenamtlich in der Schülerbücherei tätig und liest einen Schrank nach dem anderen. Ben Hur und Hähnchen aus dem Wienerwald*) Für die Tagesschau hat man noch richtige Fernsehantennen auf den Dächern. Da dam daa daaa! Nicht jede Familie hat einen Fernseher. Die Kuschs sparen sich später ihr „Nordmende-Standgerät“ vom Munde ab!

Man trägt jetzt diese neuartigen Nylonhemden, die einfach nur nass aufgehängt werden! Deutschlands bügelfaule Hausfrauen jubeln. Der Motor der deutschen Wirtschaft brummt, die Exporte nehmen zu. Der allgemeine Wohlstand kommt in Sichtweite. Aber auch geschäftsmäßiger Abschreibungsschwindel und professionelle Steuerhinterziehungen aller Art setzten zu dieser Zeit nachweislich verstärkt ein. Wann gab es je solche wirklich asozialen Typen nicht?

Mit Zelt und Fahrrad geht es mit der Jungschar-Gruppe nach Rothenburg ob der Tauber. Sie kommen auch durch das württembergische Tauberbischofsheim, durch „Schwäbisch Sibirien“, dann erst wieder nach Bayern hinein.

Vor Rothenburg dann erst noch Creglingen mit dem berühmten geschnitzten gotischen Altar von Tilman Riemenschneider, der einmal sogar Bürgermeister von Würzburg war. Auf der Wiese vor der Kapelle kochen sich die Buben auf einem Holzfeuer im Hordentopf einen leckeren Grießbrei mit Trockenobst Rosinen und Nüssen. Heute ist dort von den Katholen alles touristisch kommerzialisiert. Hohe Parkplatz- und Eintrittgebühren – das Kassenhäuschen keine acht Meter von diesem sogar sofort sichtbaren Altar entfernt. Bei einem späteren Besuch mit Hansi, auf dem sie das Taubertal und die Jagst bereisen, weigern sich die beiden dieses Geld zu zahlen.

Solche Kulturgüter gehören der Allgemeinheit, nicht einem bloß geldgierigen Klerus“, so argumentieren sie.

Mit einer unvorstellbaren, fast handgreiflich zu nennenden Aggression der Bediensteten werden sie dieser Kapelle verwiesen. Vier andere Touristen schließen sich ihren vorgebrachten Argumenten auf ihrem Weg zum nahen Parkplatz an.

Wir haben alle den Altar ja wenigstens kurz gesehen, aber dafür zahlen, das machen wir auch nicht. Zehn Minuten Beten für fünf Euro? Ist auch nicht ganz unser Ding.“

Und die berüchtigte Vatikanbank betätigt sich derweil bei ihren Grundstücksspekulationen, finanziert faschistoide politische Morde und macht Renditen im Drogenhandel“, sagte eine andere Frau.

Immer noch hatten sie keinen Fernseher. An frühen Abend „Zwischen Halb und Acht“ ging er gewöhnlich zu Ralf ins Nachbarhaus. ‚Abenteuer unter Wasser‘ oder ‚77-Sunset-Strip‘ mit Kookie und seiner komischen Stimme, die von Hans Clarin. Und manchmal, wenn sie sich einmal zerstritten hatten, ging Felix sonntags wegen ‚Ivenhoe‘ zu Walter runter in die nahe Stadt.

Velveta. – Er hatte bereits einen richtigen Job und holte mit einem Handkarren von der Berz-Molkerei unten am Bahnhof Milch und Käse für das kleine Geschäft gegenüber. Peter mochte wahnsinnig gern die dreieckigen Schmelzkäse, sonst wären die Buben sicher nie auf einen so blöden Uznamen für diesen blonden, langen Kerl gekommen.

Velveta erzählte ihnen ständig ausführlich von den Kinofilmen, die er donnerstags schon sehen durfte; meist waren es aufregende Abenteuerfilme mit Westernhelden, Gladiatoren und Piraten. Sie spielten diese Filme immer nach. Er musste ihnen deshalb alles genau erzählen. Die Beine waren nicht alles, was bei ihm ziemlich lang war. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus. Velveta lehnte sich gewöhnlich im Wald an einen Baumstamm und holte ‚Ihn‘ heraus. Velveta rauchte sogar schon; er war aber auch ein gutes Jahr älter.

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Kurz vor dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 siedelt Rudi Dutschke gerade noch rechtzeitig, dann vollständig nach West-Berlin über. Im Wintersemester beginnt er mit dem Studium der Soziologie am bereits weltoffenen Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität Berlin in Dahlem.

1962

Gerade er, wo er doch bei seiner Konfirmation einer der Kleinsten war. Als er vor dem Altat stand, hatten sie ihm einen Jungen neben ihn gestellt, der Felix fast zwei Köpfe überragte. Vermutlich musste die Gemeinde dabei grinsen.

Bis zur Lahn waren es etwas mehr als dreißig Kilometer mit Fahrrad und dem ganzen Koch- und Zeltgepäck. Bei Obernhof thront oben auf der steilen Höhe das Kloster Arnstein. Unweit von hier mündet das zuletzt schluchtartige Jammertal, der Dörsbach, vom Taunus her kommend in die Lahn. In Miehlen im benachbarten Mühlbachtal wurde einst der spätere berüchtigte Räuberhauptmann Schinderhannes als Johannes Pückler geboren und getauft. Nach moderner historischen Forschung war dieser respektable und selbst vor mancher körperlichen Gewalt absolut nicht zurückschreckende Räuberhauptman, den man allein deswegen auch den Schinderhannes nannte, letztlich sein etwas älterer Bruder. Denn Johannes war fast noch ein Kind, als er in der Volkslegende bereits ein sehr entschlossener Räubermann hätte sein sollen. Das kleine Fachwerkhaus steht aber bis heute im Ort direkt am Mühlbach.

Immer wenn Felix später mit dem Motorrad oder mit Kerstin mit dem Auto durch den Hintertaunus und dabei oft auch durch Miehlen fuhr, wandte er den Blick hinüber zu dem kleinen Haus, und er dachte dabei an den Schinderhannes und seine Spießgesellen. Manchmal dachte er auch daran, dass fortgesetzter schnöder Raub, Mord und Totschlag tatsächlich von einer rigorosen „republikanischen“ Gerechtigkeit abgestraft werden sollten.

Die Pfingstferien versprachen erst gutes Wetter. Aber bereits in der ersten Nacht auf einem etwas feuchten aber ebenen Waldstück in der bedrohlich aufragenden Schlucht begann es wie aus Eimern zu regnen. Während sie irgendwie zu schlafen versuchten, stieg der Mühlbach immer mehr an. Mitten in der Nacht erreichte das Wasser alle ihre Zelte. Sie schlugen das Lager ab und verbrachten den Rest der Nacht auf dem Boden hockend unter den zwischen Bäumen aufgespannten Zeltplanen.

Am anderen Morgen fuhren drei Leute hinauf zum Kloster. Ob man denn auf der Wiese an der Lahn zelten dürfe, sie wollten nur noch drei Tage bleiben.

….„Na klar doch“, sagten die Mönche. „Wir geben euch noch etwas Stroh mit, damit ihr besser schlafen könnt. Auch etwas Holz für euer Koch- und Lagerfeuer. Die großen Säcke bringt ihr uns aber bitte wieder zurück.“

Die Buben waren noch dabei, sich ihr neues Lager einzurichten. Immer noch war es regnerisch. Vielleicht kurz vor Mittag hielten nach und nach einige Autos auf der etwas entfernten Straße. Es waren einige Eltern, die irgendein Weichei angerufen haben musste, vielleicht hatte das auch Klaus heimlich gemacht, um die Eltern nicht im Ungewissen zu lassen. Am Ende war die Gruppe kleiner geworden, nur ein harter Kern, so sagt man wohl, zurück. Ralf war dabei, Bodo, auch Reinhard. Holger aber hatte sich sich offenbar für das gemütlichere Wohnzimmer zu Hause entschieden. Na, wir machten uns auf dem Feuer unseren Eintopf mit Würstchen danach eine Spazierfahrt zum alten Kloster Langenau direkt an der Lahn und dann war bald schon Abendzeit. Hunger hatte man damals eigentlich immer. Wir krochen auf die Strohlager und schliefen schließlich, wie in Abrahams Schoß.

Am Pfingstmontag war das allerschönste Sonnenwetter. Zusammen mit Ralf mietete sich Felix ein blechernes Doppelkajak. Es war zwar etwas verbeult aber ganz neu knallrot angestrichen. Sie erkundeten das Jammertal, soweit sie eben auf dem Wasser kamen, dann fischten sie Weißköpfe. In einer kleinen Pfanne mit etwas zu viel Margarine zerfielen die Fische, und sie wurden zu einem fast ungenießbaren Klumpen voller Greten. Niemand der anderen mochte etwas davon probieren.

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Der stumme Frühling erschien 1962 als Sachbuch der engagierten amerikanischen Biologin Rachel Carson und gilt als ihr wichtigstes Werk. Der stumme Frühling wird häufig als schlüssiger Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung, die wenige Jahre später einsetzte, und als eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Letztlich geht auch das DDT-Verbot auf die erstmals darin geschilderten biologischen-chemischen Prozesse zurück. Dieses damals noch weltweit ausgebrachte hoch giftige Insektizid reichert sich wegen seiner sehr hohen chemischen Stabilität zunächst im Gewebe von kleineren Beutetieren an. Es gelangt somit in die höhere biologische Nahrungskette. DDT und vergleichbare Gifte bedrohen zuletzt am Ende dieser natürlichen Fresskette zuletzt auch die Gesundheit des Menschen sehr massiv.

Die Einwohner der kleinen Stadt Point Hope am nordwestlichsten Zipfel von Alaska wehrten sich erfolgreich gegen das als Operation Chariot bezeichnete Vorhaben des US-Militärs (United States Atomic Energy Commission). Durch die Zündung einiger Atombomben wollte man, so nahe den bösen Russen, gleich gegenüber der Beringstraße gelegen, einen strategischen Seehafen in Kap Thompson schaffen. Solch ein Widerstand gegen den anwachsen Militarismus gelingt aber oft nicht auf Dauer.

Rudi Dutschke wird 1962/63 Mitbegründer der „Subversiven Aktion“, die sich bereits 1964 dem „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) anschließt.

1963

Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy durch wirtschaftliche und politische Interessenkartelle, die in den USA den bestialischen Weg der richtigen „Falken“ ebnen. Elysée-Vertrag zwischen den Regierungen in Bonn und Paris. Das ZDF geht auf Sendung; wie das „Erste Programm“ des Staatsfernsehens zunächst noch schwarz und weiß. Deutsche Männer tragen Rollkragenpullis. Abends im Theater oder auf „Parties“ sogar weiße.

In Frankfurt (jetzt endlich auch in dem am Main) beginnt der „Auschwitz-Prozess“;31 die meisten der „RECHTS=kräftig verurteilten“ gut bekannten Helfer des Naziregimes kommen als wichtige Wirtschaftsbosse, militärische Würdenträger und Bürokraten schon wenig später auf freien Fuß und sogar ganz öffentlich wieder zu Ehren, als ob nichts geschehen wäre.

Das Wunder von Lengede rettet in einer dramatischen Bergungsaktion viele der unter Tage eingeschlossenen Bergleute.

Hemmendorf am Bodensee. – „Wir folgen dir nach Herr Jesus Christ, weil du unser Heerführer bist“, so singen sie beim CVJM am Feuer. Gelobt sei, was diese junge Burschen hart macht. Aber die meist noch halb romantische Unentschlossenheit einer jugendlichen Verliebtheit ist ein hin und her zwischen dem Kinderspiel und den ersten eindeutigen geschlechtlichen Gefühlen. Tatsächlich hat er damals schon eine blaurote Luftmatratze mit sich herumgeschleppt, nach Biene für seine zweite, wenn auch kurze Liebe mit ihren Rehaugen. Dann aber auch Ben Hur spielen auf einem gebastelten Floß am von hohem Schilf bestandenen Ufer. Ein Bauer überwalzte seine Luftmatratze mit seinem Traktor und überraschte sie dabei beim Petting. Am nächsten Tag schon fuhren sie weiter. Auf ihrer wochenlangen Fahrradtour hatten sie bei der Heimfahrt aus der Schweiz wenigstens Zigaretten geschmuggelt. Es gab dort sogar solche mit Menthol. „Pfefferminzig frisch!“ Ein späterer Bundeskanzler wird sich mit diesen Dingern in seiner ‚Schmidt-Schnauze‘ als überzeugter öffentlicher Raucher zumindest bei den Tabakkonzernen und vorher schon bei den Hamburger Sturmflutopfern beliebt gemacht haben.

Der Eichelhäher. – Als Felix mit dem Luftgewehr in der Armbeuge durch den Garten schlich, war er nicht darauf aus, irgend ein Vögelchen zu töten. Er spürte, wie ihn die schwere Waffe veränderte. Er war stolz darauf, dass er so gut schießen konnte. Er traf nahezu jedes winzige Steinchen; Ziele, die er sich schnell entschlossen wahllos bestimmte, und die es schnell zu treffen galt. Sein Vater hatte ihm gezeigt, wie man mit einem Gewehr umgeht. Niemals aber war es zu einem richtigen Schießwettbewerb zwischen ihnen gekommen. Der Eichelhäher hockte in einem hohen Holundergebüsch versteckt und flog plötzlich laut krächzend auf. Felix riss das Gewehr hoch, und noch aus der Hüfte zog er den Abzug … Daneben! Der Vogel verschwand im dichten Gesträuch. Er hatte ihn aber doch getroffen, denn später fand er den schönen Vogel, der tot im Draht vom Hühnergehege hing. Felix war sehr traurig, hatte er ihn doch wirklich nicht töten wollen. In dieser Stimmung beschloss er, nie mehr auf etwas Lebendiges zu schießen, nicht auf Vögel, auch nicht auf irgend etwas anderes.

Als er einige Wochen später eines Nachmittags aus dem Schwimmbad kam, lag eine lange Reihe toter Amseln unter dem Kirschbaum. Niemals hat er Herrn Graefe verziehen, dass der Felix‘ Luftgewehr dazu benutzt hatte und auch noch stolz auf diesen Nachmittag im Liegestuhl war. Felix hatte es nicht vergessen, was Langeweile und eine bestimmte Moral anrichten können, auch nicht als sie ihn im Marinestützpunkt einmal besuchten. Es war sein einziger Besuch in seinen eineinhalb Jahren im Norden.

Am Südhang, hoch über der Stadt. Biene hatte ihn auf seiner Tour begleitet. Nur noch wenige Illustrierten waren in den Satteltaschen. Sie setzten sich in das lange, trockene Gras. Im Schatten des Waldrandes noch buckelige Schneereste. Vielleicht hat sie nur diesen grünen Pullover, dachte Felix, und er bemerkte zum ersten Mal ihre wunderschönen, langen Wimpern. In Wirklichkeit aber war es dabei nur ihr Lieblingspullover unter ihren vielen anderen geworden, gleich, als sie erfahren hatte, dass sich Felix von seiner Mutter einen ganz ähnlichen Rollkragenpullover stricken ließ.

Während er in diesen Wochen sein Fahrrad grün anstrich, dachte er nur anihren Pullover, auch hatte er sich zum Geburtstag einen solch grünen Rollkragenpullover gewünscht. Ständig wurden ihm Rücken- und Ärmelteile angehalten. Schon im folgenden Jahr war der Pullover freilich zu knapp geworden, und Felix hat ihn noch sehr lange in einer Schublade der Kommode in seinem kleinen Zimmer aufbewahrt.

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[E 2 Sonja] = „Es ist schön mit dir hier drin zu liegen, während der Regen auf das Teerdach prasselt“, hat Biene einmal zu dir gesagt. Gleich danach hast du deine Mutter gebeten, für dich genauso einen grünen Rollkragenpullover stricken, wie ihn Biene über ihren knospenden Brüsten trägt. Das Geräusch des Regens auf dem Dach mit der Teerpappe über euch wurde stärker. Dunkel steigt diese Erinnerung in dir hoch. Eigentlich wart ihr noch Kinder, und dennoch hob sich bereits ein sachter Schleier von eurer kindlichen Unschuld und Schüchternheit. Biene, natürlich in ihrem grünen, selbst gestrickten Pullover.

Ach, ich fühle mich hier so geborgen. Es ist so schön, hier drinnen mit dir im Trockenen zu liegen, während Regentropfen auf das Dach trommeln.“ Felix hörte es noch lange, wie sie das gesagt hatte. Vielleicht einmal nur lagen sie in diesem Frühling im Schuppen unentschlossen aneinander geschmiegt. Das Heu im ehemaligen Stall duftete immer noch stark, fast wie frisches Heu, obwohl die Kaninchen schon längere Zeit abgeschafft worden waren. Doch zu was hätten sie sich in dieser Zeit auch entschließen können? Einmal aber hatten sie sich auf den Mund geküsst, als Biene ihn beim Austragen der Zeitungen wie durch einen Zufall begleitet hatte. Felix hatte dabei einen Arm um sie gelegt, und sie trug ihre blonden Haare ganz kurz geschnitten. Adolf, ihr Vater, hatte im Spanischen Bürgerkrieg bereits einen Stuka geflogen, hatte mit der deutschen ‚Legion Condor‘ vielleicht zusammen mit seinem Chef Mölders sogar bei der Bombardierung von Guernica mitgemacht. Damals war Felix davon sehr beeindruckt, auch, dass sie als Mädchen einen richtigen Lufthansa-Piloten zum Vater hatte.

Der Garten, das Haus seiner Eltern, die kleine Stadt, jetzt die Tannen, die nach dem Regen noch tropften. Der Fichtenwald mit seinem Rauschen und die Krähen, die am Abend Kreise über der Stadt zogen, dann zu ihren Nestern in den Bäumen über dem Schuttplatz, weit hinter dem Hügel, zurückkehrten. Aber Biene war plötzlich nicht mehr in der Stadt. Er erinnerte sich erst viel später daran, dass sie sich beide niemals richtig verabschiedet hatten. „Die Kümmernisse der Kindheit sind nichts als flüchtige Sommerschauer“, schreibt James Joyce in seinem Ulysses.

*

Sportstunde. –Tief in einer der Lungen fing es an; es stach wie mit einem Messer im Bauch. Das waren verdammte Seitenstechen! Felix war kräftig, aber kein guter Leichtathlet. Eine solche Art Sport lag ihm nicht.

„Ihr müsst mit gespitztem Mund kräftig ausatmen, ganz langsam einatmen, ausatmen . . . Gelobt sei, was hart macht! Los, Jungens, wir drehen noch eine Runde!“Herr Sipeer, der schlanke Sportlehrer, nicht der mit dem Notabitur aus Rüsselsheim, trieb sie erbarmungslos an. Seine sehnigen Arme waren dabei angewinkelt, so als wolle er zugleich losfliegen.

Gleich falle ich um, dachte Felix, und lief dabei dennoch immer weiter – er ließ es einfach geschehen… er hatte seinem Vater zugehört: „Junge, da haben wir den Schweiß nur so getrunken. Die haben uns damals gleich bis zum Umfallen gestriezt, und später in Russland, da waren wir ihnen dafür sogar dankbar.“

Nunsah Felix ein mit Dreck verschmiertes, heulendes Gesicht unter einem zu großen Stahlhelm. „Die Brücke“25, so hieß der Film, den er am Sonntag oben im Kurhauskino gesehen hatte. Stumpi hatte ihre Karten zusammen mit Mohr gekauft; Felix sah nämlich immer noch jünger als sechzehn aus, deutlich jünger. Danach wurde im Kirchpfädchen eine blaue 6er-Packung Supra-Filter aufgemacht. Jeder bekam eine. Velveta hatte da schon seine eigenen Zigaretten dabei, eine 12er-Schachtel HB, und brach den blöden Filter ab, bevor er sich eine zwischen die Lippen steckte. Das war es doch! Ohne Filter, genauso wie dieser Jerry Cotton.

In Berlin gibt es in den Jahren 1963 und 1964 bereits eine Szene für Straßenmusiker und Maler. Hannes studiert immer noch weiter, in der Absicht Graphiker zu werden, und schreibt nebenher das eine oder andere Lied. Denn die internationale „Folklorewelle” der 60er kündigt sich schon deutlich an.

Über die Schweiz geht es vom Bodensee auf Landstraßen am Rhein zurück. Viele abenteuerliche Eindrücke haben die Buben, und alles geht gut. Aber bei Lörrach verliert Felix wegen einer kurzen Reparatur seine Corona. Er denkt sie vor sich und fährt stramm, um sie wieder einzuholen. Bei Breisach wartet er. Vergeblich! Er fährt noch weiter bis Kehl auf der Höhe von Strasbourg. Er übernachtet bei netten alten Bauern in deren Scheune, bekommt sogar ein Frühstück beim Abschied. Am nächsten Tag kommt er bis Hockenheim, er übernachtet in einem Maisfeld und ernährt sich von den Kolben und der restlichen Marmelade in seinem Gepäck. Er schaut sich etwas von Karlsruhe an, die barock angelegte Stadt mit dem Schloss. Dort gönnt er sich eine kalte Limonade. Etwa 2 Mark und 40 Pfennige hebt er sich auf. Soviel würde ein neuer Fahrradschlauch kosten. Mehr von seinem kleinen Taschengeld hat er nicht mehr. Als Felix bei Mainz an den Rhein kommt fährt er über die Brücke nach Wiesbaden-Kastell, dort ist er bereits so erschöpft, dass er erneut sie Seite wechselt, denn er meint sich auf der falschen Flussseite. Irgendwann erreicht er wieder die Schiersteiner Seite, wo er sich zumindest am steil aufragenden Taunusgebirge orientieren kann. Endlich Wiesbaden-Dotzheim, dann die einsame Waldgaststätte am Chausseehaus. Ab jetzt muss er sein beladenes Rad schieben, zu steil geht die kurvenreiche Straße hinauf zum Taunuskamm. Plötzlich hält ein Auto mit einer Rendsburger Nummer. Es sind die Graefes, alljährliche Kurgäste der Eltern. Auch die sind dabei und alle sind erstaunt ihn hier und dazu noch ganz allein anzutreffen.

„Alles OK“, sagt Felix. „Die anderen fahren über Georgenborn und Wambach, ich aber wollte die kürzere Strecke, danach geht es ja nur bergab.“

„Du weißt ja, wo der Haustürschlüssel liegt. Wir möchten einen kleinen Ausflug im Rheingau machen, Graefes haben uns eingeladen, wir sind aber vor dem Abend zurück.“

„Du kommt schon klar, mein Junge“, sagte der Vater. „Heute Abend wirst du uns von eurer Fahrt erzählen. Ich war damals auch nicht älter als vierzehn, als wir zu dritt mit den Rädern unten im Allgäu waren“

Nach einem Tag hatten die anderen bei der Polizei in Württemberg eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Das war im August gewesen. Im Oktober, fast drei Monate später, klingelte es an der Haustür. Es war der rotgesichtige Ortspolizist Volz, der damals in ihrer Nachbarschaft wohnte.

„Mir habbe da so ebbes gekrischt. Ist euer Sohn Felix eigentlich wieder wohlbehalten daheim?“ So fragte Herr Volz, erst auf seinem Schwalbacher Platt, zuletzt dann in Hochdeutsch.

„Felix, kommt bitte mal runter!“ rief die Mutter das Treppenhaus hoch. Felix bekam einen tüchtigen Schreck. O weia, was hatte er denn da wieder Schlimmes angestellt, dass jetzt sogar die Polizei vor der Tür stand? Beklommen trat er hinzu.

„Na, dann hat sich das ja erledigt.“ Polizist Volz schien erleichtert.

Dass diese haarsträubende Sache eine kritische Betroffenheit gegenüber der Polizeiarbeit beim Verschwinden eines Jungen, dann aber auch nachhaltige Heiterkeit auslöste, das kann man sich denken.

1964

Wer ist Hannes Wader? – Deutsche Liedermacher treffen sich auf der Burg Waldeck im Hunsrück, und mit dabei ist ein Hannes Wader und der Franz Josef Degenhardt. „…vielleicht auch Hans-Dieter Hüsch, der aber viel weniger Einfluss auf dich gehabt hat“, eruierte Lea später einmal. Vier Jahre später begreift Felix, dass er diesen Horsti Schmandhoff bereits gut gekannt hatte, sogar der Senator mit seinem Hüttenwerk auf dem Wackelsteiner Ländchen waren ihm längst vertraut. Sein Lieblingsessen sind jetzt aber Rindsrouladen mit Erbsen oder Feldsalat.

Im Sommer macht die Klasse ihre Schulabschlussfahrt nach Westberlin, mit einem Tag Besuch des Ostteils der Stadt. Leider war Sonja nicht dabei. Was war geschehen? Kurz zuvor zog mit ihren Eltern nach Frankfurt am Main, damals eine Weltreise weit entfernt.

*

Jetzt bereits die ersten Häuser, die noch nicht sehr verdichteten Areale von Hamburg. Die Außenbezirke einer großen Stadt. Etwas später wird er diese oft typisch angeordneten aber sinnvoll gewachsenen urbanen Strukturen das ‚Weichbild‘ nennen. Dazu müsste er aber noch einiges Lesen und Studieren müssen. Noch immer kann er es nicht fassen, dass es nun in ein ganz anderes Leben geht. Vielleicht ist er auch so froh darüber, weil er fast schicksalhaft genau zur rechten Zeit aus dem alltäglichen Einerlei entronnen ist. Er fühlt sich männlich stark und auch erwachsen genug, um gerade jetzt ein für ihn aufregend fremdartiges, ein eigenes Leben zu beginnen. Dann ist es ihm plötzlich, als hätte er das schon immer so gemacht. Sogar die großartig dramatische Geschichte mit Danielle scheint ihm jetzt in eine weite, jetzt bedeutungslose Ferne gerückt. Ihm wird es dennoch warm ums Herz. Oder ist das der Bauch? Und Heidrun? Würde sie ihn vermissen?

Hamburg! War das schon Hamburg-Altona? Nicht der Hauptbahnhof? Raus, den Koffer nicht vergessen und Umsteigen nach Glückstadt. Das ist Richtung Itzehoe. Komische Namen haben die hier oben. Erneut scheint der Bahnsteig plötzlich voller Militär zu sein. Die Uniformen fallen halt besonders auf. Da, wieder diese Kontroll-Listen auf den Klemmbrettern, wie auf jedem der Umsteigeplätze zuvor. Viele der jungen Männer steigen hier aus. Zu seiner Marine geht es noch ein Stück weiter. Kiel, Eckernförde, Kappeln, das würde für ihn Richtung Ostsee später die Namen sein. Jetzt aber ist es von Hamburg nach Glückstadt an der Elbe nicht mehr weit. Nach Itzehoe ist es nur eine langsame Regionalbahn, und nach Glückstadt muss er von dort auch noch.

*

Und doch wird der Morgen dieser Art nicht nur von innen her gespeist. […] Die Sehnsucht ist dieser Jugend ohnehin das gewisseste Sein, und das abreisende Abendrot, wohin die Sonne weggeht, verstärkt es noch. […] Denn auch das erste Bild des Meeres stammt den meisten Menschen vom weiten Himmel und zieht dahin; das heißt: die Wolke ist dem märchenhaften Blick nicht nur Berg oder Eisgebirge, sie ist auch eine Insel im Himmelsmeer oder ein Schiff, und der blaue Himmel, worin sie segelt, spiegelt den Ozean. […] Wenn die Ferne in der Muschel wie Meer braust, so mag sie im Prisma wie Hafenlicht aussehen. […] Sogar das ist möglich, dass sein Traum zeichnet, das ist, dass er eine förmliche Karte von seinen Küsten entwirft.“*) ERICH FROMM

[E 1] = Längst vergessen geglaubte, aber tief in dir verborgene Erinnerungen aus der Kindheit begleiten dich. Sie werden dann oft zu Teilen deines aus dem Kindergottesdienst kamst. Dort habt ihr Kinder oben auf der Empore gesessen, gleich neben der Orgel mit ihren matt silbrig glänzenden Pfeifen. Du dachtest dir einmal dazu, dass man die dort versammelten Kinder nach Größe sortieren und sie jeder für sich einen Ton pfeifen lassen könnte, um Gott zu loben.

Fernab von dir dumpfes, ein unterkühltes Unterbewusstsein, das wie vom endlosen Packeis sich loslösende Eisschollen in deine augenblickliche Wahrnehmung driften könnte. Zum größten Teil schwimmen die hell schimmernden Gefahren untergetaucht in einer dunklen, geheimnisvollen See. Sie sind größer, als du sie je vermuten würdest. An ihren Spitzen, jetzt hell in einem vernebelten Mondlicht nur kurz sichtbar, leuchtet für eine kurze Weile für dich die Welt von Gestern auf. Du erahnst sie in einem Moment, und alles scheint wie früher zu sein. Geborgenheit, Wärme und Fürsorge, denn in der ungeduldigen Kindheit entdeckt man die Langsamkeit der Zeit und das immer wieder schnell vergehende Gefühl der Furcht, und du sehnst dich doch ein Leben lang nach ihrer Behaglichkeit zurück.

Da war einmal der unvergessliche Geruch eines Sonntagsbratens, wenn du hungrig vom Kindergottesdienst kamst. Ja, genau nach ihrer Größe aufstellen, und jedes von den Kindern hätte seinen bestimmten Ton zu pfeifen, zu singen oder ganz laut zu heulen, um Gott zu verfluchen.

Jetzt kommt es dir, lieber Felix, so vor, dass es nur eine kurze Zeit später war, als du mit vielen anderen zum allerersten Mal in einem verwaschenen, fast grau gebleichten, olivgrünen Kampfanzug in Reih und Glied antreten musstest. Hier hat man euch akribisch nach Körpergrößen sortiert aufgestellt. Du stehst als der Größte des Dritten Zuges in der ersten Reihe deiner Gruppe. In der ersten Reihe? Nein, im ersten Glied natürlich, wie man das hier nennt [da muss sie kurz lachen], ganz rechts, von dir aus gesehen. Du hast das alte, frisch waffenölig glänzende Maschinengewehr aus der Waffenkammer neben dir oder zwischen deinen Beinen zu halten. Der längliche Verschlussdeckel zeigt das eingestanzte, flüchtig weg gekratzte Naziemblem, einen stilisierten Adler auf dem Hakenkreuz. Als wollte man sich diese tief eingravierten Erinnerungen an das Dritte Reich bewahren. Zwischen dem konzentrierten Zielen und den abgegebenen Schüssen blickst du gelegentlich zur Entspannung der Augen auf den Boden unter dir, auf den eiszeitlichen Sand, ins dürre Gras unter den Kiefern, wo du deine Stellung bezogen hast. Manchmal schaust du auch auf das nur flüchtig entfernte Hakenkreuz unter dem unbeschädigten Naziadler. Jetzt greift euch der Erste Zug in einer tief gestaffelten Schützenkette an . . .

*

„Mann Gottes, Kusch, warum schießen sie denn nicht! Schießen sie doch endlich wieder!“ ruft der Maat ihm erneut zu, der an einer der Kiefern hinter ihm steht und sich sogar entspannt an die braune, manchmal fast rote, zerrissen wirkende Rinde gelehnt hat. „Schießen sie doch endlich, Kusch, denn putzen müsst ihr das Teil nachher sowieso.“

Der Maikäfer, der vorn am Korn herumkrabbelte, ist nach deinem ersten kurzen Feuerstoß natürlich heruntergefallen. Er ist verschwunden. Diese schreckliche Waffe hatte er zu zu tragen, zu bedienen und später immer wieder gewissenhaft zu reinigen. Mittwochs war Landkampf angesagt. Lastwagen brachten sie zu dem zu ihrem Glück meist nur trockenen und dazu sandigen, also kaum schlammigen Truppenübungsplatz bei Nordeo, ein Stück weit hinter Itzehoe gelegen. Da fühlte er bereits vor der Abfahrt in der Wärme der Frühlingssonne den kalten Stahl in den Händen. Hinter ihnen im blumengeschmückten Zentrum des Hofes von ihrem „Block Berlin“, in dem die dritte Kompanie untergebracht war, flatterte die Bundesdienstflagge hoch oben an einem weiß lackierten Mast, der aussah, als stamme er als ehemaliger Fockmast von einem alten Segler. Manchmal gab das dreifarbige Tuch trocken knallende Laute von sich,während es sich danach bauchig aufblähte, um dann gleich wieder dicht verschlungen zu sein, bevor es sich erneut entwirrte. Als sie aus der Doppeltür ihres roten Backsteinblocks gerannt und zum heutigen Landkampftag angetreten waren, hatte Felix wahrgenommen, wie das Sonnenlicht durch diesen fadenscheinigen Flaggenstoff der Bundesdienstflagge leuchtete, fast wie als magische Illuminierung über eine äußerst merkwürdige Zeremonie gesetzt, die eigentlich einzig für die Einübung und Erfüllung eines tödlichen Auftrags inszeniert wird – das staatlich organisierte Ermorden anderer Menschen und das hier eben bis zur Vergasung einzuüben. Den vom neolithischen Priester abgesegneten und allein dem Erhalt der Herrschaften dienende imaginierte Kampf gegen das Böse im Menschen auf Befehl und mit Gehorsam, diszipliniert, fraglos und ganz schnell gewissenlos verroht, blutigst auszuführen. Das ist es doch, was dir beim Barras zu schaffen macht. Nicht das ewige Gerenne, das Leben im Laufschritt, das Gebrüll beim Formaldienst, die ständigen Kontrollen all der soldatischen Kleinigkeiten wie penible Spindordnung, akkurater Kojenbau, perfekte Stiefelwichse, messerscharfe Bügelfalten, ein sauberes Taschentuch beim Landgang, die empfindliche, gestärkte weiße „Fliege“ an ihrem Halsknoten, die unsichtbaren Pulverschleimkrümel im Rohr des Gewehrs, der Staub an allen den Blicken nur denkbaren verborgenen Orten, wo keiner mehr sein kann.

*

[E 2 Claude] = Nun schau dir diesen von Disziplin triefenden, vom permanenten Samenkoller angetriebenen Männerverein eine Weile genau an, dann wirst du vielleicht dereinst selber einen Ausweg finden. Wir müssen uns dabei nur richtig erinnern. Das ist dann wie eine vorwärts gerichtete Reise in die eigene Vergangenheit, aus der wir aber nur scheinbar gemeinsam zu kommen scheinen. Wir sind sehr wohl imstande sehr weit zurückzudenken, wobei die Vergangenheit eigentlich vor unseren Augen liegt, nicht hinter uns in einer unbekannten Zukunft. Das ist nicht nur weibliche Logik, so erscheint es mir. Kann es sein, dass vor uns schon andere Menschen darauf gekommen sind? Die Zukunft ist ungewiss, die Vergangenheit aber haben wir klar vor Augen, wenn wir diese uns nur öffnen. Es ist aber mehr ein ahnungsvolles Fühlen von kleinen, vergangenen Momenten, von fast vergessenen Augenblicken, die uns sogar das kindliche Bewusstsein in einer jetzt erwachsenen Sprache offenlegt. Ist das alles wirklich geschehen? Es ergreift uns eine rührende Sehnsucht nach der einstigen Geborgenheit, sogleich nach der infantilen Hoffnung, wenn wir nur alles richtig und genau so machen, wie man es uns vorgesagt, rät, befiehlt, dass wir dann vielleicht sogar niemals sterben müssen. Wir haben doch alles gemacht, so wie es sich gehört.“ Das ewige Leben findet aber allein heute statt. Wie sagte dein manchmal recht autoritärer Vater nach einer energischen Weisung? „.. . . und Basta!“

Wir aber sind einst Schmetterlinge in einer für uns gefährlichen Welt gewesen. Sollen wir nur deshalb zu Haien degenerieren, um dann einer Fresskette vorzustehen oder bleiben wir lieber lebenslang kleine, schillernde Fische im großen, scheinbar sicheren großen Schwarm? Einmal fandest du tatsächlich einen bunten, flatternden Schmetterling im Sandkasten des städtischen Kindergartens.Solche durchaus euphorisch stimmenden oder traurigen Ereignisse verdichten sich am Ende, verdrehen sich nicht zuletzt im Spiegelbild der heutigen inneren Heimat. Die kann manchmal ein fragwürdiges Selbstmitleid provozieren, und das wird dich zugleich zu vielfältiger Liebe, aber auch zu manchen Egoismen, zu den fast unverzeihlichen, triebgesteuerten Missetaten gegenüber dem weiblichen Geschlecht gedrängt haben. Hast du diese Heimat verloren, oder trägst du sie noch immer in dir? Du warst bei alledem keinen Deut sensibler, als alle deine imaginierten literarischen Vorbilder, kein bisschen, aber verdammt ehrlich, Felix, das warst du gewiss.

Erinnerst du dich noch, ach du mein Held? Ihr hattet euch an der Krummen Lanke an einem sonnigen, heißen, später dann gewittrigen Sommertag beim Schwimmen kennengelernt. Ja, diese deiner Geschichten war wohl recht kurz aber intensiv war sie, wie fast alle, die man, wenn man jung ist, erstmals in einer solchen großartig verführerischen Großstadt erlebt. An diesem besagten Nachmittag schien eine gewisse atmosphärische, einen kribbelnde, elektrische Spannung in der Luft zu sein, die Haare und Häute zu berühren und sinnlich aufzuladen imstande ist. Sie studierte seit neuestem an der Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik und war nur nach Berlin gekommen, weil das an der FHSS so easy sein sollte. Sie wollte ganz wie du nachträglich die Allgemeine Hochschulreife erwerben.

Ihr wart schon früh am Abend zu einem süßen Obstwein in die berüchtigte aber mit Neonröhren grell beleuchtete Destille der Familie Leydicke eingekehrt. Lieber hättest du da ein frisches, ein kühles Bier getrunken, und du fragtest sie, ob sie denn schon Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ kenne. Da zückte sie aus ihrer bunten, gehäkelten Umhängetasche, die angeblich arme Indianer in Peru oder sonst wo geknüpft hatten, einen Skript ihrer philosophischen Propädeutik. Solche folkloristischen Sachen gab es auf einer Solidaritätsveranstaltung, auf den Spuren des Genossen Che, auf dem dortigen Basar zu kaufen, exemplarisch für alle roten Revolutionen in solchen Ländern, versteht sich. Mit sehr fetten, wohl noch ganz frischen Markerstiften war auf dem chamoisefarbenem, eher bereits bräunlichem Umdruckpapier hervorgehoben, was du lesen solltest.

Ein vielgestaltiger Bau ist er, der Tempel der Wissenschaft. Gar verschieden sind die darin wandelnden Menschen und die seelischen Kräfte, welche sie dem Tempel zugeführt haben.

Gar mancher befasst sich mit der Wissenschaft im freudigen Gefühl seiner überlegenen Geisteskraft; ihm ist die Wissenschaft der ihm gemäße Sport, der kraftvolles Erleben und Befriedigung des Ehrgeizes bringen soll; gar viele sind auch im Tempel zu finden, die nur um utilitaristischer Ziele willen hier ihr Opfer an Gehirnschmalz darbringen. Käme nun ein Engel Gottes und vertriebe alle die Menschen aus dem Tempel, die zu diesen beiden Kategorien gehören, so würde er bedenklich geleert, aber es blieben doch noch Männer aus der Jetzt- und Vorzeit im Tempel drinnen . . . Gäbe es nur Menschen von der soeben vertriebenen Sorte, so hätte der Tempel nicht entstehen können, so wenig als ein Wald wachsen kann, der nur aus Schlingpflanzen besteht.

Wenden wir aber unsere Blicke wieder denen zu, die vor dem Engel Gnade gefunden haben! Etwas sonderbare, verschlossene, einsame Kerle sind es zumeist, die einander trotz dieser Gemeinsamkeiten eigentlich weniger ähnlich sind als die aus der Schar Vertriebenen. Was hat sie in den Tempel geführt? Die Antwort . . . kann gewiss nicht einheitlich ausfallen … eines der stärksten Motive, Flucht aus dem Alltagsleben mit seiner schmerzlichen Rauheit und trostlosen Öde, fort aus den Fesseln der ewig wechselnden eigenen Wünsche. Es treibt den feiner Besaiteten aus dem persönlichen Dasein heraus in die Hochgebirgslandschaft, wo der weite Blick durch die stille, reine Luft gleitet und sich ruhigen Linien anschmiegt, die für die Ewigkeit geschaffen scheinen.“ [Albert Einstein]“*)

Sinn und Zweck aller Gottesanbetung in Heiligen Hallen ist uns zwischenzeitlich wohl bekannt geworden: ‚Ihr baut Häuser mit behauenen Steinen aber wohnt nicht darin!‘ Das steht in der Bibel, irgendwo im Alten Testament. Ja, kaum jemand lebt in seiner erworbenen Religion wirklich. Ist es nicht eines der stärksten Argumente gegen einen freien Glauben, schon gar nicht ein Gottesbeweis, dass Menschen in abgezirkelten Kulturkreisen eben der dort herrschenden und benutzten Religion nützen, in die sie zufällig hineingeboren wurden? Wer käme auf den Gedanken sich ad hoc einen Klerus und eine dazu passende Liturgie zu erfinden? So ist es doch naheliegend, dass es eher eine generelle, praktische Maßnahme ist, sogar Feiertage von einer unterjochten Kultur zu transferieren. Auf heidnischen Stätten wurden kristliche Kirchen errichtet. Dem freien Menschen wurde ein klar strukturierter Katechismus verordnet. Ach, da steht etwas von Aristoteles, das passt ja wirklich gut zu meinem Gedanken.

Was solltest du da eigentlich lesen? Alles doch hoffentlich nicht. Eigentlich war in einer noch dilettantischen wissenschaftlichen Arbeitsweise fast der ganze Text des Pamphlets – in Form einer fast unlesbar schlechten Vervielfältigung der üblichen ausgelutschten Spiritus-Matrizen – in rot, blau, gelb und grün angestrichen. Du lasest dann dort, wo ihr ausgestreckter Finger hinzeigte. O, dachtest du dir, was für eine wunderschöne Hand sie hat: Platonsagt mit Recht, dass, um den Menschen tugendhaft zu machen, es darauf ankomme, ihn von Jugend auf zu gewöhnen, dass er sich über das freue, worüber er sich freuen soll; und sich über das betrübe, worüber es gut ist, dass er sich betrübe. Und eben hierin liegt der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Erziehung.“ Aristoteles.Über Tugend und Vernunft.“

„Ja genau, das sehe ich auch so, aber weißt du auch, dass der sonst angeblich so kluge Aristoteles so etwas nicht ironisch meinte. Hat er doch die zahlreichen Sklaven seines damals herrschenden Systems, das der Sklavenhaltergesellschaft nämlich, nicht als Menschen betrachtet, aber sie als sprachbegabte Tiere bezeichnet?“ Aristoteles haben wir in der Philosophie letztlich den engstirnigen Dualismus zu verdanken, die ekelhafte Allmacht der sich immer wieder neu etablierenden Sophisten, diesen an der Macht partizipierenden Berufslügnern! Sokrates hingegen starb wissentlich wegen seines elementaren Anspruches an wahrhafte Qualität im Denken und politischen Handeln. Das hätte ihm längst zu denken geben sollen.

Vielleicht bekamst du sie damit am gleichen Abend in dein wirklich sehr hohes, selbst gezimmertes Hochbett über dem Flur, zu dem eine alte, inzwischen rot lackierte Holzleiter hinaufführte. Das wartete bereits in der zwar recht großen aber schlauchartigen Ladenwohnung am Schöneberger Willmanndamm 10. Dort hast Du eine Weile in einer für dich auf Dauer zu sehr chaotischen Dreier-Wohngemeinschaft gehaust, und aus vorhersehbaren, rein taktischen Gründen war die vorher gemeinsam angesteuerte Leydicke-Destille wirklich nur unweit gelegen. Und ihren Namen? Den hast du, wie all die vielen anderen inzwischen ganz sicher vergessen. Wie homerische Helden sich nicht jedem ihrer erfolgreichen Schwertstreiche erinnern, auch wenn er einem anderen Menschen schweres Leid zugefügt oder einen qualvollen Tod gebracht hat. Die Welt ist voller solcher Helden und ihrer bedauernswerten Opfer. In der Liebe aber ist alles erlaubt!

Der Kindergarten in der kleinen Kur- und Kreisstadt Bad Betteldorf bestand für die halbtägig beaufsichtigten Insassen aus zwei großen Räumen. Ein Flachbau unter mächtigen Akazien war das. Felix nahm die Kinderschaufel und schleifte sie ein Stück über den Sand, der jetzt überall verstreut war. Dann ließ er sie fallen und beugte sich zu einem flatternden, rotbraunen Schmetterling herunter. Bunter Puderstaub klebte bald an den Fingern des Jungen, als er das Insektentier in die große Freiheit entließ. Der Falter taumelte aber bloß gegen die Kante des Sandkastens und fiel wieder in den feuchten Sand. Die Kindergärtnerin rief die Kinder in diesem Moment mit lauter Stimme herein. Man konnte es sogar drüben am Berg hören, wie es über die kleine Stadt hinweg herüber schallte. Die Kinder frühstücken jetzt sicher, dachte die Mutter im Haus auf der anderen Talseite, und dabei warf sie die Kartoffelschalen auf der Zeitungsseite in den Eimer für den Komposthaufen. Alle Kinder rannten auf das Kommando hin fast gleichzeitig auf die großen, doch nun viel zu engen Doppeltüren zu. Ihre Schuhe stampften den Sand, und der blieb wie Paniermehl an ihnen klebten. Felix suchte den Schmetterling noch eine ganze Weile im Sand. Er fand ihn aber nicht mehr.

Die Kindergärtnerin, es war die liebe Tante Käthe, rief deshalb erneut: „Felix, bitte, wir warten auf dich! Komm jetzt – aber sofort!“

Felix suchte dennoch weiter diesen Schmetterling, bis Tante Käthe ihn gewaltsam in den Waschraum zu den anderen zerrte. Der Fünfjährige dachte an den armen Schmetterling bis zum Abend und mitten in seinen Kindertraum hinein.

*

Auf dem Kalten Weg sitzt ein Schmetterling, ein Pfauenauge, still auf der Erde zu meinen Füßen. Ich beuge mich hinunter, um zu sehen, ob er verletzt ist, berühre die Flügel, versuche ihn hochzuheben. Mit der Kraft der Gedanken versuche ich, ihn aus seinem Scheintod zu erwecken, aber nichts bringt den Schmetterling ins Leben zurück.

Da stecke ich ihn vorn in mein Hemd und trage ihn zu dem großen Apfelbaum, wo ich ihn in einem Spalt in der Rinde absetze, ich weiß nicht, warum. Ich schwinge mich auf die Schaukel, bleibe lange dort sitzen und schaukele, bis ich von der Erzählung eingefangen werde, bald merke ich, ich selbst es bin, der erzählt. Geschichten kann man zu vielem gebrauchen. Diese hier handelt von einem, der aus seinem Haus gerannt ist, einem Fröhlichen, der die Freude noch stärker fühlen will, und hier draußen im Freien kann nichts sie daran hindern, so groß zu werden, wie man es sich nur wünschen kann. Und während die Geschichte wächst, fühle ich, erst nur schwach und kaum spürbar, aber dann immer deutlicher, etwas an meiner nackten Brust kitzeln, und ich knöpfe das Hemd auf und öffne es, und da fliegt der Schmetterling heraus, flattert fröhlich umher, voller Lebensfreude. Und davon erzähle ich, und erzähle, und erzähle. Jetzt wird mein Blick von dem Spalt in der Rinde angezogen, und ich muss feststellen, dass der Schmetterling verschwunden ist. Auf der Erde ist er nicht, es ist denkbar, dass die Elster ihn sich geholt hat oder die Kohlmeise. Ich muss das nicht Brust hervor flog, und jetzt, während ich erzähle, flattert er fröhlich umher, steigt wie meine Freude zum Himmel hinauf, immer höher, fliegt über die Welt und zeigt allen Menschen, was Leben sein kann. Und meine Geschichte geht weiter, selbst als ich aufhöre zu erzählen, sogar noch, als ich ins Haus gehe, bis in die Küche wirkt sie, erhellt und wärmt wie eine strahlende Sonne oder wie eine große Woge der Wärme, die von weitem, unendlich weiten Meer an unseren Strand rollt. .*)

*

[E 2 Margot] = Hier liegt noch niemand. – Du aber möchtest dich beizeiten und rechtzeitig selber im Meer versenken. Noch vor einem erwarteten körperlichen und geistigen Siechtum, dann wenn es unerträglich wird, vor diesen geriatrischen Szenarien also, irgendwo, unauffindbar. Bist du nur deswegen zuerst nach Ithaka, zu deinem fast erwachsen Sohn und zur immer noch schönen Penelope zurückgekehrt. Sag es alter Mann. Warum? Weshalb aber deine vorzeitige Flucht in eine ferne Einsamkeit? Ein neues Leben? Welche Gedanken treiben dich an?

„Ein Mensch kann in seinem eigenen Lande herum sitzend oft weniger von ihm erkennen als der von einem fernen Berg Beobachtende.“ Vielleicht hast du damit sogar recht.

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Deinen Odysseus haben Machenschaften der Emporkömmlinge, ihr Geifern nach der Macht in seiner winzigen Polis mehr als angeekelt. Er wusste, dass sie auf seinem Thron sitzen wollten. Die Familien der zu Recht erschlagenen Freier, sie wären über Leichen gegangen, nur um ihre verkommenen, und jahrelang gierig schnorrenden Söhne angeblich zu rächen, zuletzt aber, um etwas mehr Wein, Oliven und Ziegen zu besitzen, um alles zu Geld machen zu können. Es wäre zu einem Bürgerkrieg um den Thron auf Ithaka gekommen. In mythischer Legende beendet Pallas Athene mit einem lauten Schrei diesen Zwist. Vielleicht aber hat sich Odysseus auch ein wenig geschämt, einmal wieder der Herrscher über Ithaka geworden zu sein, denn wenn es mystische Ahnungen gibt, dann gleichfalls zurück in die Zukunft gerichtet. So könnte Odysseus solche gar mehr als dreitausend Jahre früher gehabt haben.

Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein hat der faschistische Diktator General Metaxas mit einer rigorosen Zensur über Griechenland geherrscht. Aber er förderte die Juden im Land wo es nur ging, was ihn vom Hitlerfaschismus sehr unterschied. Hitler war alles, nur kein reicher industrieller Schnapsbrenner, er war asketisch und Antialkoholiker. Selbst du, Felix, hast dich in den Jahren in Berlin über die sich fortschrittlich nennenden Studenten sehr gewundert, die zu den großen Demonstrationen gegen die in Athen herrschende Nato-Militärjunta aufmarschierten, einem sehr üblen, von Deutschland mit Waffen unterstützten Folterregime, ähnlich dem General Pinochets in Chile, um dann, aus ihrem Urlaub in Griechenland braungebrannt zurückgekehrt in ihrer Stammtischkneipe beim Griechen in Neukölln nach Souflaki, Pommes Frites und einem gemischtem Salat, nach dem Ouzo vom Wirt, wenigstens noch einen Fünf-Sterne-Metaxa zu kippen.

Das ist doch bloß ein griechischer Kräuterschnaps“, sagte Karlo dann, „so etwas ist gesund nach dem Essen, kann ich wirklich schon mal machen.“

Laokratia! Laokratia!“ brüllten die zumeist halbseidenen, wegen dem Kriegsdienst aus Westdeutschland nach Berlin geflüchtete Kapitalismus-Kritiker, ganz sicher nicht aus purer Langeweile. Volksherrschaft? Wollten sie für sich in ihren längst erwarteten beruflichen Karrieren so etwas wirklich? Warum aber gaben sie sich dann dennoch als Linke aus? Um sich dem herrschenden Zeitgeist der nach flackernden, dabei oft auflodernden kulturellen und wissenschaftlichen Revolte unterzuordnen? Um sich im Freundeskreis, im Unibetrieb, in ihren Instituten, im alltäglichen Leben nicht allzu sehr durch ihre innere Bürgerlichkeit zu outen.

Aber, verdammt nochmal, das ist damals doch ihr akutes Leben gewesen!

Welchen ihnen anerzogenen, tief in innen sitzenden Anpassungsmustern mussten diesen doch halbwegs gebildeten jungen Menschen noch nachgehangen haben, um ja sicher zu gehen, dass wenn es schief ginge (und es es würde ganz bestimmt wieder schiefgehen, das wussten sie damals schon), sie sich vor den Personalräten oder den Institutsfachschaften ihrer künftigen Karriere in einer bloßen Mitläuferschaft in Sachen Privatleben und Studieninhalten die Hände reinwaschen konnten. Ihre gesamte innere Rhetorik war diesem Muster hin verfallen, blieb aber für einige Jahre vollkommen stumm. Du selber hast die beliebten Griechenlandurlaube in diesen Jahren der mordenden und folternden griechischen Militärjunta boykottiert, und warst bis heute nicht dort. Sehr schade eigentlich. Ein schönes Land ist das, mit freundlichen netten Menschen. Ich war sogar einmal auf Kreta bei Alexis Sorbas, du weißt schon.

*

[E 2 Gudrun] = Felix, erinnerst du dich noch, als dein Freund Josep Maria de Bolos uns in der Neuköllner Richardstraße besuchte? Das war kurz nach dem Generalissimo Franco gestorben war. Ihr lümmeltet spät nachts auf den am Boden ausgelegten Matratzen deines großen Arbeitszimmers herum, und eure Schlafanzüge waren auf sonderbare Weise sehr ähnlich, längs gestreift waren sie, und Josep sah mit seinen kurzen dunklen Haaren und seinem Eintagebart fast wie ein KZ-Sträfling aus. Aber ihr habt euch wie Schneekönige gefreut, und dazu belgisches Flaschenbier von Aldi getrunken: „Generalissimo Franco! … morte! … Viva!“, das habe ich noch verstanden, denn ich begann damals gerade erst Spanisch zu lernen. „This Pig is dead!“ Und mir kommen heute fast die Tränen, wenn ich mir vorstelle, wie glücklich wir damals allesamt waren. Aber zum Trinken unseres Metaxa, zum Thema Faschismus in Europa, in Deutschland sowieso, aber gerade in Südeuropa und in der bereits von allen geduldeten, totalitär beherrschten Türkei, sollte man sich weiterhin Gedanken machen. Schon einmal überlegt, wohin das letztendlich zu einer passenden Situation führen kann?

Die Wurzeln des Faschismus oder Corona gegen menschliches Unkraut! – Was das französische Gesundheitswesen kann, das sollten heutige deutsche Ärzte schnell wieder lernen. Am 23. März 2020 besuchte eine Delegation des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin Intensivstationen in Strasbourg. Das IfKM schrieb darüber einen Brief an die Landesregierung von Baden-Württemberg in Stuttgart.

Hermann Ploppa*) schreibt weiter: „Stattdessen Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln. In Pflegeheimen: Patienten über achtzig Jahre, die beatmungspflichtig wären, erhalten eine schnellere (!) Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln durch den Rettungsdienst (!). Es ist ein Vorgehensprotokoll zu erstellen, das stets durch eine ad hoc zu installierende Ethik-Kommission genehmigt und abgezeichnet wird. In jedem Einzelfall müssen die Rettungssanitäter diese Ethik-Kommission anrufen, oder ins Benehmen setzen, um danach entweder den Patienten in die Intensivstation zu befördern oder schon vor Ort mit tödlichen Dosen von Opiaten aus dem Leben bringen zu können. Es bedarf keiner juristischen Spitzfindigkeit um festzustellen, dass diese Vorgehensweise illegal ist und ein Bruch aller ethischen Grundsätze darstellt, die nach dem Horror des Holocaust allgemein bislang als selbstverständlich angenommen wurden. Das hat nichts mit Euthanasie zu tun. Euthanasie stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „schöner Tod“. Im angloamerikanischen Sprachraum versteht man heute darunter Sterbehilfe. Unabdingbare Grundlage ist immer die Einwilligung der betroffenen Patienten. Passive Sterbehilfe bedeutet: wenn für die restliche Lebenszeit nur noch ein qualvolles Vegetieren möglich ist, und der Patient bittet darum, die Maschinen abzuschalten, dann ist dem Folge zu leisten. Die aktive Sterbehilfe ist in den Niederlanden und Belgien erlaubt. In diesem Falle bittet der Patient darum, ihm eine tödliche Spritze zu verabreichen, was dann unter fachkundiger ärztlicher Begleitung durchgeführt wird. Dafür gibt es strenge Kriterien. Der Patient muss tatsächlich unter extremen Einschränkungen leiden, die ein würdiges Leben auf Dauer unmöglich macht. (…)

Wie auch immer die Position des Instituts für Katastrophenmedizin einzuschätzen ist: das Vorgehen im Elsass ist ein Dammbruch, der in der Schockstarre der medial inszenierten Sargparaden im Zusammenhang mit Covid-19 in seiner Tragweite noch gar nicht erfasst wird. Der sozusagen im Windschatten der allgemeinen Existenzgefährdung unbemerkt mitläuft. Jetzt können endlich wieder Menschen gegen ihren Willen von Medizinern getötet werden, also ermordet werden. Nazi-Arzt Karl Brandt wurde für eine solche Handlung in Nürnberg noch zum Tode verurteilt. Zum einen ist dieser Mordbefehl eine Bankrotterklärung des Staates, zum anderen beweist das seine wirkliche systemsteuernde Aufgabe. Wieder einmal ist er entlarvt.

Der Staat hat sich wichtige Funktionen der öffentlichen Daseinsvorsorge wie das Gesundheitswesen aber längst aus der Hand nehmen lassen. Die Bertelsmann-Stiftung propagiert die Schließung von Krankenhäusern zugunsten von industriellen Großkrankenhäusern. Treten dann noch extreme Sondersituationen auf, wie jetzt bei der Covid-19-Pandemie, dann könnte die profitable Krankenhaus-Megamaschinerie schnell zum Erliegen kommen. So kann man Angst und Panik verbreiten!

Das sich historisch entwickelnde Wesen der Klinik wurde passend zur gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung der 60-er Jahre von Michel Foucault kritisch untersucht. Wie im Strafvollzug spiegelt sich darin die zunächst die feudale, dann die kapitalistische Herrschaftsform in einer soziologisch bemerkenswerten Weise. Im inzwischen voll entfalteten Marktradikalismus wird konsequenterweise auch geschaut, wie rentabel eigentlich ein Mensch ist. Bringt der Mensch im Laufe seines Lebens der Gemeinschaft Gewinn ein, oder muss die Gemeinschaft in einem Menschen immer nur Geld zubuttern? Diese Rentabilitätslogik wurde schnell offizielle Staatsdoktrin im Nazireich. Behinderte Kinder wurden in Hadamar bei Limburg vergast, und Medizinstudenten schauten dem elenden Sterben der entsetzten nackten Kinder hinter Glasscheiben zu und schrieben ihre Beobachtungen auf. Kranke, Alte, geistig und körperlich behinderte wurden industriell von Ärzten ermordet. (…) Doch die Praxis der Nazi-Diktatur war diesbezüglich nur das Echo auf eine bereits entwickelte Praxis in Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist wenig bekannt. Wenn wir das verstehen, können wir auch die jetzigen menschenverachtenden moralischen Dammbrüche im Elsass mit ganz anderen Augen betrachten. Auch eine Pandemie entlarvt bereits die staatlichen Funktionen in aller Deutlichkeit, denn dazu benötigt es keinen Kriegszustand.

Schon Charles Dickens beschreibt in seinem Roman Oliver Twist, wie der Protagonist als Waisenkind in eine Pflegefamilie gerät. Die „Pflegemutter“ (…) behält das ausgehändigte Geld für sich selber ein, und die Pflegekinder sterben rasch an Aushungerung und Infektionen. (…) Auch in den USA häuften sich Berichte über systematische Zu-Tode-Pflege von anvertrauten behinderten oder sozial auffälligen Heimkindern. Manche Berichte sprachen hier von einer Todesrate bis zu 40 Prozent.

Charles Henderson, Präsident der National Conference for Charities and Correction (…) der USA, sagte auf der Konferenz im Mai 1899 vor Heimleitern: ‚Wir wünschen, dass dieser parasitische Zweig [die Heiminsassen] ausstirbt.‘ Und in der (…) Fachzeitschrift Institution Quarterly heißt es: ‚Es wäre ein Akt der Freundlichkeit für diese [Heiminsassen] und ein Akt des Schutzes für den Staat, wenn sie getötet werden könnten.‘ Ähnliche Empfehlungen gaben hochrangigste Persönlichkeiten der USA für die Behandlung von zwangsverschleppten Indianerkindern und für großstädtische Obdachlose ab.

Bis auf die zweite Kommastelle. – Die Berechnung der Rentabilität eines Menschen für die Gesellschaft, sprich: für die Unternehmer, nahm bereits der Statistiker Richmond Mayo-Smith im Jahre 1895 vor. ‚Von einer Million geborenen Personen sterben 72.397 im Alter zwischen 15 und 45 Jahren an Schwindsucht … Wenn wir den Geldwert jeder Person im Alter zwischen 15 und 45 Jahren mit 200 Pfund Sterling ansetzen, dann beträgt der Verlust alleine schon 14.479.400 Pfund Sterling.‘ (…) Margaret Sanger begründete die Birth Control League, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Planned Parenthood (deutsche Filiale nennt sich: Pro Familia) umbenannt wurde und Einfluss nahm auf die Bevölkerungspolitik in Indien und China. Frau Sanger schreibt in ihrem viel beachteten Bestseller ‚The Pivot of Civilization‘ aus dem Jahre 1922: ‚Geisteskrankheit, die, wie wir uns erinnern sollten, in hohem Maße erblich ist, zieht jedes Jahr vom Staatsetat nicht weniger als 11.985.695,55 Dollar und aus privaten und Stiftungsmitteln noch einmal zwanzig Millionen Dollar ab. Wenn wir weiterhin erfahren, dass die Gesamtzahl der Insassen in öffentlichen und privaten Einrichtungen allein im Staat New York, in Armenhäusern, Besserungsanstalten, Blinden-, Tauben- und Stummenschulen, in Irrenasylen, in Heimen für die feebleminded und für die offensichtlichen Epileptiker sich auf nicht weniger als 65.000 beläuft – eine unbedeutende Anzahl verglichen mit der Gesamtbevölkerung – dann sollten uns dennoch die Augen geöffnet sein für furchtbaren Kostenaufwendungen für die Gemeinschaft zugunsten der toten Last dieses menschlichen Abfalls.

Auch der (…) irisch-britische Dramatiker George Bernard Shaw, seines Zeichens Sozialreformer der Fabian Society, aus der die Labor Party hervorgegangen ist, propagierte 1910 in einem Vortrag die Euthanasie: ‚Ein Teil der eugenischen Politik würde uns endlich zu einem ausgiebigen Gebrauch der Tötungskammer führen. Eine große Anzahl Menschen müsste aus dem Leben gebracht werden, ganz einfach, weil es die Zeit von anderen Menschen vergeudet, sich um sie zu kümmern.‘ Ab 1915 begann Hollywood, die Euthanasie in großem Stil zu propagieren. Im Film „The Black Stork“ (Der Schwarze Storch) wird ein Arzt gefeiert, der ein behindertes Kind zu Tode vernachlässigen lässt, das nach seinem Tod von Jesus aus dem Krankenhaus getragen wird. Diese „Eugenische Liebesgeschichte“ wird USA-weit beworben mit Plakaten, auf denen zu lesen ist: ‚Töte Behinderte. Rette die Nation und schau’ Dir den ‚Schwarzen Storch’ an.‘

Der Film (…) wurde in den Kinos bis in die 1940-er Jahre gezeigt. Nur noch ein Beispiel für unzählige andere: 1936 veröffentlicht der französische Chirurg Alexis Carrell, der in den USA unter den Fittichen der Rockefeller-Stiftung Karriere gemacht hatte, seinen Bestseller ‚Man the Unknown‘. Das Buch, das in viele Sprachen über-setzt wurde und den Nazis in Deutschland willkommene Schützenhilfe leistete, verherrlicht die Tötung „unwerten“ Lebens. Als „Der Mensch – das unbekannte Wesen“ in der Übersetzung des Bestsellerautors W. E. Süskind (der Vater des Romanschriftstellers Bernward Süskind) wurde es in Deutschland noch weit in die 1950-er Jahre verkauft.

(…) Die deutsche Rassenhygiene der 1920er Jahre lehnte die Euthanasie ab und verurteilte sie. Das Rentabilitätsargument wurde in Deutschland (…) durch Karl Binding und Alfred Hoche eingeführt. Allerdings lehnten diesen Vorstoß US-amerikanischer Rentabilitätslogik in Deutschland kristliche, liberale und sozialistische Kreise gleichermaßen ab. Erst unter den Nazis war es möglich, diese Rentabilitätslogik auch in Deutschland durchzusetzen.

Dass diese Ermordung Wehrloser aus Rentabilitätsgründen schließlich überging in den millionenfachen Massenmord des Holocaust, führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Tabuisierung der mörderischen Perversion der Euthanasie. Was nicht heißt, dass sie (…) in reduzierter Größenordnung weiter betrieben wurde. Als 1976 der Kinder-Serienmörder Jürgen Bartsch, der selber Opfer einer extremen Gewalt in seiner Kindheit geworden war, bei einer Kastrationsoperation durch einen Kunstfehler verstarb, wurde in der breiten Öffentlichkeit über eine möglicherweise absichtliche Tötung von Bartsch spekuliert. Und als Ulrike Meinhof einer zwangsweisen Hirnoperation unterzogen werden sollte, an der sie hätte sterben können, wurde dieser Eingriff nur durch massive Proteste der Öffentlichkeit verhindert.

Die Schamgrenze schwand erst in den 1990er Jahren dahin, als der australische Ethikforscher Peter Singer die Tötung von behinderten Säuglingen für legitim erklärte. (…) Er genießt die Protektion und die Gunst der ganz Mächtigen, wie z.B. dem reichsten Mann der Welt, Bill Gates. Es gibt sogar einen Peter-Singer-Preis, der alljährlich verliehen wird. (…)

Aber von der Tötung aufgrund fehlender Lebensqualität zur unerlaubten Tötung „lebensunwerten Lebens“ ist es nicht mehr weit entfernt. Bis dato hatte man noch Hemmungen, mehr als eine Person an einem Ort und gleichzeitig quasi totzuspritzen.

Auch die unbeschreiblich erbärmliche Begründung, man müsse in der Corona-Pandemie Menschen töten, weil nicht genug Rettungskapazitäten für alle da seien, wie jetzt in Frankreich, hat es historisch überhaupt noch nicht in einer solch reichen Überflussgesellschaft gegeben. Doch der Marktradikalismus ist mit der Tötung wegen Corona-Notstand der Rentabilität ein gewaltiges Stück näher gekommen. (…)

Irgendwann wird die Dystopie von Aldous Huxley Wirklichkeit. In seinem Roman ‚Schöne Neue Welt‘ wird jeder Bürger, der seinen sechzigsten Geburtstag erreicht, in speziellen Einrichtungen „vaporiert“, also getötet, um danach in einem Bio-Kraftwerk der Gemeinschaft als Energieträger zu dienen.“*)

*

[E 2 Margot] = Ist der Glaube hunderter Millionen Menschen an ein friedlich vereintes Europa allein durch undemokratische Brüsseler Routinen eines gigantischen, effektiv vernetzten, ganz selbstverständlich vollkommen undemokratisch agierenden Verbrechersysndikats aus Politikern und Wirtschaftsinteressen nunmehr nachhaltig enttäuscht worden? Nein! Die allermeisten Menschen wissen es noch nicht, was da seit Jahrzehnten abgekocht und zusammengelogen wird. Sie gehen wählen, denken dabei, sie hätten wenigstens ein Fitzelchen Einfluss auf die Politik in Europa, die von allem Anfang an allein eine abgekartete Wirtschafts- und Bereicherungspolitik im Sinne der Großfirmen und ihrer einflussreichen Interessenverbände war.

Aus Europa ist für diese Lemminge zunächst ein „Europia“, dann ein „Europium“ und jetzt unter der Hand eine hochgradig neoliberalisierte „Eudiktatur“ geworden. Die Vermischung dieses Komplexes mit einem erfundenen Lügengespinst aus einem vorgeheuchelten „Ökotopia“ und den Profiterwartungen aus einer menschenfeindlichen „Globalisierung“ hat aus einem großartigen und einzigartigen Kontinent einen sehr gut bewachten Stacheldraht-Marktplatz allein für namentlich bekannte Großkapitalisten wie Banken und Finanzhaie, für Monopole und Konzerne, für Nato-Militaristen, ihre Hochrüstung und die westlichen Kriegsherren gemacht. Die Kosten dieses Gewaltaktes gegen jegliche postive Entwicklungsmöglichkeiten gerichtet, sind so enorm, dass bei rasant steigenden Unternehmergewinnen nur so Sozialabbau und Verarmungstendenzen der unteren Schichten erklärbar sind. Nur wer viele Millionen und Milliarden Steuergelder hinterziehen kann, wird das so perfekt institutionalisieren, dass es dem kleinen Mann am Ende gerecht erscheint, ganz allein und einzigst zur Kasse gebeten zu werden.

Es ist zugleich eine kaum zu durchschauende Finte der Herrschenden, eine „Liberalisierung“, die im allgemeinen Selbstverständnis des Wortes doch eher die historisch erkämpfte Freiheit des Individuums bezeichnet, zu einer menschenunwürdigen Entfesselung des Kapitalismus zu missbrauchen. Eine liberalisierte Wirtschaft bedeutet für die Zivilgesellschaft wie gesagt eine erhöhte, nicht mehr ethisch und moralisch entschärfte Ausbeutungsrate, Verelendung großer Teile der Bevölkerungen, Sozialabbau und Zunahme der Steuerbelastungen für stark zunehmende Profitbereiche wie die militärische Rüstung und die angebliche Reduzierung der Umweltbelastungen, die Rettung des Weltklimas durch zusätzliches „Spielgeld“, welches real weiterhin allein in die Taschen der Verursacher, dann auf die eher nicht liberalisierten Konten eben der Globalmafia fließt. Deren immer moderne Identität ist nicht zu leugnen, weil sie mit ihrem Göttercharakter ganz allein das Schicksal namenloser Massen beherrscht. Alkoholschmuggel und Bordelle sind Schnee von gestern, heute dann eher mit Bomben und Soldaten blutig erkämpftes Opium aus einem in Besitz genommenen Afghanistan! Viagra an Stammesfürsten zu verschenken hat sich als nicht ausreichend herausgestellt. Das Prinzip „USopium“ und „Europium“ bewährt sich in beiden Amerikas ebenfalls. Kaum ein geistiger und schon gar nicht ein aktivistischer Kritiker dieses Ausbeutungssystems kommt nämlich ohne geistige Drogen aus, denkt sich dieser moderne Menschentyp seit den Zeiten des Vietnamkrieges. Deshalb kein Alkoholschmuggel mehr, nur noch rechtzeitig einsetzende Propaganda, selbst geliefertes Giftgas, Plutonium und harte Drogen garantieren zusätzlich erfundene Kriegsgründe und eine gutes Taschengeld für manche Politiker, Gewerkschafter und die Bosse selber.

Wenn wir nur die Naivitäten der gutgläubigen Kindheit ablegen könnten. Vieles wäre dann bereits gewonnen. Von dir weiß ich, dass du lange nicht darüber hinweg kamst, erkennen zu müssen, dass wir in eine durchaus noch weiterhin barbarische, unmenschlich verfahrende, dann in eine zutiefst mittelalterlich funktionierende Ständegesellschaft hineingeboren wurden. Du dachtest noch in deiner Jugend, das nun alles nur Geschichte sei, für die man sich deswegen so stark interessiert, weil sie überwunden zu sein scheint, jetzt aber die Welt gut und liebenswert ist. Wir waren damals Kinder des Wirtschaftswunders. Ein kaum vorstellbares, metaphysisches Wunder hätte aber geschehen müssen, um aus einem immerzu enger werdenden Schweinekoben mit wenigen Fürsten und vielen Knechten trotz aller Versprechungen und Lügen eine friedliche und gerechtere Welt zu errichten.

Der Philosoph der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, sah in Odysseus den ersten modernen Menschentyp in der Literaturgeschichte: Er sei der erste Charakter, der sich nicht den Göttern und dem Schicksal ergebe, sondern – manchmal unter Leugnung seiner Identität – erfolgreich gegen beide ankämpfe und damit zum Herrscher über sein eigenes Geschick werde. Die Leugnung der Identität ist laut Adorno insofern revolutionär, als damit erstmals der schamanistische, identitätsstiftende Charakter des eigenen Namens überwunden werde.

Der moderne Mensch muss wie Odysseus fähig sein, seine Identität aufzugeben, um sie zu erhalten.“

Bedeutet das nun, dass der moderne Mensch sich ursächlich selbst verleugnen, sich entwurzeln muss, um dadurch zwar keine wirkliche Macht über das eigene Geschick zu erlangen, dann aber wenigstens in den einzig möglichen Kanon, dem einer erneut heimatlosen, ungereimten Unmöglichkeit einstimmen kann, den aktuellen Zwängen, dabei den immer moderneren Herrschaft des Menschen über den Menschen und ihren heimtückischen Formaten sich anzupassen vermag? Da scheint kein Ausweg zu sein. Es sei denn, nicht die gesellschaftliche Realität, aber die herrschende Literatur gaukelt insgesamt immer wieder metaphysische und reformistisch-gewerkschaftlich opportune Märchen hervor. Das sind die klassischen Evergreens und modernen Hits auf der epochalen Bestsellerliste jener elitären Dummschwätzer auf der mit Nato-Panzern umstellten Augora in Istanbul oder wo auch immer in der modernen Welt. Nationalistische Kurden als „türkische Bolschewisten oder Juden“? Lange schon gut genug, um sie allesamt auszurotten!

Ihre Ebro-Front schwächelt? Schlagen wir zu!“ . . . „Aber ja doch!“*)

Seht euch vor ihr verfluchten Sozialisten, ihr Kommunisten, Republikaner und Anarchisten, wir werden euch, genau wie fast zwanzig Jahre zuvor, ruckzuck und wieder einmal über die Klinge springen lassen! Gott ist mit uns, das solltet ihr doch längst begriffen haben.“

So kam es natürlich auch. Man hatte die, vom Kaiser, von seinen Generälen und Admirälen erst schmählichst missbrauchten, nun heimkehrenden Soldaten des Weltkriegs bereits einmal Vaterlandslose Gesellen geheißen. Doch edelste Männer jetzt mit frischen revolutionären Gedanken im Bauch, weil sie hungrig nach einem gestohlenen jungen Leben, dem bestialischen Schlachthaus des maschinellen Weltkriegs knapp entronnen waren und ihren greisen aber immerzu „siegreichen“ Heeresgeneräle, freilich auch den feisten Admirälen, wie mit einem Dolch in der Hand angeblich dieser Legende nach in den Rücken gefallen waren. Bösartige Schöpfungen waren das und kein Kadavergehorsam mehr, selten frisch rasiert aber mit ehrenvoller Geburt, mit ihrem Blick auf die Freiheit in einer Räterepublik gerichtet. Auch die einst tapferen Spanienkämpfer, die wir einst noch kannten, sind nun ihrer solidarischen Ehre und ihrer guten Namen beraubt!

„Der Deserteur, der Pazifist ist Staatsverräter – niemals Christ! Die Fahnenflüchtigen an die Wand, damit Ehre bleibt im Land!“

„Hat Konrad Adenauer damit nicht seine erste Wahl gewonnen?“

„Nein, der Wahlaufruf auf einem Plakat hieß etwas anders: ‚Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau! Darum CDU!‘

*

„Aber sollte man sich auch dann noch mit Tapferkeit für seine eigenen Überzeugungen einsetzten, wenn ihre großartige Sache bereits längst verloren ist?“

„So viele Menschen haben es wirklich getan, und sie sind dabei zugrunde gegangen. Wie viele aufrecht Gehende waren im Begriff, sich auf das reizvolle Himmelfahrtskommando für die bereits längst verlorene Sache der für kurz entstandenen sozialistisch-anarchistischen spanischen Republik einzulassen? Was ist in jenen stets ähnlich wiederkehrenden Ereignissen heute denn anders geworden?“

Vieles in uns geschieht dabei gleichzeitig. Um die Spannung immer aufrechtzuerhalten, bedient sich Homer bereits einer sehr komplexen Erzählweise. Er arbeitet zum Beispiel vorbildlich mit Parallelhandlungen, mit Rückblenden, Einschüben, Perspektivsprüngen und Erzählerwechseln – welcher einmal in diesem Sinne geläuterte Autor mag diese Technik nicht? Die Handlung wird deshalb nicht chronologisch erzählt, sondern setzt erst kurz vor der Rückkehr des Odysseus nach Ithaka ein. Diese Erzähltechnik ist immer wieder, besonders von vielen modernen Literaten meisterhaft in Szene gesetzt worden. So denken wir an die unübertroffenen Verwirrungsmuster eines Arno Schmidt, an frühere, bereits etwas vergilbte Montageromane wie Manhattan Transfer von John Dos Passos, an Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin oder an die Schöne neue Welt von Aldous Huxley.

Der ursprünglichen Gliederung und den epischen Inhalten eines Homer, nicht zuletzt jener des genial nach geplotteten Joyce’schen Ulysses, wird im wesentlichen (und dann meist recht ausufernd), bis heute oft genug gefolgt. So auch hier.

„Wie die als für die Menschheit gültiges Epos allen Militärakademien ausführlich vorgezeigte Illias? Der Krieg als der Vater aller Dinge? Die Telemachie ist ebenfalls eine Parallelhandlung zur eigentlichen Odyssee, so geht das also los. Sogar romantische und laszive Szenerien werden dabei ganz und gar nicht verachtet.“

„Aber auch die mit all dem beseelten, einst gar nicht einmal so sehr asketischen Kämpfer, erweckst für das Leben der sozialistischen Spanischen Republik zu kämpfen, sind inzwischen tot.“

*

[E 1] = Der Herr Best aus der Hardtstraße, der Äpfel keltert, war einmal ein Spanienkämpfer für die parlamentarisch gewählte Republik, also für die roten Seite gewesen. Nichts wusstest du damals als Kind von einer unzerstörbaren Kraft einer Idee, die einmal in die Welt gesetzt worden ist. So hat es „in der Geistesgeschichte nie einen so fruchtbaren Stoff für Dichter gegeben wie der spanische Krieg. Das spanische Blut übte solche Anziehungskraft aus, dass es die Dichtung einer großen Epoche zum Tönen brachte“, erinnerte sich Pablo Neruda, der große chilenische Dichter noch bis in deine Zeit hinein.

„Dieser Best da oben, der ist doch immer noch ein Kommunist!“ munkelten in der Stadt die Leute, die gerade zwölf Jahre Nazidiktatur hinter sich hatten, und diese aufregende Zeit ihrer Jugend eigentlich gar nicht so schlecht fanden. Das waren dann die vielen Leute, die sich eine revanchistische, eine separatistische Adenauer-Republik gewählt haben, weil eine andere reaktionäre damals partout nicht zu wählen war. Das mit dem Spanischen Bürgerkrieg war da weniger als dreizehn Jahre vorher gewesen. Im Frühling nach dem Oberschenkelbruch bist du, kleiner Felix, noch wissbegieriger geworden. Du hattest viel vom ersten Schuljahr nachzuholen und wolltest versuchen, diese komische Welt besser zu begreifen.

„Muss ich jetzt vor dem Mann aufpassen? Er ist doch so nett und freut sich, wenn wir mit unseren Äpfeln zu ihm kommen.“ – „Was ist denn ein Kommunist?“ – „Haben die alle so weiße Haare?“ – „Wie ist das mit dem Spanischen Bürgerkrieg denn am Ende ausgegangen? Papa hat ein altes Buch mit vielen Fotos. Eines, wo sich zwei Männer lachend umarmen. Haben die denn damals gewonnen?“ – „Zwei Brüder treffen sich nach langer Zeit wieder. Die Ebro-Front der vereinten Falangisten hat gesiegt! Das stand darunter.“ – „Da ist auch ein dicker General drin mit einem dünnen Riemen schräg über die Brust gespannt, mit einem ebenso komischen, ganz dünnen Bärtchen.“ Generalissimo Franco war das, wer wohl sonst. Aber ansonsten neue Fragen, nichts als meist unbeantwortet gebliebene Fragen.

Eine wütende große Trauer überkam Euch im September 1973 nach dem blutigen CIA-Putsch des demokratisch vom Volk gewählten, aber für die USA leider zu sehr sozialistischen Präsidenten Salvador Allende in Chile. Wenige Jahre später werdet ihr, ohne dabei direkt an ihn zu denken, auch auf den alten Herrn Best, aber sehr freudig auf den endlichen Tod des spanischen Diktators anstoßen. Du, Josep und viele andere deiner Freunde.

*

[E2 Sigrid] = Du hast jenes griechische Arkadien damals nicht wirklich gesucht. Dazu warst du oft genug zu unentschlossen, hastdeine Visionen dennoch konsequent gelebt. Viel später einmal hat ein schweres Erdbeben große Schäden auf den Inseln um Ithaka verursacht, und kurz danach haben sich einige deutsche Hippies dort niedergelassen, um mit ihrer „Alternatives Leben GmbH“ ein Leben außerhalb von westlicher Massengesellschaft und Konsumterror zu fristen. Das nahm bald ein jähes Ende. Aber das Ökodorf ‚Ecotopia’ würde dir vielleicht gefallen haben. Odysseus hätte nicht gewusst, was eine GmbH ist, und wenn man es ihm erklärt hätte, so hätte er sich am Bart gekratzt und gewundert, was sich die modernen alternativen Menschen alles so ausdenken, nur um einige Steuern zu sparen und dann für ihre Taten nicht ganz und gar zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dein Odysseus wollte sich aber für seine kriegerischen Greueltaten, für den langen Krieg den die Archaier den Trojanern abverlangt hatten, reuevoll zeigen und sich voll und ganz aus dieser Welt voller Neid und Krieg zurückziehen. Bei seinem Ende konnte er sagen, ich habe es sehr spät getan, aber ich habe es getan, als ich es endlich in meiner tiefsten Seele wusste!

Der von dir so geschätzte Friedrich Engels starb zwölf Jahre nach seinem genialen Freund Karl Marx am 5. August 1895 in London an Kehlkopfkrebs. Da war er 74 Jahre alt. Weil er sich in Essex, im Seebad Eastborne sehr gerne aufgehalten hatte, wurde die Urne mit Engels Asche am 27. September 1895fünf Seemeilen vor Beachy Head in der See versenkt. Die berühmte hohe Kreideklippe und der rote Leuchtturm waren dabei noch in Sichtweite.

Wenn du jetzt auf deine alten Tage, nach so vielen Jahren deiner Nikotinabstinenz, wieder mit dem blöden Rauchen angefangen hast, wirst du vielleicht ebenfalls an einer solchen Krankheit sterben, oder an dieser bereits in den Jahrzehnten zuvor herbeigerauchten Thrombose. Möchtest du das denn? Warum also das kurze Leben beizeiten meiden oder ganz aufgeben? Das alles sind doch bloß gedankliche Spielereien, Auswüchse fragwürdiger, längst verworfener, asketischer Philosophien, aber die uns meist unbewusste Sehnsucht nach der einzig bewiesenen Metaphysik, diesteckt da auch drin, nämlich die der einmal unweigerlich stattfindenden Todesstunde! Es sei ein schönes Wagnis, soll der mir stets ein wenig melancholisch gestimmte Epikur dazu gesagt haben. Aber darauf werden wir beizeiten sicher noch zurückkommen, meinst du das nicht auch?

Friedrich Engels zum 200. Geburtstag*). – In diesem Jahr ist es 200 Jahre her, dass Friedrich Engels in der deutschen Stadt Wuppertal im Rhein [Land] Kreis geboren wurde.
Engels ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die die Geschichte bis in die Gegenwart beeinflusst hat. Engels' 200. Geburtstag wird in der Stadt Wuppertal gefeiert.
"Ein Gespenst geht [um in] durch Europa – das Gespenst des Kommunismus". So beginnt das Kommunistische Manifest von 1848, dem Jahr der ‚Bürgerlichen Revolution‘ an vielen Orten Europas, gemeinsam geschrieben von Friedrich Engels und Karl Marx, und es endet mit [der Aufforderung] dem Schlachtruf: "Die „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ vereinigen sich."
In mehreren anderen Schriften beschäftigte sich Engels mit den wirtschaftlichen Folgen und Disparitäten der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Zusammen mit Karl Marx formulierte er eine Kritik und Theorie des Kapitalismus, die bis heute lebendig ist. Engels, obgleich selbst aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie stammend, war aus eigener Anschauung ein scharfer Kritiker von Armut und Ausbeutung geworden, und seine Schriften, wie die von Freund Karl Marx, den er zeitlebens finanziell unterstützte, wurden zugleich epochal grundlegende politische, ökonomische und philosophische Pamphlete.
Engels schrieb über Wohnungsnot und den Wucher der reichen Hausbesitzer: Der Kapitalismus schafft Wohnungsnot und drängt die Arbeiter in die Städte, wo selbst der „berüchtigtste Schweinestall“ einen Mieter bekommt. „In einer solchen Gesellschaft ist der Wohnungsmangel kein Zufall; er ist eine notwendige Institution und kann mit all seinen Auswirkungen auf die Gesundheit usw. nur dann beseitigt werden, wenn die gesamte Gesellschaftsordnung, der er entspringt, grundlegend umgestaltet wird. Das aber traut sich der Bourgeois-Sozialismus nicht zu wissen. Er wagt es nicht, den Wohnungsnotstand aus den bestehenden Verhältnissen zu erklären. Und deshalb bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Wohnungsnot mit moralischen Phrasen als Folge der Niedrigkeit der Menschen, sozusagen als Folge der Erbsünde zu erklären.“
Engels beschreibt soziale Probleme, die wir bis heute vor Augen haben. Das Sozialsystem seiner Zeit hat sich nämlich nicht grundlegend verändert, außer dass es heute global geworden ist. Die grotesken Ungleichheiten und die bodenlose Armut im Europa des 19. Jahrhunderts finden wir bis heute in den Slums der Dritten Welt. In den heutigen Metropolen gibt es zunehmend eine systematische Wohnungs- und Grundstücksspekulation mit grotesk hohen Wohnungspreisen. Aufrufe an Politiker und die besitzenden Klasse, etwas zu unternehmen, sind allgegenwärtig und vollkommen erfolglos.
In seinem epochemachenden Buch von 1845 über die Situation [Lage] der [arbeitenden Klasse] Arbeiterklasse in England schrieb Engels über die Lebensbedingungen, die heute noch im globalen Süden zu finden sind.    [Lieber John, Sie sind wohl lange nicht in NY oder Detroit oder in den Slums von Paris oder Rom gewesen. (d. Ü.)]
  „Jede große Stadt hat einen oder mehrere Slums, in denen die Arbeiterklasse zusammengedrängt ist. Es stimmt, dass die Armut oft in versteckten Gassen in der Nähe der Paläste der Reichen wohnt; aber im Allgemeinen wurde ihr ein eigenes Territorium zugewiesen, wo sie, entfernt von den glücklicheren Klassen, sich so gut es geht durchschlagen kann. (…) Ich ging einmal mit einem solchen Bourgeois nach Manchester und sprach mit ihm über die schlechte, ungesunde Bauweise, den schrecklichen Zustand der Arbeiter-Quartiere und behauptete, ich habe noch nie eine so schlecht gebaute Stadt gesehen. Der Mann hörte bis zum Ende ruhig zu und sagte an der Ecke, wo wir uns trennten: ‘Und doch wird hier eine Menge Geld verdient. Guten Morgen, Sir.’ Es ist dem englischen Bourgeois völlig gleichgültig, ob seine Arbeiter verhungern oder nicht, wenn er nur Geld verdient.“
  „Besuchen Sie die Stadt Wuppertal, wo Sie auch eine Fahrt mit ihrer berühmten Schwebebahn unternehmen können.“ (John Graversgaard)
                               *

Friedrich Engels – an Karl Kautsky und Eduard Bernstein in Zürich*)

London, 22. Mai 18841)

Liebe Jungens, 2)

Hier ist das Manuskript3) mit Ausnahme des Schlußkapitels, das noch revisionsbedürftig. Ihr werdet finden, daß es nicht für den offnen deutschen Markt paßt [121], überlegt Euch, ob’s in Stuttgart unter falscher Firma oder gleich in Zürich gedruckt werden soll, und schreibt mir darüber. Verboten wird, seit dem preußischen Schnaps, alles, was meinen Namen trägt [122].

Wenn’s nach Stuttgart geht, dann möchte ich nicht, daß es vorher den Weisen Männern, die dort ihr Reich haben [123], preisgegeben wird.

Revision muss ich in allen Fällen selbst lesen und bitte um doppelte Abzüge auf gutem Papier mit breitem Rand, da sonst keine ordentliche Korrektur möglich.

Seid so gut, mir den Empfang mit Postkarte anzuzeigen. Heut abend oder morgen antworte ich auf Eure Briefe, ich habe alles liegenlassen, um hiermit fertig zu werden, und muss gleich zum Begräbnis von Pumps‘4) kleinem Jungen, der am Sonntag gestorben ist. Euer alter F. E

*

[Felix] = Gestorben ist ungefähr 140 Jahre nach der Zulassung der SPD als Partei auch der sozialistische Auftrag zum Wohle der arbeitenden Menschen, und mit ihm der rosarote Schleier, mit dem sie sich stets zu umhüllen verstand. Man hat sich nicht übernommen, man hat bloß bereits klugerweise den Schützengraben und die Fahnen gewechselt. Bisher wurden nämlich alle Kriege für alle Arten sozialistischer Träumer erbärmlich verloren.

Rülpser nach allzu schwerem Essen. – Wenn der junge Karl Marx seine Doktorarbeit auch lustigerweise über die klassisch-griechische und römische Naturphilosophie geschrieben hat, so ist er später über ganz andere wichtigste Zusammenhänge gestolpert.

Dieser große Humanist aus Trier, dessen Werk aus tiefer Verzweiflung über das Unglück der Menschen geschrieben wurde, schien bereits am Beginn der Fachhochschulzeit einmal aktueller den je zu sein.“ *)

Zum Glück hat er sich dann gleich mit Friedrich Engels zusammengetan. Beide waren sie gutem Essen nicht abgeneigt, sie konnten es sich auch leisten. Und wenn die Vollendung der Klassischen Mehrwertheorie durch Karl Marx auch ein paar Tage benötigte. so lief seinem rührigen Kollegen Engels die arbeitende Klasse in England und anderswo nicht gleich weg. Nicht ohne Grund ist da auch ein wenig tiefsinniger Humor in ihrem durchaus zur Bürgerlichen Revolution passenden, gemeinsam verfassten „Kommunistische Manifest“, das ist aus heutiger Sicht wirklich nicht zu leugnen. Zunächst aber kommt die Zeit der Delikatessen für schnauzbärtige preußische Landjunker, die pommerschen Hering über alles liebten. Und aus dem ersten frei erhältlichen Kochbuch der nun erlaubten Sozialdemokratie „Gutes für Blähungen“ ist sehr bald eine dünne Erbsensuppe für das entrechtete Gespenst, das in Europa umgeht, gekocht worden – immer wieder (!) Weil sich die Sozies neuerdings sogar erklärter Weise mit den Erzkonservativen um den Fressplatz in der Mitte streiten, um die noch fette, noch unverdünnte Suppe gemeinsam auszulöffeln, stinkt es auch nach alle Seiten. Höchste Zeit also für echtes Fastfood fürs künftige Wahlvolk: Es ist euch angerichtet! Ein gerechtes aber ein gnadenloses „Linsengericht“!

Die brechtige Seeräuber-Jenny singt in ihrem Lied, dann aber in einem Sprechgesang darin: „Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich … Hoppla!“

*

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Nestlé zerstört werden muss!

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[E1] = Da war Reinhard. – Die Jungfräulichkeit deines noch unberührten „Papiers“. Sie ist plötzlich nicht mehr nur von den erwartbaren geistigen Samenergüssen bedroht. Sie ist zugleich von geil herumlungernden Galanen umringt, die alle gern mitlesen möchten, was denn da frisches und hübsches in deinem internationalen Harem heranwächst. Im mittelalterlichen Orleans stirbt einst eine Jungfrau auf dem Katholischen Scheiterhaufen. Einer der Erlöser stirbt am römisch-jüdischen Kreuz. Enrico Mattei, für das angloamerikanische Monopol ein bedrohlicher, linksgerichteter italienischer Erdölmanager geworden, wird durch die CIA durch einen herbeigeführten Flugzeugabsturz ermordet. Vorher muss der amtierende UN-Vorsitzende, der schwedische Sozialdemokrat Dag Hammarskjöld, der mit seiner unbeliebten Vision einer friedlichen, unmilitaristischen Welt, dran glauben. Welche finsteren Wirtschaftsmächte hatten da wohl immerzu ihre schmutzigen Hände im Spiel? Es ist nun kein gelegentliches perfides Spiel, es ist alltäglicher tödlicher Ernst. Das hat wirklich nichts mehr mit Unschuld oder Zufälligkeiten zu tun. Du bist da noch ein Kind oder ein lebhafter hellblonder Junge, genau so wie die Eltern und die Großeltern sich einen gewünscht haben. Du hast noch keine rechte Ahnung, was da alles an bösen Dingen in der Welt passiert. Aber Begrifflichkeiten wachsen. Du liebst zunächst deine Bücher und manchmal liest du sie mehrmals. Ein Glück für dich, dass es da auch noch Velveta und besonders Stumpi gibt. Die sind da ganz anders, und auch dabei lernst du von ihnen. Stumpis Vater, der Wilhelm Stumpf, ist ein Schulfreund deines Vaters. Das interessiert dich weniger, dir ist aber aufgefallen, dass die beiden sich deshalb natürlich freundschaftlich duzen. Als Wilhelm um seinen großen Schrottplatz, gleich unterhalb eures Grundstücks gelegen, einen hohen Maschendrahtzaun errichten will, kommt er auf dem großen Umweg durchs Gartentor herein, nur um deinen Vater zu fragen, ob er euren Rain bei den Arbeiten betreten dürfe.

„Erich, ich möchte einen Zaun um den Lagerplatz ziehen, ist dir das recht?“ Dein Vater nickte.

„Aber natürlich Wilhelm, das ist doch klar“, sagt er sofort.

Das wundert dich damals schon sehr, soviel Förmlichkeit hast du diesen alten Haudegen nicht zugetraut. Das sind doch Freunde. Der Vater von Reinhard schneidet den Leuten auch ihr Brennholz, das die sich im Städtischen Wald geworben haben. Dafür hat er sich einen alten Truck der US-Army zur fahrenden Kreissäge umgebaut. Diese kreischt schrill, macht einen höllischen Lärm. Das merkwürdige Fahrzeug besteht nur noch aus dem Chassis. Der Sitz, die Lenkung und der Motor, alles ist nicht mehr mit einer Karosserie versehen. Das riesige Sägeblatt wird mit einem bereits etwas ausgefransten, schlotternden Transmissionsriemen angetrieben. Der große Tank ganz hinten, er ist braunrot angestrichen, er ragt etwas über den Motor. Einmal erklärt dir Reinhard, der fast ein Jahr älter ist als du, wie so ein Motor funktioniert. Reinhard sammelt allerlei Zeug aus dem Krieg, Stahlhelme, Bajonette, Munition, Koppel, olivgrüne Gasmaskenbüchsen. Er zeigt ihm eine Schachtel voller Orden. Im großen Safe des Vaters sind ein riesiger amerikanischer, echter Cowboy-Colt, dann eine eher zierliche 08-Pistole mit sehr viel 9-mm-Munition. Er kommt aber viel leichter an ein schweres Luftgewehr seines älteren Bruders heran. Die Bleikugeln kauft er im großen Haushalts- und Eisenwarengeschäft Wöller, das sogar drei große Schaufenster hat. Ihr geht manchmal mit dem großen, schweren Gewehr auf dem Schrottplatz herum und denkt euch immer neue Ziele aus, die es haargenau zu treffen gilt. Ein Fehlschuss von Reinhard geht in eine herumliegende weiß emaillierte Stahlbadewanne und macht wegen der durchpeitschten Rundung einen Querschläger zu dir hin, der dich nur an der Schulter streift. Es blutet kaum. Dann geht ihr runter in die riesige Scheuer. Die ist voller Buntmetallschrott in Fässern, nebenan allerlei unsortierter Trödel, Gerümpel und – Ratten.

Hast du schon mal eine Ratte geschossen?‘

Du musstest verneinen, und du hast dich dabei schon ein wenig geschämt. Reinhard war für sein Alter irgendwie ein harter Bursche. Er hat sogar einmal eine ihm zugelaufene Katze an einem Draht aufgehängt bis sie endlich tot war.

Die hat sehr lange da gehangen und gezappelt. Schreien konnte sie ja nicht mehr.“

Da bist du nicht dabei gewesen, und die so schrecklich gequälte Katze tut dir sehr leid. Als Reinhard dir das erzählt, spürst du einen merkwürdigen Stich im Bauch, so als wenn man ein Messer hineingestochen hätte. Du stellst dir vor, es wäre deine eigene Katze Putzi gewesen. An diesem Tag lässt sich keine einzige Ratte blicken. Das ist dir auch sehr recht. Neben der Scheuer ist noch ein großer, fast offener Schuppen. Hier lagert das Altpapier, ein riesiger Berg von Papier, in große Ballen gepresst. Daneben die Flaschen, säuberlich, wie eine große Mauer aufgesetzt und vermutlich auch sortiert. Im Papier findet ihr eine Illustrierte, deren Titelblatt eine schlanke Brünette im Bikini zeigt. In den noch losen Papierhaufen findest du für dich bisweilen viele schöne Bücher, fast alles ist dabei. Reinhard hat nichts dagegen. Er macht sich wirklich nicht viel aus Büchern. Inzwischen hast du in deinem kleinen Zimmer, oben im Haus neben der Toilette, bereits eine kleine Bibliothek zusammen, denn ein richtiges Buchgeschenk gibt es für dich nur an Weihnachten. Meist von deinem Patenonkel, dem Onkel Heini, der in der alten Backsteinschule ein Realschullehrer ist. Der weiß vielleicht selber genau, wie wichtig die richtigen Bücher für manche Buben sein können. Reinhard benutzt die ölverschmierte, einst olivgrüne, jetzt zum Grau ausgeblichene Steppdecke, um daran mit kleinen Nägeln das zerknitterte Titelbild der Neuen Revue als eure Zielscheibe zu befestigen. Diese Decke ist als Schutz vor Schmutz oder Frost über den offenliegenden Motor und den Tank gebreitet.

*

Das Bikini-Mädchen sieht nicht ganz wie der Holzstoß auf der Hängetafel aus, hinter dem ganz offensichtlich der helle Kopf eines feindlichen Soldaten mit einem flachen NVA-Helm herausragt, denn die Russen haben andere. Gewehr, Hundertfünfzig Meter, liegend aufgelegt, notiert der Mann, der am Tisch ihrer Schießbahn die Kladde führt. Jeder Schuss der ausgegebenen Munition wird buchhalterisch peinlichst genau erfasst, ebenso werden die Trefferquoten aufgeschrieben. Man übte tatsächlich noch. Zunächst musste sich Felix an den enormen Rückschlag des Gewehres gewöhnen. Es kam nur darauf an es wirklich ganz fest zu halten und kräftig an die Schulter zu pressen. Felix schießt links, da er sein linkes Augenlid nicht einzeln zukneifen kann. Man glaubt es ihm. Das wird dann gesondert als „Linksschütze“ in seiner Schießkladde vermerkt.

Der Maat zählt ihm sieben Schuss Gewehrmunition auf seinen Tisch. Felix sichert seine Waffe, drückt die Patronen in das Magazin und geht ein gutes Stück in die dreihundert Meter lange Schießbahn hinein. Hundert Meter von den Scheiben entfernt liegt eine Matte und ein Sandsack auf dem Boden. Auf einem weiteren Tisch steht hier ebenfalls ein Feldtelefon.

Hier wird ihm befohlen auf Hundert Meter liegend sein Gewehr einzuschießen. Wie so etwas vor sich geht, das wusste er bereits aus den Erzählungen seines Vaters.

Reinhard hatte ihn einmal mit in den Schützenverein in Adolfseck mitgenommen. Kleinkaliber auf 50 Meter zwar nur, aber das Prinzip ist immer das gleiche.

„Matrose Kusch, sie sind wohl Linksschütze, das steht hier eingetragen.“

„Jawohl, Herr Bootsmann.“

„Sonst sind sie aber Rechtshänder, wie ich sehe.“

„Jawohl, Herr Bootsmann.“

„Warum machen sie dann solch einen tuntigen Quatsch.“

„Herr Bootsmann, ich kann beim Schießen mein linkes Auge nicht schließen. Pistole und Maschinenpistole, die halte ich aber rechts.“

„Sie wissen wohl noch nicht auf welcher Seite sie künftig schießen möchten.“

„Doch, Herr Bootsmann, Gewehr und Maschinengewehr schieße ich mit links.“

„Dann zeigen sie mir mal, was sie können. Hundert Meter, liegend aufgelegt. Einzelfeuer, aber gezielt.“

„Jawohl, Herr Bootsmann.“

Felix schießt: Links hoch wird mit einer roten Kelle aus der Deckung angezeigt. Felix schießt erneut: Rechts tief zeigt die Kelle diesmal. Felix schießt: Hoch mittig. Felix schießt: Tief mittig. Felix schießt: Treffer! Felix schießtt: Treffer! Felix schießt: Treffer! Das waren sieben Schuss.

„Nicht übel. Matrose Kusch, jetzt haben sie ihre Braut entjungfert. Passen sie bloß auf, dass sie Ihr Gewehr behalten und nicht vertauschen.“

„Jawohl, Herr Bootsmann. Bin künftig aber der MG-Schütze unserer Gruppe“, sagt Felix und tritt beiseite.

„Wer ist der Nächste“, fragt der Bootsmann. „Matrose Bermpohl? Bermpohl kommen sie.“

*

Als Felix während seiner Ausbildung zum Industriekaufmann für eine Weile in der Finanzbuchhaltung ist, kommt er auch in das Zimmer von Herrn Euler. Dieser Mann hatte dunkle kurze Haare und immer ein gewisses Lächeln im Gesicht, wenn er erklärend zu seinem Lehrling sprach.

Die Bilanzen junger Mann, die Bilanzen sind das Herz des Kaufmanns, das wirst du schon bald begreifen.“ Das sagte er mit einem erstaunlich ernsten Gesicht.

Vielleicht dachte auch dieser Mann manchmal zurück an den Krieg. Er war in Frankreich, unten an der Gironde, ganz in der Nähe von La Rochelle stationiert. Das ist Charente Maritime! Was ein komischer Zufall, überfällt es Felix. In Saintes wohnt seine geliebte Danielle! Meist schwärmte Herr Euler aber nur vom guten Essen dort. Viel mehr erfuhr Felix kaum. Nur einmal erwähnte er die, „schrecklich schweren“ englischen Luftangriffe auf den „bezaubernden“, vollkommen zivilen Badeort Royan mit seinen schönen Villen und den zahlreichen Sanatorien, jetzt auch einigen Lazaretten, dann auch Angriffe auf den Hafen und die Stadt La Rochelle, wo man zumindest U-Boot-Bunker für die „Schlacht im Atlantik“ errichtet hatte. Herr Euler hatte in seiner Zeit in Charente-Maritime auch etwas von der dortigen Sprache gelernt. „C’est toujours la mȇme chause“, das war einer seiner meist lächelnd dahingesagten, alltäglichen Aussprüche wenn einmal etwas nicht so gut klappte, zugleich aber auch, wenn ein Konto bestens abgeschlossen war, oder er sagte es seufzend, wenn es bis zum Feierabend noch eine halbe Stunde hin war. Herr Euler sprach das Wort „buchhalterisch“, was er bei der Anleitung der Lehrlinge oft benutzte sehr merkwürdig aus. Er betonte es irgendwie falsch. Er sagte es auf eine merkwürdige Weise, es klang dann wie „buchhaltérisch“. Seine Betonung lag auf dem ‚e‘.Würde Felix diese Art der Aussprache übernehmen, so hätte er sie etwas später leicht an sämtliche kaufmännischen Lehrlinge des recht großen Betriebes weitergeben können.

Bereits gegen Ende seiner Marinezeit wurde er vom Leiter des kaufmännischen Ausbildungswesens in einem persönlichen Brief gefragt, ob er später nicht zu ihnen kommen wolle, um den Werksunterricht für die kaufmännischen Lehrlinge zu unterstützen. Vielleicht könne er dazu ein selbstgestricktes Buchführungs-Lehrprogramm entwickeln, um damit die Prüfungskandidaten fit zu machen. Das lockte ihn nun weniger, aber den allgemeinen Weiterbildungsunterricht der kaufmännischen Passavant-Lehrlinge, knapp unter einem Fachhochschulniveau abzuhalten, das reizte ihn schon. Ging es doch neben kaufmännischen und betriebswirtschaftlichen Themen zugleich um die Förderung der Allgemeinbildung bei den jungen Leuten. Er sagte diesem Stellenangebot deshalb gern zu. Nur mit einem Tariflohn sei er nicht ganz einverstanden. Zumindest die Zeit seiner Wehrpflicht müsse dabei ein wenig kompensiert werden. Darauf ließ sich der Personalchef später gern ein. Der war im Krieg Jagdflieger und flog meist eine Messerschmidt Bf 109. Das mit seinem hier vereinbarten Gehalt müsse er nicht unbedingt den Kaufmannskollegen im Betrieb herum sagen, dass er auf seiner allerersten Stelle gleich deutlich mehr verdient, als die anderen, die schon viel länger im Betrieb sind.

Felix war nach der Zeit in Finanzbuchhaltung froh, einmal wieder in eine für ihn interessantere Betriebsabteilung versetzt zu werden. Dann kam tatsächlich eine aufregende Zeit für ihn. Er war eigentlich dem Gießereibüro zugeteilt worden und hatte hauptsächlich die großformatigen Listen für die von Gießereiingenieuren vorgegebenen Zuschlagsmengen der beiden Kupolöfen zu dokumentieren, alles das, damit ein gescheiter, DIN-gerechter Grauguss herauskam, und die Lagerführung von Eisen- und Stahlschrott, der Masseln, Koks, Kalk kontrolliert werden konnte. Das wurde ihm bald langweilig, auch herrschte gerade in Stadt und Land die Fassenachtszeit und er war nach den langen Nächten, in denen er sich herumtrieb, tagelang nicht so gut ausgeschlafen, um gescheit rechnen zu können. Herr Bauer, der Chef des Büros, kam einmal früh am Morgen in sein Zimmer. Elvira, sie war gerade im ersten Lehrjahr, nicht sonderlich hübsch, obgleich üppig gebaut und sehr fürsorglich, legte ihm nasse Lappen auf seine schmerzende Stirn. Das sah Herr Bauer morgens gleich.

„Was ist denn mit dir los?“

Nun, er sei vom Maskenball im Kurhaus direkt zur Arbeit gefahren.

„Tolle Sache das. Weißt du was, du fährst gleich mit dem nächsten Zug nach Hause. Du warst krank, so sagen wir mal einfach.“

Dennoch hat er diese Art Büroarbeit nicht sonderlich gemocht. So fragte er bei bester Gelegenheit seinen Ausbildungsleiter Volker Menz, ob es nicht möglich sei, als künftiger Industriekaufmann einmal eine Weile auch als Handformer in der Giesserei zu arbeiten.

„Das ist ja noch nie dagewesen, aber in diesem Fall ist das eine gute Idee von dir“, sagte Herr Menz wohlwollend.

Felix leitete nämlich auch ab seinem zweiten Lehrjahr sämtliche Werksführungen des eingesessenen gemischten Industriebetriebes. Japanische Ingenieure, Studentengruppen, Schulklassen, kommunale Wasserleute, und wer so alles noch zu einem Informationsbesuch ins Werk kam. Auf diese angenehme Weise trat er zwischendurch für einen ganzen Arbeitstag aus seiner jeweiligen Betriebsabteilung heraus, um einen immerhin recht anspruchsvollen Job zu machen, allein auch für das immer schon gute Image der traditionellen Fabrik. Der Rundgang durch die Gießerei war bei diesen Betriebsbesichtigungen meist der absolute Höhepunkt.

Er hatte sich die dazu nötigen fachlichen Kenntnisse über das Gießereiwesen und die Tradition dieses Ortes bereits früh angeeignet, zumal der Vater fast sein ganzes Leben in dieser Fabrik gearbeitet hatte, ihm viel davon erzählt hatte, wirklich jeden Winkel des Betriebes gut kannte und sich mit sehr vielen der alten Kollegen gut stand. Präzise gearbeitete, hölzerne Gießereimodelle und wie sie verwandt werden, Formsande, die Kerne, die Zuschlagsstoffe, das Einschmelzen in den beiden Kupolöfen, die Formung, das spannende Eisengießen selbst, dann auch das Kanalgussprogramm, die gesamte Abwasserreinigung und die Funktionsweise einer Kläranlage, alles nur denkbar Sanitäre, was aus Gusseisen hergestellt wird, Absperrschieber, Haus- Hof- und Straßenentwässungstechnik, das alles war ihm seit seiner Kindheit irgendwie vertraut. Bei Passavant, wurde gleich zu Beginn des Krieges „Begu“, der Betonguss, erfunden. Vorher bestanden Kanalgussartikel allesamt aus massivem Gusseisen, die Ringe, wie die schweren Kanaldeckel selbst. Sogar bestes Eichen-Hirnholz wurde bei den Kanaldeckeln früher oft passgenau eingesetzt, eine teure, weil handwerklich sehr aufwändige Arbeit. Heute ist das Nostalgie. Hier aber hatten die Ingenieure herausgefunden, dass sich Grauguss und armierter Beton langfristig bestens eignen zu einem ebenso stabilen Produkt verarbeitet zu werden. Das sparte bei der Produktion viel kostbares Eisen ein, welches in diesen Jahren schon wieder einmal für ganz andere Zwecke benötigt wurde. Der Firmeninhaber Wilhelm Passavant wurde letztlich noch in der Nazizeit (?) zum Senator ernannt, was ihm wohl gut zu Gesicht stand, denn er war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, von der sein Vater manche persönliche Anekdote zu erzählen wusste.

Diesem Typus, der alle Zeiten wohlgenährt und sehr gut übersteht, der Fabrikant und in diesem Fall wohl auch einziger größerer Arbeitgeber im weiterhin armen, bäuerlichen Nassauer Land, hat Franz-Josef Degenhardt in seinem Song „Wenn der Senator erzählt“ durch seine kritische Brille hindurch ein kleines, aber sehr treffendes charakteristisches deutsches Denkmal gesetzt.

*

[E 2 Ingrid] = Während du fast in den letzten Wochen deiner Lehre zum Industriekaufmann in der Gießerei als Handformer arbeitest, passieren in der Welt eben diese Dinge, die du im Triebwagen der Aartal-Strecke morgens und abends im Hamburger Spiegel-Magazin liest.

Der Einberufungsbefehl zur Marine hat dich nicht nur für einen Moment euphorisch, sondern auch gesellschaftsbezogener gemacht. Erinnerst du dich an die Diskussionen mit den anderen in der CVJM-Gruppe? Volker, der meist Gastgeber für Euch in seinem Haus am Südhang der Stadt war, hatte dazu eine eher kristlich motivierte Grundhaltung an den Tag gelegt. Andere, wie Roland und Axel, die Gymnasiasten in ihrem Kreis und baldige Studienanfänger waren dagegen einmal politisch grundsätzlich gegen das Militär insgesamt eingestellt, dann aus „Blumenkinder-Motiven“ heraus stark an Rhyth‘m & Blues interessiert und mit einer eher illustren, aufmüpfigen Kritik an der Gesellschaft ausgestattet.

*

[E 1] = Während die Amerikaner in Vietnam immer mehr ihr Gesicht verloren, war in Europa zwar Kalter Krieg, dennoch standen familiäre, egoistische rein konsumorientierte Bedingungen ihn fast allen Elternhäusern im Mittelpunkt. Mit vielen Ländern Westeuropas schien es wirtschaftlich ständig bergauf zu gehen. Urlaube an der Adria, im voll bepackten eigenen Auto vollzogen, waren dabei der von anderen belächelte Renner. Dann kamen die Pauschalreisen meist ans spanische Mittelmeer. Auch im alltäglichen gönnte man sich jetzt manches.

Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald!“

Hähnchen aus dem Wienerwald waren ein endlich erreichter Gipfel einer „Fresswelle“, und Resopal-Möbel, die meist in Fabriken Ost-Westfalens zusammengehefteten, mit Folien beklebten Spanplatten wie „echt“ Eiche rustikal oder Nussbaum dunkel, matt oder hochglanzpoliert, mit messingfarbenen Blechumleimern versehen, eroberten die Wohnzimmer der Deutschen. Massig wirkende Schrankwände in „Altdeutsch“ und Fototapeten lösten die Nierentischmöbel der Fünfziger allmählich ab. Das eigene Auto aber blieb das Nonplusultra. Die Mieten war zu jener Zeit immer noch bezahlbar, also schaffte man zu einem großen Teil für einen Fernseher und eben einen klassenbewussten Kleinwagen. Erste lange Staus auf den Autobahnen nach Süden. Die Brennerstrecke bekam eine neue Brücke. Alles noch ohne Sicherheitsgurt und Knautschzonen. Frauen arbeiteten nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes, aber man wollte ja endlich vorankommen im Leben.

In manchen Ländern Europas sah es dagegen etwas anders aus. So litt Großbritannien zusehends nicht nur unter einer wirtschaftlichen Krise aber auch unter der Entkolonialisierung – nach dem Verlust von Indien bröckelt das koloniale Imperium! Im März erklärte sich die ehemalige britische Kolonie Rhodesien, das spätere Simbabwe, fünf Jahre nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung, zur Republik. Außer von Südafrika wurde das Staatswesen jedoch von keinem anderen Staat anerkannt. Im Juni erlangt Tonga die Unabhängigkeit von Großbritannien . Im September folgt dem Vorbild Swasiland, im Oktober gefolgt von Fidschi, das prompt zu einem Mitglied der Vereinten Nationen wird.

Diese Tendenz wird sich im Folgejahr fortsetzen. Im April 1968 werden wegen ausgebrochener Unruhen britische Fallschirmjäger auf die Karibikinsel Anguilla entsandt, die als ehemaligen Kronkolonie unter Oberhoheit der britischen Krone steht. Im Januar 1969 dann die Konferenz der Staaten des Commonwealth, an der in London 24 Regierungschefs und vier Stellvertreter aus 28 Ländern teilnehmen, unter dem wichtigsten Thema, dem der Rhodesien-Frage.

Das Wunschbild wird […] „noch schöner durch die technisch hinzugefügte Seele eines höheren weiblichen Wesens. Reines Metall, parfümiertes Fleisch, die neuen Rätsel des Mikrophons, Phonographen, elektrischen Stroms („L’Eve future“ erschien 1886) vereinen sich zum „Automate-electro-humain“ […] denn die neue Olympia ist keine Puppe mehr, sondern faktisch Ideal von Weib […] und Aphrodite war dem Bildhauer gnädig, indem sie die makellose, von keinem organischen Verdruss gestörte Statue belebte. […] „da der Mensch sich nicht ändert, auch in Jahrhunderttausenden noch Klassen geben wird. Die Klasse der Müßiggänger droben, wenn auch essbar geworden, der Arbeiter drunten, wenn auch mit der einzig übriggebliebenen Intelligenz, der von Kanalgeschöpfen. Die Zukunftsbilder eines H. G. Wells werden von Aldous Huxley noch übertroffen […]“.*)

*

[E 1]= Was ist aus deinem Freund Reinhard geworden? Das hast du dich manchmal später gefragt. Was hat er nach der Lehre zum Elektroinstallateur gemacht? Er war früh verheiratet, hatte bereits zwei Kinder, als du gerade angefangen hast, dein Abitur mit dem Vorstudium an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin nachzuholen. Reinhard ist kurze Zeit danach in Mannheim, wo sein älterer Bruder einen sehr großen, modernen Schrottplatz betrieb, grausamst zu Tode gekommen. Der junge Ehemann und Vater, war in die dortige Auto-Schrottpressen gestürzt, die leider viel zu spät gestoppt werden konnte. Du hattest dir dann immer vorgestellt, dass es ein pinkfarbener Cadillac war, mit dessen eckigem Paket er so blutig in die Ewigkeit geschickt wurde. Vielleicht war das die späte Rache der abscheulich hingerichteten Katze, vielleicht war es ein übertriebener, dann aber biblisch gerechter Akt des ägyptischen Sonnengottes Ra, der einst die Katzen so liebte.

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Der erste scharfe Schuss mit dem G3, dem damals üblichen Nato-Sturmgewehr aus der Waffenschmiede von Heckler & Koch im Schwarzwald, den Felix auslöst, ist nicht der erste seines Lebens.

Vorher hat er mit Luftgewehren, einmal mit einem Kleinkaliber-Flobert mit richtigen kleinen Patronen geschossen, dann einige Schuss mit einer Luger-08 Parabellum gemacht, aber das mit der Pistole war eher harmlos. Der Rückschlag des Gewehres nun, der beim Lösen des Schusses auf ihn einhaut, ist gewaltig. Er hatte das Gewehr dabei freilich viel zu locker gehalten, und es schlug heftig an Schulter und Wange. Felix ist ein Linksschütze, was gesondert vermerkt wird. und das bloß, weil er sein linkes Auge von Anfang an nicht nicht schließen möchte, was er aber machen müsste, um auf der normal richtigen, auf der rechten Seite zu schießen. Als er manchmal in der Deckung Dienst macht, hat er gleich verstanden, welche enorme Durchschlagskraft bereits diese Geschosse haben. Schlägt so ein Ding ins seitliche Holz ein, reißt es lange, splittrige Kerben, oder es verschwindet vollends darin, egal aus welcher Entfernung auf der Schießahn, manchmal zweihundert Meter. Gelegentlich gibt es auch umher surrende Querschläger, die ein anderes Geräusch machen. Der Knall eines normalen Einschlags der wenigstens die Tafel getroffenen hat, ist allein schon beängstigend genug. Die Lage der Einschusslöcher auf der Tafel werden nach jedem Schuss mit einer roten Kelle angezeigt nach dem ganzen Durchgang entsprechend farbig abgeklebt, die Schießergebnisse sodann per Feldtelefon dem Schreiber am Kopf der Bahn übermittelt. In der „Deckung“ war also viel zu tun. Felix lernt auf Anhieb mit jeder Waffe gut zu schießen.

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Bloß einen Blumentopf gewonnen. – Er holt auf dem Martinimarkt für Hansi seit zwei Jahren zehn Plastikblumen mit zehn Schuss aus der Schießbude.

Vielleicht hätte er Terrorist werden sollen? Oder Söldner in Biafra? Er hält es oft mit Kurt Tucholsky: „Alles ist schlechter geworden. Nur eines ist besser geworden – die Moral ist auch schlechter geworden.“ Meist spielt aber seine Moral nicht mit. Viel weiter hilft Felix diese Art Erkenntnis also nicht.

*

Kompanie stillgestanden! Richt euch! Augen gerade aus! – Wenn Soldaten auf dem Kasernenhof antreten müssen, zeigt sich uns ein durchaus adäquates Abbild der Gesellschaft. Nun erweist es sich bereits in den ersten Tagen beim Militär, dass es stets nur darum geht, einen nächst höheren Rang einzunehmen, damit man gelegentlich in eine halbwegs menschliche Daseinsform zurückfinden könnte. Das niedrigste Wesen beim Barass ist der Rekrut. Er steckt immerzu, auch bei einem Landgang, in diesem ihn reglementierenden Räderwerk ständigem Gehorsams.

Schnell muss er zwei Regeln beherrschen: er darf in seiner Horde nicht auffallen, er muss danach trachten möglichst anonym zu bleiben, und er muss einen Befehl ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, sofort und in der gewünschten Form ausführen, oft genug muss er dazu in strammer Haltung laut und deutlich „Jawoll, Herr Wasauchimmer!“ sagen. Erst dann darf er sich wieder rühren. Gerade das Grüßen, sogar eines Gefreiten, der vielleicht noch seine Pickel im Gesicht hat, ist erniedrigend. Besonders auch in der angesagten Freizeit will solch eine Art „Hilfsausbilder“ gesiezt und dazu ordentlich gegrüßt werden.

Der Rekrut muss geschliffen werden, das hast er als Matrose nun bereits am eigenen Leibe erfahren, nicht zu einem edlen, kostbaren Brillianten, einem demokratischen „Bürger in Uniform“, aber zu einem dem unerbittlichen Befehl und Gehorsam unterwürfigen, willenlosen, zum tapferen und treuen Wesen. Vom Rekruten wird vom ersten Tage an verlangt, dass er sich angesichts seiner herum brüllenden „Herrchen“ sofort in einen gut zu gebrauchenden, selbstlosen Hund verwandelt. Viel Sarkasmus und oft genug sogar eine aufkeimende, deutlich spürbare Geringschätzung ist dabei im Spiel. Aber man sollte, und das bereits in Friedenszeiten zumindest mit einem Kadavergehorsam gehorchen, ohne sich dabei anmerken zu lassen, was man sich dabei denken mag. Gerade das Militär ist, nach Schule und der lohnabhängigen Arbeitswelt, ein getreues Abbild seiner hierarchischen Zivilgesellschaft, der es dient. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen ist dabei keinesfalls ein undurchsichtiges oder kompliziertes Gebilde. Sie ist nach einer recht primitiv erscheinenden Struktur ausgerichtet und ist dennoch ein abgepaustes Muster der rohesten, um nicht sagen zu müssen der ursprünglichsten Natur. Das Militär hat, wie die anderen tragenden Säulen der politisch zivilen Herrschaftsgesellschaft eines Staates, wie Polizei, Justiz und Kirche, eine eigene Sprache. Besonders bei der Marine ist das sehr auffällig. Sie löst beim taufrischen Matrosen ohne ihre Beherrschung sofort manche Komplikationen aus. Wer dann seine Koje nicht gescheit gebaut hat, wer nur einen winzigen Krümel beim Aufklaren der Back auf seiner Backschaft übersehen hat, dem kann schnell mal der Landgang verweigert werden. Noch dramatischer gerät das bei der praktischen Seemannschaft im Hafen von Glückstadt oder auf der Elbe. Beim Kutterpullen machen die langen, schweren Riemen blutige Blasen an den Händen; da sitzen die Matrosen in ihren weißen Takelpäckchen auf ihren Duchten, die dunkelblauen Schiffchen auf dem Kopf, der Maat steht achtern und sagt den Rudertakt an. Wenn sie dabei zusammen in einem Güterwaggon führen, es wäre wie auf einem Transport an die Front. Oder wenn das ein Walboot wäre, den bösen Pottwal zu erlegen: Alle sind sie jetzt richtige Männer, fast alle. „Ruder an nach Schlagmann! Hoool . . . weg!“ Auf den mühsam erlernten Knoten oder auf einen Steg wird an einer kurzen Länge Tampen noch ein halber Schlag gesetzt. Den Webleinknoten lernen sie ohne oder mit einem Slip, den einfachen und den doppelten. Zu den Uhrzeiten wird am Fahnenmast nicht die glänzende Messingglocke geschlagen, sondern es wird geglast. Man geht nicht auf Wache, man zieht auf Wache. Die militärischen Ränge bei der Marine erscheinen anfangs vielleicht noch verwirrender, als bei anderen Waffengattungen. Aber weiter als bis zum Kaleu oder Korvetten- und gar Fregattenkapitän wird man als Matrose sicher nicht nicht gefordert werden.

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Diese Struktur von Begriffen wird formal als Hierarchie bezeichnet und ist seit alters her eine Grundstruktur allen westlichen Wissens. Königreiche, Imperien, Kirchen, Armeen, sie alle wurden und werden in Hierarchien gegliedert. Moderne Unternehmen sind ebenfalls so strukturiert. Inhaltsverzeichnisse sind so strukturiert, Montageanleitungen, Computer-Software, alles wissenschaftlichen und technische Wissen ist so strukturiert – und das mit solcher Gründlichkeit, dass auf Gebieten der Biologie die Hierarchie Stamm – Ordnung – Familie – Gattung – Art fast eine heilige Kuh ist.“ *)

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[E 1] = Du hast dich in dieses System schnell hineingefunden. Du warst, wenn du einmal ehrlich bist, auch ein wenig stolz darauf zusammen mit deinen Kameraden diese Torturen bestehen zu wollen. Nach einem tieferen Sinn hat wohl kaum jemand gefragt. Allesamt habt ihr euch Wehrpflichtigen, wenn manche auch nicht ganz freiwillig, dann aber zur Marine gemeldet, als man euch bei der Musterung danach gefragt hat.

Manche versuchen es auf die laue Tour: „Bordkommando? Na hoffentlich nicht, das sollte man sich doch wirklich nicht antun.“ Zwei andere hatten eine feste Freundin, einer von ihnen bereits eine Verlobte, die sie möglichst oft besuchen wollten. Wer aber nun zur See fährt, ist oft lange weg von zu Hause. Du wolltest vielleicht nicht nur dir selbst, sondern auch deinem Vater beweisen, dass du keinen Schrecken vor dem Barass hast. Irgendwann wirst du es leid sein, immer jemanden eine Art Rechenschaft ablegen zu müssen. Das kommt allein von innen her, denn das sind die Folgen einer Erziehung, die man bald leicht entbehren kann; also bitte keine anerzogene Angst vor der Selbstverantwortung.

*

Brief von Danielle nach Glückstadt: 26. April 1968 Dear Felix, I went to La Villedieu during some days and when I came back I found there your letter and the postcard – thank you very much for your writing of happy birthday. I’m afraid a little for you when I realize how hard is your training … there is something not very human in it. But when you like that it’s good . . . For my part, I prepare my exam, it’s not very far on the second of month of may I suppose . . . it’s hard.

I don’t write you very often because I think you must be only a good comrade sometimes I think there was only a sort of dream between us. Yes, I perfectly understand you when you miss me and really I’m sad. It”s a temple position for me, because I don’t like people suffer because of me. Try to understand me also: I don’t want to be emot, but also don’t want to give you illusions.

Summer is very near now in France. We begin to bath and so on, but for my part I don’t see the sun very much. With this exam I’m becoming really a little bookworm. It’s hard to learn when every thing outside call us to dream and do nothing . . . Oh! There is a problem (a grave one) for our travel in summer. The part coming for Francette is very ill !!! and it’s not sure that she will be allright in July or August. We are not very pleased . . . yes, life isn’t easy, there are allways problems!

I send you very quickly this very little letter because I think you want eagerly for some news. Yours Danielle.

*

*

[E 1] = Die Einkleidung der Rekruten. – Erst eine zeitgemäße, leicht vom Feind unterscheidbare Uniform erniedrigt einen Soldaten zu einem strammstehenden, vollkommen unterwürfigen Befehlsempfänger, um seinen schrecklichen Auftrag, das Töten von anderen Menschen auf Kommando, seien es uniformierte Soldaten oder nicht, ganz offiziell, im Sinne der staatlichen Instanzen, seit jeher unterstützt von allen klerikalen Verbrechern, ausüben zu können. Das scheint mir keine subjektive Meinung zu sein, mein lieber Freund, es ist eine zutiefst humane Erkenntnis, die nicht zuletzt der ursprünglichen Fähigkeit des Menschen zur Liebe und der potenziellen Möglichkeit zur endlichen Erlangung eines friedlichen Daseins entspringt.

In den Zeiten, als noch mit normalem Schießpulver das Morden in aufrechter langsam dahinschreitender Marschordnung vollzogen wurde, bekamen auch die Uniformen immer buntere modische Entwürfe. Die Schlachtfelder waren nämlich schnell vollkommen vom Pulverrauch eingenebelt. Weder Freund noch Feind waren dabei gut zu unterscheiden. Beim bald entstehenden Gemetzel stach mancher sein Bajonett mit einem Schrei der eigenen Angst tief in den Bauch eines vermeintlichen Feindes, hackte mit einem Säbel in den Hals eines jungen Menschen, dass das Blut nur so spritzte. Alle schrien sie laut und wild durcheinander, mit verzerrten, zähnefletschenden Gesichtern, denn alle hatten sie tierische Angst. Man kam zugleich in einen Blutrausch, doch keiner, der dieses Abschlachten leidlich überlebt hatte, hat danach den eigenen Offizieren die Augen ausgestochen, oder ihnen gar noch das Gemächt abgeschnitten, einfach weil diese „Vorarbeiter des Todes“ es nicht anders verdient hätten. Es sind immer die eigenen Offiziere, die es zuerst zu töten gilt, will man dieser Schlachtbank entkommen. Man muss sie inmitten des Kampfgetümmels töten, sonst stellen sie bald wieder eine eigene Armee auf, die sich gegen jede Aufsässigkeit stellt. So haben es Admiral Canaris und sein protegierter Anführer Korvettenkapitän Wilfried von Loewenfeld im Februar 1919 gemacht, als die Marine-Brigade-Loewenfeld*) mörderisch erst im Verkehrsstreik in Berlin, dann im ersten polnischen Aufstand in Oberschlesien gegen Zivilisten eingesetzt wurde. Im Ruhraufstand agierte die Brigade rein militärisch gegen die Bevölkerung. In Bottrop erhielt sie für ihre zahlreichen Morde ein Ehrenmahl und eine Loewenfeld-Straße. Um eine Infizierung durch linke Elemente in Kiel, dem Stationierungsstandort zu verhindern, wurden die Bataillione alle zwei Monate ausgewechselt. So schnell nämlich erkennen missbrauchte Menschen manchmal, vielleicht sogar deren Offiziere, wer der eigentliche Feind aller menschlichen Freiheit ist. In der blutigsten Schlacht hatten die Feldherren und ihre Generäle derweilen, auf hohem Ross sitzend und mit Guckrohren ausgestattet, ihren Spaß am lustigen Bild eines realen Sandkastenspiels, also nicht mit ihren infantilen Zinnsoldaten. Immer zur Flucht bereit waren sie, falls sich das Blatt, das Schlachtenglück wenden sollte. Hier aber floss vor ihren Augen richtiges, pulsierendes, warmes Blut aus vorher unversehrten Menschenkörpern, man roch es bis hinauf zum Feldherrnhügel. Zerfleischte, verbrannte Körper, zerfetztes, durchbohrtes, brüllendes Fleisch, der Geruch des Todes war überall. All die unendlichen Schmerzen, all das vergossene junge Blut, habe sogar die Götter zu Tränen gerührt, heißt es bei Homer. Eine dieser Schlachten verloren, oder gewonnen, was macht das schon. Na denn, bis zum nächsten Mal. Aber der Hades wartet nur auf manche von euch!

*

Da standet ihr vor der Kleiderkammer, und am Ende konntet ihr nicht alles zugleich tragen. Deshalb erfolgte diese Einkleidung in mehreren Etappen. Streng nach einer seitenlangen Liste übergab man euch schwarze lange Wollsocken, Taschentücher, Unterwäsche weiß lange Unterhosen oliv, Hemden, einen Moleskin-Kampfanzug, den schweren BW-Parka, Stahlhelm, mit einem Tarnnetz, Sporthemd, Sporthose, Turnschuhe, englischrote Stoff-Bordschuhe, die vorn eine Lederkappe haben, Knobelbecher wurden anprobiert, Schlafanzug, Handtücher, weißes Takelpäckchen, den hellblauen Kragen mit den drei weißen Streifen zum „Kieler Knabenanzug“, Tellermütze, Schiffchen, blaue zweite Geige, die blaue erste Geige als Ausgehuniform, einen grauen Wollschal, einen Colani, graue Lederhandschuhe, das Sturmgepäck, eine ABC-Tasche mit Gasmaske, breites olivgrünes Gewebekoppel ohne einen eingeformten Adler, ohne ein „Gott mit uns!“ auf dem glatten Koppelschloss, eine Porzellantasse, Essbesteck in einer blauen Plastikmappe mit einem Druckknopf versehen. Alles trug in diesen Listen eine ellenlange „Versorgungsnummer“ des Bundeswehr-Beschaffungsamtes in der einstig preußischen Festungsstadt Koblenz. Koblenz am Rhein, mit der Moselmündung am Deutschen Eck. Die Hauptstadt eurer Bundesrepublik Deutschland in Bonn am Rhein ist nicht weit davon gelegen. Die vorgeschriebenen Namensschilder für alle diese textilen Sachen, das weiße seidenartige Band zur Herstellung der geknüpften „Fliege“ auf dem Knoten vor dem Halsausschnitt der Matrosenuniform musstet sogar ihr Wehrpflichtigen in der Kantine von euren üppigen drei Mark am Tag kaufen . Ebenso Stärke für die scharfen Bügelnähte der weit ausgestellten blauen Uniformhosen. Dann die Mützenbänder mit dem Namen eurer Einheit, die einem gewissen Verschleiß unterlagen, denn sie fransten aus und mussten immer wieder säuberlich schräg abgeschnitten werden. Bald brauchtet ihr für die blaue Tellermütze weiße Bezüge, denn nach Ostern mussten diese für das Sommerhalbjahr weiß sein. Deine Marineuniform mag dir nun ganz neuartig, zumindest sehr ungewohnt erschienen sein, meist war diese Ausstattung bloß gereinigt, und es wurden dir teilweise bereits etwas ausgeblichenen Uniformteile verabreicht.

Bei der feierlichen Vereidigung auf dem fackelbeleuchteten alten Marktplatz in Glückstadt werdet ihr eure Erste Geige tragen. Die Zeitsoldaten müssen schwören, die Wehrpflichtigen werden lediglich feierlich geloben „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen, und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“

Du hast damals nicht gewusst oder wirklich auch vom Kopf her nicht begriffen, dass die hierarchisch strukturierte Nato, das westlich amerikanische „Verteidigungsbündnis“ also, die strategische Konzeption eines schweren überraschenden, möglichst vernichtenden Erstschlags mit Atomwaffen zwingend vorsah. Dadurch sollte die immer wieder beschworene, angebliche konventionelle Überlegenheit der Sowjetunion und ihrer Vasallen von Anfang an blitzartig ausgemerzt werden. Du würdest also, genau wie Dein Vater im Zweiten Weltkrieg, im sogenannten längst vorgeplanten „Ernstfall“, an einem solchen verbrecherischen Angriffskrieg teilnehmen müssen, sollte er jemals ausgetragen werden. Fast wieder ein „Blitzkrieg“ – im wahrsten Sinne des Wortes.

*

Wie zur Kuba-Krise sechs Jahre zuvor, würde bereits im August, nur drei Monate später also, die Welt ihren Atem anhalten: Die Russen waren in der Tschechei und in die Hauptstadt des vom Westen angeblich erhofften Ostblock-Tauwetters, im schönen Prag an der Moldau einmarschiert, um den aufsässigen „Prager Frühling“ ein für alle Mal zu beenden. Du warst in diesem Sommer in Bremerhaven und lerntest den umfassenden Umgang mit einem Radargerät und dem Plot-Tisch kennen, weniger zur Navigation aber zum taktischen Schießen von Torpedos auf andere Schiffe. Alles das sind immer wieder die Gründe zur Verschleierung des künftig stattfindenden Aktes, dem eines tatsächlich geplanten, angedrohten Krieges.

Nur wird der, wie alles unvorstellbar Böse, im Himmel so auf Erden, nie wirklich beim Namen genannt. Du hast es bereits erfahren, und es es ist bis heute so geblieben, wo du doch bereits bald in eine andere Welt kommen wirst, in der dein Ekel sich absaigern kann – wohin auch immer. Wo diese tapfere neue Welt zuletzt auch sein mag: Auch ich weiß das nicht.

*

[E 2 Margot] = „Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen begraben drei Kaiser in Prag. Was groß ist bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“

Du kennst dieses poetische Lied von Brecht. Das weiß ich wohl. Frage einmal Claude danach. Sie wird es dir sicher gern wieder vorsingen.

Franz Kafka, war zugleich Prager Bürger. Er sitzt manchmal noch vor dem Bahnhofseingang des Hauptbahnhofs Wiesbaden. Er wartet auf deine baldige Rückkehr. Aber er ahnt, dass du unbedingt schießen lernen möchtest. Ihm graut vor jeglicher Militanz. Er ahnte zu der Zeit bereits, was in Deutschland in wenigen Jahren passieren wird. Er sieht auf den Zeitschriftenständer der Bahnhofsbuchhandlung. Der ist gleich hinter dem Haupteingang links. Dort entsteht ihm ein Bild aus den fetten Überschriften. Während du dich in der Welt herumtreibst, sind die Zeitläufte für ihn wie ein einziger Tag. Dieser Franz Kafka wusste damals bereits, dass du nach deiner Marinezeit bald nach Berlin gehen würdest. Hast vorher sehr gut schießen gelernt. Aber du hast dich besonnen. Dann hast du etwas haarscharf gefolgert. Nicht jede historisch materialistische Hoffnung führt in die richtige Richtung. Auch die Philosophie nicht.

Hoffnung ist nämlich das, was die Dummen glücklich macht.

Es zittert, dieses dürre Kerlchen. Nicht nur wegen der empor kriechenden Kälte von den grauen Steinplatten. Er kauert auf ihnen.

Er hat seine Heimat für immer aufgegeben. Er geistert jetzt in der ganzen Welt umher. Was soll ein solch vernünftiger und kluger Geist sonst machen?

*

[E 1] = Euer Maat sagte es euch einmal, woher die Bezeichnung ‚Colani‘ kommt. Das war einst ein Schneider in Kiel, der für die kaiserliche Marine unter Kaiser Wilhelm II. dieses Uniformstück entwarf und herstellen durfte. Die Matrosen bekamen etwas warmes zum Anziehen, denn man trug ihn auch im Winter auf Wache, und dieser Herr Colani hat sich dabei sicher eine goldene Nase verdient. So ist es bei allen Lieferanten und Spekulanten, die am Militär allein schon in Friedenszeiten verdienen, ganz besonders in einem Krieg ihren Reibach machen. Oder entlehnt sich das Wort bestenfalls von dem ‚Koller‘, dem preußischen Uniformrock auch für die Kürassiere? Der war keine knielange Jacke, für die Reiter des Kaisers dazu weiß mit kupfernen Knöpfen und eng auf Taille geschneidert.

Die vollständige Einkleidung der Soldaten ist zugleich der Zeitpunkt eines seelischen Abschieds vom bürgerlichen hin zum militärischen Gehorsam. Es ist die vollständige Entkleidung alles Zivilen, die optische Wahrnehmung bei der künftigen Erniedrigung in einer uniformen Unterwürfigkeit, die in einer moralischen Einheitlichkeit fortan allein Befehl und Gehorsam kennen wird. Dann folgt der Haarschnitt, am allerliebsten eine bolschewistische Glatze, damit man sich beim heldenhaften Verrecken nicht mehr in ein Individuum verwandeln kann. Doch vorher wird der Rekrut vereidigt, damit er nicht mehr ungestraft vor den Fahnen seines Vaterlandes fliehen kann.

Ach, eine zweite Sache springt da noch ins Auge. Es ist die Sauferei, die bei den Rekruten bereits, dann bei den älteren Soldaten sehr verbreitet ist. Erinnerst Du dich an euren ersten Landgang in Glückstadt? Als du mit einem Gruppenkameraden in einer niedrigen Fischerkneipe gelandet bist. Du hast gerade im Moment seinen Namen vergessen? Siehst aber sein schönes, braungebranntes junges Männergesicht mit den kurzen dunklen Stoppelhaaren noch immer deutlich vor dir. Ja, es war Volker. Ihr hattet euch schnell etwas angefreundet. Du hattest Volker in einem Gespräch über solch kurzen schicksalhaften Freundschaften von deinem Vater erzählt. Der litt nach mehr als zwanzig Jahren manchmal noch sehr darunter, dass es in Russland meist die besten Kameraden tödlich erwischt hat. Oft genug platt weg, direkt als Nebenmann.

Als Soldat soll man sich nicht zu sehr miteinander anfreunden, denn es zerreißt einem dann das Herz wenn ein Freund glatt von einer Kugel erwischt wird, oder noch viel schlimmer, sie überall plötzlich da liegen sieht und bloß noch jämmerlich schreien hört, wenn stählerne Granatsplitter sie zerfetzt haben, dass es kaum zu ertragen ist.“

„Machen wir uns da mal keine Sorgen“, sagte Volker zu dir und biss mit seinen großartigen Zähnen einer ersten langstieligen Margerite aus dem großen Strauss, der vor euch auf dem grobem Holztisch stand, die Blüte ab.

„Gerade haben wir fast so etwas wie tiefsten Frieden . . . Schmeckt nicht einmal mal so übel.“ Volker kaute zunächst langsam und äußerst bedächtig, dann verlief die Blütenmahlzeit etwas schneller, dennoch begleitet von einem etwas säuerlichen Gesichtsausdruck. Ich schloss mich ihm sogleich an und fühlte mich vom Matrosen, wenn nicht zu einer Seekuh, dann zur Seeziege degradiert.

Ihr habt die Wette gegen die Skat spielenden alten Fischer am Ende gewonnen. Sie trugen ihre blaugestreiften Hemden oder dunkle Jacken. Einer von ihnen hatte nur noch einen Arm und sein Blatt in einer hölzernen Schlitzleiste stecken. Die Wette war gewonnen, denn ihr habt dem ganzen Strauß auf dem Tisch tatsächlich alle Blüten weg gefuttert. Es gab dazu reichlich Freibier für euch Seelords aus der unweit gelegenen Marinekaserne. Die alten Fischer hatten an diesem Abend ihren Spaß, aber oben auf dem Elbedeich habt ihr euch richtig ausgekotzt, weil das wirklich keine Schande für euch bedeutete. Ihr wart als Matrosen in eurer seit der Nazizeit eingesessenen großen Garnison in der alten, hübschen Handelsstadt am Fluss immer noch gut gelitten, das kann man ganz allgemein so sagen.

„Ich habe neulich gesehen, als ihr nach Nordeo gefahren seid, dass ihr immer noch unser gutes altes Maschinengewehr habt. Ein dolles Ding dieses MG-42“, hatte vorher noch der Einarmige gesagt.

„Ja, das stimmt schon. Ich bin Schütze Eins, habe sogar ein Original bekommen und gucke beim Schießen zwischendurch öfter auf alten Reichsadler, jetzt ohne das verbotene Zinkenkreuz versteht sich“, sagte Felix bereits im Gehen befindlich.

Der alte Fischer hatte ein gutes, ein gebräuntes wetterfaltiges Gesicht, darin etwas wässrige, hellblaue Augen, aber sie strahlten jetzt.

„Bei uns wird es jetzt aber MG-1 genannt“, fügte Volker noch hinzu.

„Herta, gib den beiden Lords bitte noch einen Schnaps mit auf den Weg.“

*

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Nestlé zerstört werden muss!

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vorläufiges Ende 1. Kapitel

Es folgen die Anmerkungen zum Ersten Kapitel.

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Anmerkungen zum Romantext (Band 1)

Anmerkungen zu 1. Kapitel Telemachos (vorl. S. 27 – 222)

27*)vgl. Rang, Bernhard [1959]: James Joyce Ulysses. In: Der Romanführer, Band X, Verlag Anton Hirsemann, Stuttgart, 1959, nach: Gilbert 1932, Das Rätsel Ulysses. Für die Zusammenfassungen der 18 Kapitel des Joyce’schen Ulysses, die den 18 Kapiteln des „Wanderer“ vorangestellt wurden, vgl. Rang, Bernhard [1959], a. a. O.

35 *)Carter, Howard „Götter, Gräber und Gelehrte“a. a. O.

39*)Die Mordwaffenvon kristlichen Priestern gesegnet.“vgl. historische Dokumente in Anhang bei ÜBERSCHAER & WETTE, 2011, a. a. O.

41 *)Rudi Dutschke …er war zuletzt ein promovierter Soziologe, dann ein politisch engagierter Analyst, ein eigenwilliger Sozialist mit weitreichenden Ideen, und er galt als der markanteste oppositioneller Wortführer des linken politischen Widerstandes der sechziger und frühen siebziger Jahre in Deutsch-land. Die sogenannte „Studentenbewegung“, die zugleich aber auch viele andere, nicht nur junge Menschen in ihren Bann zog, auch der wirksame nationale Widerstand gegen den Vietnamkrieg, die beschämende Entlarvung der BRD als eine neofaschistische, militaristische Konstruktion des westlichen Antikommu-nismus wäre ohne die politischen Reflexionen von Rudi Dutschke historisch und soziologisch kaum denkbar gewesen.

Als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) engagiert sich Rudi Dutschke gegen den bestialischen Vietnamkrieg der Amerikaner, schon im Vorfeld auch gegen die reaktionären Notstandsgesetze, die 1968 in Kraft traten, er organisierte Großveranstaltungen und wirkte als charismatische Redner auf zahlreichen Demonstrationen und Kongressen.

Bei einem Attentat aus rechtsextremen Kreisen wird Dutschke zwei Tage vor Ostern 1968 durch Pistolenschüsse schwer verletzt, und er stirbt einige Jahre später an den Folgen des hauptsächlich durch die Springer-Presse, über eine lange Zeit sehr öffentlichkeitswirksam befeuerten politischen Mordes. Die Bild-Zeitung für dieses so geartete Deutschland sowie die weit verbreitete Berliner BZ scheuten sich sogar nicht davor Steckbrief ähnlichen Aufrufen zur Liquidierung dieses nun-mehr ausreichend namhaft benannten Anführer der „linken Rebellen“ zu publizieren. Das waren immerhin sehr eindeutige Mordaufrufe! Das Deutsche Strafgesetzbuch nennt die dafür relevanten Paragrafen. Rudi Dutschke starb kurz vor Weihnachten 1979, dann an den Spätfolgen eines erlittenen neofaschistischen Attentats. Wer mag sich hierüber streiten?

43*) Koenig, Stefan (2020): Bunte Zeiten 1980 etc. Zeitreise-Roman Band 4. Pegasus-Bücher, Laubach. 429 pp.

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43 *) Die Antibolschewistische Liga wurde in Liga zum Schutze der deutschen Kultur umbenannt. Gleichzeitig entstanden in hohen Auflagen antibolsche-wistische bzw. antikommunistische Schriften und Hetzflugblätter, man orga-nisierte Vorträge, Ausstellungen und Schulungskurse. Von Anfang an wurde die Gründung einer „nationalsozialistischen“ Partei angestrebt, und es wurde bereits für einen faschistoiden, diktatorischen „Deutschen Sozialismus“ agitiert. Zunächst ging es der Konterrevolution erst einmal um die akute Rettung ihres von proletarischen und sogar bewaffneten Aufständen bedrohten „Organisierten Kapitalismus“.Von der Deutschen Bank, von Friedrich Naumann und von*)2) hatte die Liga innerhalb von wenigen Tagen enorm hohe Geldzuwendungen erhalten, so dass man in zahlreichen Großstädten sofort Zweigstellen eröffnen konnte.

43 *) Die „Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit“ ist eine parteinahe Stiftung der FDP und ist nach dem angeblich „liberalen“ deutschen Politiker Friedrich Naumann (1860–1919) benannt.

49 *) Am Ostersamstag … Die Auslieferung der BILD-Zeitung wird in Frankfurt am Main teilweise blockiert. Enteignet Springer!Bürgerliche Presse und BILD-Zeitung am 25. Februar 1986. Aus: INSELJAHRE Kabarett der Tagespresse:

USA legen Marcos den Rücktritt nahe (Frankfurter Rundschau)

USA fordern Marcos zum Rücktritt auf (Süddeutsche Zeitung)

USA legen Marcos den Rücktritt nahe (Rheinische Post)

USA fordern Marcos zum Rücktritt auf (Tagesspiegel)

Queen mit Eiern beworfen (BILD-Zeitung)

51 *) Man kann ihn … den Narzissmus… vgl.Fromm 1977, a. a. O., S. 227 f.

55 *) Auf Seiten des Staates … Freiwillige Polizei Reserve (vgl. Berliner Boule-vard-Magazin 883)

58 *) Wir unterhielten uns … Steinbeck 1976, a. a. O., Seite 201 f.

78 *) Wäre es denn … Walter Jens, Über die Vergänglichkeit. Der 90. Psalm, in: ders. Einspruch. Reden gegen Vorurteile, 1992, S. 228

119 *) Aber Mitglied … Dag Hammarskjöld … Erreichte 1954 als UN-General-sekretär die Freilassung von US-Gefangenen des Koreakrieges, entschärfte 1956 den Konflikt um den Suezkanal mit dem Einsatz von 6.000 UN-Soldaten. Kritiker warfen ihm die Beteiligung am Sturz und an der Ermordung (17.1.1961) von Patrice Lumumba, dem 1. Premierminister des unabhängigen Kongos, vor. Nur knapp 6 Monate nach dessen Tod, starb dieser am 18. September 1961 unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz über Sambia.

120 *) entscheidende Entwicklung … 1953: „Union Francaise“ in Indochina

121 *)Felix, du …Frühe Leitkultur … s. Leitkultur u. a. S. 270 ???

122 *)Das ist rein ethisch … „Wenn einer einen “Ethik-Rat” gründet, sollte es darin ethisch zugehen. Der bayerische „Kaiser“ Markus Söder I.hat eigene Vor-stellungen. Wenn jemand ehrenamtlich in seinem Ethikrat tätig sein darf, muss er

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das Loblied auf den Stifter singen. Weil sich Professor Lütge mit seiner Stimm-lage bei diesem Singsang nicht synchronisieren (lassen) wollte, musste er den “Söder-Rat” verlassen. Jetzt passt die Ethik in Bayern hoffentlich und der Hohe Rat singt nur noch frohlockende Töne.“ (vgl. Qpress, 12. Februar 2021; verändert)

131 *) Auch der Justizapparat … Neben den über Jahre anhängigen Skandalen ragt in der BRD im Jahr 1978 die Abhöraffäre der Sekretärin des Bundesverteidi-gungsministers Georg Leber, heraus. Darin verwickelt der eigene MAD, was aber wieder einmal vollkommen verfassungswidrig war.

136 *) „Wenn der Senator erzählt“ … In eben diesem Liedvon Franz Josef Degenhardt ist es ein „Wackelsteiner Ländchen“, wo im Krieg, mitten in schwerer Zeit, noch eines seiner Hüttenwerke auf die Wiesen gestellt wird.

138 *)Nacht und Nebel …Der Inhalt des im Jahr 1955 von Alain Resnais produzierten französischen Dokumentarfilms, Originaltitel „Nuit et brouillard“, schaffte Probleme im heimlichen Vollzug der Adenauer-Methode, die Nazizeit und die ihr immanente KZ-Romantik einfach unter den Tisch zu kehren.. Gib‘ Küsschen Charles! Der Film wurde von Paul Celan auf deutsch übersetzt/ getextet und gesprochen. Der Film wurde dem deutschen Botschafter in Paris gezeigt, worauf Adenauer sofort intervenierte und für ein Aufführungsverbot bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte (sic). Der Skandal, u.a. Anhörung im Bundestag, Proteste vieler bekannter Zeitgenossen u. a. Heinrich Böll, sorgte zumindest für eine Inaugenscheinnahme des sich unter den dünnen Deckmäntelchen der freien Marktwirtschaft immer mehr einer konservativ-faschistoiden Zensur zuwendenden politischen Zustandes in Deutschland.

144 *) „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“… eine viel beachtete Aussage Theodor W. Adornos aus dem Aufsatz Kulturkritik und Gesell-schaft, der im Jahr 1949 geschrieben, 1951 erstmals veröffentlicht wurde. Diese Aussage ist sla Verdikt gegen jegliche Dichtung nach dem Holocaust, als Darstellungsverbot von Gedichten über Auschwitz und Konzentrationslager oder als provokatives Diktum verstanden. Das über Lyrik gefällte, auf Literatur oder Kunst allgemeine Urteil, findet sich ausgedrückt bereits in „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer & Adorno), und entspricht deren Misstrauen einer sich etablierenden „Kulturindustrie“ gegenüber. Adorno erklärte und modifizierte die Aussage später. Das wurde als Revision oder Widerruf der ursprünglichen These ver-standen. Der Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft entstand aus einem grund-legenden Misstrauen gegenüber den Möglichkeiten der Kultur, aber auch der Kulturkritik, und formulierte wiederum seine altbekannte, hochgradig dialek-tische Position. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Das wurde über Jahrzehnte hinweg von Philosophen, Literaturwissenschaftlern und Schriftstellern kontrovers diskutiert. Die Auseinandersetzung um Adornos Satz wurde wichtigen Drehpunkt des ästhetischen Diskurses der Nachkriegszeit“.

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145 *) Ob Noskes blutiger Antibolschewismus… Gustav Noske war als Berliner SPD-Polizeipräsident und reaktionärer Politiker neben anderen Verbrechen an der militärischen Ermordung demonstrierender Menschen und beim Verbot des 1. Mai 1929, dem „Blut-Mai“ beteiligt (Wette, Wolfram, 1991, a. a. O.) Wäh-rend seiner Zeit am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Frei-burg im Breisgau schrieb Wette eine Biografie des umstrittenen Sozialdemokraten Gustav Noske. Der Beirat, unter Vorsitz von General a. D. Johann Adolf Graf von Kielmansegg erklärte im April 1986 diese Publikation nicht durch das MGFA zu unterstützen. Hinzu komme, dass Noske nur kritisiert werde. Wette hätte sich bei der Beurteilung des SPD-Mannes Noske wesentlich an die Sehweisen der in der BRD seit 1956 verbotenen KPD gehalten. Die politische Biographie des „Bluthund“ Noske wurde erst 1987 gedruckt. Der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler warf diesem Beirat 1988 vor, dass sein Verhalten „verzweifelt schwer von dem Versuch einer Zensurausübung zu unterscheiden“ sei. 1990 habilitierte sich Wette mit seiner Noske-Biographie in Neuester Geschichte an der Universität Freiburg. Er ist trotz alledem, trotz Noskeschwein und alledem ein SPD-Mann geworden. Er war lange Stadtrat in Waldkirch und Fraktions-vorsitzender; er ist Mitglied der Gewerkschafts Ver.di. Wette erhielt im Jahr 2015 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande. Es geht doch!

155 *) Ein Kampf um Rom … Ben Hur und Hähnchen aus dem „Wienerwald“ … Monumentalfilme aus Hollywood und die Fresskette eines Friedrich Jahn umrahmten das Konsumgeschehen.

159 *) sogar weiße … Die sofortige Zulassung privaten Fernsehens in der BRD durch die Schwarz-Gelbe Regierung wurde von dieser „geistig moralische Wende genannt.

159 *) Der Auschwitz-Prozess … Staatsanwalt Fitz Bauer wurde zu einem meist gehassten Mann im Deutschland der Naziväter. „Wenn ich abends mein Büro in Frankfurt verlasse, so betrete ich Feindesland.“

162 *) „Die Brücke“ … ein inzwischen klassischer deutscher Antikriegsfilm aus dem Jahr 1959 (Regie Bernhard Wicki), nach dem autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister.

165 *)Und doch wird der Morgen … „Südsee in Jahrmarkt und Zirkus“. Ernst Bloch 1979

170*)„Ein vielgestaltiger Bau ist er, der Tempel der Wissenschaft ….“ Aus einer im Jahr 1918 gehaltenen Rede eines jungen deutschen Wissenschaftlers namens Albert Einstein]“, zit. n. Pirsig 2005, a. a. O., Seite 117 f.

172 *)„Auf dem kalten Weg …“Johansson 1999, a. a. O., Seite 94 f.

176 *)Stattdessen Sterbebegleitung Hermann Ploppa, LZ, 7. April 2020

180*)Auch die unbeschreiblich …Ploppa 2020, a. a. O., Euthanasie in Frank-reich und massenhafte Vernachlässigung oder systematischer Seniorenmord?

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181 *) Irgendwann wird die Dystopie von Aldous Huxley … (vgl. Struss 1982, a. a. O., S. 11)

183*) Ihre Ebro-Front schwächelt?… Von den faschistischen Falangisten unter General Franco massiv entwickelte militärische Front am Ebro gegen die dort unterliegenden Republikanischen Truppen.

187 *)Friedrich Engels zum 200. Geburtstag … Ein Gespenst geht um … – Ein Besuch in Wuppertal, (vgl. Nachdenkseiten; 30. November 2020, John Gravers-gaard - aus dem Englischen: Einar Schlereth; die Streichungen sind Korrekturen des Originaltextes durch den Autor. Quellen: Friedrich Engels: Zustand der Arbeiterklasse Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845; Frederick Engels: The Housing Question, 1872-73, (Zur Wohnungsfrage)

189 *) Friedrich Engels … – an Karl Kautsky und Eduard Bernstein in Zürich:vgl. Weigt, Peter (1968): Revolutions-Lexikon. Taschenbuch der außerparla-mentarischen Opposition. Baermaier & Nikel, Frankfurt. Archiv-Nr. 12378/ 1) 22. Mai 1884: an Felix Geburtstag (1948); 100 Jahre nach Ersterscheinung des „Kommunistischen Manifestes“ im Jahre 1848./2) Karl Kautsky und Eduard Bernstein/ 3) Im Original „Ms.“ Bezeichnet/ [121] Anmerkung der Originalausgabe. Friedrich Engels (1884): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen, Hottingen-Zürich. Dietz-Verlag, Berlin, 10 Auflage, 1. Auflage 1946, S. 203./ [122] Anmerkung in der Originalausgabe/ [123] Anmerkung in der Originalausgabe/ 4) Mary Ellen Burns

190 *)Dieser große Humanist … Tatsächlich bildete die Lehre vom Marxismus den nicht zu leugnenden Hintergrund bei Hoch- und Fachhochschulen jener Zeit.

200 *) Das Wunschbild … Bloch 1979, a. a. O., S. xxx ???

203*)Diese Struktur von Begriffen ...Pirsig 2005, a. a. O., S. 105

216 *) Admiral Canaris und seine … „Marine-Brigade-Loewenfeld“ hat eine blutige Spur hinterlassen, die weiterhin mit Abscheu historisch zu betrachten ist.

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Anmerkungen 2. Kapitel (Band 1) (vorl. S. 223344)

223 *) Nestor-Episode Nestor als ein Held der griechischen Mythologie und sagenhafter Herrscher von Pylos… In der homerischen Ilias eine der Hauptrollen unter den erfahrenen Ratgebern des Agamennon… Schlichter bei dessen Streit mit Achilleus… Noch vor dem Trojanischen Krieg ist Nestor mit Jason auf der Fahrt nach Argo dabei … Teilnahme am Kampf der Lapithen gegen die Kentauren und

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an der Kalydonischen Jagd…Nestors Vorzüge: Altersweisheit (Nestorbegriff in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft), Beredsamkeit (Rhetorik?), Redlichkeit (Treue?)… und die heitere Lebenskunst… das Trinken und Feiern … Whisky & Weiber? Bei Homer ist Nestor göttlich, er gilt als Beschützer der Krieger, und nicht zuletzt ist da der vieldiskutierte Nestorbecher, den sich der trinkfreudige Nestor nach Troja mitgebracht hatte. Nestor war nämlich ein Alkoholiker.

223*)vgl. Rang, Bernhard, 1959, a. a. O.

233 *) Die Filmfestspiele in Cannes standen oft im Fokus politischer Skandale. Nacht und Nebel. – Der Inhalt des im Jahr 1955 von Alain Resnais produzierten französischen Dokumentarfilms, Originaltitel „Nuit et brouillard“, schaffte Probleme im heimlichen Vollzug der Adenauer-Methode, die Nazizeit und die ihr immanente KZ-Romantik einfach unter den Tisch zu kehren. Gib‘ Küsschen Charles! Der Film wurde von Paul Celan auf deutsch übersetzt/ getextet und gesprochen. Der Film wurde dem deutschen Botschafter in Paris gezeigt, worauf Adenauer sofort intervenierte und für ein Aufführungsverbot bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte (sic). Der Skandal, u.a. Anhörung im Bundestag, Proteste vieler bekannter Zeitgenossen, darunter u. a. Heinrich Böll, sorgten zumindest für eine Inaugenscheinnahme des sich unterm Deckmäntelchen der „freien Marktwirtschaft“ immer mehr einer konservativ-weltanschaulichen Zensur zuwendenden politischen Zustandes in Deutschland.

234*) Onkel Toms Hütte … ist ein 1852 veröffentlichter Roman von Harriet Beecher Stowe, der das Schicksal einer Reihe afroamerikanischer Sklaven und ihrer Eigentümer in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika schildert.

234 *) Sklavenhandel … Noch vor der Entdeckung der neuen Welt handelten die Portugiesen bereits mit afrikanischen Sklaven. Der wirtschaftlich hoch bedeutsame, lukrative transatlantische Sklavenhandel (in Form kaufmännischer Dreiecksgeschäfte) katholischer oder anderweitig kristlicher, westlicher Nationen erstreckte sich über einen Zeitraum von 350 bis 400 Jahren. Trotz des britischen Verbotes 1808 und der Bestätigung dieses Verbotes durch den Wiener Kongress 1815 dauerte er bis etwa 1870. In den fast 400 Jahren der atlantischen Sklaverei kamen etwa zehn bis zwölf Millionen verschleppte Schwarzafrikaner lebend in Amerika an. Da nur etwa 25% der verschleppten Afrikaner die Torturen der Verschleppung vom Inneren Afrikas an die Küsten und schließlich die grausamen Strapazen der Überfahrt überlebten, kann von mindestens 40 bis annähernd 50 Millionen (!) auf diese Weise gehandelter Menschen ausgegangen werden.

261 *) vgl. Das Jahr 1965, Johannes Mario Simmel (1978): „Hurra, wir leben noch“, Droemer Knaur, S. 1

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265 *) Klimawandel? Änderungen einiger solarer … Der aus dem jugo-slawischen Raum stammende Milutin Milanković erlangte als Geowissenschaftler bereits 1920 durch seine „Milanković-Kurven“ (oder Milanković Zyklen) eine große Aufmerksamkeit bei Paläoklimatologen und Quartärforschern. Die seit hundert Jahren bekannten Milanković-Zyklen zeigen periodische Veränderungen der auf die Erde wirkende Sonneneinstrahlung, die weit über eine jährliche Schwankungsbreite hinausgeht. Selbst die in einer Bandbreite von etwa 48.000 Jahren zu bemerkenden Schwankungen gehören nicht zuletzt zu Erklärungsversuchen, wie es überhaupt zu irdischen „Eiszeiten“ kommen mag. Eiszeittheorien sind aber seit dem 19. Jahrhundert genug auf der Welt.

266 *) Die Nacheiszeit … vgl. Stephan-Kempf, Günter (1982): „Zur glazial-morphologischen Entwicklung… unter besonderer Berücksichtigung des Spätgla-zials.“ Stichworte: Spätglazial, Postglazial, Holozän, vgl. Woldtstedt „Das Eis-zeitalter“, a. a. O., u. a.

268*) Der eigentliche Zweck … [Pirsig 2003, S. 113]

269 *) Von den einst … WILLIAM VOGT 1948, a. a. O. Diesen Biologen, Ornitho-logen und frühen kritischen Ökologen würde man heute in die Retorte der „Verschwörungstheoretiker“ werfen. „Die Erde rächt sich?“

270 *) Und mit der Wildheit … vgl. Johannes Mario Simmel: Hurra, wir leben noch, Droemer Knaur, 1978

278 *) Der Gewissenskonflikt… ihre Stammkneipe in Bad Betteldorf ist der „Keller“ (Café am Park) … mit Holger (15.09.1967

298*) Eine Distanz Mölders … vgl. ÜBERSCHÄR & WITTE, a. a. O.

305*) Meist nur Diener … Bloch 1959, a. a. O., S. 1090

305 *) Bloch 1979, S. 734

305 *) Aus einem Kurzfeature DLF, 19. Mai 2017

314 *) Die sich ablösenden Griechischer Mythos über das Eiserne Zeitalter (zit. n. Fromm 1981, S. 15)

317*)In diesen in kleiner… Zu Arthur Rimbaud‘s Handschrift…Sigrid Neudecker, ZEIT ONLINE, 20. Mai 2010

327 *) Indem ich mich … FRISCH 1980, a. a. O.,

328 *) Man achte auf … FRISCH 1980, a. a. O.,

329 *)Zwei Wochen vor … FRISCH 1980, a. a. O.,

329 *) Die Ehrlichkeit der letzten Ärsche … Als Kanonier in der Schweizer Ar-mee mochte Max Frisch, der seine frühen literarischen Versuche als ungenügend

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verworfen hatte, in den freien Stunden nur kurze Notizen verfassen und schrieb auf diese Art bereits im Herbst 1939 eine Folge lose zusammenhängender Be-trachtungen unter dem Titel Blätter aus dem Brotsack‘; FRISCH 1980, a. a. O.,

329 *) Die Lüge unter südlichem Licht … ROSSI 1939, a. a. O.

335 *) Letter from Brenda … Esther Brand, eine Brieffreundin von Felix, lebte im schönen Segelrevier Massachusetts, und ihr Vater nutzte einen Fahrtensegler.

339*)Die kleine Angst … vgl. Jürgen Becker1965 ????

341 *) Patti Smith … „Dream of Life = Patti Smith“, ein Dokumentarfilm USA 2008 (ZDF Kultur 21. Januar 2014, 22.25-00.15). Filmed by Steven Sebring. Auch hier viel Rimbaud. Durchaus würdige, tiefschürfend angelegte poetische Darstellung mit ihren vielen Gedichten und Liedern ... Horses ... etc.

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Anmerkungen zu 3. Kapitel (Band 1)(S. 319 – 556)

345 *)vgl. Rang, Bernhard, 1959, a. a. O.

351 *) Die documenta IV … kotige Sauereien … Auf der Kasseler Documenta von 1968 hatte auch der aufgeblasene Künstler Joseph Heinrich Beuys ausgestellt. Was wollte er uns damit sagen? Einmal gab es von ihm u. a. einen absolut echt aussehenden aber wohl nachgebildeten menschlichen Kot auf dem Boden zu bewundern. Dieser Haufen Scheiße wurde von einer Reinemachefrau dienstbeflissen im Müll entsorgt. Die Boys-Scheiße blieb später unauffindbar und hatte aber einen sehr hohen Wert im damaligen internationalen Kunsthandel.

Sehr ähnliches geschah Jahre später bei einer Kunstinstitution in der Schweiz, wo zentnerweise dekoriertes Beuys‘sches Fett (u. a. auf einem Stuhl, klammheimlich entsorgt wurde. In Deutschland war die ‚Beuys-Badewanne‘ auf einem SPD-Freundschaftstreffen natürlich zum Gläser spülen benutzt worden!

Insgesamt bestimmte Kunst aus USA mit über 50 Künstlern ein Drittel der ganzen Ausstellung, was zum Beinamen „Americana“ führte. 1968, im Jahr der Studentenproteste und Anti-Vietnam-Demonstrationen, löste das heftige Gegen-reaktionen aus – wenngleich die Demonstrationen in Kassel verglichen mit denen auf der Biennale in Venedig desselben Jahres vergleichsweise harmlos ausfielen: Studenten mit roten Fahnen störten Eröffnungsreden und Pressekonferenz. Sie wurde von einer rührigen Künstlergruppe erfolgreich in ein Anti-Happening verwandelt. Aktuelle künstlerische Tendenzen wie Fluxus, Happening und Performance fehlten ansonsten vollkommen.(vgl.4-documenta)

357 *) Nicht nur auf Scheißhäusern … RAF? = Rote Armee Fraktion? Das muss einem doch erst einmal per Agitation erläutert werden.

359 *)Alternative…Wir leben in einer gnadenlosen Zeit, in der uns von den

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Systeminhabern kein alternatives Verhalten außerhalb von physischem Gehorsam, psychischem Wohlverhalten und dem Konsum auf allen Ebenen zugebilligt wird. Die politische Diskussion wird mit dem patriarchalischen „Basta“ der heutigen Haustyrannen, mit der Titulierung „alternativlos“ abgewürgt. „Die Agenda 2010 und der Krieg in Afghanistan wurde auf diese Weise vom heutigen Gas-Tandler-Schröder verkauft. Seine Amtsnachfolgerin nennt die Milliarden-aufwendungen für Casinogangsterder „geretteten“ Banken undsowie die Fäkelaki-Republik Griechenland, in der Reiche grundsätzlich keine Steuern gezahlt haben, ebenfalls alternativlos“ (vgl Leserbrief Modebegriff „Alter-nativlos“ von Günter Schaefer, Wiesbaden-Biebrich, RMP., 29. Juli 2010)

361 *) Über die Unzulänglichkeit … Dreigroschen-Oper

374 *) Glasschrott wir alle! …vgl. Stephan-Kempf, Günter (2006): Vom grünen Dämmer. Gedichte (2). INSELJAHRE Band 5. Edition Geoteam Bad Schwalbach & Kampot. pp.? Archiv-Nr. 12510

382 *) Rottenknechte …

382 *) Presseabteilung des Deutschen Fernsehfunks (Hrsg.): Rottenknechte. Ein fünfteiliger Fernsehfilm von Gerhard Stueber, Klaus Poche, Frank Beyer. Fern-sehdienst-Sonderausgabe, o. O. [Berlin (DDR)] 1970/ *) Peter Hoff: Rotten-knechte. Die ersten Opfer des Kalten Krieges. In: Ralf Schenk (Hrsg.): Regie: Frank Beyer. Edition Hentrich, Berlin 1995, 196–202./ *) Frank Beyer: Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme, mein Leben. Econ-Verlag, München 2001/ *) Hess: Aufklärung und Propaganda. Agitationen der DDR gegen die Bundes-marine während des Kalten Krieges. Teil 1. MarineForum 1-2/2008, S. 45-47./ *) Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr (Hrsg.): Ausbildungsfilme der Bundeswehr. o. O. o. J., bundesarchiv.de (PDF 907 kB) zuletzt 2013.

383*)KONKRET unabhängige Zeitschrift für Politik und Kultur… Nr. 14, 30. Juni 1969, 56 pp., Erich Fried kam in Mode – und seine Gedichte – … S. 53

389 *)Du musst nur die Laufrichtung ändern! … Kinder 1978, a. a. O.

393 *) im wissenschaftstheoretischen Sinn … Georg Lukács*)György Lukács de Szeged; wurde am 13. April 1885 in Budapest geboren und starb dort am 4. Juni 1971. Er wurde zu einem bedeutenden Philosophen, Literaturwissenschaftler und Kritiker. Lukács gilt (zusammen mit Ernst Bloch, Antonio Gramski und Karl Korsch als ein herausragender Vertreter zur Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Starke Beachtung fand Lukács mit seiner Theorie des Romans (1916), einer lebensphilosophischen Analyse, in der er die Geschichtlichkeit als eine zentrale Kategorie des gesellschaftlichen Seins herausstellt und die „transzendentale

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Obdachlosigkeit“ der bürgerlichen Welt thematisiert. Lukács trat gegen Ende 1918 der Kommunistischen Partei bei. Nach seiner Hinwendung zum Kommunismus fasste Lukács dieses Problem als das der Entfremdung auf..In diesem Sinn schlägt sein wirksamstes Werk „Geschichte und Klassenbewusstsein – Studien über marxistische Dialektik“ von 1923 eine Brücke von Hegel über Marx zu Lenin und Rosa Luxemburg. Das Buch wurde zwar von der KPD abgelehnt, trug aber zur Linksorientierung der europäischen Intellektuellen in den 1920er-Jahren und zur Entwicklung des Neomarxismus entscheidend bei. Lukács distanzierte sich jedoch später teilweise von diesem Werk, was stets den Erfordernissen, neuer, qualitativer historischer Ereignisse geschuldet sein sollte (vgl. das Vorwort zur Neuauflage von 1967).

404 *) Und schon bist du ein Verfassungsfeind – das unerwartete Anschwellen der Personalakte des Lehrers Kleff… Rotbuch-Verlag. Schneider, Peter (1975)

405 *) In jeder Verfassung … Bezugnehmend auf Äußerungen der deutschen Bundeskanzlerin Merkel, die im ZDF-Sommerinterview die Überwachungs- und Spionageaffäre 2013 als „umfangreich aufgeklärt“ bezeichnet hatte, sagte das Enzensberger während eines Interviews zusammen mit Frank Schirrmacher in der ARD-Sendung ttt-titel,thesen, temperamente. Merkel: Fragen in der NSA-Affäre sind geklärt. Heise online, archiviert vom Original am 21. August 2013

416 *) In Berlin saß ich … Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. a. a. O.

417 *) Rote Hilfe…

419 *) Herodot . . . (Zitat: berühmtezitate)

425 *) hypertonisch …. Hyper-Toni = Hypertoni lustiges, buntes Kunststoff-Figürchen als Werbegag um 1985? Aus einer ebayanzeige: Hersteller: Schleich (vgl. Schleich-Ritter), Größe: H: 120mm/B: 100mm/T: 70mm; Die Figur wurde für das Pharmaunternehmen Knoll und ihr Blutdruckmedikament Isoptin RR hergestellt. Sie ist sehr selten und war im Einzelhandel nicht erhältlich! 15.-Euro; Selbstabholer bevorzugt; Versand: Vorkasse per Überweisung / + Versandkosten 5 € / unversichert.

425 *) Zum Fasten… Nietzsche, a. a. O.

430 *) Es kann nicht überraschen … Joseph Weizenbaum 1972, a. a. O.; A Rebel at Work. Dokumentarfilm, Deutschland, USA, Österreich, 2006, 80 Min., Buch u. Regie: P. Haas und Silvia Holzinger

431*) Literatur enthält … Streeruwitz, 2018

431*) Literatur ist immer …Streeruwitz, 2018, a. a. O.

432*)Romane lieh sie sich ausBücher von Harry Martinson [Reisen

ohne Ziel; Cape Wrath u.a.] haben den Autor vor einigen Jahren sehr beeindruckt.

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Was hat es nun mit dieser Moa Martinson auf sich? Ihren Namen erhielt sie aus

einer zweiten Ehe mit Harry Martinson, die 1941 geschieden wurde. Moa ist zur

anerkanntesten schwedischen Schriftstellerinnen mit eigener proletarischer Biografie geworden. Ihr Werk kann mit Recht als klassische Arbeiterliteratur bezeichnet werden. Ihr literarischer Nachlass erscheint weiterhin aktuell, und ihr Bekanntheitsgrad, insbesondere in Schweden, ist bis heute hoch. [vgl Johansson 1997, 22]

434*)Die Bescheidenheit eines Kulturschaffenden …Bertolt Brecht war auch fanatischer Automobilliebhaber. Vielleicht wollte sich der von modischen Luxus-karossen Besessene etwas von seinem Fuhrpark sogar vergolden lassen.

435*)Seiner Intelligenz entsprechendPirsig 2003, a. a. O., S.91

435 *) Es ist zum verzweifeln Bertolt Brecht Tagebuch 28.7.1942 a. a. O.

436*) Proust, Marcel (1984): Der Gleichgültige, Suhrkamp tb 1004, zwei-sprachige Erzählung: 1. Auflage, deutsche Seiten ungerade 41-93

439 *) Und was er wirklich dachte Pirsig 2005 a. a. O., S.185

441*) Kreative Aspiranten … Als der Stimmung Ausgesetzte ... Andersch 1971, a. a. O., S. 85 f.

442 *) Bitterschokolade … für Erich Mühsam vom Schreiben in Zeiten der Cholera. Für Erich Mühsam (Als Vorwort und hinterher zu lesen gemeint). Aus: Stephan-Kempf, Günter (2010): Bitterschokolade – Über den Zustand in einem Kopf. INSELJAHRE Band 12. Edition Geoteam Bad Schwalbach. Archiv-Nr. 14945, S. 127 ff.; Erich Mühsam war ein engagierter Sozialist, später Kommunist, schon sehr früh der KPD nah, verstand sich als Schriftsteller, enga-gierte sich 1918/1919 an der Novemberrevolution auf der Seite der Arbeiter- und Soldatenräte, war Antimilitarist, Kolumnist, Autor vieler Schriften und Gedichte: u. a. (1920): Brennende Erde. Erich Mühsam wurde von den Nazis im Gefängnis schwer gefoltert und schließlich ermordet.

442 *) Bei allem … Komplexe … FROMM 1981, Anatomie der menschlichen Destruktivität, a. a. O.

445 *) Das Sinnlosigkeitsgefühl … DUBBE 1987, Schreiben, a. a. O., S. 56

446*) An Englische Schulen …sollen kein antikapitalistisches Material mehr im Unterricht verwenden. (vgl. LZ, 29. September 2020)

448 *) Das Finanzkapital… selbst auf die Gefahr des Galgens … Marx-Engels-Werke, S. 788, Fußnote

451*)Jeder vornehmere GeistFriedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.

vgl Vgl. Nietzsche (1963): GDM 1. Abh. (6), S. 25

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453 *) Allmählich müsste es … negiert worden bin. DUBBE 1987, a. a. O., S. 54

456 *) Das Salz der Erde … Peter Bamm. Rostinki

457 *) Das Volk in Eisen …Walter Flex

457*) bis in den Untergang hinein …ÜBERSCHÄR & WITTE 2011, a. a. O.

459 *) Beginn der „Marseillaise“ …wobei sich der blutrünstige Strophentext

der letztlich auch rassistischen Tirade noch immens steigert! 1914 entstand sogar

eine zum Ausbruchs des Ersten Weltkriegs explizit gegen das kaiserliche Deutsch

-land gerichtete noch haarsträubendere Fassung. Für die unterjochten Menschen

in den französischen Kolonien wurde eine weniger militaristisch-aggressive

Fassung gedichtet, um freiheitsliebende Kolonialuntertanen nicht auf falsche

Gedanken zu bringen (sic). Mit dem russischen Text Lasst uns die alte Welt

verdammen diente die Marseillaise während der Zeit der Provisorischen Regie

-rung der Februarrevolution 1917 für ein Jahr als russische Nationalhymne.

460 *) Weiss ich, was ein Reis ist …: Bertolt Brecht: Kalendergeschichten

468 *) neun griechische Göttinnen …* Musen: neun griechische Göttinen der schönen Künste und der Wissenschaften, Töchter des Zeus: Klio (Geschichte), Euterpe (Musik), Thalia (Komödie), Melpomene (Tragödie), Terpsichore (Tanz), Erato (Liebesdichtung), Polyhymnia (ernster Gesang, Pantomime), Urania (Sternkunde), Kalliope (Epos, Elegie).

„Wenn man bedenkt, dass es Idioten gibt, die Trost aus den schönen Künsten schöpfen. Wie meine Tante Bigeois: >Die Préludes von Chopin waren mir eine solche Hilfe beim Tod deines armen Onkels.< […] sie glauben, dass die Schönheit mit ihnen fühlt. Die Arschlöcher.“ (Sartre 1968, a. a. O.).

469*) Polybios:Griechisch-Römischer Geschichtsschreiber (ca. 200-120 B.C.). War zunächst griech. Staatsmann zur Zeit des Achäischen Bundes, kam 166 als Geisel nach Rom und ist für seine 40-bändige Weltgeschichte berühmt. P. verzichtet erstmals auf übliches rhetorisch/tendenziöses Beiwerk und stellt meist nur Fakten dar, er steht für das Postulat einer quasi wissenschaftlichen historischen Wahrnehmung und wird bis heute als faktenneutraler Geschichtsschreiber sehr geschätzt.

469 *) Verres war für einige Zeit Statthalter der 1. Römischen Provinz Sizilien, welche von Karthago im Jahr 227 B.C. nach dem 1. Punischen Krieg an Rom abgetreten werden musste. Verres beging viele Jahre lang wohl organisierte Unterschlagungen von Steuern und Warenkontigenten, benutzte einen Großteil seines Geldes zur permanenten, wohl kalkulierten Bestechung höchster Politiker und anderer Personengruppen in Rom selbst, konnte dadurch bei einem großen Prozess gegen ihn einen Freispruch vor dem Gesetz erwirken und sein

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beachtliches restliches Vermögen im Alter genüsslich verleben.

469 *) Roberto Saviano: „Die Mafia mag zwar in der Lage sein, mich zu töten. Aber sie ist nicht in der Lage, meine zahlreichen Verbündeten zu töten, nämlich meine Leser. Deswegen ist ihre Furcht vor der Literatur so groß.“ Roberto Saviano (wendet sich als Autor gegen die Verbrechen der sizilianischen Mafia und der neapolitanischen Camorra. Veröffentlichungen auch in Deutschland (Bücher, Magazine und Wochenpresse) etwa ab 2007.

470 *) Corruuptus classicus … Honratio C. C. . . . vgl. Anmerkung zu 145 alt1)Klassische Dichtung …* richtig: Dichtung der Klassik, auch als zeitl. Epoche. Die Klassische Literatur ursprünglich für Autoren, die sprachlich korrekt, klar, kunstgemäß und konform schrieben (Versmaß); für das griech.-röm. Altertum als stete, vorbildliche Kulturepoche national vollkommen überhöht. Der Begriffskomplex mündet u.a. in die Klassische Musik … Vom Wort her besteht eine Ableitung von Klassifikation (Einordnung, Systematisierung, Gliederung etc.); lat. classicus „zur ersten (Steuer-) Klasse gehörig.“ … Classicus corruptus = Spitzensteuersatz für die reichste Klasse in modernen Staatsformen; auch: Honoratio C.C. = die allerhöchsten Würdenträger.

470 *)10) Copiste … „Was ein Mann wirklich braucht, das ist eine Juliette Drouet, alsdunkeläugige Schönheit, die ihm seine Manuskripte schreibt, die er despotisch behandelt und bisweilen äußerst zärtlich lieben kann (…)“ Stephan-Kempf 2003, a. a. O., S. 353.

471 *)Der moderne … Epos und Elegie

474 *)Korruption des Frühlings“ Gilt demagogisch für den Adenauer-Staat resp. fürdas‚Wirtschaftswunder‘, die Restauration des Militarismus sowie die stillschweigende Integration alter Nazis im politischen und ökonomischen Überbau. „Korruption ist nur ein Schimpfwort für die Herbstzeiten eines Volkes“, was für Deutschland aber nicht zur nationalökonomischen Selbstaufgabe innerhalb der EU und der neokapitalistischen Globalisierung, aber eher für den privatisierenden Abbau des einst vom Volk errungenen Sozialstaates und der sichtbar rasanten Vermögensumverteilung zugunsten des Großkapitals selber gilt. (vgl. Friedrich Nietzsche 2007, 23, Die Anzeichen der Korruption. a. a. O., S. 62).

475 *) Vermutlich haben sich bereits…* Thomas Morus *1478-1535 war

Großkanzler unter Heinrich VIII., wurde von ihm wegen der Verweigerung des

Suprematseides hingerichtet. Trotz seiner umstrittenen Zukunftsschrift „Utopia

1935 Heiliger der Katholischen Kirche. Morus stand in Kontakt zu dem

Humanisten Erasmus von Rotterdam, was ihm sicher bereits verleumderische

Verdächtigungen einbrachte. Francis Bacon*1561-1626 engl. Philosoph und

Wissenschaftler und Politiker 1618 Lordkanzler. 1621 Bestechungsprozess.

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Vordenker des Empirismus (Wissenschaftstheorie), gilt als wichtiger Vorläufer

einer modernen (empirisch gestützten) Wissenschaft. Der berühmter Ausspruch

von Bacon „Wissen ist Macht“, wurde von Lenin adaptiert.

476 *)Auguren …

477 *)Terrorismus … „Durch ständige Wiederholung in den „Hauptsende-

zeiten“wurde Terrorismus zur zentralen Vision des Megabewusstseins, zum

Humanitätspegelitätspegel. Die kritische Einstellung hat zur Voraussetzung, dass

einer gegen den offiziellen Nachrichtenstrom sein eigen Bild halten kann.“ vgl.

Dubbe 1987, a. a. O., S. 53.

477 *) Der Wind … LAWRENCE: Die 7 Säulen der Weisheit, a. a. O., S. 361 f.

478 *) Moral soll etwas … vgl. Nietzsche 2007, 52 Was andere von uns wissen. a. a. O., S. 80

478 *) Sachbücher … zum Ekeln?

482 *)Ein großer Teil … Medien von heute …

482 *) Aufbegehren der Jugend … Die zornigen jungen Wilden (Marlon Brando, James Dean) wurden in Deutschland alsbald durch Peter Kraus und Cornelia (Conny) Froboess abgepuffert. Der Vietnamkrieg, der einzige und ganz sicher auch nicht der letzte Völkermord-Krieg in der Weltgeschichte, der bald darauf nahezu ständig von bürgerlich „freien“ TV-Medien – sic! direkt in die westlichen Wohnzimmer übertragen wurde, war wegen seiner unübertroffenen Präsenz (nur noch von „Klimapropaganda“ und der „Corona-Krise“ 60 Jahre später übertroffen, wobei diesmal ein kritischer Linksruck vermieden wurde), das Fanal zu einer linksintellektuellen Radikalisierung besonders im Machtbereich der Nato, zugleich zum Versuch der Deutschen Sozialdemokratie, ihre abstrusen Vorstellungen zur Reform des totalitaristischen Kapitalismus an die Wäscheleine zu den roten Socken hängen zu müssen. Der frische Wind kam aus dem Munde von Willy Brandt: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Das war eine lange zuvor mit den Amerikanern abgesprochene (sic) und deshalb von ihnen wohl erlaubte LÜGE. Entspannung? Während der Westen aufrüstet? Die inzwischen von der Bildfläche verschwundenen Chaoten, wie Brandt sie, wortschöpferisch wie er war, erstmalig bezeichnete – sensu Carl von Linné, so auch in paläontologischer Nomenklatur: Chaotum bestialis (Brandtii) – waren sehr bald dennoch Lehrer und gar Innen-, Umwelt- und Außenminister in diesem Land, in dem vermutlich fast zu viel gewagt worden war, allein um einem obsiegenden Neokapitalismus ganz ohne ein menschliches Antlitz gerecht zu werden.

Willy Brandt, der es als einziger jemals noch lebender ehemalige Kommunist mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie (SPD) bis zu deren Bundeskanzler

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geschafft hatte, wurde weder vor ein Peleton gestellt noch guillotiniert, er wurde schon gar nicht an einer Laterne erhenkt: Nein, man hat ihm sogar den Friedensnobelpreis umgehängt.Er wurde durch Spionage und Freundesverrat „Guillometiniert“! Eine ab da bewährte Methode zur politischen Hygiene (auch Barschellisierung), zumal die Reichswehr, ihre mordenden Offiziere und ihr gesamtes, preußisches Landjunker-Pack für praktische Zwecke nicht mehr zur Verfügung standen.

Die beiden Heinze Rühman & Erhardt waren nach Hans Albers & im Glück sowie den beiden Willis Birkel & Millowitsch zu wahren Volkschauspielern aufgestiegen. Die beiden Gustave Noske & Gründgens waren schon lange passé. Eckes-Edelkirsch, Racke-Rauchzart und natürlich „Ein frisches PILS – woll!“ brachten die germanischen Gewohnheiten vom Bärenfell auf die Couch im Wohnzimmer. Die Jugend blieb (nachkriegskritisch) draußen vor der Tür, lernte Gitarre spielen und ließ sich die Haare wachsen. Die Daddys hockten stumm im Sessel und verdrängten HB-rauchend allabendlich ihren Russlandkrieg. Nur der arme Wolfgang Neuss blieb übrig! Einsam und von allen verlassen irrte der Stadtindianer in seinem Berlin umher. Ich habe ihn über die langen Jahre niemals getroffen. Als ihm alle seine Zähne ausgefallen waren, starb auch er. Nicht nur seine Frisur erscheint mir bis heute vorbildlich, auch seine Konsequenz das Leid, das ihm geschah, nicht erfunden zu haben wollen. Auch er starb im Elend (vgl. Über die Zukunft des Elends, S. 271 f.; i. d. Band).

484 *)Die westliche Gesellschaft …*Gheorghiu 1953, a. a. O., S. 227

486 *)Die erste Stufe … Aber wenn der nächste… Kikiriki-Stunde… Mundzeck 1984, a. a. O.; in: Wieck 1988, S. 150)

487 *)unentdeckter Handke …Handke 1979, a. a. O.

494 *) AICHINGER o. Jg., a. a. O.; vgl. *) Iris Radisch: Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin. In: Die Zeit, Nr. 45/1996; *) Iris Radisch, a. a. O.; *) Günter Kaindlstorfer: Ilse Aichingers Auf-zeichnungen. Deutschlandfunk-Sendung „Büchermarkt“, 15. November 2005)

494 *) vgl. Holthusen 1952, a. a. O., S. 31

495 *) In Deutschland … Zentrifugale … Das Paradoxe … André Malraux, … das Paradoxe, das herbeigeredete Absurde, das Unmögliche einer erlebten Situation, die trotzdem aus vielen bekannten Gründen ausgehalten wird. Gottg

496 *)Sie haben sich selbst heilig vgl. Holthusen 1952 vgl. Malraux

499 *)Wir leben aber …vgl. Caitlin Johnstone in LZ, vom 5. Dezember 2020

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500 *) 1,5 Billionen … kostet allein nur den Steuerzahler … steigende Rüs-tungsausgaben *) vgl. u.a. Todenhöfer 2003, 2009; Corn 2004; Hopsicker 2004; Klein 2003; Wette 1971

501*) Gewöhne dich daran, Welt… Die Atombomben, die im August 1945 auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die Millio-nen vietnamesischer Zivilisten, die von Napalm und Agent Orange getötet wur-den, das gemarterte Falludscha im Irak, eingezingelt und belagert , verbrannt mit weißem Phosphor ... Extreme im endlosen Raum des Grauens, den das Imperium der Menschheit in der Erinnerung hinterlassen hat. Die irakische Stadt Fallud-scha am Euphrat verkörpert wie keine andere die Folgen der verbrecherischen amerikanischen Besatzung. Bis 2003 war Falludscha eine wohlhabende Stadt mit 300.000 überwiegend sunnitischen Einwohnern. Sie war eine der ältesten konti-nuierlichen städtischen Siedlungen und als „Stadt der Moscheen“ bekannt. Nachdem sie vom US-Militär und seinem Klientel-Regime in Bagdad über drei-zehn Jahre lang zerstört wurde, ist sie heute ein lebloses Labyrinth aus Ruinen.

502 *) weil Menschen sind … „(…) Gletscher sind schon da. Man muss sie dort erschaffen, wo sie nicht sind, weil Menschen sind.“ (vgl. Karl Kraus, 1986. Aphorismen, Sprüche und Widersprüche. Pro domo et mundo. Nachts. Suhrkamp tb. Frankfurt am Main.

503 *) August der Schäfer …SongtextFranz Josef Degenhardt (1967?)

504 *) Angela Merkel und das Gespenst der Leitkultur … vgl. Gerd Klee, RMP, 17. März 2006

505 *) Ach, würde Voltaire sagen … Huisman a. a. O., S.laube?

506 *)War dies der Tag … Dubbe 1987, a. a. O., „Isolation in El Paso“, S. 46.

506 *)Die einzige, die wir…Eliot … vgl.Holthusen 1952

507 *)hieraus spricht … Holthusen 1952, a. a. O., S.

509 *)Komm auf die Schaukel, Luise … Liedertext: Volksschauspieler Hans Albers besingt die Hafenschönheit Luise im Ufa-Film: „Große Freiheit Nr. 7“

509 *) Das ist die einzige Hoffnung … „Das heißt, wir hoffen am Leben zu sein!“ Gheorghiu 1953, a. a. O., S. 227

510*) Sind wir durch die Vertreibung…* Paul Valéry (der Freund Rilkes), veröffentlicht spät den Gedichtband „Charmes“ … „Wir wissen nun, dass die Kulturen sterblich sind“, lautet einer seiner berühmten Sätze. Es gibt auch ein kleines mythische Aperçu von Valéry: nach dem Gott der Herr bei der Vertrei-bung des Menschen aus dem Paradies diesem den Fluch nachsendet: „Zu deiner Strafe sollst du schöne Dinge machen.“ vgl. Holthusen 1952, a. a. O., S. 16.

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511*)Da ist es gedruckt worden …Das schlechte linke Gewissen …für den obenstehenden Abschnitt kursiv gesetzten Textstellen: Volker Pispers. Kabarettistische Veranstaltung im Unterhaus Mainz. Kein Eisen ist Volker Pispers zu heiß. Rhein-Main-Presse 15. Februar 2010, S. 16.

514 *)Pascal als Satiriker …

515 *) Man rühmt das Mitleid … Nietzsche 2007, a. a. O., S. 48.

516*) Sich über die Philosophie … Pascal, in Huisman 1997, a.a. O.,

521 *) Achtung! Korrekturen … im nüchternen Zustand.Weisen auf die prakti-sche Unterscheidung zwischen der inhaltlich, stilistisch, dramatischen Überar-beitung eines Textes und seiner Korrektur im Sinne der Rechtschreibung, wie auch die lästige Interpunktion hin. „Vielleicht gibt es die Entwicklung zu einer Form, die sich nicht immer nur durch Reduktion erhärtet (was mir jetzt wie die Entsprechung zur zwangsläufigen kleinbürgerlichen Beschränkung und Ärmlich-keit vorkommt), sondern durch Erklärungen und Vervollständigungen erweitert würde; nicht mehr streichen, sondern jeder Verästelung folgen; außerdem könnte sein, dass die monologische Existenz zu Ende geht, und dass aus der Auseinan-dersetzung mit Anderen mehr Stoff entsteht.“ (Dubbe 1987, a.a. O., S. 50.)

524 *) Klimaerwärmung… Bei einer von der Vielzahl der Naturwissenschaftler vorhergesagten Klimaerwärmung erscheint der extrem schneereiche Rekord-winter 2009/2010 als kehre sich die Natur ins Gegenteil. Bei einer Forschungs-arbeit, die der Autor 1981 im schottischen Hochland (Lochnagar und Loch Muick Gebiet) durchgeführt hat (FU-Berlin, Inst. f. Phys. Geographie 1982)., stellte sich heraus, dass während der nacheiszeitlichen europäischen Klimaerwärmung im Zentralen Hochland Schottlands eine Erniedrigung der mittleren Julitempe-raturen um etwa 7° Celsius (!) erfolgte, die zu einer extremen zwischenzeitlichen Neuvergletscherung (Talgletscher mit Eiskappen) führte (Loch-Lomond-Readvance um 11.000 B.P.). Ursache waren mit größter Wahrscheinlichkeit die mit Erwärmung des atlantischen Ozeanwasser verbundenen, erhöhten Herbst- und Winter- Niederschläge, die bis in die nordöstlichen Grampian-Mountains hinein letztlich auch zu sehr hohen Schneemengen führten

524 *)Alle Stimmen klingen …* Nietzsche 2007, 182, a.a. O., S. 16

526*) Diese kleinen Kläffer … Publikum versauen… Dubbe 1987, a. a. O., S. 54

527 *)Die nichtklassische Physik …* Holthusen 1952, a. a. O., S. xx

531 *)Flaschenteufelchen …* als bekannte Geschichte von Robert Louis

Stevenson; hier Abbildung (als Platzhalter) Thomas Theodor Heine (1867-

1948). Plakat, um 1900, (München, Neue Sammlung). Musste 1933 emigrieren,

bekannt für seine Zeichnungen beißender Satiren und ironischem Humor (Satire-

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zeitschrift Simplicissimus!), Heine war als vielseitiger Künstler mitbestimmend

im Jugendstil

531 *) Wo nur noch …Dubbe 1987, a. a. O., S. 54

531*)Die Erlebniswelten …vgl. Hermann Lenz. im Originaltext „berechen-bare Zukunft“: 2. Abs., S. 193

532*) Wenn um das dümmste Mädchen … * Ringelnatz 2004, Vom Seemann

Kuttel Daddeldu, „Noctambulatio“ , a. a. O., S. 40

533 *) Giff öß e Whisky … * Ringelnatz 2004, Vom Seemann Kuttel Daddeldu,

Daddeldus Lied an die feste Braut, a. a. O., S. 11

534 *)Aber das war es nicht … vgl. a.Faulkner 1972, a. a. O., S. 23

534 *) Nicht wie … Ernst Jünger (1936): „Man müsste leben wie ein Schiff,

alles an Bord, was man nötig hat, und immer gefechtsbereit.“

534 *) Auf die Schiffe … Nietzsche

534*) Das Widerliche hinter sich lassen Hermann Lenz

536 *) Beizeiten kehren … Matthias Beltz

539 *) Wir Europäer Christentums … Friedrich Nietzsche

540 *) Einladung in die Hölle … Soldatinnen, Soldaten, Brüder … dem Katho-lischen Militär-Gesangbuch (MG-1968) nachempfunden! Ein eher völkisches evangelisches (MG) stand dem Autor während seines 18-monatigen (1,5 Jahre!) Kriegsdienstes leider nicht zur Verfügung. Szenario im Jahr 2020: Die Rüstungs-exporte steigen unentwegt, sie haben sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt (!) Deutschland führt in mehreren Länder der Welt Krieg, der Grundwehrdienst wird auf sechs Monate reduziert! Auch das professionelle Kriegführen wird privatisiert und noch profitabler.Wo ist bei allen künftig zu verschärfenden ZWANGS= IMPFUNGEN eigentlich die ZWANGS=TAUFE geblieben? Hat man die in der Notstandsgesetzgebung vergessen? Die Kirchen=AUSTRITTE stehen immer mehr in einem klaren Missverhältnis zu politischen Scheißhäusern und mit dem Rizinusöl der Algorhythmen manipulierten Wahlergebnissen in der demokrati-schen Kloake (G7-Gipfel und 5. Reinigungsstufe, nach der Dephospatisierung).

541 *) Die Philosophie … Achard, Marcel in seiner Antrittsrede vor der Académie Francaise. In: Huisman 1996, a. a. O., S. 20.

544 *) Betriebsergebnisse … [Meldungen aus der „Plan“-Wirtschaft]: Allianz fährt Milliardengewinne ein. Der Konzern konnte seinen Überschuss auf 4,4 Milliarden nahezu verdoppeln, ein sattes Gewinnplus von 31 Prozent. Der Gewinn der Dresdner Bank legte um ein Drittel auf 775 Millionen zu. 2005 war für Altana das zehnte Rekordjahr in Folge. Der Konzerngewinn stieg um 16

591

Prozent auf 438 Millionen. Der Fotodienstleister CeWeColor will seine Divi- dende verdoppeln. Autovermieter Sixt hat seinen Überschuss auf insgesamt 55,9 Millionen mehr als verdoppelt. Beim Jahresüberschuss legte das Pharma-Handelsunternehmen Celesio um 25,3 Prozent auf 424,9 Millionen Euro zu. Der Umsatz der Edeka-Gruppe erhöhte sich 2005 um 20,6 Prozent auf 38,06 Milliarden. Das Betriebsergebnis von 480 Millionen soll mittelfristig um 30 bis 50 Prozent steigen. (03/17/2006). Fazit: Die Gewinne der Unternehmen stiegen deutlich, das Nettoeinkommen der deutschen Arbeitnehmer hat sich dagegen deutlich verringert.

544 *) Gewinner der Globalisierung (dpa) Der Gerling-Konzern kürzt die Betriebsrenten für seine Mitarbeiter künftig um 30-50%. Diese Ausgaben seien nicht mehr zu finanzieren. Die diesbezügliche fette Versorgung der Manager des Konzerns bleibt von dieser Regelung selbstverständlich verschont. (01/07/2004)

Die Belastung für Bürger wird dagegen immer höher. Das Sparpaket der Bundesregierung trifft fast jeden … Verbände protestieren massiv. (04/29/2004)

BERLIN (dpa) Der Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst hat zu einem heftigen Parteienstreit im Bundestag geführt (…) FDP-Generalsekretär Dirk Niebel griff den Ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske scharf an und nannte ihn einen durchge- knallten grünen Gewerkschaftsfunktionär, der eine Auseinandersetzung aus dem vergangenen Jahrhundert führe. Der Arbeitskampf gehe zu Lasten der Bürger.

544 *)Die Lügenpresse … Politiker oft sehr üppig versorgt. Bund der Steuer-zahler legt Berechnungen vor. Im Jahr 1552 hätte ein bundesdeutscher Durch-schnittsverdiener seinen Job antreten müssen, um sich die Pension von Bundesfinanzminister Hans Eichel zu sichern. Das wurde bereits am 25. September 2007 bekannt. Also hätte vor 466 Jahren vor 24.355 Wochen bzw. 170.491 Tagenein normaler Arbeitnehmer seine Rentenzahlungen beginnen müssen, denn das Einkommen der deutschen Bevölkerung ist in den letzten Jahren deutlich geschrumpft! Im Jahr war Iwan der Schreckliche Zar von Russ-land, Sir Walter Raleigh einer der Bezwinger der Spanischen Armada wurde ge-rade erst geboren. Man muss sich gegen die mächtigen Emporkömmlinge wehren, auch wenn sie immer reicher werden! Gerade deshalb! (RMP, 30. Juni 2009)

544 *) RMP , Dezember 2009

549 *) Brüning, Heinrich Aloysius Maria Elisabeth (1885– 1970) was a German

Centre Party politician and academic, who served as Chancellor of Germany

during the Weimar Republic from 1930 to 1932; was followed by the wordl

greatest succesfully faschist Adolf Hitler. (vgl. wikipedia).

.551 *) Wir sollten dieses… Der Begriff „Leitkultur“ wird in Deutschland immer

592

wieder aufgebracht, wenn es um die Frage geht, in welchem Maße sich Migranten

integrieren sollten. Er ist allerdings mit Recht hoch umstritten. Anfang des Jahr-

tausends hatte der CDU-Politiker Friedrich Merz die erste breite Diskussion über

eine „deutsche Leitkultur“ los getreten. Ursprünglich kommt der Begriff aus der

Landwirtschaft und beschreibt dort die vorherrschende Pflanzenart in einem Bio-

top. Merz verwendete den Begriff damals weniger als Integrationshilfe und eher

als politischen Gegenbegriff zum Modell des grünlastigen Multikulturalismus.

Einwanderer müssten sich an die „freiheitliche deutsche Leitkultur „anpassen“ –

dazu zählte Merz vor allem das Grundgesetz, die deutsche Sprache und Werte

wie Gleichberechtigung. In der Folge wurde Merz immer wieder vorgeworfen,

von Migranten einseitig Assimilation, also Anpassung, einzufordern. Von den

Grünen kam der Vorwurf, sich rechtsextremem Gedankengut anzunähern.

Vorwurf einer Wahlkampf-Rhetorik. – Heutzutage findet sich die klare abgrenzen

de Vorstellung von Leitkultur allein im Programm der AfD, wo sie hingehört.

Aber im Parteiprogramm von CDU und CSU hat der Begriff schon vor rund zehn

Jahren Eingang gefunden. Die Union will das aber als Integrationshilfe verstan-

den wissen, wie zuletzt im September 2016 die CDU in Sachsen, dem Bundes-

land im Osten, in dem Pegida seinen Anfang nahm und die AfD beachtliche

Wahlerfolge feiert. Wie damals geschehen, werden mit der Leitkultur-Debatte

immer auch Permanent-Wahlkampf geführt und Stimmen am ultrarechten Rand

gefischt. Europäische Leitkultur? – Den Begriff in seiner politischen Bedeutung

hatte erstmals der syrischstämmige Islamforscher Bassam Tibi von der Universi-

tät Göttingen verwendet. Er plädierte 1998 für eine „europäische Leitkultur“,

wozu etwa Menschenrechte, Toleranz und die Trennung von Politik und Religion

gehörten, auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, die gemeinsame Geschichte und

gemeinsame Traditionen bezogen.

Erst mehr als 60 Jahre nach Holocaust und Kriegsende, genau zur Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006, wurden auf den Straßen Deutschlandfahnen geschwenkt, ohne dass dies überwiegend negative Assoziationen auslöste. Damals wurde erstmals ein neuer Patriotismus sichtbar, der nicht auf Basis von Überhöhung und dennoch weiterhin fragwürdig funktioniert.

Bundesinnenminister de Maizière hat einen Zehn-Punkte-Katalog für eine solche deutsche Leitkultur vorgelegt. Wer diese nicht kenne oder gar ablehne, dem werde eine „Integration wohl kaum gelingen“, betont der Christdemokrat. (30.04.2017). Bundesinnenminister Thomas de Maizière sorgt sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und regt eine neue Debatte über einen altbekannten Kampfbegriff an. Keine schlechte Idee, meint Marcel Fürstenau (30.04.2017). Mit seinen Thesen zur deutschen Leitkultur hatte Bundesinnenminister de Maizière eine anhaltende Diskussion angestoßen.

593

Während die Opposition die Debatte für überflüssig hält, wünscht sich die Union jetzt endlich konkrete Taten. (02.05.2017)

553*)Bedrohliche Vorgänge in der ganzen Welt …Das Forschungsministerium

des US-Verteidigungsministeriums plante eine Internetbörse, an der auf das Ein-

treten wirtschaftlicher und politischer Ereignisse im Mittleren Osten gewettet

werden sollte – Terroranschläge und die Ermordung Jassir Arafats inklusive.

Nach einem Proteststurm (von wem eigentlich?) wurde das Projekt vorläufig ge-

stoppt. (2. August 2003)

556 *) Denn ein Mensch ohne Nahrungund macht sie sichtbar. (Bloch 1979, DPH, a. a. O., S. 71 f.)

556 *) der wirkliche Dichter … Döblin, A. (1963): Aufsätze, a. a. O., S. 352

556 *) Der Durchschnittserzähler … Döblin, Alfred (1928 ??? /1963): Aufsätze zur Literatur. Hrsg. V. W. Muschg. Olten, Freiburg i. Br., S. 112-115.

558 *) Von Dioxinen verseucht … Agent Orange – Auf ewig verseucht! vgl. TV-Doku, N24, 14. Dezember 2015

559 *) Der Frühling … Lachen des Blöden. Rimbaud 1982, a. a. O., S. 265

559 *) Schon Herbst Rimbaud 1982, a. a. O., S. 323

565 *) Verwunderlich ist … Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses“ war Thema der von Michel Foucault am 2. Dezember 1970 gehaltenen Antrittsvorlesung zur Berufung auf den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl zur „Geschichte der Denksysteme“ am Collège de France. Die Vorlesung wurde in einer erweiterter Fassung 1971 als „L’ordre du discours“ in Paris bei Gallimard veröffentlicht.

567 *) vgl. Schwarz, 2008: Privateinkommen in der BRD

569 *) eher gemütlich odr . . . Dieses „odr“, sehr ausgeprägt im Schwyzerdütsch, entspricht einem „gell“ oder „eh“ im Deutschen je nach regionalem Dialekt oder anderen angesagten zeitgeistigen Sprachmoden. Es ist nicht zuletzt dem restriktiven Code, einer Huldigung der Sprache der unteren Schichten verhaftet. Im elaborierten Code der Hochsprache würde eher das „Nicht wahr?“ als ständig wiederholte Endfrage in einem Dialog benutzt werden. Nach einer Ansage und einem Satzende wird vom Dialogpartner eine Empfangs-Bestätigung erwartet, was zugleich auf eine stets erhoffte Gruppenzugehörigkeit des eigenen Individuums hindeutet. (aus einem Brief an Steffen, 08/07/2017)

570 *) Dagegen gerichtet … als ein Held sterben … Thomas Mann (1915): Betrachtungen eines Unpolitischen. Auch Thomas Mann (1914): Gedanken im Kriege; Stephan-Kempf (2018): Nichts neues vom Wendehals – Der Krieg ver-

594

wandelt den Menschen. In: INSELJAHRE Band 21 Spiegelungen, S. 205 ff.

571 *) Unsere Lebenszeit … Gegen das Vergessen … vgl. Moshe Zuckermann, Susann Witt-Stahl (2021): “Gegen Entfremdung. Lyriker der Emanzipation und streitbarer Iintellektueller – Gespräche über Erich Fried, 128 pp. Westend Verlag

***

?173/2*)Europa, reicher Kontinent, und Albanien ist mittendrin. – „In Albanien zählen Richter zu den reichsten Männern im Land. Wie kommt das, obwohl sie etwa offiziell nur 800 Euro im Monat verdienen. Albanien wird EU-Mitglied, die Frage ist nur wann. Albanien ist das stabilste Land im ganzen Westbalkan. In Albanien verdienen Lehrer so wenig, dass viele von ihnen nicht in der Schule erscheinen, weil sie woanders arbeiten müssen.

? 193 46)Beizeiten … Dubbe 1987, a. a. O., Nachtrag

***

ENDE Band 1

Anmerkungen zum Romantext (Band 1)

Anmerkungen zu 1. Kapitel Telemachos (vorl. S. 27 – 222)

27*)vgl. Rang, Bernhard [1959]: James Joyce Ulysses. In: Der Romanführer, Band X, Verlag Anton Hirsemann, Stuttgart, 1959, nach: Gilbert 1932, Das Rätsel Ulysses. Für die Zusammenfassungen der 18 Kapitel des Joyce’schen Ulysses, die den 18 Kapiteln des „Wanderer“ vorangestellt wurden, vgl. Rang, Bernhard [1959], a. a. O.

35 *)Carter, Howard „Götter, Gräber und Gelehrte“a. a. O.

39*)Die Mordwaffenvon kristlichen Priestern gesegnet.“vgl. historische Dokumente in Anhang bei ÜBERSCHAER & WETTE, 2011, a. a. O.

41 *)Rudi Dutschke …er war zuletzt ein promovierter Soziologe, dann ein politisch engagierter Analyst, ein eigenwilliger Sozialist mit weitreichenden Ideen, und er galt als der markanteste oppositioneller Wortführer des linken politischen Widerstandes der sechziger und frühen siebziger Jahre in Deutsch-land. Die sogenannte „Studentenbewegung“, die zugleich aber auch viele andere, nicht nur junge Menschen in ihren Bann zog, auch der wirksame nationale Widerstand gegen den Vietnamkrieg, die beschämende Entlarvung der BRD als eine neofaschistische, militaristische Konstruktion des westlichen Antikommu-nismus wäre ohne die politischen Reflexionen von Rudi Dutschke historisch und soziologisch kaum denkbar gewesen.

Als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) engagiert sich Rudi Dutschke gegen den bestialischen Vietnamkrieg der Amerikaner, schon im Vorfeld auch gegen die reaktionären Notstandsgesetze, die 1968 in Kraft traten, er organisierte Großveranstaltungen und wirkte als charismatische Redner auf zahlreichen Demonstrationen und Kongressen.

Bei einem Attentat aus rechtsextremen Kreisen wird Dutschke zwei Tage vor Ostern 1968 durch Pistolenschüsse schwer verletzt, und er stirbt einige Jahre später an den Folgen des hauptsächlich durch die Springer-Presse, über eine lange Zeit sehr öffentlichkeitswirksam befeuerten politischen Mordes. Die Bild-Zeitung für dieses so geartete Deutschland sowie die weit verbreitete Berliner BZ scheuten sich sogar nicht davor Steckbrief ähnlichen Aufrufen zur Liquidierung dieses nun-mehr ausreichend namhaft benannten Anführer der „linken Rebellen“ zu publizieren. Das waren immerhin sehr eindeutige Mordaufrufe! Das Deutsche Strafgesetzbuch nennt die dafür relevanten Paragrafen. Rudi Dutschke starb kurz vor Weihnachten 1979, dann an den Spätfolgen eines erlittenen neofaschistischen Attentats. Wer mag sich hierüber streiten?

43*) Koenig, Stefan (2020): Bunte Zeiten 1980 etc. Zeitreise-Roman Band 4. Pegasus-Bücher, Laubach. 429 pp.

574

43 *) Die Antibolschewistische Liga wurde in Liga zum Schutze der deutschen Kultur umbenannt. Gleichzeitig entstanden in hohen Auflagen antibolsche-wistische bzw. antikommunistische Schriften und Hetzflugblätter, man orga-nisierte Vorträge, Ausstellungen und Schulungskurse. Von Anfang an wurde die Gründung einer „nationalsozialistischen“ Partei angestrebt, und es wurde bereits für einen faschistoiden, diktatorischen „Deutschen Sozialismus“ agitiert. Zunächst ging es der Konterrevolution erst einmal um die akute Rettung ihres von proletarischen und sogar bewaffneten Aufständen bedrohten „Organisierten Kapitalismus“.Von der Deutschen Bank, von Friedrich Naumann und von*)2) hatte die Liga innerhalb von wenigen Tagen enorm hohe Geldzuwendungen erhalten, so dass man in zahlreichen Großstädten sofort Zweigstellen eröffnen konnte.

43 *) Die „Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit“ ist eine parteinahe Stiftung der FDP und ist nach dem angeblich „liberalen“ deutschen Politiker Friedrich Naumann (1860–1919) benannt.

49 *) Am Ostersamstag … Die Auslieferung der BILD-Zeitung wird in Frankfurt am Main teilweise blockiert. Enteignet Springer!Bürgerliche Presse und BILD-Zeitung am 25. Februar 1986. Aus: INSELJAHRE Kabarett der Tagespresse:

USA legen Marcos den Rücktritt nahe (Frankfurter Rundschau)

USA fordern Marcos zum Rücktritt auf (Süddeutsche Zeitung)

USA legen Marcos den Rücktritt nahe (Rheinische Post)

USA fordern Marcos zum Rücktritt auf (Tagesspiegel)

Queen mit Eiern beworfen (BILD-Zeitung)

51 *) Man kann ihn … den Narzissmus… vgl.Fromm 1977, a. a. O., S. 227 f.

55 *) Auf Seiten des Staates … Freiwillige Polizei Reserve (vgl. Berliner Boule-vard-Magazin 883)

58 *) Wir unterhielten uns … Steinbeck 1976, a. a. O., Seite 201 f.

78 *) Wäre es denn … Walter Jens, Über die Vergänglichkeit. Der 90. Psalm, in: ders. Einspruch. Reden gegen Vorurteile, 1992, S. 228

119 *) Aber Mitglied … Dag Hammarskjöld … Erreichte 1954 als UN-General-sekretär die Freilassung von US-Gefangenen des Koreakrieges, entschärfte 1956 den Konflikt um den Suezkanal mit dem Einsatz von 6.000 UN-Soldaten. Kritiker warfen ihm die Beteiligung am Sturz und an der Ermordung (17.1.1961) von Patrice Lumumba, dem 1. Premierminister des unabhängigen Kongos, vor. Nur knapp 6 Monate nach dessen Tod, starb dieser am 18. September 1961 unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz über Sambia.

120 *) entscheidende Entwicklung … 1953: „Union Francaise“ in Indochina

121 *)Felix, du …Frühe Leitkultur … s. Leitkultur u. a. S. 270 ???

122 *)Das ist rein ethisch … „Wenn einer einen “Ethik-Rat” gründet, sollte es darin ethisch zugehen. Der bayerische „Kaiser“ Markus Söder I.hat eigene Vor-stellungen. Wenn jemand ehrenamtlich in seinem Ethikrat tätig sein darf, muss er

575

das Loblied auf den Stifter singen. Weil sich Professor Lütge mit seiner Stimm-lage bei diesem Singsang nicht synchronisieren (lassen) wollte, musste er den “Söder-Rat” verlassen. Jetzt passt die Ethik in Bayern hoffentlich und der Hohe Rat singt nur noch frohlockende Töne.“ (vgl. Qpress, 12. Februar 2021; verändert)

131 *) Auch der Justizapparat … Neben den über Jahre anhängigen Skandalen ragt in der BRD im Jahr 1978 die Abhöraffäre der Sekretärin des Bundesverteidi-gungsministers Georg Leber, heraus. Darin verwickelt der eigene MAD, was aber wieder einmal vollkommen verfassungswidrig war.

136 *) „Wenn der Senator erzählt“ … In eben diesem Liedvon Franz Josef Degenhardt ist es ein „Wackelsteiner Ländchen“, wo im Krieg, mitten in schwerer Zeit, noch eines seiner Hüttenwerke auf die Wiesen gestellt wird.

138 *)Nacht und Nebel …Der Inhalt des im Jahr 1955 von Alain Resnais produzierten französischen Dokumentarfilms, Originaltitel „Nuit et brouillard“, schaffte Probleme im heimlichen Vollzug der Adenauer-Methode, die Nazizeit und die ihr immanente KZ-Romantik einfach unter den Tisch zu kehren.. Gib‘ Küsschen Charles! Der Film wurde von Paul Celan auf deutsch übersetzt/ getextet und gesprochen. Der Film wurde dem deutschen Botschafter in Paris gezeigt, worauf Adenauer sofort intervenierte und für ein Aufführungsverbot bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte (sic). Der Skandal, u.a. Anhörung im Bundestag, Proteste vieler bekannter Zeitgenossen u. a. Heinrich Böll, sorgte zumindest für eine Inaugenscheinnahme des sich unter den dünnen Deckmäntelchen der freien Marktwirtschaft immer mehr einer konservativ-faschistoiden Zensur zuwendenden politischen Zustandes in Deutschland.

144 *) „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“… eine viel beachtete Aussage Theodor W. Adornos aus dem Aufsatz Kulturkritik und Gesell-schaft, der im Jahr 1949 geschrieben, 1951 erstmals veröffentlicht wurde. Diese Aussage ist sla Verdikt gegen jegliche Dichtung nach dem Holocaust, als Darstellungsverbot von Gedichten über Auschwitz und Konzentrationslager oder als provokatives Diktum verstanden. Das über Lyrik gefällte, auf Literatur oder Kunst allgemeine Urteil, findet sich ausgedrückt bereits in „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer & Adorno), und entspricht deren Misstrauen einer sich etablierenden „Kulturindustrie“ gegenüber. Adorno erklärte und modifizierte die Aussage später. Das wurde als Revision oder Widerruf der ursprünglichen These ver-standen. Der Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft entstand aus einem grund-legenden Misstrauen gegenüber den Möglichkeiten der Kultur, aber auch der Kulturkritik, und formulierte wiederum seine altbekannte, hochgradig dialek-tische Position. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Das wurde über Jahrzehnte hinweg von Philosophen, Literaturwissenschaftlern und Schriftstellern kontrovers diskutiert. Die Auseinandersetzung um Adornos Satz wurde wichtigen Drehpunkt des ästhetischen Diskurses der Nachkriegszeit“.

576

145 *) Ob Noskes blutiger Antibolschewismus… Gustav Noske war als Berliner SPD-Polizeipräsident und reaktionärer Politiker neben anderen Verbrechen an der militärischen Ermordung demonstrierender Menschen und beim Verbot des 1. Mai 1929, dem „Blut-Mai“ beteiligt (Wette, Wolfram, 1991, a. a. O.) Wäh-rend seiner Zeit am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Frei-burg im Breisgau schrieb Wette eine Biografie des umstrittenen Sozialdemokraten Gustav Noske. Der Beirat, unter Vorsitz von General a. D. Johann Adolf Graf von Kielmansegg erklärte im April 1986 diese Publikation nicht durch das MGFA zu unterstützen. Hinzu komme, dass Noske nur kritisiert werde. Wette hätte sich bei der Beurteilung des SPD-Mannes Noske wesentlich an die Sehweisen der in der BRD seit 1956 verbotenen KPD gehalten. Die politische Biographie des „Bluthund“ Noske wurde erst 1987 gedruckt. Der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler warf diesem Beirat 1988 vor, dass sein Verhalten „verzweifelt schwer von dem Versuch einer Zensurausübung zu unterscheiden“ sei. 1990 habilitierte sich Wette mit seiner Noske-Biographie in Neuester Geschichte an der Universität Freiburg. Er ist trotz alledem, trotz Noskeschwein und alledem ein SPD-Mann geworden. Er war lange Stadtrat in Waldkirch und Fraktions-vorsitzender; er ist Mitglied der Gewerkschafts Ver.di. Wette erhielt im Jahr 2015 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande. Es geht doch!

155 *) Ein Kampf um Rom … Ben Hur und Hähnchen aus dem „Wienerwald“ … Monumentalfilme aus Hollywood und die Fresskette eines Friedrich Jahn umrahmten das Konsumgeschehen.

159 *) sogar weiße … Die sofortige Zulassung privaten Fernsehens in der BRD durch die Schwarz-Gelbe Regierung wurde von dieser „geistig moralische Wende genannt.

159 *) Der Auschwitz-Prozess … Staatsanwalt Fitz Bauer wurde zu einem meist gehassten Mann im Deutschland der Naziväter. „Wenn ich abends mein Büro in Frankfurt verlasse, so betrete ich Feindesland.“

162 *) „Die Brücke“ … ein inzwischen klassischer deutscher Antikriegsfilm aus dem Jahr 1959 (Regie Bernhard Wicki), nach dem autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister.

165 *)Und doch wird der Morgen … „Südsee in Jahrmarkt und Zirkus“. Ernst Bloch 1979

170*)„Ein vielgestaltiger Bau ist er, der Tempel der Wissenschaft ….“ Aus einer im Jahr 1918 gehaltenen Rede eines jungen deutschen Wissenschaftlers namens Albert Einstein]“, zit. n. Pirsig 2005, a. a. O., Seite 117 f.

172 *)„Auf dem kalten Weg …“Johansson 1999, a. a. O., Seite 94 f.

176 *)Stattdessen Sterbebegleitung Hermann Ploppa, LZ, 7. April 2020

180*)Auch die unbeschreiblich …Ploppa 2020, a. a. O., Euthanasie in Frank-reich und massenhafte Vernachlässigung oder systematischer Seniorenmord?

577

181 *) Irgendwann wird die Dystopie von Aldous Huxley … (vgl. Struss 1982, a. a. O., S. 11)

183*) Ihre Ebro-Front schwächelt?… Von den faschistischen Falangisten unter General Franco massiv entwickelte militärische Front am Ebro gegen die dort unterliegenden Republikanischen Truppen.

187 *)Friedrich Engels zum 200. Geburtstag … Ein Gespenst geht um … – Ein Besuch in Wuppertal, (vgl. Nachdenkseiten; 30. November 2020, John Gravers-gaard - aus dem Englischen: Einar Schlereth; die Streichungen sind Korrekturen des Originaltextes durch den Autor. Quellen: Friedrich Engels: Zustand der Arbeiterklasse Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845; Frederick Engels: The Housing Question, 1872-73, (Zur Wohnungsfrage)

189 *) Friedrich Engels … – an Karl Kautsky und Eduard Bernstein in Zürich:vgl. Weigt, Peter (1968): Revolutions-Lexikon. Taschenbuch der außerparla-mentarischen Opposition. Baermaier & Nikel, Frankfurt. Archiv-Nr. 12378/ 1) 22. Mai 1884: an Felix Geburtstag (1948); 100 Jahre nach Ersterscheinung des „Kommunistischen Manifestes“ im Jahre 1848./2) Karl Kautsky und Eduard Bernstein/ 3) Im Original „Ms.“ Bezeichnet/ [121] Anmerkung der Originalausgabe. Friedrich Engels (1884): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen, Hottingen-Zürich. Dietz-Verlag, Berlin, 10 Auflage, 1. Auflage 1946, S. 203./ [122] Anmerkung in der Originalausgabe/ [123] Anmerkung in der Originalausgabe/ 4) Mary Ellen Burns

190 *)Dieser große Humanist … Tatsächlich bildete die Lehre vom Marxismus den nicht zu leugnenden Hintergrund bei Hoch- und Fachhochschulen jener Zeit.

200 *) Das Wunschbild … Bloch 1979, a. a. O., S. xxx ???

203*)Diese Struktur von Begriffen ...Pirsig 2005, a. a. O., S. 105

216 *) Admiral Canaris und seine … „Marine-Brigade-Loewenfeld“ hat eine blutige Spur hinterlassen, die weiterhin mit Abscheu historisch zu betrachten ist.

***

Anmerkungen 2. Kapitel (Band 1) (vorl. S. 223344)

223 *) Nestor-Episode Nestor als ein Held der griechischen Mythologie und sagenhafter Herrscher von Pylos… In der homerischen Ilias eine der Hauptrollen unter den erfahrenen Ratgebern des Agamennon… Schlichter bei dessen Streit mit Achilleus… Noch vor dem Trojanischen Krieg ist Nestor mit Jason auf der Fahrt nach Argo dabei … Teilnahme am Kampf der Lapithen gegen die Kentauren und

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an der Kalydonischen Jagd…Nestors Vorzüge: Altersweisheit (Nestorbegriff in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft), Beredsamkeit (Rhetorik?), Redlichkeit (Treue?)… und die heitere Lebenskunst… das Trinken und Feiern … Whisky & Weiber? Bei Homer ist Nestor göttlich, er gilt als Beschützer der Krieger, und nicht zuletzt ist da der vieldiskutierte Nestorbecher, den sich der trinkfreudige Nestor nach Troja mitgebracht hatte. Nestor war nämlich ein Alkoholiker.

223*)vgl. Rang, Bernhard, 1959, a. a. O.

233 *) Die Filmfestspiele in Cannes standen oft im Fokus politischer Skandale. Nacht und Nebel. – Der Inhalt des im Jahr 1955 von Alain Resnais produzierten französischen Dokumentarfilms, Originaltitel „Nuit et brouillard“, schaffte Probleme im heimlichen Vollzug der Adenauer-Methode, die Nazizeit und die ihr immanente KZ-Romantik einfach unter den Tisch zu kehren. Gib‘ Küsschen Charles! Der Film wurde von Paul Celan auf deutsch übersetzt/ getextet und gesprochen. Der Film wurde dem deutschen Botschafter in Paris gezeigt, worauf Adenauer sofort intervenierte und für ein Aufführungsverbot bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte (sic). Der Skandal, u.a. Anhörung im Bundestag, Proteste vieler bekannter Zeitgenossen, darunter u. a. Heinrich Böll, sorgten zumindest für eine Inaugenscheinnahme des sich unterm Deckmäntelchen der „freien Marktwirtschaft“ immer mehr einer konservativ-weltanschaulichen Zensur zuwendenden politischen Zustandes in Deutschland.

234*) Onkel Toms Hütte … ist ein 1852 veröffentlichter Roman von Harriet Beecher Stowe, der das Schicksal einer Reihe afroamerikanischer Sklaven und ihrer Eigentümer in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten von Amerika schildert.

234 *) Sklavenhandel … Noch vor der Entdeckung der neuen Welt handelten die Portugiesen bereits mit afrikanischen Sklaven. Der wirtschaftlich hoch bedeutsame, lukrative transatlantische Sklavenhandel (in Form kaufmännischer Dreiecksgeschäfte) katholischer oder anderweitig kristlicher, westlicher Nationen erstreckte sich über einen Zeitraum von 350 bis 400 Jahren. Trotz des britischen Verbotes 1808 und der Bestätigung dieses Verbotes durch den Wiener Kongress 1815 dauerte er bis etwa 1870. In den fast 400 Jahren der atlantischen Sklaverei kamen etwa zehn bis zwölf Millionen verschleppte Schwarzafrikaner lebend in Amerika an. Da nur etwa 25% der verschleppten Afrikaner die Torturen der Verschleppung vom Inneren Afrikas an die Küsten und schließlich die grausamen Strapazen der Überfahrt überlebten, kann von mindestens 40 bis annähernd 50 Millionen (!) auf diese Weise gehandelter Menschen ausgegangen werden.

261 *) vgl. Das Jahr 1965, Johannes Mario Simmel (1978): „Hurra, wir leben noch“, Droemer Knaur, S. 1

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265 *) Klimawandel? Änderungen einiger solarer … Der aus dem jugo-slawischen Raum stammende Milutin Milanković erlangte als Geowissenschaftler bereits 1920 durch seine „Milanković-Kurven“ (oder Milanković Zyklen) eine große Aufmerksamkeit bei Paläoklimatologen und Quartärforschern. Die seit hundert Jahren bekannten Milanković-Zyklen zeigen periodische Veränderungen der auf die Erde wirkende Sonneneinstrahlung, die weit über eine jährliche Schwankungsbreite hinausgeht. Selbst die in einer Bandbreite von etwa 48.000 Jahren zu bemerkenden Schwankungen gehören nicht zuletzt zu Erklärungsversuchen, wie es überhaupt zu irdischen „Eiszeiten“ kommen mag. Eiszeittheorien sind aber seit dem 19. Jahrhundert genug auf der Welt.

266 *) Die Nacheiszeit … vgl. Stephan-Kempf, Günter (1982): „Zur glazial-morphologischen Entwicklung… unter besonderer Berücksichtigung des Spätgla-zials.“ Stichworte: Spätglazial, Postglazial, Holozän, vgl. Woldtstedt „Das Eis-zeitalter“, a. a. O., u. a.

268*) Der eigentliche Zweck … [Pirsig 2003, S. 113]

269 *) Von den einst … WILLIAM VOGT 1948, a. a. O. Diesen Biologen, Ornitho-logen und frühen kritischen Ökologen würde man heute in die Retorte der „Verschwörungstheoretiker“ werfen. „Die Erde rächt sich?“

270 *) Und mit der Wildheit … vgl. Johannes Mario Simmel: Hurra, wir leben noch, Droemer Knaur, 1978

278 *) Der Gewissenskonflikt… ihre Stammkneipe in Bad Betteldorf ist der „Keller“ (Café am Park) … mit Holger (15.09.1967

298*) Eine Distanz Mölders … vgl. ÜBERSCHÄR & WITTE, a. a. O.

305*) Meist nur Diener … Bloch 1959, a. a. O., S. 1090

305 *) Bloch 1979, S. 734

305 *) Aus einem Kurzfeature DLF, 19. Mai 2017

314 *) Die sich ablösenden Griechischer Mythos über das Eiserne Zeitalter (zit. n. Fromm 1981, S. 15)

317*)In diesen in kleiner… Zu Arthur Rimbaud‘s Handschrift…Sigrid Neudecker, ZEIT ONLINE, 20. Mai 2010

327 *) Indem ich mich … FRISCH 1980, a. a. O.,

328 *) Man achte auf … FRISCH 1980, a. a. O.,

329 *)Zwei Wochen vor … FRISCH 1980, a. a. O.,

329 *) Die Ehrlichkeit der letzten Ärsche … Als Kanonier in der Schweizer Ar-mee mochte Max Frisch, der seine frühen literarischen Versuche als ungenügend

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verworfen hatte, in den freien Stunden nur kurze Notizen verfassen und schrieb auf diese Art bereits im Herbst 1939 eine Folge lose zusammenhängender Be-trachtungen unter dem Titel Blätter aus dem Brotsack‘; FRISCH 1980, a. a. O.,

329 *) Die Lüge unter südlichem Licht … ROSSI 1939, a. a. O.

335 *) Letter from Brenda … Esther Brand, eine Brieffreundin von Felix, lebte im schönen Segelrevier Massachusetts, und ihr Vater nutzte einen Fahrtensegler.

339*)Die kleine Angst … vgl. Jürgen Becker1965 ????

341 *) Patti Smith … „Dream of Life = Patti Smith“, ein Dokumentarfilm USA 2008 (ZDF Kultur 21. Januar 2014, 22.25-00.15). Filmed by Steven Sebring. Auch hier viel Rimbaud. Durchaus würdige, tiefschürfend angelegte poetische Darstellung mit ihren vielen Gedichten und Liedern ... Horses ... etc.

***

Anmerkungen zu 3. Kapitel (Band 1)(S. 319 – 556)

345 *)vgl. Rang, Bernhard, 1959, a. a. O.

351 *) Die documenta IV … kotige Sauereien … Auf der Kasseler Documenta von 1968 hatte auch der aufgeblasene Künstler Joseph Heinrich Beuys ausgestellt. Was wollte er uns damit sagen? Einmal gab es von ihm u. a. einen absolut echt aussehenden aber wohl nachgebildeten menschlichen Kot auf dem Boden zu bewundern. Dieser Haufen Scheiße wurde von einer Reinemachefrau dienstbeflissen im Müll entsorgt. Die Boys-Scheiße blieb später unauffindbar und hatte aber einen sehr hohen Wert im damaligen internationalen Kunsthandel.

Sehr ähnliches geschah Jahre später bei einer Kunstinstitution in der Schweiz, wo zentnerweise dekoriertes Beuys‘sches Fett (u. a. auf einem Stuhl, klammheimlich entsorgt wurde. In Deutschland war die ‚Beuys-Badewanne‘ auf einem SPD-Freundschaftstreffen natürlich zum Gläser spülen benutzt worden!

Insgesamt bestimmte Kunst aus USA mit über 50 Künstlern ein Drittel der ganzen Ausstellung, was zum Beinamen „Americana“ führte. 1968, im Jahr der Studentenproteste und Anti-Vietnam-Demonstrationen, löste das heftige Gegen-reaktionen aus – wenngleich die Demonstrationen in Kassel verglichen mit denen auf der Biennale in Venedig desselben Jahres vergleichsweise harmlos ausfielen: Studenten mit roten Fahnen störten Eröffnungsreden und Pressekonferenz. Sie wurde von einer rührigen Künstlergruppe erfolgreich in ein Anti-Happening verwandelt. Aktuelle künstlerische Tendenzen wie Fluxus, Happening und Performance fehlten ansonsten vollkommen.(vgl.4-documenta)

357 *) Nicht nur auf Scheißhäusern … RAF? = Rote Armee Fraktion? Das muss einem doch erst einmal per Agitation erläutert werden.

359 *)Alternative…Wir leben in einer gnadenlosen Zeit, in der uns von den

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Systeminhabern kein alternatives Verhalten außerhalb von physischem Gehorsam, psychischem Wohlverhalten und dem Konsum auf allen Ebenen zugebilligt wird. Die politische Diskussion wird mit dem patriarchalischen „Basta“ der heutigen Haustyrannen, mit der Titulierung „alternativlos“ abgewürgt. „Die Agenda 2010 und der Krieg in Afghanistan wurde auf diese Weise vom heutigen Gas-Tandler-Schröder verkauft. Seine Amtsnachfolgerin nennt die Milliarden-aufwendungen für Casinogangsterder „geretteten“ Banken undsowie die Fäkelaki-Republik Griechenland, in der Reiche grundsätzlich keine Steuern gezahlt haben, ebenfalls alternativlos“ (vgl Leserbrief Modebegriff „Alter-nativlos“ von Günter Schaefer, Wiesbaden-Biebrich, RMP., 29. Juli 2010)

361 *) Über die Unzulänglichkeit … Dreigroschen-Oper

374 *) Glasschrott wir alle! …vgl. Stephan-Kempf, Günter (2006): Vom grünen Dämmer. Gedichte (2). INSELJAHRE Band 5. Edition Geoteam Bad Schwalbach & Kampot. pp.? Archiv-Nr. 12510

382 *) Rottenknechte …

382 *) Presseabteilung des Deutschen Fernsehfunks (Hrsg.): Rottenknechte. Ein fünfteiliger Fernsehfilm von Gerhard Stueber, Klaus Poche, Frank Beyer. Fern-sehdienst-Sonderausgabe, o. O. [Berlin (DDR)] 1970/ *) Peter Hoff: Rotten-knechte. Die ersten Opfer des Kalten Krieges. In: Ralf Schenk (Hrsg.): Regie: Frank Beyer. Edition Hentrich, Berlin 1995, 196–202./ *) Frank Beyer: Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme, mein Leben. Econ-Verlag, München 2001/ *) Hess: Aufklärung und Propaganda. Agitationen der DDR gegen die Bundes-marine während des Kalten Krieges. Teil 1. MarineForum 1-2/2008, S. 45-47./ *) Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr (Hrsg.): Ausbildungsfilme der Bundeswehr. o. O. o. J., bundesarchiv.de (PDF 907 kB) zuletzt 2013.

383*)KONKRET unabhängige Zeitschrift für Politik und Kultur… Nr. 14, 30. Juni 1969, 56 pp., Erich Fried kam in Mode – und seine Gedichte – … S. 53

389 *)Du musst nur die Laufrichtung ändern! … Kinder 1978, a. a. O.

393 *) im wissenschaftstheoretischen Sinn … Georg Lukács*)György Lukács de Szeged; wurde am 13. April 1885 in Budapest geboren und starb dort am 4. Juni 1971. Er wurde zu einem bedeutenden Philosophen, Literaturwissenschaftler und Kritiker. Lukács gilt (zusammen mit Ernst Bloch, Antonio Gramski und Karl Korsch als ein herausragender Vertreter zur Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Starke Beachtung fand Lukács mit seiner Theorie des Romans (1916), einer lebensphilosophischen Analyse, in der er die Geschichtlichkeit als eine zentrale Kategorie des gesellschaftlichen Seins herausstellt und die „transzendentale

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Obdachlosigkeit“ der bürgerlichen Welt thematisiert. Lukács trat gegen Ende 1918 der Kommunistischen Partei bei. Nach seiner Hinwendung zum Kommunismus fasste Lukács dieses Problem als das der Entfremdung auf..In diesem Sinn schlägt sein wirksamstes Werk „Geschichte und Klassenbewusstsein – Studien über marxistische Dialektik“ von 1923 eine Brücke von Hegel über Marx zu Lenin und Rosa Luxemburg. Das Buch wurde zwar von der KPD abgelehnt, trug aber zur Linksorientierung der europäischen Intellektuellen in den 1920er-Jahren und zur Entwicklung des Neomarxismus entscheidend bei. Lukács distanzierte sich jedoch später teilweise von diesem Werk, was stets den Erfordernissen, neuer, qualitativer historischer Ereignisse geschuldet sein sollte (vgl. das Vorwort zur Neuauflage von 1967).

404 *) Und schon bist du ein Verfassungsfeind – das unerwartete Anschwellen der Personalakte des Lehrers Kleff… Rotbuch-Verlag. Schneider, Peter (1975)

405 *) In jeder Verfassung … Bezugnehmend auf Äußerungen der deutschen Bundeskanzlerin Merkel, die im ZDF-Sommerinterview die Überwachungs- und Spionageaffäre 2013 als „umfangreich aufgeklärt“ bezeichnet hatte, sagte das Enzensberger während eines Interviews zusammen mit Frank Schirrmacher in der ARD-Sendung ttt-titel,thesen, temperamente. Merkel: Fragen in der NSA-Affäre sind geklärt. Heise online, archiviert vom Original am 21. August 2013

416 *) In Berlin saß ich … Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. a. a. O.

417 *) Rote Hilfe…

419 *) Herodot . . . (Zitat: berühmtezitate)

425 *) hypertonisch …. Hyper-Toni = Hypertoni lustiges, buntes Kunststoff-Figürchen als Werbegag um 1985? Aus einer ebayanzeige: Hersteller: Schleich (vgl. Schleich-Ritter), Größe: H: 120mm/B: 100mm/T: 70mm; Die Figur wurde für das Pharmaunternehmen Knoll und ihr Blutdruckmedikament Isoptin RR hergestellt. Sie ist sehr selten und war im Einzelhandel nicht erhältlich! 15.-Euro; Selbstabholer bevorzugt; Versand: Vorkasse per Überweisung / + Versandkosten 5 € / unversichert.

425 *) Zum Fasten… Nietzsche, a. a. O.

430 *) Es kann nicht überraschen … Joseph Weizenbaum 1972, a. a. O.; A Rebel at Work. Dokumentarfilm, Deutschland, USA, Österreich, 2006, 80 Min., Buch u. Regie: P. Haas und Silvia Holzinger

431*) Literatur enthält … Streeruwitz, 2018

431*) Literatur ist immer …Streeruwitz, 2018, a. a. O.

432*)Romane lieh sie sich ausBücher von Harry Martinson [Reisen

ohne Ziel; Cape Wrath u.a.] haben den Autor vor einigen Jahren sehr beeindruckt.

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Was hat es nun mit dieser Moa Martinson auf sich? Ihren Namen erhielt sie aus

einer zweiten Ehe mit Harry Martinson, die 1941 geschieden wurde. Moa ist zur

anerkanntesten schwedischen Schriftstellerinnen mit eigener proletarischer Biografie geworden. Ihr Werk kann mit Recht als klassische Arbeiterliteratur bezeichnet werden. Ihr literarischer Nachlass erscheint weiterhin aktuell, und ihr Bekanntheitsgrad, insbesondere in Schweden, ist bis heute hoch. [vgl Johansson 1997, 22]

434*)Die Bescheidenheit eines Kulturschaffenden …Bertolt Brecht war auch fanatischer Automobilliebhaber. Vielleicht wollte sich der von modischen Luxus-karossen Besessene etwas von seinem Fuhrpark sogar vergolden lassen.

435*)Seiner Intelligenz entsprechendPirsig 2003, a. a. O., S.91

435 *) Es ist zum verzweifeln Bertolt Brecht Tagebuch 28.7.1942 a. a. O.

436*) Proust, Marcel (1984): Der Gleichgültige, Suhrkamp tb 1004, zwei-sprachige Erzählung: 1. Auflage, deutsche Seiten ungerade 41-93

439 *) Und was er wirklich dachte Pirsig 2005 a. a. O., S.185

441*) Kreative Aspiranten … Als der Stimmung Ausgesetzte ... Andersch 1971, a. a. O., S. 85 f.

442 *) Bitterschokolade … für Erich Mühsam vom Schreiben in Zeiten der Cholera. Für Erich Mühsam (Als Vorwort und hinterher zu lesen gemeint). Aus: Stephan-Kempf, Günter (2010): Bitterschokolade – Über den Zustand in einem Kopf. INSELJAHRE Band 12. Edition Geoteam Bad Schwalbach. Archiv-Nr. 14945, S. 127 ff.; Erich Mühsam war ein engagierter Sozialist, später Kommunist, schon sehr früh der KPD nah, verstand sich als Schriftsteller, enga-gierte sich 1918/1919 an der Novemberrevolution auf der Seite der Arbeiter- und Soldatenräte, war Antimilitarist, Kolumnist, Autor vieler Schriften und Gedichte: u. a. (1920): Brennende Erde. Erich Mühsam wurde von den Nazis im Gefängnis schwer gefoltert und schließlich ermordet.

442 *) Bei allem … Komplexe … FROMM 1981, Anatomie der menschlichen Destruktivität, a. a. O.

445 *) Das Sinnlosigkeitsgefühl … DUBBE 1987, Schreiben, a. a. O., S. 56

446*) An Englische Schulen …sollen kein antikapitalistisches Material mehr im Unterricht verwenden. (vgl. LZ, 29. September 2020)

448 *) Das Finanzkapital… selbst auf die Gefahr des Galgens … Marx-Engels-Werke, S. 788, Fußnote

451*)Jeder vornehmere GeistFriedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft.

vgl Vgl. Nietzsche (1963): GDM 1. Abh. (6), S. 25

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453 *) Allmählich müsste es … negiert worden bin. DUBBE 1987, a. a. O., S. 54

456 *) Das Salz der Erde … Peter Bamm. Rostinki

457 *) Das Volk in Eisen …Walter Flex

457*) bis in den Untergang hinein …ÜBERSCHÄR & WITTE 2011, a. a. O.

459 *) Beginn der „Marseillaise“ …wobei sich der blutrünstige Strophentext

der letztlich auch rassistischen Tirade noch immens steigert! 1914 entstand sogar

eine zum Ausbruchs des Ersten Weltkriegs explizit gegen das kaiserliche Deutsch

-land gerichtete noch haarsträubendere Fassung. Für die unterjochten Menschen

in den französischen Kolonien wurde eine weniger militaristisch-aggressive

Fassung gedichtet, um freiheitsliebende Kolonialuntertanen nicht auf falsche

Gedanken zu bringen (sic). Mit dem russischen Text Lasst uns die alte Welt

verdammen diente die Marseillaise während der Zeit der Provisorischen Regie

-rung der Februarrevolution 1917 für ein Jahr als russische Nationalhymne.

460 *) Weiss ich, was ein Reis ist …: Bertolt Brecht: Kalendergeschichten

468 *) neun griechische Göttinnen …* Musen: neun griechische Göttinen der schönen Künste und der Wissenschaften, Töchter des Zeus: Klio (Geschichte), Euterpe (Musik), Thalia (Komödie), Melpomene (Tragödie), Terpsichore (Tanz), Erato (Liebesdichtung), Polyhymnia (ernster Gesang, Pantomime), Urania (Sternkunde), Kalliope (Epos, Elegie).

„Wenn man bedenkt, dass es Idioten gibt, die Trost aus den schönen Künsten schöpfen. Wie meine Tante Bigeois: >Die Préludes von Chopin waren mir eine solche Hilfe beim Tod deines armen Onkels.< […] sie glauben, dass die Schönheit mit ihnen fühlt. Die Arschlöcher.“ (Sartre 1968, a. a. O.).

469*) Polybios:Griechisch-Römischer Geschichtsschreiber (ca. 200-120 B.C.). War zunächst griech. Staatsmann zur Zeit des Achäischen Bundes, kam 166 als Geisel nach Rom und ist für seine 40-bändige Weltgeschichte berühmt. P. verzichtet erstmals auf übliches rhetorisch/tendenziöses Beiwerk und stellt meist nur Fakten dar, er steht für das Postulat einer quasi wissenschaftlichen historischen Wahrnehmung und wird bis heute als faktenneutraler Geschichtsschreiber sehr geschätzt.

469 *) Verres war für einige Zeit Statthalter der 1. Römischen Provinz Sizilien, welche von Karthago im Jahr 227 B.C. nach dem 1. Punischen Krieg an Rom abgetreten werden musste. Verres beging viele Jahre lang wohl organisierte Unterschlagungen von Steuern und Warenkontigenten, benutzte einen Großteil seines Geldes zur permanenten, wohl kalkulierten Bestechung höchster Politiker und anderer Personengruppen in Rom selbst, konnte dadurch bei einem großen Prozess gegen ihn einen Freispruch vor dem Gesetz erwirken und sein

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beachtliches restliches Vermögen im Alter genüsslich verleben.

469 *) Roberto Saviano: „Die Mafia mag zwar in der Lage sein, mich zu töten. Aber sie ist nicht in der Lage, meine zahlreichen Verbündeten zu töten, nämlich meine Leser. Deswegen ist ihre Furcht vor der Literatur so groß.“ Roberto Saviano (wendet sich als Autor gegen die Verbrechen der sizilianischen Mafia und der neapolitanischen Camorra. Veröffentlichungen auch in Deutschland (Bücher, Magazine und Wochenpresse) etwa ab 2007.

470 *) Corruuptus classicus … Honratio C. C. . . . vgl. Anmerkung zu 145 alt1)Klassische Dichtung …* richtig: Dichtung der Klassik, auch als zeitl. Epoche. Die Klassische Literatur ursprünglich für Autoren, die sprachlich korrekt, klar, kunstgemäß und konform schrieben (Versmaß); für das griech.-röm. Altertum als stete, vorbildliche Kulturepoche national vollkommen überhöht. Der Begriffskomplex mündet u.a. in die Klassische Musik … Vom Wort her besteht eine Ableitung von Klassifikation (Einordnung, Systematisierung, Gliederung etc.); lat. classicus „zur ersten (Steuer-) Klasse gehörig.“ … Classicus corruptus = Spitzensteuersatz für die reichste Klasse in modernen Staatsformen; auch: Honoratio C.C. = die allerhöchsten Würdenträger.

470 *)10) Copiste … „Was ein Mann wirklich braucht, das ist eine Juliette Drouet, alsdunkeläugige Schönheit, die ihm seine Manuskripte schreibt, die er despotisch behandelt und bisweilen äußerst zärtlich lieben kann (…)“ Stephan-Kempf 2003, a. a. O., S. 353.

471 *)Der moderne … Epos und Elegie

474 *)Korruption des Frühlings“ Gilt demagogisch für den Adenauer-Staat resp. fürdas‚Wirtschaftswunder‘, die Restauration des Militarismus sowie die stillschweigende Integration alter Nazis im politischen und ökonomischen Überbau. „Korruption ist nur ein Schimpfwort für die Herbstzeiten eines Volkes“, was für Deutschland aber nicht zur nationalökonomischen Selbstaufgabe innerhalb der EU und der neokapitalistischen Globalisierung, aber eher für den privatisierenden Abbau des einst vom Volk errungenen Sozialstaates und der sichtbar rasanten Vermögensumverteilung zugunsten des Großkapitals selber gilt. (vgl. Friedrich Nietzsche 2007, 23, Die Anzeichen der Korruption. a. a. O., S. 62).

475 *) Vermutlich haben sich bereits…* Thomas Morus *1478-1535 war

Großkanzler unter Heinrich VIII., wurde von ihm wegen der Verweigerung des

Suprematseides hingerichtet. Trotz seiner umstrittenen Zukunftsschrift „Utopia

1935 Heiliger der Katholischen Kirche. Morus stand in Kontakt zu dem

Humanisten Erasmus von Rotterdam, was ihm sicher bereits verleumderische

Verdächtigungen einbrachte. Francis Bacon*1561-1626 engl. Philosoph und

Wissenschaftler und Politiker 1618 Lordkanzler. 1621 Bestechungsprozess.

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Vordenker des Empirismus (Wissenschaftstheorie), gilt als wichtiger Vorläufer

einer modernen (empirisch gestützten) Wissenschaft. Der berühmter Ausspruch

von Bacon „Wissen ist Macht“, wurde von Lenin adaptiert.

476 *)Auguren …

477 *)Terrorismus … „Durch ständige Wiederholung in den „Hauptsende-

zeiten“wurde Terrorismus zur zentralen Vision des Megabewusstseins, zum

Humanitätspegelitätspegel. Die kritische Einstellung hat zur Voraussetzung, dass

einer gegen den offiziellen Nachrichtenstrom sein eigen Bild halten kann.“ vgl.

Dubbe 1987, a. a. O., S. 53.

477 *) Der Wind … LAWRENCE: Die 7 Säulen der Weisheit, a. a. O., S. 361 f.

478 *) Moral soll etwas … vgl. Nietzsche 2007, 52 Was andere von uns wissen. a. a. O., S. 80

478 *) Sachbücher … zum Ekeln?

482 *)Ein großer Teil … Medien von heute …

482 *) Aufbegehren der Jugend … Die zornigen jungen Wilden (Marlon Brando, James Dean) wurden in Deutschland alsbald durch Peter Kraus und Cornelia (Conny) Froboess abgepuffert. Der Vietnamkrieg, der einzige und ganz sicher auch nicht der letzte Völkermord-Krieg in der Weltgeschichte, der bald darauf nahezu ständig von bürgerlich „freien“ TV-Medien – sic! direkt in die westlichen Wohnzimmer übertragen wurde, war wegen seiner unübertroffenen Präsenz (nur noch von „Klimapropaganda“ und der „Corona-Krise“ 60 Jahre später übertroffen, wobei diesmal ein kritischer Linksruck vermieden wurde), das Fanal zu einer linksintellektuellen Radikalisierung besonders im Machtbereich der Nato, zugleich zum Versuch der Deutschen Sozialdemokratie, ihre abstrusen Vorstellungen zur Reform des totalitaristischen Kapitalismus an die Wäscheleine zu den roten Socken hängen zu müssen. Der frische Wind kam aus dem Munde von Willy Brandt: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Das war eine lange zuvor mit den Amerikanern abgesprochene (sic) und deshalb von ihnen wohl erlaubte LÜGE. Entspannung? Während der Westen aufrüstet? Die inzwischen von der Bildfläche verschwundenen Chaoten, wie Brandt sie, wortschöpferisch wie er war, erstmalig bezeichnete – sensu Carl von Linné, so auch in paläontologischer Nomenklatur: Chaotum bestialis (Brandtii) – waren sehr bald dennoch Lehrer und gar Innen-, Umwelt- und Außenminister in diesem Land, in dem vermutlich fast zu viel gewagt worden war, allein um einem obsiegenden Neokapitalismus ganz ohne ein menschliches Antlitz gerecht zu werden.

Willy Brandt, der es als einziger jemals noch lebender ehemalige Kommunist mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie (SPD) bis zu deren Bundeskanzler

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geschafft hatte, wurde weder vor ein Peleton gestellt noch guillotiniert, er wurde schon gar nicht an einer Laterne erhenkt: Nein, man hat ihm sogar den Friedensnobelpreis umgehängt.Er wurde durch Spionage und Freundesverrat „Guillometiniert“! Eine ab da bewährte Methode zur politischen Hygiene (auch Barschellisierung), zumal die Reichswehr, ihre mordenden Offiziere und ihr gesamtes, preußisches Landjunker-Pack für praktische Zwecke nicht mehr zur Verfügung standen.

Die beiden Heinze Rühman & Erhardt waren nach Hans Albers & im Glück sowie den beiden Willis Birkel & Millowitsch zu wahren Volkschauspielern aufgestiegen. Die beiden Gustave Noske & Gründgens waren schon lange passé. Eckes-Edelkirsch, Racke-Rauchzart und natürlich „Ein frisches PILS – woll!“ brachten die germanischen Gewohnheiten vom Bärenfell auf die Couch im Wohnzimmer. Die Jugend blieb (nachkriegskritisch) draußen vor der Tür, lernte Gitarre spielen und ließ sich die Haare wachsen. Die Daddys hockten stumm im Sessel und verdrängten HB-rauchend allabendlich ihren Russlandkrieg. Nur der arme Wolfgang Neuss blieb übrig! Einsam und von allen verlassen irrte der Stadtindianer in seinem Berlin umher. Ich habe ihn über die langen Jahre niemals getroffen. Als ihm alle seine Zähne ausgefallen waren, starb auch er. Nicht nur seine Frisur erscheint mir bis heute vorbildlich, auch seine Konsequenz das Leid, das ihm geschah, nicht erfunden zu haben wollen. Auch er starb im Elend (vgl. Über die Zukunft des Elends, S. 271 f.; i. d. Band).

484 *)Die westliche Gesellschaft …*Gheorghiu 1953, a. a. O., S. 227

486 *)Die erste Stufe … Aber wenn der nächste… Kikiriki-Stunde… Mundzeck 1984, a. a. O.; in: Wieck 1988, S. 150)

487 *)unentdeckter Handke …Handke 1979, a. a. O.

494 *) AICHINGER o. Jg., a. a. O.; vgl. *) Iris Radisch: Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen Schriftstellerin. In: Die Zeit, Nr. 45/1996; *) Iris Radisch, a. a. O.; *) Günter Kaindlstorfer: Ilse Aichingers Auf-zeichnungen. Deutschlandfunk-Sendung „Büchermarkt“, 15. November 2005)

494 *) vgl. Holthusen 1952, a. a. O., S. 31

495 *) In Deutschland … Zentrifugale … Das Paradoxe … André Malraux, … das Paradoxe, das herbeigeredete Absurde, das Unmögliche einer erlebten Situation, die trotzdem aus vielen bekannten Gründen ausgehalten wird. Gottg

496 *)Sie haben sich selbst heilig vgl. Holthusen 1952 vgl. Malraux

499 *)Wir leben aber …vgl. Caitlin Johnstone in LZ, vom 5. Dezember 2020

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500 *) 1,5 Billionen … kostet allein nur den Steuerzahler … steigende Rüstungsausgaben *) vgl. u.a. Todenhöfer 2003, 2009; Corn 2004; Hopsicker 2004; Klein 2003; Wette 1971

501*) Gewöhne dich daran, Welt… Die Atombomben, die im August 1945 auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die Millionen vietnamesischer Zivilisten, die von Napalm und Agent Orange getötet wur-den, das gemarterte Falludscha im Irak, eingezingelt und belagert , verbrannt mit weißem Phosphor ... Extreme im endlosen Raum des Grauens, den das Imperium der Menschheit in der Erinnerung hinterlassen hat. Die irakische Stadt Fallud-scha am Euphrat verkörpert wie keine andere die Folgen der verbrecherischen amerikanischen Besatzung. Bis 2003 war Falludscha eine wohlhabende Stadt mit 300.000 überwiegend sunnitischen Einwohnern. Sie war eine der ältesten kontinuierlichen städtischen Siedlungen und als „Stadt der Moscheen“ bekannt. Nachdem sie vom US-Militär und seinem Klientel-Regime in Bagdad über drei-zehn Jahre lang zerstört wurde, ist sie heute ein lebloses Labyrinth aus Ruinen.

502 *) weil Menschen sind … „(…) Gletscher sind schon da. Man muss sie dort erschaffen, wo sie nicht sind, weil Menschen sind.“ (vgl. Karl Kraus, 1986. Aphorismen, Sprüche und Widersprüche. Pro domo et mundo. Nachts. Suhrkamp tb. Frankfurt am Main.

503 *) August der Schäfer …SongtextFranz Josef Degenhardt (1967?)

504 *) Angela Merkel und das Gespenst der Leitkultur … vgl. Gerd Klee, RMP, 17. März 2006

505 *) Ach, würde Voltaire sagen … Huisman a. a. O., S.laube?

506 *)War dies der Tag … Dubbe 1987, a. a. O., „Isolation in El Paso“, S. 46.

506 *)Die einzige, die wir…Eliot … vgl.Holthusen 1952

507 *)hieraus spricht … Holthusen 1952, a. a. O., S.

509 *)Komm auf die Schaukel, Luise … Liedertext: Volksschauspieler Hans Albers besingt die Hafenschönheit Luise im Ufa-Film: „Große Freiheit Nr. 7“

509 *) Das ist die einzige Hoffnung … „Das heißt, wir hoffen am Leben zu sein!“ Gheorghiu 1953, a. a. O., S. 227

510*) Sind wir durch die Vertreibung…* Paul Valéry (der Freund Rilkes), veröffentlicht spät den Gedichtband „Charmes“ … „Wir wissen nun, dass die Kulturen sterblich sind“, lautet einer seiner berühmten Sätze. Es gibt auch ein kleines mythische Aperçu von Valéry: nach dem Gott der Herr bei der Vertrei-bung des Menschen aus dem Paradies diesem den Fluch nachsendet: „Zu deiner Strafe sollst du schöne Dinge machen.“ vgl. Holthusen 1952, a. a. O., S. 16.

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511*)Da ist es gedruckt worden …Das schlechte linke Gewissen …für den obenstehenden Abschnitt kursiv gesetzten Textstellen: Volker Pispers. Kabarettistische Veranstaltung im Unterhaus Mainz. Kein Eisen ist Volker Pispers zu heiß. Rhein-Main-Presse 15. Februar 2010, S. 16.

514 *)Pascal als Satiriker …

515 *) Man rühmt das Mitleid … Nietzsche 2007, a. a. O., S. 48.

516*) Sich über die Philosophie … Pascal, in Huisman 1997, a.a. O.,

521 *) Achtung! Korrekturen … im nüchternen Zustand.Weisen auf die prakti-sche Unterscheidung zwischen der inhaltlich, stilistisch, dramatischen Überar-beitung eines Textes und seiner Korrektur im Sinne der Rechtschreibung, wie auch die lästige Interpunktion hin. „Vielleicht gibt es die Entwicklung zu einer Form, die sich nicht immer nur durch Reduktion erhärtet (was mir jetzt wie die Entsprechung zur zwangsläufigen kleinbürgerlichen Beschränkung und Ärmlich-keit vorkommt), sondern durch Erklärungen und Vervollständigungen erweitert würde; nicht mehr streichen, sondern jeder Verästelung folgen; außerdem könnte sein, dass die monologische Existenz zu Ende geht, und dass aus der Auseinandersetzung mit Anderen mehr Stoff entsteht.“ (Dubbe 1987, a.a. O., S. 50.)

524 *) Klimaerwärmung… Bei einer von der Vielzahl der Naturwissenschaftler vorhergesagten Klimaerwärmung erscheint der extrem schneereiche Rekord-winter 2009/2010 als kehre sich die Natur ins Gegenteil. Bei einer Forschungs-arbeit, die der Autor 1981 im schottischen Hochland (Lochnagar und Loch Muick Gebiet) durchgeführt hat (FU-Berlin, Inst. f. Phys. Geographie 1982)., stellte sich heraus, dass während der nacheiszeitlichen europäischen Klimaerwärmung im Zentralen Hochland Schottlands eine Erniedrigung der mittleren Julitempe-raturen um etwa 7° Celsius (!) erfolgte, die zu einer extremen zwischenzeitlichen Neuvergletscherung (Talgletscher mit Eiskappen) führte (Loch-Lomond-Readvance um 11.000 B.P.). Ursache waren mit größter Wahrscheinlichkeit die mit Erwärmung des atlantischen Ozeanwasser verbundenen, erhöhten Herbst- und Winter- Niederschläge, die bis in die nordöstlichen Grampian-Mountains hinein letztlich auch zu sehr hohen Schneemengen führten

524 *) Alle Stimmen klingen …* Nietzsche 2007, 182, a.a. O., S. 16

526*) Diese kleinen Kläffer … Publikum versauen… Dubbe 1987, a. a. O., S. 54

527 *)Die nichtklassische Physik …* Holthusen 1952, a. a. O., S. xx

531 *)Flaschenteufelchen …* als bekannte Geschichte von Robert Louis

Stevenson; hier Abbildung (als Platzhalter) Thomas Theodor Heine (1867-

1948). Plakat, um 1900, (München, Neue Sammlung). Musste 1933 emigrieren,

bekannt für seine Zeichnungen beißender Satiren und ironischem Humor (Satire-

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zeitschrift Simplicissimus!), Heine war als vielseitiger Künstler mitbestimmend

im Jugendstil

531 *) Wo nur noch …Dubbe 1987, a. a. O., S. 54

531*) Die Erlebniswelten …vgl. Hermann Lenz. im Originaltext „berechenbare Zukunft“: 2. Abs., S. 193

532*) Wenn um das dümmste Mädchen … * Ringelnatz 2004, Vom Seemann

Kuttel Daddeldu, „Noctambulatio“ , a. a. O., S. 40

533 *) Giff öß e Whisky … * Ringelnatz 2004, Vom Seemann Kuttel Daddeldu,

Daddeldus Lied an die feste Braut, a. a. O., S. 11

534 *)Aber das war es nicht … vgl. a.Faulkner 1972, a. a. O., S. 23

534 *) Nicht wie … Ernst Jünger (1936): „Man müsste leben wie ein Schiff,

alles an Bord, was man nötig hat, und immer gefechtsbereit.“

534 *) Auf die Schiffe … Nietzsche

534*) Das Widerliche hinter sich lassen Hermann Lenz

536 *) Beizeiten kehren … Matthias Beltz

539 *) Wir Europäer Christentums … Friedrich Nietzsche

540 *) Einladung in die Hölle … Soldatinnen, Soldaten, Brüder … dem Katho-lischen Militär-Gesangbuch (MG-1968) nachempfunden! Ein eher völkisches evangelisches (MG) stand dem Autor während seines 18-monatigen (1,5 Jahre!) Kriegsdienstes leider nicht zur Verfügung. Szenario im Jahr 2020: Die Rüstungs-exporte steigen unentwegt, sie haben sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt (!) Deutschland führt in mehreren Länder der Welt Krieg, der Grundwehrdienst wird auf sechs Monate reduziert! Auch das professionelle Kriegführen wird privatisiert und noch profitabler.Wo ist bei allen künftig zu verschärfenden ZWANGS= IMPFUNGEN eigentlich die ZWANGS=TAUFE geblieben? Hat man die in der Notstandsgesetzgebung vergessen? Die Kirchen=AUSTRITTE stehen immer mehr in einem klaren Missverhältnis zu politischen Scheißhäusern und mit dem Rizinusöl der Algorhythmen manipulierten Wahlergebnissen in der demokrati-schen Kloake (G7-Gipfel und 5. Reinigungsstufe, nach der Dephospatisierung).

541 *) Die Philosophie … Achard, Marcel in seiner Antrittsrede vor der Académie Francaise. In: Huisman 1996, a. a. O., S. 20.

544 *) Betriebsergebnisse … [Meldungen aus der „Plan“-Wirtschaft]: Allianz fährt Milliardengewinne ein. Der Konzern konnte seinen Überschuss auf 4,4 Milliarden nahezu verdoppeln, ein sattes Gewinnplus von 31 Prozent. Der Gewinn der Dresdner Bank legte um ein Drittel auf 775 Millionen zu. 2005 war für Altana das zehnte Rekordjahr in Folge. Der Konzerngewinn stieg um 16

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Prozent auf 438 Millionen. Der Fotodienstleister CeWeColor will seine Divi- dende verdoppeln. Autovermieter Sixt hat seinen Überschuss auf insgesamt 55,9 Millionen mehr als verdoppelt. Beim Jahresüberschuss legte das Pharma-Handelsunternehmen Celesio um 25,3 Prozent auf 424,9 Millionen Euro zu. Der Umsatz der Edeka-Gruppe erhöhte sich 2005 um 20,6 Prozent auf 38,06 Milliarden. Das Betriebsergebnis von 480 Millionen soll mittelfristig um 30 bis 50 Prozent steigen. (03/17/2006). Fazit: Die Gewinne der Unternehmen stiegen deutlich, das Nettoeinkommen der deutschen Arbeitnehmer hat sich dagegen deutlich verringert.

544 *) Gewinner der Globalisierung (dpa) Der Gerling-Konzern kürzt die Betriebsrenten für seine Mitarbeiter künftig um 30-50%. Diese Ausgaben seien nicht mehr zu finanzieren. Die diesbezügliche fette Versorgung der Manager des Konzerns bleibt von dieser Regelung selbstverständlich verschont. (01/07/2004)

Die Belastung für Bürger wird dagegen immer höher. Das Sparpaket der Bundesregierung trifft fast jeden … Verbände protestieren massiv. (04/29/2004)

BERLIN (dpa) Der Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst hat zu einem heftigen Parteienstreit im Bundestag geführt (…) FDP-Generalsekretär Dirk Niebel griff den Ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske scharf an und nannte ihn einen durchge- knallten grünen Gewerkschaftsfunktionär, der eine Auseinandersetzung aus dem vergangenen Jahrhundert führe. Der Arbeitskampf gehe zu Lasten der Bürger.

544 *)Die Lügenpresse … Politiker oft sehr üppig versorgt. Bund der Steuer-zahler legt Berechnungen vor. Im Jahr 1552 hätte ein bundesdeutscher Durch-schnittsverdiener seinen Job antreten müssen, um sich die Pension von Bundesfinanzminister Hans Eichel zu sichern. Das wurde bereits am 25. September 2007 bekannt. Also hätte vor 466 Jahren vor 24.355 Wochen bzw. 170.491 Tagenein normaler Arbeitnehmer seine Rentenzahlungen beginnen müssen, denn das Einkommen der deutschen Bevölkerung ist in den letzten Jahren deutlich geschrumpft! Im Jahr war Iwan der Schreckliche Zar von Russ-land, Sir Walter Raleigh einer der Bezwinger der Spanischen Armada wurde ge-rade erst geboren. Man muss sich gegen die mächtigen Emporkömmlinge wehren, auch wenn sie immer reicher werden! Gerade deshalb! (RMP, 30. Juni 2009)

544 *) RMP , Dezember 2009

549 *) Brüning, Heinrich Aloysius Maria Elisabeth (1885– 1970) was a German

Centre Party politician and academic, who served as Chancellor of Germany

during the Weimar Republic from 1930 to 1932; was followed by the wordl

greatest succesfully faschist Adolf Hitler. (vgl. wikipedia).

.551 *) Wir sollten dieses… Der Begriff „Leitkultur“ wird in Deutschland immer

592

wieder aufgebracht, wenn es um die Frage geht, in welchem Maße sich Migranten

integrieren sollten. Er ist allerdings mit Recht hoch umstritten. Anfang des Jahr-

tausends hatte der CDU-Politiker Friedrich Merz die erste breite Diskussion über

eine „deutsche Leitkultur“ los getreten. Ursprünglich kommt der Begriff aus der

Landwirtschaft und beschreibt dort die vorherrschende Pflanzenart in einem Bio-

top. Merz verwendete den Begriff damals weniger als Integrationshilfe und eher

als politischen Gegenbegriff zum Modell des grünlastigen Multikulturalismus.

Einwanderer müssten sich an die „freiheitliche deutsche Leitkultur „anpassen“ –

dazu zählte Merz vor allem das Grundgesetz, die deutsche Sprache und Werte

wie Gleichberechtigung. In der Folge wurde Merz immer wieder vorgeworfen,

von Migranten einseitig Assimilation, also Anpassung, einzufordern. Von den

Grünen kam der Vorwurf, sich rechtsextremem Gedankengut anzunähern.

Vorwurf einer Wahlkampf-Rhetorik. – Heutzutage findet sich die klare abgrenzen

de Vorstellung von Leitkultur allein im Programm der AfD, wo sie hingehört.

Aber im Parteiprogramm von CDU und CSU hat der Begriff schon vor rund zehn

Jahren Eingang gefunden. Die Union will das aber als Integrationshilfe verstan-

den wissen, wie zuletzt im September 2016 die CDU in Sachsen, dem Bundes-

land im Osten, in dem Pegida seinen Anfang nahm und die AfD beachtliche

Wahlerfolge feiert. Wie damals geschehen, werden mit der Leitkultur-Debatte

immer auch Permanent-Wahlkampf geführt und Stimmen am ultrarechten Rand

gefischt. Europäische Leitkultur? – Den Begriff in seiner politischen Bedeutung

hatte erstmals der syrischstämmige Islamforscher Bassam Tibi von der Universi-

tät Göttingen verwendet. Er plädierte 1998 für eine „europäische Leitkultur“,

wozu etwa Menschenrechte, Toleranz und die Trennung von Politik und Religion

gehörten, auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, die gemeinsame Geschichte und

gemeinsame Traditionen bezogen.

Erst mehr als 60 Jahre nach Holocaust und Kriegsende, genau zur Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006, wurden auf den Straßen Deutschlandfahnen geschwenkt, ohne dass dies überwiegend negative Assoziationen auslöste. Damals wurde erstmals ein neuer Patriotismus sichtbar, der nicht auf Basis von Überhöhung und dennoch weiterhin fragwürdig funktioniert.

Bundesinnenminister de Maizière hat einen Zehn-Punkte-Katalog für eine solche deutsche Leitkultur vorgelegt. Wer diese nicht kenne oder gar ablehne, dem werde eine „Integration wohl kaum gelingen“, betont der Christdemokrat. (30.04.2017). Bundesinnenminister Thomas de Maizière sorgt sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und regt eine neue Debatte über einen altbekannten Kampfbegriff an. Keine schlechte Idee, meint Marcel Fürstenau (30.04.2017). Mit seinen Thesen zur deutschen Leitkultur hatte Bundesinnenminister de Maizière eine anhaltende Diskussion angestoßen.

593

Während die Opposition die Debatte für überflüssig hält, wünscht sich die Union jetzt endlich konkrete Taten. (02.05.2017)

553*)Bedrohliche Vorgänge in der ganzen Welt …Das Forschungsministerium

des US-Verteidigungsministeriums plante eine Internetbörse, an der auf das Ein-

treten wirtschaftlicher und politischer Ereignisse im Mittleren Osten gewettet

werden sollte – Terroranschläge und die Ermordung Jassir Arafats inklusive.

Nach einem Proteststurm (von wem eigentlich?) wurde das Projekt vorläufig ge-

stoppt. (2. August 2003)

556 *) Denn ein Mensch ohne Nahrungund macht sie sichtbar. (Bloch 1979, DPH, a. a. O., S. 71 f.)

556 *) der wirkliche Dichter … Döblin, A. (1963): Aufsätze, a. a. O., S. 352

556 *) Der Durchschnittserzähler … Döblin, Alfred (1928 ??? /1963): Aufsätze zur Literatur. Hrsg. V. W. Muschg. Olten, Freiburg i. Br., S. 112-115.

558 *) Von Dioxinen verseucht … Agent Orange – Auf ewig verseucht! vgl. TV-Doku, N24, 14. Dezember 2015

559 *) Der Frühling … Lachen des Blöden. Rimbaud 1982, a. a. O., S. 265

559 *) Schon Herbst Rimbaud 1982, a. a. O., S. 323

565 *) Verwunderlich ist … Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses“ war Thema der von Michel Foucault am 2. Dezember 1970 gehaltenen Antrittsvorlesung zur Berufung auf den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl zur „Geschichte der Denksysteme“ am Collège de France. Die Vorlesung wurde in einer erweiterter Fassung 1971 als „L’ordre du discours“ in Paris bei Gallimard veröffentlicht.

567 *) vgl. Schwarz, 2008: Privateinkommen in der BRD

569 *) eher gemütlich odr . . . Dieses „odr“, sehr ausgeprägt im Schwyzerdütsch, entspricht einem „gell“ oder „eh“ im Deutschen je nach regionalem Dialekt oder anderen angesagten zeitgeistigen Sprachmoden. Es ist nicht zuletzt dem restriktiven Code, einer Huldigung der Sprache der unteren Schichten verhaftet. Im elaborierten Code der Hochsprache würde eher das „Nicht wahr?“ als ständig wiederholte Endfrage in einem Dialog benutzt werden. Nach einer Ansage und einem Satzende wird vom Dialogpartner eine Empfangs-Bestätigung erwartet, was zugleich auf eine stets erhoffte Gruppenzugehörigkeit des eigenen Individuums hindeutet. (aus einem Brief an Steffen, 08/07/2017)

570 *) Dagegen gerichtet … als ein Held sterben … Thomas Mann (1915): Betrachtungen eines Unpolitischen. Auch Thomas Mann (1914): Gedanken im Kriege; Stephan-Kempf (2018): Nichts neues vom Wendehals – Der Krieg ver-

594

wandelt den Menschen. In: INSELJAHRE Band 21 Spiegelungen, S. 205 ff.

571 *) Unsere Lebenszeit … Gegen das Vergessen … vgl. Moshe Zuckermann, Susann Witt-Stahl (2021): “Gegen Entfremdung. Lyriker der Emanzipation und streitbarer Iintellektueller – Gespräche über Erich Fried, 128 pp. Westend Verlag

***

?173/2*) Europa, reicher Kontinent, und Albanien ist mittendrin. – „In Albanien zählen Richter zu den reichsten Männern im Land. Wie kommt das, obwohl sie etwa offiziell nur 800 Euro im Monat verdienen. Albanien wird EU-Mitglied, die Frage ist nur wann. Albanien ist das stabilste Land im ganzen Westbalkan. In Albanien verdienen Lehrer so wenig, dass viele von ihnen nicht in der Schule erscheinen, weil sie woanders arbeiten müssen.

? 193 46)Beizeiten … Dubbe 1987, a. a. O., Nachtrag

***

ENDE Band 1

******************************************************************************************************************

(Auszug): STEPHAN-KEMPF, GÜNTER (2021): Ulysses – Wanderer ohne Ziel (1). INSELJAHRE Band 23. Edition Geoteam Bad Schwalbach & Kampot; ca. 548 pp. [in Bearbeitung]. Kapitel 1 von 3; S. 7 – 225

Die im Original-Manuskript für verschiedene Abschnitte zwecks besserer Unterscheidung der Szenerien ursprünglich gesetzten unterschiedlichen Schrifttypen werden hier (leider) nicht wiedergegeben. Der hier von WordPress vorgezeigte ursprünglich anders formatierte Text auf diesen Seiten gefällt mir so nicht — dennoch setze ich ihn ins Net, in der seichtesten Hoffnung auf einige eingehende Kommentare . . .

Die absolut hinrissige Veränderung der ursprünglichen Formatierung vom Schreibprogramm zu WordPress ist mehr als ekelhaft mittelalterlich. Dass in WordPress Seitenzahlen und die Trennungen nicht korrekt übernommen werden (ist das immer so?) ist mir ein absolutes No Go für die Zukunft. Schade um die allein dadurch extrem aufwändige Arbeit, um es trotzdem halbwegs lesbar zu machen.

Anmerkung:

Der unkonformistische Charakter unterschiedlicher (Schreib-) Systeme ist im Zeitalter des Übergangs zu einer globalen und totalen Einheitlichkeit immerhin noch sehr beachtlich. Allein die Konvertierung der Moral wird weiterhin im dualen System verharren — nicht nur die Osloer Götter haben ein langes Leben, auch Aristoteles und seine ihm nachfolgenden Sophistiker in der seit Tausenden von Jahren etablierten Sklavenhaltergesellschaft sind unsterblich — ganz zu schweigen von den vom Staat mit seinen bezahlten Sophistikern und Auguren . . . Lesen oder TV-Glotzen? Das ist hier die Frage.

2 Comments

  1. Ui, das ist aber ein langes erstes Kapitel. Da muss ich mir etwas Zeit nehmen bis ich es durch habe.

    Hab mal etwas reingelesen aber ist ziemlich anstehend mit dem Handy und der kleinen Schrift. Wenn ich Zeit finde werde ich mal vom PC aus weiterlesen.

    Sonst alles gut? Kuss und Gruß, Cordula

    >

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Corake, bin seit Monaten mal wieder on this channel … können das bei Dir jetzt acht Wochen sein, um bloß ein einziges Kapitel meines fast fertigen Ulysses exklusiv zu lesen? LG Felix

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