INSELJAHRE – als Lesebuch: Tagesmotto 02/24/2021 . . . „Brunchen bis zum Wiederkäuen“

Ein vortrefflicher Pianist: aber sein Spiel muss das Aufstoßen der guten Gesellschaft nach einem Diner übertönen. [Karl Kraus].

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[E 1] = Brunchen bis zum Wiederkäuen.*) – Warum verschmähte er bislang die längst verbreitete Modernität, nach durchlebter Nacht erst am späteren Vormittag einen kräftigen vielgestaltigen Imbiss einzunehmen? Hat man sich dazu gar Freunde eingeladen, so nennt man das heute einen Brunch . . . und dann bedienten sie sich in der Wartburg, am Morgen zugleich ein durchaus gemütliches Selfservice-Restaurant, mit viel mehr Ambiente, als eine Stehtischgruppe in einer Drogerie-Tankstelle bietet, und auch die Möblierung einer Autobahnraststätte oder das aalglatte plastikfarbene Menü bei Ikea in Wallau wären jetzt unangebracht. Diese Wartburg in Wiesbaden hat irgendwie Tradition, da war Rhythm’n Blues Musik in seiner Jugend, es liegt gleich neben einem kleinen Stadttheater der Landeshauptstadt und unweit sind die großen Kaufhäuser, die wochentags in ihren Restaurants ebenfalls Essen anbieten. Nein hier ist es trotz des großen Raumes viel gemütlicher, und der Klavierspieler gibt sich alle Mühe die Verkaterten, die ignorant Abgeschlafften des Großstadtmorgens etwas aufzumuntern. Vielleicht spielt er deshalb etwas zu dominant. Zumindest spielt er viel zu laut.

Da hatte sich Felix vom einem der beiden langen Büfetts zwei gekochte, noch warme Eier auf einen Teller genommen, die kullerten bedrohlich herum, sie rollten umher, womöglich wie die Kiesel am Grunde des Rheins, sie eierten tatsächlich auf dem noch leeren Teller herum, und er klopfte jene Eier kurz an den Tellerrand, um ihnen eine gebrochene Oberfläche zu verleihen, die die beide Eier daran hindern sollten, weiterhin vollkommen unkontrolliert herumzueiern. Am Tisch bei den anderen angelangt fällte er sodann ein strenges Urteil: Diese Eier wurden wegen ihres undisziplinierten Verhaltens zum Tode durch Köpfen verurteilt. Im Namen des Volkes . . . etwas schauderte es ihn den Rücken hinunter, das kennt doch jeder, besonders in Deutschland. Obwohl die schneeweißen Schalen der beiden Eier bereits etwas zerbrochen waren, knirschten sie ein letztes Mal aufbegehrend, als er mit dem rostfreien Messer ihre Spitzen abschlug, sie dabei eigentlich nur vorsichtig abtrennte, denn die beiden Schläge erfolgten recht behutsam, um ihnen zuletzt mit einem klassischen Feingriff menschlicher evolutionärer Überlegenheit die Schalenspitzen abzuziehen, er dabei noch den zähen Widerstand des trocken, ja fast ledrig wirkenden weißen Häutchens zerreißen musste, um den Inhalt der Eierspitzen zu verzehren. Ihm fiel dabei auf, dass er einen seiner etwas zurückhaltenden Henkerschläge bei einem Ei etwas zu tief angesetzt hatte, denn Dotter war dabei vom Dottersack her freigelegt und von ihm getrennt worden, vom Kochen außen hellgelb angegart und etwas bröselig, zumal sich einige der Bröckelchen vom kleinen Löffel lösten und über die ebenfalls eierschalenweiße Kante der Tischdecke fielen, um dann im tiefen Kernschatten unter dem Tisch zu verschwinden. Nur einer der hellgelben Krümel blieb als Zeuge dieses nun beginnenden Vorgangs der weiteren Hinrichtung auf dem bretthart gestärkten Tuch liegen . . . Warum spricht man bei der vom Körper nur schwer unterscheidbaren Spitze eines Hühnereis trotzdem von dessen Kopf? Ist da eine unbewusste, in uns gebliebene, urtümliche Fruchtbarkeit, die allen weiblichen Kreaturen entspringt, dann besonders bei der Krone der Schöpfung, dem humanistischen Maß aller Dinge, dem kriegerisch durchpulsten Manne bedrohlich wird, bei den uns immer noch fremdartigen Dingen, die in die Welt gekommen sind, dann in einer uns feindlichen Natur liegen, aus deren immer noch beachtlichen, unendlichen Fruchtbarkeiten stammen, die wir womöglich mit dem Instinkt einer archaischen Schuld dennoch zerstören oder bestenfalls verzehren, so wie wir alles von uns gezüchtete Fleischliche, das einmal fruchtbar Gewachsene, zunächst töten müssen, nur weil es uns als eine eiweißhaltige Nahrung dient? So scheint bis heute, und heute gerade wieder, alle Natur uns immer noch bedrohlich, fremdartig und widerspenstig zu sein. Wo kommen dieser Eier eigentlich her? Woher die Shrimps, die kleinen Schweine-Schnitzelchen, der auf Börsen vermarktete Septemberweizen für das braun knusprige fast original französische Baquette?

Die fettigen, butterigen, die bröselig abblätternden, nach den Beschreibungen Marcel Proust‘s duftenden Croissants, die nach ihrer echten Art wie ein gelungener Blätterteig ein Künstler unter den Bäckern gemacht haben sollte? Woher stammen die dunklen roten Heidelbeeren dieser zähcremigen und doch kernigen Industriemarmelade, die wir vorher mit der Messerspitze säuberlich auf das Croissant zelebriert haben? So erfreuen wir uns des nächsten Abbisses.

Und das Tischtuch ist jetzt voller blättriger Krümel.

Ach ja, die Heidelbeeren: Stammen sie womöglich aus den mit Cäsium verseuchten unkrainischen Sümpfen und Wäldern, aus den moorigen, borealen Fichten- und Birkenewigkeiten des nördlichen Schweden? Gesammelt von tief gebeugten Wanderarbeitern aus den kasachischen Steppen noch weit hinter der einstigen Hölle von Stalingrad gelegen?

Bevor es mit dem reichhaltigen Brunch weiterging, hatte er also diese beiden Eier mit Butter auf einigen Baquett-Abrissen gegessen. Das Croissant gleich hinterher. Das erschien ihm als ein normaler Vorgang bei einem solchen Ausnahmefrühstück. Die kulinarische Reihenfolge scheint dabei plötzlich vollkommen unwichtig zu werden.

Wie beim Morden und Abschlachten durch verrohte erbarmungslos gewordene Soldaten ergeht es dem ans übliche Frühstücksei gewöhnten westlichen Kulturmenschen. Der eine macht mit dem Ei kurzen Prozess – Zack! Das Ei ist sehr energisch geköpft! Der andere ziert sich, trödelt unschlüssig in seiner doch nötigen Handlung herum, zertrümmert mit dem kleinen Eierlöffel, der ihm beigegebenen speziellen Waffe, zunächst möglichst unauffällig und ganz ohne dabei eine sichtbare Aggression zu zeigen die sehr harte obere Hirnschale des unschuldigen, aber bereits vorgegarten Delinquenten, nimmt ihm vor dem letzten tödlichen Schnitt durch den Hals, den Hut, seine Mütze ab, und nur selten kommt es in den Regionen abendländischer Zivilisation vor, dass sich ein embryonales, oder schon weiter ausgereiftes Hühnchen in seinem Frühstücksei befindet.

Dann aber ist erstaunlich, wie viel in solch ein Hühnerei hineinpasst. Ja, da ist dann wirklich ein Kopf sichtbar, mit Augen, die uns gargekocht und geronnen, totenstarr aber sehr eindringlich anblicken. Kein Wunder nach sechs oder sieben Minuten in kochendem Wasser.

Es ist etwas geschehen. Brot wird gegessen, dem Ei wird der Kopf abgeschlagen.“*)

Natürlich geht es in den asiatischen Regionen noch brutaler und gnadenloser zu, auch was den alltäglichen Umgang mit tierähnlichen Sachen betrifft.

Das weiß Felix längst.

Nur die Gesetzeslage scheint auch hier identisch – Tiere genießen da wie dort keinen wirklichem Schutz – der liegt deshalb überall erbärmlich leidend, mit Chemie und Kunstnahrung gemästet, dann voller Schmerzen grausam verstümmelt und abgeschlachtet ganz offen zu Tage.

Daher sein schlechtes Gewissen bei diesem Brunch. Das konnte besonders der Klavierspieler nicht ahnen, und alles in Felix war schließlich und zuletzt sein Unterbewusstsein, wie er stets schnell zu glauben meint, und genau das ergab diese in sich vollkommen verkehrte Mischung an einem etwas verkaterten Morgen inmitten jener überaus satten Stadt, in der sie an einem österlichen Sonntag lange keinen Parkplatz gefunden hatten.

Fast alle braven Bürger und die meisten der türkischen Händler in der langen Wellritzstraße gleich gegenüber, waren mit ihren Fahrzeugen gerade zu Hause, an diesem strahlend blauen Ostermorgen unter den bewaldeten Höhen des Taunus-Gebirges.

Hier hielten sich Wildschweine bereits für ihren nächsten nächtlichen Raid gegen die Schrebergärten nicht nur in Waldnähe bereit. Noch lagerten und ruhten sie, vor den umher hetzenden Joggern und den bunte Ostereier suchenden Kids der glückstrahlenden Spaziergänger raffiniert in einer Dickung versteckt. Die von ihrer erfahrenen Bache angeführte Rotte war wie immer klug genug, um auf das für sie vollkommen unerreichbare späte Frühstück von einem überfüllten Büfett, noch vor der kommenden Nacht zu verzichten. Die freien offenen Wiesen die Plaine der brachliegenden Äcker galt es vorsichtshalber vorerst nicht zu betreten. Dann aber warteten in der Nacht die nahen Schrebergärten mit ihrem ebenfalls vielfältigen Angebot an leckeren Sachen auf sie. (2019)

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*) ( STEPHAN-KEMPF, GÜNTER (2021): Ulysses – Wanderer ohne Ziel (2). INSELJAHRE Band 24. Edition GEOTEAM Bad Schwalbach & Kampot. (Band 2 von 4); ca. 558 pp. [in Bearbeitung]; Auszug: 8. Kapitel, vorl. S. 993-997)

**) Das Titelfoto dient als Platzhalter, da ich im Moment nicht an die Bilder aus jener Zeit gelangen kann. Hier: Ein ortstypisches Schwein unter einem Haus auf der Insel Don Det (4.000-Islands mitten im hier sehr, sehr breiten Mekong gelegen, südlichstes Laos (Foto des Autors 2018)

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