INSELJAHRE – Als Lesebuch: Tagesmotto 03/16/2019 – INSELJAHRE Band 3: Der Skorpion – Ein fast autobiografisches Lesebuch: 1. Kapitel: Mein Ökotopia . . . [Entwurf]

vorläufige Abbildung: Titelseite Band 3

Vorwort

Einige Autoren vermischen ihre biografischen Eindrücke mit der  Beschreibung sich historisch und gesellschaftlich entwickelnder Formen und Zustände des Seins.

Die Beantwortung der Frage Erich Fromms, warum man sich gerade für jene Bereiche des Denkens interessiert, die im eigenen Leben wichtig geworden sind, fällt auch mir nicht leicht.

Die zunächst objektiv erscheinenden Hintergründe, vor denen sie entstanden sind, werden aber durch einen Filter der persönlichen Psyche wahrgenommen. Bei näherer Betrachtung kann die Tatsache nicht geleugnet werden, daß der einzelne Mensch ein Produkt seiner Herkunft, aus verschiedenartig auf ihn wirkenden kulturellen Realitäten und nur scheinbar der spezifischen Erkenntnis von ihnen ist. Deshalb, und das erscheint mir längst als sicher bewiesen, reagiert er in seiner eigenen Person als Teil eines jeweils herrschenden Gesellschaftssystems, immer und wesentlich aus seinem tief verborgenen Unterbewußtsein heraus, welches in zunächst unheimlicher Weise aus Verdrängung und sublimierender Entfremdung seinen stetigen, wahrhaft nicht mehr zu kontrollierenden, mechanistischen und verhaltensprägenden Zuwachs erfährt.

Der einzelne Mensch wird in seinem Überlebenskampf zu einem gesellschaftlichen Individuum reduziert, zu einem an seine Umwelt angepaßten Wesen – als ein funktionierender Staatsbürger ist er erzogen, und er wird weiterhin in einem einzigen Sinn indoktriniert: der selber zum Erhalt der menschenunwürdigen, inhumanen und unökologischen Zustände auf nationaler, heute sogar globalchauvinistischer Ebene beiträgt. Totale Verweigerung erscheint dabei aussichtslos . . . aber die bloße, dann die prinzipielle Hoffnung des Einzelnen ist immer ein Keim!

Das aus bereits länger vorliegenden und aktuellen Manuskripten entstandene Lesebuch verbindet die eher visionäre Sichtweise aus meinem hier fortgesetzten Ökotopia mit einem unzensierten aphoristischen Gedankengut. Wie der namensgebende Skorpion dem Titel des Lesebuches eine mir dringend erforderliche durchgängige Bissigkeit verleiht, so sollen wie im ‚Der Schatten des Elchs‘ vermutete, unbewußten Wünsche und Bedürfnisse behutsam offengelegt werden. Der Entschluß, in mein zunächst noch ohne übliche Rahmenhandlung befindliches „Romanmosaik“, zahlreiche autobiografische Fragmente einzuflechten, führte letzlich zu einer fast konsequenten chronologischen Gliederung der Beschreibungen. Die etwas mystischen Andeutungen einer unterlegten Romanhandlung mit ihren stets wiederkehrenden Protagonisten, bleiben dabei dennoch im Hintergrund.

Die Aufnahme einiger bisher nicht veröffentlichter, gar unbearbeiteter Gedichte, rundet zu einem hoffentlich interessanten und beredten weiteren Teil der INSELJAHRE ab.

Sehweisen, aus verschiedenen zeitlichen Abständen gewonnen, reflektieren persönliche Lebensumstände, die den bewußtseinsbildenden gesellschaftspolitischen Zustand in eine erlebte Betroffenheit führen.

Einige zeitgleich eingegliederte Lesetaten, die einen menschlichen Charakter gleichermaßen verderben und intellektuell entwickeln können, dienen neben den Abbildungen als weitere biografische Indizien.

Wichtig erscheint, daß eine Analyse der Vorgänge trotz hinreichender, endlicher Konglusion nicht versucht wird, denn es gibt nach Hugo von Hoffmannsthal „…kein gewagteres Unternehmen als den Versuch, ein Individuum darzustellen.“ Wie soll es dann gelingen, wenn man ihm nicht einen Stempel aufzudrücken wagt?

Eine Autobiografie im historischen und/oder intellektuellen Sinn sollte es ursprünglich nicht werden – aber ein sehr persönliches Lesebuch mit einem fiktiven Hintergrund ist es dann tatsächlich geworden.

Die ausführlichen Anmerkungen im Anhang sind ein wichtiger Bestandteil der Leseart; sie sollten, ausnahmsweise mit einem leicht gekrümmten rechten (!) Mittelfinger vorrätig gehalten ständig präsent sein. Der „Nato-Daumen“ oder ein steifer „Stinkfinger“ haben sich in Anbetracht der realen Entwicklungen dafür als zu sehr patriarchalischer Herkunft und zudem als vollkommen unpraktisch erwiesen.

Nach wie vor dient die Herausgabe des vorliegenden Bandes (wie auch die der zahlreichen bereits erschienenen anderen Bände der INSELJAHRE) vordergründig der Aufforderung an alle kritischen Leser, zur Korrektur und Verbesserung in einem kollektiven aber auch „lektorischen“ Wohlwollen beizutragen.

Allen meinen Freunden und Bekannten, die mir bisher diesbezüglich mit Kritik und anderen Reaktionen eine Hilfe waren, danke ich herzlichst. Ihnen allen, und denjenigen, die mir auf meinem kurvigen Weg durchs Leben da und dort begegnet sind, widme ich dieses Buch, an dem sie letztlich mitgeschrieben haben – wo immer sie heute auch sein mögen.

Irgendwo gibt es eine Leserin dieses Buches. Lea.

GSK

Auf dem Lande, 13. November 2003

Auch die Märchenerzähler werden immer vorsichtiger. Stumm sitzen sie auf den Stufen der Marktplätze und beobachten das bunte Treiben. (Apho 1579)

1. Kapitel

Mein Ökotopia

Vor der Gartenlaube – Der Antiquar – Die Nachtigall – Vor der Gartenlaube – Beachcraft – Höhle (2) – Helga – Höhle (1) – Sonja – Das Gespenst von Canterville – Die Züge fahren wieder – Felix und Jonny – Gründung der Nato – Felix und Jonny (1) – Felix unterm Kirschbaum – Jonny und der Fluß – Von Menschen und Käfern – Oberhalb von AlassioMarshallplan und Leukoplast – Plato sagt mit RechtBad BetteldorfGlückstadt (1)Das arme Afghanistan – Evita PeronErstbesteigungWeiße Rose und Anne FrankDer Schatten des Elchs (1) – Das Elend der Kinder an preußischen Schulen – BanknachbarnEselsbrücken – Fleiß, GehorsamManöverDas Messer mit dem Aluminiumgriff – Der Junge mit dem FahrradSportstundeBadetagWenn der Senator erzähltWinnetou am MarterpfahlOpas Witz mit dem FliegendrahtRobinson und SchinderhannesVon der Küche in den GartenHeim ins Reich – Von der Küche in den Garten – Wer war Nikolaus August Otto wirklich? – Elvis in der Wetterau – Mauerbau in Berlin – Spiegel-Affäre – Zwischen halb und AchtVelvetaErmordung von John F. Kennedy – HemmendorfJonny (2)Biene (1) Der Eichelhäher – Biene (2)ApfelmostWer ist Hannes Wader?Australien (1) –  Sturm und DrangAn der russischen FrontDie Frau vom BahnhofFelix macht Kabarett – Lea (1)AnetteDanielleGeburtstagsgeschenkSüdafrika (1) – Hinter den Toren – Brenda aus Michigan – Die Frau im Lackledermäntelchen – Wanderung durchs Aartal – Heidrun in der Gartenlaube – Dir Land voll Lieb‘ und LebenIch habe das deutliche Empfinden – Paul geht spazieren – Glückstadt (2)Block BerlinNordoeDer Merapi-Käfer (Bukittinggi)Klassentreffen – Bremerhaven – Erinnerungen an BremerhavenLetter from BrendaPrager FrühlingOlpenitzFelix und Jonny (2)Postcard from BrendaBorkum – Nacht auf dem Tender MainDorotheaReserve hat Ruh‘Die HundemarkeIm TrockendockFührerscheine – Großvater wird erkanntDie heilige „RAF“ der Scheißhäuser – Kriegskredite – Felix und Jonny (3) – Alte MärchenClaude (1)Wir sind nicht frei, wir sind nicht gleich (Heinrich Böll) – Kellerabende – Zwei Ameisen.

2016  Der Antiquar1

Es war eigentlich fast wie ein Zufall. Seit über zehn Jahren lebte Kusch nun schon in der selben schmalen, berliner Ladenwohnung, in der er schon einmal vor mehr als vierzig Jahren in einer Wohngemeinschaft gehaust hatte. Der Willmanndamm, als bloße Seitenstraße fungierend, war eine der gewöhnlichen Straßen in Schöneberg, nicht sonderlich breiter als die anderen und lückenlos von den hier typischen, schmutziggrauen, einst sehr dekorativen Gründerzeitfassaden gesäumt. Enge Einfahrten führten in die Hinterhöfe mit ihren glattgeputzten, vollkommen schmucklosen Seitenflügeln und zu den Quergebäuden.

Die Rahmen des Schaufensters und die Ladentür hatte er vor Jahren bereits knallrot überlackiert. Das mancher Kundschaft merkwürdig aber originell erscheinende Antiquariat war, von parkenden Autos einmal abgesehen, der einzige wirkliche Farbklecks in der tristen Straße. Tatsächlich gab es hier kaum ein weiteres Geschäft, und der schier endlose, lange Schlauch, die hohen Wohnräume sowie die noch größeren Keller darunter, die er jetzt ganz allein bewohnte und für seine Zwecke nutzte, waren früher eine Bäckerei und später eine kleine Schraubendreherei gewesen.

Kusch war über die Jahre ein seltsamer Kauz geworden. Inmitten der lebhaften, hektischen Großstadt lebte er fast wie ein Einsiedler. Gleich um die Ecke aber floß der Verkehrsstrom und verband wie eine pulsierende Arterie mehrere Stadtteile miteinander. Die Kneipen von früher gab es meist nicht mehr, oder sie waren ihm nicht mehr gemütlich genug. Natürlich war das Publikum aus seiner Perspektive auch immer jünger geworden. Kaum einer von seinen alten Kumpanen war noch in der Stadt, oder sie hatten sich damals schon aus den Augen verloren . . .

Gemeinsam rennen sie die Grunewaldstraße hinunter. Eben noch haben sie vor dem Rathaus Schöneberg den letzten Reitereinsatz2 mehrerer Pferdestaffeln der Westberliner Schutzpolizei erlebt. Kusch blutet stark an der Stirn. Flach liegend, zitternd, dann gebückt hinter die Grabsteine des dunklen Friedhofs gekauert, findet er einen Wischlappen, den er gleich auf die klaffende Wunde preßt. Er hat zwar Angst, daß sie auch hier schnell aufgespürt werden könnten, aber ein merkwürdiger Gedanke ist plötzlich in ihm. Wie in einer Collage erscheint ihm das Geschehene in zusammengefügten Bildausschnitten, aus denen die Grabmäler in der Dunkelheit wie Eckpunkte herausragen, von darüberhuschenden Lichtkegeln aus den Handlampen der Greifertrupps, wie aus einem nächtlichen Gewitter beleuchtet. Er hört das Quietschen der Friedhofstür . . . Hier sollten wir nicht länger bleiben, Willi.

Jetzt erst bemerkt er, daß er ganz allein ist. Im schwarzen Schatten der hohen Bäume klettert er über die backsteinerne Friedhofsmauer und ist wenige Minuten später bereits zum Kleistpark gelangt. Aus den Schlünden der U-Bahnstation flüchten instinktiv andere verwehte Reste der Demonstranten, da sie sonst bald allesamt in eine der großen Fallen dieser Nacht geraten würden.

Kusch kann die hier beginnende breite Potsdamer Straße hinunter sehen, wo vor dem „Alliierten Kontrollrat“ mitten auf dem Bürgersteig eine Wanne durch die Tränengasschleier rast und einige der Flüchtenden gnadenlos vor sich her treibt.

Da springen vier oder fünf dunkel gekleidete Greifer aus dem angestoppten Mannschaftswagen und überqueren blitzschnell den eingenebelten Platz. Eben noch gelingt es Kusch, sich um die Ecke der ansteigenden Langenscheidtstraße zu biegen. Er rennt sofort los, er läuft wie um sein Leben, mindestens zwei der Pudelmützen dicht hinter ihm. Er kommt bis zur Ecke der Crellestraße . . . die Langenscheidt-Brücke?

Nein, sein Instinkt läßt ihn rechts um die Hausecke wechseln. Hier steht ein stählernes Baugerüst, liegen abgeschlagener Putz und Plastiktüten voller Müll. Plötzlich eine handliche Gerüststange, die an der Hauswand lehnt. Kusch ergreift sie, hält das schwere Rohr gleich wie ein Bajonettgewehr und wartet auf seine Verfolger. Als einige lange Sekunden nichts geschieht, wirft er sie weg und rennt weiter in Richtung Leuchtturm. Dort reißt er die Kneipentür auf und stellt sich, nach Luft ringend und schweißtropfend, in die Ofenecke am Tresen.

Schnell ein Bier, die verdammten Bullen sind hinter mir her. Hier, das sollst du haben, geht auf Kosten des Hauses, Genosse.

Nichts zu erwartendes passiert dann, bloß, daß er ein großes Pflaster aufgeklebt bekommt, es in dieser Nacht noch einige Biere mehr werden, und er erst sehr spät mit dem halbstündig verkehrenden 48er-Nachtbus nach Friedenau und in die Nähe seiner verborgenen, aber sehr gemütlichen Hinterhof-Kellerwohnung gelangt.

Kusch strich sich mit der Hand über die Stirn. Die kleine Narbe, die er von jenem Abend zurück behalten hatte, juckte ihn manchmal, aber nur leicht. Gerade blätterte er im englischsprachigen Bildband ‚Super-Powers‘, in dem die Entwicklungsgeschichten der USA und der Sowjetunion sehr bunt aber prägnant dargestellt sind, als die Eingangsglocke im Laden bimmelte. Schauen sie sich schon um, rief er nach vorne, während er sich in aller Ruhe eine Zigarette vom Schwarzen-Krausen drehte.

Menschenskind, Reinhard! Er erkannte ihn sofort, an seinem mausartigen Gesicht, an seiner fast schmächtigen, leicht gebückten Gestalt, mit seinem zerzausten Haar und seinem zotteligen, dünnen Bart . . . nur, Reinhard war inzwischen zum Brillenträger geworden.

Felix, auch du hast dich kaum verändert, grinste Reinhard.

Wie bei dem Herrn Keuner: Sie haben sich gar nicht verändert, wie schrecklich, nicht wahr, erwiderte Kusch.

Brecht?

Ja, das ist und bleibt unser gemeinsamer Brecht.

Hier wohnst du also wieder. Reinhard lugte in den langen Gang, der weit nach hinten führte. Ich weiß noch, wie du damals hier umgebaut hast. Aber dann bist du gleich aus dieser chaotischen WG geflüchtet und in den Keller nach Friedenau gezogen. Du hast wohl immer noch einen gewissen Hang zu solchen ungewöhnlichen Behausungen, oder?

Wir haben uns seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Warst du denn die ganze Zeit über nur in Berlin?

Wo denn sonst, antwortete Reinhard.

Hast du noch ein Taxi? Für Reinhard schien Kusch‘s Frage rein rhetorischer Natur zu sein.

Nein, du weißt doch, seit der Wiedervereinigung ist das Geschäft schon allein durch die Stasi-Seilschaften total mies geworden. Er sah dabei auf den nostalgischen Fliesenboden der ehemaligen Bäckerei.

Es muß furchtbar schwer für dich gewesen sein, sagte Kusch.

Als ich noch Droschkenkutscher war?

Nein, als deine politische Welt vollkommen zusammengebrochen ist.

Ihr Maoisten, habt damals noch viel mehr in einer Traumwelt gelebt. Davon ist auch nichts übrig geblieben.

Ja sicher, allein die tägliche Anschauung der DDR hat manchen dorthin getrieben, und im KSV, Vietnamkomitee oder in der Liga gegen den Imperialismus.3waren die Genossinnen auch viel hübscher. Außer Rosi, die du nicht kanntest, die war zwar bei den FU-Adsen und mit ihrem Ehemann in der SEW4, aber sie war für mich die berühmte Ausnahme von der Regel, und du natürlich, Reinhard. Sag, wie geht es dir?

Du hast ganz recht. Mir geht es entsprechend gut. Einerseits habe ich damals einige Zeit in der Psychiatrie verbracht, andererseits habe ich seit zwei Jahren einen festen Job, das will etwas heißen. Nach dem VWL- und BWL-Studium bot sich Steuerberatung an. Nein, ganz einfacher Gehilfe bin ich bloß, ich komme eben so über die Runden, und du? Was machst du denn?

Ach, Reinhard, das ist eigentlich auch eine längere Geschichte.

Die hast du wohl auch tatsächlich studiert, wie ich an den Büchern hier unschwer erkennen kann.

Magst du etwas trinken, soll ich uns einen Kaffee machen? Kusch nahm Reinhard dabei in den Arm. Auch ich bin an vielem gescheitert, aber das soll unser Wiedersehen nicht betrüben.

Sie gingen den langen Flur entlang. Die Küche war ganz hinten. Auf der Fensterbank zum Hinterhof räkelte sich eine bunte Katze.

Ist das noch deine Katze Alfred? Läuft der Laden eigentlich?

Nicht wirklich, aber daß du dich noch an den Namen erinnern kannst. Alfred Wegener ist wenige Monate später, nachdem ich Berlin verlassen hatte, an Leukämie gestorben.

Leukämie? Für Reinhard schien das bei Katzen eine ungewöhnliche Krankheit zu sein. Es gibt auf der Welt noch seltsamere Krankheiten. Kusch war am Ende des Studiums und nach seiner sich anschließenden, noch erfolgreicheren Taxikarriere für ein ganzes Jahr auf die großen und winzigsten indonesischen Inseln, später hinunter nach Australien gegangen.

Ich hätte jetzt richtig Durst auf ein Bier, sagte Reinhard, nachdem er einige Zeit nebenbei die Bücher im Laden und im Raum hinter dem Bad begutachtet hatte.

Und ich richtig Hunger auf eine Zwiebelpizza5 bei Dino-Nachfolger gleich gegenüber, sagte Kusch. Die zapfen weiterhin ein gutes Jever.

*

Einige Wochen später machte Kusch eine aufwändige Inventur. Lange hatte er dabei die „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig gesucht. Jenen blauen Leinenband hatte er zwar nicht gefunden, doch waren ihm dabei allerlei andere längst verschollen geglaubte Titel in die Hände gefallen. Die Bücher waren in den hohen Regalen allesamt verstaubt, sie rochen leicht modrig und doch so, wie alte, begriffene Erinnerungen riechen müssen.

Was er an vielen seiner Büchern liebte, das handwerkliche Geschick, mit dem sie hergestellt waren, oft passend zu ihrer Individualität, die sie durch ihren spezifischen Inhalt voneinander wie Menschenrassen unterschied; wie Weltanschauungen, so grundsätzlich verschieden waren sie, aber in einer gemeinsamen Spezies vereinigt, der dinglichen Form von Stimmungen und Situationen unterworfen, in denen er sie sich erstmals durch gieriges Lesen, in einer langsamen, studierenden Lektüre oder nur durch eine bloße, sacht berührende, eher flüchtige Inbesitznahme in neugierigem Querlesen angeeignet hatte.

Als er sich von Sigrid trennte, achtete er peinlich genau auf die reale Zuordnung der gemeinsamen Bücher. Natürlich nicht der Geldwert erschien ihm dabei wichtig, eher wollte er damit die mögliche Enteignung seines Wesens verhindern, das sich ganz sicher mehr während der vielfältigen Empfindungen beim Lesen in seinen verschiedensten Lebensphasen zurechtgerückt hatte, als durch sein eigenes, anfangs noch ambivalentes Geschick im Versagen einer üblichen bourgeoisen Karriere. Irgendwann aber hatte er sich fest dazu entschlossen. Er mußte seine Beziehungen, Freundschaften, Besitztümer und Sachen, falsche Pläne und die Erinnerungen daran vollständig, zumindest örtlich aufgeben, um alles einmal wieder vollkommen neu gewinnen zu können. Seine Tochter? Ach, die würde das eines Tages auch verstehen.

*

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.6, das wäre immer noch ein unreflektiertes Motto für mich, das sagte Felix an dem Abend nach ein paar Bieren erklärend zu Reinhard. Der hatte dabei immer noch in seiner üppig belegten „Spezie“ herumgestochert und mürrisch zu Kusch gesagt, daß er Zwiebeln in solchen Mengen nie sonderlich gemocht hat, seinen (Felix) Theodor Adorno übrigens auch nicht, der sei als privater Mensch immerhin alles andere, nur nicht revolutionär gewesen.

So betrachtet schien das vorläufig letzte Projekt, ohne Verrat zu begehen, zu seinem Ende gelangt zu sein. Kaum ein Buch war nämlich noch vorhanden, welches ihn am Ort zu halten vermocht hätte. Und wenn schon, dann würden sie am Ende in einen Rucksack passen.

Noch vor seiner Reise zu den Antipoden hatte er sich damals im westdeutschen Elternhaus eine Art Basislager eingerichtet, dort all seine Sachen und die bereits gewaltige Menge seiner Bücher deponiert, um bei einer eventuellen Rückkehr, und sei es auch im fortgeschrittenen Alter, wie jetzt, endlich im ledernen Ohrensessel seines Großvaters mit einem guten Buch vor dem Kaminofen sitzen zu können,

*) Theodor W. Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Minima Moralia)

freilich mit einem Glas trockenem Rheingauer Riesling. Dazu war es nicht gekommen. Mit selbstzerstörerischer Konsequenz hatte er meist zu billig auch all die besten Bücher verkauft, die er gern dabei gelesen hätte.

Nicht nur die Gerüststange an dem Eckhaus in der Crellestraße war ihm dereinst zwischen die Beine geraten; und weil er niemals in seinem Leben etwas gern getötet hat, würde er sich in dieser Welt, an der er eigentlich nichts wirklich geändert hatte, später für ewig schuldig und dazu noch unvollkommen fühlen. Warum eigentlich?

*

Bereits im Herbst verläßt Felix Berlin, diesmal endgültig, und bezieht erneut das hübsche Elternhaus in Bad Betteldorf. Ziemlich lustlos richtet er sich im Parterre ein, er selber nutzt nur zwei Räume, das größere Schlafzimmer ist für eventuelle Besuche von Cora reserviert. Abends wärmt ihn die tiefstehende Sonne im Anbau, fast wie in einer Loggia . . . Trotz der inzwischen sehr lästigen Magenschmerzen wird er vermutlich keinen Arzt konsultieren. Wozu auch?

 

Die Nachtigall

Vom Weine berauscht,/ Habe ich so manche Nacht/ Der Stimme gelauscht, die singend/Auch Vögel glücklich macht.

1994      Vor der Gartenlaube7

Am Abend wird Felix endlich fertig. Er hat ein Exemplar des Textes in eine Versandtasche gesteckt. Die Adresse erscheint ihm dabei sehr fremdartig. Nur ihr Vorname leuchtet ihm entgegen . . . Sonja! Freilich kommt dann gleich die Erinnerung. Die Beatles haben das „Yeah“ eingeführt, die ihm eingeredete Spinnenangst der Kindheit scheint längst überwunden. Dennoch sind wirkliche Alternativen immer noch nicht in Sicht. Das mit den Käfern hat ebenfalls nicht funktioniert . . . wie macht Lea das nur?

Durch die Gartenlaube unterhalb des Wohnhauses zog ein angenehmer, kühler Lufthauch, der ihm aber den Rauch der Zigarette ins Gesicht trieb. Er stellte den Aschenbecher auf die andere Seite der Tischplatte, und da fiel ihm der Spruch von Mark Twain ein, der besagt, daß das Rauchen aufzugeben, die leichteste Sache der Welt sei, er selber mache es zwanzig Mal an einem einzigen Tag.

Es war ein heißer Sommertag. Hier unten hatte er sich ein provisorisches Arbeitszimmer eingerichtet. Eigentlich war es nur eine Holzstellage, auf dem die Geräte des PC standen. Tagsüber trank er vom Kohlensäuerling aus dem ihm nächstgelegenen Brunnen am Ort, abends eine Flasche vom Rheingauer Riesling. Einige Abende zuvor war Hansi gekommen, und sie nahm ihn unter dem großen Apfelbaum8 in den Arm.

Sie bemerkte sofort seine gute Laune und küßte ihn kurz und tief, wie auf einem Bahnhof. Während drinnen der Drucker fortwährend piepste und tackerte, saßen sie vor der Hütte am Feuer und grillten etwas Fleisch. Sie hielten große, bauchige Gläser mit eisgekühltem Campari-Orange umschlungen, wie heißen Tee in einem Gebirgsbiwak. Über ihnen schienen wieder einmal Gletscher zu leuchten. Dabei war es warm und schwül, eben genau umgekehrt.

Seit er Hansi kannte, war alles anders geworden. Er begann auch wieder mit dem anfänglichen Schreiben, und sie ermunterte ihn dazu. Erneut war er in eine innere, verborgene Welt eingedrungen, in seine eigenen Gefühle und Gedanken. Plötzlich spürte er auch das Leben wieder in sich, die Wärme der Haut, und er sah ihr manchmal dabei in die Augen. Ganz bewußt, und das tat gut. Er spürte, daß sie ihn wirklich liebte, seine Hand zitterte vor Erregung, und er spürte etwas tief in sich aufsteigen . . . Herrgott, da war es wieder, genau dieses Gefühl!

Ja, egal wie, war der Gedanke in ihm, aber wir lieben uns.

*

Ist das alles schon mehr als dreißig Jahre her? Sonja tauchte deutlich vor ihm auf, mit ihren kurzen Haaren, die so aufregend erwachsen wirkten. Sie im Ausgang, in der Tür des alten Dorfkinos, wo sie sich gemeinsam einen Wild-West-Film angeschaut hatten. Verdammt weh tat dieser wuchtige erste, vollkommen unverhoffte Schlag, so richtig passend unter das Kinn. Ein junger Bursche zog ihn am Kragen aus den Fahrrädern, in die er rücklings hinein gesunken war, und holte erneut aus. Unglaublich langsam sah er die Faust auf sich zukommen, wie eine endlose Sekunde lang . . .

Dann brach erneut eine Woge auf ihn ein. Wie von ihr gegen eine schwarze Wand geschleudert, sackte er zusammen. Er spürte, wie Fahrradteile seinen Rücken schrammten, doch es war kein Schmerz dabei . . . Sonja kniete jetzt vor ihm und hielt seinen Kopf zwischen ihren Händen. Er spürte zuerst ihre strahlende Wärme auf der Haut, dann sah er ihr Gesicht und in ihre warmen, dunklen Augen darin, die alles zu heilen vermochten.

„Felix, mein lieber Felix“, flüsterte Sonja ihm zu, kaum hörbar. Ihre Lippen waren rauh und warm. Genau das war dieser Augenblick, ab dem er plötzlich wirklich wußte, was Liebe ist. Er floß ihr entgegen, alles in ihm war schwebend und weich. Sein Kiefer aber schmerzte ihm noch zwei Wochen, oder länger. Dann zog Sonja weg. Vielleicht nach Frankfurt. Er sah es nie mehr wieder, das rote Kleid, von festen, jungen Brüsten gerundet, mit einem weißen, gestärkten Kragen. Dann spürte er ihn noch immer, diesen leichten Kuß, als er vor dem kleinen Dorfkino auf dem Boden lag, inmitten all der Fahrräder . . .

„Felix, was ist denn?“

Mit dem Handrücken berührte Hansi seine Wange. Er erwachte, wie aus einem nächtlichen Traum. Da war wieder der Garten, im gelben zarten Dämmer dieses Sommerabends. Er spürte das kühle Glas in seiner Hand.

„Du bist sicher auch müde. Wollen wir schlafen gehen?“

„Ich liebe dich, Hansi“, sagte er fast beiläufig, und dabei spürte er das, was er gerade gesagt hatte, tief in sich pochen. Es ist wirklich das Herz. Dennoch schlief er später bald ein und erwachte bereits im ersten Licht eines kühlen Morgens.

Dabei rettete sich ein Traum mitten in den neuen Tag hinein. Wie aus einem Höhlenlicht heraus, blieb ein Gedanke in ihm haften, er blitzte auf, flackerte vor seinem inneren Auge und warf Namen auf eine grünlich angeleuchtete Wand.

Es waren nur Vornamen. Namen von Mädchen, von Frauen, von Huren und Mätzen. Er roch sie alle gleichzeitig, spürte ihre feuchte, erregte Haut, und bisweilen den zarten, bunten Stoff eines vom Wind gebauschten Sommerkleides. Es waren auch solche Namen darunter, die keine gewöhnlichen Buchstaben hatten, sie waren wie Symbole, Zeichen einer fremdartigen Schrift, die er aber zugleich erkannte. So jene noch sehr junge Nürnbergerin die er im dunklen Londoner Hydepark fest an sich gedrückt hatte, als sie ihn fragte, wann er denn einmal Urlaub hätte und er sie besuchen käme. Aber in deiner Marineuniform, geht das?

Sie hatte blonde und lockige Haare, eine weite, weiße Bluse mit einem vermutlich noch weiterknospenden Busen darin. Die Leuchtreklame eines Pups ganz in der Nähe flackerte durch die steifen Blätter eines riesigen Rhododentronstrauches hindurch.

Sein letzter Traum ging in ein verborgenes Zimmer nur mit einem Tisch und einem Stuhl darin. Alles war makellos weiß gestrichen; nur durch ein kleines Fenster, weit oben über dem Tisch, floß grünes Licht herein, manchmal auch so, wie ein Regenbogen, farbig aufleuchtend. Über den Tisch gebeugt saß ein alter Mann, und schrieb mit einem altmodischen Federhalter unentwegt in kleiner, spitzer Schrift auf bräunliche Papierfahnen. Der Mann trug einen Hut mit breiter Krempe, einen dunklen Umhang, und er hatte sich einen großen, roten Schal umgeschlungen. Es war offenbar recht kalt in diesem Zimmer. Dieser Mann war Felix. Alles wirkte, wie inszeniert, wie aus einer plakativen Zeichnung von Toulouse-Lautrec zum Leben erweckt.

*

An einem anderen Morgen sortierte Felix die Manuskripte vollkommen neu. Nach ihrem zeitlichen Verlauf zunächst, dann so, als sei er nur zufällig in diese Welt geboren, seine Unfähigkeit, sie so zu akzeptieren nichts anderes als die logischste Einsamkeit, die jene erleiden müssen, wenn sie irgendwann mehr ahnende Erkenntnis und machtlose Hoffnungen in sich spüren, als sie daraus einen funktionierenden und angepaßten Beruf machen könnten. Als Roman taugten diese Texte ganz sicher nicht. Dazu würde vermutlich die Zeit nicht mehr reichen. Auch beschloß er, Sonja das Päckchen nicht zu schicken. Es würde absolut keinen Sinn machen. Was wußte er denn noch von ihr? Nichts! Nach fast dreißig Jahren und einiger pubertärer, bloßer Berührungen erschien es ihm endlich als ein vollkommen kindischer Gedanke. Beim Schreiben war er gelegentlich in solche seltsame Stimmungen verfallen, in denen er sich fast vergessene Gefühle wieder herbeiwünschte, aus Zeiten, in denen er wenig von den Dingen der Welt wußte: Wie sie ihm heute wirklicher, manchmal sogar real erscheinen, so hatte er viele Jahre bloß geträumt, als wäre in seinem Leben nichts anderes gewesen – nur bloße Sehnsucht, immerzu nach Lea in all ihren geschickten Verkleidungen. Es erschreckte ihn.

Wie ein plötzliches Ereignis war das; dann lauschte er erstaunt nach innen. Für eine Flasche Wein war es aber noch viel zu früh. Es erschien ihm, und es wurde ihm schlagartig bewußt, daß er bisher niemanden auf der Welt gehabt hatte, dem er sich vollkommen anvertrauen mochte. Jonny?

Ja, vielleicht. Aber eine Frau? Bei dem Gedanken war es ihm, als wenn er Lea einfach nur erfunden hätte; sie war dennoch immer mitten in seinem wirklichen Leben, so oder so. Vielleicht war es sogar wieder einmal Lea gewesen, die sich hinter der mittelalten Frau in der Fußgängerzone verborgen hatte. Es war sicher nur dieses rote Kleid, ein komisch altmodische wikendes, rotes Kleid mit vielen Knöpfen und einem weißen Kragen. Wieviele solcher hoffnungsvollen Frühlingsanfänge hatte Lea bereits in irgendeiner Maskerade verbracht? Das konnte nicht anders sein. Wieviele verschiedenartige Leben mußte sie dabei gleichzeitig führen, um diesen götterartigen Plan noch zu überschauen? Wie lange macht sie das nun schon? Seit unserer gemeinsamen Schulzeit? Oder hat das mit Lea sogar bereits viel früher angefangen?

*

So kurz vor der Osterfahrt nach Dänemark gab es einfache und viel praktischere Sachen zu erledigen. Eilig stopfte Felix seine Manuskripte in eines der Bücherregale des Arbeitszimmers im Wohnhaus. Felix machte das gegen eine seiner Gewohnheiten, hatte er hier doch sonst selten etwas anderes abgelegt. Felix ging hinunter in seine gut ausgestattete Werkstatt, um an den Paulchen-Heckständer noch eine selbst entworfene, metallene Vorrichtung für die Fahrräder der beiden Kinder zu montieren. Das mußte der Bully schon aushalten.

2005      Beachcraft

Über dem Indischen Ozean ging die Sonne bereits unter. Bis nach Perth hinauf waren es fast zweihundert Kilometer. Felix hatte die Stelle oberhalb der zerbuchteten Küste erst nach einem halben Tag der Suche wiedergefunden. Eine kräftige Brandung war immer noch dabei, tiefe Kerben und Überhänge in die uralten Gesteine zu waschen. Im weiteren Verlauf der steilen Felsenküste waren an einigen Stellen sogar tiefe Nischen zu erkennen. Zunächst erschien es ihm merkwürdig, warum dachte er jetzt an das Höhlenmädchen . . .

1964      Helga

Die steile Böschung der Abraumhalde war längst von hohen Kiefern bewachsen. Die noch sehr jungen Burschen waren über den rutschigen Schieferbruch bis vor den Eingang ihrer ‚Höhle‘ gelangt. Zwischen den Stämmen hindurch konnte man auf das nah gelegene Schwimmbad sehen, und den Lärm der Kinder bis hierher hören.

Das Mädchen mit der dickglasigen Brille legte sich auf die dünnplattigen Steine, nahe am Eingang des alten Schieferstollens, wie auf einen schuppigen Fisch. Sie streckte einladend grinsend die Beine auseinander. Die fünf Buben standen um sie herum und schauten, einige jetzt recht verlegend wirkend, auf das dunkle Dreieck zwischen ihren Beinen, doch Velveta knöpfte gleich seine kurze Hose auf.

„Du mußt sie dabei auch küssen“, rief Mohr.

Jetzt war Felix an der Reihe. Helga saugte ihn ein. Eine Weile schaute er auf die dicken Gläser ihrer Brille, dann auf ihre entblößten üppigen Brüste. Erst spürte er, wie seine Knie auf den Steinen scheuern, dann aber kam schnell dieses drängend aufsteigende, flüchtige Gefühl, was ihn zuletzt einfach auf ihren Leib schmiß.

„Laß mich noch mal!“ Es war Velveta, der in den Halbschatten des Stollens getreten war.

Qualle lungerte, immer noch verlegen, vor dem Eingang des Stollens herum. Er traute sich wohl nicht. „Hau ab, Qualle, du darfst vielleicht beim nächsten Mal“, sagte Mohr, der sich auch wieder dem Mundloch des längst aufgelassenen Schieferstollens zuwandte, als Velveta aus diesem heraustrat.

Das Mädchen blinzelte dem hellen Eingang entgegen und strahlte. Helga sah doch irgendwie doof dabei aus. Dann zog sie sich an und stieg allein den Kiefernhang abwärts, hinunter zur Straße. Sie mußte jetzt zu ihrer Arbeit. Serviererin war sie, in dem Lokal an der Landstraße vor dem Bahnhof. Die Jungen streunten durch den schütteren Kiefernwald bis hinauf zu den schroffen Felsen. Es ergab sich einfach, und plötzlich spielten sie Piraten, die bei Nacht heimlich in eine spanische Festung eindringen. Velveta und Rolli waren schon fast oben. Qualle war immer noch sauer auf die anderen und hockte viel weiter unten auf einer kleinen, sonnigen Lichtung. Er warf lustlos kleine Schieferplatten auf die Halde.

Einige der flachen Steine rutschten dabei bis hinunter auf die Straße.

1964      Sonja

Versonnen schaute Felix auf dieses wunderschöne Ohr vor ihm. Heute trug sie eine kleine Perle und sah mit ihren kurzen, dunklen Haaren richtig erwachsen aus. Beim Schrillen der Glocke erschrak er heftig und fühlte sich plötzlich in seinen Gedanken ertappt. Sein Herz klopfte wie rasend. Er wurde rot, was aber offenbar niemand bemerkte, denn gerade betrat Fräulein Beritz den Klassenraum.

Deutschstunde: Immer noch „Minna von Barnhelm – oder das Soldatenglück“ 9.

Durch die offenen Fenster roch es nach sattem, aufquellendem Frühling, angenehm modrig, süßlich und feucht. Die Vögel zwitscherten und pfiffen so laut, als sei nichts sonst auf der Welt, außer ihnen. Fräulein Beritz schaute Sonja an und nickte ihr mit einem Lächeln zu. Sie spürte es sofort, wenn Sonja wieder ihren besonderen Tag hatte. Dann stand Sonja auf und stellte sich in den Gang, ganz vorn zwischen die Tischreihen. Für heute hatte sie sich ein langes Gedicht von Friedrich Schiller ausgesucht. Die Bürgschaft. Jetzt schaute er nur auf ihren Mund und auf ihren unberührbaren weißen Hals . . . Er liebte alles an ihr, auch ihre klare, warme Sprache. Es ist die Haut und die Sprache; dieser schwellende Gedanke in seinem Körper erfüllte ihn ganz. Wir alle sind Menschenkinder in Gottes Natur! Wie schön, daß wir Menschen sind! Er war plötzlich ein Stück erwachsen geworden, genau ab dieser einzigen Sekunde, als er Sonja heftig begehrte, so wie ein Mann vielleicht eine Frau begehrt. In seinen Lenden spürte er das deutlich und sehr heftig dazu. Er wußte seit fast einem Jahr bereits, was er begehrte. Dann spürte er seine Ohren wieder ganz warm werden, und er beugte den Oberkörper auf die Tischplatte. Die kurze, enge Hose spannte sich noch etwas mehr; dabei versuchte er seine Erektion zu verbergen.

Mit einer weißen Strickjacke, in bayerischer Tracht, stand sie unter dem riesigen Ahorn, der bereits zarte Blattspitzen aus seinen prallen Knospen gedrückt hatte. Sie hielt eine Flasche Kakao in der einen und ihr Schulbrot in der anderen Hand. Langsam ging Felix auf Sonja zu. Als sie ihn bemerkte und ihn ansah, war er noch drei Meter entfernt. Er zögerte und spürte, wie ihm das Blut in den Kopf drängte. Es rauschte und hämmerte in ihm, denn vor ihm war das helle, geliebte Gesicht. Dann schaute er verlegen auf ihre Schuhe. Weiß waren sie und hatten kleine Absätze. Wie sehr erwachsen sie doch aussah, trotz ihres Mädchengesichts, mit den ungeschminkten, kirschigen Lippen. Ganz dicht vor ihr stehend sagte er mit kratziger Stimme:

„Du, Sonja?“

„Ja, Felix, was ist?“

„Hättest du Lust am Sonntag mit mir in euer Kino zu gehen?“

„Gute Idee, da war ich schon lange nicht mehr, denn . . .“

Da schrillte die schrecklich laute Glocke im grün gestrichenen Treppenturm ihrer historistischen Backsteinschule.

Zu dieser Zeit übte die Klasse von Fräulein Beritz an einem Theaterstück für die große bevorstehende Feier. Es war „Das Gespenst von Canterville“ von Oscar Wilde. Die Schule wurde immerhin 125 Jahre alt. Felix bekam die Hauptrolle. Weshalb gerade er? Das weiß er bis heute nicht. Sonja war Virginia, die wunderschöne Tochter der neuen Schloßherren, und erlöste das alte Gespenst von der Qual eines alten Mannes, der nicht sterben kann. Vom berühmten Lampenfieber war bei Felix keine Spur. Sonja war Virginia, und er liebte sie. Deshalb war alles andere plötzlich so unglaublich aufregend. Besonders das Kino in Bleidenstadt. Einmal hatte er tatsächlich Mut gefaßt und sich mit ihr verabredet. Sie machten das dann noch einige wenige Male.

1965    Autos sind wirklich nicht das wichtigste auf der Welt. Aber Sonja! Nach der Schule wird im „Keller“ nach der Musikbox geschwoft. Keiner der Buben hat mehr Lederhosen an, nur eines der Mädchen trägt noch lange Zöpfe, was Ilona aber sehr gut steht.

*

1948    Die Züge fahren inzwischen ziemlich pünktlich. Der Marshall-Plan der USA hilft dabei, alles wieder so zu machen, wie es einmal war, nur viel schöner. Mit der amerikanischen Währungsreform kommt im Westen die ersehnte Deutsche Mark, und mit der DM ist plötzlich wieder viel zu haben!

Beizeiten werden Feste gefeiert. So etwas nennt man jetzt eine Party. Fast jeder raucht Filterzigaretten. Die zahlreichen Kriege der „Nachkriegszeit“ 10 (!) beginnen. Bald wird man sie schulterzuckend „Stellvertreterkriege“ nennen. Allein auf das kleine, unschuldige Vietnam, dann besonders aufsas eigentlich neutrale Kambodscha sollten später mehr Bomben fallen, als insgesamt weltweit im letzten wirklich großen, auf den viele der Veteranen in Felix‘ Leben zeitlebens noch außerordentlich stolz zu sein scheinen.

Heinrich Böll beginnt zu Schreiben. Es ist eine gute, harte Zeit, und überall geht es allmählich aufwärts. Sogar West-Berlin wird aus der Luft versorgt. Die Rosinenbomber bringen Kohlen, Kraftstoff, Kartoffeln und Karotten… der totale Krieg ist ziemlich genau drei Jahre vorbei und wird deshalb auch immer kälter. Auch in Sibirien, wo viele deutsche Kriegsgefangene in alten Wehrmachtsmänteln und russischen Wattejacken noch am ersten Aufbau Ost mitarbeiten.

Im Westen wird man in aller Eile zur Bundesrepublik Deutschland. Es gibt schließlich noch genug alte Männer, die jetzt in die Politik hinein drängen, können sie sich sonst kaum vor geöffneten Nonnenschenkeln ergießen. Die Separatisten haben eigenartiger Weise und tatsächlich gesiegt, und es gibt bald kaum noch nennenswerte Mengen von Arbeitslosen. Der Mehrwert 11 wird wieder einmal nicht gerecht verteilt. Alte Aktien sind wie bares Geld und wieder einmal Millionen wert. Enttäuschte Arbeiterexistenzen schuften voller Hoffnung für ihr Minimum mit vierzig Mark Startkapital. Sie bemerken nicht, daß man sie wieder einmal betrogen hat. Die Götter in ihrem Osloer Bunker lachen sich dabei schief. Lea ist zu dieser Zeit noch nicht geboren, aber in Oslo sie ist bereits eingeplant.

Die geläuterten, jetzt weiterhin mit Überleben beschäftigten Deutschen, gerade erst der Nazi-Hammelherde entronnen, wählen sofort ihre eigenen Schlächter. Oder vielleicht doch eine Chance für eine neue, menschengerechtere Ordnung? Stattdessen gehen sie aber nur wählen, während andere weiterhin Geschäfte machen, ihre Nazi-Karrieren im Adenauer-Staat fortsetzen dürfen. Sie meisten Deutschen wählen natürlich vorwiegend die neue CDU und etwas die altbekannte SPD, die zwar an allen beiden Weltkriegen direkte Mitschuld trägt, sich aber wieder einmal so sehr einen gemütlichen, warmen Platz in der friedlich angepaßten Mitte wünscht. “ Alle Wege der Marxismus führen nach Moskau – darum CDU!“ Das macht Eindruck während der langen sowjetischen Blockade West-Berlins. Die ewigen Nazis und die Konservativen Separatisten, man konnte gleich auch Revanchististen nennen, feuern den Antikommunismus an, wo immer es geht. Springer bekommt bald die amerikanische Konzession für deine BILD-Zeitung . . . Fast alle Arbeiter waren jahrelang Soldaten gewesen, jetzt gab es wenigsten wieder eine freie Gewerkschaft für sie. Daß diese sie als arbeitende Klasse bald wieder zu reinen Lohnempfängern dekradieren wird, lag auf der Hand. Noch aber bestand Hoffnung auf ein wirklich Freies Deutschland!

*

Mitten hinein in eine Arbeiterfamilie wurde auch Felix geboren, und fast hätte sich daran nichts geändert. Einen Kosenamen hatte er bei seinen Eltern eigentlich nie. Fast alle seine Freunde und Freundinnen hatten einen Uznamen. Er wurde von ihnen also Metzger genannt, weil er mit der spitzen Schreibfeder im ersten oder zweiten Schuljahr eine getrocknete Fliege seziert hatte. Dann wußte er auch nie so genau, ob sich seine Eltern bei dem Namen etwas besonderes gedacht hatten, was aber alle Eltern zu einem bestimmten Zeitpunkt einmal bestimmt machen.

Der Glückliche? So also fing es mit Felix an. Zusammen mit den Großeltern war es im kleinen Haus recht eng, aber im Sommer hatten sie einen riesigen Garten mit Bienen, vielerlei Beerensträuchern, Obst und Gemüse.

Felix und seine Freunde werden später viel Platz zum Spielen haben. Meist machen sie das unter den großen Apfelbäumen, die vor und hinter dem Haus stehen. Im Winter war es in der Küche immer schön warm, und ein richtiges Radio gab es zunächst noch nicht.

1949    Gründung der Nato, der BRD und schließlich auch der DDR: Der Verkündigung des Grundgesetzes am 23. Mai folgen im Westen am 14. August die Wahl des ersten deutschen Bundestages, am 12. September die Wahl des liberalen Theodor Heuss zum ersten Bundespräsidenten und am 15. September die von Konrad Adenauer zum Bundeskanzler. An der Spitze der am 7. Oktober im Gegenzug gegründeten DDR stehen Otto Grotewohl als Ministerpräsident und Wilhelm Pieck als Staatspräsident.

Da es offenbar anders nicht geht, wird man im Osten zur „Deutschen Demokratischen Republik“ und auch gleich an der Nase herumgeführt. Im Westen werden die Gänsefüßchen amtlich, die vorher nur für „wörtliche Reden“ benutzt wurden; deshalb redet man auch so wenig miteinander. Die Rosinenbomber.12 fliegen noch einige Monate. Da wird endlich (ohne Gänsefüßchen) ein Eiserner Vorhang erfunden, welcher der westlichen Wirtschaft nicht auf die Füße fällt; in Palästina mit der Stimme der USA eigenartigerweise Israel. Es gibt eine Zahnpasta, die heißt Ellocar und ist pfefferminzig frisch, und eine andere: „Pepsodent, die einzige mit Irium drin.“

Im Kreiskrankenhaus von Plön, im fernen Schleswig-Holstein verschwindet über Nacht eine weibliche Totgeburt – unbemerkt!

Für eine lange Zeit wußte sogar Felix nichts von Lea’s sonderbarer Herkunft; bei anderen Frauen hatte er meist nicht einmal danach gefragt. Viel später erst, als er Lea durch und durch kannte, vermißte er sie immer dann, wenn sie unerreichbar für ihn war, und wenn er mit ihr zusammen war, schien er wie verwandelt: einmal in einen liebestrunkenen Idioten, dann in einen männlich egoistischen Schuft.

1949      Felix und Jonny (1)

Felix erinnerte sich lange noch an den Geruch der Frühlingswiese in diesen Tagen im Laufstall. Der Kirschbaum blühte und schüttelte im lauen Wind seine weißen Flocken auf die Wiese. Felix hustete und erbrach sich. Er hatte eine der Blüten verschluckt. Das hohe Gras stand wie ein undurchdringlicher grüner Waldsaum vor seinem Blick in die grelle, gleißende Welt voller Vogelgezwitscher.

Jonny war von den Wäscheleinen über den Wiesen beeindruckt. Die Siedlung der Aussiedler aus Kasachstan war immer größer geworden. Großvater Schablonski starb schon im nächsten Sommer. Später erzählte man Jonny von ihm. Dann erschien es ihm so, als ob er sich noch genau an ihn erinnern könnte. Manchmal sang der alte Schablonsky abends im warmen Saal, wo sie in diesem strengen Winter wie eine große Familie beisammen hockten. Nicht jede Küche war nämlich damals beheizt.

1949      Felix unterm Kirschbaum

Der Glückliche? Warum nur solch ein Name. Eigenartiger Weise hat er seine Eltern niemals danach gefragt. Irgendwann also fing es an . . . und ohne Bewußtsein ist da auch noch kein wirklicher Mittelpunkt in einem Leben. Solche Erinnerungen sind magischer Natur, denn wir wissen sie nicht . . . wie die an die frühen Apfelbäume.

Erste bewußte Erinnerungen an die früheste Kindheit verbergen sich bei allen, die nicht gleich erwachsen auf die Welt kommen, hinter einem diffusen Dämmer. Bei Felix blieb er zunächst irgendwie rosa, dann grünlich und marmoriert. Nicht wie denen, die sich im zartesten Kindesalter selber das Lesen beigebracht haben, erging es ihm. Die roten Fliesen auf dem Küchenboden vor dem heißen Herd . . . gefährlich! Anale Phase mit einer Haarnadel . . . so komisch kribbelnd! Gehversuche sind manchmal mit Schmerzen verbunden . . . Pflaster mit Bienenhonig! Badeozeane Samstag Nachmittag . . . warm! Die Wiese natürlich . . . Wohin fliegen nur die vielen Krähen am Abend?

Abendgeläut der Glocken . . . draußen ist und bleibt es kalt, nur die Küche war beheizt, genauso wie bei Jonny. An einen wirklichen Hunger erinnert sich Felix nicht, brüllte er doch immer rechtzeitig.

„Junge, was du Hunger nennst, das ist nur der ständige Appetit der Jugend“, hatte Papa einmal gesagt „richtiger Hunger, das heißt Kohldampf schieben, endlose Wochen, Monate lang . . . und Durst ist dabei noch viel schlimmer – der ist sogar schlimmer als Heimweh.“

1949      Jonny und der Fluß

Da war Jonny. In einem Kinderwagen schoben die größeren Kinder der Nachbarschaft das kleine Kerlchen mit sich herum. Jonny schrie so laut er konnte, wenn sich eines der Kinder auch noch oben in den Wagen setzte und ihn dabei fast erdrückte. Dann nämlich raste das Gefährt den lehmigen Weg zum Fluß hinunter. Oft stürzte es schon in den tiefen Spuren um, die Lastwagen von den umherliegenden Baustellen eingedrückt hatten. Manchmal schaffte es der quietschende Kinderwagen bis zum Ufer hinunter, wo er dann in den groben Kieseln herum holperte und schließlich steckenblieb. Sein Kasten bestand aus einem Korbgeflecht, die Farbe war von den wilden Spielen der Kinder überall längst abgestoßen. Hellgrün war der Wagen einmal, und Jonny fand ihn viel später bei einem ihrer Umzüge im Keller wieder. Da wohnten sie aber schon längst in der großen Stadt – in München!

In der Siedlung hockte der alte Schablonski gern drüben bei den Weiden. Dort rauchte er seine Pfeife. An das Mundstück hatte er den Gummi einer Bierflasche gesteckt. So konnte er die Pfeife mit seinen wenigen, halb verfaulten Zähnen besser im Mund behalten.

Einmal geriet der abfahrende Kinderwagen tatsächlich bis in den Fluß, und Jonny brüllte wegen der Gefahr. Nichts wußte er freilich vom Wasser, nur daß es ganz anders war, als das, was er bereits so kannte. Es floß schnell dahin, und der Wagen bewegte sich schaukelnd, ohne dabei ein einziges Geräusch zu machen. Jonny brüllte das ihm fremde Wasser an. Die größeren Kinder liefen aufgeregt mit der kräftigen Strömung am Ufer entlang. Gerade noch rechtzeitig zog Schablonski den treibenden Kinderwagen und Jonny mit seinem Gehstock heran; dabei war der alte Mann noch nicht einmal richtig aufgestanden.

1949      Von Menschen und Käfern

Während der Großvater des kleinen, bereits wacklig herumlaufenden Felix mit seinem großen Strohhut bedächtig durch den Garten ging, wurde ihm die massive Eisenstange zu schwer.

Er rammte sie in den weichen Boden des Bohnenbeetes. Zu diesem Feierabend wollte er seinem Sohn einen alljährlich wiederkehrenden Auftrag erteilen: das Stecken der Bohnenstangen, auch die herausgerissenen Quarzbrocken.13 wieder gescheit gerade zu setzen, sie entlang der langen Wegreihen nach vorher gespannten Schnüren auszurichten, aufdaß der kommende Frost sie im Winter wieder mit Zauberkräften herausheben und verschieben würde. Steine wachsen! Auch die Bauern auf dem Einrich14 wissen davon ein Lied zu singen, sagte die Schwiegertochter kopfnickend. Die Hierarchie im Einfamilienhaus mit dem riesigen Garten: der Großvater, als die respektvolle Autorität, der Vater vielleicht etwas hinter der Mutter verborgen, hatte sie doch alles im Griff, die kranke Großmutter und nicht zuletzt der kleine Felix, im zweiten Frühling seines Lebens bereits stundenlang im Laufstall unter dem Kirschbaum, sich dort Grashalme in den Mund stopfend, und vermutlich auch allerlei Käfer, was bisweilen noch später beobachtet wurde.

Nichts als ekelerregende Mutproben waren das, und keine Ähnlichkeit ist da mit dem psychopathischen Käfersammeln eines Ernst Jünger zu finden. Wenn der eine den Insektenformationen ein chauvinistisches Weltbild abgewann, dann hatte der andere doch bloßen Respekt vor der Vielgestaltigkeit der Chitinausbildungen, bis hin zu ihren seltsamsten Panzerungen.

Dann die Mehrbeinigkeit! Das Ersteigen höchster Gipfel gelingt uns Menschen kriechend kaum, dann aber mit mühsamen Schritten und zäher Ausdauer. Den springenden Federbeinen der Gemsen, den ebenfalls klettergewandten Ziegen tun wir es dabei nicht gleich, riechen wir nach einiger Anstrengung dennoch ebenso stark. Käfer tun das nicht, Käfer haben einen vollkommen neutralen Geruch. Man sagt, daß sie im lebenden Zustand nach nichts riechen, nehmen aber vermutlich dabei leicht den Geruch ihrer Umwelt an. Das an sich ist schon absonderlich zu erklären, wenn man weiß, daß es bei vielen Käferarten Individualisten und richtige Einzelgänger gibt, und ihr besonders entwickelter Charakter eine solche Art der Anpassung wie die Spinnentiere eigentlich nicht nötig hätte. Das gilt auch für Skorpione.

Zunächst ahnte Felix noch nicht einmal selber seine wahre Herkunft, freilich lange auch nichts von seinem besonderen Auftrag. Später hat er sich einige Bewunderung für die Fähigkeit zur Zubereitung einfachster Mahlzeiten bewahrt, ganz ohne Gaggenau-Herd und Rösle-Pfannen. Niemals besaß Felix eine Alessi-Zuckerdose, selten auch lümmelte er mit einem Aperitif in der Hand auf einer Benz-Couch herum. Einfachste Zubereitungen, oder einfach in den Mund gestopft, und die karge, kleine Mahlzeit im schütteren Schatten eines Eukalyptusbaumes verdauen; zu Messeeröffnungen übel schmeckenden italienischen Markensekt und auf zweitklassigen Vernisagen zu Zeiten glitschige Lachskanapees mit Campari-Orange oder Cuba-Libre – das alles konnte Felix noch nicht unterscheiden.

Felix liebte von Anfang an einfache, übersichtliche Mahlzeiten. In Wirklichkeit hat er nur ganz selten einen Käfer oder eine fette Made verspeist, zumindest in Europa befindlich niemals im nüchternen Zustand. Manche Wette hatte er aber mit Regenwürmern gewonnen, immer dann, wenn es nichts anderes gab, sich für irgendeine besondere Tat anzuspornen. Dann auch konnte Felix zur frühesten Zeit noch nicht einmal gescheit laufen, weder seinen Ekel ausdrucksvoll artikulieren, weder onanieren oder seinen Schmerz für andere verständlich, in die Welt brüllen. Stattdessen entdeckte er eine allererste Neugier und berührte die Welt um ihn herum, wo immer die ihn fand, noch mit einiger Vorsicht. Alles andere hätte auch nichts genützt! Felix weinte in seinem ganzen Erwachsenenleben dann auch nur zweiundzwanzig Mal, diverse schwere Knochenbrühe und seelische Amputationen dabei eingerechnet.

„Ein Sozialdemokrat kann seine Kinder nur zu Sozialdemokraten erziehen.“   KARL LIEBKNECHT

*

1945      Oberhalb von Alassio

Sie sind am Ende angelangt. Erich ahnte es einmal kaum, jetzt weiß er es ganz sicher bereits seit einigen Monaten. Die letzte Nacht haben sie in einem Bachbett zwischen riesigen Geröllbrocken verbracht. Erst im Licht des neuen Tages hat er sich selber zum Schlafen zurechtgekauert . . .

Seinen Vater hatte Felix nur einmal weinend gesehen. Dann hatte er erzählen gehört, daß er auch geweint hätte, als ihr Hund Boxi in seiner Altersschwäche eingeschläfert starb. Der Vater weinte damals vermutlich auch wegen der Verantwortung, die er dabei wieder einmal gespürt hatte, und die er meist hinter den vielen anderen Erzählungen aus seinem früheren Leben verbarg. Vielleicht hat der Vater manches Mal heimlich geweint, so wie viele andere Männer auch, die einfach einmal weinen müssen.

. . . und meine Gruppe bestand hauptsächlich bloß aus unerfahrenen Kerlchen, die man von der Schulbank weg noch nach Italien geschickt hatte, um dem schnellen Vormarsch der Alliierten standzuhalten. Die örtlichen Partisanen machten uns auch immer mehr Druck. Als ein übles Granatwerferfeuer einsetzte, liefen die dummen

Abb.: Erich in Italien. Juli 1944 – in den sonnigen Bergen bei Savona.

Burschen ängstlich auf einen Haufen zusammen . . . einer der zerfetzten Leiber lebte noch, als die Partisanen herankamen. Wir hatten ein mords Schwein, denn es war eine Art Sanitätsabteilung der Partisanen, die kaum gescheit bewaffnet war! Einem von diesen Männern verdanke ich letztlich sogar mein Leben.

Erich gerät glücklicherweise aus einem festen Schlaf in die befreiende Gefangenschaft. Er greift noch instinktiv nach seiner Maschinenpistole, aber die ist schon beiseite genommen. Ein junger, unrasierter Mann steht lächelnd vor ihm und schubst ihn nur leicht mit dem Stiefel an: „Allez hop, camerad! Allons!“

Mein Gott, Junge, war ich da froh noch vor dieser Geschichte in den Karpaten aus Rußland rausgekommen zu sein. Als ich von der Gebirgsjägerausbildung zurück wollte, war das ganze Regiment bereits vollständig aufgerieben. Da haben die mich zum Unteroffizier gemacht und nach Imperia, nach Italien in die Seealpen geschickt . . . Die Fahrt mit dem Zug über den Brenner nach Italien … da ging doch gerade die Sonne auf, und als man mich auf Wache ablösen wollte, sagte ich, nein, laß mal Kamerad, ich genieße lieber noch die herrliche Gebirgslandschaft . . . die war imposant – Ganz einmalig! Das kann ich dir sagen, und dabei wollte ich den Anblick dieser herrlichen Berge nun wirklich nicht verschlafen.“

Tagelang müssen sie verwundete Partisanen tragen. Bald darauf kommen sie in ein erstes Sammellager, wo es noch brutal zugeht, dann für zweieinhalb Jahre in eine große Kaserne im warmen Nizza.

1950    Unterstützt vom Marshallplan der USA schafft Ludwig Erhard (CDU) mit der freien Marktwirtschaft die Grundlagen für das bereits 1951 einsetzende Wirtschaftswunder. Anfang des Jahres fallen die Lebensmittelmarken weg. Im Juni kommt als Zeichen der neuen Motorisierung der „Leukoplastbomber“ Lloyd 30015 auf den Markt.

1951    In der Bundesrepublik werden die entscheidenden Weichen für die Einbindung in das westliche Lager gestellt: Im April Unterzeichnung des Schumann-Plans zur Montan-Union, im Mai vollberechtigte Mitgliedschaft im Europarat, im Juli verkünden die Westmächte die Beendigung des Kriegszustands mit Deutschland.

Die Verelendung der Dritten Welt wächst unter dem Preisverfall für Rohstoffe zusehends. „Wo Tauben sind, fliegen weitere Tauben zu.“

Auch der heuchlerische, weltwirtschaftliche „Truman-Plan“ ändert daran nicht das geringste. Der gleich darauf ermordete Generalsekretät der Vereinten Nationen Dag Hammarskjöld lenkte die Aufmerksamkeit allzu sehr auf die unmoralische Kehrseite des unerklärlichen, neuen Wohlstandes in den reichen Ländern der Welt:

„Ein Preisverlust von nur fünf Prozent . . . ihrer Exportpreise ist etwa gleich groß wie der gesamte Kapitalzufluß, den diese Staaten nicht nur durch Anleihen der Internationalen Bank, sondern allen öffentlichen und privaten Anleihen und Regierungszuschüssen erhalten.“16

            Für einige wichtige Rohprodukte, nicht nur mineralische, war der Importpreis für die Industrie sogar bis um 47 Prozent gefallen! Endlich gab es auch für Jonny und Felix Bananen, und an Weihnachten sogar ein paar Apfelsinen. Wenn sie solche später selber mit der Hand schälten, dann sprühte es ihnen stechend in die Augen, so sie nicht aufpaßten. Apfelsinen waren das einzigste Obst, welches in den Augen brannte, bevor man es aufessen konnte, ohne damals genau überschauen zu können, woher diese Südfrüchte kommen, und weshalb sie trotzdem so billig sind.

„Plato sagt mit Recht, daß, um den Menschen tugendhaft zu machen, es darauf ankomme, ihn von Jugend auf zu gewöhnen, daß er sich über das freue, worüber er sich freuen soll; und sich über das betrübe, worüber es gut ist, daß er sich betrübe. Und eben hierin liegt der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Erziehung.“ Aristoteles „Über Tugend und Vernunft“

*

1951      Bad Betteldorf

Der Kindergarten in der kleinen Stadt bestand aus zwei großen Räumen. Ein Flachbau unter mächtigen Akazien. Felix nahm die Schaufel und schleifte sie ein Stück über den Sand, der jetzt überall verstreut war. Dann ließ er sie fallen und beugte sich zu einem flatternden, rotbraunen Schmetterling herunter. Bunter Puderstaub klebte bald an den kleinen Fingern des Jungen, als er das Insektentier ihn die Freiheit entließ. Der Falter taumelte gegen die Kante des Sandkastens und fiel in den feuchten Sand. Die Kindergärtnerin rief die Kinder mit lauter Stimme herein. Man konnte es sogar drüben am Berg hören, wie es über das Tal herüber schallte. Die Kinder frühstücken jetzt sicher, dachte die Mutter im Haus auf der anderen Talseite, und dabei warf sie die Kartoffelschalen in den Eimer für den Komposthaufen.

Alle Kinder rannten fast gleichzeitig auf die große Doppeltür zu.

Ihre Schuhe stampften den Sand, und der blieb wie Paniermehl an ihnen hängen. Felix suchte den Schmetterling noch eine ganze Weile im Sand. Er fand ihn aber nicht mehr. Die Kindergärtnerin, es war die liebe Tante Käthe, rief erneut:

„Felix, bitte, wir warten auf dich . . . Komm jetzt – aber sofort!“

Felix suchte weiter den Schmetterling, bis Tante Käthe ihn gewaltsam in den Waschraum zerrte. Er dachte an den armen Schmetterling bis zum Abend und mitten in seinen Kindertraum hinein.

1968      Glückstadt

Sie standen in olivgrünen, verschwitzten und verdreckten Klamotten vor ihrem Block in der Kaserne. Man hatte sie zu Soldaten, zu Matrosen gemacht, was man ihnen gerade nicht ansah. Felix war an langes Marschieren gewöhnt.

Jetzt aber schien sich die Welt wie ein Karussell zu drehen. Er klammerte sich an sein Maschinengewehr zwischen den Beinen und wollte nur noch hinsinken und schlafen . . . bloß schlafen, verdammt!

„Auf die Stuben wegtreten, Marsch, Marsch!“ ließ der untersetzte Kompanieführer brüllen. Das war die Erlösung. Sie taumelten, schwebten, torkelten auf ihren bleischweren Gummibeinen auf die beiden viel zu engen Türen zu. Ausgerechnet seine 3. Kompanie war im ‚Block Berlin‘ untergebracht.

1952     Evita Peron stirbt mit 33 Jahren an Krebs . . . daran dachte er vermutlich unbewußt, wenn ihm später etwas vollkommen gleich, grad egal war oder absolut unbedeutend erschien, und er gelegentlich eine Floskel aus seinem Berliner Milieu gebrauchte, daß es ihm ebenso egal sei, wie wenn in Argentinien eine Schippe umfällt . . . oder ein Sack Reis in China.

Kleine Fluchten. Felix verläßt auf eigene Faust den Kindergarten und wandert durch die kleine Stadt – bis er aufgegriffen und zu Hause bei seiner Mutter abgeliefert wird.

In seiner Hosentasche trägt er dabei einige aufgesammelte Steine. An diese erste Sammlung kann sich Felix später nicht erinnern.

Eine nach William Paley genannte Untersuchungskommission verfaßte fünf dicke Bände über das künftige Problem der USA bei der Versorgung mit mineralischen Rohstoffen, die bereits 1950 die

_________________

* Der Struwwelpeter

Abb.: Es waren Matrosen . . .

Hälfte der gesamten Weltproduktion benötigte. Die Kernaussage der US-Kommission: „Oberster Gesichtspunkt der Vereinigten Staaten in ihrer nationalen Materialpolitik sollte es sein, für einen ausreichenden und zuverlässigen Fluß der Materialien Sorge zu tragen, und zwar zu den geringstmöglichen mit der nationalen Sicherheit und dem Wohlstand befreundeter Nationen zu vereinbarenden Kosten.“17

Was von dem mineralischen Zeug hatte denn dieses Korea, wo bald einer der größeren Kriege der zahlreichen Kriege der „Nachkriegszeit“ ausbrechen würde?

Auch die Mutter wollte Felix nicht so recht sagen, was genau ein Krieg ist. Vielleicht gab es für Kriege sogar noch ganz andere Gründe, die nur die Erwachsene verstehen dürfen. Aber welche?

Im Radio sprach Bundeskanzler Konrad Adenauer am 6. März 1952: „Hat die freie Welt erst einmal ihre Stärke organisiert, dann wird auch der Zeitpunkt gekommen sein, wo man mit dem Ostblock mit Aussicht auf Erfolg verhandeln kann.“18 Sonntags gab es Kinder- und Märchenstunde . . . Felix hockte gebannt vor dem Radioapparat – einmal in der Woche, und das für eine volle Stunde!

2002    Das arme Afghanistan und der seit 1989 total boykottierte Irak gehören plötzlich zur neuen „Achse des Bösen“, somit nicht mehr zu den befreundeten Nationen der Vereinigten Staaten von Amerika. Was haben diese Bösewichter nur, was andere immer so dringend brauchen?

1953    Erstbesteigung des Mt. Everest durch ein britisches Unternehmen. (Sir) Edmund Hillary19 und der einheimische Tscherpa Tenzing Norgay (War er nur der meist unerwähnte Koch, den Alexander der Große auch nicht dabei hatte?), erreichen zusammen den höchsten Gipfel der Welt. Der Aufstand des 17. Juni in der jungen DDR „Drüben“ wird in Westdeutschland zum Nationalfeiertag. Vor zehn Jahren Anne Frank und die „Weiße Rose“.

*

1984 Gunung Merapi

Nachts verliert er den Pfad im Dschungel. Beim Einbruch der Dunkelheit war er von einem Schwarm wilder Bienen angegriffen worden. Er findet unterhalb einen kleine Stall und schläft im einsetzenden Regen direktneben dem Wasserbüffel. Bei Mondlicht noch eine zweiter Versuch. Er verirrt sich im engen Bambusgefängnis und verbringt den Rest der Nacht irgendwo im Grase hockend, und ganz sicher zusammen mit allerlei Getier. Nach einem weiteren Tag bricht er seine Alleinbesteigung ab.

* W. Fischer-Verlag, Göttingen, o. Autor: Deutscher Märchenschatz

Der Schatten des Elchs (1)

Im April zieht Norwegen seine Besatzungsmacht aus Schleswig-Holstein zurück. Für den Unterhalt der 4500 Soldaten und ihres Fuhrparks müssen täglich nur 6,30 DM gezahlt werden. Die Garnison hinterläßt mehr als 150 uneheliche Kinder . . .

Auch Lea ist ein Kind aus der Zeit dieser Besatzung. Die Norweger ließen es sich gutgehen und fraternisierten, wie die englischen Soldaten, sehr handfest mit deutschen Mädchen. Leas Vater ist ganz sicher dieser schöne Hermes, einmal auch in Gestalt eines jungen, sehr blonden und braungebrannten Kapitänleutnants, der als Verbindungsoffizier viel seiner freien Zeit auf einer requirierten Colin Archer verbrachte, mit der er mit allerlei Freunden in sechs Jahren fast die gesamte westliche Ostsee besegelte und dabei gelegentlich . . .

Schon längst hatte sein Chef Hephäst seine Zentrale wieder in Oslo errichtet. Einer der deutschen Bunker war dazu wie geschaffen, denn er war zentral gelegen und dennoch unzugänglich, sogar für spielende Buben, die schon mehrmals vergeblich versucht hatten, durch alle möglichen nachlässig zugemauerten Öffnungen einzudringen. Leas Mutter stammte aus einem winzigen Ort bei Plön nahe der Ostsee, und sie hatte achteinhalb Monate vor Leas „Geburt“ einen angehenden Zahnarzt geheiratet. Das nach amtlicher Eintragung tot geborene Baby verschwand auf seltsame Weise . . . und wurde in einem hessischen Dorf auf den Namen Sonja getauft.

In Oberpfaffenhofen/Bayern und anderswo feiert die „Deutsche Wikinger Vereinigung (Sektion Marinejugend)“ sowie eine noch viel ältere Kameradschaft ganz bestimmt den 41. Jahrestag der „Titanic-Versenkung“. Sie proben den „unsichtbaren Aufstand“, und da sie die politische Bühne von rechts betreten, werden diese Neonazis toleriert!

Apropos Aufstand: im Jahr 190020 kommt es zum antikolonialistischen Boxeraufstand in China: Kaiser Wilhelm II. hält in Kiel, unweit von Leas Geburtsort gelegen, den Prototyp einer Hunnenrede: „Gefangene werden nicht gemacht!“ Präsident George W. Bush, selbst zunächst geschäftlich erfolglos im Ölgeschäft tätig, aber strebsamer Sohn eines amerikanischen Präsidenten aus der gleichen Branche, wird sie 102 Jahre später wieder einmal, ins Texanisch-Amerikanische übersetzen lassen: „Terrorist-Prisoners with human faces and interrests will not be accepted . . . otherwise put them a while in vacuum-containers on Cuba!“ Empörtes Brummeln und Tuscheln bei den mitteleuropäischen Journalisten, lautes Gelächter in der Ecke der Briten und Australier sowie bei der CNN . . .

Felix erfährt wenig, was so alles in der Welt und im alten Europa passiert, aber er hört abends die Glocken, besonders am Samstagabend . . .

Offenbar tragen am Badetag alle Väter in Deutschland ein schwarzes Haarnetz und stochern sich mit einer, in einem Taschentuchzipfel verborgenen Haarnadel vorsichtig in den Ohren herum.

Es ist wirklich ein komisches Gefühl. Felix schüttelt sich und will es dennoch immer wieder.

„Schau her, ganz vorsichtig muß man das machen, du glaubst ja nicht, wie schnell man sich dabei im Ohr weh tun kann.“

*

1954    Das Elend der Kinder an preußischen Schulen. Ein Beinbruch beim Schlittenfahren bringt Felix ins „Lazarett“ der alten Männer. Sein Lieblingsessen ist Hühnerfrikasse mit Reis, was ihm seine Mutter einmal ins Krankenhaus mitbringt.

1954      Banknachbarn

Das Foto erinnerte Felix an den ersten Schultag. Ebenso, wie man sich bei Erzählungen der Alten oder beim Betrachten alter Bilder so sehr erinnert, daß man schließlich glaubt, es selbst noch bewußt in Erinnerung zu haben: Im ersten Schuljahr fuhr Felix mit dem Schlitten gegen einen Straßenbaum und brach sich dabei einen Oberschenkel. Bin ich jetzt auch im Lazarett, fragte Felix. Hier liegen doch nur alte Männer, wunderte er sich. Von der Schule verpaßte er auf diese Weise ganze drei Monate, aber im Zeugnis stand: „Felix hat das Versäumte erstaunlich rasch wieder aufgeholt.“

1955    Pariser Veträge. Die BRD wird gegen jeden Widerstand der Bevölkerung wieder bewaffnet und somit scheinbar souverän. Gründung der Bundeswehr mit ehemaligen Nazi-Offizieren, weil andere gerade nicht zur Verfügung stehen. Auch der Justizapparat funktioniert (bis auf einen winzigen Skandal21 im Jahr 1978) ganz hervorragend. Amerikanische Manöver für den Frieden sind an der Tagesordnung. Ein Besatzerjunge stiehlt dabei das Messer von einem Eßbesteck der US-Army und bildet sich ein, nun um sein Leben fürchten zu müssen.

Zehn Jahre vorher kommen amerikanische Panzer auch in die hessische Wetterau, und ein Junge im Soldatenmantel macht sich mit dem Fahrrad aus dem Staub. In Frankfurt gibt es in einem Lehrerseminar mittags immer einen warmen Eintopf, und so wird aus dem dürren Hitlerjungen mit Notabitur kaum zwanzig Jahre später ein kräftiger Realschul- und Geographielehrer, der nicht vom erlebten Bombenkrieg, von seinen toten kleinen Flakhelfer- und Panzerfaust-Kameraden, aber von einem gewaltigen Frühjahrssturm über Rüsselsheim erzählt . . . „der in einer Nacht fast alle Dächer abgedeckt hat.“ Am 14. Januar wird Albert Schweitzer 80 Jahre alt.

Abb.: Triumph 1954e lt.

1955      Eselsbrücken führen uns zur Tugend und Vernunft

Sie sollten nicht für die Schule, aber für das Leben lernen. Was sie dafür brauchten, das lernten sie in der Schule, und was sie im Leben nicht brauchten, das erfuhren sie auch nicht. Aber wie konnten sie das, was sie erfahren durften, alles behalten? Eselsbrücken tragen sogar dumme Tiere; uns tragen sie in unser Gedächtnis. So oder ähnlich mögen sich seine Klassenlehrerinnen Fräulein Kläre Klugein der Volksschule und Fräulein Hannelore Beritz in der Mittelschule an die Kinder gewandt haben.

„Fleiß, Gehorsam sind die Pflichten,/ Welche redlich zu entrichten/Gute Bürger sich bestreben:/Aber so nach Pflicht zu leben,/Prägen Schulen nur allein/In das Herz der Jugend ein./Daß wir uns der Tugend weih’n/Und so mancher Kenntniß freu’n/Danken wir der Schul‘ allein;/Laßt uns ewig dankbar seyn./Heil dem König, Heil dem Staat,/Wo man gute Schulen hat!“22

Die Großeltern, die Eltern nicht zuletzt, waren unter diesen Prämissen aufgewachsen. Es war also nicht verwunderlich, daß man in dieser Adenauer-Republik einpaukendes, möglichst unselbständiges Lernen der Kinder kritiklos hinnahm. Sogar die von den allermeisten Beteiligten allgemein akzeptierte pädagogische Prügelstrafe mußte Felix beizeiten noch ertragen. Drohungen, Ermahnungen, Begründungen, nicht wirkliche Hilfe für bessere schulische Leistungen, setzten sich immer wohlmeinend freilich, zu Hause fort.

Wenn du dich in Englisch und Mathematik nicht endlich berappelst, nehme ich dich von der Realschule und steck dich in die Gießerei bei uns auf der Michelbacher Hütte, so sprach die Mutter nicht, aber der Vater. Mein Vater, dein Opa, hat mich damals in Usingen vom Gymnasium genommen und einfach in eine Schreinerlehre bei seinem Stammtischfreund gesteckt . . . Wir möchten doch nur, daß es dir einmal besser geht, und du dich später nicht so quälen mußt, wie wir, sagte die Mutter gutmütiger. Die Mutter versuchte anfangs ihm gelegentlich bei seinen Hausaufgaben und der Berichtigung der Klassenarbeiten zu helfen. Sie verstand aber leider nichts von Integralrechnung, hatte niemals mathematischen Axiomen gehorchen müssen, und sie sprach auch kaum ein Wort Englisch. Dennoch schaffte es Felix trotz alledem keine „Ehrenrunde“ bei den Versetzungen drehen zu müssen.

*

1955      Manöver

Die grünbraunen Amipanzer hatten die Landstraße oberhalb des Dorfes in eine Mondlandschaft verwandelt. Die mutigsten Kinder sprangen in die tiefen Spurgräben und versanken dabei bis zu den Knien im Morast, den die breiten Ketten immer wieder frisch aufwühlten. Manchmal winkten ihnen auch schwarze Männer zu. Die Buben bekamen angesichts der Neger23 eine richtige Gänsehaut . . .

Als er mit seinem Onkel währende der Sommerferien mit dem Traktor Getränke an den Waldrand lieferte, standen die Panzer unter Tarnnetzen rückwärts eingeparkt. Viele der Bäume waren dabei plattgelegt worden.

_________________________________________________________

* Patriotischer Hausschatz (aus preußischen Beständen des Großvaters)

 1955     Das Messer mit dem Aluminiumgriff

Ein braungebrannter Soldat mit kurzen, blonden Haaren zeigte Felix seinen Panzer auch von innen. Er durfte auf ihm herumklettern, und sein Onkel stand draußen in der Sonne und zählte die gelieferten Kästen Heckelmann-Kuhn Bier und Coca-Cola noch einmal nach.

Der freundliche Amerikaner schenkte Felix ein Messer mit einer kurzen, nicht sonderlich scharfen Klinge. Der Aluminiumgriff dieses Eßbestecks hatte ein großes Loch, damit man es bequem hinhängen konnte. „US“ war in das graue Metall eingestanzt. Er verbarg das Geschenk, weil er Angst hatte, daß sein Onkel das nicht erlauben würde. Auf dem Hof versteckte er es über die Nacht in einem der Brennholzstapel. In den nächsten Tagen kamen manchmal Offiziere mit hohen Schirmmützen in das Wirtshaus und tranken hier frisch gezapftes Bier. Felix durfte sie dabei bedienen. Seine Angst war längst gewichen. Als aber einmal ein Jeep überraschend in den Hof raste und mit qietschenden Reifen stoppte, bekam Felix einen furchtbaren Schreck. Alles war bemerkt worden! Und er hatte das Messer gerade in der Hand! Er rannte in die Scheuer und steckte es einige Stufen die Leiter empor mitten in das Heu hinein. Am nächsten Tag suchte er das Messer eine lange Zeit, fand es aber nicht mehr.

Etwas später dachte er erneut an das Messer im Heu, und er sorgte sich, daß es am Ende eine von den Kühen in den Magen bekäme und qualvoll daran sterben würde . . . dann wunderte sich Felix auch, daß sein Onkel nicht nur Bier von Heckelmann-Kuhn in Hahnstätten in den Wald gebracht hatte, sondern auch viele kleine Flaschen Coca-Cola24, was die Amies doch selbst sehr gut machen konnten.

1945      Der Junge mit dem Fahrrad

 „You’re a fuckin‘ fellow, good luck!“ grinste der schwarze Sergeant bei der Stadt Hanau dem jungen Burschen nach, der sein Fahrrad mit einem dunkelbraunen Pappkoffer voller Konservendosen und Zigaretten den Kiesweg emporschob.

Auch die Manteltaschen hatte sich der abgemagerte Junge mit den kleinen, grünen Dosen vollgestopft, Kekse mit Schokolade, Erdnußbutter, Cornedbeef, Bohnen mit Tomatensauce. Der Junge trug eine kurze Hose, die in der Gegend ‚Dotzemmer Halblange‘ genannt wurden, der offene Soldatenmantel hing schwer über seine nackten Waden, die graugrüne Feldmütze war ihm natürlich zu groß und verdeckte seine Ohren fast ganz. Unten auf der Straße donnerten einige Sherman-Panzer vorbei. Ihre breiten Ketten zermalmten die umherliegenden Brocken der aufgewühlten Straßendecke zu schwarzem Gebrösel.

„Show you many Nazi-Souvernirs“, hatte der kleine Soldat zu dem Mann mit dem handlichen Sturmgewehr in der Armbeuge gesagt. „Here is my mother“, und er zeigte auf ein Gehöft am Hang unter dem hohen Buchenwald.

Vor einigen Tagen war die vorauseilende US-Panzerspitze von dort noch mit einer kleinkalibrigen, aber dennoch wirksamen Pak beschossen worden. Jetzt aber hörte man weit und breit keinen Schuß mehr. Neben den amerikanischen Jeeps und einem brennenden deutschen Kettenwagen blühte ein früher Kirschbaum. Seine weißen Blüten rieselten wie Schneeflocken auf im Straßengraben hockende Gefangene herab. Hier, an der Straße in die flache Wetterau, hatten alte Männer und Jungen ängstlich auf die ersten Amerikaner gewartet. Dann schossen einige Verrückte noch auf die ersten Panzer. Natürlich wurden sie gleich von Jagdbombern ordentlich beharkt. Erst nachrückender Infanterie konnten sie sich endlich ergeben.

Der Sergeant aus Brooksville, Virginia, hatte ihnen Zigaretten angeboten, die ängstlich angenommen und zitternd geraucht wurden. Die Gefangenen waren meist alte Männer vom Volkssturm oder junge Burschen, nein, Hitlerjungen waren die noch. Einer der Buben war ihm aufgefallen, weil er sie gleich englisch ansprach.

„Sir, we are not Nazis. No soldiers, Sir.“

Jonathan S. Birks, auf seinem fast einjährigen Weg mit der Army über den Rhein immerhin zum Sergeant geworden, war ein einfältiger Mensch geblieben. Als ihm der Junge von einem Nachschublager erzählte, welches die Wehrmacht in der Scheune ihres Bauernhofes angelegt hatte, wollte er das erst seinem Platoonleader melden.

„No, Sir, you alone please“, bettelte der Junge. So war er mit ihm allein zur nahen Scheune hinaufgefahren. Bald hatte sich der GI viele Kisten mit Orden und anderen gut verkäuflichen Souvenirs in den Jeep geladen. Sergeant Birks gab dafür einen guten Teil seiner gesammelten Verpflegung her und ließ den cleveren Hitlerjungen grinsend laufen. Der überlebte diesen merkwürdigen April und wurde mit einem Notabitur bald darauf nicht gerade ein Studiendirektor in einem Rüsselsheimer Gymnasium, dann aber doch Realschullehrer, besonders für Geographie und Englisch, in Bad Betteldorf. „Sir, we are not Nazis. No soldiers, Sir.“

1963      Sportstunde

Tief in einer der Lungen fing es an; es stach wie mit einem Messer im Bauch. Das waren verdammte Seitenstechen! Felix war ausdauernd und kräftig, war in der Jungschar, wo sie viel im Gelände waren und Zeltwanderungen machten, aber er war kein guter Leichtathlet. Eine solche Art regelementiertem Sport lag ihm einfach nicht.

„Ihr müßt mit gespitztem Mund kräftig ausatmen, ganz langsam einatmen, tiiief ausatmen… Gelobt sei, was hart macht! Los, Jungens, wir drehen noch eine Runde!“ Der asketisch wirkende Sportlehrer, nicht der mit dem Notabitur aus Rüsselsheim, trieb sie erbarmungslos an. Seine sehnigen Arme waren angewinkelt, so als wolle er zugleich losfliegen.

Gleich falle ich um, dachte Felix, und lief dabei dennoch immer weiter – er ließ es einfach geschehen. Er hatte seinem Vater zugehört: „Junge, da haben wir den Schweiß nur so getrunken . . . die haben uns bis zum Umfallen gestriezt, und später in Rußland, da waren wir ihnen dafür sogar dankbar.“ Nun sah Felix ein mit Dreck verschmiertes, heulendes Gesicht unter einem zu großen Stahlhelm. „Die Brücke“25, so hieß der Film von Bernhard Wicky, den er am Sonntag oben im Kurhauskino gesehen hatte. Stumpi hatte ihre Karten zusammen mit Mohr gekauft; Felix sah nämlich immer noch jünger als sechzehn aus, deutlich jünger. Danach wurde im Kirchpfädchen eine blaue 6er-Packung Supra-Filter aufgemacht. Jeder bekam eine. Velveta hatte seine eigenen Zigaretten dabei, eine 12er-Schachtel HB, und brach den blöden Filter ab, bevor er sich eine zwischen die Lippen steckte. Das war es! Ohne Filter, genau so wie der Jerry Cotton mit seiner Lucky an der Lippe hängend.

1956    Der erster „offizielle Gastarbeiter“ ist Italiener (für Ford-Köln?) und bekommt schon am Bahnhof sehr pressewirksam ein Moped geschenkt. Eine gewisse Petra Schürmann prostituiert sich zur Miss World. Im Jahr 2002 endlich, nach tagelangen gewalttätigen Protesten mit mehr als 200 Toten (!) wird die Miss-World-Wahl von Nigeria, auf dem vergessenen Kontinent Afrika gelegen, nach London verlegt, nach England, der Heimat der unglücklichen Lady Diana, was irgendwann Prinz Charles in die Handlung bringt.

In Deutschland wird immer noch am Samstag gebadet. Glocken läuten um sechs Uhr den Sonntag ein. Eine starke Linke ist für Adenauer gesellschafts- und wirtschaftspolitisch von Übel, und so werden die Reste der KPD, die zwölf Jahre wirklichen Terror, nämlich den staatlichen, Ermordung und Nazi-KZ überlebt haben, wieder einmal, diesmal wohl endgültig, mit freudiger Zustimmung der SPD, verboten, die diese Zeit offensichtlich etwas schlauer überstanden hat.

Vor zwanzig Jahren begann der seltsame Spanische Bürgerkrieg.

1956      Badetag

Aus dem Keller wurde die große verzinkte Wanne geholt. Mitten in der eingeheizten Küche stand sie dann, direkt vor dem Herd, auf dem schmalen Band cottofarbiger Fliesen, die mehr dem Funkenschutz denn als Zierde dienten.

1956      Wenn der Senator erzählt

Mitten im Krieg in schwerer Zeit, da hat der Senator nicht noch ein Hüttenwerk auf die Wiesen des Aartales gestellt, nein, er hatte ja schon längst eins.“26 Nein, da hat er den patentierten BETONGUSS erfunden; das sparte selbst bei Kanaldeckeln gleichermaßen Material und Kosten ein, was aus verschiedenen Gründen damals auch sehr, sehr wichtig war. Spät am Abend auf der ATV-München27, als der Senator seine Mitarbeiter eingeladen hatte, jeder hatte bestimmt schon vier Maß, da kam er selber wieder einmal vom Pinkeln zurück: „Meine Herren, passend zum Anlaß,“ sagte er und wischte sich dabei mit seinem großen, weißen Taschentuch kurz und bündig über die rote, glänzende Stirn „das ist doch tatsächlich passiert, in Hamburg kürzlich, als wir wegen der Einweihung der neuen Kläranlage dort waren . . .“ und dann kam natürlich ein Witz, der mit dem langen Bart, den der Senator zu solchen Anlässen zu erzählen pflegte:

„Ein Klärwärter stochert in der stinkenden Brühe herum. Kommt der Direktor mit einer Besuchergruppe fein angezogener Herren zum Einlaufrechen: Was machen sie den da, guter Mann, fragt der Direktor. Ach, mir ist meine Jacke rein gefallen, sagt der Arbeiter. Das macht doch nichts, die kriegen sie als Arbeitskleidung von uns gestellt, sagt der Direktor schulterklopfend und fürsorglich. Ja, Herr Direktor, das stimmt schon, aber da ist doch mein Frühstück drin.“

1957  Gründung der EWG; aber trotzdem wird Carl Zuckmayers Schinderhannes uraufgeführt. Der Schaum auf deutschen Flüssen und Bächen gefällt dem Senator besonders, und er läßt immer bessere Kläranlagen konstruieren, bauen und auch gleich in alle Welt verkaufen.

1957      Winnetou am Marterpfahl

Sie hatten Felix gleich oben im Wäldchen an einen Fichtenstamm gebunden. Das war an jenem Abend, an dem sie sich vorher die Mägen mit kleinen, sauren Wildkirschen vollgestopft hatten . . .

___________________________________________

* Annik Saxegaard: Wir Drei vom Nordhof/ * Kurt Knaak: Blanka, der Schrecken der Bösewichter

Als er einmal mit Fieber im Bett lag, seinen Körper riesengroß und schwer spürte, dann voller Leichtigkeit schwebend, selbst den Duft des riesigen Fliederstrauches, der bis zu seinem Fenster hinaufreichte, nicht mehr roch, dann plötzlich doch so intensiv, als ob ein großer Strauß mit den Blütenzweigen mitten auf seinem Bett liegen würde, dann auch die roten Wolken sah, vor denen die Krähen ihre Runden flogen, da wußte er freilich nicht, daß er sich einmal so lange daran erinnern würde. Seine Mutter brachte ihm am nächsten Morgen ein Fix und Foxi Heft vom Einkauf mit. Er las es, als er auf dem kleinen Chaisselonge in der Küche lag, während die Mutter mit Kochen beschäftigt war, mit den Töpfen klapperte; und er las, so grenzenlos weit entfernt. Dann war das Fieber irgendwann und wie plötzlich verschwunden, und in seiner Erinnerung ist manchmal immer noch diese Leichtigkeit, diese seltsame Schwerelosigkeit, die den Körper emporschweben läßt, dann mit Titanenkraft grinsend herunterpreßt, ihn heimtückisch liebkost und dabei dennoch fest umklammert hält. Seine sorgenden Eltern jedoch, die hatte er immer.

1957      Opas Witz mit dem Fliegendraht

Ein General kommt zur Besichtigung in die Kaserne. Alles steht stramm, strammer geht‘s nicht. Der Küchenfeldwebel meldet: „Herr Jeneral, melde jehorsamst, neue Fliejendrähte, wejen der Hijene.“ Der Adjutant, die Hacken schmeißend: „Fliegendrähte, Herr General! Neueste Errungenschaft der preußischen Armee!“ Der General ist sichtlich beeindruckt, zieht einen Handschuh aus und kratzt mit dem Fingernagel eine Weile am Fliegengitter. Alles steht stramm, aber trotzdem passiert nichts. „Schlafen wohl die Biester, was?“

Opa hatte damals als kaiserlicher Kürassier in Köln-Deutz im berüchtigten Geßler-Regiment gedient, und erzählte gern den „Brückenwitz“. Ein einfacher Kürassier steht am späten Abend auf der Deutzer Brücke und hält sich am Geländer fest. Kommt ein Leutnant mit seiner Braut angeschlendert: „Mann! Könne se nich grüße?“ Der leicht angetrunkene Kürassier stemmt seine Arme in die Hüften und schaut den Leutnant selbstbewußt an: „Können sie schwimmen, Herr Leutnant?“

Hinter kam meist noch den Witz mit der preußischen Pferdedecke, die seinem Enkel Felix beim Hauptdiplom, in der Prüfung für das Fach Anthropogeographie28 bei seinem verehrten Lehrer Professor Wilhelm Wöhlke am Osteuropa-Institut der FU-Berlin vermutlich eine volle Note gekostet hat.

1958 Robinson und Schinderhannes

Aus der nachbarlichen Schrotthandlung schenkte ihm sein Freund Stumpi ein zerfleddertes Buch. Er begann, nachts heimlich zu lesen. Die Geschichten vom Räuber Schinderhannes, die sein Vater zu erzählen verstand, beeindruckten ebenfalls sehr.

_____________________________

* Daniel Defoe: Robinson Crusoe/* Otto Kindler: Der Schatz Montezumas/* Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch

Sein Vater erzählte sie so spannend, als wenn er selber dabei gewesen wäre.

Warum haben sie den Räuberhauptmann und seine Bande geköpft, fragte Felix, er hat den Reichen doch nur etwas weggenommen, um es den Armen zu geben. Im Kindergottesdienst . . . der Vater winkte ab. Er wird seine Gründe haben, schließlich war der Schinderhannes auch ein wirklicher Räuber und die Napoleon-Polizei hatte ihn durch einen begangenem Verrat nur gefangen, um ihn ordentlich zu bestrafen, dachte Felix und schwieg.

1958    „Heim ins Reich!“ Vor zwanzig Jahren Anschluß Österreichs an Nazideutschland. Als der Wechsel zur Realschule ansteht, rät Fräulein Kläre Kluge, ihn nun lieber doch noch ein Jahr auf der Volksschule zu belassen. Von den Eltern um Rat gefragt, zuckt der Patenonkel, selber Realschullehrer, mit seinen breiten Schultern und orakelt: „Na, wenn Fräulein Kluge das meint . . .“ Recht hat er, denn er kennt seinen Patenneffen kaum. Es ist eine wichtige Entscheidung, die man über den kleinen Felix trifft, wäre er sonst nicht in die Realschulklasse von Sonja (Lea?), Bodo und Paul gelangt, höchstens wenn er später einmal sitzen bleiben würde, aber dazu mochten ihm weder seine Eltern, Fräaulein Kläre Kluge noch der Patenonkel vorausschauend raten.

Schwesterlein und großer Bruder. Kann ein abgeschlagener Kopf sehen? Das Schicksal des Klaus Störtebeker. Der Schatz des Montezuma. Opa stirbt. „Ob Noskes29 Antibolschewismus nun primitiv war oder nicht . . .“ Das mit Noske und der SPD war noch weit entfernter Studieninhalt. Erst einmal war ein großes Ereignis die Geburt seiner Schwester. Er wird dann gern sein Stückchen Fleischwurst mit ihr teilen, was bei den Erwachsenen allgemeine Heiterkeit auslöste. Auch, daß Ernst Bloch den Hunger vor alle anderen menschlichen Triebe stellen würde, nicht also den Freud’schen Sexus, der allesantreibt, auch das würde Felix erst später erfahren. Dennoch, nur wenige Jahre später waren die Mädchen eigentlich das wichtigste im pubertären Leben der Jungs geworden.

*

1958      Von der Küche in den Garten

Der Großvater war ein wirklich alter und fast bettlägeriger Mann geworden. Noch im Herbst zuvor stand er fünfundachtzigjährig im Garten unter den mächtigen Apfelbäumen, jagte die Buben davon, die sich mit den Bohnäpfeln kriegerisch bewarfen, und er konnte es dabei nicht verstehen, daß niemand aus der Nachbarschaft all diese vielen schönen Äpfel geschenkt haben wollte. Nur selbst raffen, das hätten sie schon machen müssen. Der Garten, mein Kindchen, kümmerst du dich um den Garten, wenn ich einmal nicht mehr da bin?

Die Schwiegertochter nickte beschwichtigend.

Wenn das speckige Mädchenbaby in der Küche gebadet wurde, ließ sich der alte Mann nicht davon abbringen, dabei zuzuschauen. Mühsam stieg er dafür die Treppe herunter und setzte sich schnaufend auf einen Stuhl. Sein Enkelchen war ein Mädchen, genau wie er es sich gewünscht hatte, und Felix hatte sogar ein kleines Schwesterchen. Er war jetzt zehn Jahre alt, und im Garten machte er nur Unsinn und Durcheinander. Der Großvater jagte die Buben oft aus dem Garten. Eigentlich machte er das ständig, denn der Garten war sein ein und alles. Felix wartete die Woche über nur auf das Kino am Sonntag. Er hatte immer noch kein eigenes Fahrrad, wie all die anderen Jungs in der Nachbarschaft, aber plötzlich kamen Peter, Conny und schon wenig später Conny und Peter! Ins Kino konnte man leicht zu Fuß gehen, wenn man denn durfte. Einmal hatte ihm der Großvater die fünfzig Pfennig dafür unverhofft geschenkt.

Der Duft des Gartens, die Geräusche der Kleinstadt, die durch das geöffnete Küchenfenster drangen, die große Thujahecke vor dem Haus, die nach dem Regen in der Sonne dampfte, der Fichtenwald mit seinem Meeresrauschen und die Krähen, die am Abend über der Stadt ihre Kreise zogen. Irgendwann erstarb ihr Krächzen in der Ferne, und sie kehrten zu ihren Nestern in den Bäumen über dem Müllplatz zurück. Von dort holten sich die Buben später Material für die Häuschen im Wald. Matratzen, Teppiche, Dachpappe, Bretter, Draht, und immer auf der Hut vor dem schimpfenden Schuttplatzkrämer, der sie einmal vermutlich sogar ihnen hinterher laufend weit verfolgte . . .

Felix rannte bis in den Mühlweg hinunter, und als er sich atemholend umschaute, hatte der ältere Mann die Verfolgung schon längst eingestellt. Eine andere Respektsperson war der Wildschütz, ein Schulkamerad seines Vaters, was die ständige Angst, vor dem „Schunk“ bei irgend einer verbotenen Sache erwischt zu werden, nicht weniger schlimm machte.

*

1959    Wer war Nikolaus August Otto wirklich? Fidel Castro ist in Cuba erfolgreich. Godesberger Programm der SPD. Vor zwanzig Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Felix kommt in die örtliche Realschule . . . Sonja (Lea?), Bodo und Paul, wobei letzterer zwar nicht der Primus, aber ganz heimlich der Fleißigste ist.

In Oslo bekommt Lea zu ihrem zehnten Geburtstag ein kräftiges Island-Pony geschenkt. Sie reitet damit aus der Koppel und kommt

______________________________________________

* Bernhard Stokke: Reiter unterm Nordlicht//* Richard Bamberger u.a. (Hrsg.): Die Welt von A bis Z/* Bernhard Goetz: Albert Schweitzer – ein Mann der guten Tat

erst zwei Tage später wieder zurück in den Bunker. Sie wird streng bestraft, darf nicht bei Onkel Hephäst und dem lustigen Hermes bleiben, stattdessen muß sie nach den Ferien zur Realschule in Bad Betteldorf, und sie heißt dort natürlich wieder Sonja.

1960    Ein Elvis Presley ist als GI in Friedberg-Bad Nauheim stationiert. Siebenundzwanzig Jahre später ziehen Sigrid und Felix ebenfalls an den dortigen Rand des Rhein-Main-Gebietes, nach Ober-Mörlen. Felix hält sich später tagsüber kaum in der Nähe amerikanischer Einrichtungen auf, dann immer öfter in Offenbach, in dichter Nachbarschaft zum Deutschen Wetterdienst.

1961    Mauerbau in Berlin am 13. August. Weil ihm wegen der Torheit der Regierenden in der westlichen Welt sonst nichts anderes übrigbleibt, erklärt sich Kuba hinfort als ein sozialistischer Staat. Die USA verhängen das bis heute andauernde totale Wirtschaftsboykott, was Kuba in die offenen Arme Moskaus treibt. Eine massiv durch US-Militär unterstützte Eroberung scheitert im April ganz erbärmlich. Das militärische und geheimdienstliche „Disaster in der Schweinebucht“ ist Vorgeschmack auf das „Trauma Vietnam“. Im CVJM – sie beten wenig, sind mehr im Wald. Der Schaum auf deutschen Bächen und Flüssen wächst gewaltig. Die erlernte Waldläuferromantik hindert sie beileibe nicht, sogar in Rhein und Main in den Schaumflocken zu baden – er mit seiner blauroten Luftmatratze!

1962    Spiegel-Affäre: Rudolf Augstein muß wegen angeblichem Geheimnisverrats (Bundeswehr-Manöver) ins Gefängnis. Kuba-Krise, kalte Kriegspropaganda. Antibabypille ist auf dem deutschen Markt.

Ein Kampf um Rom . . . Felix ist ehrenamtlich in der Schülerbücherei tätig und liest einen Schrank nach dem anderen. Ben Hur im Kino und Hähnchen aus dem Wienerwald 30. Die Tagesschau hat noch richtige Fernsehantennen … da dam daa daaa! Nicht jede Familie hat einen Fernseher; sie sparen sich ihren nußbaum-dunkel hochglanzpolierten „Nordmende“ TV-Schrank vom Munde ab!

Man trägt jetzt Nylonhemden, die einfach nur naß aufgehängt werden! Deutschlands bügelfaule Hausfrauen jubeln. Mit Zelt und Fahrrad nach Rothenburg ob der Tauber. Sie kommen auch durch Tauberbischofsheim . . . dann erst wieder nach Bayern hinein.

__________________________________________________

* Frank S. Stuart: Die Stadt der Bienen/* Bernhard und Michael Grzimek: Serengeti darf nicht sterben

1962      Zwischen halb und Acht

Immer noch hatten sie keinen Fernseher. Abends „Zwischen Halb und Acht“ ging er gewöhnlich zu Ralf ins Nachbarhaus. ‚Abenteuer unter Wasser‘, ‚77-Sunset-Strip‘ mit Kooky und seiner komischen Hans-Clarin-Stimme, und manchmal, wenn sie sich zerstritten hatten, sonntags auch wegen ‚Ivenhoe‘ zu Walli runter in die Stadt.

1962      Velveta

Er hatte bereits einen richtigen Job und holte mit einem Handkarren von der Berz-Molkerei unten am Bahnhof Milch und Käse für das kleine Geschäft ihm gegenüber. Peter mochte wahnsinnig gern die dreieckigen Schmelzkäse, sonst wären die Buben sicher nie auf einen so blöden Uznamen für diesen blonden, langen Kerl gekommen.

Velveta erzählte ihnen ständig ausführlich von den Kinofilmen, die er donnerstags schon sehen durfte; meist waren es aufregende Abenteuerfilme mit Westernhelden, Gladiatoren, Wikingern und Piraten. Sie spielten diese Filme immer nach. Velveta mußte ihnen deshalb alles genau erzählen. Die Beine waren nicht alles, was bei Velveta ziemlich lang war. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus. Velveta lehnte sich gewöhnlich im Wald an einen Baumstamm und holte ‚Ihn‘ heraus. Velveta rauchte sogar schon; er war aber auch ein gutes Jahr älter.

1963    Ermordung von John F. Kennedy durch wirtschaftliche und politische Interessenkartelle, die in den USA den bestialischen Weg der „Falken“ ebnen. Elysée-Vetrag zwischen den Regierungen in Bonn und Paris. Das ZDF geht auf Sendung; wie das „Erste Programm“ des Staatsfernsehens noch in schwarz und weiß. Auch deutsche Männer tragen Rollkragenpullis und abends öffentlich sogar weiße.

Mit dem Fahrrad zum Bodensee. Herr und unser Heerführer Jesus, der du bist im Himmel, gelobt sei, was junge Burschen hart macht. In Frankfurt (jetzt endlich auch in dem am Main) beginnt der „Auschwitz-Prozess“;31 die meisten der „rechtskräftig verurteilten“ Helfer des Naziregimes kommen als wichtige Wirtschaftsbosse, militärische Würdenträger, Chefärzte, Justizkarrieristen und Bürokraten aber freilich auch als Wendehals-Politiker schon wenig später auf freien Fuß und sogar ganz öffentlich wieder zu Ehren, als ob nichts geschehen wäre. Solche Persilscheine gibt es in allen Preisklassen. Das Wunder von Lengede begeistert deutsche Schwarz-Weiß Fernsehzuschauer fast wie die kompensierenden Krimiserien.

________________________________________________________

* Jonathan Swift: Gullivers Reisen/ * James Fenimore Cooper: Der Lederstrumpf

1963      Hemmendorf

Die Unentschlossenheit einer jugendlichen Verliebtheit ist ein hin und her zwischen dem Kinderspiel und den ersten eindeutigen geschlechtlichen Gefühlen.

Tatsächlich hat er damals schon eine blaurote Luftmatratze mit sich herumgeschleppt, für seine zweite, wenn auch kurze Liebe mit ihren Rehaugen . . . Ben Hur spielen, und das Floß im schilfbestandenen Ufer. Ein Bodenseebauer überwalzte die Luftmatratze mit seinem Traktor und überraschte sie dabei beim Petting. Am nächsten Tag schon fuhren sie weiter. Aber auf ihrer Fahrradtour zum weit entfernten Bodensee hatten sie aus der Schweiz erste Zigaretten geschmuggelt. Es gab sogar welche mit Menthol. Pfefferminzfrisch!

1963      Jonny (2)

Für Jonny war Maria ein Wesen, welches ihm in seiner Fantasie manchmal deutlich in seine Schlafecke trat. Sie bewegte ihren Körper auf dem Vorhang vor seinem Bett, wie auf einer Kinoleinwand.

1963      Biene (1)

„Dort im Südrand grad da hinten und dazwischen Kiefernwald, wo im letzten Jahr noch das Pärchen Brennessel stand . . .“ wird Franz Josef Degenhardt bald singen. Jetzt am Südhang, hoch über der Stadt. Biene hatte ihn auf seiner Tour begleitet. Nur noch wenige Illustrierten waren in den Satteltaschen. Sie setzten sich in das lange, trockene Gras; im Schatten des Waldrandes mit den letzten buckeligen, bereits eishart verharschten Schneereste. Vielleicht hat sie nur diesen grünen Pullover, dachte Felix, und er bemerkte zum ersten Mal ihre wunderschönen, langen Wimpern. In Wirklichkeit aber war es nur ihr Lieblingspullover geworden, gleich, als sie erfahren hatte, daß sich Felix von seiner Mutter einen ähnlichen Rollkragenpullover stricken ließ.

Während er in diesen Wochen sein Fahrrad grün anstrich, dachte er nur an ihren Pullover, auch hatte er sich zum Geburtstag einen grünen Rollkragenpullover gewünscht. Ständig wurden ihm Rücken- und Ärmelteile angehalten. Schon im folgenden Jahr war der Pullover freilich zu knapp geworden, und Felix hatte ihn noch sehr lange in einer Schublade der Kommode in seinem kleinen Zimmer liegen.

________________________________________________________

* Johann Wolfgang von Goethe: Hermann und Dorothea/* Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo/* Joseph Conrad: Der Neger von der Narzissus/* C. S. Forester: Hornblower auf der Hotspur/ Unter wehender Flagge

1963      Der Eichelhäher

Als Felix mit dem Luftgewehr in der Armbeuge durch den Garten schlich, war er nicht darauf aus, irgend ein Vögelchen zu töten. Er spürte, wie ihn die schwere Waffe veränderte . . . er war stolz darauf, daß er so gut schießen konnte. Er traf nahezu jedes winzige Steinchen; Ziele, die er sich schnell entschlossen wahllos bestimmte, und die es schnell zu treffen galt. Sein Vater hatte ihm gezeigt, wie man mit einem Gewehr umgeht. Niemals aber war es zu einem richtigen Schießwettbewerb zwischen ihnen gekommen. Vielleicht mochte der Vater auch aus ganz anderen Gründen nicht mehr mit einem Gewehr in der Hand auf irgend etwas zielen müssen.

Der Eichelhäher saß im hohen Holundergebüsch versteckt und flog plötzlich laut krächzend auf. Felix riß das Gewehr hoch, und noch aus der Hüfte zog er den Abzug. Daneben! Der Vogel verschwand im dichten Gesträuch. Er hatte ihn aber doch getroffen, denn später fand er den schönen Vogel, der mit durchschossener Kehle tot im Draht vom Hühnergehege hing. Felix war sehr betroffen, hatte er ihn doch wirklich nicht töten wollen. Traurig beschloß er, nie mehr auf etwas Lebendiges zu schießen, nicht auf Vögel, auch nicht auf irgend etwas anderes.

Als er einige Wochen später aus dem Schwimmbad kam, lag eine lange Reihe toter Amseln unter dem Kirschbaum. Niemals hat er es Herrn Gräfe verziehen, daß er Felix‘ Luftgewehr dazu benutzt hatte und auch noch stolz auf diesen Nachmittag im Liegestuhl war. Felix hatte es nicht vergessen, was Langeweile und eine bestimmte Moral anrichten können, auch nicht als die Gräfes ihn im Marinestützpunkt von ihrem nahen Wohnort Rendsburg aus einmal besuchten. Es war der einzigste Besuch, den er in eineinhalb Jahren bei der „Kriegsmarine“ erhielt, wie diese Alten diesen Truppenteil wohl immer noch nannten.

1963      Biene (2)

Das Geräusch des Regens auf dem Dach mit der Teerpappe über ihnen wurde stärker. Dunkel steigt diese Erinnerung in ihm hoch. Eigentlich waren sie noch Kinder, und dennoch hob sich bereits ein sachter Schleier von ihrer kindlichen Unschuld und Schüchternheit. Biene, natürlich in ihrem grünen, selbst gestrickten Pullover:

„Ach, ich fühle mich hier so geborgen. Es ist schön, hier drinnen im Trockenen zu liegen, während die Regentropfen auf das Dach trommeln.“

____________________________________________________

* Felix Dahn: Ein Kampf um Rom/* Ludwig Ganghofer: Die Trutze von Trutzberg/* Jack London: Wolfsblut/ Der Seewolf/* C. W. Ceram: Götter, Gräber und Gelehrte – Roman der Archäologie

Felix hörte es noch lange, wie sie das gesagt hatte. Vielleicht einmal nur lagen sie in diesem Frühling im Schuppen unentschlossen aneinander geschmiegt. Das Heu im ehemaligen Stall duftete immer noch stark, fast wie frisches Heu, obwohl die Kaninchen schon längere Zeit abgeschafft worden waren. Alles das, was sie da gemeinsam machten, nannte man bald darauf Petting.

Doch zu was hätten sie sich in dieser Zeit auch sonst noch entschließen können? Einmal aber hatten sie sich gleich am Anfang auf den Mund geküßt, als Biene ihn beim Austragen der Zeitungen wie durch einen Zufall begleitet hatte. Felix hatte dabei einen Arm fest um sie gelegt, und sie trug ihre blonden Haare ganz kurz geschnitten.

Adolf, so hieß ihr Vater, hatte im Spanischen Bürgerkrieg schon einen Stuka geflogen, hatte mit der deutschen nazifaschistischen Legion Condor32 vielleicht sogar bei der Bombardierung von Guernica33 mitgemacht. Damals war Felix davon sehr beeindruckt, auch, daß sie als Mädchen einen richtigen Lufthansa-Piloten zum Vater hatte.

Immer wieder der große Garten, das Haus seiner Eltern, die kleine Stadt, jetzt die Tannen, die nach dem Regen noch tropften. Der Fichtenwald hangaufwärts mit seinem Rauschen und die Krähen, die am Abend Kreise über der Stadt ziehen, dann zu ihren Nestern in den Bäumen über dem Schuttplatz, weit hinter dem Hügel, zurückkehren. Aber Biene war plötzlich nicht mehr in der Stadt. Er erinnerte sich später, daß sie sich niemals richtig verabschiedet hatten.

„Die Kümmernisse der Kindheit sind nichts als flüchtige Sommerschauer.“ JAMES JOYCE (Ulysses)

__________________________________________

* Jacques-Yves Cousteau: Das lebende Meer/* A. Th. Sonnleitner: Die Höhlenkinder im Pfahlbau/* Jack London: Der Seewolf (erneut)/* Joseph Conrad: Der Freibeuter/* Loula Grace Erdman: Das gute Land/* Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel/ In der Südsee/* Jules Verne: Der Kurier des Zaren/* Jules Verne: 20000 Meilen unter dem Meer/* Jules Verne: In 80 Tagen um die Welt/* E. G. Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompej

1959 Apfelmost

Im Herbst machten sie Apfelsaft. Am steilen Berg gegenüber des Tales gab es einen älteren Mann, der eine kleine Kelterei betrieb. Es war eigentlich kein richtiges Geschäft, eher eine Art nachbarlicher Hilfe. Für Felix war es etwas besonderes, seiner Mutter bei solch einer Arbeit zu helfen. Der Bollerwagen war mit einigen Säcken der gesammelten  Äpfel beladen, und Felix mußte sich ganz wie seine Mutter sehr anstrengen, die Ladung auf der steilen Straße bergan zu ziehen. Herr Klein war ein kräftiger Mann mit einem roten Gesicht und hatte schon schlohweiße Haare. Er galt in der Stadt als ein „Kommunist“. Man sagte dieses merkwürdige Wort nur leise, so wie „es war bösartig“ wenn jemand an einem Krebs gestorben war. Felix wußte aber schon, daß Herr Klein einmal ein Spanienkämpfer für die rote Republik gewesen war. Der Vater hatte davon erzählt, daß sein Freund Adolf damals mit der Legion Condor in Spanien war. Es war verwirrend. Warum haben andere Deutsche gegen die gekämpft? Das waren doch auch Deutsche.

Das ist wirklich ziemlich kompliziert, hatte Papa nur gesagt. Für Felix war der Spanische Bürgerkrieg nicht sehr interessant, denn sein Vater war noch nicht dabei. Später aber hat er sich an ein kleines Buch erinnert, liebevoll in feinstem Leinen gebunden, mit vielen Fotos. Auf einem umarmen sich zwei glücklich lachende Männer: „Zwei Brüder treffen sich nach der Schlacht um Toledo.“ 

Einmal fand er im Altpapier der benachbarten Schrotthandlung, bei Stumpi unten, ein anderes, viel dickeres Buch: „Franco befreit Spanien!“ Felix hat es nie gelesen, obwohl es mit einem roten, leinernen Einband versehen und handwerklich gut gemacht war. Er hatte schon früh einen diffusen Instinkt gegen das Böse in der Welt entwickelt, aber er hatte einfach keine rechte Lust dazu, dieses Buch richtig zu lesen, weil das mit Spanien vermutlich noch viel zu kompliziert für ihn war.

Einer „Lufthansa-Tochter“ hat man später den Namen „Condor“ gegeben. Ohne Respekt vor den Ermordeten Zivilisten durch die deutsche Legion Condor, die letztlich für den längst geplanten Weltkrieg nur „geübt“ hat, wie gemeinhin bekannt ist. Der Luftangriff auf das friedliche spanische Städtchen Guernica war das erste geplante konzentrierte Bombardement der Weltgeschichte mit Bombenflugzeugen. Alle anderen späteren, noch gigantischeren Verbrechenen dieser Art stehen also in dieser mörderischen Tradition. „Einer muß hier der Bluthund sein“, sagte der SPD-Polizeipräsident Noske, bevor er am durch die SPD verbotenen 1. Mai in Berlin auf die Familien von Arbeitern schießen ließ. Waren es dreißig Tote? Es würden bald viele, viele Millionen mehr sein, denn die SPD trägt die Mitschuld nicht nur am Ersten Weltkrieg, so auch an der Machtergreifung durch die Nazidiktatur. Irgendwann wird diesen Arbeiterverrätern die Rechnung präsentiert. Das hoffte Felix unter Polizeiknüppeln und in Tränengasnebeln auf den Straßen Berlins mehr als vierzig Jahre später. Lea war übrigens meist auch dabei.

„Der Adolf Scheuermann weißt du, der hat auch mords Schwein gehabt. In Spanien bereits; und über dem englischen Kanal, haben sie ihn später noch einmal abgeschossen.“

_______________________________________________

* Peter Freuchen: Das Buch der Sieben Meere/* Thorton Wilder: Die Iden des März/ Die Brücke von Saint Louis Re/* B. Traven: Die Rebellion der Gehenkten/* Rolf u. Alexandra Becker: Gestatten, mein Name ist Cox

*

1964    Das Auto des Jahres ist die Badewanne von Ford. Zumindest scheinen viele Lehrer damit zu fahren. Andere fahren damit zur Arbeit und in den Urlaub nach Italien, meist an die Adria. Einige der Eltern aber haben noch kein Auto und bleiben zu Hause. Feriengeile Jugendliche lungern vor Kinos herum und kuscheln in Schwimmbädern unter Decken, oder entdecken in Höhlen, daß Petting nicht alles ist. Ihre Schule ist nach Nikolaus August Otto, dem angeblichen Erfinder des Verbrennungsmotors benannt und führt „Das Gespenst von Canterville“ von Oscar Wilde auf.

1964      Wer ist Hannes Wader?

Deutsche Liedermacher treffen sich auf der Burg Waldeck im Hunsrück, und mit dabei ist ein Hannes Wader und der Franz Josef Degenhardt. „ . . .vielleicht auch dieser Hans-Dieter Hüsch, der aber offensichtlich viel weniger Einfluß auf dich gehabt hat“, eruierte Lea später einmal. Vier Jahre später begreift Felix, daß er Horsti Schmandhoff34 gut gekannt hatte. Sogar der Senator war ihm längst schon vertraut. Sein Lieblingsessen sind Rindsrouladen mit Erbsen oder Feldsalat.

Felix spürte trotz der aufregenden Erzählungen seines Vaters von dessen Erlebnissen im Krieg ein tiefes Unbehagen, und er konnte es nur hinter seiner Jugend verbergen, wobei ihm sein Vater dabei auch etwas leid tat. Die „Weltwirtschaftskrise“ hatte ihn letztlich in die Arme der nationalsozialistischen SA getrieben, Felix aber würde in der Jugendgruppe bald aufmüpfiges Kabarett machen, zunächst die Evangelische Kirche dabei im Auge haben und dabei schnell lernen: Nichts in der wahren Welt hat mit Religion zu tun, sie ist nur ein Mittel, denn nichts in der Politik ist ehrlich. Im Krieg, im Haß und in der Liebe ist alles erlaubt, denn nichts in der Welt bleibt, wie es ist! Von lebenden Fossilien einmal abgesehen.

_________________________________________________

* Hans Grimm: Volk ohne Raum/* Graham Greene: Kleines Herz in Not/ Verlorene Kindheit/* Jack London: Die glücklichen Inseln/* James Mason: Denn der Wind kann nicht lesen/* Thornton Wilder: Die Iden des März/* Herman Melville: Moby Dick/* Leon Uris: Exodus/* Nikolai Michalewski: Duell auf Sizilianisch/* Ferdinand Ossendowski: Unter dem Gluthauch der Wüste

1965    Schulabschlußfahrt nach Berlin (West und einen Tag Ost). Männerleben. Stätten deutscher Arbeit. Felix macht eine kaufmännische Lehre. Über die verderbliche Wirkung von Büchern. Im Sommer nach Charente Maritime (Saintes).

Gymnasiasten ziehen nur noch Amiparkas, Pepitahosen und Wildlederstiefel von Clarks an. Die mit der mittleren Reife beginnen ihre Lehrzeit und machen fast alles ebenso, aber nur am Wochenende. Fast alle rauchen jetzt HB oder Peter Stuyvesant, ohne Filter nur sehr wenige.

1965 Australien (1)

Auf einem Vortrag für junge Einwanderer im Berliner Hof in Bad Betteldorf erscheint Australien als magischer Ort. So viele Deutsche haben wir bei uns, daß es manchmal wie in Deutschland ist, nur viel wärmer und ebenso schön, wenn auch mit einer anderen Landschaft.

Einmal werde ich runter nach Australien gehen, sagte Felix begeistert, die bezahlen uns sogar den ganzen Umzug und die Kosten der Überfahrt mit einem Passagierschiff. Du spinnst dir da vielleicht etwas zusammen, sagte seine Mutter, denn immer hatte der Junge nur solch einen Unsinn im Kopf. „Lern‘ du erst mal einen Beruf.“

1965      Mit der Mutter zum Landratsamt

Die Berufswahl war schwierig und ließ sich plötzlich nicht mehr länger aufschieben … Nein, solch ein Beamter möchte ich niemals werden, rief Felix nach einem Besuch bei Oberamtmann Klinger im Bad Betteldorfer Landratsamt, ich will Architekt werden, erst einen Beruf lernen, vielleicht Zimmermann und dann auf die Bauschule nach Idstein … Junge, du kannst doch nicht studieren, von was sollen wir das denn bezahlen? Eines Tages hatte der Vater, in Unkenntnis des „Bad Honnefer Modells“, später als „Bafög“ bekannt, entschieden. Ich habe dich schon bei „uns auf der Hütte“ als Lehrling untergebracht. Du wirst dort eine kaufmännische Lehre machen! Wenn du willst, sogar zum Industriekaufmann … und Basta!

________________________________________________

* Janusz Piekalkiewicz: Spione. Agenten, Soldaten/* Conrad Ferdinand Meyer: Gesammelte Werke/* Gustav Freytag: Soll und Haben/* Jack London: Alaska-Kid/ Die Insel Berande/* Wolfgang Borchert: Gesammeltes Werk/* Grimmelshausen: Simplizissimus/* Jack London: Die Fahrt der Snark/ An der weißen Grenze

*

Sturm und Drang

1944   An der russischen Front stirbt ein junger Leutnant schon in der dritten Nacht

Leutnant Karl Rock kehrt nicht nach Bad Betteldorf und zu seiner Familie zurück . . . Die Granateinschläge wandern immer dichter an den deutschen Graben heran. Aus dem Wald drückt eine breite Reihe T34. Die Panzer kommen so zügig voran, daß sie bereits in ihr eigenes Feuer fahren. Die meisten der russischen Infanteristen laufen geduckt hinter ihren Panzern her, andere rennen schnell, ohne dabei die geringste Deckung zu nehmen, und viele überschlagen sich im Sturz, wenn sie getroffen werden.

Im vorderen deutschen Graben schien ein Widerstand kaum mehr möglich. An manchen Bereichen war der Iwan35 bereits in ihre Stellungen eingebrochen. Neben Karl sackte einer seiner Männer lautlos zusammen. Ein Splitter hatte ihm den Hals aufgerissen. Das Blut spritzte Karl auf den Arm, und während er ein neues Magazin anschlug und durchlud, sah er das Blut seines Kameraden in der Morgendämmerung schwarzklebrig auf seiner Hand. Nebenan waren die Russen schon im Graben. Karl rannte durch den morastigen Graben der Uferböschung. Nur raus aus dem Graben. Dabei lief er drei Russen wie in die Arme. Einer von denen hatte seine Maschinenpistole schon im Anschlag, und Karl spürte mehrere wuchtige, dumpfe Schläge in Brust und Bauch. Dann schmeckte er Blut aus seinen zerfetzten Lungen. Karl war erst vor ein paar Wochen zum Leutnant befördert worden, und aus Norwegen kommend, gerade drei Tage in Rußland. Karl rauchte früher gern aus einer Zigarettenspitze, was sehr elegant aussah, war ein richtiger Bankangestellter in der Kreis- und Kurstadt Bad Betteldorf und wäre ein Onkel vom noch ungeborenen Felix geworden. Als er vorher in Norwegen war und einmal Urlaub hatte, half er dem Großvater beim Bau der Hasenställe. Dessen jüngster Sohn Erich, sein Freund, war an windigen Stellen in Rußland, dort als Melder mit seinem Schäferhund Ajax eingesetzt und wie später Karl im Mittelabschnitt . . . Vorher bereits kamen gewaltige russische Gegenoffensiven, die am Kursker Bogen, die Kämpfe bei der Stadt Orel . . . Das mit Stalingrad noch fast am Anfang hat ebenfalls nicht das geringste genützt, ganz im Gegenteil! Felix verstand das aber immer noch nicht:

Warum nur habt ihr euch das alles gefallen lassen?

Ach, Junge, du hättest es auch gemacht, das war damals eben so.

_____________________________________

* Heinrich Böll: Irisches Tagebuch/* Wolfgang Ott: Haie und kleine Fische/* Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit/

Abb.: Leutnant Karl Rock auf seinem letzten Urlaub

1966    Vom aufrechten Gang und der Pille: Heidrun im Schwimmbad. Nach Saintes, Charente Maritime. Die Frau vom Bahnhof. Im Herbst Danielle, nach Sonja seine zweite große Liebe, die ebenfalls unerfüllt bleibt, zumindest zur dichten Brieffreundschaft gerät.

Wenn jemand etwas haben will, läßt er es sich einfach „rüberwachsen“, wer schlecht Gitarre spielt, macht das schon längst als Bassist in einer der zahllosen Beatgruppen und hält seinen Körper, dabei wippend in die Knie gehend, ganz dicht vor die dröhnenden Boxen. Felix macht in der evangelischen Jugendgruppe Kabarett und entdeckt dabei ganz neue Konflikte – in sich und außerhalb gelegene.

Die Undankbarkeit steht oft in keinem Verhältnis zur empfangenen Wohltat. Karl Kraus

Der einhundertzwanzigste Tag im Männerleben

1966      Die Frau vom Bahnhof

Ihre Blicke hatten sich getroffen. Erst ging er an ihr vorbei und dann noch etwa zwanzig Meter. Eine Ahnung überkam ihn. Trotz des warmen Sommerabends hatte sie einen Mantel an. Eine kleine Reisetasche stand neben ihr auf dem Boden. Sie stand einfach da und wußte vielleicht nicht einmal warum; das spürte er, und es war tatsächlich so. Er ging zurück. Irgend etwas zog ihn magisch an. Es war ein Trieb, so stark, wie dieser ihn bisher nicht beherrscht hatte. Eine Trebegängerin? In diesem Alter? Sie stand da und wartete, aber auf wen? „Kann ich ihnen helfen“, fragte er sie.

„Ich weiß nicht, ich bin gerade angekommen.“ Sie schaute ihn dabei wie ein kleines Reh mit ihren braunen Augen an. Sie war nicht sehr groß, hatte aber eine gute Figur und war mit ihren strähnigen Haaren gänzlich ohne Schminke. Sie wirkte plötzlich zu sehr wie eine Frau auf ihn. Nein, das war nicht irgend so ein Mädchen. Das war schon eine richtige Frau, und er schien ein kleiner Junge zu sein. Ihm kam es so vor, als sei sie eine Frau, die unberührbar ist, so etwas wie eine Verwandte, eine ältere, attraktive Cousine vielleicht.

„Werden sie abgeholt“, fragte er weiter.

„Nein, ich bin einfach hier ausgestiegen“, sagte sie, sich dabei sichtlich öffnend. Er bemerkte das so stark, daß er alles riskierte.

„Suchen sie eine Unterkunft, vielleicht für eine Nacht?“

„Ja, denn ich weiß eigentlich nicht, wo ich hin soll.“

Als sie die Bahnhofstraße zur Stadt hinaufgingen, nahm er ihre Tasche und wunderte sich, wie leicht ihr Reisegepäck war. Der Frau hatte er angeboten, in seiner Hütte im Garten zu schlafen.

Sie hatte sofort eingewilligt. Er mußte mit ihr schlafen. Das war sein Gedanke in der ersten Sekunde, als er sie dort so ganz allein vor dem Bahnhof stehen sah. Tatsächlich trieben sie es die ganze Nacht.

Niemals mehr hat er eine Frau so gefickt. Zumindest behielt es sich so in seiner Erinnerung, weil sie die erste richtige Frau für ihn war, von Helga, dem Höhlenmädchen, einmal abgesehen. Nachdem es ihm gekommen war, streichelte sie ihn und sich gleichzeitig dabei. Ihr kam es dabei offenbar ständig. Er brauchte eine Weile bis sein Penis wieder steif wurde. Einige Male dachte er, daß dieses irre Gefühl immer toller wird, dann aber kam es fast schmerzend. Er hatte sich wundgefickt und sie hatte ihn weichgekaut, geleckt und gestreichelt. Durch die Butzenscheiben drang der Morgen, mit seinem fahlen Licht in die kühle Fachwerkhütte. Es blieb ihm noch eine Stunde, in der er die schlafende Frau betrachtete. Sie hatten sich beide benutzt. Vielleicht ist das dabei immer so, dachte Felix.

Das Licht der Kerzen verblaßte, und immer mehr sickerte der Tag herein. Ihr Kopf mit den strähnigen Haaren lag überstreckt auf der Couch. Die Nasenlöcher bewegten sich zu der Bewegung des weiblichen, runden Bauches. Ihre Brüste mit den großen, dunklen Höfen hingen leicht zur Seite, und die ersten Strahlen der Sonne ließen sie ihm mit ihren harten Brustwarzen noch größer erscheinen. Die Schamlippen quollen aus bläulich schimmernden Haaren hervor und leuchteten dabei hellrot. Mit dem Zeigefinger rieb er leicht daran, und gleich spürte er die geilglitschige Feuchtigkeit. Sie stöhnte in ihrem Schlaf, richtete sich auf und lehnte ihren Rücken an die Wand.

„Welch schöne Hände du hast, so männlich, ich würde ihnen alles Vertrauen schenken, was ich habe.“ Er aber spürte erneut einfachste Lust in sich aufsteigen. Ein letztes Mal drang er zärtlich in sie ein, bewegte sich langsam auf und ab, ließ seinen Penis wieder tief in sie gleiten. Er spürte einen Muskel in ihr, den sie immer wieder anspannte, so als ob es eine Hand wäre, die ihn liebkost. Er stieß mit reibender Bewegung in sie hinein, ein letztes Mal. Er war jetzt zum Mann geworden, denn die Frau schüttelte ihren Kopf heftig hin und her, zog seinen Kopf an ihren Mund und sagte:

„Mein lieber Junge, du bist schon längst mehr Mann, als du glaubst.“

________________________________________

* Heinrich Böll: Haus ohne Hüter/* Thomas Mann: Buddenbrooks/* Charles Dickens: Eine Geschichte aus zwei Städten

1967      Felix macht Kabarett

Diese Bücher verderben dich, hatte sein Vater gesagt, als er einmal nachts in sein Zimmer nach oben kam. Du liest immer viel zu lange, also mach jetzt endlich dein Licht aus, denn morgen ist ein ganz normaler Arbeitstag.

Beim Dekanats-Jugendwart Volker Hornberger, wo sie sich mit der ehemaligen CVJM-Gruppe regelmäßig trafen, hörte er erstmals die schnoddrigen Lieder von Franz Josef Degenhardt. Sie diskutierten über Gott und die Welt, machten Spiele, organisierten „Freizeiten“, fuhren dabei an Ostern in die Rhön und später in den winterlichen Schwarzwald. Sie spielten mit der Carrrera-Bahn, wobei ihn die eher langweilte. Volker war verheiratet, und manche ältere Freunde in der Gruppe hatten schon feste Freundinnen. Diese kamen wie selbstverständlich zu den wöchentlichen Abenden und auf die mehrtägigen Fahrten mit.

Das hätte damals noch leicht als Kuppelei bestraft werden können . . . noch Jahre später war es sogar in Berlin nicht einfach, eine Wohnung zu finden, in der man unverheiratet und gemeinsam wohnen konnte.

Sie fühlten sich zwischen den Stühlen sitzend. Alles um sie herum war gegen sie, dabei war ihre junge, bürgerliche Aufsässigkeit alles andere, als extrem politisiert oder gar revolutionär, und rein kabarettistisch betrachtet, würden sie vermutlich bald selber zu denen werden, die sie jetzt mit Witzeleien und sarkastischen Szenen entlarven wollten. Manche könnten aber auch über die Zeit zu denen werden, vor denen sie ihre Eltern immer gewarnt hatten.

2005      Lea (2)

In Australien machte Lea wieder einmal solch merkwürdige Andeutungen, als sei sie nicht in dieser Welt zu Hause. Immer noch ahnte Felix nichts von seinem neuen Auftrag. Man beobachtete ihn unbemerkt, jederzeit bereit, in das Geschehen einzugreifen. Lea aber verschwand, genauso wie sie einmal gekommen war, nur mit einer winzigen Berührung. Beim ersten Klassentreffen nach der gemeinsamen Schulzeit hätte er sie vermutlich wiedersehen – wenn sie nur gekommen wäre. Felix ahnte bereits, was ihm danach geschehen war:

______________________________________________________

* Albert Camus: Der Fremde/* Albert Camus: Verteidigung der Freiheit/* Erich Maria Remaque: Im Westen nichts Neues/ Der Weg zurück

Immerzu war es Lea gewesen, in verschiedenen Personen . . . wirklich immer? Kaufe das Grundstück, hier ist die Kontokarte, sagte sie, Hephäst hat uns einen Stützpunkt für Australien genehmigt.

1967    Der „Sechs-Tage-Krieg“ zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten wird von Veteranen der Wehrmacht als Blitzkrieg respektvoll gewürdigt. „Das muß der Schneid ihnen lassen, gehen ran wie Blücher und Guderian, die kleckern nicht, die klotzen!“

Im Sommer wieder nach Saintes. Die Musterung und ein Geschenk für einen ewigen Landser. Anette. Auf der Kerb in Strinz wird Felix als der Enkel seines Großvaters erkannt. Danielle! Nächtliche Fahrten mit der NSU-Quickly. Die Frau im Lackledermäntelchen . . . Nachtwanderungen durchs Aartal . . . mit Heidrun in der Gartenlaube.

(der einhundertsiebzigste Tag im Männerleben)

1967      Anette

Auf einer Diskussionsveranstaltung, die von der örtlichen Kirchengemeinde angeregt worden war, lernten sie sich kennen. Irgendwie ging es dabei um moderne Theologie, Entmythologisierung, um Bultmann und Konsorten. Nach der Podiumsdiskussion sagte er etwas, erregte sich dabei, denn er sah für sich noch nicht einmal die christlichen Götzengötter als Dreieinigkeit, die sie anzubeten heuchelnd vorgaben, mit oder ohne Jungfrauengeburt, da sei doch keine Philosophie mehr dabei, vielmehr wäre das alles zu einer lächerlichen Bürokratie geworden, mit einer blutigen Geschichte, die niemand jemals vergeben könnte . . . er wurde sehr spontan, sagte einfach, was er damals zu dieser vollkommen verkorksten Sache dachte, erwähnte gar Ernst Haeckel.36 Anette gefiel offenbar gerade das an Felix, daß er sein Unbehagen in spontane Worte faßte, die alles andere als wohl überlegt waren, den Kreis der Zuhörer zwar kaum intellektuell überforderten, die Herren auf dem Podium, aber etwas konfus machten. Anette warf sich ihm in die Breche. „Damit hat er eigentlich ganz recht, oder etwa nicht?“ Sie selber war vermutlich schon längst aus der Evangelischen Kirche ausgetreten. Sie sprachen über dieses Thema später nicht mehr; über was aber dann? Erst gingen sie gemeinsam in der Nacht spazieren, später in ihre kleine Appartementwohnung in der Nähe. Es gab merkwürdigen Tee.

__________________________________________

* Jean Paul Sartre: Die schmutzigen Hände/* B. Traven: Die Baumwollpflücker/* Ernst Haeckel: Die Welträtsel/ * Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne

In der Nachbarschaft, etwas die Straße hinunter, lag das Anwesen des Spanienkämpfers, der für Felix und seine Mutter einmal die Bohnäpfel gekeltert hatte. Der alte Herr Klein ist erst vor wenigen Wochen gestorben. Hast du ihn noch gekannt? Ein Hauch von Revolution überlagerte die Lust nach ihrem weiblichen Körper.

Was ist denn mit ihm besonderes, fragte Anette, und schüttelte verneinend den Kopf, warst du mit ihm verwandt.

Für Felix war es der erste Besuch in der Wohnung einer zunächst fremden Frau. Anette war seltsam zurückhaltend und dabei kompliziert, das war sie wirklich.

Man muß diese Welt ändern, denn sie fault, und niemand riecht es!

Das mit Anette ging nur über einige Wochen. Dann war es plötzlich vorbei. Irgendwann vergaß es sich ganz von selbst. Felix dachte zwar eine kurze Weile hin und wieder an sie, da war er aber bereits zu sehr mit sich selbst und anderen solcher Affären beschäftigt.

1967      Danielle

Das spröde Tackern des kleinen NSU-Quickly-Motors . . . Kurven wie in schwarze Höhlen hinein, die ihn einsaugen wollen in ihre verborgenen Tiefen – Dany! Noch wenige Tage bleiben uns . . . einmal gingen sie über das abgeerntete Feld. Ein paar Küsse waren es nur, aber Felix war glücklich. Sie war die schönste Frau, die er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Sie unterhielten sich dabei auf Englisch . . . und schrieben sich über ein Jahr hinweg endlos lange Briefe!

1967      Geburtstagsgeschenk

Im Herbst mußte Felix nach Wiesbaden zur Musterung und war tauglich für alle Waffengattungen. Am 26. Oktober war das seinem Vater, dem ewigen Landser, als das beste Geburtstagsgeschenk erschienen. Wo möchten sie denn gerne hin, hatte ihn der Mann hinter seinem vollgepackten Schreibtisch gefragt. So also sieht ein richtiger Beamter aus, dachte Felix voller Mitleid, und er freute sich dabei, daß er solche oder ähnliche Tätigkeiten nicht angestrebt hatte:

Zu den Fallschirmjägern ins Saarland!

__________________________________________

* B. Traven: Das Totenschiff/ Der Karren/* B. Traven: Die weiße Rose/ * Albert Camus: Der Ekel/* Antoine de Saint Exupéry: Die Stadt in der Wüste/* Antoine de Saint Exupéry: Südkurier

Danielle wollte in Straßbourg studieren, und dann wären sie sich so nah gewesen. Der Mann grinste, und tatsächlich trug er seinen Wunsch in das Formular ein. Ach, doch lieber nicht. Felix war in den Flur hinaugetreten, dann nach wenigen Schritten wieder zurück in diesen Büroraum gegangen. Hören sie, zur Marine möchte ich, bitte tragen sie Marine ein.

Der Mann nahm einen Bleistift und strich damit die Fallschirmjäger durch. Also Marine sagten sie? Na gut, ganz wie sie möchten.

Felix dachte sich, daß der Mann bewußt jetzt einen Bleistift benutzt hatte, nur, um danach alles einfach auszuradieren. Nein, tatsächlich wollte er nicht mehr zu Danielle, viel lieber wollte er Matrose werden, trotz dieses wahrhaft hohen Preises. Eigentlich hätte er sich auch gleich freiwillig melden können, vielleicht einige Jahre als Zeitsoldat? Dann hatte ihn eine deutliche zu spürende Aufmüpfigkeit durchdrungen, die ihn zwischen diffuser Abenteuerlust und tiefster, innerer Verweigerung eines Militärs schwanken ließ.

1967      Südafrika (1)

Wieder ein Vortrag der hiesigen Botschaft in Kooperation mit dem Immigration-Buereau: „Gerade in Südafrika können wir zivilisierten Weißen noch besser und prima billig leben!“

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit./Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen./Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen./ Sapere aude,Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung..“ Immanuel Kant

_________________________________________

* Hermann Hesse: Der Steppenwolf/* Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer/* Albert Camus: Kleine Prosa/* Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt/* Harry Neyer: Wie hast du’s mit der Bundeswehr?/* Ernest Hemingway: Paris, ein Fest fürs Leben

*

1967      Hinter den Toren

Wie es Herrn Gretschmer mit seinen Kollegen erging, als diese noch nicht verstanden hatten, worüber man Witze macht und worüber nicht.

Gretschmer nahm das Flugblatt aus der Hand der jungen Frau. Er wollte es in der Frühstückspause lesen. Das hatte er sich fest vorgenommen. Am Haupttor standen zwei Pförtner zusammen mit einem Mann vom Werksschutz. Sie wünschten Gretschmer einen guten Morgen. Es war sechs Uhr zwanzig. Alle kannten sie sich gut, und er war immer pünktlich.

Zwanzig Jahre war er nun schon an den Kästen vorbeigegangen, morgens und abends. Die Karte rausnehmen, stempeln und in den nächsten Kasten wieder hineinstellen. Abends umgekehrt. Das war logisch, denn in umgekehrter Folge hätte man wieder zurückgehen müssen… besonders morgens war es eine lange Reihe von Arbeitern, die zur Schicht kamen und gingen, und sich auf diese Art an den Stempelkästen vorbei bewegten. Auch seine Arbeitskollegen kannten Gretschmer gut, obwohl er nur wenig redete. Sein Sohn war ihm nicht sonderlich nachgeschlagen. Er hatte noch alle möglichen Flausen im Kopf und hatte vermutlich mehr jugendliche Träume und bestimmt viel zu viel Phantasie, als das im Leben nützlich ist.

Thomas hätte nicht gerade Industriekaufmann lernen sollen; wenn man so ist, dann bringt man es sicher nicht sehr weit. Thomas sollte es einmal besser haben. Das sagte die Mutter immer. Als sie Thomas auf die Realschule schickten, obwohl er kein besonders guter Schüler war, sagte man das auch immer. Er sollte es einmal besser haben. Bei den Schulaufgaben konnten sie ihm kaum helfen. Nur in Englisch bekam er für eine ganz kurze Zeit Nachhilfestunden. Eben so schaffte er die Schule… Geschichte, Deutsch, Geographie, das waren seine Lieblingsfächer. Bei einer Klassenfahrt nach Würzburg hatte er sein Interesse an Kunstgeschichte und Architektur entdeckt… fortan wollte er unbedingt einen Handwerksberuf erlernen, später studieren, um Architekt zu werden.

Wenn Gretschmer seinen Sohn manchmal im Betrieb sah, in seinem braunen Anzug, mit der neuen bunten Krawatte auf dem weißen Hemd, dann war er ein wenig stolz auf Thomas, ein bißchen auch auf sich selbst. Er hatte einen adretten und anständigen Sohn.

Nur sollte er mehr den Mund halten, wenn er nicht gefragt ist, und nicht solche komischen Bücher lesen und zu diesen Versammlungen gehen. Vietnam schien ihn mehr zu interessieren, als sein Beruf. Der Beruf ist aber wichtiger, als all diese Flausen, ja, Gretschmer hatte damals andere. Na, er wird es schon merken, wenn es auf die IHK-Prüfung zugeht. Alles Predigen hatte da sowieso keinen Zweck.

Gretschmer wäre bestimmt Meister in der Modellschreinerei geworden. Aber das lag ihm nicht. Ihm genügte es, der Gretschmer zu sein, den man für alle außergewöhnlichen Arbeiten gebrauchen konnte, den man sogar allein ins Ausland zu Fachmessen schicken konnte, wo er gewissenhaft und mit Organisationstalent die Stände aufbaute. Der alte Meister war ein prima Kerl. In seiner verglasten Bude hatte er zwar viel geraucht, aber, mit zweiundsechzig Krebs, das war nicht zu erwarten. Vielleicht waren es auch die neumodischen Chemikalien, Lacke und Klebstoffe, die überall in den Werkstätten stark zu riechen waren. Einmal hatten sie sich lange unterhalten. Erst ging es nur um den Auftrag für Persien, dann kamen sie irgendwie auf persönliche Dinge zu sprechen. Der alte Meister hatte besonders zu Gretschmer großes Vertrauen. Karl war auch seit Jahren mit ihm per Du. Bei den Jungen geht das heute nicht mehr, die sollen erst mal erleben, was wir mitgemacht haben… Karl hatte ihm erzählt, daß er es stark mit dem Magen habe. Bei dem ständigen Ärger mit der Arbeitsvorbereitung war das auch kein Wunder. Nichts ging denen schnell genug. Der Personalchef, Herr Strieter, der Autobus einmal als Autobuss geschrieben hatte, sagte es ihm sogar ins Gesicht: Also, Karl, du bist auch nicht mehr der Aller jüngste. Heutzutage ist es in solch einem Betrieb immer etwas hektischer, als es früher einmal war. Die Auftragslage ist wieder ganz gut, und die Termine müssen perfekt klappen, gerade die für Rußland und Persien. Karl, du kannst Vetrauen zu mir haben. Wenn dir das alles zu viel wird, dann komm einfach zu mir hoch. Da gibt es viele Möglichkeiten… vielleicht im Versand oder im Lager? Ich hoffe, du verstehst mich richtig. In unserem Alter ist es manchmal gut, wenn man bei aller Erfahrung eine leichtere Arbeit machen kann. Also, ich habe jetzt einen Termin oben beim Chef, bis bald dann.“       

Karl hatte Strieter gleich verstanden. Die brauchen heute jüngere Leute, sagte er zu Gretschmer. Karl brauchte sich nicht mehr versetzen zu lassen. Plötzlich war es mit seinem Magen ganz schlimm geworden. Es ging sehr schnell, und kaum jemand konnte es glauben. Der neue Meister war erst Ende dreißig. Der Kontakt zu ihm war nicht so gut, wie der zu Karl, da wußten sie, wo sie dran waren. Doch mit dem Neuen würden sie auskommen müssen, der war vielleicht nicht so übel. Manchmal kam er zu Gretschmer, um ihn bei einer schwierigen Sache das eine oder andere zu fragen.

Gretschmer kam nun zum roten Backsteingebäude, in dem ihre Umkleideräume und die Toiletten waren. Der Staub der nahegelegenen Gießerei hatte die Scheiben blind gemacht. Wenn das Neonlicht nicht brannte, herrschte drinnen ein Dämmerlicht, auch am Tage, wenn die Sonne schien. Jetzt war es Winter und draußen noch stockdunkel. Als sich Gretschmer umgezogen hatte und seine Tasche in seinen Spind eingeschlossen hatte, fiel ihm das Flugblatt wieder ein. Meistens hatte er diese Zettel weg geworfen oder erst gar nicht in die Hand genommen. Dann hatte er dabei ein eigenartiges Gefühl. Die jungen Leute, die manchmal am frühen Morgen vor den Fabriktoren standen, waren bestimmt Studenten. Die konnten sich vielleicht wieder hinlegen. Aber ganz leicht war es für die sicher auch nicht, im Winter morgens so frühzeitig aufzustehen, wie mitten in der Nacht, und sich dann noch beschimpfen zu lassen. Was hatten sie hier mit dem Krieg in Vietnam zu tun? Um Korea hat sich auch keiner bekümmert. Gretschmer dachte sich, daß sich zu seiner Zeit niemand getraut hätte . . . die wären in zehn Minuten schon von der Gestapo kassiert worden. Der Gewerkschaft hatten sie auf den ersten Blick nach dem Krieg aber einiges zu verdanken… diese Jusos, oder wie immer sie sich nannten, hatten da sicher ganz andere Vorstellungen. Thomas wollte anfangs mit ihm debattieren, was stets in eine Brüllerei ausartete. Er hätte den Jungen dabei nicht so anfahren müssen. Andererseits war es kaum anzuhören: „Unser Wohlstand gelingt doch nur, weil wir dafür den Rest der Welt imperialistisch ausbeuten!“ Vielleicht hat er sogar Recht damit, denn weshalb haben wir einmal die vielen Länder erobern müssen… „Die elenden Penner… die dreckigen Gammler, die sollen doch nach drüben gehen, da würden sie merken, wie der Hase läuft!“ Im Umkleideraum waren sich zwei Kollegen einig. „Ja, die sollen erst einmal jeden Tag und ein Leben lang diese Arbeit hier machen, dann könnten sie über Ausbeutung und ihren Staats…mono…pol…kapita…lismus reden.“

„Das kann doch höchstens noch schlimmer werden. Die wissen doch selbst nicht, was sie wollen.“ Der Kollege zerknüllte das Flugblatt und warf es in den Abfalleimer.

„Habt ihr gestern auch den Kulenkampff gesehen?“

In der Werkshalle der Maschinenbauer war es fast noch leer. In der Gießerei lief bereits die Akkordproduktion, in der Elektroabteilung waren fast nur Frauen beschäftigt. Gretschmers Frau war im Krieg in einem Elektrobetrieb. Ganz in der Nähe von Bad Betteldorf wurden Teile für U-Boote, Panzer und Flugzeuge produziert. Die Arbeit am Fließband hatte ihr Spaß gemacht, war es damals doch eine willkommene Abwechslung bei ihrer gewohnten Tätigkeit in der elterlichen Land- und Gastwirtschaft. Noch in den Kriegsjahren zog sie in das Haus der Schwiegereltern in die Stadt, während Gretschmer an der Ostfront, später in Italien und in südfranzösischer Gefangenschaft war. Später, es war die frühe Zeit des „Wirtschaftswunders“, vermieteten sie Zimmer an Kurgäste. Nun war sie halbtags bei einer öffentlichen Verwaltung untergekommen, hatte sogar noch Schreibmaschinenschreiben gelernt und würde dort vermutlich bis zum Rentenalter einen wichtigen Zusatzverdienst erwirtschaften. Mit den Überstunden von Gretschmer kamen sie ganz gut über die Runden, wenn sie auch immer noch sehr bescheiden lebten. Ein Auto hatten sie nie, und er fuhr mit dem Zug zur Arbeit.

Seit dem Rußlandauftrag waren im Kläranlagenbau Überstunden an der Tagesordnung; selbst in der Kanalguß-Gießerei wurden im mer mehr Gastarbeiter beschäftigt. Erst kamen Italiener, dann Marokkaner und schließlich immer mehr Männer aus der Türkei. Gretschmer schlief bisweilen vor dem neuen Fernseher ein. Früher war ihm das am Radio in der Küche nie passiert. Im Sommer hatte er keine rechte Lust mehr, im Garten zu arbeiten, im Winter machte er kaum noch etwas in seiner häuslichen Werkstatt, sogar die große Modelleisenbahn, die im kleinen Haus stets viel Platz einnahm, war lange nicht mehr aufgebaut worden. Bei dem Karl hätten sie es ja gesehen: „Die drei Jahre halte ich noch durch“, sagte er in jener Zeit oft „aber mit dreiundsechzig ist endgültig Schluß, keinen einzigen Tag mache ich länger!“

Allmählich waren sie alle an ihren Arbeitsplätzen. Schneider hängte ein Titelblatt einer Illustrierten über die Hobelmaschine, ge nau über das Schild: „Achtung! Schutzbrille tragen!“ Wäre doch schade, wenn wir uns das nicht mehr anschauen könnten, meinte der Meister, und alle lachten. Wie auf ein Kommando hin wurden fast gleichzeitig mehrere Maschinen angeschaltet. Der Meister hatte seinen Stapel Stücklisten in der Hand und verteilte sie mit den Zeichnungen wortlos an seine Männer. Früher hatte man sich gruppenweise abgesprochen, doch schon seit zwei Jahren wurde das alles von der Arbeitsvorbereitung eingeteilt. Wenn man sich Mühe gab, klappte das mit der Arbeitsverteilung auch ganz gut. War aber jemand von den Helfern krank oder in Urlaub, mußten sie sich auch das Material selber holen. Dazu kam der Schreibkram mit den Stücklisten und den anderen Zetteln fürs Meisterbüro.

In der „Alten Kantine“ war es sehr laut. Am Schalter standen noch mindesten dreißig Leute an. Es war Montag, da gab es Essensmarken. Gretschmer bekam das Essen nicht, vielleicht hatte auch er etwas mit dem Magen. Er brachte sich dafür etwas von zu Hause mit. Nun saß er mit den anderen in ihrer Stammecke der Kantinenbaracke und packte seine Tasche aus. Den Tisch in der Ecke hatten sie schon, seit er zurückdenken konnte. Ab und zu kam es vor, daß sich andere Mitarbeiter der Fabrik dort niederließen. Denen wurde freundlich klargemacht, daß dort immer nur die Werkzeugmacherei und die Modellschreinerei sitzt. Manchmal waren es aber Fernfahrer, mit denen sie sich gern unterhielten. Immer hatten die etwas zu erzählen. Vor einigen Jahren hatte Gretschmer sogar einmal einen Kameraden aus der Kriegsgefangenschaft wieder getroffen. Die Fernfahrer bekamen ein Essen umsonst, und viele nutzten diese Gelegenheit zu einer Pause vor der Weiterfahrt. „Tarzan“ erkannte Gretschmer nicht sofort wieder. Er wohnte in Würzburg und fuhr einen Lastzug, genau wie im Krieg. Alle hatten sie den Kerl „Tarzan“ genannt, wegen seiner ungewöhnlich stark behaarten Brust. Natürlich war er damals nicht so dick, ausgemergelt und nicht gerade wohlgenährt hatten sie sich damals geschworen, daß Möbel und solcher Kram nicht so wichtig sind. Nur nie mehr hungern und frieren müssen! Es war ein wenig besser gekommen. So waren sie eigentlich zufrieden. Aber von beiden Männern waren die Knochen kaputt, die Gelenke verbraucht und die Rücken. Nicht allein vom Krieg war das gekommen. Gretschmer hatten sie wegen seiner Bandscheiben viermal in die Kur geschickt. Kneipkuren ohne Kneipen, ohne Bier und Zigaretten. Sogar Fernsehen gab es abends nur bis halb zehn.

Das ging zu wie in einer Kaserne, sage ich euch. 

Nein, zu dick war Gretschmer wirklich nicht, doch manchmal fühlte er sich schon richtig alt. Als einer der jüngeren in der Werkstatt einmal „Opa Gretschmer“ zu ihm sagte, war ihm, als habe das jetzt seine Zeit, weil er der älteste in der Werkstatt war. Den Tarzan hatte er seitdem aber nicht mehr getroffen.

Gretschmer begann nun, das Flugblatt zu lesen. Schröder neben ihm verschluckte sich an seinem Kaffee. „Menschenskind, du wirst auf sein Alter noch Kommunist!“ „Leg mal los!“ „Erzähl mal, was du gelernt hast.“ Die anderen lachten und schauten zu Gretschmer, der das Flugblatt unschlüssig in der Hand hielt. Er wurde aber nicht verlegen, sondern faltete das Flugblatt zusammen und steckte es grinsend in seine Tasche zurück.

„Was ist denn nun, willst du aufs Scheißhaus damit?“

„Nein“, sagte Gretschmer, jetzt lächelnd. Er stellte die Tasche neben sich auf die Bank und hakte die Daumen in die Träger seines Arbeitsanzugs. „Nein, ich werde es mit nach Hause nehmen. Dann kann ich es erstens in aller Ruhe lesen, ohne von euch Idioten angemotzt zu werden, zweitens kann ich es mir von Thomas erklären lassen, oder glaubt ihr, daß ich das Studentendeutsch gleich verstehe. Der Junge versteht mehr von dem, als wir alle zusammen. Wir fluchen schon ewig über die Maloche, und wir lassen es beim Monatsbeitrag für die IG-Metall. Ihr habt den Krieg nicht mehr alle mitgemacht, aber laßt euch eines sagen: Solange es Kriege gibt, werden sie immer von Leuten, wie wir es sind, bezahlt. Wo kommt denn das Geld ursprünglich her, wenn nicht allein von unserer Hände Arbeit. Ist es nicht komisch, daß wir uns über die lustig machen, die wissen, warum es so ist, wie es ist? Manchmal vestehe ich euch wirklich nicht.“ Gretschmer hatte selten so lange gesprochen. Er war dabei aber ganz ruhig geblieben.

Die anderen waren still geworden. Manche nickten sogar skeptisch.

(18.05.1973 – „Hinter den Toren“ wurde für eine Schöneberger Literaturgruppe geschrieben, die dem „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ sehr nahe stand, ich aber nicht der revisionistischen Parteidoktrin der westdeutschen DKP, die sich in Westberlin SEW (Sozialistische Einheitspartei West-Berlins) nannte. Das sollte man dem Text deutlich anmerken, er wurde stattdessen freundlichst abgenickt.

________________________________________________

* Heinrich Böll: Billard um halbzehn/* Ina Seidel: Unverwesliches Erbe/* Antoine de Saint-Exupéry: Dem Leben einen Sinn geben/* Heinrich Böll: Wanderer kommst du nach Spa…/* Guy de Maupassant: Pariser Abenteuer

1967      Brenda from Michigan

Dear Felix, First of all, I must tell you that I feel terribly quilty for not writing sooner. In fact I have a six page letter to you which I haven’t yet send, but since I was rather upset when I wrote it, I think I had better leave it and write again another time. Anyway I hope everything is good with you, your friends, your family, and of course, your lovely Danielle. Things couldn’t be better here! And in a few days I’ll be going home to join my family for the holidays – I can’t wait!  (First, though, I’m going to New York City for a few days). I promise to write soon – until then, I hope your holidays are really enjoyable! Sincerely, Brenda (& Dave)                                    (18.12.1967)

1967      Die Frau im Lackledermäntelchen

Sie hatte eine Fönfrisur, vermutlich auch Dauerwellen und spitze Brüste. Aber nur, weil sie deutlich älter war und einen schwarzen, glänzenden Mantel trug, schien sie erst nicht in sein Weltbild zu passen. Sie paßte auch nicht, und Felix marschierte verbissen weiter.

Bei der nächtlichen Wanderungen durchs Aartal war es blöd, daß sie im zwanzig Kilometer entfernten Hahnstätten wohnte und trotz ihres guten Verdienstes kein Auto besaß, sie wäre auch die Erste mit einem eigenen Auto gewesen . . . aber Felix war an Marschieren gewöhnt.

1967      Mit Heidrun in der Gartenlaube

Ganz anders war es mit Heidrun. Das war schon eine richtige Beziehungskiste. Im Schwimmbad hatte es angefangen, sich dann auf den gemeinsamen Beruf und die Berufsschule geschoben. Ihre Eltern lasen Grassromane und waren wirklich nicht übel. Trotzdem trafen sie sich eine lange Zeit heimlich im hinteren Gartenhaus, wo die Poster hingen und sie manchmal den Kamin anzündeten. Die Kälte störte sie dennoch nicht. Bereits im Frühling ging Felix zur Marine… beim ersten Besuch trug er seine Uniform, und nachts schlichen sie hinauf in ihr Zimmer unter dem Dach. Sie waren jetzt irgendwie richtig erwachsen geworden.

___________________________________

* Gerhart Fuchs: Schinderhannes/* Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden/* Jean Paul Sartre: Der Ekel/* John Steinbeck: Stürmische Ernte/* T. E. Lawrence: Aufstand in der Wüste/* Platon: Das Gastmahl oder von der Liebe

*

1968    In Vietnam brennen Menschen, in Paris Autos und in Prag ein Student. Junge Burschen mit schmalen Krawatten und Mädchen in Lackledermäntelchen wollen in Frankfurt und Berlin Axel Cäsar Springer enteignen. Und wann den Rest? Morgens gibt es allerorten bereits Pflastersteine zum Frühstück; meist bei Frauen, die nur Vornamen hatten.

Dir Land voll Lieb‘ und Leben; Glückstadt und Nordoe; Landgänge in Bremerhaven. Olposibirsk ist überall! Die graue Sau der Ostsee; von Füchsen, Pinguinen und anderen schrägen Vögeln . . .

Lange noch bevor die Modehosen unten immer weiter werden, tragen sie solche schon, zum Kieler Knabenanzug, dunkelblau oder weiß. Später dann zivil, orangefarben oder bunt kariert.

1968      Dir Land voll Lieb‘ und Leben

„Ich habe das deutliche Empfinden, daß vor allem Feinde der Demokratie viel zu zögerlich angegangen worden sind. Diese Sozialdemokratische Partei Deutschlands des Jahres 1968 ist in der über hundertjährigen Parteitradition verwurzelt. Sie hat aus Unzulänglichkeiten der Vergangenheit lernend, ein neues und nicht mehr zu zerstörendes Verhältnis zur Macht gewonnen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Es kommt darauf an, unseren Beitrag zur praktischen deutschen Politik noch deutlicher zu machen. Wenn wir das schaffen, werden wir – so denke ich – dem gerecht, was uns der November 1918 und die Zeit danach vermittelt.“      Willy Brandt 37

Das Eigentum ist Diebstahl!“ hört man schrei’n;/ doch jeder möchte – Eigentümer sein.“ J. Bergmann 38

1968      Paul geht spazieren

Axel Cäsar Springer oder Ho Chi Min, das ist hier die Frage. Der eine sollte in diesem BILD ernsthaft enteignet werden, der andere zeigte, wie man das anstellen muß. Die Polizisten, die Paul und seine Freunde in Frankfurt und Berlin auf ihren Spaziergängen begleiteten, trugen noch Papphelme und Schildmützen . . . sehr bald aber nicht mehr!

_______________________________________________________

* Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker/* Jack London: König Alkohol/* William Vogt: Die Erde rächt sich/* Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht/* Ernest Hemingway: Der Sieger geht leer aus/ Männer ohne Frauen

*

„Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er muß endlich hinaus ins „feindliche Leben“. Man darf das „die Erziehung zur Realität“ heißen.“ Sigmund Freud

1968      Glückstadt (2)

Nach der wichtigsten Sache der Welt hieß es im April „Finger lang!“ Felix bekam einen Freifahrtschein nach Glückstadt an der Elbe. „Alles Inzucht!“ rief ein Obermaat zu den Rekruten in Zivil schon auf dem Hauptbahnhof Frankfurt am Main. „Auf die Spinde, ihr Affen.“ Das brüllte ein ähnlicher Dienstgrad zwei Tage später in der Marinekaserne, dicht an der Elbe.

Bei ihrem ersten Landgang spazierten sie durch den Fischerort und gelangten bald in eine niedrige Kneipe, in der alte Männer Skat spielten. Fast jeder hatte einst wohl mit der Seefahrt zu tun, denn sie trugen blaues Zeug, und auch ihre Mützen ließen keinen anderen Schluß zu. Sie wurden schließlich eingeladen und tranken die eiskalten Halben natürlich sehr schnell. Einem der Männer fehlte eine Hand. Seine Karten spielte er von einem Brettchen, in das er sein Blatt in einen Schlitz gesteckt hatte. Sein Kamerad Jörg fing damit an. Schon einmal hätte er eine Wette damit gewonnen. Felix bemerkte, daß er es dabei mehr mit Käfern halte, und zur Not würden es auch Regenwürmer tun. Jörg aber kaute bereits an einer ersten der großen Blüten, gar nicht so übel, schmatzte er. Zusammen verspeisten sie den großen Margeritenstrauß auf ihrem Tisch, freilich nur die Blüten, was die alten Fahrensleute und die Wirtin zunehmend belustigte.

Kurz vor dem Zapfenstreich kotzten sie sich am Elbdeich alles wieder aus. Sie gehörten zwar zu den vielen Matrosen des Bataillons, die ziemlich besoffen zur Wache kamen, aber bestimmt waren sie die einzigen, die nebenbei einen riesigen Strauß Margeriten aufgefressen hatten, und dazu noch zu zahlreichen Bieren eingeladen worden waren.

___________________________________________

* Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter/* Nikolas Monsarrat: Großer Atlantik/* Kurt Tucholsky: Politische Texte/ Schloß Gripsholm/* Jean Paul Sartre: Der Pfahl im Fleisch

1968      Block Berlin

Die anderen lagen in ihren Kojen und rührten sich nicht. Hier und da ragte ein Fuß über das Bettende hinaus. Fast alle hatten sie sich Blasen gelaufen. In der Schlafstube war es sehr einheitlich. Blaugestreifte Schlafanzüge, weiße Bettlaken, doppelstöckige Stahlrohrgestelle, vor denen jeweils ein Holzschemel stand, kein Bild an der Wand und graue Vorhänge, gewachster Holzfußboden ohne einen einzigen Staubfusel in den Ecken. Es war bereits hell. Draußen auf dem Flur hörte Felix Schritte. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und genoß die wenigen Minuten, die noch verblieben.

Sein Körper ließ sich aber nicht entspannen. Jeder Muskel schien wie eingeschnürt, und er war noch sehr müde. Wenige Wochen zuvor hatte seine Mutter mit dem Besenstiel an die Küchendecke geklopft, wenn er sich noch rekelte und es so schien, als würde er seinen Zug verpassen.

            Nun wartete Felix auf das lockende Pfeifen… welches im rituellen Stakato bald auf eine unerträgliche Schrille anwuchs, begleitet von kernigen Wecksprüchen, die nicht ohne Anspielungen auf ihre Waffengattung waren. „Seemann, pack dich an die Socken. Dieses war das erste Locken.“ Es folgte ein liebliches Gezwitscher auf der Bootsmannsmaatenpfeife. „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Waschfrau vögelt . . . Eh‘ rise, rise . . . aufstehn!“

„Kommt hoch, ihr müden Leiber, die Pier steht voller nackter Weiber!“

Der Maat, der hat gelogen, die sind ja alle angezogen, brummte Walter, der seine Koje über der von Jörg hatte. Beim letzten, jetzt laut gebrüllten Befehl, sprangen alle aus den Betten, denn die Stubentür würde gleich aufgerissen werden; dann sollte möglichst niemand mehr in der Koje liegen, sonst gab es wieder einen Streß.

Der Waschraum war viel zu klein. Man mußte sich trotzdem beeilen. Nur wenige Minuten später sollte man schon auf seiner Reinschiffstation stehen. Felix staubte jeden Morgen vor dem Frühstück für eine viertel Stunde eine Fensterbank ab, drei Monate lang. Andere scheuerten bedächtig ein und dieselbe Steinfliese. Sie machten das manchmal mit geschlossenen Augen, nur, um noch etwas vom Schlaf nachzuholen. Aber das kalte Wasser hatte sie bereits wach gemacht, und der Magen knurrte. Immer hin und her. Oft dache Felix, daß man sie doch lieber einige Minuten länger frühstücken lassen könnte. Wie aber hätte er die „Tagesroutine“ ändern können?          

Die Ersten in den drei Reihen nahmen eine Körperhaltung an, wie Langstreckenläufer vor dem Start. „Reiiiiihe . . . . . Mitte!“ Dabei war genug zu essen da, man hätte zum Essen nicht rennen müssen. „Im Laufschritt . . . Eh‘ Links . . . Links!“ Die Eßbestecke von einhundertzwanzig Mann klapperten gegen die Porzellantassen. Beim zweiten Zug trabte die linke Reihe zuerst. Jeden Morgen und bei jeder anderen Mahlzeit vorher eine sportliche Lotterieveranstaltung.

Deutlich konnte man die zwölf Plätze erkennen. Nicht nur, daß zwölf Stühle am Tisch standen, hatten sich erkennbare Plätze mit Krümeln, verschüttetem Kaffee und Marmeladeklecksen auf der weißen Resopal-Tischplatte gebildet. Im Eimer setzte sich besonders nach dem Frühstück ein Schmodder ab, der manches hungernde Kind ernährt hätte. Ein der Maate hatte gesonderten Dienst, bei dem man die Back der elften Gruppe als sauber und aufgeklart abmelden mußte. Wenn ihr Gruppenführer-Maat Dienst hatte, war dieser meist zufrieden, und man konnte bald zurück in den Block, um sich für den weiteren Dienst vorzubereiten.

Als Felix auf seine Stube kam, standen einige an den Fenstern und rauchten. Einige Minuten später pfiff es schon: „Kompanie! . . . Im Kompanielehrsaal Platz nehmen!“ Die Geschichte der Deutschen Marine. Er mußte schnell noch einmal auf die Stube zurück, denn er hatte sein Schreibzeug vergessen, was aber vorgeschrieben war.

Die Stellung des Soldaten in der demokratischen Gesellschaft, das machte der Kompaniechef persönlich. Vielleicht war das auch eine Vorschrift? Der Kaleu hatte drei Ringe an den Ärmeln, zwei dicke und dazwischen einen dünneren „Kolbenring“. Erst nach längerer Zeit begriff man diese Hierarchie, nicht, ohne sie auswendig zu lernen. Einen ganz hohen Admiral hatte Felix nie zu Gesicht bekommen, weil sie sich meist in Bonn-Bad Godesberg oder in Brüssel aufhielten. Die Kompagnie saß im Saal und hatte ihre Schiffchen auf dem linken Knie; sie hatten noch keinen einzigen Streifen, noch nicht mal am Oberarm, denn sie waren nur Matrosen, das ist das Niedrigste.

Mit Getöse sprang alles auf. Es wurde auf vollzählig gemeldet. Der Chef, der mit den drei Ringen am Ärmel, freute sich darüber und setzte sich in der ersten Reihe auf einen der Stühle. Ein Leutnant (ein erster dickerer Kolbenring), begann mit dem Thema. Bis zur Skagerrakschlacht hörte Felix zu, dann meldete er sich zur Toilette ab.

Dort rauchte er eine Zigarette, und als er hörte, wie alle aus dem Lehrsaal kamen, warf er sie halb angeraucht in eine Kloschüssel. Der Kippen zischte und löste sich im Wasser auf. Ihm war übel geworden. Es war nicht der Magen, aber dort spürte er einen Ekel, ein diffuses Unwohlsein, wie aus heiterem Himmel. In der Stube sagte man ihm, daß er so eigenartig blaß aussehen würde, und Felix wußte auch nicht, was mit ihm los war. Schon immer hatte er sich für Schiffe interessiert, für die Seefahrt, die Kriegsmarine inclusive. Als Kind erschien es ihm aufregend, wenn ein älterer Cousin davon erzählte, ihm Stevenson, Herman Melville, Joseph Conrad, B. Traven und all die anderen aufregenden Bücher nannte. Einige schenkte er ihm sogar. Es kam die Zeit der Abenteuer unter Freibeutern und Bukaniern, Likedeeler, Korsaren und Piraten. Auch gab es Filme über mutige Männer im Kampf gegen Bösewichter. Plötzlich verschwanden die Piratenfilme; stattdessen vollzog sich das maritime Geschehen in Kriegsfilmen – Panzerschiff Graf Spee, Bismarck, Kennedy im Pazifik, Duelle im Atlantik . . . Wie sollten Schiffe da nicht immer mit Krieg zu tun haben? Pearl Harbour, Midway, Invasionen allerorten, der amgebliche Transport von Millionen von Flüchtlingen über die winterliche Ostsee . . . Nacht fiel über Gotenhafen; nur: Kriegsschiffe hatten schon längst keine Segel mehr. Gerettet und zur letzten Heimatfront verfrachtet wurden allermeist Solaten! Keine Zivilisten. Diese Legendenbildung in bald fortgeführten Marinetradition sollte, ganz wie das Märchen von der sauber gebliebenen Wehrmacht allein der Akzeptanz einer geplanten Wiederbewaffnung Deutschlands dienen.

„Der heldenhafte Kampf der Deutschen Kriegsmarine bewies den Engländern, daß Deutschland die Wichtigkeit der Seekriegsführung erkannt hatte. Schon durch Kaiser Wilhelm II. wurde der Bau einer schlagkräftigen Flotte energisch vorangestrieben.“ Der Leutnant beschrieb einige der damaligen Schiffstypen und unterstrich dabei die präziser werdende Wirkung der Artillerie. „Nun ja, die Skagerrakschlacht ist als unentschieden in die Geschichte eingegangen. Aber die deutschen Verbände operierten vorteilhafter, und der deutsche Sieg war ohne Zweifel. Leider wurde die große Seeschlacht vorzeitig abgebrochen.“

Wie wird der hagere Leutnant erst in Fahrt gekommen sein, als er über die Leistungen der legendären „Bismarck“ berichtete. Man stelle sich nur vor: mit einer einzigen Salve war es um die „Hood“ geschehen, dem damals am stärksten gepanzerten Schiff der Royal Navy . . . mitten in die Munitionskammern hinein. Wer konnte bei einer solchen Explosion schon überleben? Natürlich, so sagte er vermutlich, haben wir heute nicht mehr solch großen Schiffe, aber auch die Strategien, die elektronischen Möglichkeiten und die Wirkungen der modernen Waffen haben sich grundlegend gewandelt.

Beim nächsten Mal sollten die militärischen Aufgaben der Bundesmarine aufgezeigt werden. Vorweg, die Sicherung der Ostseeausgänge und der Schutz der nationalen Grenzen im Verbund mit anderen Seestreikräften der NATO . . . to defend the western hemisphere against Communism!

Wie Felix bald erfuhr, wollten die meisten ein Bordkommando. Wozu sonst geht man zur Marine? Zur See zu fahren, und das hatte er sich zugleich etwas romantisch vorgestellt. Aber zu diesen Zwecken? Hatte er vorher nie darüber nachgedacht? Tatsächlich wollte er unbedingt auf ein Schiff, und er war sich sicher, daß es ihm gelingen würde. Sie brauchen die Wehrpflichtigen, um die Stationen zu besetzen, und fast alle um ihn dachten ähnlich. Kaum einer hatte sich freiwillig gemeldet – zur Marine aber schon. Jetzt war er mittendrin; mit einem weißen Takelpäckchen mit dem lächerlichen blauen Kragen. Kieler-Knabenanzug. Wie hatte er die jungen Männer früher beneidet, auf den Bahnhöfen in ihren weiten Hosen mit dem Latz vorne. Nun erschien es ihm plötzlich, als tue er etwas, was er eigentlich nicht mehr wollte. Der Leutnant hatte etwas in ihm aufgerührt, die diffusen Gründe, die er bereits in sich trug . . . hier ist es nicht, wie beim allgemeinen Militär, hier ist das Maß an Kameradschaft viel höher, man wird geachtet . . . sogar im Krieg ist die Marine schon immer etwas Besonderes gewesen, ist sie doch eine Art Elite unter den Waffengattungen. Vielleicht wurden sie deshalb ständig hin und her gejagt, angebrüllt, beleidigt, erniedrig und dabei lächerlich gemacht. Nicht von allen Vorgesetzten, dann aber von den vorgesetzten „Kameraden“, denen man es kaum zutraute, manchmal sogar von milchbärtigen Gefreiten, die gerade mal einen einzigen Streifen am Ärmel hatten, den sie sich die Matrosen in zwei Monaten allesamt selber annähen durften.

Sogar das Grüßen geschah als eine bloße Methode zur permanenten Erniedrigung. „He, Matrose, haben sie mich nicht gesehen?“ Herrje, ein Gefreiter, ein Hilfsausbilder! Achtzehn Jahre und saudumm, wirklich dumm! Felix hob erschrocken den rechten Arm und führte nicht einen, nein, sogar fünf Finger an seine Stirn, denn er war wirklich erschrocken. „Wenn das noch einmal passiert, laufen sie eine Runde um den Block, ist das klar?“ Jetzt war Felix wieder ganz der Rekrut. Er dachte, leck mich doch am nassen Arsch, und sagte:

„Jawoll, Herr Gefreiter!“

An solche Vorkommnisse mußte er während des Vortrages denken, was der Leutnant vorn natürlich nicht hörte. Laut denken, das war ebenfalls gegen die Vorschrift. Er ahnte es zumindest, denn, als er einmal dachte, daß es doch gleich sei, ob die Taschentücher rechts oder links von den Socken liegen, da bekam er, gemeinsam mit der ganzen Gruppe, eine lautstarke mündliche Begründung der Spindordnung von einem der Maate.

„Haben sie das jetzt geschnallt, Matrose Kusch?“

„Jawoll, Herr Obermaat!“

Die deutsche Marinegeschichte kümmerte ihn ab einem Punkt nicht mehr. Er mußte raus. Den anderen konnte er seinen Ekel nicht erklären, dazu kannten sie sich noch nicht gut genug. Sie berochen sich noch. Mit Klaus hatte er Stiefel getauscht, den kannte er schon.

Gleich nach dem Unterricht war auch keine Zeit. Beim Umziehen mußte man sich so sehr beeilen, daß sie die ausgezogenen Klamotten einfach in den Spind warfen. Natürlich wurde anfangs kontrolliert. Alles wurde kontrolliert, notiert, und abends, wenn man gern in die Kantine gegangen wäre, mußte man seinen Spind beim UvD abmelden und abermals kontrollieren lassen. Sehr schnell wurden die schlampigsten Soldaten erkannt, und die kamen immer mehr unter Druck, was ihre Ordnungsliebe in noch tiefere Krisen stürzte.

Felix machte das Essensfach auf und nahm einen Schluck Limonade. Zwei Stunden würde es nichts mehr zu trinken geben. Zwei Stunden Formaldienst, das hieß, Marschieren, Wendungen, Grüßen, Fingerhaltung, Körperbeherrschung, hin und her, Bewegungen und Gehmuster, die kein ziviler Mensch beherrscht, dabei von einem Ort zum anderen, von einer Richtung in eine andere gehen, wie man eigentlich nicht gehen wollte. Zwei lange Stunden, auf einer Wiese zwischen den Kasernengebäuden, fern von den Munitionsbunkern vielleicht eine Zigarettenpause, nicht mehr.

„Kusch, sie laufen wie ein geficktes Eichhörnchen!“ Diese verfluchten Blasen, da mußten sie doch hinken. Felix graute vor diesen zwei Stunden, den anderen natürlich auch. Die Flasche ging reihum und war leer. Es wurde viel geflucht, während sie sich olivgrüne Uniformen anzogen. Stiefel, Koppel, Stahlhelm ohne Netz. Zwölf Mann zogen sich hektisch um. Es war recht laut. Kleiderbügel klapperten, Stühle rutschten hin und her, ein Gewehr fiel aus dem Spind.

Abb.: Felix Kusch, 220548 K 4171, 0+; ev. als Matrose

Zum Glück war kein Vorgesetzter anwesend, das hätte etwas gegeben. Drei waren schon fertig. Lortz hatte noch nicht einmal seine Stiefel an, stand vielmehr noch im langen Unterhemd und wurde von den anderen seiner Gruppe angetrieben, Felix stellte die leere Flasche weg und schloß seinen Spind ab. Den Schlüssel legte er oben unter das Sturmgepäck. Lortz war immer noch nicht vollständig angezogen. Jetzt waren sie nur noch zu dritt, schließlich war Felix mit ihm allein.

„Sag mal. Lortz, machst du das eigentlich extra?“ Lortz schaute ihn stumm an, dann verschwand sein rotes Gesicht hinter der Tür des Spindes. Er zog endlich die Jacke an und begann, an den Knöpfen herumzufummeln. Er hatte einen ganz neuen Moleskinanzug, und da gingen die Knöpfe noch schwer zu. Felix hatte einen gut gebrauchten abbekommen, und er war bereits froh darüber.

Gerade zwängte Lortz seine Füße ächzend in die harten Knobelbecher, die man bei der Marine aber Seestiefel nannte. Dabei murmelte er ständig vor sich hin. Während Felix ihm das Tarnnetz vom Stahlhelm hakte, hörte er, wie Lorzt heftig mit den Stiefeln auf den Boden stampfte. Als er ihm den Helm auf den Kopf stülpte, grinste Lortz mit seinen wulstigen Lippen. Gemeinsam stolperten sie endlich die Treppen herunter. Auf dem Platz vor dem Block Berlin standen hundertfünfzig Mann in der Sonne. Alle hatten sie grüne Anzüge an, trugen Helme, ohne Tarnnetz, und warteten unruhig auf ein Kommando. Wie eine Schulklasse redeten sie durcheinander. Plötzlich brüllte ein Leutnant, der neben dem Kompagniechef stand: „Kompagnie . . . hört auf mein Kommando!“ Sofort erstarrten die jungen Männer. „Auf die Stuben, weggetreten! Marsch, marsch!“ Wie von Hornissen gestochen rannte ein Teil der Matrosen auf die rechte, der andere auf die linke Tür zu, und es bildeten sich sofort zwei Trauben, die sich nur verzögert hineinstopften. Von hinten hörten sie erneut die Stimme:

„Los, los, mehr Beeilung, das muß hier viel schneller gehen!“

In den Trauben wurde der Druck noch größer. Wer dabei nicht aufpaßte, der bekam einen Arm gegen die Tür gedrückt. Auf der Treppe kam es dann oft vor, daß man einen Stiefelabsatz gegen ein Schienbein oder ein Knie bekam, was noch schmerzhafter war. Da achtete keiner auf den anderen, es mußte nur schnell gehen, viel schneller . . . viel schneller! Für diese Übung wurden sie gleich vier- oder fünfmal herein und herausgejagt. Kaum waren sie auf den Stuben, pfiff es auch schon zum nächsten Heraustreten. Das gleiche Spiel begann. Dieses Mal machten sie es nur zweimal. „Stillgestanden . . . richt euch . . . Augen gerade aus . . . rührt euch!“ Dann marschierten die vier Züge, jeweils aus drei Gruppen bestehend, in verschiedene Richtungen ab. Der Formaldienst begann. Plötzlich regnete es in Strömen. Eine Stunde marschierten sie um die Turnhalle herum. Vom Stahlhelm tropfte der Regen in den Kragen. Die Zigarettenpause fiel aus. Stattdessen wurden Kehrtwendungen geübt. Die schwarze und rostfarbene Schlacke des Exerzierplatzes knirschte bei jedem Schritt. Als die Frühlingssonne endlich wieder schien, dampfte ihre nasse Kleidung.

An diesem Abend beschlossen sie, alle Mann in die Kantine zu gehen. Die Flasche Astra-Pils kostete neunzig Pfennig. Eine Menge Geld, wenn man nur drei Mark am Tag bekommt. Die Kantine war überfüllt, überall hockten und saßen sie in ihren weißen Takelpäckchen mit dem blauen Exkragen. Fast alle hielten ein Bier in der Hand. Einige waren betrunken und grölten in den Lärm. Walter erzählte pausenlos Witze, und sie lachten schon allein über das verschmitzte Gesicht. „Was ist das?“ Walter hielt eine Faust in die Höhe, darunter machte er mit der anderen Hand Greifbewegungen. Allgemeines Grunzen und Gelächter. „Kontrabaß.“ Als der Unterschied zwischen einer Frau und einem Alligator geklärt war, fragten sie Peter nach den Dingen, die noch kommen würden, nach dem Landgang, und wo man da denn hinginge. Peter kannte sich gut aus. Er zählte alle Kneipen und Tanzschuppen auf, wo etwas abginge. Dann aber wäre es eine große Scheiße, wenn man schon um halb zehn zurück in die Kaserne müsse. Da quatscht man eine Frau voll., und dann? Ja, es ist schon blöd in der Grundausbildung. Peter war krank geworden und sollte seine versäumte Zeit nun nachholen. „Los, trinkt aus, ich gebe noch einen aus.“ Es war schon nach neun, und die Kantine hatte sich bereits etwas geleert. Vor dem Verkaufstresen stand aber immer noch eine lange Schlange.

Dann kamen Peter und Jörg endlich mit dem Flaschbier.

________________________________________

* Erich von Däniken: Erinnerungen an die Zukunft

1968      Nordoe

Der Lastwagen bog hinter Itzehoe von der Straße in einen sandigen Weg ab. Auf den harten Bänken wurden sie durchgeschüttelt. Felix hielt sich mit beiden Händen an seinem Maschinengewehr fest. Die Stahlhelme, mit Tarnnetzen diesmal, wackelten auf den Köpfen. Einige hakten die Kinnriemen ein, damit sie beim Herunterspringen nicht vom Kopf fallen würden. Der Wagen hielt. Klappe auf und runter. Einem fiel sein Gewehr aus der Hand, als er vom hohen Ladeboden des Lastwagens sprang. Der Leutnant wollte ihn gerade zehn Liegestützen machen lassen, da kam der Kompagniechef in einem Mungajeep herangefahren. Der Leutnant tat so, als ob er das mit dem Gewehr nicht gesehen hätte und machte seine Meldung.

Sie sammelten sich. Als jede der Gruppen komplett war, ging es gleich mit einem Dauerlauf los. Felix hatte seine Mühe mit dem recht schweren und unhandlichen Schießgerät. Ausgerechnet Lortz hatte man die Bazooka verabreicht, der tat ihm noch mehr leid. Felix war der Größte des dritten Zuges und in seiner Gruppe, wurde dadurch zum Schütze 1 und am Landkampftag mußte er das Maschinengewehr herumschleppen.

Gerade er, wo er doch noch bei seiner Konfirmation der Kleinste war. Als er vor dem Altar stand, hatten sie ihm einen Jungen danebengestellt, der Felix um fast zwei Köpfe überragte. Vermutlich mußte die Gemeinde dabei grinsen. Jetzt lachte keiner mehr. Sie waren froh, als endlich Stellung befohlen wurde. Beim Laufen war ihm ständig das MG gegen das Knie gehauen, jetzt, beim Hinwerfen schlug er sich den Knöchel der rechten Hand auf. Das Rohr hatte sich in den Sand gebohrt. Als Felix die Klappfüße aufstellte, sah er seine blutende Hand, für Sekunden flackerten grüne Punkte im Gras vor ihm. Dann bemerkte er auf dem blauglänzenden Stahl einen eingestanzten Adler, nur das Hakenkreuzemblem war notdürftig entfernt worden. Felix mußte an seinen Vater denken, hatte auch der mit solch einem Ding geschossen, dann auch erzählt, wie man sich fühlt, wenn man mit einem MG-42 selber beschossen wird – die Russen und die Partisanen in Italien, die hatten manche von ihnen erbeutet.

So also ist das . . . was mache ich hier eigentlich? Da brüllte auch schon ihr Maat. Sie sprangen auf und rannten weiter, irgendwohin, aber niemand wußte dabei zu welchem höheren Zweck. Sie rannten, denn ihr Unteroffizier hatte es gerufen, ja gebrüllt hat er eigentlich nie. Er war nicht einer von denen, die viel herumschreien, und im Gelände hat er sich lieber in die Sonne gelegt und für sich eine kleine Zigarettenpause eingelegt. Schon in der zweiten oder dritten Woche war er kaum noch in unmittelbarer Nähe. „Kusch, sie sind nicht nur MG-Schütze, sie sind auch der zweite Gruppenführer . . . Kusch übernehmen sie die Gruppe, bewegt euch gelegentlich . . . Nehmt die Baumgruppe dort hinten und dann könnt ihr eine rauchen, aber wehe, ihr laßt euch von einem Offizier erwischen . . . Ausführung!“

„Gruppe hört auf mein Kommando. Ausrüstung überprüfen, volles Magazin anschlagen, aus Schützenkette Angriff auf Baumgruppe in Richtung, die ich zeige, und nehmt die Hacken runter, weil sie da immer zuerst reinschießen.“

Der Maat grinste. Recht so, Kusch, sie machen das schon, und dann schlenderte er zum Waldrand. Die elfte Gruppe griff an, nahm die Baumgruppe ohne Verluste und machte dann, wie befohlen, eine wohlverdiente, lange Zigarettenpause, ohne sich erwischen zu lassen. Nicht immer war es im Gelände so gemütlich.

Sand im Mund, Schweiß brannte in den Augen, und immer wieder kam von links ein Flugzeug, meist von links, egal wo die Sonne stand. Dann legten sie ihre Gewehre, er sein MG, in die Richtung, wo links war, und sie warteten, bis das Flugzeug vorbeigeflogen oder der Panzer vorbeigefahren war. Geschossen hat dabei keiner, waren doch weder Flieger noch ein Panzer zu sehen. Einmal kam ein richtiger Panzer, und den mußte Lortz abschießen. Er traf schon beim ersten Schuß, denn der Panzer fuhr zwar weiter, aber sie standen auf und marschieren in Schützenreihe bis an einen kleinen, sumpfigen See. Da war einmal ein Merzedes fast versunken, und so hatte der See seinen Namen bekommen. Der Knüppeldamm wurde im Laufschritt genommen. Felix wußte hinterher nie, wie er das immer unbeschadet überstand. Zwischen den Stöcken und Reisern trat man oft ins Wasser, aber keiner brach sich dabei einen Knochen. Obwohl sie knatternd von drüben beschossen wurden, mußten sie abends niemanden tot in der Kantine aufbahren. Seit sie wie die Idioten alles im Laufschritt erledigten, war noch keiner gestorben. Nur einer der Matrosen des Bataillons sprang einmal aus einem Fenster. Aus dem dritten Stock des Kantinengebäudes, was aber nicht reichte, ihn zu töten. Nie erfuhren sie später vom weiteren Geschick des Mannes. Felix las später einmal in einer FAZ, als er bereits auf einem Schnellboot fuhr, daß die Selbstmordrate bei der Marine am höchsten ist.

Kein Krieg scheint einen rechten Sinn zu machen, auch wenn man ihn bereits in einem angeblichen Frieden übte. Gab es nicht überall umher bereits Kriege genug? Warum werden nicht einfach alle militärischen Gewalten abgeschafft, warum hat man solches nicht bereits erreicht? Würde es für alle Zeit so weitergehen?

Verweigern? Nein, denn, wer sich nicht wehren kann ist hilflos, und wehren sich nicht auch viele Menschen in der Welt gegen die Gewalt von Unterdrückern. Was ist mit Vietnam, über das hier konsequent geschwiegen wird? Es ist der unerklärte Krieg eines Nato-Landes, der brutal auch gegen Zivilisten geführt wird. Wenn ein solcher Krieg ein Verbrechen ist, dann sind Soldaten auch Mörder. Felix durchschaute die Scheinheiligkeit der christlichen Kirchen längst, und als er gerade dabei war, auch die Lügen der politischen Machthaber zu erkennen, geriet er in eine Mühle, in der so leicht niemand eine individuelle, schon gar keine gesellschaftliche Erkenntnis erlangt. Kritik vollzieht sich im freien Denken und Handeln, nicht in der Geisteswelt von Befehl und Gehorsam. Die unbequeme Welt von Rekruten reduziert sich auf einige Stunden Ausgang und das ausgezeichnete Marineessen, welches zunächst viel entschädigt.

            Damals spielte er diesen Krieg sehr gut. „Zwei Seiten hat die Barrikad‘, wo stehst du Bundeswehrsoldat?“ Auch das erschien ihm bereits diffus in seinem Weltbild. Das wurde schnell zur Rechtfertigung seiner scheinbar inkonsequenten Handlungsweisen.

In der Schule hatte der Geschichtsunterricht eigentlich mit dem Ersten Weltkrieg aufgehört. Sie erfuhren, daß sie jetzt in einem demokratischen Land lebten, voller Freiheit nunmehr, und mit einem Bundestag, der seine Bürger liebt, angefüllt mit Abgeordneten von drei Parteien, die nur nach ihrem guten Gewissen entscheiden dürfen. Während der Lehrzeit begriff Felix, wie Aktienkurse zustande kommen, Exporte finanziert und abgesichert werden, mit der Berufsschule besuchten sie die Fließbänder von Opel in Rüsselsheim und die Frankfurter Wertpapierbörse. Die Börse ist ein schönes Gebäude, das darf dem Feind auf keinen Fall in die Hände fallen, wäre sonst gleich die gesamte Wirtschaft im Eimer. Felix wäre vermutlich als Industriekaufmann in der Branche geblieben. Kläranlagen, Kanalguß, Sanitär, dann bestimmt als Verkäufer, was ihm am besten lag. Dann kam ein Brief: im April zur Marine. Seine Entscheidung war von anderen getroffen worden, und dazu freute er sich wie ein Schneekönig, daß er aus Bad Betteldorf herauskam, aus dieser engen und wenig aufregenden Welt fliehen konnte. Einerseits war es ihm aufgezwungen worden, andererseits war es seine Entscheidung gewesen. Nicht Fallschirmjäger werden und zu Danielle, sondern Matrose und zu Hause auf Meeren, Schiffen und in allen Häfen. Als ein Bürger in Uniform, das war nämlich noch modern, die zeitgemäße Propaganda eben, in einem inzwischen eiskalt gewordenen Krieg. Alles nun sehr dicht am Eisernen Vorhang und an der Grenze zur kommunistischen „DDR“, natürlich in Gänsefüßchen gesetzt.

Sie hatten den Knüppeldamm tatsächlich wieder ohne Verluste erobert und durften ohne Helm eine Zigarette rauchen. Ihre Köpfe sahen dabei fast zivil aus, nur waren die Gesichter über den Vormittag etwas eingedreckt und auf der Stirn hatten fast alle der Soldaten einen roten Streifen. Fertigmachen. Felix wollte noch nicht, aber er stand auf, nahm die schwere Waffe und stellte sich gehorsam in die Reihe zu den anderen. Er bemerkte, daß er längst begonnen hatte, eine Art Kameradschaft zu empfinden, die das Leben in der Gruppe im Kampf gegen eine feindliche Umwelt erträglicher machte. Widrige, dubiose Wesen und Umstände waren klar zu definieren: Offiziere, die über Feinde referierten! Die Maate mußten vor diesen doch ebenso Gehorsam heucheln, die Affenhand heben, wie sie ihnen vermutlich auch heimlich den Nato-Daumen machten.

Felix war durch die Erzählungen seines Vaters, durch das traditionell eher preußisch fühlende Elternhaus vorgeprägt, in fast militärisch strukturierten Spielen in der Jungschar, auf Pfadfinderlagern und Zeltfahrten an Kampf und Gelände gewöhnt, spielte somit schon als Kind Soldat, war aber zu aufsässig, bald intellektuell schon zu sehr kritisch und linksorientiert, als in einer Armee, besonders unter einem sozialdemokratischen Verteidigungsminister (Helmut Schmidt, in der Nazi-Wehrmacht Oberleutnant oder gar Hauptmann) ein willenlos funktionierender, gehorsamer Soldat abgeben zu können. Felix war ein guter Soldat . . . er war schnell zum Opportunisten und sehr sarkastisch geworden. Wenn er während der Fahrenszeit zur rechten Zeit Wache hatte, im Hafen die bundesdeutsche Kriegsflagge am Bug aufsteckte, grüßte er die aufgehende Sonne formaldienstgerecht, und rief laut über das Ostseewasser: „Guten Morgen liebe Sonne, ich bin gerne Soldat!“ 

Felix stand mit seiner Gruppe auf dem flachen Sandhügel. Gut gemacht, sagte Leutnant zur See Hisdorf. Der dritte Zug wird als erster zum Mittagessen kommen, aber vorher will ich noch einmal sehen, wie wir dorthin kommen.

________________________________

* Heinrich Böll: Ende einer Dienstfahrt.

Der Zugführer und die Gruppenführer steckten ihre Köpfe zusammen. Die haben etwas vor, sagte Klaus, irgendeinen Scheiß machen die noch mit uns. Tatsächlich liefen sie mit mehr als dreißig Mann in einen sehr üblen Hinterhalt. Einer von ihnen hatte einen verborgenen Draht berührt und damit eine wahres Feuerwerk ausgelöst. Geschickt installierte Gewehre und Handgranaten wurden durch den Draht abgefeuert oder detonierten in Bäumen und Büschen. Weit und breit war zunächst niemand zu sehen, sie aber wären wahrscheinlich übelst aufgemischt worden, wenn das alles nicht eine bloße Übung gewesen wäre. Nicht nur Felix war davon beeindruckt. Walter bemerkte nur, daß es mit solchen Sprengfallen wie mit dem Kochen sei; man braucht manchmal Stunden, um das alles vorzubereiten, und dann ist es in kürzester Zeit gegessen. „Ruhe im Glied!“ Impotent ist der auch noch, flüsterte Walter. „Ich denke, wir sind allesamt tot und können jetzt endlich nach Hause“, sagte Lortz ganz laut. „Ruhe!“ Der Obermaat von der zehnten Gruppe machte auf Belehrung. Lortz, den bisher eine stoische Ruhe, sogar Fatalismus ausgezeichnet hatte, schien nicht dumm zu sein. Vielleicht hatte er von seinem Vater den Rat bekommen, sich nur dumm anzustellen, wie Felix Vater den Rat hatte, sich an der Front möglichst nicht freiwillig zu Sondereinsätzen zu melden, die bringen meist Pech, wußte er aus reicher Erfahrung.

Drüben, auf der anderen Seite des Merzedes-Sees hetzte einer seine Leute durch die Gegend, und er ließ sie sogar durch den Sumpf waten, was im Dienstplan nicht vorgesehen war, angeblich sogar verboten sein sollte, wie Liegestützen zur Strafe bei jeder Gelegenheit, die nach einer Vorschrift nur im Sport für das Vaterland zu leisten waren. Die Gullaschkanone stand in einer Mulde auf einer großen Lichtung. Es gab einen prima Eintopf. Pro Mann zwei Scheiben Brot und einen Liter lauwarmen Tee. Nach einer knappen Essenszeit trat die Kompagnie im offenen Karré an. Matrose Kusch, vortreten! Felix bekommt zunächst einen tüchtigen Schreck. Was bedeutet das? Matrose Kusch hat seinen 20. Geburtstag, drei Hurras, befiehlt der Chef persönlich, und 120 Männer rufen: Hurra! Hurra! Hurra!

An einem anderen Mittwoch lag Felix in einer dürftigen Stellung. Er hatte sich zwischen einigen Grasbüscheln etwas Deckung verschafft und sich schon vor dem erwarteten Angriff des gefürchteten ersten Zuges zwei Ausweichstellungen präpariert. Natürlich schickte er Lortz mit seiner Panzerfaust gleich an die Flanke. Die einzelnen Kampfstellungen hatte er doppelt besetzt, wegen der verstärkten Feuerkraft, dann dicht am Wald wegen des Planes, sich nach Beginn des Angriffs blitzartig rechts in den Wald abzusetzen, um dann aus der seitlichen Position heraus ein Nachsetzen der Angreifer zu verhindern. Es war merkwürdig still. Der Maat lehnte an einem Baum und fragte Felix, warum verdammt er nicht endlich schieße. Leicht hätte er schon fünf oder sechs der Angreifer erledigen können, aber Felix sah auf den Marienkäfer auf dem Verschlußdeckel des Maschinengewehrs.

Schießen sie, Kusch! Machen sie mal etwas Lärm! Felix schoß in ungezielten Feuerstößen. Der Marienkäfer war verschwunden, und es roch faulig nach Pulverdampf. Wenn ich jetzt nur auch fliegen könnte . . . Lortz war aufgestanden und kam mit seiner Bazooka im Arm aus dem Wald. Der Maat seufzte, was macht man nur mit solch einem Hanswurst? Aber es klang eher voller Mitleid. Da ist alles voller Ameisen, rief Lortz, kann ich mich vielleicht woanders hinlegen?

Auf ihrem Weg zu den Lastwagen gingen sie um den See herum. Sie kletterten durch künstlich errichtete Häuserruinen und warfen Handgranaten in die Zimmer und Keller. Da hätten Frauen und Kinder, vielleicht auch müde, alte Männer gehockt. Die harten Sandklumpen, die sie warfen, zerplatzten an den roh hochgemauerten Wänden. Eine gespenstische Kulisse, nur zu dem Zweck errichtet, um das Töten in geschlossenen Räumen und aus der Nähe realistischer üben zu können. Die Lastwagen waren bereits in einer Reihe aufgefahren. Einer nahm ihm sein MG an, Felix stieg auf und nahm es wie am Morgen zwischen die Beine. Wieder wurden sie auf den unebenen Wegen heftig durchgeschüttelt. Auf der Landstraße dann, bildeten sie sich ein, daß die Mädchen auf den Fahrrädern geile Klunten waren. Natürlich waren die abends immer zu Hause, haben wohlbehütet ferngesehen, und wenn eine von denen am Wochenende einmal zum Tanzen ging, dann hat um halb zehn ein Hilfsausbilder oder ein Maat mit ihnen getanzt, ihnen eine Cola oder ein Bier ausgegeben. Einige haben angeblich mit solchen geschlafen, manchmal richtig oder nur auf dem Deich vor der Elbe. Doch meist haben die Burschen nur angegeben. Die haben von ihren Stuben aus mit olivgrünen Ferngläsern sogar nach den Schulmädchen auf der anderen Seite des Zaunes geschaut.

Als sie wie ein Haufen müder und beladener Esel auf die beiden engen Türen vom Block Berlin zuliefen, dachten fast alle nur ans Abendessen. Schon als der Lastwagen an der Kombüse vorbeifuhr, roch es dort nach Bratkartoffeln und Tee. Auch zum Abendessen mußten sie im Laufschritt. Wenn einer sein Besteck fallen ließ, mußte er einmal um den ganzen Block, mit dem Fahnenrigg in der Mitte, herumlaufen. Der Hof war sehr groß. Wenn der Matrose dann an der üppigen kalten Platte stand, tropfte mancher Schweißtropfen auf Wurst und Käse. Die Offiziere speisten in einem oberliegenden gesonderten Raum. Felix fraß. Er aß abends so viel, daß man es nur so nennen konnte. Trotzdem wurde er von Tag zu Tag schlanker. An Gewicht nahm er zu. „Das sind die Muskeln, die wiegen mehr als Fett“, sagte Peter. Auch diejenigen, welche nicht so sehr viel aßen, haben die Toiletten zugeschissen. Beim Reinschiff hatte Felix oft hineingreifen müssen, und oft waren Illustriertenseiten reingeschmissen worden.

*

1984      Der Merapi-Käfer

Mancher Käfer oder Schmetterling war Felix schon durch widrige Umstände abhanden gekommen. Nicht, daß er sie für eine Sammlung hätte vergasen und aufspießen wollen, nur hätte ihm eine kleine Zeit der längeren Betrachtung schon genügt. Wie ihm die dreisten Ratten des Hotels in Bukittinggi wesentliche Bestandteile seines im Merapi-Dschungel gefundenen riesigen, schwarzen „Hirschhornkäfers“ davontrugen, so entschwand ein Stück seiner jugendlichen Naivität durch den Schießbefehl an einem warmen Frühlingstag in Nordoe.

1968      Klassentreffen auf Burg Hohenstein

Nach drei Jahren gab es bei einigen sehr viel zu erzählen. Sonja war leider nicht dabei. Sie soll einen älteren Mann geheiratet haben und schon Kinder haben. Felix trifft Lea wieder. Gisela wohnte immer noch in Bleidenstadt, hatte jetzt aber eine eigene Wohnung. Ich kann dich mitnehmen, sagte sie, und Felix ließ sich darauf ein. Ihre Küsse und Brüste waren wie die von Sonja. Felix konnte es kaum glauben, und er entdeckte bald darauf den Rest von Leas Körper. 

______________________________________________________

* Joachim Kahl: Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott

1968      Bremerhaven

Neben der ziegelsteinroten Kaserne steht ein riesiger Gasometer und überall ist Fischgestank. Das war sein erster Eindruck.

Vor den Stubenfenstern der Marine-Ortungsschule standen hohe Bogenlampen, die im Wind leicht zitterten. Von der Geeste und vom großen Fischereihafen flogen ständig riesige, schmutzige Heizermöwen ein. Mit ihren bösartigen Knopfaugen starrten sie durch das offene Fenster, jederzeit bereit, einer noch so geringen Gefahr rechtzeitig auszuweichen. Felix spürte eine nur schwer erklärbare Antipathie, diesen Vögeln gegenüber. Dann erinnerte er sich an einen Roman, in dem beschrieben wird, wie Möwen hilflosen, torpedierten Seeleuten, die leblos in ihren Korkwesten hängen, die Augen aushackten. Nein, Seeleute mögen Möwen nicht sonderlich. So beteiligte sich Felix an einem makabren Experiment.

Das olivgrüne Nähgarn ist mit normaler Manneskraft in der Hand kaum zu zerreißen, eher schneidet es sich vorher in die Haut. Sie brachten vom Abendessen einige Scheiben Salami mit, benutzen diese als Köder und banden sie an viele Meter des festen Garns. Auf die Fensterbank gelegt dauerte es nicht lange, bis sich die erste Möwe die leichte Beute holte, sie sogleich verschluckte und plärrend verschwand. Das Garn rauschte aus, gleich würde es den Vogel in der Luft beuteln . . . Na? Stattdessen spannte sich die Köderleine und riß wie ein Spinnfaden ab. Respekt, diese Biester haben es gut drauf. Lassen wir sie lieber in Ruhe.

*

Für jede gute Note gab es längeren Ausgang. Endlich konnten sie nach Bedarf ihre Landgänge einrichten. Nur bei der Taktischen Navigation haperte es, der Ausbilder hatte ihnen von Anfang an falsche Berechnungen beigebracht, bis Harry Labusch das bemerkte, und sie alle ganz neue Überlegungen anstellen mußten, um später mit ihren Torpedos, Geschützen und vielleicht irgendwann sogar Raketen, wie sie die Marinen des „Warschauer Paktes“ schon längst hatten, erfolgreich einen potenziellen Gegner vernichten zu können.

________________________________________

* Kurt Tucholsky: Zwischen Gestern und Morgen/* Heinz Liepmann (Hrsg.): Kriegsdienstverweigerer – oder gilt noch das Grundgesetz?/* John Steinbeck: Tortilla Flat/ Die Straße der Ölsardinen

1986      Erinnerungen an Bremerhaven

Erinnerung 1:         Menschenskind, sage ich, als wir über die Geestebrücke gehen. Das ist jetzt achtzehn Jahre her. Hier genau haben wir uns mit den Rockern herumgeprügelt.

Erinnerung 2:         Da kommen auch schon die Masten der Segler in Sicht, wie ein Wald, wie vielleicht vor hundert Jahren einmal. Sehnsucht wieder, und dabei ist alles doch nur eine riesige Show. Seefahrtsromantik? Nein, ich weiß es doch viel besser. Abends liegen wir beide im Bully auf den Schaumstoffpolstern, unter uns die Kajütboote aus Holland. Am Saufen sind die, grölen etwas, doch nicht zu hart. Morgen dann also die Parade der Windjammer. Wären nur die Reden nicht und dieses beschämende Hurra an den weißhaarigen Präsidenten. Nur Schauen, mit etwas Respekt vielleicht, wäre bestimmt genug. Das Militär wirbt mit einem großen Ausstellungsstand. Verteidigt ihr mal schön, sage ich ihnen, und spüre, wie etwas von der Hilflosigkeit in mir sticht. Peer Export und Merzedes, mehr als bloß eine Kulisse vor dem Weserdeich. Die beiden Jazzbands spielen gegeneinander, alles ist natürlich Jahrmarkt, aber ohne einen einzigen Schiffschaukelbremser irgendwo.

Erinnerung 3:         Die kleinen Wohnzimmerkneipen in der Rickmerstraße existieren bestimmt auch nicht mehr. Abends in der Hafenbar nur eine einsame Bedienung mit dem viel zu schmalen Mund. Viel ruhiger ist es geworden, seit ein Teil der Marineschule nach Wilhelmshaven verlegt worden ist, sagt sie, und das Bier ist nicht kalt genug.

Erinnerung 4:         Auf dem schrägen Deck der „Seute Deern“ stehend, schaue ich kurz den dicken Hauptmast empor. Schau, den Obermars da, bis da hinauf bin ich einmal gestiegen, hochgeentert, Frau, und die Webleinen sind weggerissen hin und wieder. Sie sind in diesem Museum schon längst morsch geworden.

Erinnerung 5:         In der Ecke liegt ein Schnellboot der Jaguar-Klasse, eine Graue Sau der Ostsee. Es ist ein Boot aus ihrem alten Geschwader. „Kranich“ steht an den Brückennocks. Es könnte auch ihr „Pinguin“ sein. Dreihundertsechzig Tage haben wir wie in einem VW-Bus gehaust, im Kieler Knabenanzug, im Takelpäckchen mit dem blauen Schlabberlatz hinten. Herr Gott, was waren wir naiv, oder? Auch mal Salz in die Zuckerdose geschüttet. Na, was hat es dabei verändert? NATO? . . . to defend the Western Hemisphere against Kommunism . . . Fachenglisch . . . Gegner Kurs und Fahrt . . . Taktische Navigation . . . Radarkunde . . . dann plötzlich Ausgangssperre und Formaldienst mit Gewehr!

Erinnerung 6:         Stundenlanges Warten in der grellen Sonne über dem spiegelnden Fluß. Da kommt die ‚Gorch Fock‘ und alles ist verdrängt. Einfach Schauen wäre jetzt genug. Wenn nur nicht diese Reden wären und das Hurra an den Präsidenten der Republik.

Erinnerung 7:         Etwas hat uns Mut gemacht: In der Fußgängerzone der Bürgermeister-Schmidt-Straße ist ein Büchertisch aufgebaut. Die hiesige Friedensgruppe verteilt Flugblätter und informiert… Geschäfte haben den ganzen Sonnabend geöffnet. Der Gasometer steht immer noch. Ich kann mich erinnern, daß er aus den Fenstern der Ortungsschule ständig zu sehen war. Dann war da noch der anfänglich unvertraute Fischgeruch. Der Gasometer wird bald abgerissen, lese ich. Mit der Fischerei ist es auch längst passé. Als wenn ich dadurch jünger würde, solche Reisen geschehen, passieren durch einen Zufall. Was, verdammt, hat diese Seglerparade mit dem hier anwesenden Militär zu tun?

Erinnerung 8:         Dennoch denke ich an jenen Morgen, an dem wir im Hof herum marschieren mußten. Jeder hatte ein Gewehr aus dem Keller bekommen, und dann ging es immer um die Kasernenblocks herum. In Prag waren nämlich russische Panzer aufgefahren. Trotz meiner Naivität hatte ich eine trotzige Angst. Samstags hob ich die gesparten neunzig Mark vom Postsparbuch ab. Bis Schweden hätte es auch damals nicht wirklich gereicht.

Erinnerung 9:         An der Columbuskaje die ehemalige „Padua“, die letzte Viermastbark der berühmten ‚Flying-P-Liner‘39. Heute, unter sowjetischer Flagge fahrend, heißt sie „Krusenstern“. Ihr schwarzer, stählerner Rumpf erhebt sich mächtig vor den Besuchern; noch gewaltiger ragen die hohen Masten auf, die 3500 Quadratmeter Segel tragen können. Eine Menschenschlange steht geduldig an der Gangway. In der Bordwand eine Linie offener Bullaugen, aus denen schmalgesichtige, junge Matrosen der Freiwache verlegen lächeln.

Erinnerung 10:  In einer der runden Öffnungen steht eine kleine, leuchtend rote Geranie. Ein Schnappschuß, der sich mir tief einprägt, so es doch auch eine Geranie war, die ich einmal vererbt bekam. Eine kleine rote Blume nur, trotz aller Hurras an diese Präsidenten, die sich schon immer entweder hinter blutbesudelten Kreuzen oder Adlernschwingen versteckten.

[…] Du liebe, süßvertraute Mädchenschrift –/ ich forsch‘ in dir, in diesem letzten Brief/ nach Bitterkeit, nach einem Tröpfchen Gift/und fand ihn doch am Ende nur – naiv. […]40 Anton Wildgans

1968      Letter from Brenda

Dear Felix, I was so happy – and suprised – to receive your letter. To say the least, it was most fascinating to read about your life in the navy. It was very horrifying and expecially refer to the part about your gasmasktraining – to think to what our „civilazation“ puts human beeings trough I‘ve heard of similar even worse things from friends in Vietnam, but still it shocks me every time I here about these things. Obviously I’m not alone in my opinion over the war and many other things about society today as it explained by the student revolutions all over the world. I think the worst must have been at Columbia University in New York City, where the brutal police injured over 400 students and professors. The whole thing is exciting and at the same time very frightening, for I can see the whole concept of authority divindling away, and a revolution like this, which was once so far out of sight, has now been established as precedent, and these may occur at many Universities now in the future. In fact there are even plans at my small school for a „take-over“. I know that if there is such an occurance, while we realize the full implications, motivations, etc. inherent in the act, a good part of it would not be for sirious reasons at all but for „the hell of it“ because the weather is beautiful, the year is almost over, and it‘ a „groovy“ things to do. That’s „playing with fire“ I’m afraid. Anyway, we shall see. Between student revolts, negro revolts and draft revolts, I think we are in for quite a summer! Do you hear anything about what is going on in German Universities? I’m also interested to find out what you know about Axel Springer41 an extremely wealthy German man – who incidentally owns 90% of Germany’s newspapers – who just donates a lot of money to the Unversity. There has been a lot of controverse over this, though, for many Americans and Germans do nor approve of this man. Do you know of him? How do you feel about him?

Now to get to more personal topics. Let me tell you „what’s up“ with me. In a few weeks I will finish my term and go home. First I will go into the hospital for a few weeks to have an operation. I have a polinial cyst which must be removed. Then I will work hopefully in an advertising agency for the rest of the summer. Now comes the big news!! – In September I will leave to study and travel in the Orient until february. I will travel in Hawaii, Philippines, Japan, Taiwan, Hongkong, Malaysia, Nepal an India, an I will study in Bangkok, Thailand for 17 solid weeks. I can’t tell you how excited I am about this trip an I still can’t believe that I’m going, I’m a little apprehentive about the war and the political situation there, and in facts if it worstens a lot I may not go, but anyway life needs a little danger to keep it exciting!

You know how much I like to travel. I think that is what is most important to me now. I still often think of last summer, too. I have some photographs on my wall, and my color slides, my diary – but most of all the wonderful memories I have stored up inside of me. It’s funny, the exterior things that provoke me to thinking about last summer lately it has been the beautiful weather and the smells of spring, the glorious feeling of freedom that this gives me a potential which was fully realised last summer. And whenever I hear certain songs – especially „Whiter shade of Pale“ – a song which I heard at every country I visited – I can’t tell you how terrifically excited (… ?) I get – like now! I quets it never tents to occosionally live in the past, as long as you can still keep sight of where you are, the present. So now I must say goodbye, with part of me in Europe, part in Thailand, and part in America, with my heart in all three.

Always yours Brenda P.S.: Please write to me at my home. (23.05.1968)

1968      Prager Frühling

War das Kafka? Der mit der Strafkolonie, oder was? Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte sich Felix, und es war nicht die Angst vor einem neuen drohenden Krieg, sondern vielleicht sein erster Entschluß als junger Erwachsener. Samstags kaufte er sich ein Paar Clarks-Schnürstiefel und neue Jeans. Dafür hob er vom Postsparbuch die gesamten neunzig Mark ab, die er sich in der Grundausbildung angespart hatte. Bis Schweden hätten die ganz sicher nicht gereicht.

Im Flur stand immer noch der riesige Karton mit den verfaulenden Birnen herum, den ihm seine Mutter nach Bremerhaven geschickt hatte. Das Essen war deutlich schlechter, und meist etwas zu wenig. Trotzdem hatten manche gerade andere Probleme… Es war August, und obwohl sie kaum Zeitungen zu Gesicht bekamen, herrschten eine bedrohliche Stimmung und einsame Anspannung der Gemüter.

*

1968      Olpenitz

Am neuen Marinestützpunkt an der Schlei wurde sogar noch gebaut. Nach Kappeln waren es einige Kilometer. Wieder hohe Lampen, die diesmal über den schlammigen Fußwegen hingen. Das Schaukellicht einzelner Glühbirnen, vom Regen durch rostende Blechschirme geschützt, wie vergessene Lampions baumelten sie an quergespannten Kabeln, die zwischen den schrägen, provisorischen Holzmasten tief durchhingen. Olposibirsk! Zwölf Monate wie in einem Straflager mit gelegentlichen Ausflügen über nördliche Meereslandschaften, die den Gulak in diesem strengen und sehr schneereichen Winter eisig umschlossen.

Ja, es war so, als seien sie hier an den Arsch der Welt geraten. Nichts schien mehr um sie zu existieren. Sie richteten ihre Bootsstube gemütlich ein, mit aus der Bootslast geklauten roten Sisalläufern, sie bastelten einen Lampenschirm und schnitten aus Pardon-Heften Kollagen, um sie provozierend an ihre Spinde zu kleben.

„Papst Paul hats erkannt – die Pille ist wehrkraftzersetzend!“ 42

Außen, deutlich sichtbar für Offiziere, die nur einmal in der Woche nach dem Reinschiff locker ihre Ronde machten und sich sichtbar aber wortlos erregten. Sie waren bei der Marine etwas Besonderes… die grauen Säue der Ostsee! und sie hatten etwas Narrenfreiheit.

Währendessen ging Paul in Frankfurt spazieren. Hätte er den Brief von Brenda gelesen, er hätte sich halb totgelacht und sich mit einer BILD-Zeitung zumindest den Arsch abgewischt . . . Sie aber machten ihre ersten Seefahrten, übten ihre „Rollen“ ein, bunkerten zahllose Kartons „Pilsener Urquell“ in den Munitionskammern an Bord, und sie rauchten und soffen alle Sorten Spirituosen zollfrei. Für irgend etwas mußte ihr harter Job schließlich auch gut sein.

1968      Schwesterlein und großer Bruder

Auf einem kurzen Heimaturlaub, Monate vorher, hatte er eine sehr gute Zugverbindung. Der „Senator“ fuhr von Bremen direkt bis Wiesbaden. Felix schlief während der ganzen Fahrt und wurde vom Schaffner geweckt, als der Zug schon auf einem Rangiergleis stand.

Seine Schwester war „fastelf“ Jahre alt. Er machte mit ihr einen Ausflug nach Wiesbaden, und sie gingen in den „Palu-Keller“, um Pizza zu essen. Für das Mädchen war es die erste Pizza ihres Lebens. Heide war stolz auf ihren großen Bruder in der schmucken Uniform mit der weißen Mütze. „Weißt du eigentlich, daß du hier einen Kaugummi geschenkt bekommst, wenn du die Pizza ganz aufißt?“ Das Mädchen war begeistert. Sie schaffte es. Schon kam der Kellner, und überreichte dem Kind augenzwinkernd einen Kaugummi.

1968      Felix und Jonny (2)

Das Café Föh war ihr erster Landgang in Olpenitz. Dann am Ende noch Bols, in allen Farben. Jonny war blau wie eine Strandhaubitze. An der Ecke hing er in einem Thujabusch. Felix erkannte sein helles Blouson gerade noch in der Dunkelheit. Jo sollte auf dem Boot die Navigation machen. Den brauchen wir noch dringend, so dachte sich Felix, und legte ihn sich über die Schulter.

1968      Postcard from Brenda

Dear Felix, I have just received your letter – I’m sorry it took so long to reach me. I’ve traveled Japan, Hongkonk, Northern Tailand and now I stay in Bangkok for 4 month studying at Chulykongkorn University. Life is just so fascinating in the Orient. I will have to write you a letter soon to explain more. Today we went by small boat to the floating market and canals where many Thai’s live in boats and in houses on the water. It is extremly hot and humid here. The Tai-Food ist very spicy and there are mosqitoes and lizards everywhere. I just have to get adjusted I guess. I hope your studies and life aboard ship are O.K.. I loved your letter, it was so fascinating. Yours Brenda.          Please write!!                                       (03.10.1968)

1969    Borkum … Landgang in London. Das „Panta rhei“43  wird eingeführt, alles fließt ab jetzt, und auch die Hosen der Zivilisten wurden unten immer weiter. Reserve hat Ruh‘. Bei Passavant… Führerschein im Winter. Heidrun… Gisela… Susan… Claude…

  1. Nacht auf dem Tender Main

„Meint ihr denn wirklich, daß eine einzige Frau für einen Mann genügt“, fragte Jonny. Dabei grinste er Jack und Felix an.

 „Fuffzehn Mann auf des Totenmannes Kiste… Ho, ho… und ne‘ Buddel mit Rum!“ grölte Jack und rülpste übelriechend mitten durch die Kerze hindurch. Stöhnend, gemeinsam an den Niedergang geklammert, erbrachen sie sich üppig.

„Panta rhei“43, bemerkte Jonny.

„Was ist los“, fragte Jack, und auch er war dabei merkwürdig grün im Gesicht. Bestimmt war es das neongrelle Licht, welches sie eingeschaltet hatten, um ihre Kotze wenigstens etwas aufzuwischen.

———————————————–

* Carlo Manzoni: Der Finger im Revolverlauf/* Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau/* Heinrich Böll: Aufsätze, Kritiken, Reden

Abbildungen: Liebe zum Vaterland ist Pflicht

1969      Dorothea

Nach der Kollision mit ihrem Rottenknecht hatten sie im Kieler Arsenal die Geschütze abmontiert und fast die gesamte Munition gelöscht. Viele Wochen verbrachten sie relativ gemütlich in Niendorf auf der Evers-Werft, mitten im romantischen Fischerhafen. Freitags nach Dienstausscheiden lieh sich Felix von Heribert Marseille ein kleines Zelt und stellte es im Wäldchen ganz nahe der Straße auf. Dore verbrachte dort fast das ganze Wochenende mit ihm. Eine Woche darauf gingen sie heimlich in ihr winziges Zimmer im Kurheim, in dem sie arbeitete.

1969    Tagebucheintrag vom 26. September 1969: „Es ging sogar viel schneller vorbei, als ich dachte; um es gleich richtig begreifen zu können, blieb mir keine Zeit. Scheiß Bund! Das stimmt…“

1969      Reserve hat Ruh‘

Ende September standen sie in Reihe auf der Pier und pinkelten ihre grauen Boote an. Das war schließlich eine sehr alte Marinetradition. Kein Offizier ließ sich dabei blicken.

Im Zug zwei Tage später fast nur angetrunkene Reservisten, einige wenige mit einem geklauten Paddel. Felix hatte sich das seine aus dem Schlauchboot des Rottenknechts genommen. Die kontrollieren doch eh, wenn die Reservisten von Bord sind, hatte er sich gedacht.

1969      Susan (1)

Bei ihrem letzten großen Manöver waren sie nach zwei Wochen auf See zum Wochenende in Frederikshavn eingelaufen.

_________________________________________________

* Jean Paul Sartre: Das Spiel ist aus/* Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg/* Joachim Ringelnatz: Mein Leben bis zum Krieg

Im benachbarten Saeby, im Viking-Club, gab er einem großbusigen, jungen Mädchen ein Bier aus und wurde dafür noch in der gleichen Nacht sehr üppig belohnt. Am anderen Morgen stand Susan an der Außenmole und winkte ihm nach… Sie war siebzehn. Felix war es ziemlich peinlich, andererseits klang aus dem Gelächter der Kameradenbesatzung mehr Neid als Hohn, was er gut verstehen konnte, hatten sie auf der Kommandobrücke und in der Ausguckwanne doch sehr gute und scharfe Ferngläser! Nichts war da faul im Staate Dänemark, aber sie glotzten sich die Augen aus.

Die ‚Hundemarke‘

An der Kasernenwand mit Kreide? /Vor den Schulen!/„Stellt euch vor, es wär‘ Krieg, und keiner geht hin.“/Am Bücherbord in Westdeutschland / Hängt sie wie Girland/Die Konfession fest eingestanzt / Bis ich mich überwand/ Und sie in meiner Hand / Leicht angewärmt verschwand. 44

1969      Im Trockendock

Auch Holger war vom Bund zurück. Ihre Männerwelt hatte sich mittlerweile wieder auf den „Keller“ reduziert. Da webte sich ein unsichtbares Netz, welches ihre verbalen Bewegungen einseitig zu machen schien, ihre kraftstrotzende Jugend fast fluchtartig in eine offene Richtung lenkte. Da war der Favorit ihrer Auswanderungspläne schließlich doch der am weitest gelegene Kontinent. Nicht Südafrika, Australien rückte immer näher. Aber Ringelnatz hatte es bereits vorhergesehen und behielt recht. Sie würden schließlich im Land bleiben, wenn es auch eine vorgelagerte Insel war, die sie zunächst erkunden wollten, mitten im Meer, damals so rot wie Helgoland, doch viel, viel größer.

1969      Führerscheine

Fahrt, noch ohne Führerschein, in der Mittagspause mit dem Käfer von Gitte nach Holzhausen. Am Wochenende Fete in Diez bei ihrer Freundin. Sie fickten spät nachts in einem eiskalten Bauwagen. Gitte war natürlich eifersüchtig, aber weiterhin sehr nett zu Felix. Irgendwie tat sie ihm leid . . . Sie war es aber, die ihn wieder an Berlin erinnert hatte, als sie ihm schwärmend von einem Wochenendbesuch in Berlin erzählte. Er fand dort natürlich sofort eine Anstellung und gleich zum April zog er mit seinen wenigen Sachen zusammen mit Holger in die Mauerstadt. Gerade sechs Monate hatte er es in Bad Betteldorf ausgehalten.

——————————————————————————

* Erich Maria Remarque: Liebe deinen Nächsten/* William Shakespeare: Hamlet… Ein Sommernachtstraum…

1969      Der Großvater wird erkannt

Als Felix von der Toilette kam, sah er sie drüben am Ausgang stehen. Sie hatte ihre Jacke und die Handtasche in der Armbeuge als wollte sie zur Garderobe und gehen. Sie wirkte etwas unschlüssig. Wieder einmal jagdbarem Wild gleich? Holger saß noch an einem der Biertische und unterhielt sich dabei angeregt mit älteren Leuten aus dem ihnen vollkommen fremden Dorf. Felix hatte die junge Frau angesprochen. Sie hieß Monika und kam mit ihrer Freundin dazu, und man rückte auf der engen, gemütlichen Bank zusammen.

Junge, dein Großvater, ich weiß es noch wie heute, wie der mit seinem Gaul über die Felder geritten kam, in seiner respekteinflössenden Polizeiuniform… der hat so manchen Streit im Dorf geschlichtet. Dein Großvater war ein gerechter, gütiger Mann.

Ein Bauer, der selber sein Opa hätte sein können, erkannte auf der Kerb in Strinz-Trinitatis in Felix tatsächlich dessen Großvater. Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, hatte der alte Mann gesagt, so als sei das für ihn kein besonderer Umstand.

Mit Holgers altem 1800er BMW fuhren sie die beiden jungen Frauen wenig später in einen Nachbarort. Vorher standen sie mindestens eine Stunde in der Nähe auf einem Parkplatz am Wald – sie waren dort natürlich nicht allein.

_____________________________________________________

* Heinrich Böll: Als der Krieg ausbrach/* Bertold Brecht: Hauspostille/* Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom/* Ernest Hemingway: In unserer Zeit/ In einem anderen Land/* Hans Joachim Lange: Die Mauer von Mallare/* Franz Josef Degenhardt: Spiel‘ nicht mit den Schmuddelkindern

1970    Nicht nur auf den Scheißhäusern der Berliner Studentenkneipen steht es überall filzstiftig und fett: „RAF“45. Was bedeutet das? Royal Air Force? Er grübelt heftig – monatelang. Es sind tatsächlich dann die, vor denen sie ihre Eltern immer gewarnt hatten. Bei Aldi kosten zwei Liter Schwarz- oder Silberadler Zweimarkvierzig.

Beginn der Inseljahre. Hotel Windsor. Claude, Birgit und die anderen… Kanalgußverkäufer bei Krupp-Druckenmüller, erste Wohnung Schillerstraße. Sanitärverkäufer bei Roske & Co. Jonny kommt ganz unverhofft mit seiner quasi Jugendfreundin Maria zu Besuch. Die erzählt von übelsten Rassenkonflikten in Südafrika; sie lebt dort seit einiger Zeit, und ihr scheint es peinlich zu sein.

. . . und dann wabert überall der verdammte Vietnamkrieg herum.

Wahlsieg der SPD. Eine „willygebrandtmarkte“ Generation von Arbeiterkindern strömt in die Universitäten und Hochschulen der jetzt beginnenen Reformzeit. Die von Kanzler Willy Brandt versprochene „Lebensqualität“ wird zur bundesrepublikanischen Realität: In Westdeutschland und Westberlin gibt es bald so viel Polizei und staatliche Bespitzelung, wie niemals in einem westlichen Land zuvor.

1912    Die SPD ist erstmals stärkste Fraktion im Reichstag, und nur zwei Jahre später bewilligt sie prompt die staatlichen Kriegsanleihen, die den bestialischen Materialkrieg ermöglichen werden.

1970      Felix und Jonny (3)

Den Winter verbrachte Felix in Bad Betteldorf… Ganz unverhofft kam Jonny an einem Samstagmorgen zu Besuch. Felix lag noch im Bett, als Jonny die Tür öffnete und geschmeidig das Zimmer betrat: Eh‘ rise . . . rise . . .“

Als sie später durch die Stadt gingen, lag noch hoher Schnee. Sie tranken ein paar Biere im Pavillon gegenüber vom Kurhaus.

Hier ist ganz schön Totentanz, was? bemerkte Jonny.

Felix nickte. Er würde es nicht lange in Bad Betteldorf aushalten, sein Freund Holger wäre aber so unschlüssig bei Entscheidungen.

Australien?

Ja, sagte Felix, am liebsten ginge ich nach Australien; ich wäre schon längst weg. Aber allein . . .

Jeder ist allein, immer wenn es darauf ankommt, ist man allein, sagte Jonny und rieb sich die Finger warm.

*

So wie in alten Märchen, fängt eine neue Liebe an,/Und wenn sie nicht gestorben ist, Dann lebt sie fort bis heute;/Doch ohne Ende ist für sie kein zauberhafter Anfang./So fangen alle Märchen an: Es war einmal…46

1970      Claude (1)

„Du bist ein verdammter Schuft, Felix“, sagte Claude „ein lieber Schuft… und sein Hemd war auch sonntags nicht rein.“

„Das ist doch schon wieder Brecht, aus Mahagonny?“ fragte er.

„Ja, Felix, so bist du.“

Claude küßte ihn heftig und drückte dabei seinen Kopf auf die Lehne des Sofas. Irgendwie kam dabei der ‚Union-Jack‘, den er in Südengland geklaut hatte, dazwischen und riss oben ab. Er fiel bauschig auf ihre Körper, wie ein Zelt, unter dem sie im rosa Dämmer neu geboren wurden.

Claude kniete sich vor ihn und begann seine Jeans abzustreifen. Sie bewegte ihren Kopf langsam auf und ab, hin und her, auf und ab… er faßte in ihre Haare und spürte ihre Lippen auf seinem steifen Glied, auch wie sich ihr Kiefer bewegte bei ihrer Zärtlichkeit. Über ihm, an der Dachschräge eine ausgemusterte Seekarte der Wesermündung.

Jetzt stieg die Flut, und er spannte sich an, er versuchte irgendeinen festen Punkt auf der Karte zu finden. Er wollte es noch nicht zulassen, aber Claude hatte es wieder einmal geschafft.

„Jetzt bist du dran, Felix“, sagte sie und nahm ein Handtuch, welches sie wie herbeigezaubert plötzlich in der Hand hatte.

Ein anderes Mal erschien es ihm wegen des feuchtkalten Wetters fast zu sehr archaisch. Seit sein Vater dort Fenster eingesetzt hatte, roch es in der Gartenlaube vor dem Haus muffig. Sie war seitdem auch abgeschlossen. Er mußte also vorher noch den Schlüssel holen. Claude zog sich sofort aus. Es war fast zu kalt. Sie legten sich auf zwei alte Lammfelle, die sich zunächst zwar kühl und feucht, dann aber flauschig und warm anfühlten.

„Wir hätten auch hinten in die Hütte mit dem Kamin gehen können“, sagte er.

„Ich will es aber hier“, sagte Claude zitternd und voller Entschlossenheit „hier wollte ich es schon immer einmal machen.“

___________________

Abbilung: * James Joyce: Ulysses

*

1970      Wir sind nicht frei – wir sind nicht gleich

Heinrich Böll: Eine Rede zur Woche der Brüderlichkeit47 (Auszug)

„Warum sind die Veranstalter der Woche der Brüderlichkeit so geplagte Leute? Sie schreiben, telefonieren und telegraphieren einigermaßen desperat in der Gegend herum, um die fälligen Festredner zu bekommen; möglichst solche mit Namen, möglichst solche, die aus dem Rahmen fallen und gleichzeitig durch ihre Namen eingerahmt sind. (…)

Wäre es nicht sinnvoller, hier – in Gegenwart des Herrn Bundespräsidenten und der Vertreter von Armee und Kirche – Namenslose über ihre Umwelt sprechen zu lassen, die in den meisten Fällen laut auflacht, wenn ein Wort wie Brüderlichkeit auch nur fällt?

Etwa ein junges Ehepaar mit kleinen Kindern und knappem Einkommen über sein Erfahrungen bei der Wohnungssuche berichten zu lassen?

Es braucht nicht einmal ein Gammler-Pärchen zu sein. Schon ein adrett gekleidetes, mit allen Insignien der Strebsamkeit ausgestattetes Paar könnte wohl darüber berichten, wo Rentabilität die Grenze der Brüderlichkeit bildet. Wie viele Neurosen entstehen, zu wieviel Fehlgeburten kommt es, weil junge Eheleute sich verpflichten müssen, nicht zu bekommen, was sie möglicherweise gerne hätten: Kinder.

Oder sollte man hier jemanden erzählen lassen, der in Geldnot gerät und die Brüderlichkeit pompöser Bankfassaden erfuhr?

Vielleicht ein Häftling, der das Pech hatte, geschnappt zu werden, während wir hier das Glück haben frei umher zu laufen? (…)

Was diese Veranstaltung betrifft und die Gesellschaft, die dazu eingeladen hat, ich bin Mitbegründer dieser Gesellschaft in Köln und immer noch ihr Mitglied. Ich bitte Sie, das nicht zu vergessen. Ich bin, wenn auch nur mittelbar, mitverantwortlich für diesen Rahmen, von dem ich öffentlich, nicht heimlich, Abschied nehme, aus dem ich nicht herausfallen – sondern heraustreten möchte. (…)

            Ich deute mir die gegenwärtige internationale Bewegtheit von den Fabriken bis in die heiligsten Offizien, von Akademien bis in Lehrlingsheime, Armeen und Strafanstalten, in Kirchen, Schulen, Familien, Kunst und Antikunst – ich deute mir diese Bewegtheit als den großen Versuch die Rahmen aufzugeben oder zu zerstören, als eine Vorstufe und Vorbedingung zur Brüderlichkeit.

Im alten Rahmen, so wie wir sie hier proklamieren, wird Brüderlichkeit leicht zu Herablassung, zumal wenn sie sich nicht der säkularen Trinität erinnert, von der sie abstammt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Wir sind nicht frei, wir sind nicht gleich, vielleicht könnten wir es werden durch jene Brüderlichkeit, die sich in einer rahmenlosen Gesellschaft anzudeuten scheint.

Fast die gesamte Umwelt steht im Widerspruch zu dieser Brüderlichkeit, die wir da einmal im Jahr der Anbetung und Meditation anheimgeben. Ich zweifle daran, ob wir berechtigt sind, feierlich jener Toten zu gedenken, die Opfer des Völkermords geworden sind, wenn es uns nachweislich nicht gelingt, Völkern, die in unserer Gegenwart sterben, über jene Grenze hinaus beizustehen, die unserem karitativen Impuls durch innen- und außenpolitische Rücksichten gesetzt werden. (…)

Es ist alles wieder normal, was bedeutet: die alten Herrschaftsverhältnisse sind wiederhergestellt. Der alte Rahmen wieder fest gefügt.

Die jungen Leute in unserem Land haben nicht unrecht, wenn sie uns vorwerfen, unser Schuldgefühl, das darin besteht, überlebt zu haben, und nicht ganz unschuldig zu sein, lähme unsere politische Aufmerksamkeit. Bei öffentlichen Gedenkfeiern für die Toten einer anderen Gruppe von Menschen, zu deren Überlebenden ich gehöre, für die Soldaten, wird mir immer wieder und, je älter ich werde, desto peinlicher bewußt, wieviel bei diesen Feiern im herkömmlichen Gefallenengedenktremolo verschwiegen wird, verschwiegen, wie sehr man diese Toten, die man da so feierlich ehrt, so lange sie lebten,  entwürdigt und gedemütigt hat. (…)

Ich spreche hier als einer, der, wenn auch widerwillig, hinter dieser Fahne hermarschiert ist. Ich nehme mich nicht aus, erlaube mir nur, mich im Jahre 1970 ausdrücklich, nachdrücklich und endgültig aus einem Rahmen zu entfernen, der in Anwesenheit der überkommenen Trinität Staat, Kirche, Armee eine Woche der Brüderlichkeit eröffnet.

Ich schlage vor, daß die Veranstalter in Zukunft auf Namen und Rahmen verzichten und hier einen Bundeswehrsoldaten, einen Bundeswehrdeserteur und einen Kriegsdienstverweigerer über Brüderlichkeit sprechen lassen. Diese drei, jeder auf seine Weise Vertreter einer verfemten Minderheit, können das besser als ich.

Natürlich sollten auch die anderen Vertreter verfemter Minderheiten nicht vergessen werden: die Gammler, die Langhaarigen, die Schmutzfinken, die Obdachlosen, die Asozialen und auch jene adretten, auf Strebsamkeit angelegten Wohnungssuchenden, die ein Viertel oder ein Drittel ihres Einkommens für die Gnade bezahlen müssen, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Wagen wir, von Brüderlichkeit zu sprechen? Ich wage es nicht.

Ich höre Hohngelächter… (…)

Es ist die Stimme einer Herrenwelt, der es gelungen ist, auch den einzigen Bruder, den wir je gehabt haben, zum Herrscher und Machthaber zu machen.

Auch er ist eingerahmt worden. Sein Reich der Brüderlichkeit konnte nicht entstehen. Da, wo es zu entstehen drohte, wurde es in seinen Rahmen zurückgedrängt, in den härtesten aller Rahmen, der Herrschaft heißt, sich auf Besitz gründet und auf der Trinität, Staat-Armee-Kirche ruht. (…)

Zum Schluß möchte ich Ihnen eine Eintragung aus Ernesto Che Guevaras bolivianischen Tagebuch vorlesen. Unter dem 3.6.1967 lese ich dort: „Gegen 17 Uhr tauchte der Militärwagen von gestern mit zwei Soldaten, die in Decken eingewickelt auf dem Bett hinter dem Fahrersitz lagen, wieder auf. Ich fand nicht den Mut, auf sie zu schießen, schaltete auch nicht schnell genug, sie anzuhalten. Wir ließen sie durch.“ (…)

Ich erlaube mir nur, diesen Satz als einen brüderlichen zu interpretieren. Geschrieben vom Befehlshaber eines revolutionären Kommandos. (…)

Die Herren zögern nie, Schieß- und Prügelbefehle zu erteilen, getroffen werden sie nur selten. Es tötet einer wohl immer seinen Bruder. Nach Beendigung der Feindseligkeiten behandeln sich Herren und Befehlshaber gewöhnlich mit immer ausgesuchter Höflichkeit.

Ich empfehle Che Guevaras Satz nicht nur denen, die sich zu ihm bekennen, viel mehr noch empfehle ich ihn jenen, die in Polizei- und Militärkasernen ausgebildet werden, Herrschaft zu schützen. Und ich empfehle ihn allen regulären und irregulären Bombenlegern und Bomberpiloten, die blindlings töten.

Auch allen Henkern und den Gehorsamen, die nur Befehle zu vollstrecken glauben, empfehle ich den Satz Che Guevaras „ich fand nicht den Mut, auf sie zu schießen.“ (…)

Und eine Prämie werde ich persönlich jedem Polizeibeamten zahlen, der vor einem deutschen Gericht aussagen würde: Ich fand nicht den Mut, sie niederzuknüppeln, sie niederzureiten, sie in die Fresse und über den Kopf zu schlagen, ich fand nicht den Mut, den Wasserwerfer auf die zu richten, die gegen jenen Herrn und Herrscher demonstrierten, der erst nach der dritten Aufforderung es für notwendig hielt, vor einem deutschen Gericht zu erscheinen und für sein Nichterscheinen mit einer Strafe belegt wurde, die ihn kaum so hart treffen dürfte, wie mich, den Polizeibeamten, der Verlust einer Schachtel Zündhölzer. Eine Prämie für jeden Polizeibeamten, der den Mut nicht findet.“

1970      Kellerabende

Dann waberte, besonders an Wochenenden, überall der Vietnamkrieg umher. Im Café am Park, der gemeinhin „Keller“ genannt wurde, verkehrten auch viele amerikanische Soldaten. Manche von ihnen waren großzügig und kameradschaftlich, viele dabei auch wie zufällig in ihren Job „Butchering“ geraten. Man verstand sich gut, und Felix begann Englisch wieder in freier Rede zu praktizieren.

Claude sollte er erst an Fastnacht auf einem Maskenball im katholischen Kindergarten kennenlernen. Komisch war, daß sie Heidrun gut kannte, sogar befreundet waren die jungen Frauen. Dann hatte sie auch Brecht gelesen… und ein Schiff mit acht Segeln!

Sie zitierte nicht, sie sang es! Ihr Vater hingegen spielte gelegentlich Geige; nichts davon war Eisler, wie der alte Mann kurze Zeit später in der Nachbarwohnung in der Schillerstraße in Berlin.

1970      Zwei Ameisen

Holger und Felix saßen in reiner Männerrunde im Keller und kamen schnell auf ihr Hauptthema: Wohin gehen wir? Beide wollten sie raus aus dieser kleinen Stadt, aber wohin? Kennst du das von Joachim Ringelnatz?

Das von den zwei Ameisen? Genau, sagte Felix, und verschwieg dabei, daß er sich mit einiger eigenen Entschlossenheit bereits ein Einreisevisum bei der australischen Botschaft besorgt hatte.

_____________________________________

* Erich von Dänicken: Zurück zu den Sternen/* Mirko Jelusich: Hannibal/* T. E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit

————- ———- Ende des Ersten Kapitels  —————————————

Abbildungen

Einband und Schutzumschlag          SKORPION * Foto: Bernd Schuster.

1. Kapitel

3             Mutter, Vater und Felix 1954 * Die Aufnahme entstand bereits im Juli 1953 auf dem Treppenaufgang des Elternhauses in Bad Betteldorf…13             Es gibt kein richtiges Leben im falschen – Theodor W. Adorno * Bildquelle unbekannter Herkunft, vermutlich als Verlagsprospekt um 1990 (stark verändert). Sowie Zeichnung des Autors 1971. Zit. Adorn

27             Oberhalb von Alassio – Erich in Italien *. Juli 1944 – in den sonnigen Bergen bei Savona. Nach einem Foto aus dem Kriegsalbum des Vaters

  • Es waren Matrosen * Glückstadt/ Elbe. 3. Marineausbildungsbataillon. Der 3. Zug der 3. Kompanie vor dem Block Berlin, nach einer 3-Tage Übung und einem 30-km Marsch mit Gefechtsübungen im Juni 1968. Felix (x) hält sich lachend an seinem Maschinengewehr fest. Nach dem dritten (?), unaufgefordeten Foto des ortsansässigen „Standort-Fotografen“, der ansonsten auf Hochzeiten und Kindestaufen spezialisiert war, denn bei Beerdigungen werden nur selten Standfotos gemacht.

35                                         Triumph 1954 * Werbeanzeige DAS BESTE aus READER‘S DIGEST.

39       Unsere Bundeswehr stellt Freiwillige ein * „…Plakat: Heidelberg (84 x 118). Nach dem Kriegsende ist Deutschland entmilitarisiert worden. Mit den wachsenden Spannungen zwischen Ost und West verstärken sich die Tendenzen, die Bunderepublik an der westlichen Wehrgemeinschaft zu beteiligen. Nach den Pariser Verträgen (…) wird das Grundgesetz geändert und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Am 8. Mai 1955 (auf den Tag genau, zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs) tritt die Bundesrepublik Deutschland der NATO bei. Eine Generation, die sich (wieder einmal) nicht an den Krieg erinnert, soll für den Soldatenberuf interessiert werden.“ Friedrich Arnold, Hrsg. (1963): Anschläge – Deutsche Plakate als Dokumente der Zeit 1900 – 1960. Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München. (Anhang VI/11; Hervorhebungen und hinzugefügter – unterstrichener – Text durch den Autor).

  • Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau 1953 * Stuttgart (30 x 42 und Großformate). „Der politisch Stil Nachkriegsdeutschlands hat sich gegenüber dem der Weimarer Zeit wohl entspannt; aber die Methode, Andersdenkende zu diffamieren, ist nach wie vor eine Versuchung. Das Plakat suggeriert dem Betrachter, die Politik der auf Karl Marx zurückgehenden – aber eindeutig demokratischen und antitotalitären – SPD ende im Bolschewismus. Es führt zu einer Auseinandersetzung im Bundestag, die aber nichts daran ändert, daß ähnliche Unterstellungen weiterhin die Wahlergebnisse beeinflussen.“ Friedrich Arnold, 1963, ebenda.

Nicht die SPD, nur die KPD wird 1956 unter Adenauer vollkommen verboten. Alle Wege des Marxismus führen nun zunächst nach Ostberlin.

  • Immer die Radfahrer.* Werbeanzeige aus der Tageszeitung  „Aar-Bote“ Amtliches Verkündungsblatt des Untertaunuskreises, 1957, heute Rhein-Main-Presse, die nicht wegen ihres CDU-Lobbyismus, aber an ihren 68 % (!) Werbeseiten im redaktionellen Teil des Blattes mangels fehlender Leser bald in den Konkurs gehen soll.
  • Irgendwann, noch heute, wird Felix diese mehr als überflüssige „Tagesbroschüre“ abbestellen; die wenigen ihm vorausgehenden, interessanten Todesanzeigen und neue amtliche Zubebauungspläne sind ihm dann sicher auch egal.

57                         Leutnant Karl Rock auf seinem letzten Urlaub * Nach einem in der Verwandtschaft über mehr als fünfzig Jahren weitverbreiteten Foto aus dem Nachlaß von Felix‘ Tante Elli. Aufnahme: verm. Anfang 1944.

75             Kriegsdienstverweigerer * Butchering! Nach Zeichnung d. A. 1971.

79             Matrose Felix Kusch, 220548 K 4171 * Nach dem Foto des Truppenausweises, Frühjahr 1968.

96             Liebe zum Vaterland ist Pflicht * Textkopie aus konfessionsfremd angeeignetem Taschenkalender für katholische Soldaten 1969, S. 95.

  • Liebe zum Vaterland ist Pflicht * Abbildung aus Taschenkalender für katholische Soldaten, ebenda, S. 96.

ANMERKUNGEN und QUELLEN

1. Kapitel                 MEIN ÖKOTOPIA

Vor der Gartenlaube

1              2016 Der Antiquar – künftige Erinnerungen an Berlin.* (aus Romanmosaik – Manuskript datiert, 31. 07. 2003).

2           Reitereinsatz* Ursprünglich sollten bereits Ende der siebziger Jahre die Stallungen der Polizeigäule im Grunewald leerstehen… zumal seit langer Zeit Polizeisäbel öffentlich nicht mehr erlaubt, diese auch längst der elektronischen Rasterfahndung zum Opfer gefallen waren, hat Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die sehr teuren Berliner Polizeipferde nach der Wiedervereinigung des größten Armenhauses Europas symbolisch unter seine finanzielle Obhut genommen. Otto Schily spielt im Text aber ebenso wenig eine gewisse Rolle, wie Bunderaußenminister Joschka Fischer (DIE GRÜNEN), der zu jener Zeit, als die Pferde in West-Berlin im Einsatz waren, meist nur in Frankfurt war und einmal in der Nähe des Springer-Gebäudes und später gelegentlich in den Straßen immer nur vollkommen friedlich spazieren ging.

3           KSV * Kommunistischer Studentenverband: entstand aus der Tradition der „APO“ und des „SDS“ Anfang der siebziger Jahre… stand der neuen KPD (maoistisch) sehr nahe (u.a. Christian Semmler, Jürgen Horlemann als Hauptkader)… eine zu straffe Organisation und eher konservatives, dogmatisches Denken und Aktionen im klassischen Sinn der deutschen Arbeiterbewegung führten Ende der Siebziger dazu, daß sich die Studenten immer mehr den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen anpaßten… mehr auf ihre alten Professoren hörten und nur noch für gute Noten lernten.

Vietnamkomitee „Alles für den Sieg“ * Zur Unterstützung im Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die US-Aggressoren: Agitprop, Spendenaktionen, Demonstrationen, Basare, Feste, Kongresse, Literatur u.a.m.

Liga gegen den Imperialismus * Unterorganisation s.o.: Aufgaben: Solidarität mit den sich vom kolonialistischen Joch befreienden, kämpfenden Völkern der Dritten Welt mit Schwerpunkten in Indochina und Afrika…

4              ADSEN * Studentenorganisation der siebziger Jahre, eher DDR-orientiert, im Spannungsbogen der untereinander idiologisch konträren westdeutschen Linken der am deutlichsten „revisionistische“ Block, wenn man jemanden vom KSV befragt hätte.

SEW * Sozialistische Einheitspartei Westberlins: Absoluter Westberliner Ableger der SED, die gemeinsam mit den sowjetischen Befreiern die DDR beherrschte, somit auch den Ostteil der Stadt, der Hauptstadt des real existierenden Sozialismus in Deutschland, wo sich in der BRD die der SEW/SED entsprechende DKP in allen Ecken eingenistet hatte.

Ein moderates Pendant der DKP erschien nach der „Wende“ mit der PDS (ehem. SED), die mittlerweile sogar die Grundprinzipien des Kapitalismus anerkennt, ähnlich wie es DIE GRÜNEN mittlerweile sogar mit dem Krieg (!) halten. „Machtbesessene, verlogeneWendehälse sind sie allesamt! Die

sind damals schon zu perfekten, antirevolutionären Schweinen geworden!“ Kurt Boesknecht (2014): Von der Startbahn auf den Regierungssessel (Thron)Karrieren von Alt-Linken in Deutschland. S. 24 f.

5              Zwiebelpitza * Im Petit Europe, Kleistpark Ecke Langenscheidtstraße, gab es für die Drei aus Unna und Felix die beste Pizza Berlins, das am besten gezapfte Pils (wenn es auch nur aus Leitungswasser (!) gebrautes Industrie-JEVER war), so war die „Spezie“ doch einmalig . . . Rainer, einer der Wirte, stand oft vor der Tür und begrüßte sie mit seinem freundlichen, speckigen Gesicht. Weil er wie sie meist unrasiert war, ergaben sich oft gute Gespräche über den Sinn und den Unsinn in der Welt.

6              „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ * wie der Kernsatz: „Das Volk ist Opium fürs Volk“ eine vielzitierte Aussage der Frankfurter Soziologen Theodor W. Adorno, Mitbegründer der „Frankfurter Schule“, dem 2003 zum 100. Geburtstag ein Denkmal und ein ganzer Platz gewidmet wird, wobei Petra Roth, die CDU-Oberbürgermeisterin, ganz bestimmt nicht in Lobeshymnen ausbrechen, eher in politisch vernünftige Pragmatik verfallen wird: „Wenn mein verehrter Parteikollege Roland (Koch) Hessen auch weiter zusammensparen muß, die Gründe sind Ihnen allen hoffentlich nicht wirklich bekannt, bis das schöne Land womöglich ganz von der Bildfläche verschwindet, sind wir in Frankfurt, dem ehrwürdigen Hort des Kapitals, schon froh, daß noch etwas davon übrig bleibt: Das Andenken an große Menschen dieser Stadt, solche und solche, muß dabei gewahrt werden. Wenn es auch nur ein Denkmal ist, welches wir uns heute nach langen, fairen, aber, dem Himmel sei Dank, demokratischen Auseinandersetzungen einzuweihen die außergewöhnliche Ehre geben…“

7                             1994 Vor der Gartenlaube (Romanmosaik. Manuskript datiert vom 14.11.1998)

8              Apfelbaum * „Wenn diese Apfelbäume gefällt werden müssen, dann stirbst du auch“, sagte Hansi einmal und konnte dabei nicht ahnen, daß Gudrun und Maike einige Jahre später ähnliches vermuteten, und sich dabei rechtzeitig aus dem Staub machten.

9              1964 Sonja. Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück * von Gotthold Ephraim Lessing (1764) gilt als das erste deutsche Lustspiel und hatte nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Staatsraison große, andauernde Bühnenerfolge. Der Klasse von Felix, Paul und den zweiundzwanzig anderen SchülerInnen machte es großen Spaß, in verteilten Rollen zu lesen… Sonja war natürlich ganz heimlich auch begeistert! Schon Goethe, der als Student bereits in vielen Bereichen sehr rührig war, rühmte dieses Werk als „wahrste Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommen norddeutschem Nationalgehalt.“ Tatsächlich wurde es 1767 in Hamburg uraufgeführt, fast in der Nähe des noch mehr norddeutschen Ortes, in dem Lea fast zweihundert Jahre später geboren werden sollte.

  1. 1948 Der Zug war pünktlich… (Titel von Heinrich Böll) Nachkriegszeit *: historisch (auch statistisch) unhaltbare Bezeichnung, die wirklichen Frieden bloß assoziieren soll; durch das egoistische bis ignorante Denken einer Wohlstandgesellschaft erfundenes Zustandsmodell des Konsumfriedens in den reichen Ländern, in einer Welt anderswo andauernder (gesteuerter) Kriege und (sozialer) Konflikte, nach wie vor.

11            Der Mehrwert * Bereits in der von Karl Marx entwickelten Arbeitswertlehre wird nachgewiesen, daß jegliche produktive Herkunft einer Ware am Markt allein auf der Wertschöpfung durch angeeignete Arbeit beruht, somit Quelle jeglichen Profits im Kapitalismus und letzlich Grundlage der Aus-beutung des Menschen durch den Menschen ist… vgl. u. a. Ernest Mandel (1979): Einführung in den Marxismus. S. 43 ff.

12            1949 Gründung der Nato. Rosinenbomber * so wurden die bei der Berliner Luftbrücke (Blockade von Berlin-West durch die Sowjets) 1948/49 eingesetzten alliierten Flugzeuge (die Bombennächte waren aber nicht bei allen vergessen!) von der notleidenden Arbeiterbevölkerung durchaus liebevoll genannt „…erst kommt das Fressen, dann folgt die Moral!“

13                           1949 Von Menschen und Käfern. Quarzbrocken *              vgl. 2016 Steine (2)

14            Einrich * regionale Bezeichnung der Kulturlandschafts im westlichen Hintertaunus (zum ehem. Herzogtum Nassau / Grafschaft Katzenelnbogen)

15            1950        Leukoplastbomber L 300 *, nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls altertümlichen Mitsubishi L 300 des Autors, den er leider gegen den VW-Campingbulli eingetauscht hat, und mit dem er gelegentlich zu Baumärkten fährt, um dort ebenfalls über EURO-Preise zu staunen, oder seine nun 86jährige Mutter zum Kegeln bringt, in eine halb leerstehende Kurklinik hoch auf den steilsten Berg der Stadt, weil es in der modernen Stadthalle (?) der Kur- und Kreisstadt Bad Betteldorf noch nicht einmal eine Kegelbahn gibt.

16        1951 In der Bundesrepublik… Ein Preisverlust * Ritchie Calder (1961): Die Erben des Prometheus – Die Geschichte vom Menschen und der Welt, die er sich schuf. Econ-Verlag, Düsseldorf/ Wien. S. 315.

Dag Hammarskjöld * stürzte unter bis heute nicht geklärten Umständen mit dem Flugzeug ab (was eine beliebte Methode war und ist; ähnlich erging es einem sehr populären italienischen Wirtschaftsführer, der vermutlich fortschrittlichen Kräften im Land zu nahe stand, damit den amerikanischen NATO-Plänen im Mittelmeerraum (Naher Osten –Lybien) im Wege war; dann auch noch die Idee hatte, die nicht unbeträchtliche italienische Ölindustrie mit der amerikanischen zu koordinieren, was ähnlich den Franzosen bis heute noch nicht gelungen ist (Elf-Aquitaine-Skandal, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, Kanzler Helmut Kohl u.a.).

17            1952 William Paley * US-Untersuchungskommission… Ritchie Calder (1961): Die Erben des Prometheus – Die Geschichte vom Menschen und der Welt, die er sich schuf. Econ-Verlag, Düsseldorf/ Wien. S. 315 f.

  1. 1952 „Hat die freie Welt…“ *Konrad Adenauer…vgl. Erich Fromm (1981): Jenseits der Illusionen – Die Bedeutung von Marx und Freud. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. S. 29.
  2. 1953 Erstbesteigung des Mt. Everest. Edmund Hillary * vgl. Edmund Hillary (1975): Nothing Venture, Nothing Win. Hodder and Stoughton, Sevenoaks, Kent. Im Index erwähnt Hillary seinen Serpa Tenzing Norgay

… an 10 Stellen. Koch * (?) frei nach B. Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters. „… und Alexander der Große eroberte die Welt! Hatte er denn keinen Koch bei sich?“

  • 1953 Der Schatten des Elchs. 1900 * Boxeraufstand in China… und in Bad Betteldorf werden auf einem Gartengrundstück drei Apfelbäume gepflanzt (Rheinischer Boskopp). Um das Grundstück wird ein hoher Staketenzaun errichtet, die dicken Pfosten sind aus deutscher Eiche, die Latten aus Fichtenholz, welches die Preußen in in Reih‘ und Glied in die einheimische, staatliche Forstwirtschaft gepflanzt hatten.

21            1954 Banknachbarn. Justizskandal *   1979 wird erstmals die Tätigkeit des damaligen Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger als herausragender Nazi-Marinerichter gerichtlich untersucht; er hatte u.a. unmittelbar vor Kriegsende noch schnell einige, junge Matrosen wegen geringster menschlicher Vergehen verurteilt und ermorden (hinrichten) lassen.

22            1954 Eselsbrücken führen uns zu Tugend und Vernunft. Fleiß, Gehorsam… * Lieder, welche am Tag des Schul-Jugend-Festes in Ravensburg gesungen werden. Ravensburg: Gradmann 1811. In: Hans Magnus Enzensberger (1988): Mittelmaß und Wahn – Gesammelte Zerstreuungen. Suhrkamp Verlag, Ffm. S. 65, vgl. a. dortige Anmerkung.

23        1955 Manöver: Neger*   Für Farbige oder Schwarze war diese kolonialistische, geringschätzende Bezeichnung damals noch absolut üblich. „Neger“ dienten auch in der US-Army für alle modernen Kriege als willfähriges „Kanonenfutter“ fast nur in den untersten Rängen; wie weiterhin Söhne (und Töchter) aus den unteren sozialen Schichten überproportional vertreten sind.

24        1956 Das Messer mit dem Aluminiumgriff: Coca-Cola* Die versuchte militärische Besetzung Kubas 1961 durch „US-amerikanisch geführte“ und exilkubanische Truppen wurde im Vorfeld massiv durch die Wirtschaft unterstützt: Vor allem hat sich dabei „Pepsi-Cola“ besonders hervorgetan. Welche Rolle dabei „Coca-Cola“ und andere spielten, bleibt im Dunkeln. Rülps! (Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Das Verhör von Habana).

25            1963 Sportstunde. Die Brücke * Eindruckvoller bundesdeutscher „Anti-Kriegsfilm“, der sich deutlich von den damals üblichen unterschied. Regie: Bernhard Wicki. Felix hatte für seine Klasse den „Filmvorführer-Schein“ bei der Kreisbildstelle erworben, er war automatisch auch in der Jugendgruppe mit dieser Aufgabe betraut. Einmal zeigte er seinen dortigen Freunden den obigen Film, aber nur einer (Roland) verweigerte später den Kriegsdienst, wurde später sogar ein ordentlicher Studienrat, obwohl er wie Felix im KSV und in der Vietnam-Hilfe-„Alles für den Sieg“ (vgl. Anm. 1/3) sehr stark engagiert war; natürlich in fast umgekehrter zeitlicher Reihenfolge.

26        1956 Wenn der Senator erzählt. „Mitten im Krieg…“ * Franz Josef Degenhardt (1978): Komm an den Tisch unter Pflaumenbäumen – alle Lieder von Franz Josef Degenhardt m. Zeichnungen von Getrude Degenhardt. Vorwort Heinz Ludwig Arnold; vgl. „Wenn der Senator erzählt“, S. 40 f.

27        1956 …ATV-München * Abwassertechnische Vereinigung… Fachmesse u.a. für Klärtechnik… den heutigen in Frankfurt a. Main stattfindenden „Interklo“-Messen vergleichbar.

28        1957 Opas Witz mit dem Fliegendraht. Anthropogeographie…* Daß Felix bei seiner Diplomprüfung in diesem Prüfungsfach bei Professor Wilhelm Wöhlke nicht so glänzend wie in Physischer Geographie und Geologie bei Karlheinz Kaiser und Johannes Liedholz abschnitt, mag in seiner rebellischen Haltung gegenüber der in die „Reformzeit“ verschleppten Politisierung der Geographie, als Teil der „völkischen“ Erd- und Länderkunde gelegen haben, wird sicher aber mehr in der ausgeprägten Subjektivität von beiden Seiten zu suchen sein. W. Wöhlke war aber, so wie K. H. Kaiser wegen ihrer fächerübergreifenden Systematik für den „Generalisten“ Felix von großer, nachhaltiger Bedeutung.

29            1958 „Heim ins Reich“ 1938 Anschluß Österreichs an Nazideutschland… Noske’s Antibolchewismus * Die bereits während der Novemberrevolution in Deutschland (1918) von sozialistischem Gedankengut entfernte SPD-Führung holte den strammen SPD-Mann Noske von Hamburg nach Berlin, wo er skrupellos auf die Arbeiter schießen ließ: „Einer muß der Bluhund sein!“ sagte Noske und war damit selbst konservativen Kräften, auch den Deutsch-Nationalen (Hindenburg-Fans, wie Felix‘ Großvater) nicht unwillkommen. Vgl. u.a. Richard Wiegand (Hrsg.) 1974: „Wer hat uns verraten…“ Die Sozialdemokratie in der Novemberrevolution 1918/19. Oberbaumverlag, Berlin. Arthur Rosenberg (1961-1): Entstehung der Weimarer Republik. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main. Ders. (1961-2): Geschichte der Weimarer Republik. Skandiert wurde von den Arbeitern damals schon, dann in den schweren politischen Auseinandersetzungen während der „Weimarer Republik.“ „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Wer hat Recht? Karl Liebknecht!“

30            1962 Spiegel-Affäre… Hähnchen aus dem Wienerwald * In einer zweiten Phase des Wirtschaftswunders, die nach der scheinbaren Deckung der wichtigsten Grundbedürfnisse in der BRD einsetzte, schwappte die „Freßwelle“ über die westdeutschen Mägen, zumal die Gehirne, was statistisches Wahlverhalten und Eßgewohnheiten betrifft, schon damals nahezu ausgeschaltet worden waren. Lange vor dem globalstrategischen Auftrag der US-amerikanischen McDonalds entstand ein Imperium, das des „Hähnchenkönigs Jahn“ aus München, der seine „Wienerwald-Kette“ mit normierten Restaurants über das ganze Land zog, doch auch schon in südländische Zentren deutscher Urlauber hinein, wo sie nicht nur deutsches Bier saufen, sondern auch „gut deutsch“ fressen konnten.

  • 1963 Auschwitz-Prozess * Dieser„Schauprozeß“ hatte seine Ventilwirkung. Wegen des unerträglich gewordenen gesellschaftlichen Drucks aus der unbewältigten Vergangenheit, entstanden durch die allgemein bekannte Tatsache, daß „alte Nazis“ wieder auf den wichtigsten Posten hockten, wurde ein pressewirksamer Bühnenakt aufgezogen, der erst richtig makaber wurde, als auch hier, wie bereits nach anderen Prozessen (u.a. Nürnberg) viele der zu langjährigen Haftstrafen Verurteilten (insbes. Führer der Wirtschaft) bald schon wieder auf freien Fuß kamen, und wieder kräftig, offiziell rehabilitiert, an der Konsulidierung von Staat, Kirche und Militär, dabei meist in der Wirtschaft positioniert, mitarbeiten konnten. Die Weichen waren von Anfang an und längst gestellt worden. Eichmann, kein wichtiger Wirtschaftsboß, und wie so viele andere in Südamerika untergekrochen, wurde zu passender Zeit eigenhändig von Israelischen Geheimdienstlern verschleppt und hingerichtet.

Friedrich Flick Senior *, später ein guter Freund Konrad Adenauers, „spendete“ bereits 1933 an Himmler persönlich 120 000 Reichsmark (nach anderen Quellen waren es 200 000). Als zahlendes Mitglied des Freundeskreises Reichsführer SS, überwies er jährlich 100 000 Mark auf das „bekannte Sonderkonto S.“ Aber auch Brüning, Hindenburg (1 Mio !) Schleicher, Papen und Stresemann erhielten immense Summen. In Nürnberg wurde Flick 1947 als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, im August 1950 aber, wie andere, vorzeitig freigelassen „…genau einen Tag, bevor Adenauer vor den Hohen Kommissaren der Besatzungsmächte in aller Form um die Aufstellung einer westdeutschen Armee nachsuchte. Das Rüstungsgeschäft konnte wieder beginnen.“ Hans Magnus Enzensberger (1988, a.a.O., S. 123). Eine Dokumentation zu Auschwitz erscheint 2004.

32            1963 Biene (2). Legion Condor * Von Hitler zur Unterstützung des faschistischen General Franco in den Spanischen Bürgerkrieg geschickten Luftwaffeneinheiten wurden durch ihre neu entwickelten „Stukas“ berühmt berüchtigt. Ein erster totaler, insbesondere die zivile Bevölkerung vernichtender Bombenangriff, der in sich eskalierender Form (bis zu den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki) später im Zweiten Weltkrieg auf England, dann umgekehrt auf Deutschland, zur Vollendung weiterentwickelt wurde, traf auf das kleine Provinzstädtchen… (weiter Anmerkung 33)

33            Guernica *, welches vollkommen vernichtet wurde. Die Legion Condor der Nazi-Luftwaffe lebt bis heute im Namen der Lufthansa-Tochter „Condor“ fort, und auch die fliegt u.a. Sextouristen nach Bangkok. So wird der Zusammenhang zwischen dem Auftrag völkermordenden Banden (von Guernica bis Vietnam, von Afghanistan bis Irak) und der sich global verbreitenden Kinderarbeit und Kinderprostitution durch christlich-abendländisch versklavte Menschen sehr deutlich. Guernica hatte auch Pablo Picasso als Künstler stets vor Augen – die Sehnsucht der Menschen nach einem wirklichen Frieden drückte er nicht nur in Tauben aus, sondern in einem Bild: Guernica! Nicht dieses, aber Kreuze und sogar Kruzifixe hängen heute noch in unseren Schulen, per Dekrete, weil Schwerter doch Waffen sind und seit der Allierten-Besatzer-Verordnungen in Deutschland ganz streng verboten sind. Wer gekreuzte Schwerter sehen will, der muß sich eine Bundeswehruniform anschauen, in ein Museum oder auf eine Ritterburg gehen, oder im Fernsehen die Welt betrachten, die leicht wie ein Condor über allem schwebt, dabei nicht wie ein bloßer Vogel gelegentlich in die Tiefe schaut, denn irgendwann wird auch er wieder landen müssen.

Jeder Greif hat Opfer gefordert, nur manche sollte man dafür totschlagen!

34            1964 Wer ist Hannes Wader? Horsti Schmandhoff * Franz Josef Degenhardt (1978): Komm an den Tisch unter Pflaumenbäumen – alle Lieder von Franz Josef Degenhardt mit Zeichnungen von Gertrude Degenhardt. Vorwort Heinz Ludwig Arnold; vgl. „Horsti Schmandhoff“, S. 30 ff.

Sturm und Drang

  • 1944 Randliche Szenen: An der russischen Front…  Iwan*: der russische Gegner wurde in der Sprache der Landser „Iwan“ genannt; ähnlich, wie Franzosen im WK I deutsche Soldaten als „Fritz“, Angloamerikaner im WK II solche als „Fritz“ oder „Krauts“ bezeichneten. Iwan, im Russischen Johannes, war der Name einiger Zaren, auch „Iwan der Schreckliche.“
  • 1967 Anette. Ernst Haeckel * Zoologe (1834-1919). Stützte durch seine Forschungen den lange umstrittenen (bis in die sechziger Jahren des 20. Jh. in den USA in einigen Bundesstaaten bekämpften) Darwinismus und verhalf ihm in Deutschland zu seinem endgültigen Durchbruch. Später befasste er sich mit naturphilosophischen Fragen und begründete die materialistischen Grundsätze des Monismus. Die Welträtsel: erschienen bereits 1899. Darin u.a. die Kritik am „Götzenkult“ des sicher nicht monotheistischen Christentums (Drei Götzen: Vater, Sohn und Heiliger Geist, deuten auf eine der politischen Herrschaft nützliche, archaische, also primitive Kultform hin).
  • 1968 In Vietnam brennen Menschen… Dir Land voll Lieb‘ und Leben… Ich habe das deutliche Empfinden * Willy Brandt, VORWÄRTS (Parteiorgan der SPD) am 14.11. 1968.
  • Das Eigentum…* J. Bergmann: Selbstverurteilung. Zit. n. Maximilian Bern (1917): Die Zehnte Muse (Eine Anthologie), S. 272. Verlag Otto Elsner, als neue, verbesserte Aufl., Berlin.

39        1986 Erinnerungen an Bremerhaven. Flying-P-Liner * Die einst der traditionellen Reederei F. Laeisz in Hamburg gehörenden Großsegler trugen, als Vollschiffe getakelt, Namen mit „P“, so Padua, Passat, Preußen… Bis das Kapitel der Handelschiffahrt unter Segel endgültig geschlossen wurde, segelten sie insbesondere mit Salpeter/ Guano (für Düngung und Sprengstoffe) aus Chile und Weizen aus Südamerika. Als die „Pamir“ am 21. September 1957 im mittleren Atlantik sank, hatte sie eine Ladung Weizen an Bord.

40                           1968 Letter from Brenda. Du liebe, süßvertraute… * Anton Wildgans *

(o.Jg.): Polterabend, (Auszug), in: Herbstfrühling – Leben. Axel Juncker Verlag. Zit. n. Maximilian Bern (1917): Die Zehnte Muse. Vom Brettl, fürs Brettl. (Anthologie), Verlag Otto Elsner, neue, verbesserte Aufl., Berlin.

41            1968 Letter from Brenda. Axel Springer * Die junge amerikanische Studentin ahnte nicht, daß sich ein gutes Stück des Muffs von tausend Jahren unter der BILD-Zeitung angesammelt hatte, und man nun daran ging (Paul war da keine Ausnahme), den Cäsar von seinem gläsernen Thron zu stoßen, ihn zu entlarven, denn seine Talare waren nicht wirklich da, all die alten Säcke waren nackt… Brenda ahnte von allem vermutlich nichts.

42            1968 Olpenitz * an der Schlei, nördlich von Eckenförde und bei Kappeln an der westlichen Ostsee gelegen (Ansteuerung Langeland/ Südspitze: Kurs 270!), war 1968 neuer Stützpunkt des 5. Schnellbootgeschwaders der Bundesmarine. In den „Bootsstuben“ waren sie zwar nur selten, dennoch dekorierten sie diese nach Gutdünken, allein, um ihre innere Führung damit zu irritieren. Wichtiges Hilfmittel war die Satirezeitschrift PARDON *

43            1969 Nacht auf dem Tender Main. Panta rhei * Altgriechisch: Alles fließt… kein Tropfen Wasser in einem Fluß bleibt am gleichen Ort… wurde zum philosophischen Synonym für die Veränderbarkeit der Dinge… des Sinns?

44            Die Hundemarke * Gedicht um 1980, am Originalschauplatz, in Bad Betteldorf in seinem alten Zimmer entstanden.

45            1970 Nicht nur auf den Scheißhäusern… RAF * Abkürzung für „Rote Armee Fraktion“; Baader-Meinhof-Mahler-Gruppe: Höhepunkt der antiimperialistischen Gewaltakte war der „Deutsche Herbst“… Liquidierung führender Wirtschaftsbosse und Politiker. Modernisierung des Staatsschutzes… Etwa 6 Millionen Bundesbürger wurden vom „Verfassungsschutz“ überprüft… Einführung der Schleyer-Fahndung… Finaler Todesschuß (z.B. auf dem Bahnhof in Bad Kleinen) etc. Diese Art der „Terroristen“ wurden als „anarchistische Gewalttäter“ bezeichnet, man brauchte sie dabei nicht zu erfinden – sie waren, ohne Übertreibungen der Propaganda, tatsächlich da, wenn auch meist im Untergrund und vom politischen Geschehen, auch in der westdeutschen Linken insgesamt, sehr stark isoliert. Solidaritätspolster!

46            1970 Claude (1). So wie in alten Märchen… * Gesichter und Gedichte, Berlin um 1972 (unveröffentlicht).

47            1970        „Wir sind nicht frei – wir sind nicht gleich…“ * Zitat nach Tagespresse vom 11.03.1970. Heinrich Böll * hielt im März 1970 in Köln-Gürzenich eine seiner berühmten „Festreden“, diesmal zur Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit, bei der er gleichzeitig demonstrativ seinen „Rücktritt“ als Festredner bei solcherart Anlässen ankündigte. (Hervorhebungen im Zitat d. d. Autor); vgl. Anm. 2-Epilog: Cicero… Ù Orator.

Im gleichen Jahr bekam Felix von Claude einen DUDEN für Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter geschenkt, den er seitdem oft bemüht hat und dabei stets an sie denkt, ein Grund mehr, gelegentlich auch praktische Bücher zu verschenken.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s