INSELJAHRE – Als Lesebuch: Tagesmotto 01/21/2019 . . . Die Sehnsucht nach Heimat: Bloße Gedanken (1) – INSELJAHRE Band 18

Gedanken kommen und gehen. Wenn man sie aufschreibt, sind sie nicht weniger als bleibende Schatten. (Foto: Über den Tonle-Sap-See auf dem Weg nach Battambang. Kambodscha, Januar 2016. GSK )

Blosse

Die Sehnsucht nach Heimat: Bloße Gedanken (1) – Skizzen & Notizen.

INHALTSÜBERSICHT

Blosse Gedanken:  7; Glaubensfragen: Weshalb ich nicht glaube – die Logik im Zirkelschluss 53; Woran ich glaube  67; Die Stummheit der Fische  77; Inseljahre (Wallace) 89; Über den Ölbaum  101; Roots – die jüdischen Wurzeln  107; Nachts schlafen die Ratten nicht  113; Wir wohnen hier nicht mehr  119; Erinnerungen an Giordano Bruno 128; Über Wahrheit (Brecht) 132; Mani Pulite 133; Wanderungen in Deutschland: Schwabinger Spaziergänge 135; Volkstrauertag zum Dauertiefstpreis 144; Wir leben hier nicht mehr 144; Goldgruben  145; Auf der Suche nach Wahrheit  148; Wandertag  149; Bericht an eine Kommission aus dem Jahr 2015   151; Dokumentarisches: Pula  159; Zurück in Bad Betteldorf  187; Bloße Erinnerungen ; Traumland  189; Wörterbuch zur Verschleierung diverser Zustände (2) 199; Mein kleines Literaturlexikon  209; Gedichte: Tags und Nachts  237; Alltägliches Sammelsurium  249; Zum Schluß  261; Anhang: Literaturverzeichnis  263; Vollständiges Inhaltsverzeichnis  267;

Zum Korrekturexemplar

Die Leserinnen und Leser dieses Manuskriptes sind ausdrücklich gebeten unentgeltlich und ohne Ansehen der handelnden Personen Korrektur zu lesen und dies dem Autor in geeigneter Form zugänglich zu machen. Rechtliche Hinweise. – Deutsche MinisterInnen und Würdenträger aufgepaßt! Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die des Druckes, des öffentlichen Vortrags, der Rundfunksendung und der Fernsehausstrahlung, der handschriftlichen, fotomechanischen und elektronischer Wiedergabe, analytischer „dienstlicher“ Datenerfassung per Algorythms, insbesondere bei altbackenen Plagiaten der „PolitikerInnen-Dissertationen“, auch einzelner Teile.

Sämtliche hier vorgestellte reale Begebenheiten und Ereignisse, die agierenden Personen (formell meist kristlichen Glaubens), Interessengruppen, auch allgemein und speziell gemachte Äußerungen und anstößige Handlungsvorschläge, beziehen sich auf eine fiktive, längst nicht mehr oder immer noch nicht existierende Insel, wobei Namensgleichheiten oder individuelle Ähnlichkeiten wegen ihrer Masse absolut zufällig ausgewählt wurden, damit also immerhin beabsichtigt sind. Für dabei gemachte Fähler und Parteilichkeiten keine Gewehr und erst recht keinerlei Flinte.

„Für Max als Dank und Versprechen.“ (Theodor W. Adorno an Max Horkheimer, in: Minima Moralia). Welch ein Glücklicher, der solche Freunde hat.

Blosse Gedanken

als Fortsetzung der „Aphorismen“, bloße Gedanken, einem brechtigen Arbeitsjournal gar nicht unähnlich.

Es gibt Produktionsweisen der Wahrheit. Bertolt Brecht

Meinetwegen dürft ihr‘s drucken lassen. Götz von Berlichingen

Bloße Gedanken (Titel vgl. Ludwig Wittgenstein ). – Ich selbst nannte diese früher Aphorismen, da war ich selber noch jünger (!) wie in INSELJAHRE Bände 7 – 8 … Assoziationsketten ohne Ende [BG Null]

Völkerverständigung. – Vieles ist nach wie vor absolut unwortverdächtig? Kein Ritt über den Bodensee. Die Prespa-Seen im Länderdreieck Griechenland, Montenegro und Albanien als Tümpel des Friedens und der Völkerverständigung? [BG 1]

Diese Art von Menschheit ist für diese Welt vollkommen überflüssig. [BG 2]

Dort, wo es keine Menschen gibt, herrscht die bloße Natur. [BG 3]

Die Natur hat keine Sprache nötig. [BG 4]

Sprache ist an Bedingungen geknüpft. [BG 5]

Fesseln sind reine Erfindungen. [BG 6]

Erfindungen sind immer auf dem Weg zu einem Ende von etwas anderem. [BG 7]

Chancen nutzen. – Das Leben bietet Tausend gute Möglichkeiten, aber jeden Tag verliert es mindestens eine von ihnen. [BG 8]

Ökotanten. – Wenn sich die hübsche Nachbarin etwas Buchweizengries an der Tür erbittet, nicht Mehl, Zucker oder Eier, so sollte sich mein Singlehaushalt auf gesündere Ernährung gefaßt machen. [BG 9]

Lippenbekenntnisse. – Politiker lügen ohne sich zu schämen – Politikerinnen lügen sogar mit Schamlippen. [BG 10]

Rätsel. – Dem naiven GI wird ständig „FUPA“ gesagt. Wann wird er dahinter kommen, dass das „Fat Upper Pussy Area“ heißt? (z. B. im Hollywoodfilm: Der Soldat James Ryan). [BG 11]

Mischungsverhältnisse. – Pazifisten, als friedliebend verteufelt, und ganz normale bestialische Mörder sitzen seit jeher gemeinsam in den Staatsgefängnissen ein. Jene, weil sie als Menschen gegen

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militaristisches Morden eingetreten sind, die anderen, weil sie aus meist egoistischen Gründen als Zivilisten bereits (einen einzigen?) Menschen ermordet haben. [BG 12]

Pflaumenmus. – Mitten im Neoliberalismus sollen knallharte Politikerinnen eine angeborene Scham besitzen – welche? Orgasmus beim Kapitalismus, that’s Karrierismus, Kanzlerinnendespotismus, erst die Kotze oder erst den Arsch abwischen? Seitenweise Kateschismus! Für vom Hunger Bedrohte helfen immer – Zehn Gebote! [BG 13]

Dave Bruback’s Sax. – Take Five – Scheiß auf‘n US-Imperialismus – aber wer könnte einem solchen Schlagzeugsolo widerstehen? [BG 14]

Avantgarde? – Avanti Popolo! Für was denn bitteschön? Astronomie? Wie weit hat die uns gebracht? [BG 15]

Jack Kerouac soll ein Beatnik gewesen sein. Seitdem die Vermarktung einer ganzen westlichen Generation vollzogen ist, wird diese Vokabel wieder aufgewärmt. Beatnik – wer war das damals eigentlich nicht? [BG 16]

Methoden der Wissenschaftlichkeit. – Eigentlich bin ich als ein gläubiger Mensch entwickelt. Wenn etwas prominent belegt wird, zitierfähig gedruckt ist, ich gar mein wahres Gemüt davon betroffen fühle und Rang und Namen irgend einen Sinn machen, so glaube ich es erst einmal – das ist der Beginn einer Diagnose – meist mit dem erwarteten Ergebnis : „Es ist ein Krebs!“ der dann still weiterwuchert, mit all seinen resistenten, bösartigen Zellen, die alle Zeiten und Gesellschaften überdauern. Die Wucherer sind es ja auch, welche den einzigen Gott, den Zinseszins, anbeten und ihn (auf Teufel komm‘ raus) mit allen Mitteln ver=HERR=lichen. [BG 17]

Die Erkenntnis des Glücks. – Es gibt immerhin auch einsame Menschen, die trotz dieses Zustandes nur sehr wenig denken. Die sind vermutlich tatsächlich einsam und ganz ohne eine Phantasie echt am Arsch, aber sie erkennen das glücklicherweise nicht. [BG 18]

Suizidgründe. – Was für die erduldete Einsamkeit gilt, das gilt auch für‘s weltweite Fernsehprogramm. Deshalb Strom für alle? [BG 19]

Rhetorisches Fasten. – Das Schweigen zur Welt. Bereits im Juni 1965 erscheint das erste „Kursbuch“ von Enzensberger – hab‘ ich! [BG 20]

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Gesinnungsterrorismus. – Die Partei die Grünen wollen das Thema Schwulsein im Schwulunterricht von Baden Württemberg weiterhin diskutiert wissen. Soweit kommt es noch. [BG 21]

Extralegale Tötungen. – Jedermann-Killen auf Befehl, nach Einübung durch die US-Army im Irak … das gehört zur Ausbildung! [BG 22]

Franz Kafka lässt IHN (den Protagonisten) am Ende von „Der Prozess“ (in ursprünglicher originalen Niederlegung?) sagen: Ich heb die Hände … [BG 23]

Auch Louis Armstrong hat geigenschwüle Doris-Day-Songs gesungen (singen müssen?) … niemand wird einst dort bestraft, wenn er mit solch einem SCHEISSDRECK hier sein gutes Geld verdient. [BG 24]

Unterhalt-Dung. – Wolfgang Dengler‘s zeitkritische Kriminalromane bei Kiwi als Taschenbuch. Hä? Brauch man‘s wirklich? [BG 25]

… und meine Seele spannte ihre Flügel aus … (Eichendorff?) [BG 26]

Im literarischen Altkleidersack: Menstruationshosen . . . [BG 27]

Bösartige Geschichtsrevisionisten behaupten, dass einige der Alliierten Fliegerbomben auf Dresden ein Kriegsverbrechen waren . . . [BG 28]

Italien lacht. – Die Schulden bei den mit Steuergeld geretteten Banken (wo sonst?!) allein des italienischen Staates betragen im Februar 2014 nach einer öffentlichen Meldung nur Zwei Billionen EURO; = also Zweitausend Milliarden EURO (nicht Lire!). [BG 29]

Das Jaspers-Syndrom. – Den Zusammenhang zwischen Heimweh und Verbrechen sieht Jaspers eindeutig: Kindermädchen (besonders die vom Land) begingen Morde an ihren Schützlingen, um dem Heimweh zu entgehen … vgl. Canetti, Kluge, Handke … aus Liebe passiert viel: Der Film … Titel … NZ/D 1994 ? (mit Kate Blanchet; ZDF-Kultur am 21.2.14 lässt zwei Mädchen eine ihrer Mütter ermorden, nur ihrer intensiven, romantischen, noch fast kindischen Freundschaft willen … [BG 30]

Die Würde des Menschen. – Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wird sie deshalb mit Füßen getreten? [BG 31]

Erinnerungen. – Je größer ich wurde, desto kleiner wurde die Bedeutung meiner Wünsche. [BG 32]

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Treppenlift-Generation. – Wem diese Kerle über‘s Internet vollkommen unaufgefordert (wie denn sonst?) Potenzmittel-Werbung und zum Geburtstag, nur gering zeitverzögert, sogar Treppenlift-Sonderangebote „posten“, der hat die 65 mit Sicherheit überschritten. [BG 33]

Arte-TV läßt weiterhin deutlich nach. – Immerhin ein fast klassischer, genial inszenierter Schwachsinn im Doppelpack: „Scheidung auf Italienisch“ und gleich danach „Diebe haben‘s schwer.“ Entweder ich verblöde auf mittelmäßigem Niveau oder ich lasse mich darauf ein, dass der Herkunftsnachweis, der originäre Geschmack in der Cinecetta, im Gegensatz zum italienischen Essen, entbehrlich ist. [BG 34]

Freihandelszonen für die USA. –Immer noch besser als der Dritte Weltkrieg! Die Europäische Union hat sich wieder einmal ein Parlament gewählt. Das ist die aller modernste Geographie der Bestechlichkeiten, die permanente Globalisierung — aber in ECHTZEIT! [BG 35]

Partnerwahl. – Der wichtigste Partner im Singlehaushalt ist der Gefrierschrank! [BG 36]

Vom Sinn der Delikatessen. – Nicht immer ist man, was man isst. Aber wenn man isst, was man ist, so scheißt man immer, was man isst. Wenn man nun wäre, was man gern äße, so äße man, was man wäre. Aber wenn man darauf scheißt, was jener wäre, wenn er das äße, was er gerne äße, so wäre man als Hungernder nicht ganz so beschissen dran. [BG 37]

Kleiner Unterschied. – Wann sagt das Englische little, wann sagt es small? „List ist nötig damit die Wahrheit verbreitet wird.“ [Bertolt Brecht]. Auch am Schluss!: Bloße Gedanken in großer Verzweiflung, dass viele über die Wahrheit gelernt haben und dieses Wissen nicht leben dürfen, weil eine winzige Menge etwas anderes glaubt. [BG 38]

Tränen der Einsamkeit. – Es ist womöglich reine Faulheit, dann die äußerst geringe Bedeutung, die Köchinnen und Köche im angloamerikanischen Raum einem wirklich guten Essen geben: fast immer sind es Erbsen und Püree, Erbsen und Chips, die es zu den phantasielosen Lammgerichten gibt. Zutaten für einen gemischten Salat zu putzen, das bereitet auch mir Schwierigkeiten, hocke ich allein tief in meiner Gruft, fernab von duftenden mediterranen Leckereien, so ich womöglich einzigst wegen diesem Mangel einmal weinte (!) [BG 39]

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Vom Pietzen der Zipfelchen. – Hat Heinrich Böll das Bumsen neu erfunden oder nur, weil es inzwischen in aller Munde war, bewusst literarisiert? Der „Schlappschwanz“ konnte hundert Jahre überleben, weil er alliterierte und weil seine sexuelle Herkunft sich niemand  mehr aufdrängt. Als „Schlaffi“ gewinnt er neue Undeutlichkeiten und erinnert an Plüschtiere. […] Das weibliche primäre Geschlechtsorgan gibt linguitisch, ob beschimpfend oder beschreibend, gar nichts Neues her. Alles heißt nach der „sexuellen Revolution“ noch genau so wie zu Großmutters Zeiten. (Leonhardt 1983) … Total tote Hose sag ich da nur. [BG 40]

Haben Zwergkaninchen ihre Tage? Antworten dazu gibt es im Tier-Forum.de … Na mein Hasi hatte blutigen Durchfall … und deswegen hat es Antibiotikum (sic) bekommen. [BG 41]

Von geiler Gier. – Die alten Böcke in Vorstandsetagen der Banken und Konzerne (Ziegen sind dort weiterhin sehr rar), die unglaublich kristlich und unmoralisch agierenden, leicht erpressbaren pedophilen, steuerhinterziehenden und/oder drogensüchtigen PolitikerInnen sind nur bedingt geil – aber barockig riechend, und instinktiv gierig (nach Geld und Macht) sind sie allemal geblieben. Macht Geldgier und Karrieresucht wenn nicht schön, so doch wenigstens geil? Affengeil? In der Zigeunersprache bedeutet „bokh“ Hunger. Wer nun die Sprache der Sinti und Roma etwas weniger beherrscht, dem erschließt sich der unausrottbare „geile Bock“, von dem Johannes Praetorius vor dreihundert Jahren in seinem Buch „Blockes-Berges Verrichtung“ weise schrieb: „Der Bock ist ein Sinnbild oder Zeichen aller geilen und verhurten Leute, welche das Reich Gottes nicht besitzen werden.“ (vgl. Leonhardt 1983) Sei’s drum! [BG 42]

Über Ironie. – Ironie als Waffe der Zornigen, aber auch der Hilflosen? Thomas Manns Ironie ist niemals so recht gelungen. In seinen Josefromanen taucht sie gelegentlich wohl auf (?) wird vom Kritiker Ludwig Reiners aber als einem „Alterswerk“ zugehörig abgetan. Die mann’sche „fast dekadente Vorliebe für ausgefallenen und zwielichtige Fremdwörter“ sucht man hier auch vergebens. Zum Glück ist die manchmal durchdringende Ironie beim Schreiben nicht nur „die Redeform, mit der wir das Gegenteil dessen sagen, was wir meinen“. Sie ist oft das Elexier aus Nötigem und Erlaubtem, je nach momentaner Weiterentwicklung der längst privatisiert herrschenden Staatsform.

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Daß die deutsche Waffenexporteurin Konserva Ferkel (das ist sie freilich nicht allein) während der Fußballweltmeisterschaft fast heimlich zu Wirtschaftsgesprächen nach China reist, dort „die Situation der Menschenrechte zur Sprache bringen will“, (Nachrichten) erfordert eine beispielhafte beißende, eine hämische und ein zarte Ironie. Ironie kann eine stumpfe Waffe der Zornigen sein oder der Selbstschutz für die verletzte empatische Menschenseele. „Wer ironisch denkt und schreibt, isoliert sich und sucht gleichzeitig Bundesgenossen. […] Ich neige dazu, die vor Ironie Gefeiten für die besseren Menschen zu halten […]  überhaupt alle „Antis“ gehören dazu. Vermutlich ist diese Wertung ironisch; Ironie verführt dazu, Werturteile in Frage zu stellen. […] Die Ironie … die ja viel mehr als ein Stilmittel, die eine bibliothekenfüllende Geisteshaltung ist.“ (vgl. Leonhardt 1983) Sei es drum! Nicht von Voltaire, Swift, Heine, Shaw, Tucholsky, Kästner dann aber von Thomas Mann, dem ja auch Ironie unterstellt wird, stammen die wenig berühmten Worte: „Eine Ironie, die keinen Augenblick mißverständlich ist, was wäre denn das für eine Ironie, frage ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll.“ [BG 43]

Die Farben trösten. – Was mich traurig macht: Auguste Renoir hat den ekelhaften Ersten Imperialistischen Weltkrieg anfangs leider noch erleben müssen. Sein Werk „Frau mit Sonnenschirm in einem Garten“ (Bildausschnitt auf einem Lesezeichen) beeindruckt mich wegen der harmonischen Reinheit, vielleicht auch wegen seinem deutschen Titel, der mich gerade fast zu Tränen rührt. Beginnt so das Ende meines Denkens oder beginnt es somit gleichermaßen als Anfang? Macht uns das Alter sensibler, drängt es uns endlich stärker zum Verzeihen? Das Leben hat immer recht. [BG 44]

Wie viel Freundschaft braucht der Mensch? – Die Unsicherheit, die ein eigenständiges Leben nun einmal mit sich bringt, offenbar ganz allein zu stehen, ganz allein ständig die gleichen Ekelhaftigkeiten im menschlichen Zusammenleben zu kritisieren, das wird durch viele Berühmtheiten Lügen gestraft, die letztlich gleiches taten, die ebenfalls Traktate aus ihrem einseitigen Blickwinkel verfassten, damit aber sogar Geld verdienten, ihre Karrieren, oft genug mit einem Rentenanspruch still und vernünftig akzeptierten. Immer bin ich, zumindest was die skeptischen Analysen der Zustände betrifft, in guter Gesellschaft, auch wenn niemand mehr in meinem fortgeschrittenen Leben ist, der mir nur ein einziges solidarisches, wenigstens ein geistig gehaltvolles, hilfreich kritisches Wort sagt. [BG 45]

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Abnabelung. – Bei all dem Durcheinander meiner Notizen (es sind in Wirklichkeit nur sehr wenige) und der fragwürdigen Bemerkungen (aus der Not der ständig drohenden Schreibblockade geboren): Ach, noch schlimmer sind die Echolot-Projekte des Walter Kempowski, dann das so extrem eigenwillige intellektuelle Schreddern eines angeblichen Weltzusammenhangs in Zettels Traum durch Arno Schmidt oder die Notizbücher von Peter Weiss . . . Wenn ich bereits jetzt für keinen einzigen Leser mehr schreibe, weil ich kein Schriftsteller bin, mir meine spezifische Existenz scheinbar immer egaler wird, ich in der Gewissheit eines willfährig hingenommenen, nachweislich sinnlosen Todes dahin dümpele, auf den noch nicht geborenen Wellen, die mir möglichst bald Grab sein sollten, so (… das muss auf „wenn“ grammatikalisch irgendwann im Satz folgen …so) … so/dann kann es mir auch egal sein, wie die Welt sich dreht. Genau das ist das Problem. Ich spüre die Standard-Ungerechtigkeit körperlich, sie löst hilflose Wut aus, bringt (weil ich vermutlich doch ein Feigling bin) deshalb bloße Untätigkeit hervor. War das nicht immer so? Es wäre zum Schluss hin fatal, würde ich beim Sterben die eigene Idiotie erkennen, den selbst gekochten Leim begreifen, auf dessen heimtückische Spur ich mich frühzeitig laveriert habe. [BG 46]

Abhör- Spionageskandälchen. – Die USA spähen ALLES und JEDEN aus aber nur der Bundesstaat Israel hat dafür einen gesonderten Geheimdienstminister (sic). „Braucht ihr Juden noch mehr von dieser Art Freiheit? Use your steady U.S.A.-Phone! You’re well connected!“ [BG 47]

Tagesnachricht. – Der BILD-Zeitung fehlen die Worte bei 7:1 in einem SPIEL gegen Brasilien. Also: Lest mehr bei Herodot! [BG 48]

Globales Disaster. – Bereits Leibniz wollte mit der Mathematik alles vorhersagen können, und seit Pascal wird nur noch gemessen. [BG 49]

Schaubühne des Lebens. – Seine gepreßte Brust in Flüchen sich Luft machte … (Schiller-Rede/ Vorlesungen). [BG 50]

Spionage am Schreibtisch. – Elsbeth Schragmüller organisierte im Ersten Weltkrieg die Spionage für das Kaiserreich … Mata-Hari-Romantik … Antisemitismus als „Spionage-Skandal“ getarnt. [BG 51]

Klassischer Dialog. – Der Dialog zwischen König Philip und dem Großinquisitor in Don Karlos (Friedrich Schiller: 4. Akt, 1. Bild) als Sinnbild der ewiglich hinterfotzigen Welt … [BG 52]

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Wahrheiten der Kommune . – Mit jedem Stückchen meiner real verbürgten Welt, auf Reisen erspürt, innerhalb der Wohnorte konsolidiert, meist aus imaginären Faktenlügen suspekter Medien stammend, Tausende von Büchern, ein gigantischer Wasserfall von Informationen, alles führte meinen Verstand unausweichlich in eine Richtung: in die des ekelhaften Erkennens der verschleierten Dinge. Nein, nicht das Erkennen ist ekelhaft, es sind die künstlichen Dinge des Lebens, es ist der daraus resultierende neue, in Wahrheit unveränderbare Zustand der Gesellschaft, der uns täglich aufs Neue zugemutet wird. Nun würde ein jeder Tatbestand zwischen Ordnung und Chaos eine eigene Novelle zu ihrer (neuen) Beschreibung erfordern, „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“, wie Goethe es einmal formulierte. [BG 53]

Regressionen erwünscht. – Die allereinfachste Rückbesinnung in manchen Zustand der Kindheit könnte uns aufmerksam machen: Irgend etwas stimmt nicht in dieser Welt, und wer dabei nicht weiß, was dabei das Allerschlimmste ist, der ist nicht immer dumm, aber auf dem besten Weg endlich erwachsen zu werden. [BG 54]

Eßgewohnheiten. – Kaum wird man noch jeden Tag durch die Alten daran erinnert „daß wir den Krieg verloren haben“. Stets stark gezuckerte sowie versalzene Konserven und Fertiggerichte (aus dem „Radarherd“) haben uns längst die Erinnerung an den ursprünglichen Geschmack des Essens genommen, auch an die umfassend gebräuchliche Amisprache in Radio und Fernsehen haben wir uns längst gewöhnen müssen (Newspeak). Sogar der inzwischen fast ausgestorbenen Elterngeneration, zumindest meiner Mutter, fiel es vor Jahren bereits auf: „Früher gab es zum Mittagessen immer eine Suppe vor dem Essen, das wäre doch sonst nicht gegangen, und abends wollte Dein Vater noch den Rest der Suppe. Deshalb gab es immer eine Suppe.“ [BG 55]

Der Spiegel. – Die alten Hefte des Spiegel, ich besitze die Jahre 1948 bis 1950 komplett, erinnern mich an die immerzu längst bekannte Zukunft. Ironie? Weiß Gott! [BG 56]

Auch Eric Burdon wird einmal sterben. – Bevor die rezenten Menschen begreifen, daß sich die Bedingungen (die Zustände) niemals, auch in hundert Jahren nicht verändern, sind ihre Enkel (die dereinst zumindest mit den Zähnen knirschten) begraben. Manche nutzen diese Rituale zum Abspieler beliebiger Lieblingsmusik … We Gotta Get Out Of This Place. Crematory-Music? [BG 57]

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„. . . die Wände hoch bis zur Decke.“  Radiobericht über das Dreiländereck-Museum in Lörrach (SWR II, 02.08.14) [BG 58]

Bodycount. – Kriegspropaganda auf vollen Touren : „Die Suche nach dem vermißten israelischen Soldaten wurde heute fortgesetzt.“ (SWR II, 02.08.14) Kein Wort mehr über die weit über 1.000 von israelischen Bomben und Granaten getöteten Zivilisten … Assymetrischer Nachtrag. Tagesnachrichten vom 26.08.14:  Vor dem „Waffenstillstand“ mehr als 2.500 getötete Menschen in Gaza, in Israel dagegen 60 (!) [BG 59]

Fallobst. – „Kuba, dieser reife Apfel, wird uns in die Hände fallen“,sagte der amerikanische Außenminister John Quincey Adams bereits 1820 (!) Im Dezember 1898 landeten amerikanische Truppen, und Kuba blieb Kolonie, wenn auch faktisch unter der Yankee-Herrschaft. Und heute? Wie lange wird Fidel Castro noch leben? Und werden die Spielcasinos und die Bordelle sofort nach seinem Tod, am Samstag oder Sonntag wieder offiziell geöffnet? Und Panama? Hier wurde die Gründung des Staates Israel geübt, und dann erst der US-Kanal gebaut! [BG 60]

Outdoor-Romantik. – Seit im privatisierten nationalen Verkehrswesen (ganz wie in der Wasser- und Forstwirtschaft) immense Profite gesetzlich vorgeschrieben sind, bin ich weiterhin froh, ein waffensystemfähiges und geländegängiges Motorrad zu fahren. [BG 61]

Trefferquote. – „Wer in den Gaza-Streifen hineinschießt, der trifft bestimmt!“ (SWR2, 14.07.2014). Wer rettet wen? [BG 62]

Fahrstuhlmusik. – Mal ganz ehrlich, alle Menschen sind von dem krankmachenden Permanentlärm schon längst meschugge (Hintergrundmusik, jetzt sogar bei den stündlichen Radionachrichten). Ich gehöre noch zu den Menschen, die beim bloßen existenziellen Einkaufen bereits durch das markerschütternde Gepiepe an den Streichelkassen genervt sind (nur Hahnenschreie sind noch ohrbohrender). Schlimmer geht‘s immer! Beim norm- und regelgerechten Shopping würde uns der Ekel anspringen. Deshalb überflutet man nahezu sämtliche der Konsumkathedralen mit viel zu lauter „Fahrstuhlmusik“, bei der dergestalt vergewaltigte Standardverbraucher wie die Blöden kaufen, die Konsumkritiker aber regelmäßig aggressiv werden und dem geistlähmenden Lärm durch schnelles, kritikloses, oft überteuertes

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Kaufen möglichst schnell zu entkommen trachten. So schlagen sie dem System nur ein makabres Schnippchen. [BG 63]

Neulich im Wald. – Mein Rumpelstilzchen hatte die Rehe zu einem Vortrag eingeladen. „Das Rotkäppchen läßt sich zur Zeit, so prüde wie es nun einmal ist, schlecht verkaufen“, sagte es. Nach wie vor wäre die Prostitution in allen Lebenslagen auf dem Arbeitsmarkt am lukrativsten. [BG 64]

Wie das Kapital sich verflüchtigt, muß es dort, wo es herstammt, womöglich viele Verbrechen begangen haben. Wer rettet wen? [BG 65]

Daß „Kapital“ auf kriminelle Weise flüchtet, um keine Steuern zu zahlen, wäre nicht schlimm, aber es läßt immerzu seinen Körper, seine betriebliche Quelle zurück. Es flüchtet hier nicht das „Betriebskapital“, sondern nur sein unversteuerter Profit. [BG 66]

Milchmädchenrechnung. – Ich stelle mir vor, ich hätte nur 50 Euro Steuerschulden beim Finanzamt. Was würde da passieren? Ich würde meinen ersten Wohnsitz nach Nassau/Bahamas verlegen aber weiterhin in Nassau an der Lahn, in Rheinland-Pfalz wohnen. Natürlich macht das bei 50 Euro keinen Sinn, ich würde deshalb fristgerecht (oder mit hohen Verzugszinsen) bezahlen. [BG 67]

Jetzt mehr Gefängnisse bauen! – Kapitalflucht ist unmoralisch und Milliarden-Steuerhinterziehung ein kaschierbares Vergehen. Eigentlich kaum zu glauben, daß die meist jungen Schwarzfahrer ins Gefängnis müssen, wenn sie ihr Verbrechen zwei oder drei mal hintereinander begehen (sic). Der gewaltige Schaden? Vielleicht 15 Euro!  [BG 68]

Wendehals. – Dehnbarkeit nach allen Seiten. Dieses Supergelenk gewinnt Wahlen. Wer retten wen? [BG 69]

Wenn keine Angst, dann Multiple Orgasmen? Ist das Werbefernsehen im Bauch? [BG 70]

Der Trend zum Zweitbuch als überlieferte Tradition der Großeltern. [BG 71]

„Die meiste Werbung ist so wirksam wie das Rülpsen eines Schmetterlings. Es ist doch selbstverständlich, daß die Menschen nicht schmutziger wären, wenn die Seifenwerbung aufhörte.“ Howard L.Grossage (Der Rabe 1996, 5) [BG 72]

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Schattenwurf. – Der Super-Golem wird immer gigantischer. Die scheinbar noch ein wenig miteinander konkurrierenden Fleischfresser an den Wasserstellen der Warengesellschaft müssen nicht vorhandene Bedürfnisse bei den Konsumenten regelrecht erfinden. Begierde ist zwischen dem bißchen Be- und der deutschen Endung -.de nichts als nackte Gier (vgl. Beetz 2000, S. 7). [BG 73]

Die kristliche Kirchen und die Grünen haben sich positiv zu weiteren Waffenexporten in orientalische Kriegsgebiete geäußert. Ausgehend vom Konkordat

[aus der Zeit des Faschismus]

und gestützt auf den letzten Bundeskongre$ seien Waffenlieferung angesichts kriegerischer Konflikte und fortgesetztem Verstoß gegen die Menschenrechte ein adäquates Mittel. Ähnlich äußerte sich die Kanzlerin und ihre adelige, magersüchtig ausschauende Kriegsministerin. Der Bundestag darf wie auf Befehl erst HINTERHER zustimmen. (sic). [BG 74]

Durch dick und dünn. – Auf dem einstigen Gang durch die staatlichen Institutionen mittels des herrschaftsfreien Diskurs‘ hat den Politologen, Ökonomen, Pädagogen oder Philosophen (wie „Habermarx“) schon früh ihre eigene Karriere den Weg versperrt. Zu dick wurde theoretisch aufgetragen, zu dünn geschissen wurde praktisch am Ende. [BG 75]

Freiheit : Das ganze Erdöl zum Kaffee-Bananenpreis. [BG 76]

Rassenschande. – Ein amerikanischer Senator hinter vorgehaltener Hand : „ … und man hätte auch IHN auf der Straße erschießen sollen, als er noch ein Jugendlicher war.“ [BG 77]

Goldene Hochzeit. – Mit Händchenhalten fing es an, mit Händchenhalten hört es auf. (vgl. Beetz 2000, S. 40). [BG 78]

Thüringen – das ist Abends der Landkartenschatten von Hessen (vgl. Beetz 2000, S. 42). [BG 79]

Alte Ideen. – Und wenn nur die „Arbeitnehmer“ sich tatsächlich Arbeit nehmen? (vgl. Beetz 2000, S. 46) [BG 80]

Wendehälse. – Die einst allüberall proletarische Wurzeln errüsselt, beschnuppern jetzt ehrfürchtig verbürgte fürstliche Pißpötte. (vgl. Beetz 2000, S. 49). Wer rettet wen? [BG 81]

Und ob wir einen Rechtsstaat haben! Wehe, jemand steht links! (vgl.

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Beetz 2000, S. 49). Dieses Rechtsstaatsprinzip hat sich international mit der Freiheit für das Kapital durchgesetzt. Je länger jemand links fährt, desto rigoroser überfahren ihn die Panzer. [BG 82]

Der Berg ruft. – Alles Gute kommt von oben. Der Berg ruft rechtzeitig, laut genug, aber niemand hört ihn. [BG 83]

Erst Blechlawinen, dann Schlammlawinen. (vgl. Beetz 2000, S. 55). [BG 84]

Stilmittel. – Jede Zeit hat ihre eigenen Ausdrucksmittel: vom Molotow-Cocktail zur Benzinbombe. Vieles gerät in Vergessenheit. Barzel? War das nicht ein alter Computervirus? Früher schleppte sich mancher Krieg dahin, es gab welche in Bewegung oder in Stellung, sogar Blitzkriege gab’s. In Fernsehnachrichten ist alles mögliche assymetrisch oder bilateral, neulich sagte „unser Mann in Kabul“, daß man dem Zuschauer die Bilder ersparen möchte. Für Kindersoldaten nur Handfeuerwaffen von Heckler & Koch bis 18 kg, das ist eine gute Forderung der Grünen-Waffenexpertin (Name?), die nicht einmal so recht weiß, was ein Sturmgewehr mit vollem Magazin wiegt. [BG 85]

Hunsrückwanderung. – Diese herrliche Ausblicke auf bunte Schallschutzwände und stolze Windkraftanlagen. Auf der vierspurigen Höhenstraße (keine Geschwindigkeitskontrollen; ständig großartiger Blick auf die lustig bunten Windräder; hier könnte Christiane Neugebauer ihre großen BH‘s in drei Minuten trocknen) zum Glück hat‘s bis Luxemburg nur zwei Ausfahrten. Das nenne ich deutsche Waldeinsamkeit. Dieses furchtbare Vaterland (Freud’sche Fehlleistung 1) muß nachhaltig und abschreckend verteidigt werden: Vom Rommel-Spargel der Organisation Tod (Freud’sche Fehlleistung 2) zum Growian-Phallus! (bewußte Imagination). „Wir stehen zuletzt in einer ehrenhaften Tradition unseres Landes.“ (O-Ton-Kriegsministerin?) [BG 86]

Gehirnerweichung. – Niemand spricht mehr von Synapsen. Die vermutlich, nein, ganz sicher, von Nestlé, Monsanto und Konsorten bezahlte Hirnforschung ist angesichts der bei Konsumentenmassen bereits in ihren Jugendjahren nachweisbaren Alzheimer-Krankheit (sic) nicht in der Lage, nur ein einziges Wort über die weichen Folgen der Industrialisierung zu verlieren. Das erinnert an Schanker! [BG 87]

Preisoffensive. – Sonderangebote niederländischer oder tschechischer Krematorien. Was will ich in meine Beerdigung investieren? [BG 88]

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Artilleristenjargon. – Die Idee für eine Kartätschen-Kanone kam ihm beim Verrichten seiner Notdurft. Er protzte seine dünne Scheiße, mehrmals herausgetrieben von den Darmgasen, weit auf die Wiese. [BG 89]

Prioritäten. – Unsere Träume halten unseren Ansprüchen nicht mehr stand. Taugten sie dereinst spätestens beim Aufwachen als Beweis, daß wir wirklich geschlafen hatten, so unterscheidet sich die heutige Welt kaum von der Imagination und Illusion, die uns gesunde Träume zu vermitteln imstande sind. Besonders die Alpträume erkennen wir als schreckliche Prophezeiung der Realität, die wir im Schlaf dann als doppelte Ignoranten bewältigen. Besser wäre das bloße, traumlose Dahindämmern zwischen Suggestion der erzwungenen Freiheit und unbewußter Konsumpflicht, nicht nur ständig sondern immer (!)

Im wilden Kurdistan. – Dank unserer Waffenhilfe haben die Mützen der Miliz bereits Westniveau. Wer rettet wen? [BG 90]

Denkzettel. – Oft schon hatte ich mir ernsthaft vorgenommen, all mein Geschriebenes fortzuwerfen, wenigstens einer kritischen Durchsicht zu unterziehen. Dann aber fiel mir ein, daß alles über kurz oder lang (eh) im Müllcontainer landen wird. [BG 91]

Die ewige Kinderseele. – Das mit diesem Marcel Proust ist mir nun doch unter die Haut gegangen. Ein bläßlicher Weichling, dem man seine schwindsüchtige Lebensunfähigkeit angesehen hat, vollbringt ein göttliches Werk, das jeglichem halbwegs gescheiten Abendländer die Schuppen von den Augen reißt … Literatur in plastisches Erz gegossen, ja diese Poesie sucht wirklich bloße Erinnerung an das, was wir einmal waren – bürgerliche Kinder. [BG 92]

Das Joch ist nicht des Ochsen Freund. – Politiker sind überzeugte Lobbyisten, wer sonst könnte es besser sein? Die gerechte Strafe für ihre Gier entgeht ihnen, da haben sie etwas verpaßt. Die Kriminellen, die sich für Agrochemie, die haarsträubende Vergiftung von Mensch und Umwelt und/oder die Vernichtung von Lebensmitteln einsetzen, könnte man zum Beispiel beizeiten vor den Pflug spannen. [BG 93]

Wirtschaftswunder. – Anstatt die Vergangenheit zu bewältigen wurde sie eben genau für diese Gegenwart geheiligt. Die Bestrafung unsagbarer Verbrechen wurde in eine Dauersühne der Unschuldigen gewandelt. Überwältigt von atlantischer Freiheit und Demokratie, und den bewährten Traditionen lassen die „gewählten“ Parteyen niemals mehr zu, als es ihnen zu ihrem eigenen Nutzen gereicht. [BG 94]

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Legislaturperioden. – Die gewünschte Erweiterung der Wahlperioden auf fünf Jahre bekommt der Politprominenz doppelt gut: Das Geld kommt noch üppiger ins Haus und die Schleimspuren können etwas eintrocknen . . . [BG 95]

Gegen den politischen Wechsel. – Kanzlerin und Verteidigungsministerin im Baströckchen brauchen ihre Menstruationshosen nie mehr zu wechseln, sie riechen gleich nach Pulverschleim, sie reden gleich und sind, zum Glück für den Durchnittswähler, über die Wechseljahre hinaus. Äußerst praktisch in einer Bananenrepublik zu leben. [BG 96]

Tief in den Wäldern von Kentucky. – Der Neger vom Dienst ahnt die wachsende Armut in seinem Land. Wegen Wikileaks und dem todgeweihten Plappermaul Snowdon  gibt es bei NSA und CIA jetzt wieder Trommelkurse – seit Watergate bewährt. Schweigepflicht ist nur dort verordnet, wo öffentliches Reden sich auszahlt, ergo lohnt. [BG 97]

Kloakentiere. – Was uns da ständig aus den Briefkästen quillt, bunt gedrucktes, giftiges Papier, als Abort geldgieriger Filialbetriebe, der Afterschleim der Syndikate (Arschlöcher sind in Lehrbüchern Kloaken), und die Mutter ist der Kommerz. [BG 98]

Aktuelle Meldung. – Die Alzheimer-Krankheit beginnt neuesten Wissenschaftsarbeiten zufolge, bereits in der Jugendzeit, deshalb kann ich mich kaum noch an sie erinnern. Wer rettet wen? [BG 99]

Reichstagsbrandstifter. – Ein Streichholz in Berlin, ein Teppichmesser in Manhattan, damit konnte man die Welt bewegen. Längst wurde der Stab an Islamisten abgegeben. Polizei und Militär müssen bloß Mitarbeiter-Gesichter auf den Schießscheiben auswechseln. [BG 100]

Steuergerechtigkeit. – Die dümmsten Kühe geben die meiste Milch. Woher weiß ich das? Mein Gedächtnis ist inzwischen so gut geworden, daß ich die vielen Einzelheiten nicht mehr unterbringe. [BG 101]

Emmissionshandel. – Was uns als Pflaster fürs Ozonloch verkauft wurde, ist längst zur lustigen Geldtransplantation geworden. Falsche Apostel spielen den Kranken und kaufen sich schnell noch ein Touristenressort auf den Malediven, ehe es untergeht. [BG 102]

Delikatessengeschäfte. – Hier treffen sich nicht Hinz und Kunz. Allein sie mögen das Olivenöl aus den Kernen nicht, welche marokkanische Ziegen ausscheißen. [BG 103]

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Staatsoper. – Die Millionen-Subventionen für Verdi und Konsorten sind kaum der Rede Wert, sie betragen nur wenige Promille der Steuer-Subventionen, die Profite der Großkonzerne genießen. [BG 104]

Was Juden vermissen. – Wer mit Vorhaut fickt fühlt sich beizeiten agnostisch. Die „Heilige Vorhaut“ (nicht mit dem schwäbischen „heiligs Blechle“ zu verwechseln!), die gibt es wirklich, und wie bei einzigartigen römisch-katholischen Reliquien üblich, sogar gleich mehrmals. Man kann nicht alles wiederhaben im Leben. [BG 105]

Handwerkliches Geschick. – Die vielseitige Verwendung einer Dashi-Brühe ist eine japanische Eigenart, ganz wie der geschickte Umgang mit schnell wachsenden Bambusschößlingen bei der grausigen Folter von Kriegsgefangenen. [BG 106]

„Es wohnt Genuß im Waldesgrüne . . .“ Lord Byron [BG 107]

Wir hier oben – Ihr da unten. – An der TH-Darmstadt gibt es einen Lehrstuhl für „Elitesoziologie“ (sic). Das ist sehr praktisch, der Elfenbeinturm muß nicht verlassen werden, Fördergelder fließen nicht eruptiv aber gleichmäßig, die Finger bleiben sauber. [BG 108]

Tori topsis. – Die Hydra läßt grüßen. Die gleiche Qualle „in Person“ ist in ihrer biologischen Beständigkeit unsterblich, weil sie sich endlos reproduziert. (Polyp-Qualle-Polyp-Sequenz; vgl. 19.07.2014 TV-RBB) [BG 109]

Vom Sissi-Badeort zum Transition-Town. – Meine Höhle hat nur wenig mit einer wirklichen Höhle gemein, obgleich es mehr als sechs Monate im Jahr darin recht dämmrig zu sein scheint. Das wiederum liegt am dichten Baumbewuchs vor ihren Eingängen und Lichtlöchern. Zum Glück sind es meist Laubbäume, die zwar ihr Laub abwerfen, dennoch erschreckend schnell empor und in die Breite wachsen, daß ein ertragreicher privater Gartenbau kaum mehr möglich ist. So sitze ich in meiner freien Zeit meist im Ledersessel (es ist einer der letzten tatsächlich haltbar verleimten Freischwinger im skandinavischen Stil, wohl an die dreißig Jahre alt). Vielleicht befindet sich das Städtchen, dessen enges Tal letztlich auch keine andere Entwicklung mehr zuläßt, längst auf dem Weg ein Transition-Town zu werden. Sie wissen es bloß noch nicht. Kurz vor der Lächerlichkeit: hier also demnächst die hessische Landesgartenschau (sic!).

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…. Landesgartenschau auszurichten, gab es im Sommer (!) eine saftige Windhose, die den Kurpark mit seinen alten Bäumen weitgehend zerstört hat … dort ist jetzt viel, viel Licht. Aber wofür bloß? In meiner Höhle ist es gemütlich. Die Wände sind mit Büchern zugestellt, ich brauche nur irgendwohin zu greifen und schon habe ich genug Lesestoff für mehr als einen Tag. Ich erfahre, was die Kurgäste einst getrieben haben, langweile mich mit Thomas Mann oder giere auf die zahlreichen aktuell verwendbaren Stellen bei Proust … Aber wofür? Ich esse selbst gezogene Kartoffeln, warum? Um satt zu werden, nicht um die längst vor sich hingärende Welt zu retten. Beizeiten lasse ich eine kräftigen Furz fahren, ich kann mir das erlauben, denn die Kinder sind bereits aus dem Haus, erwachsen und werden ihren Weg ganz von allein machen müssen. Wofür bloß? Ach, in fünfzig Jahren wird Ihnen viel passieren, Staaten und halbwegs beschützte Bürger wird es nicht mehr geben, auch ohne (R)Evolutionen, die einzig noch denkbare Transition ist der Job der sogenannten Weltbank, oder. (vgl. ARTE Schluß mit Schnell). [BG 110]

Yes, we can! – Wenn sich dieser schwarze Bestboy wie erwartet ganz selbstverständlich nicht an sein eigenes Wahlversprechen hält, nämlich das menschenrechtswidrige Folter-KZ Guantanamo endlich zu schließen, so könnte er sich wenigsten bei den heutigen Indianer entschuldigen. Ein Vorgänger, es war dieser empathielose Kretin Andrew Jackson, hatte 1838 dem Indian Remove Act zugestimmt, der für einen bewußt gewollten Massenmord an den einheimischen , indianischen Völkern sorgte. Traditionen bewähren sich bis heute besonders beim staatlich organisierten Völkermord von den Konquistadoren an indigener Bevölkerung, über die Türken an den Armeniern, der Nazis an den Juden und anderer Menschen, der Amerikaner in Kambodscha, Laos und Vietnam, durch atombombengleich tötende „Sanktionen“. Und ist ein Staat militärisch nicht zur Stelle, so tun es auch Hunger und Krankheiten, inszeniert von den Megakonzernen und Syndikaten, wie z. B. von Nestlé – ein Spinnennetz,  über die Welt geworfen. [BG 111]

Die Erinnerung an die Zukunft. – Weil ich sehe, was aus der Welt geworden ist, werde ich auf Fernreisen verzichten, so erspare ich mir den Anblick des balinesischen Ubud, wo bereits 1985 (japanische) Kameratouristen auf den hübsch dekorierten Scheiterhaufen kletterten, um die Leiche der ältesten Oma im Kampung allein für sich zu haben – Die lächelnden Einheimischen hatten im stummen Protest leisetretend den heiligen Friedhofsplatz verlassen (sic). [BG 112]

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Trotz alledem. – Man darf sich von den klugen Worten und Sequenzen der Literaturgeschichte nicht allzu sehr beeindrucken, schon gar nicht einschüchtern lassen. Immerfort ist es neues, individuelles Erkennen, ein fort-währendes Beschreiben des ewig schon Dagewesenen … und was den Respekt betrifft, so genügt es, ihn „meine eigene Inspiration“ zu nennen. Oft genügt es, sich der jeweils herrschenden Mode zu verweigern, um eine liebenswerte geistige Unterhaltung in die Welt zu setzen – nichts sonst will Literatur. Ein Entwurf von Gegenwelten wird sehr selten ein Bestseller, die Halbwertzeit wird von anderen bestimmt, damit müssen wir Außenseiter uns abfinden. [BG 114]

Über Nautik und feste Standpunkte. – Einen festen Standpunkt bekommt kein freier Mensch geschenkt, schon gar nicht, wenn er seine ihm zugewiesene Heimat verlassen hat: „Ich habe mir so oft gewünscht, daß ich ein Fleckchen finden könnte, wo ich sicher vor dem Schwanken der Mode, der Gewohnheit und aller Vorurteile einmal die eigene Bewegung dieses verwickelten Systems beobachten könnte. Nur einmal von Michaelis bis Ostern, und dann wollte ich es wagen, einen „Versuch über den Menschen“ zu schreiben. Aber leider sind die Beobachter des Menschen übel daran, und sie hätten ein weit größeres Recht sich über den Mangel eines genügsam festen Standortes zu beklagen als alle seefahrenden Astronomen und Sterngucker dieser Welt zusammengenommen.“ vgl. Georg Christoph Lichtenberg [BG 115]

Glaubenskriege. – Das Ekelhafteste an den um sich greifenden, sich erdreistenden fremden Religionen: die angeblich nicht gemachten Glaubenserfahrungen mit ihnen. Islamisches Öl ist billiges schwarzes Gold, dann venöses Blut, im großen Herzen des wahren Gottes zu arteriellen Multi-Dollars gewandelt. [BG 116]

Was nur Erbsenzählern schlimm erscheint, einen Gedanken zu haben und ihn vor dem Aufschreiben bereits verloren zu haben. [BG 117]

Komplizierte Trotzreaktionen, als Tautologien getarnt, bestimmen die Propaganda in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: kein Geld haben und trotzdem arm sein, die ganz große Verantwortung tragen und mühsam und beladen sein, den Frieden wollen und nichts anderes als Zwietracht säen und dazu die Waffen liefern. [BG 118]

Wirtschaftssystem. – … und der große Rest der Menschheit erhält Almosen, damit sie auch morgen der große Rest bleibt und weiter hungert. [BG 119]

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Ich möchte Liebhaber sein. Ich möchte Weintrinker sein. Ich möchte Skeptiker sein. Ich möchte endlich am Ende aller Weisheiten sein. [BG 120]

Hatte Goethe Kinder? – Die Jungkonsumenten müssen irgendwoher kommen … „Die Mädchen stehen bei den Jungen, lassen sich am Arm halten, und müssen, damit man sie küßt, über die Späße lachen, die die Jungen machen. Dann sind sie traurig darüber, daß sie nicht wirklich lachen können, und die Jungen merken es nicht.“ Johanna Walser. Vor dem Leben stehend. [BG 121]

Traditionen. – Auch die Familienlinie der Goethes ist ausgestorben. Was kümmert mich zuletzt mein Blut? [BG 122]

Blitzkrieg für’s Judenkrämchen. – Die parteiische Beschreibung des Krieges war immer schon Teil der Kriegsführung. Ganz wie die naziuniformierten Ernst Jünger oder Gottfried Benn haben sich zuvor und später zahlreiche andere Schriftsteller in den jeweiligen Kriegsapparat machtlüsterner Herrscher engagieren lassen. Da gibt es bis heute hinterher keine Entschuldigung. „Wir sind schon weiter in Franckreich, das Lager steht bei Verdün. Die Stadt wollte sich nicht ergeben und ist gestern Nacht beschossen worden. Es ist ein schrecklicher Anblick und man möchte sich nicht dencken daß man was liebes darin hätte. Heute wird sie sich ergeben und die Armee weiter gegen Paris gehen. Es geht alles so geschwind daß ich wahrscheinlich bald wieder bey dir bin […] Aus Paris bringe ich dir ein Krämchen mit das noch besser als ein Judenkrämchen seyn soll. Lebe recht wohl. Im Lager von Verdün. S. 2, 1792 G. [Goethe, Briefe]um Kriegführen fällt uns noch ein: blut //w// arm [BG 123]

Schmerzhaftes Erinnern eines Homo consumiensis. – Mein Auszug:

Und zieht im nachhinein über all dein Tun

Der Sinn wie zuheilend die Haut über die Wunde… […]

Zu schwer im Alter ein übertriebenes Bewußtsein.

Noch bin ich begierig, bald aber verständig.

Und eines Tages, endlich, verständnislos zufrieden. […]

Die umschlüssige Sphäre stiller Maschinen

Wird ihn mit Leer-Geist erfüllen

Und sein Handeln mit spurlosem Spiel.  

                                    Botho Strauss. Die Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war. [BG 124]

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Ursache und Wirkung. – Wer von uns hätte sich nicht ein monströses Werk aufgehoben, es nämlich irgendwann im Alter in aller Ruhe zu lesen. Nun ist mir diese Ruhe in Langeweile ausgeartet. Dieses Altwerden geht vermutlich in Richtung Altsein, und weil das letztlich sicher zu sein scheint, werde ich nicht weiter zaudern und Joyce, Mussil, Proust, Tolstoi und die ganze Bande, aus den Regalen ziehen … Obwohl ich keinen wirklichen Appetit mehr verspüre, darf ich diesen Zeitpunkt nicht weiter hinausschieben. Denn abgesehen vom Kampf gegen die stete Langeweile setzt die Wirkung des Lesens bekanntlich viel später erst ein. Die Warterei zu füllen, da kann man allgemein über‘s Lesen sprechen, meinetwegen wenigstens vor sich hin murmeln oder ordentlich ankorrigierte Texte allein für den Papierkorb schreiben. All das trotzdem tun, das ist das einzig wahre Privileg des Alters, drum ist’s mir fast zufrieden … da war doch noch etwas! [BG 125]Der Großvater väterlicherseits hat uns Enkeln die Ratschläge und Vorbilder aus jenen stahlstichverzierten Jahrhunderten mitgegeben. Immer noch bin ich beeindruckt, ich kann es nicht abstreiten, und obwohl für mich Rudi Dutschke in früher Zeit Freund und Genosse war, sehne ich mich längst nach der Klarheit der altmodischen Begriffe zurück, die sich immerhin in preußischen Uniformknöpfen spiegelte. Seltsamerweise sind es die herausragenden Begriffe, die wie Vorurteile herausleuchten: Ehrlichkeit, Treue, Pünktlichkeit, Sauberkeit aber auch Ehre und Gewissenhaftigkeit … Allein der fortwährende Mangel an Gerechtigkeit macht jedwede Gesellschaften skrupellos und abstoßend. Da möchte ich ein Philosoph sein und endlich auch einen guten Wein bezahlen können. Wer rettet wen? [BG 126]

Hochamt. – Die prachtvolle Langeweile des Hochamtes erscheint mir Agnostiker wenig erstrebenswert. Immerhin: Vor dem liturgischen Beischlaf: Die Glut der Vorfreude! [BG 127]

Fast ein politisches Leben. – In drei Regalfächern steht nun die intellektuelle Kruste eines Lebens. Das ist wirklich sehr salopp formuliert, denn auch anderes, viel mehr anderes, ist in diesen Jahrzehnten in meinen dicken Kopf gedrungen. Längst archivierte ich meine Bücher. Habe heute das Paket mit den einhundert Kursbüchern erhalten. Sinnigerweise beginnt der Band 1 im Juni 1965, und die vorläufige Sammlung reicht bis zum Juni 1990, dem weitgehenden Zusammenbruch des real sichtbaren Sozialismus. [BG 128]

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Listen to the Band! Im fünf Minuten Rundfunkbeitrag (es ging um Musikerziehung deutscher Kinder): … Education-BereichPublic-Viewing … Big Band … Life-Stream … und zum Ende des Beitrags bekam irgend jemand noch seinen Part aufgebrummt, den er zu spielen hatte. Das alles trägt deutlich zur Daseinsteigerung bei, denn wir Deutschen sind Meister nicht nur in der Organisation des Todes, sondern auch im Erfinden zusammengesetzter Substantive, tauglich für den Völkermord wie bei gnadenlosen Rüstungsexporten. Ausnahmen bilden weiterhin die deutsche Gemütlichkeit und die angeblich akademische German-Angst, die wir dabei empfinden sollten. [BG 129]

Ganz kleiner Versuch über Robinsonaden. – Ich selber meine, daß ich bildhaft und mit der Sprache denke (wie sonst sollte sich das sonst so schnell sortieren?), was in dieser hier beschriebenen Sache das gleiche zu sein scheint. Es sind Worte und Begriffe, längst organisierte Wiederholungen, in meiner Kultursprache benamte Zustände, die sich zwischen Bauch und Kopf abspulen, sich abwickeln. Die Abwickelung von überflüssig erklärten Firmen jedoch habe ich nie ganz verstanden; wird da etwas gewinnbringend entwirrt, was vorher von fleißigen Generationen mühsam aufgerollt worden war? So ein Abwickler muß für die Drahtzieher, bei ihrem lukrativen Job, sehr wichtig, als Mensch verdammt einsam sein, es sei denn die neumodisch geschminkten Weiber (zuerst archaische Scham abgelegt dann Wickelröcke abgewickelt) blasen ihm ständig einen. Dann spritzt der Neoliberalismus gewöhnlich sofort ab, der Privatisierung mitten in ihr feistes Gesicht! Privatisierung! (sic) Mann oh Mann, jetzt hat‘s endlich Methode.

[Hier kleiner, d. h. kurzer Zeitsprung, denn der Abwickler ist meist ein alter, erfahrener Mann wie die Kanzlerin – selbstverständlich protestantisch].

Oben und unten alt und grau geworden (wie einst diese eiserne Falkland- & Coal-Miner-Votze in GB, aber längst nicht so alt und impotent wie Ernst Jünger oder Johannes Heesters) sitzt unser Abwickler nicht auf der Anklage- aber auf seiner Hausbank im Tessin seiner Wahl und brabbelt sich weinselig in den Bart. Echt geiler Fernblick: Trotzdem, diese Landschaften bekommen gegen Ende der Reise vermutlich den gleichen Charakter, sie vermischen die Erinnerungen. Ja, besonders die aus der Ratlosigkeit; gerade in der Einsamkeit der Präsidentenempfänge und der Kraus-Maffei-Rummelplätze sind vorgeheuchelte Selbstgespräche nützlich, dem abgewickelten Robinson wie dem (schwarzen) Fahrgast in der U-Bahn (Untersuchungs- Abschiebe-

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haft) gleichermaßen … Fahrgast hingegen nennt man den Gehetzten, den Produktiven, den noch in Bewegung befindlichen Konsumenten; Kunden werden genannt, die unschuldig zum Tode verurteilten Abgewickelten auf dem Arbeitsamt, aber müde geworden ist er von all den Eindrücken, und kurz vor der Nacht sucht der einstige Gast nach einem freundlichen Fremdenzimmer im sanierten Ort, auf dem freien Markt – so freundlich sind unsere Bedürfniseinrichtungen dem Obdachsuchenden gegenüber eingestellt: Ins Fremdenzimmer kann man elektronisch eingeloggt mittels PrePaid einchecken. Alte wie junge Abwickler haben die Golden-Card – gültig auch für Inseln. [BG 130]

Privatisierung. – Die übrig gebliebenen Beamten in der öffentlichen Verwaltung werden den Arbeitsdienstchargen immer ähnlicher. Auch ist der immerhin sehr effektive Betrieb der KZ und Vernichtungslager nachweislich von Anfang an mit geldwerter Gewinnabsicht organisiert worden. Endlich darf von einem kapitalistisch strukturierten Wirtschaftsbetrieb gesprochen werden (Was wie ein altmodisches Desinfektionsmittel1)  klingt, das ist ein bekannter Betriebswirtschaftler des Wirtschaftswunders, der Adenauerzeit, bis in die Reformzeit des SPD-Sozialabbaus hinein) – Die ständigen Zuwendungen an die Überlebenden, will sagen die fragwürdigen politischen Erben (z.B. Waffenlieferungen und endlose Wiedergutmachungen; Gutheißen von akuten Völkerrechtsverletzungen, Landraub und Völkermord) sind dann zugegeben makabrerweise, nichts als die Verzinsung, die übliche Rendite für die Investitionen, und woher, bitteschön, von welchen berühmten Bankhäusern und Thyssen-Kassen kamen diese Darlehen (hört, hört: Schweizer-Pariser-Rothschilds) eigentlich?! [BG 131]

Wie kommen die zu Orden? – Man kann sich die Aufregung aller Beteiligter 5 Minuten vor einer ARD-Tagesschau vorstellen, wenn ein Major der Bundeswehr vom Frontgeschehen und den Kalkgruben life berichten soll. Bloß nicht in die übliche Pissoir-Sprache der Flakausbilder verfallen, bitteschön die geruch- und geräuschlosen, weichgeschleuderten Umschreibungen der Zeitgeister benutzen. Egal, was er sagen darf und wie’s zurechtgeschnitten wird, ich dachte stets, daß Soldaten killen, nicht lebend davon berichten sollen. [BG 132]

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1) vgl. Erich Kosiol (1973): Die Unternehmung als wirtschaftliches Aktionszentrum. Rowohlt Verlag.

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Propaganda XXL.- Wenn Nine-Eleven eindeutig zum Nutzen perfider amerikanischer Hegemoniepolitik und mineralischer Resourccensicherung dient, was ist dann Hunger, Wassermangel, EBOLA? [BG 133]

Wahnsinnshorizonte. – Der US-Imperialismus beherrschte zuletzt die Welt fast Hundert Jahre ganz ohne Ermächtigungsgesetz. Weiterhin so zu tun, als gäbe es China nicht, bedarf noch größerer Anstrengungen beim Morden, Lügen und Ausbeuten, das sagt doch alles. Der grundsätzlich bösen Welt mit einer pinkfarbenen guten Gegenwelt z. B. mit einer perfekten Überwachung standzuhalten, mündet bereits in eine lächerliche Selbstvergewisserung, in eine Scheinwelt elektronisch erfundener Derivate und schwarzer Infantrie in orientalischer Wüstenromantik. Der Untergang vollzieht sich im klassischen historischen Muster – dann zuletzt vollkommen andersartig, im Kampf von realen Werten aus Produktionskraft gegen Micky-Maus-Fiktionen. [BG 134]

Konservatismus in der Adenauer-Kiesinger Ära: Ziel der Politik und der Wirtschaft, das ist in einer sich verändernden Welt alles, aber auch alles zu tun, um es mit der Macht so zu belassen, wie es ist. Der Vorteil der Macht: Man schlägt alle Fliegen mit einer Klappe, und das ist kein Vorurteil. „Instrument eines romantischen Nationalismus oder eine Maschine ohne Kopf. Machte Springer Politik oder macht er nur Geld?“ (Kursbuch – KB 11/1968, 177). Bitte die Zeichen sehen. Vermutlich stehen die westlichen Wachstumsfanatiker, die Glaubensgemeinschaften der Ablaßhändler, endlich vor einem wirklichen, nicht erklärten Krieg. In Deutschland läuft die diesbezügliche „Terror-Propaganda“ seit Jahren, und längst ganz besonders auf Hochtouren… auch wäre jetzt ein Sonderetat für die bessere Ausrüstung der Streitkräfte unbedingt nötig. Was bedrohlich und normal ist, der mundartliche O-Ton Die GRÜNEN: „Der Rüstungsetat für die Bundeswehr ist zur Zeit eigentlich ausreichend, er müßte nur effektiver eingesetzt werden.“ Flugzeuge werden jetzt angemietet (sic 28.09.14). [BG 135]

Vermutung. – Es soll für Benutzer der lütten Kompaktgeräte, ohne die viele Menschen wahrscheinlich kaum noch selbständig atmen können, besondere Apps geben. Mein Beitrag: Einkaufsführer für Markenbewußte Konsumenten. … Hugo Boss = stellte sämtliche Arten von Naziuniformen her, ganz zum Schluß besonders für die Hitlerjugend und den Volkssturm (?)/ Nordsee = Fischimbißkette, von Anfang an bis heute in altem Nazikapital verflochten/ Birkenstock = deutscher

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Familienbetrieb, stellt überteuerte Schuhe Typ völkische Reformhausbewegung bis Ökogrüne her. B. ist bekannt für die perfide Ausbeutung besonders der MitarbeiterINNen (vgl. Günter Wallraff, 13 Industrie-Reportagen)/ NESTLÈ = großes übelstes Nahrungsmittelsyndikat, Megaprofite auf ihrem Weg durch die Welt; N. ist z. B. bekannt für weißes Milchpulver, welches farbige Kinder in der armen Welt eliminiert (sic), Herstellung bedenklicher, weil dauerhaft toxischer Lebensmittel; Maggi, Danone etc.), und die kriminelle weltweite Monopolisierung von Trinkwasser in FLASCHEN teuer verkauft. N. verbirgt sich hinter einer Unzahl von unverdächtigen Markennamen. N. ist deshalb einer der am schwersten zu boykottierenden kriminellen Konzernen. Obwohl als Maggi-Fan bekannt, seit 1970 gefühlte 16.000 Nestlé-Joghurt und einige Tonnen Süßigkeiten nicht gekauft. Zugegeben ein sehr kleiner, aber mein bescheidener Beitrag. [BG 136]

Ausverkauf. – Hoffentlich werden im „Freihandelsabkommen“ zwi-schen den USA und ihren europäischen Kolonien nicht vergessen das 500-jährige Deutsche Reinheitsgebot für Bier und die modernere aber längst so sehr lästige Deutsche-Trinkwasser-Verordnung. [BG 137]

Home Grown New Potatoes. – Seit die Exportbeschränkungen nach Rußland gelockert wurden, stehen Menschen in Deutschland, ganz wie seinerzeit für plötzlich ganz billige „Aldi-Computer“, jetzt aber für einheimisches Gemüse an. Identische Sonderangebote, bei allen drei Großmarktsyndikaten, auf den Cent genau kalkuliert: „Kartoffeln! Fünf Stück für den Preis von Vieren!“ [BG 138]

Die Masse tanzt nach der Nadel. – Überall auf der Welt gibt es eine Art von Menschen, die sich in allen Staaten und Landsmannschaften gleicht. Er trägt einen Kompaß in seinem Kopf, und jedwede Richtung ist im recht, Hauptsache ist, sie wird ihm vorgegeben. [BG 139]

Von Oratorien und Kantaten. – Die stillschweigende Akzeptanz eines Dirigenten, der vorgibt den Takt angeben zu müssen, spricht Bände. Vielleicht bin ich deshalb nicht Musiker geworden, vielleicht dröhnen überall die Orchester nach immer den gleichen Weisen. Ich liebe den Klavier-Chopin, denn dem genügt zur Not ein einziges Zehn-Finger-Piano. [BG 140]

Probleme mit dem aufrechten Gang. – Das Känguruh scheint mir das intelligenteste Tier zu sein, welches bis heute überlebt hat. Es hat beizeiten die Idiotie erkannt, daß

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immer, wenn der linke Fuß vorgesetzt wird, der rechte Fuß zurückbleibt. Deshalb veranstaltet der rechte Fuß regelmäßig ein Blutbad. Seitdem hüpft das Känguruh lieber aufrecht und fröhlich durchs Leben und kommt deshalb nur sprunghaft voran.

Von traditionsreichen Innungen und Verbänden. – Sogar das Militär benötigt vorweg einige Monate Lügenpropaganda, um mehr Geld für angeblich kaputte Flugzeuge zu bekommen. Sogar das nötige Verbandszeug für die Sicherung der Lebensgewohnheiten hat seine gesetzlich geschützte Haltbarkeit erreicht. Günter Bruno Fuchs sagt im Gedicht Behauptungen, eigentlich sind es systemhistorische Erfahrungen im Umgang mit staatlicher Gewalt, wenn er behauptet: (1) Es gibt einen Mann,/der trägt einen Kompaß/in der Krawattennadel. Ost und West/mögen ihn sehr. Also nimmt er/ keinerlei Anstoß/an seinem Vaterland, nicht mal/ein bißchen./ (2) Es gibt einen Verband,/der ruft: Mach endlich die Augen auf,/du kannst dich für unseren Verband/ nicht genug ins Zeug legen!//Es gibt einen Verband,/der ruft: Kneif endlich den Arsch zu,/wir haben nicht mehr/genug Verbandszeug! […] (4)/Es gibt einen Maler, der ist seinem Vogel/treu geblieben, er malt/ Aufsichtsräte/in Tempera. […]Und für die ganz Unentwegten, die geharnischten unter den Zynikern, die aber ihren Humor nicht verloren haben: (5) Es gibt Pinguine,/die Ziehharmonika spielen.// Oh, wenn du solches siehst,/melde dich beim Gartenfest/als Eiswaffelverkäufer! Wer rettet wen? [BG 142]

Marode Parteyen und Grind über blutiger Freiheit. – Eine hellrosafarbene SPD, die in ihre Minderheit längst weit über die konservative Mitte hinausgelangt ist, kann, ganz wie die übrige Chamäläonbande, kaum mehr etwas zur Verbesserung des wählerverachtenden und menschenverachtenden Kapitalismus beitragen, was die CDU/CSU nicht viel besser könnte, und seit der Neoliberalismus noch nicht einmal mehr eine einzige „demokratische Partey“ für ihren Durchmarsch benötigt, ist sogar eine FDP mehr als überflüssig, ja absolut lächerlich und schimmelig geworden. Nur das faschistische Konkordat wird als Grundmuster überleben, das garantieren allein die jüdisch-konfuzianischen Traditionen des globalen Finanzmarktes. [BG 143]

Nachmärz. – Das politische Lied, wo immer es noch existiert, ist auf CD‘s gebrannt für Amazon, Bertelsmann und Konsorten. [BG 144]

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Es gibt ein „Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste“ (sic), in dem weder verlorener Geschmack gelagert, noch Reste humanistischer Gebrauchsethik zentrifugiert werden. Denkbar zumindest eine Provenienzforschung als moralisches Gegengewicht zur Entschädigung für 120jährige KZ-Opfer: die akribische Nummernkontoführung entgangener Profite, monitäre Kalkulationen vom Holocaust bis Neoliberalismus. Wer rettet wen? [BG 145]

Winterhilfwerk? schon wieder einmal? – Die SAR-Seenotrettung in deutschen Küstengewässern wird an private Hubschrauber vergeben. Das Jammern über mangelhafte Militär(aus)rüstung klingt ähnlich, wie wenn Chemiekartelle und Ölkonzerne zetern, sie hätten kein Geld mehr, um ihre Büros zu beheizen. Jene feierliche Festigkeit der steten Wiederholungen begleitet die gesellschaftskonforme Propaganda gegen um Hilfe schreiende Andersgläubige akut und hübscht die Moral der Schwimmwesten-Lobby bezüglich aller im Wasser schwimmenden Menschen auf, zumal schußfeste Westen an die FRONTEX-Retter geliefert werden. [BG 146]

Follow Me. – Am Mara-Fluß in Kenia muß ein einziges mutiges Gnu den Anfang machen! Der wegen der im Wasser lauernden Krokodile sehr gefährliche Flußübergang ist für die Herden der Gnus wegen der zeitlich grünen Areale der anderen Seite lebenswichtig, also keine bloße Freßgier. Wer rettet wen? [BG 147]

Kunst als fiese Waffe. – Auch Andy Wharhol’s Bohnenkonserve (yes we CAN) wurde vom CIA gefördert (sic). Also nicht von den Auktionshäusern wie Sothebys finanziert, als Förderung gigantisch teuer gehandelter westlichkapitalistischer KUNST gegen den grauen Kommunismus. Dort herrschte einmal ein Lenin’sches Motto: „Die Kunst gehört dem Volk!“ [BG 148]

Adam Smith oder die Lüge von der „unsichtbaren Hand“. Der Schotte Adam Smith gilt bei kritischen Insidern längst als systematisch für die idiologischen Zwecke, besonders des Neoliberalismus mißbraucht. Er ist freilich nicht der Erfinder des Kapitalismus, eher sein mahnender Prophet, zumal er in seinen Schriften vielmehr die ethische Verantwortung der menschlichen GIER gegenüberstellt. [BG 149]

Der schwarze Sklave mit den Doktortiteln. – Anton Wilhelm Amo (1703-1753 oder 1784) Er promovierte einmal über das „Leib-Seele-

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Problem“ … Um 1750 flüchtete er wegen des zunehmenden Rassismus an den deutschen Hochschulen zurück nach Afrika. [BG 150]

Nazi on Nation. – Nazion oder Nation, warum wurde niemals wirklich entnazifiziert, was ekelerregend infiziert war? Zu mindestens 60 %! Die gleichen Parteigenossen in Justiz, Polizei, Verfassungsschutz, Militär, Kirche, Verwaltung, Politik, Wirtschaft, Lehre und Forschung …) [BG 151]

Den Bock zum Gärtner machen. – Ein neuer Kommissar FÜR Digitalwirtschaft (ausgerechnet Günter Oettinger, CDU) soll die Bevölkerung gegen die Interessen der Konzerne verteidigen … (sic – vgl. O-Ton ARD-Nachrichten. [BG 152]

Der Bürger in Uniform trägt wieder Pantoffeln. – „Pannen ohne Ende!“ „Die Armee ist nicht einsatzfähig!“ „Wir haben keine flugtauglichen Hubschrauber mehr.“ Der Wehretat der BRD beträgt für 2015 allein für die Bundeswehr 33 Milliarden Euro (66 Milliarden D-Mark) … werden deshalb so viele Aufgaben des Militärs klammheimlich privatisiert. [BG 153]

Die Täter unter dem Hakenkreuz. – Von mindestens 500 000 in verantwortlichen Positionen tätigen Naziverbrechern (nicht untätige Mitläufer wie z.B. Förster, Lehrer oder Finanazbeamte) wurden nur 900 Personenen „verurteilt“ und dann meist nach kürzester Zeit wieder in Ehren gesetzt. Dieses eine Promille (1‰) der Nazitäter war deshalb schnell mit der Fortsetzung seiner Karrieren beschäftigt.[BG 154]

Medium der Selbstbegegnung. – Der Fernseher ist in jeglicher Hinsicht exemplarisch für die philosophische Bildung. Meine Spiegelung auf dem Bildschirm ist nur dann wahrzunehmen, wenn ich den Apparat nicht eingeschaltet habe. Hologramme nicht erwünscht. [BG 155]

Ein Mensch wie Fritz Bauer bewirkte mehr für das Ansehen der aufrechten Menschen in Deutschland, als alle Exportraten. Der Initiator des „Auschwitz-Prozesses“ muß unsäglich enttäuscht und einsam gewesen sein: „Wenn ich dieses Zimmer verlasse [er meint sein Arbeitszimmer in Frankfurt], betrete ich Feindesland.“ [BG 156]

Ausnahme von der Regel. – Eine kleine Kartoffel ist die erste und einzigste, die ich jemals im Kochtopf habe schwimmen sehen. [BG 157]

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Hier und Jetzt. – Der Winter ist die beste Zeit der Einkehr. So ist mir auch DIESER Herbst wieder eine Offenbarung kommender Zeiten. Kein Gekreisch spielender Kinder vor den SCHREIBTISCH-Fenstern, der matschige Weg entlang meiner Insel IST vielen Hundemenschen zu unpraktisch geworden. Etwas mehr Ruhe kehrt ein, und ich liebe es, wenn der schräge Regen die DOPPELT-Scheiben benetzt. Mein Blick bleibt blind weil er auf nichts fällt. Nichts spiegelt sich in grauer Asche, und weil ich nicht weinen kann, werfe ich alle Trübsal von mir und genieße wollüstig diese tristen nördlichen Breiten. GEMÜNZT ist das Spielgeld, brüchig wie frisches Knäckebrot, zumal kein einziger Krümel für meine tägliche Arbeit abfällt. Aber ich liebe die zahllose Ruhe, UND den todesähnlichen Schlaf, den NIEMAND mir stört, und immer, wenn ein neues Jahr anFÄNGT, erinnert es MICH, daß ich mir längst schwor, mit dem unwillkürlichen Atmen AUF-zuhören. Ja: Dieser Schreibtisch ist doppelt gemünzt, und niemand fängt mich auf. [BG 158]

Vom sturen Resignator. – Der endliche Beitritt in einen Verein, in eine der Parteyen, würde zwar meine rechte Hand retten, aber, egal ist‘s, ich grüße diese Welt schon längstens mit links. [BG 159]

Schwarzweiß-Großformat. – Alles andere als Goldgrundbilder oder Ikonenmalerei bringen solche Künstler in die Welt, die ihre Zeit nicht zuletzt auch erleiden müssen. Man hätte einmal nicht wie Picasso und andere Berühmtheiten in die Kommunistische Partei Frankreichs eintreten müssen, um politisch eindeutig Stellung zu beziehen. Sein Haß auf den Faschismus war bereits vorher klar und deutlich entwickelt. Picasso lebte mit seiner ungebrochenen Schaffenskraft im Licht der provencealischen Eingebungen, ungestört vom Krieg und Not auf dem Territorium des mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes.

Als der offenbar grenzenlos opportunistische Ernst Jünger (1942?) Pablo Picasso in Südfrankreich besucht, hat die deutsche Luftwaffe die Luftschlacht um England (u. a. Einäscherung von Coventry, Flächenbombardierungen von London) bereits begonnen. Bei Jüngers Besuch beim berühmten „Künstlerkollegen“ liegen einige Drucke des seit der Weltausstellung (Paris 1937) weltberühmten Bildes Guernica in Picassos Villa herum. „Haben Sie das gemacht?“ fragt Jünger. „Nein, Sie!“ antwortet Picasso dem deutschfaschistischen Wehrmachtsoffizier. [BG 160]

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Bitte keine Werbung! – Gibt es etwas noch ekelhafteres als diese Aldi-Lidl Weihnachts-Prospekte, die bereits im Oktober von der Post-AG (sic) in den Briefkasten gestopft werden. [BG 161]

Die Welt ist vernetzt. – so arg, daß sich die zeitkritischen Geister darin verfangen haben. Die heutige radikaldemokratische Intelligenz – früher (wohl fünfzig Jahre nach Lichtenbergs Exzessen) nannte sie sich Heine und Börne, Marx und Engels – sollte nicht elitär in Hamburg, Frankfurt, London, oder Paris wohnen, sondern sich künstlicher Tradition besinnen: Dort dürsten, wo die Menschen kein sauberes Wasser haben, dort vegetieren, wo es keine Arbeit mehr gibt, da essen, wo der importierte Reis knapp ist, denn nach wie vor fungiert das Geld als blankestes Sexualobjekt, als Instrument der Fortpflanzung. [BG 162]

Radiowelten.- Eine (ehemalige) Prostitutierte berichtet in einem Rundfunkinterview, daß die Männer über alle Art und Bildung hinaus lediglich primitivsten Sex bevorzugen, reine Gewalt sei das, und mehr als einmal sei sie an ihr fast erstickt … [BG 163]

Die schwarze Milch der Nacht. – Eben noch, in der bleiernen Nacht der Reglosigkeiten hatte ich diesen genialen Gedanken in mir … der Reim so perfekt in diese Stimmung geschmiegt … und zugleich wußte ich, daß er mir beim ersten Licht entschwunden sein wird, bei dieser nichtsnutzigen Zeitumstellung ganz besonders …  [BG 164]

Machtlose Phantasien. – Sie ist mir entglitten, die Erinnerung an die Bücherschicksalswelt, in der sich mein weiteres Wachstum mit der frühen Erkenntnis verband, daß sich die Worte der Vernunft – allein wegen der Kraft nie versiegender Hoffnung – auch in die wirkliche Welt hinein stetig weitersagen vermögen.[BG 165]

Im Mahlstrom. – Der sanfte Strudel satter Einsamkeit lauert in meiner Zeit. [BG 166]

Wer rettet wen? – Wer rettet wen? ein Film: „You are not a LOAN!“

Am Rand eines alten Brunnens. – Die Flucht zu den grünen Wiesen ist nicht gelungen/Und eng umschlungen modern Haut und Knochen./Im Staub – das geraubte Glück für riesige Herden,/Die Zinseszins im Tempel der Ewigkeit werden./Ihr Hoffnungen aus schwebenden geistlosen Engeln,/Gottgleiche Wesen der kalten Natur,/ Auch ihr seid längst schon zerbrochen. (vgl. Gedichte, im Anhang) [BG 167]

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Würdigung. – Jetzt vermag die tiefe Traurigkeit der eingemauerten Seelen endlich wirken. Des Menschen graues Elend überstrahlt vom schwarzen Licht, die Mischung letzter Möglichkeiten: „Der schwarze Kot, der von den Dächern rinnt./Ein roter Finger taucht in deine Stirne/In die Mansarde sinken blaue Firne,/Die Liebender erstorbene Spiegel sind.“ Trakl. Delirien 2. Fassung. Hölderlinisch? [BG 168]

Herbstvagabunden. – Die momentane Gesellschaft von Eintagsfliegen gerät wegen ihrer Vielzahl lästig. Nun bringen es die frisch geernteten Früchte aus dem Garten so mit sich, daß sich dieses kurzlebige Völkchen an ihren feuchten süßen Hautöffnungen berauscht. Ach, wie viele von ihnen habe ich mir bereits mit dem Apfelmost vereinleibt. Das macht mir kaum etwas aus, zumal ich genug pragmatisch bin, um mich gelegentlich bewußt der Natur auszusetzen. Es ekelt mich deshalb nicht, eine Pflaume unbesehen zu verzehren und den Kern für einen aufgesetzten Schnaps in eine Flasche zu spucken. Ja, diese winzigen Fliegen können nur weiblichen Geschlechts sein, und wieder einmal vermisse ich tiefere Kenntnisse über eine derartige Biologie. [BG 169]

Sehen ist auswählen. – Wie könnte ich der Welt etwas wirklich neues mitteilen wollen, wie etwas vollkommen Unbekanntes erzählen?

    Wenn ich nun fortwährend meine selbst bemerkten Auffälligkeiten niederschreibe, so habe ich zumindest eine einzigartige Auswahl des vermutlich (hoffentlich) längst Bekannten getroffen. [BG 170]

Notes. – Aufschreiben heißt mitunter auch Auskotzen und/oder Aufspießen (vgl. Beetz 2000). [BG 171]

Pedologische Exzesse = Springschwänze treiben es mit den gezwitterten Regenwurmweibchen (häh?) [BG 172]

Blumentopforgien = gießwassergeile Wurzelenzyme kennen keinerlei Gnade [BG 173]

„Grün werden nun die Binsen“. – Robert Burns. Er gilt wohl als der größte schottische Dichter, er veröffentlichte seine Gedichte, um zu Geld zu kommen [O, welch eine glorreiche Zeit muß das dort gewesens sein … „Mein Herz ist im Hochland“]. Burns war sofort erfolgreich und soff sich dennoch schnell, ganz wie sein irischer Kollege Dylan Thomas mit Irish Whiskey, mit Scotch Whisky tot. [BG 174]

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Ward die Gier aus Verlangen geboren? – Pothos soll Bruder des Eros gewesen sein, wobei letzterer sich mit der liebreizenden Psyche vergnügte. Ist Pothos durch die ihm verliehene Herrschaft immer noch mächtig? Seine Macht über die Menschen hat er von anfang an als Verlangen (Sehnsucht?) in deren eigenen Hände gelegt. Wer hätte damals etwas von diesem Karusell wissen können, das sich fortan dreht und dreht und dreht. //So wurde am Ende die unschuldige Seele von Eros verführt./Wie sonst der erbärmliche, ganz sicher methodische Zustand auf Erden.// „Am besten ists, man hälts bis Abend aus./Weil dann der bleiche Haifischimmel kommt/Bös und gefräßig über Fluß und Sträuchern/Und alle Dinge sind, wies ihnen frommt.“ B. Brecht. Vom Schwimmen in Seen und Flüssen. [BG 175]

Status quo. – Bei allen täglichen Meldungen fällt doch sehr auf, daß die ganze Welt nur damit beschäftigt ist, sich vor den dringendst nötigen Veränderungen zu schützen. Diese Notwendigkeit ist aber nur die vorherrschende Meinung. [BG 176]

Immerzu. – Zuallerletzt haben sich Feudalherren, die Adligen vor der Guillotine gefürchtet. Zeitweise aus gutem Recht heraus, unnötig wie wir wissen. [BG 177]

Frag den Abendwind. – Das Glück armer Gassen lauert in den Mauerritzen. Viele Zustände, besonders die tageszeitlichen Stimmungen sind nur für die warmen Jahreszeiten gültig. Einmal beschwor Georg Trakl die blaue Klage des Abends, und wir glauben immer noch zu wissen, welche der Klagen er meinte. [BG 178]

Die große Hure Presse. – Sie haben sich alle an ihr abgearbeitet, Karl Kraus, Walter Mehring, Bertolt Brecht … Katja Eppstein, die freche berliner Göre, hat sie endlich frei nach Mehring besungen … [BG 179]

Freier Markt. – Die Wirtschaftsweisen haben noch keine Erklärung erfunden, das Bafög steigt, die Ölpreise sinken … und keiner will’s gewesen sein. [BG 180]

Fleischproduktion. – Eat more Meat! Da Meat und Eat in der momentanen Weltsprache nahe gemeinsam auftreten, hat die längst akute lächerliche Gedankenlosigkeit deutschsprachiger Prostitution nurmehr Fressen/Essen als Reim zu bieten. Fast-Food tut gut! Ein fetziger Sniperschuß durch den Bauchspeck des öligen Wohlstands. [BG 181]

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Kündigungsschreiben. – Die Freud’sche Fehlleistungen, die lustigen unter ihnen, wirken manchmal wie an den Haaren herbeigezogen. „Sehr geehrter Herr Strauß-Kahn …“ Dabei firmiere ich eigentlich mit dem Familiennamen Stephan-Kempf, was mir bitte nicht als klassenbewußtes Understatement ausgelegt werden darf. [BG 182]

Allerlei Strafmaß. – Die kleinsten Verbrecher, die der Obrigkeit zum Opfer fallen, haben anonyme Namen. Etwas größere Verbrecher, die der Obrigkeit zum Opfer fallen, haben bekannte Namen. Die ganz großen Verbrecher tragen große Doppelnamen wie Anonymus-Gemeinwohl, Homo-Religiosus oder Verres-Flick und dürfen sich zur Strafe immer wieder neu bewähren. [BG 183]

Lüge und Wahrheit. – Nur ausgemachte Idioten können sich Lüge und Wahrheit getrennt vorstellen. Könnten lokale Mißstände von hohem symbolischen Wert nicht konzentriert werden, um die Masse der Gesellschaft sowohl geistig als auch politisch zu mobilisieren?1) So müßte die charismatische Gandhi-Methode der Askese mit der unterschwelligen Wut der sexuell Frustrierten verbunden werden. Stattdessen: „Die Renten sind sicher!“ „Freie Fahrt für freie Bürger!“ „Eine Pkw-Maut wird es in Deutschland nicht geben!“ „Von deutschem Boden darf niemals mehr ein Krieg ausgehen!“ [BG 184]

Politbarometer. – Temperaturen der Wortbegriffe unterliegen inflationär der Bemessung der erwarteten Profite ihrer Erfinder (Auftraggeber). Mit der angsterheischenden Begrifflichkeit Terrorismus, ohne wertgeile Adjektivierungen der systemimmaneten Propagands heute kaum denkbar, soll klargemacht werden, daß nur jugendliche Abenteurer (wie auch immer) dieser Form des Widerstands Berechtigung und Zulauf geben. Verbotene Schundliteratur und die verschwiegene (Jugend-) Arbeitlosigkeit mit Sehnsucht nach Guerilla hat angeblich ähnliche Quoten. „Wie aber schützen Sie unsere Jugend vor jener Schundliteratur, die sie zu Kriegen und Unterdrückung hetzt? Wollen Sie behaupten, daß unsere Jugend etwa der Buffalo-Bill-Hefte wegen verelendet? [… Brecht meint im Text Verbot der Wahrheit folgend das Gesetz zum Schutz der Jugend] Dieses Gesetz ist gegen uns gerichtet. Sie sagen Buffalo-Bill und meinen die Wahrheit.“ [BG 185]

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1)  Erikson, Erik H. (1971): Gandhis Wahrheit. Insel Verlag, Frankfurt am Main. 556 S.

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Alternativer Heldengedenktag. – Immer wieder zum Tode verurteilt, die Deserteure, die Neinsager und ihre menschliche Treue, die Pflicht zum Widerstand. Manches Vergehen war/vielleicht in Wahrheit/ Gegenwehr/gegen die Gegenwart. Erich Fried [BG 186]

Der Gedanke. – Wenn er ganz allein daherkommt, ganz ohne Montur und Gelassenheit, ist er wirklich in mir. Es hat seine Scheinbarkeit aufgegeben und verharrt unentschlossen in den Schatten der Straßen, angebellt von den räudigen Hunden, die es längst wieder gibt. So gedacht, hat der alte Gedanke nie etwas geändert, und er dämmert zufrieden mit sich und der Welt in seinem Versteck vor den geifernden Kötern. [BG 187]

Die Banalität täglicher Exzesse! – Wann haben wir endlich die Sprache der Tiere verlernt? Das ist für unsere Fleischfressermoral wichtig, daß nicht die mindeste Empathie aufkommt, beim Verzehr genetisch gezüchteter Kunstfasern, die weiterhin bluten und stinkend verfaulen und Angst vor Schmerzen und Furcht vor dem Sterben haben. Das alles muß weiterhin auch für Drohnen und für Soldaten nach Menschenart gelten. [BG 188]

Whole Earth Catalog = gilt als Bestseller der frühesten Ökobewegung (Autor Steward Brand, der auch den Begriff „Personal Computer“ erfand) … „Die Hippies und der Cyber-Space“ (07.12.2014, SWR2 1405 Rundfunk-Feature [BG 189]

Telefonat. – Es klingelt, oder besser, ich höre ein gräßliches, markerweichendes Geräusch, das sie dem Klingeln des Bagelit-Telefons gemein gemacht haben. Ja anders, aber dem alltäglichen Gedudel ähnlich, hört es sich an. Es ist echt! Da gibt es jemanden, der sich noch wundert über irgend etwas, daß jetzt gerade der Vortrag von Dr. W. Berger über sein Thema Humanwirtschaft, das Business überhaupt und sein Reframing (?) totgeschwiegen wird, damit niemals zum alltäglichen, allgemein öffentlich-rechtlichen Kulturgut erhoben wird wie‘s Wort zum Sonntag und scheppernde Kirchenglocken. Die beste Zeit generalstabsmäßiger Angriffe heißt Himmelherrgottsfrühe. Zensiert wird nix, gell, im Gegenteil. Das Schicksal von Personen, die vor siebzig Jahren nicht zufällig aber systematisch ermordet wurden. Ach, welch rhetorischer Unterschied zu Bomben auf Dresden und Laos! Jetzt klingelt es wieder, ein unverlangter weiblicher Stimmenkontakt: „Guten Tag. Wir sind als Dachdeckerfirma gerade in der Nähe …“ Ich lege auf! Nur ohne Telefon würde mir’s erspart bleiben. [BG 190]

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Sparbuchzinsen … negative Zinsen … [BG 191]

Ziegelmauern gelten als altmodisch; Gründe für ihre standrechtliche Stabilität sind den meisten Menschen allzu leicht ersichtlich. [BG 192]

Mengenlehre: gilt als allergrößte Frechheit des staatlichen Bildungssystems. [BG 193]

„Galilei starb im Jahre 1642 an demselben Tage, da Newton geboren wurde. Mit Recht darf man in diesem Zusammentreffen die wundersame Fügung des Zufalls bewundern, der das Genie wie durch eine Seelenwanderung fortsetzt. So war auch Galilei zwei Tage vor dem Tode Michelangelos geboren, am 15. Februar des Jahres 1564. Eine schöne, aber seltene Verkettung der Geister. Denn das Genie ist ein Knotenpunkt in der organischen Entwicklung der Menschheit, wie an dem Rohr, dann geht’s glatt weiter bis zu einem anderen Knotenpunkte und wie bei den Jahresringen. Wir sind hinter einem Knotenpunkte, in der scheinbaren Dekadenz.“ (Grogorovius 1951)1) Die schöne, seltene aber nur scheinbare Verkettung von Ereignissen ist nicht der Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge. So wäre doch jeder einzelne Tod unschuldiger Menschen in all den künstlich herbeigeführten Kriegen zugleich auch Grund zu glauben, daß alles einen tieferen vergeistigten Sinn hätte. Dem ist nicht so, obwohl der Grund aller Gewalt von seinem Wesen her immerzu der gleiche ist: die Gier nach Reichtum und Macht (!); ebenso, daß die sonderbare Verkettung der Ereignisse um das Jahr 1968 irgendwie und nur etwas mit den bestialischen Kriegen der Amerikaner für die Freiheit eines einzigen weißen Kristenmenschen und den auf lange verlorenen kubanischen Bordellen und Spieltischen zu tun gehabt hätte. Aberglaube an Fortschritt und Heilige Dreifaltigkeit ist in vielfältiger Weise nützlich: er macht blind für tatsächlichen Möglichkeiten, nämlich Einfluß zu nehmen auf das historische Geschehen, und er beläßt dabei die herrschende, ständig stattfindende DEKADENZ in ihrem scheinbar heiligen Zustand. [BG 194]

Zufallsfund. – Die Welt ist voller Romanstoffe, o welch eine glückliche Erfindung der Kultur.

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1) Grogorovius 1951: Wanderjahre in Italien. G. war mit Kopf und Bauch der zeitgeistigen „bürgerlichen“ Revolution verbunden. „Goethes Wilhelm Meister in seinen sozialistischen Elementen“ entwickelt, ist eine Studie von Gregorovius (um 1849?). Seine beeindruckenden geschichtswissenschaftlichen Reiseschildungen (erstmals 1852 mit „Korsika“) stehen unbedingt in der Reihe von Forster, Humboldt und Goethe.

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Einer der Romane (wie viele gibt es eigentlich auf der Welt) spielt weitgehend in München: […] er atmete fast schnüffelnd […] der matte Duft von Annas Nacken […] eine gemalte Totenlandschaft […] chorsingende Studenten […] die mageren und gedunsenen Grogtrinker […] echte Gebirgler oder maskierte Städter […] damals unter der Mariensäule hatte sie fromme Augen […] als Gott die Welt liebte […] sie lieben sie wie sie die Oktoberwiese lieben […] flüchteten vor der frühen Helle […] warum nimmst du mir die Haare weg? Marianne: […] sie machte sich in seinen Armen ein Bett zurecht […] Gustav: Ich lerne die Liebe doch nicht […] sie hatte eine richtige Heimat […] Franz Hessel: Der Kramladen des Glücks. [BG 195]

Das nicht genug Fressenkönnen als Spiegel der Moral. – Ist die auf Brechts Gesamtwerk bezogene, zunehmend sich selbst hassende Reduktion romantischer Stimmungen (nach Hans Meyer ist der hoch entwickelte jüdische Selbsthass typisch, aber auch für seine fortwährende Immanenz in der deutsche Kultur?), besonders jene, die das frühe Werk umrahmt, die sprachliche Versachlichung der Dinge bei Brecht, Ausdruck materialistischer Dialektik oder nicht? Ich meine, daß nur ein sehr hohes Maß an Vertrautheit mit der eigenen unversöhnten Seele eine ebenso deutliche Verknappung verträgt, wäre da nicht die hinterfotzige Agitation des Ichs, die Sinnlichkeit der Macht über Menschen. Besonders bei Brecht möchte ich deshalb den Geist ganz ohne eine psychologische Beteiligung der Seele auf den kahlen Kopf des Dichters und den ringsherum geilen Körper des Mannes verteilt sehen, so ist sein „nicht noch mehr fressen können“ eines der kleinsten Probleme jenes auch hohlkreuzigen Kurzsichtigen, der weniger eine gescheite Femme fatale aber immerzu seine Copiste brauchte, die (für einige Male ist das wohl längst nachgewiesen) buchstäblich für ihn schrieben. [BG 196]

CIA-Folter und ARD-Tagesschau. – „Die erweiterten Verhörmethoden haben keine weiteren Erkenntnissen gebracht.“ Die zeitweilige Demontage eines Idols würde voranschreiten, wäre da nicht die Vergeßlichkeit der Massen. [BG 197]

Fuchsbandwurmmörder. – Den alltäglichen Tatortkrimis gehen die Titel aus: Tod durch Langeweile (?) … die Aufklärungsquote liegt bei 100 Prozent … aber in Wirklichkeit war es wieder einmal einer der schlauen Füchse, die längst auf einen sicheren Bau in der Wall Street verzichten können. [BG 198]

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Kant’s Besitzlehre: sie lehrt uns die Leere des privaten Menschen … ? Das geistige Eigentum, mir scheint es in Gedanken greifbar. [BG 199]

Zivile Nutzung. – Blutrünstige Wikinger wurden kristianisiert, aber woran sind die Hunnen zugrunde gegangen? Bei Bundestagswahlen keine Mongolen mehr, die Adenauer kastrieren wollen! Aber von den islamistischen Terroristen wissen wir, sie wollen unsere Töchter im Face-Book schwängern, und es ist deren harmlosestes Bemühen eine Atombombe zu bauen, obwohl alle Welt doch längst weiß, daß das bloße Versprühen von Plutonium in Banketagen und in den Gängen des Pentagon erneut die historischen Lügen des 11. September und der ihm folgenden politischen Plumpheiten skelettieren würde. [BG 200]

Playboy-Prototypen. – Die Welt ist voller Individualisten, und weil das organisierte Freiheitimago ewig sich gleichender Legislaturperioden inzwischen überall herrscht, sind die Pneumatiker weltweit zu Siegern geworden: aufgeblasene Profiteure, von den Faulgasen der Verwesung bis ins hohe Alter nach Hollywoodart faltenfrei, ganzseitig wie ihre austauschbaren dummdreisten Hochglanzvotzen. [BG 201]

Was Gautama betrifft. – Bei diesem Burschen läßt sich leicht ableiten, daß die „Vier Erkenntnisse des Gebildeten (auch als die vier heiligen Weisheiten bekannt)1) vermutlich nichts anderes sind, als die kaschierten Prämissen feister Ausbeuter, ihrer Politiker und Pfaffen, die sich nacheinander z. B. Schamane, Priester, König, Kaiser, Konquistadores, Reichskanzler, gewerkschaftsvorsitzende Adelige, Papst oder Präsident nennen, und aus dem wissenschaftstheoretischen Kalkül heraus zur alternativen Nachahmung empfohlen werden. Das löst erneut den vertrauten, zwar geistig vereisten, aber durch gebildete Armut längst generierten Ekel aus. Ich möchte kotzen müssen, so übel ergeht es dem MENSCHEN, nur sein Magen ist immerzu leer, aber Ami-Fastfood wird ihn dereinst zum MÖRDER machen, das ist banale Hoffnung. Meine begründbar aufkommende Faulheit zur erneuten Generierung des Literarischen, zur ewigen Wiederholung erwähnter Fakten, Konstellationen und zur wiederkehrenden Interpretation des längst Gesagten, neigt seit einiger Zeit nicht zur Erlangung der (immer fragwürdigeren) Doktorwürde, dann zumindest zu gezielten Zitaten.

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1) Braitenberg, Valentin (1988): Monistische Meditationen. In: Kursbuch 91, März 1988. Kursbuch/Rotbuch Verlag, Berlin. S. 161-171.

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Diese vorgezeigten Formulierungen mindern zwar nicht die eigene Übelkeit, sie ersparen wenigstens die zielgenaue Formulierung dessen, was mir seit Jahrzehnten ein heroisches Kotzgefühl, zumindest eine latente Leichtigkeit gegenüber der allgemeinen, selbst verursachten Abhängigkeit (Unmündigkeit) von bürgerlichen Zwängen verursacht: das Wissen um die eigene Unvollkommenheit!

Erstens. „Schon von Geburt an ist uns manches Unvollkommene mitgegeben: niemand ist die perfekte Realisierung eines genetischen Idealtypus. Das Alter und die Krankheit tun das ihre, und letztlich ist der Tod die Folge der Unvollkommenheit unserer Konstitution, ja aller Strukturen überhaupt. Auch in unseren Beziehungen zu anderen Menschen ist manches unvollkommen, ob man von den geliebten Menschen getrennt ist oder die zu ertragen hat, die man lieber nicht um sich haben möchte. Und endlich kann man kein Ziel, das man sich gesetzt hat wirklich vollkommen erreichen. Physikalisch gesprochen: jede Ordnung ist von thermischem Rauschen gestört, das mikroskopische Chaos läßt keine vollkommenen makroskopischen Gestalten zu.

Zweitens. Warum stören uns diese Unvollkommenheiten, warum leiden wir darunter? Weil wir der Welt, so wie sie ist, eine erfunden, vereinfachte Welt entgegenhalten, dem Dreieck, so wie es der Landvermesser wahrnimmt, das abstrakte Dreieck der Geometrie, dem Schicksal, so wie es sich uns bietet, den Traum der restlosen Befriedigung unserer Triebe und unseres Ehrgeizes.

Drittens: was man dagegen unternehmen kann. Man kann das Rastlose in uns zum Schweigen bringen, indem man in Zufriedenheit die Welt so wahrnimmt wie sie ist: indem man gute Naturwissenschaft betreibt.

Viertens: Wie gelangt man zur Zufriedenheit? Hier kann man nur eine Reihe vernünftiger Regeln anbieten, es gibt kein vereinfachendes Konzept der Ethik. Acht Empfehlungen vor allem (der „achtfache Weg“): man soll sich eine Weltanschauung zurechtlegen; man soll Entscheidungen reiflich überlegen; man soll sich um sprachliche Klarheit bemühen; man soll jede Handlung bedächtig ausführen; man soll sich ein vernünftiges Auskommen verschaffen; man soll erreichbare Ziele wählen; man soll sein Denken schulen, und man soll es anwenden. (Braitenberg 1988, a. a. O., S. 164 f.) Alles in allem Kopien sozialdemokratischer Fleißlügen wie bei Max Weber, ein in protestantisch-puritanischer Profitgeilheit geschwängerter Reformismus. [BG 202]

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Gautama oder Guantanamo? Diskurs oder Diskussion, Gewäsch und Geschwafel, alles ist gleichermaßen als publizistische Stillhalteparole geeignet, philosophisch oder rein foltertechnisch . . . [BG 203]

Dissertationen der Erleichterung. – Brechts merkwürdige Beziehung zu Bäumen? Neue brennende Fragen der Literaturwissenschaft nachdem das mit dem vorgedichteten Sozialismus so sehr mißlungen ist. In der gesamtdeutschen Parteienlandschaft ist die Begeisterung über die Annektion der Ostgebiete einer nivellierten Erleichterung gewichen. [BG 204]

Gegen Schottengeiz. – Im Kühlschrank brennt immer ein Licht; vgl. Hilla Janssen. [BG 205]

Reifere Dichtung. – Es erscheint ihr kaum mehr schwierig, eher das Erfahrene, das Verstandene, das allgemein Gültige, als das frisch Gefühlte, zugleich einer professionellen Eingebung folgend, zu Papier zu bringen und es für den naiven Leser wie gerade erst Gefühltes erscheinen zu lassen. [BG 206]

Je suis                                                           Je suis

FELIX                                                                GÜNTER

Vom Guten nicht zu reden. – Es ist hoffentlich keine kleinkrämerische Krittelei zu bemerken, daß dieses abendländische, pseudodemokratische System trotz seines Gigamilitarismus am eigenen Konsumterror und seiner schleimigen Sicherheitspropaganda zugrunde gehen wird. Dabei wäre allein ein Mindestmaß an wirklicher Gewährung von Freiheit weltweiter Garant für die absolute Überlegenheit aller Vernünftigen. [BG 207]

Wenn Muslime das gleiche Geld in die Hand nehmen würden wie die Juden, um Diskriminierendes in der Öffentlichkeit zu unterdrücken, so wäre die Bezeichnung „Islamismus“ ebenso ungebrochen ehrwürdig im westlichen Denken, wie der völkermordende Zionismus. [BG 208]

Die deutschen Medien unterliegen keinerlei Zensur. Zur besten avantgardistischen Sendezeit am 12.01.2015 um 22.45 Uhr, und um 4.45 Uhr wiederholt, zeigt das Erste Deutsche Fernsehen eine Dokumentation aus dem Jahr 2014: Die Story im Ersten. Doku (D 14) Jagd auf Snowdon – Wie der Staatsfeind die USA blamierte. Die Themen-Statistik beweist uns nach dem Billy the Gates Zeitalter: Keiner wird sagen können, daß kritische Sendungen keinen Sendeplatz bekommen. [BG 209]

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God Bless America! Der Grizzlybär ist auch in Kalifornien längst ausgerottet. Immerhin zeigt er sich noch in der Flagge des US-Bundestaates. [BG 210]

Eingeschränkte Mobilität. – Das meist wenig beachtete deutsche Verkehrsschild (resp. Eingeschränktes Halteverbot-Verkehrszeichen Z286 StVO), mit dem weißen Schriftzug PEGIDA entfremdet, sollte zugleich mit dem ganz allgemein gültigen Wort PROPAGANDA eingeführt werden. Die Einschränkung soll in jeder Hinsicht gesetzliche Gültigkeit haben. [BG 211]

Die inneren Werte. – Es gibt Worte, bei denen muß nur ein einziger Buchstabe ausgetauscht werden, damit Dimension und Lebensform sich radikal ändern und endlich Friedhofsruhe eintritt  … Schwamm … Schlamm … dann natürlich auch bei den Parteien und solche, die es werden wollen. SPD … KPD … NPD … ARD … NSA, aber die sorgt für die Verringerung des Alphabets auf drei Buchstaben … RIP! R (Rich) I (In the Middle) P (Poor) – das V der üblichen Sieger steht dann für VERY![BG 212]

Edelpizza sucht Fastfoodprofiteur? – Was ist nur mit Heidegger los? Hat er sich jemals über die Lügenpresse geäußert? Die niemals wirklich identifizierten „Erben“ stellen sich quer, die verborgenen Stellen sollen weiterhin verborgen bleiben, und was würde passieren, würde Heidegger als Vorredner des Unsäglichen apostrophiert? Benötigt die Welt nach Hegel noch mehr Antisemitismus? Ich meine: Nach den sich gleichenden Morgennachrichten und denen um 16 Uhr, vom Kulturprogramm erst garnicht zu reden, könnten die Tagebücher eines legasthenischen Islamisten alle momentan inszenierte Philosophie abdecken. [BG 213]

Die abendländischen Medien sind frei? Über die Strukturierung der informativen Vokabeln. 13 Uhr: „Zu 10 Jahren Haft und tausend PeiTschenhiebe verurteilt!“ Bereits um 19 Uhr sind aus den bissig schmerzenden Peitschenhieben nunmehr stumpfe, nahezu harmlose Stockschläge preußischer Landschullehrer geworden. [BG 214]

Bob Dylan at ist Best. – Unglaublich! Nicht zu glauben aber angeblich wahr! Rechtzeitig zu Weihnachten 2014: erscheint „Winter-Wonderland“ (das bekannte, alternativlose Amiweihnachtslied gesungen von Bob Dylan (sic.) in einem schnulzigen Big-Band-Country-Rhythmus … (SWR2, 06.12.2014, 15.20 h) [BG 215]

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Ideale. – Dazu fällt mir ein Auflösung und Wandlung, Verhärtung und Vertreibung: Das Wasser ist Dunst geworden/die Steine sind Sand geworden/die Hirten streiten/in einem anderen Land. [Erich Fried. Reich der Steine. Verwüstung] [BG 216]

Der Naturbursche in uns. – Entdecke bei Brecht gelegentlich ähnliche Vorlieben, gerade was meine Sehnsucht nach einer helleren Zeit und ihren Nächte betrifft, auch pinkele ich seit vielen Jahren nahezu ausschließlich im Garten, ich habe da meine bevorzugten Stellen, die allesamt keinerlei Unkräuter dulden … diese hellen nächte sind sehr schön. gegen drei uhr stand ich auf, der fliegen wegen, und ging hinaus. hähne krähten, aber es war nicht dunkel gewesen. und ich liebe es so, im freien das wasser abzuschlagen. merkwürdigerweise denke ich nie an arbeit zu solcher stunde. es ist nicht arbeitszeit. 6.4.40 Brecht Arbeitsjournal 1, S. 130)

Politpropaganda. – Nichts anderes als die dummdreiste Fokusierung auf die längst anstehende Große Auseinandersetzung (der westlichen „Kultur“ mit der östlichislamischen!) bedeuten die im Minutentakt erwähnten Zauberworte in der Lügenpresse: Islamismus, Terrorismus und an der inneren Grenze immer mal wieder verstohlen NSU, dann Legida, Pegida … eine hochgradige Zentrifugation der restlichen Menschlichkeit im herrschenden Neokapitalismus, und die Schwarzen benutzen dazu willfährige Menschen, aber jeder Spezialist hat seinen Buckel, sagt Nietzsche. [BG 217]

Ein Wendehals. – Ignace Lepp beschreibt in seiner „Biographie“ mit dem gängigen Titel „Von Marx zu Christus“ die verbrämte Wandlung eines jungen Mannes mit sozialistischen Idealen zu einem bourgeoisen Katholiken, der plötzlich an andere Wunder glaubt. Lepp: „Vom Tage meines Eintritts in die Kommunistische Jugend an mußte das für mich unvergleichlich mehr zählen als alle Bande des Blutes, und auch heute noch denke ich so.“ (…) „Unter den Jungkommunisten bürgerlicher Herkunft war ein beträchtlicher Teil jüdischer Abstammung.“ Lepp äußert bereits früh seinen Ekel: „ (…) unsere Genossen jüdischer Herkunft kämpften mit viel Eifer und Ausdauer gegen den Partikularismus ihrer Rasse. Manchmal trieb sie ihr Verlangen, sich mit den Nichtjuden zu vermischen, bis zur Zudringlichkeit.“ Und nur einige Zeit später erfolgt die früh angelegte Wandlung vom Saulus zum Paulus: „Diese Bergpredigt … um wieviel schöner war sie doch als das Kommunistische Manifest!“ Frankreich war durch die Nazis

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besetzt, das südfranzösische Vichy-Regime, welches in einem später nie gesühnten Ausmaß mit Hitlerdeutschland, der SS und Gestapo kollaborierte, begann massenhaft Juden auszuliefern, um diese aktiv und absolut wissentlich der „Endlösung“ zuzuführen. Lepp:„Wir beteiligten uns aktiv an der Verbreitung der „Stimme des Vatikans“, einer Geheimzeitung.(…)Am 29. Juni 1941 übertrug mir die Kirche in der Basilika von Fourvière durch die Handauflegung des Kardinals Gerlier das Priestertum.“ …Die deutsche Ausgabe des raffiniert angelegten Buches erscheint mit Druckerlaubnis des bischöflichen Seckauer Ordinariats in Graz vom 14. Jänner 1959, ZI. 229 (sic). Gerlier wurde 1937 in wenigen Monaten vom Erzbischof zum Kardinal befördert und regierte zeitgleich mit Klaus Barby, dem SS-Schlächter von Lyon. Gerlier, der durchaus die Judenpolitik des Vichy-Regimes kritisierte,  wurde spätestens während der Algerienkrise in einen Politskandal verwickelt, als er behauptete, daß die französische Polizei [? es war ein bestialischer Krieg mit wehrpflichtigen Soldaten] im Umgang mit algerischen Freiheitskämpfern „nicht von der Anwendung brutaler Gewalt, und schwerster, gleichzeitig die Menschenwürde zutiefst verletzender Foltern zurückgeschreckt“ sei.

Ne bis in idem. 1) – Der enge Kontakt des Staates (stets durch den Fiskus) mit den schlauesten Reichen in ihm, mag zu der seit einigen Jahrtausenden bewährten Auffassung geführt haben, daß es nicht sinnvoll sei, das immer gleiche Verbrechen auch immer wieder neu und gleichermaßen zu bestrafen. Das Rechtssystem erlangt damit auch eine Verantwortung in der Fürsorge für den herrschenden Zustand. Der kleine Dieb bekommt die Hand abgehackt, damit er mit dieser nicht mehr stehlen kann. Die einmal zur Vestalin Verurteilte und ihre Besucher im Tempel zahlen ihre Steuern und bleiben gegen eine Gebühr straffrei. Aber der wahrlich stinkreiche2) Dieb und Hurensohn, der „Steuerflüchtige“, bleibt im Land und unbehelligt, allein, weil er sein Verbrechen ständig begeht. Auch stinkt die Kapitalflucht erbärmlich.

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1)Bis de eadem re ne sit actio … zweimal sei in der derselben Sache keine Gerichtsverhandlung, gilt quasi als Verbot der Doppelbestrafung in bis in die moderne Rechtsordnung.

2) Die Bezeichnug „stinkreich“ leitet sich vom nomadischen, später auch neolithisch-klassischen Reichtum durch die Menge des Viehs ab; vgl. „Kälberland Italien“ [BG 219]

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Altes von der Lügenpresse. – Im Sommer 1987 soll Günter Wallraff schreiben gelassen haben … er hat schreiben lassen, das wäre die sensationelle Unterstellung … wie weiland Bertolt Brecht mit seinen Copiste, u.a. Helene Weigel … [BG 220]

Wiedergutmachung. – Ein so wunderschönes Wort im ach so reichen Deutschland, eine Praline für die ewig Gestrigen, wenn da nicht der bittere Beigeschmack des gesellschaftspolitischen Geldwertes wäre, der immer dem zugesprochen wird, der mit Sicherheit bereits genug besitzt. Das gilt für menschenverachtende Zionisten ebenso wie für die scheinheiligen Christenkirchen. Ewige Wiedergutmachung aufgrund der Naziverbrechen, allein weil die Täter nie so recht bestraft wurden – im Gegenteil. Ewige Wiedergutachung an den Klerus (ein Bischof wie Tebartz van Elst, erhält aus Steurgeldern – nicht aus der für die Kirchen kostenlos eingezogenen Kirchensteuer wohlgemerkt – je nach Dienstgrad zwischen 9.000 und 12.000 Euro Grundgehalt monatlich nebst Dienstwagen, Fahrer und Dienstwohnung, was bis 2013 eine Summe von 14,8 Milliarden Euro (ohne Ortszulagen) ergibt, wohlgemerkt aus den Steuern auch der Muslime und anderer Religionszugehörigkeiten (vgl. Florian Kolf, Blog: 11. Oktober 2013). Es sei doch auch eine Wiedergutmachung, heißt es seitens der deutschen Politik, für die längst wieder rückgängig gemachte Säkularisierung, die Europa nach der Französischen Revolution und während der abendländischen AUFKLÄRUNG erfaßte. Zumindest in der Dialektik der Aufklärung, die einmal in der Bankenmetropole Frankfurt am Main ansässig war, wurde den machtlosenKlugen erläutert, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten in eine neue Art der Barbarei versinkt …“, deren Giga-Profite wiederum den machtvollen aber endlos Gierigen, in jener reaktiven Karl-Popper-Formelsprache sozusagen den garnicht einmal Dummen zufließen, obwohl sie sich an den ständigen Wiedergutmachungen bereits mehr als sattgefressen haben. [BG 221]

Nukleare Zustände. – Die Geschlechterliebe hat eine Halbwertzeit von höchstens drei Jahren, die mancher der Beteiligten nicht aushält, nur um einer anderen Monologisierung des Lebens vorzubeugen, die weder mit der Liebe noch mit ihrem selbstverständlichen Zerfall zu tun hat … [BG 222]

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Ganz Neues vom Baal. – Die von Frank Casdorff modern aufgefüllte Inszenierung des brechtschen Baal mochte der Suhrkamp-Verlag gern verhindern, und was wie etwas klingt, was es nicht ist, das ist vermutlich ein Streit unter den Machern von Kunst. Ich selber benutze das Alphabet, um zu schreiben. Man benutzt Brecht, um Theater zu machen, das erscheint mir in Ordnung (OK): (…) die idee, daß auf dem theater die angelegenheiten eines volkes behandelt werden könnten, ist ganz aus der luft gegriffen, da das auch bei sonstiger unterhaltung nicht geschieht. (Brecht. Arbeitsjournal 1) [BG 223]

Alltägliche Ansprache. – Manche banal erscheinende Aussage hat zugleich großartiges literarisches Format, nur ist der Zusammenhang oft nicht ersichtlich, oder er wird nivellierend verweigert. Dann mangelt es wiederholt an wiedererkennbarer Syntax, wie aus dem Gesicht eines berühmten Schauspielers geschnitten, das ein jeder längst kennt (das Gesichte!). Hin und wieder entschließt sich das heilige Oberschwein zum Vergolden seiner eigenen Scheiße – zum Drucken einiger Billionen Banknoten! Aber in Frankreich ist es gestzlich verboten, ein echtes Schwein NAPOLEON zu nennen (sic). [BG 224]

Triggle-Down-Effect. – Gotteslästerung ist ein großes Verbrechen, und wieviel Hunger muß im Volk erduldet werden, allein um die uralten TEMPEL der Macht zu schmücken? [BG 225]

Petrogenese. – Einmal stelle ich mir vor, wie in meinem Verstand (damit meine ich eine allgemeine Fähigkeit zur Empfindung, zum Denken, zum Begreifen, zur Phantasie) ein sehr fachspezifisches Bild entsteht: wie sich ein bereits gerundeter Stein im Fluß dahinrollt … nun, er mag dabei passiv erscheinen, aber er denkt! ein wenig getragen von der Strömung, was ihm einen berechenbaren Auftrieb verleiht, ein wenig angeschubst wird er und allmählich deformiert von seinen kurzzeitigen Nachbarschaften, denn viele, fast zu viele sind sie in dieser gemeinsamen Bewegung verfaßt … oder einmal zur Ruhe kommen, reglos liegen im Schotterbett, vielleicht längst zu Kies geschichtet, am Ende gar feiner Sand, reglos, nur mit Rundungen und mikroskopischen Ecken berühren sie sich – wenn das die Liebe wäre, so würden sie zu einem Konglomerat, zur Arkose, zu Sandstein zusammenwachsen, weil sich feiner Schlamm wie Zement zwischen sie schmiegte, um alles endlich wieder zu einem reglosen Gestein zu genesen. [BG 226]

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Bachschau und Öltankkontrolle. – Wie in einer archaischen Ziegenhirtenverfassung, der neolithischen Polis, gibt es bis heute eine „Wasserbehörde“; Nabukadnezar läßt grüßen, seine Gesetze haben den Einmarsch der SCHWARZEN nicht verhindert, aber die Ölpreise sind trotzdem wieder etwas niedriger. Der Kampf für oder gegen die Freiheit … die Freiheit … die Freiheit … die Freiheit … ist stets ein Preiskampf, ganz ähnlich dem Boxen. [BG 227]

Grenzenloser Finanzmarkt. – Der Schutz der „Natur“ läßt sich freilich ebenfalls gut versilbern. [BG 228]

Ulysses. – Als alkoholkranker Ire hättte Odysseus nach seiner langen Irrfahrt garantiert zunächst ein paar Guinness getrunken, um dann die lästigen Freier zu verjagen. [BG 229]

Von Vergangenheit und Zukunft. – Was zwischen geilen Mafiosi der Wirtschaft (Wirtschaftsbosse und Spitzenmanager) und den nicht minder glitschigen Mafiosi der Kirchen (Papst und Klerus) zum gegenseitigen Vorteil vereinbart wird, wird KONKORDAT genannt. Zwischen beizeiten feindlichen Waffenproduzenten, die freilich niemals modern genug und gerade noch nicht genug produziert haben, ist’s das berüchtigte Militärbündnis oder der zwischen Antagonismen allgemein übliche Nichtangriffspakt! [BG 230]

Vor der Supermarktkasse. – Ein tiefsinniges Gespräch zwischen zwei Männern über Arbeitslosigkeit, die zu niedrige Rente, geplante Vorsorgeuntersuchungen oder, hört, hört, die eigene Winterdepression nimmt eine erstaunliche Wende, tritt nur eine Frau hinzu. [BG 231]

Aktuelle Blindheit. – Kriege sind die gelegentlich oder dauerhaft inszenierte, absolut profitabelste, abstoßendste, die unbestritten bestialischste Form staatlich organisierter, massenhafter Tötung von leidfähigen Lebewesen. Ganz anders die tagtäglichen Schlachthäuser, in denen noch nicht einmal Tariflöhne gezahlt werden; auch das Foltern in „Polizeigewahrsam“ ist bei demokratischen Parteien und gewerkschaftlichen Jasagern immer noch umstritten. Umso mehr kotzt uns das lobbyistische Geschwafel über die Auschwitzmorde an. Warum wurden die SCHULDIGEN Personen niemals bestraft? Wenigstens jetzt könnte die Schuld nicht nur weiterhin mit bloßem GELD teuer bezahlt, sondern endlich durch Nennung der Namen und ihrer lukrativen Karrieren in der BRD zu einer historischen werden, wie das längst mit den mittelalterlichen Kreuzzügen geschah. [BG 232]

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Es gibt keine besseren Aasfresser als Vögel. – Menschen produzieren WAREN aus dem, was sie töten: Wasser, Luft, Bäume … [BG 233]

Vom Reiz. – Von Joyce‘ Finnegans Wake sollte man die Finger lassen. Kaum einen passenderen Übersetzer als Arno Schmidt kann ich mir dafür vorstellen. Die Schwierigkeiten beim elementaren Verständnis der Texte wird dadurch ausgeglichen, daß sie auch freihändig interpretierbar sind, was mir dann wieder sehr gefällt. Vielleicht ist das wie mit nichtgegenständlicher abstrakter Malerei. Die oft gehörte Behauptung, das könne doch jedes Kind, hält sich wie ein althergebrachter Mythos – er ist durchaus volkstümlich. Auf Schmidt allerdings bin ich ziemlich sauer, denn sein Zettels Traum ist absolut unerschwinglich und am Ende ebenso unlesbar … vielleicht. [BG 234]

Nicht kleckern – Klotzen! – Bei aller liebe zur den bewährten interpretationen dieser welt, zumindest die individuelle wahrnehmung von ihr muß veränderbar bleiben, was ganz besonders für die deutsche literatur gilt (noch ist nämlich nicht aller tage abend!) … gerade die stringente reihenfolge des importierten, scheinbar antiwelschen, ulysses muß zwingend beibehalten werden, denn besonders der von humanistischen gymnasiasten millionenfach übersetzte Homer (wer immer das in wirklichkeit war), kann sich nicht mehr dagegen wehren, sträubt er sich noch so sehr gegen die freiheiten dieser kunst … die freiheit, die freiheit, die ist so wunder-, wunderschön … die freiheit … die freiheit … undwir haben ja gesehen, was bei ihrer vorwärtsverteidigung bisher herauskam, und diese jubiläen feiern wir jeden tag überall und immer wieder neu – bis zum abwinken! vor dem bauch kann frau neben dem rednerpult mit geschickten fingern ein herzchen formen, so tief fürwahr vor dem bauch, als sei es der anführerin der SCHWARZEN von vorne in die hose gerutscht. [BG 235]

Bahnhofsromantik. – Das Rezept für Dampfnudeln ist verlegt und wird mit unruhigen Blicken der Süchtigen gesucht. Es ist und bleibt unauffindbar! Überhaupt ist die Unauffindbarkeit wichtiger Versprechungen dem jeweiligen Maß der politischen Zufriedenheit adäquat, die angeblich mit dem unempfindlichen Maß der Unterdrückung anwächst. Sprechphrasen und Penisblasen hatten stets einen leicht frivolen Charakter; entweder es wurden Wattebäuschen geworfen oder die Strichjungenmobilität der Wechsler war bereits der politischen Korrumption gewichen. [BG 236]

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Traurige Welt. – Rechtzeitig vor dem Rosenmontag in Mainz wurde die „Schiersteiner Brücke“, eine allerwichtigste Straßenverbindung des Rhein-Main-Gebietes, für den Verkehr komplett gesperrt. Wenn alle Stricke reißen gibt es immer noch das Lachjoga (sic). [BG 238]

Dauernonsens. – Einen ständigen kopfschüttelnden Lacher erzeugt die amtliche Entscheidung alsbald eine hessische Landesgartenschau in Bad Betteldorf zu veranstalten. [BG 237]

Zeitzeichen. – Sicher ist sicher: Ferkel garantiert den Juden in Deutschland Schutz, so die Schlagzeile vom Telekom-Login 16. Februar 2015. Was nützten je solche Versprechungen. [BG 239]

Zinseszins. – Wer an jenem Beginn nur einen einzigen Pfennig verliehen hat, den erdrücken heute Milliarden davon; bei den englischsprachigen unter den Schlauen sind es sogar Billions! [BG 240]

Datensicherheit. – Manche überlieferten Märchen müssen milliardenfach neu erfunden und immer wieder geschickt erzählt werden, bis sie jemand zwischen Kindergarten und Friedwaldimmobilie nur ein wenig glaubt. „Es war einmal ein lieber Stern, auf dem herrschte die Datensicherheit unumschränkt.“ Auch die Mär vom Klapperstorch und Osterhasen gilt inzwischen als wissenschaftlich abgesichert. [BG 241]

Altersteinzeit. – Eine Ende der Fünfziger Jahre im deutsch-amerikanischen Reader’s Digest Heft prognostizierte enorme Verkürzung der Arbeitszeit wegen dem gewaltigen Produktivitätszuwachs und dem Voranschreiten des christlich-sozialen Fortschritts, hat sich stattdessen allein wegen der staatlichen PÄDAGOGIK in eine enorme Erhöhung der gesellschaftlichen Armut und zugleich in eine nie erahnte gigantische Erhöhung selbst unproduktiver kapitalistischer Profite gewandelt. Diese Entwicklung war freilich abzusehen weil ein prähistorisches, arglistiges Grinsen und die Belohnung des rechtzeitigen Zuschlagens und seine geheuchelte Verleumdung seit alters her und ganz besonders heute bei Sandkastenspielen erlernt wird. [BG 242]

Taschenspieler. – Die rund 80 Millionen verzockten Steuermittel des Rheingau-Taunus-Kreises, die aufgrund des persönlichen Willens von Landrat Burkhard Albers (zugleich Kämmerer, was überaus praktisch ist!) wegen hochriskanter Spekulationen mittels Schweizerfranken verloren gingen, wurden von ihm als „Buchungsverlust“ beschrieben,

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aber unwiederbringlich ist das Geld weg! Dann irgendwo wieder in einer fremden Tasche aufgetaucht, denn Geld verschwindet nicht einfach, es wächst nur in einem anderen Bauch weiter. [BG 243]

Die Gnade der späten Geburt. – diese Formulierung riecht nach Faulgasen aus eben dem Gehirn, welches das Postnaziwirtschaftswunder mit einer historisch bislang nicht gewagten Reichtumsübertragung an Banken und Megareiche zur vorläufigen Vollendung bringt. Die einzig richtige Reaktion der Menschen auf dieses Politverbrechen (Widerstand leisten!) bleibt offensichtlich aus oder wird von den „freiheitlich-demokratischen Ordnungen“ mehr oder weniger „niedergeknüppelt“. Wer nicht weiß, was vor ihm geschehen ist, wird immer ein kleines, hilfloses Kind bleiben (nach Cicero) … [BG 244]

Tempel-Obolus. – Der Dom zu Aachen hat in seiner Nachbarschaft ein Domzentrum, in dem die Eintrittkarten verkauft werden, die uns Kleine berechtigen, den Thron Karls des Großen zu besichtigen. [BG 245]

Malediven: als akutes Synonym für faschistische Cliquenherrschaft im tropischen Tauchparadies. Natürlich war auch Franco’s Spanien ein Giga-Urlaubsziel und das Natopanzer-Griechenland der Militärjunta beizeiten ebenfalls. Da, wo gefoltert wird, da laß‘ dich ruhig nieder, Touristen brauchen keine Freiheitslieder. Ausnahme war das Chile-KZ unter Pinochet (Export-Import, wenig Tourismus) – „Es lohnt sich wieder zu investieren!“ (Originalton des weißhaarige Bundespräsidenten Richard von Weizäcker, 1985 ARD-Tagesschau!) [BG 246]

Rollstuhlfahrer. – Manche dieser öffentlich Gehandicapten strotzen vor hypertonischer Bösartigkeit und einem erklärten Willen den Giga-Reichen und Mächtigen, die ihr Herdenstimmvieh managen, weiterhin das Wasser reichen zu wollen. Panta rhei – alles fließt wie von Zauberhand, gottgewollt und per Dekret, es fließt von unten nach oben!

Erbärmlich die Rolle dieses rotnäsigen, immerzu geklont wirkenden Wirtschaftsministers, der Kapitaltransplantationen immer dann gutheißt, wenn der Hormon-Manipuliten-Extrakt des gesellschaftlichen MEHRWERTES exakt nur den (meist beschnittenen … hört, hört!) Leitbullen einen noch größeren Penis garantieren. [BG 247]

Haltet ein! – Wir wollen nicht mehr länger von liebloser Macht des Kapitals bis ins Hirn hinauf gefickt werden. Ein Messer? [BG 248]

[Apho-Texte hier nicht fortgeführt]

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Weshalb ich Nicht glaube – oder die Logik im Zirkelschluss

Gesucht wird ein Regen,/der das Gift aus den Augen spült. […] Die Windmühle des Kindes/spricht das Urteil über die Welt. GÜNTER BRUNO FUCHS. Steckbriefe

Die guten Gründe, weshalb er nicht glaubt, einmal von Ernest Borneman1) angeführt, könnten freilich um ein Vielfaches erweitert werden, so großartig können Abscheu vor organisierter Ignoranz (der kristlichen Kirche) und die unbedingte Notwendigkeit der (humanistischen) individuellen Aufklärung wirken. Immer aber müßte dem zweifelnden Menschen die einfache Schlüsselfrage gestellt werden: Glauben oder Denken? Das ist hier die Frage. Verstand und Intellekt dringen im allerbesten Fall weiter zur Vernunft vor, die (weiß Gott) ein ausgezeichnetes Privileg des Menschseins sein sollte.

Ein erstes Postulat: Offensichtlich ist der Glaube eine unablässige, zugleich zweckgerichtete Dummheit; und noch schlimmer, eine ganz und gar gesellschaftlich erworbene, quasi zivilisatorisch vererbbare Ignoranz, denn wenn ein Mensch seinen Feingriff beherrscht, er allgemeinverständlich eine, gar mehrere Sprachen benutzen kann, hat er damit nicht bereits eine praktische Fähigkeit zur (klassischen) Vernunft bewiesen? Religiöser Glaube ist für mündige erwachsene Menschen schlichtweg unvernünftig. Nietzsche bringt im Antichrist das stärkste Argument gegen Theologie und Metaphysik, daß Hoffnung mit Wahrheit verwechselt werde. Der kristliche „Beweis der Kraft“, da Glaube wahr sei, weil er selig mache, ist ein lustbetonter Unsinn.

(Grund 1) Ich glaube an nichts. Mir ist der Glaube so verhaßt wie dem Gläubigen die Sünde. (Bornemann 1990)

Dieser Haß folgt den gnostischen Wurzeln, somit der ursprünglichen Toleranz des Agnostikers. So führt mein zunehmendes Wissen über die unsagbaren Verbrechen des Kristentums von seinem historischen Anfang (sic) zwangsläufig zum (im kapitalistischen Gesellschaftssystem, ganz wie z. B. Steuerhinterziehung eigentlich immer noch verbotenen) Atheismus. Die Säkularisierung vollzog einst eine der größten Hoffnungen auf NORMALITÄT, nun ist sie gleich darauf

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1) kursiv zitiert: Ernest Borneman „Weshalb ich nicht glaube: 18 gute Gründe“, in: Karlheinz Deschner (Hrsg.): Woran ich glaube. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh, 1990. 295 pp., 62 ff.

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rückgängig gemacht worden, und die routinierten, die unantastbaren Gangster verfügen wieder über den größten zusammengestohlenen Reichtum, und alle Menschen, egal welchen Glaubens (so sieht es das Gesetz vor!) zahlen ihre Steuern weiterhin an den kristlichen Klerus. Das ist in der Tat so, daß alle Bürger die Bordellspesen der NPD-Funktionäre bezahlen, nicht nur das: sie haben sie bislang noch nie gewählt. Was also könnte sich dadurch endlich ändern?

Jedwede elementare Religionskritik hat ihren Ursprung in der Kritik an den herrschenden gesellschaftlichen Zuständen, die eben einen unspezifischen, quasi gelegentlich natürlichen „Gottglauben“ in gesellschaftliche Unterdrückung organisieren. Religion wird zum rein abstrakten, aus der Luft gegriffenen Herrschaftsinstrument und in der höchsten Organisationsform von Relationen zwischen Staat und Kirche zum furchteinflössenden, gnadenlosen Monstrum. Der Atheismus wirkt somit politisch, er ist eine Form des Widerstands gegen Unvernunft und Willkür. Seine Radikalität in der Auffassung scheint das einzig wirksame Mittel gegen die geistige Vereinnahmung des freien, ergo für sich selbst verantwortlichen, denkenden Menschen zu sein.

(Grund 2) Meine Subjektivität benötigt objektive Werte, an denen ich mich orientieren kann. Der Glaube aber ist ein subjektives Fürwahrhalten, das keine objektive Geltung besitzt. (Bornemann 1990)

Allein das undefinierbare Gefühl, der analytische Verstand (das sei einmal unterstellt) und besonders der im Diffusen lauernde Glaube müssen getrennt voneinander stattfinden – bereits die primitivste Rationalität des menschlichen Denkens, geschweige denn eine faktengeschwängerte wissenschaftliche, selbst eine eher individuelle philosophische oder gar künstlerische Proklamation, gebietet per Definition eine solch klare Trennung – zumindest in der stichhaltigen Wahrnehmung, für die zunächst eine minimal gültige Aussage gemacht werden soll. Ohne den ursprünglichen Willen zu einer wahrheitsnahen Orientierung braucht sich niemand überhaupt mit diesem Thema zu beschäftigen, denn er ist dem tumben Glauben (glauben wollen/glauben müssen) bereits unterlegen oder sogar buchstäblich auf priesterlichen Leim gegangen: „In der Dichtkunst ist jeder Gedanke Nachbar eines Gefühls und jede Gehirnkammer stößt an eine Herzkammer“, so berichtet uns ein ausgewiesener literarischer Medicus namens Jean Paul.

[…]

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 (Grund 3) Wenn einer behauptet, etwas zu wissen, kann ich mit ihm diskutieren. Wenn er aber behauptet, etwas zu glauben, muß ich es akzeptieren. (Bornemann 1990)

Manche Menschen glauben an die immerzu modernen, politisch opportunen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden: somit an Fundamente des HEILIGEN ABENDLANDES, die der Finanzplätze. Andere glauben an die von den ISLAMISTEN verbotenen Satanischen Verse oder träumen von der Ausrottung anderer Kunstformen. Satirische Äußerungen sind fast überall als unveröffentlichte zivile Schreibmaschinen-Manuskript erlaubt, Karikaturen gelten oft genug als Gründe für Folter und Todesstrafe. Sadistische Spielchen bitte nur in Uniform; z. Zt. Ukraine, Syrien, Irak, Libanon und Gaza, Waffenexporte an Hunderttausende afrikanischer Kindersoldaten. Kristliche Politiker, die gesamte Journallie und ihre Nachrichtensprecher wissen, daß sie sich allesamt auf die perfekte Lüge verstehen. Aber nur deshalb mit ihnen endlos diskutieren? Davidsterne & Hakenkreuze, alles sind austauschbare, immer aber mißbrauchte, archaisch wuchernde, unausrottbare Symbole. Hört! Hört! Bereits die Ein-Dollar-Banknote erscheint als die Inkarnation des abendländischen Mystizismus sollte man meinen – weit gefehlt? – eigentlich unglaublich, was sich auf ihr (auf dem grünlichen Dollarschein) alles befindet, und was man mit ihm erst alles kaufen kann! Das sprengt wirklich jegliche Vorstellungskraft. Deshalb glaube ich weder an diese Art Gott und immer weniger an das Gute im Menschen. Das Prinzip sollte sicherer sein als die Ausnahmen. Wenn ich also akzeptieren möchte, etwa daß jemand etwas glaubt, von dem ich weiß, daß es UNSINN ist, so mache ich das gegen meinen freien Willen, prinzipiell gegen jede Vernunft, aber niemals aus einem Kalkül heraus – manchmal aus bloßer Freundschaft. Das hat dann nur wenig mit dem Maß an grundsätzlicher Toleranz zu tun, welche nach wie vor die Atheisten von den Agnostikern unterscheidet. Innere Toleranz gegenüber tagtäglichen Verbrechen an der Menschlichkeit, nichts anderes nämlich begehen federführende Politiker, Militärs, Kleriker und Wirtschaftsführer(!), macht den bewußt sehenden Betrachter eindeutig mitschuldig!

Seit der schrecklichen Herrschaft der Jacobiner ist keine bloße, an Ende gar unschuldige Ignoranz mehr auf die Guillotine geschnallt worden. Im suprakatholisch-kapitalistischen Frankreich wird stattdessen das einfache Brot weiterhin sehr stark subventioniert.              […]

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(Grund 4) Wer weiß, kann nicht glauben. Und wer glaubt, kann nicht wissen. (Bornemann 1990)

Sprachanalyse und Logik gehören zusammen. Wissen und Glauben müßten also eine Emulsion eingehen, ähnlich eines Fettlösers für jeglichen natürlichen Menschenverstand. Es mag eine rudimentäre, dann auch eine elementare Erkenntnis sein, die mich bewegt, mich eher einer  höchstmöglichen Gewissheit anzuvertrauen als einem blinden Glauben. So muß der ungläubige Thomas (vernünftig und schlau wie er ist) erst sehen, was sich angeblich zu glauben lohnt.

Am Ende beruht jeglicher Glaube auf der traditionellen Suggestion durch Höhergestellte, die mittels einer korrumpierten Priesterschaft (Klerusverfassung)) die hilflose Sehnsuch der Manipulierten auszunutzen versteht. Immer gibt es Inhalte und Objekte der Anbetung, die die stattfindende Ausbeutung und Unterdrückung reinkarnieren und ganz praktisch am Leben erhalten. Eine heilige Jungfrau mit ihrem dicken Bauch oder die homophile Kaltschnäuzigkeit sämtlicher Propheten. Um die spätere Verfolgung und Eliminierung, selbst meiner drittklassigen kritischen Stimme, wehrlos in Kauf zu nehmen, bedarf es endlich eines wagemutigen Zitates: Und der Engel Israfel, dessen Herz eine Laute ist und der die süßeste Stimme hat von allen Gotteskreaturen. – Aus dem Koran … aber dazu vermerke ich nicht mehr.

[…]

(Grund 5) „Blinder Glaube“ ist eine Tautologie, denn der Glaube ist immer blind. (Bornemann 1990)

Der Fortschrittsglaube ist ein solcher „Blinder Glaube“. – Wir stehen kurz vor dem Absprung (Absturz?) in eine strahlende Zukunft. Nicht immer ist die anthropogene Fähigkeit zu glauben mit einer aus praktischen Zwecken heraus frei erfundenen Religion verbunden. Politische Systeme sind mit den Herrschaftsbedingungen absolut kongruent, oder sie werden, wie gerade nach historischen Revolutionen, mit Gewalt dazu gemacht. Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Menschenrechte, das alles sind Worthülsen, die in ihrer Diskrepanz zwischen ewiger „Nationaler Feierstunde“ und fortgesetztem „Völkermord“ in sämtlichen Denkkategorien unübertroffen verlogen sind. Gerade Definitionen der Gesellschaftsstruktur gelangen schnell zur schreckenserregenden Wirklichkeit die, sofern man nicht durch seinen Glauben daran gehindert wird, entweder akzeptiert und toleriert immer aber auch kritisiert werden könnte. Der Glaube ist beizeiten

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eine physikalische Angelegenheit und hat sehr wenig mit Verstand zu tun : Wenn unser Blick auf nichts fällt, bleibt er blind.

Der Erfolg der offensichtlichen Nutznießer im Herrschaftsgefüge, aufgebaut auf Dummheit und Ignoranz, ist mit unvorstellbaren mafios organisierten Verbrechen verknüpft, wenn er nicht sogar allein nur dem Zwecke frönt, nämlich das Volk in unzurechnungsfähige Trägheit zu führen und alles zu tun, es eben in diesem Sumpf der Untätigkeit zu belassen, weil doch jedwede Bewegung nur das weitere Einsinken im Morast der angeblichen Mitschuld bewirken würde. Die allergrößten Verbrechen werden deshalb viele Jahrzehnte (100-2000 Jahre?) immer wieder vorgezeigt, um zu beweisen, daß die momentan Herrschenden damit nichts zu tun hatten, sondern als Vorsehung, zwar altmodisch wirkend, dennoch (wie die Staatsgründung von ISRAEL) als herrschendes, auf den Kopf gestelltes Recht, empfunden wird.

„24. 8. 1943. die großen verbrechen sind nur möglich durch ihre unglaublichkeit. gewöhnlicher betrug, einfache lüge, schiebung mit einem mindestmaß an scham, das trifft viele unvorbereitet. die subtileren geister weigern sich, primitiven betrug zu vermuten, schon mißtrauisch sind sie noch zu anspruchsvoll, indem sie raffinierte  und meisterhaft verfeinerte verbrechen postulieren. sie weigern sich entrüstet staatsmänner mit pferdedieben, generäle mit börsenspekulanten zu „verwechslen“, und so bleiben ihnen die pferdediebstählen und börsenspekulationen ganz unverständlich. natürlich suchen sie mit recht schlauheit bei den großen; es ist aber eine niedrige und auf die ausführung der untaten beschränkte schlauheit. die schläge, die sie austeilen, sind nicht immer tödlich. sie hauen das volk „übers ohr“ mit schönen reden, die ihre opfer nicht arbeitsunfähig, sondern nur unzurechnungsfähig machen sollen.“ (Brecht. Arbeitsjournal). Alles das gilt nicht nur für die eigentliche Politik im Staatsapparat, im besonders ersichtlichen Maß bereits für Expansionen der entmündigenden Religion, der Propaganda-Presse (gerade ist die immer besser treffende Vokabel Lügenpresse in der öffentlichen Diskussion) und Pädagogik, freilich für vollkommen unblutige Polizeimaßnahmen und Kriege des Militärs. Der Glaube aber, der des dummen Volkes, ist immerzu der gleiche: inbrünstig, sinnlos, unbewiesen, praktisch, nützlich, unschädlich, ewiglich . . . und alles andere als ein blinder Glaube, denn das haben die Sprachwissenschaftler unter den Abhängigen JA-SAGERN bereits als eine Art abgesegnete Tautologie entlarvt.

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Deshalb also obertonige Jammerreden an Ostern vom Balkon? Rom langweilt das seit zweitausend Jahren, Vatikantouristen jubeln, und eine fast jede scharfe Kritik (z. B. die von Hans Wollschläger) wurde am Ende, wie gemunkelt wird, irgendwie doch noch kristlich beerdigt.

Tautologie oder Pleonasmus? Irgendwann begrünt nackter Sand.  

[…]

(Grund 6) Ich will kritisieren und kritisiert werden. Der Glaube konstituiert jedoch eine Grundhaltung, die Kritiklosigkeit gegenüber dem „göttlichen“ Willen und fordert meine Unterordnung unter dessen „unerforschlichen“ Sinn. Das ist eine Form der spirituellen Vergewaltigung. Ich muß das Recht haben, mich dagegen zu wehren. Ich interpretiere dieses Recht als Pflicht. (Bornemann 1990)

Maria magnificat. – Hurra, uns ward längst ein Robin Hood geboren. Diese Prophezeiung hat sich als genialer Bluff bewahrheitet, nichts des Versprochenen ist jemals eingetreten, die Ausgebeuteten und Erniedrigten von ihrem bitteren Schicksal zu erlösen; historisch errungene Fortschritte werden wegprivatisiert, Schalmeienklänge und Lobgesänge haben sich bei der Herrschaft des Menschen über den Menschen längst bewährt. Die Macht als solche scheint nicht korrumpierbar: „Meine Seele preist die Größe des Herrn …“ und der Geist jubelt über den Retter. Der Mächtige „vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind (bei Luther: die hoffärtig sind). Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen …“ Alles Lüge. Es stinkt!        […]

(Grund 7) Wenn die christliche Theologie postuliert, nur unter der Leitung des Glaubens könne ich zu wahrem Wissen gelangen (credo ut intellegam), dann wird das tasächliche Verhältnis zwischen Wissen und Glauben auf den Kopf gestellt (credo quia absurdum). (Bornemann 1990)

Was aber ist wahres Wissen. Was könnte es in einer erhofften Welt sein? Was ist meine andere Meditation, meine Sehnsucht nach Wahrheit, wenn ich schon nicht glauben kann. Was Brecht in unübertroffener Weise in Über Politik und Kunst geäußert hat, ließe sich leicht auch auf die Dekonstruktion des bürgerlichen Herrschaftsmodells vom Glauben anwenden (lockeres Satzbild nach der Vorlage): Und  strahlend   glühn   der   Wahrheit   Sterne/Durch  Ewigkeit   und

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flammen heiß – /Ich glaube, einen Fallstrick hat/Satan auf jedem Menschenpfad; […] (Poe 2014, Tamerlan)

(Grund 8) Die Glaubwürdigkeit des Glaubens kann nicht wiederum Gegenstand des Glaubens sein, denn das wäre selbst nach theologischer Logik ein Zirkelschluß. (Bornemann 1990)

Wie die Helden im Drama stehen sich beim Thema religiöser Glauben gegenpolige Kräfte gegenüber. Der Gute ist ebenso lächerlich wie der Böse, weil sie beide gleichermaßen erfundene Charaktere sind. Im Laufe meiner Überlegungen, den Glauben einfach den Gläubigen zu überlassen, gewinnen bei der Karriere meines Atheismus ambivalente oder sogar negative Charaktere immer stärker die Überhand. Die geschminkten Figuren, die da agieren, sind entweder körperliche oder, was viel schlimmer ist, geistige Krüppel. Wie kann ich auch nur einem einzigen katholischen Priester trauen, der energisch abstreitet (hier das Banalste an Mißtrauen), jemals masturbiert zu haben? Kann ich einem evangelischen oder gar puritanisch-lutherisch-kapitalistischen Pfaffen auf den Leim gehen wollen, der im fleißigsten Geldwerwerb, im bürgerlichelitären Reichtum, der ganz allein aus gottgefälliger, gehorsamer, den Obrigkeiten untertäniger Fließbandproduktion herrührt, die gottgewollte Harmonie erblickt?

Überhaupt liefert mir die offenkundige neoliberale Mannigfaltigkeit der immer neue Postulate kotzende Splittergruppen (allein des kristlichen Gottglaubens, so ganz wie ehemals bei den untereinander zerstrittennen linken, sozialistischen, kommunistischen Rechthaberklüngeln, die zwischenzeitlich sämtlich abgeschafft wurden und zu „Dem islamistischen Terrorismus erklärt wurden) viel Bedenkzeit über die Kriminalgeschichte der RELIGIONEN nachzudenken. Schlußfolgerung: Ich glaube, daß Macht und Geld allein für sich freilich keine Religionen sind, diese für ihren Fortbestand aber weiterhin dringend benötigen. […]

    (Grund 9) Wenn ich das Prinzip in dubio pro reo auf die Religion anwende, wäre es die Pflicht der Kirche, mir die Existenz Gottes zu beweisen, statt es mir zur Aufgabe zu machen, Gottes Nichtexistenz beweisen zu müssen. (Bornemann 1990)

Sowie ich die Existenz Gottes, somit die alltäglichen Strukturen der

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praktischen Herrschaft, in Frage stelle, gelte ich als Defätist und werde je nach Landessitte gefoltert, eingekerkert oder zynisch modern [… totalüberwacht, gemobbt, gestreßt, arbeitslos, abgezockt, agendakrank] durch die „SPD-Agenda Hartz-IV“ an den Pranger gestellt. […]

(Grund 10) Ein Agnostizismus im Sinne Thomas Huxleys und Herbert Spencers läßt sich im Zeitalter der Unschärferelation1) nicht mehr aufrechterhalten. Aber ich bleibe dabei, daß das Transzendente von der Natur der Sache her unerschließbar und die Religion deshalb ein Aberglaube ist. (Bornemann 1990)

Ich selber bin aber nicht abergläubisch, das bin ich seit Kindertagen hoffentlich nicht mehr gewesen. Wie abergläubisch an Wesen (Drei-faltigkeit) oder erfundene Bestseller-Geschichten (Bibel und Neues Testament) glauben zu müssen (Glaubensbekenntnis!), das wäre mir das Schrecklichste, welches meinem erwachsenen Verstand widerfahren könnte. Es gibt Kindermärchen und eindeutige abergläubische Sachverhalte in der Welt, die von niemanden bestritten werden sollten (Osterhase, Rübezahl, Christkind, Klapperstorch, die Überlegenheit eines stalinistischen Sozialismus, alles prophetisch kommerzialisierte Mythen der Menschheit). Eine erzwungene Akzeptanz solcher Lächerlichkeiten (Jungfrauengeburt, Fegefeuer, Beichte, heiliger Krieg, Himmelfahrt, Arische Rasse, Freiheit & Demokratie), immer als Basis der Legitimation von staatlicher Herrschaft, würde mir eine Folter sein, meinen ganzen Willen in einer historisch erworbenen humanen Existenz in Frage stellen. So sind erwünschte, grundsätzlichen Ansätze zur Definition der Welt, ihre reale Bedingungen, abgrundtief verfault und widerwärtig erstarrt in doktrinärer Unterdrückung durch Geld; allein durch die künstlich herbeigeführte Dummheit der Menschenmassen, allem voran der fest installierte bloße Glaube im eng geschnürten Korsett allerlei Religionen … hatten sich nicht auch die dummen rehe am gartentor blickenlassen und weil es um aberglaube geht so sagten sie mir habe das rumpelstilzchen eine sprenggürtelattrappe um den leib geschnürt und wieder soll es heiligst besoffen gewesen sein … es sprach übel von Nestlé niemand weiß warum! […]

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1)  Unschärferelation … eigentlich die Heisenberg’sche U. …, ist eine spezifische Aussage der Quantenphysik, die als moderner Wissenschaftsbereich mit ihren bloßen Wahrscheinlichkeitsaussagen der klassischen (experimentellen) Physik beinahe konträr ist.

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(Grund 11) Es geht mir nicht darum, anderen die Lust am metaphysischen Spekulieren zu nehmen, aber mir scheint die sinnlich erfaßbare Welt von einem solchen Reichtum, von solcher Vielfalt und einer solchen Faszination zu sein, daß ich nie das Bedürfnis nach zusätzlichen Erkenntnissen verspürt habe. Und einen neugierigeren Menschen als mich selbst habe ich noch nie kennengelernt. (Bornemann 1990)

Warum denn in die ferne schweifen … aber dieses naheliegende sujet ist längscht vergriffen, und die spontanitäten sind den SCHWARZEN zum opfer gefallen und zucken mit den schultern …                         […]

(Grund 12) Ich bin Humanist im Sinne jener revolutionären Kulturbewegung, die zwischen dem 14. Und 16. Jahrhundert die Herrschaft der Kirche brechen und ein auf Wissen begründetes Weltbild schaffen wollte – ein Menschenbild, das uns einen optimistischen, diesseitigen, leibfreundlichen Lebensstil zurückgeben wollte. Mir sind die Grenzen dieses Bildes, die Grenzen der Vernunft, durchaus bewußt. Aber diese Grenzen sind mir immer noch lieber als das Uferlose des Glaubens. (Bornemann 1990)

Die Vernunft hat ihre Grenzen – Dummheit jedoch ist nicht nur ein Sumpf sondern gänzlich uferlos. Setzt man jedoch den eigenen Verstand und die gleichfalls erlernbare Fähigkeit ein, durch bloßes Nachdenken zu einer immer neuen frei erworbenen Erkenntnis zu gelangen, so liegt der Schluß nahe: Denken geht auch ohne Gott!          […]

(Grund 13) Ich bekenne mich rückhaltlos zur Aufklärung und ich sehe keinen Grund, diese im heutigen Zeitalter der Gegenaufklärung (Neokonservatismus, Postmoderne, New Age) als altmodisch geltende Loyalität zu rechtfertigen. (Bornemann 1990)

Nun mag ein solches rückhaltloses Bekenntnis fast in die Nähe eines „Ersatzglaubens“ gerückt erscheinen. Wie wäre es also mit einer avantgardistischen Belebung der Aufklärung … If you’re goin‘ to San Franzisco . . . weil die Beat-Generation (bei ihr denke ich immer an Racke-Rauchzart-Whisky und Eckes-Edelkirsch auf Nierentischen) bereits lahm und alt ist und mein Denken im abstrakten wie im fleischlichen Sinn eine akute Bestätigung nötig hat – je jünger der denkende Körper und der nach Klarheit strebende Geist, desto öfter muß im Reich der Sinne auch mal gefickt werden.                           […]

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(Grund 14) Ich betrachte mich nicht als einen Positivisten im Sinne Comtes, aber ich lebe leidenschaftlich und befriedigend im Reich meiner Sinne und freue mich, mit Hilfe meines Gehirns einen halbwegs gangbaren Weg durch das Chaos steuern zu können. (Bornemann 1990)

Der Weg durch das Chaos bedeutet zugleich eine hundertprozentige Gewißheit seiner einzigartigen Endlichkeit, was also meine einzigartige Wahrnehmungungen betrifft – Ankommen ist nämlich alles beim Segeln. Das also ist die ausschließliche Wahrheit, die in mir ist, die sich in mir entfaltet hat, wie aus einem Kokon stammend der einzigartige Verstand und das ERLEBEN. Das muß nicht geglaubt werden, denn das ist so gewesen, und es wird bis zu einem bestimmten MOMENT auch weiterhin sein.                                                       […]

(Grund 15) Ich bin nicht wissenschaftsgläubig, aber von sämtlichen Formen des Aberglaubens scheint mir die Wissenschaft immer noch die erträglichste zu sein. (Bornemann 1990)

Gerade die Naturwissenschaften taugen als Hilfe bei der Sondervorstellung im Gottsuchertheater wenn das Nicht-Physikalische auf einen spezifischen Willen von bloßen Handwerkern und Erfindern trifft.

Wie gesagt: Wenn unser Blick auf nichts fällt, bleibt er blind. Das allein wäre eine Sichtweise, die unterstellt, daß ein Trugbild herhalten muß, um als kinderbuchhaftes Abbild eines faktisch nicht vorhanden zu dienen. Die Metaphysik ist dann für den leidigen Rest zuständig. Am Ende agiert sie als knospender Zweig der Theologie. Da haben wir den Salat (!) sogar schnell einen gemischten Salat beisammen, aber noch ganz ohne ein anständiges Dressing wohlgemerkt.

Die vorletzte Entzauberung der modernen Wissenschaft (die mit lukrativen Flächenbombardements und der Anwendung der Chlorchemie zusammenfällt) und die veränderte Wahrnehmung durch die Gesellschaft, ist der Entmythologisierung der wundertriefenden katholischen Glaubenslehre zu vergleichen, aber mehr noch im puritanischfleißigen Protestantismus was die gottgefällige Unterwürfigkeit zur organisierten Ausbeutung des Menschen durch den Menschen betrifft. „Und hast die Nymphe aus der Flut getragen/Und nahmst dem Elfenvolk und mir den Traum/Im Sommergras beim Tamarindenbaum?“ (Poe 2014. An die Wissenschaft)

[…]

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 (Grund 16) Bei allem Respekt vor der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft fürchte ich mich jedoch vor dem fast schon religiösen Glauben der Wissenschaftler, daß das Machbare gemacht werden müsse. (Bornemann 1990)

Wie jedwedes religiöse, kritiklose Übernehmen der vorgegebenen Bedingungen, so hat die Wissenschaft als here Stätte der Wahrheitsliebe (spätestens mit Sachsenkriegen, Kreuzzügen und der Atombombe) ihre klassische Unschuld im Bild des moralisch Unanfechtbaren verloren. Diese Eingebung kommt mir nicht von ungefähr, denn das hurenhafte, das geile Streben nach Karriere und finanziellem Erfolg, dem sich moderne Wissenschaftlichkeit in ihren akzeptierten Zuständen als den Interessen des Kapitals folgend entlarvt hat, ist dem der Bischöfe und Kardinäle, bereits dem kleinen Pfarrer und Priester immanent. Ach, Triebe, Triebe! „Es war mein Traum wie jener nächtige Wind. Dahin, dahin! – Wie glücklich war das Kind.“ (Poe 2014. Träume)

Alles an Unrecht in der Welt wird wohlwahr künstlich gemacht. Die Kosten zu seiner Herstellung sind dabei stets niedriger als der effektive Macht- und Kapitalzuwachs der herrschenden Klasse(n). Wie die heutige totale Überwachung ganz selbstverständlich stattfindet (wie einmal durch das bloße Einpflanzen der Fahne eines allmächtigen Kolonialstaates am entdeckten Gestade = Vorratsdatenspeicherung als moderne Vorwärtsverteidigung), während scheue Wilde durch die Büsche linsen; weil die Machtübernahme innerhalb der Medien technisch machbar ist, ist sie schrittweise und gesetzestreu opportun geworden. Oppenheimer’s Skrupel taugen in tausend Jahren noch zur ewigen Komödie der menschlichen Schwächen; nämlich, wie kann innerhalb einer traditionell entwickelten religiösen Ausbeutergesellschaft eine menschliche, will sagen humanistische Gesellschaftsordnung erwachsen? Ich glaube, das wird niemals geschehen, solange im Mittelpunkt der Aktionen einzig GELD steht. Wie gern würde ich mit diesem Unglauben nicht wieder recht behalten, um damit alle Lügen um offenbarte, versprochene Freiheit des Denkens und der Existenzen – und den hinterfotzigen Glauben daran – abschaffen zu helfen.

Die Religion taugt auch nicht als Mittel gegen Resignation, wie das ein gefeierter Theologe jüngst propagiert hat; diese wiederum hat ihre Ursachen vielmehr im allgemeinen Zustand der Gesellschaft, die eben auch mit Hilfe der Religionen zu einer weiterhin unwahren, unsinnigen, ungerechten und immer mehr unmenschlichen wird.

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(Grund 17) Ich beklage die Tatsache, daß mein Verfassungsrecht auf Glaubensfreiheit, das ich als Freiheit, nicht zu glauben, interpretiere, täglich von den Kirchen und ihren Werbeagenturen verletzt wird, indem Schwangerschaftsabbruch als „Kindesmord“ verleumdet, nichtreligiöse Eidesformeln als „Meineidsformeln“ diskrimininiert und Religionskritik als „Religionsbeschimpfung“ geahndet wird. In Rundfunk und Fernsehen muß ich religiöse Sendungen [kristliche wie jüdischzionistische] wehrlos über mich ergehen lassen. Atheistische, agnostische und humanistische Sendungen, wie eine große Anzahl meiner „Glaubensgenossen“ sie sehnlichst erwünscht, werden systematisch von den Kirchen verhindert. (Bornemann 1990)

„Eine Zensur findet nicht statt. Das Nähere regelt das Gesetz!“ das auf Grund gesetzte für die Bundesrepublik Deutschland. Was wie ein Freibrief für wirtschaftliche, staatliche und kirchliche Willkür ausschaut, das ist es auch. Näheres regelt die Freiwillige Selbstzensur.

Das feudalistisch-faschistische Konkordat … Konkordat … Konkordat … zwischen den germanisch-welschen kapitalistischen Staaten der Achsenmächte (welch eine gelungene Verniedlichung!) und der Kristenkirche im Rheinland und in Bayern, wird (hier und überall) den Erfordernissen der aktuellen „Außenpolitik“ auf merkwürdige Weise zumindest auf das Judentum (gemeint ist womöglich immer der Zionismus) erweitert . . . hier blutet sich ein historischer, chirurgisch sauberer Schnitt aus, ähnlich der revanchistischen Aufgabe der östlich gelegenen Abendlandkultur dort und überall. Muß der Philosoph (zunächst einmal) nicht wenigstens definierter Atheist sein, bevor er sich nur mit einem einfachsten Gedanken der Wahrheit zuwendet? Das wäre wenigstens die Abkehr von neolithischen Natureligionen – dem althergebracht priesterlichen Nicht-Philosophieren! Dem kristlichen Absegnen der fürchterlichsten Kriegswaffen! Archaische Weihrauch-Rituale für moderne dienstgeile Tornadopiloten mit Gefahrenzulage (sic) . . . „Ihr Napalmhimmelreich, Dear Mister President, wird immer nach verbranntem Menschenfleisch stinken. Yes Sir!“                     […]

(Grund 18) Unter dem Vorwand der Glaubensfreiheit wird Wissenschaft unterdrückt. Deshalb halte ich den Glauben für den Widersacher der Wahrheit und die Rebellion gegen den Glauben für die wichtigste moralische Aufgabe des Menschen. (Bornemann 1990)

Die zivilisatorisch nötige Rebellion gegen den Glauben ist in Wirklichkeit

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ein Beitrag zur Entblößung der blasphemischen Herrschaft des Menschen über den Menschen. Das an sich stellt Gott längst früh und permanent in Frage, denn die Ausübung von Gewalt ist untrennbar mit der Unterdrückung der Wahrheiten verbunden. Apropos Freiheit (!): Gewalt, Terror und Lüge regieren meist im Namen der Freiheit.    […]

(Noch ein Grund) Der Schutz ungeborenen Lebens hört mit der realen blutigen, unreinen Geburt auf. Das ist doch ganz selbstverständlich, besonders für diese Art Menschen, die angeblich bis heute an eine vollkommen sündenfreie Jungfrauengeburt glauben. „Also, das muß man einfach im übertragenen Sinn sehen … das ist halt Glauben.“ Kann jemand so bescheuert sein?! Bei Hamlet wird die Eindeutigkeit dieser Vorgänge auf ihre natürliche Funktion reduziert: Wahrheit – Dein Name ist Weib!                                                                          […]

(Weitere Gründe) Viele Argumente, gerade diese zornigen, auf den ersten Blick gottlos klingenden, wütenden Formulierungen, die ich seit vielen Jahrzehnten (eigentlich seit meinem ersten politischen Bewußtsein) so sehr liebe (*…) z. B. das strikte Erfordernis zur jener katholischen Beichte, die zur emotionalen Entspannung nötig ist. „Ich für meinen Teil finde die Einrichtung der Beichte verabscheuungswürdig“ (S. Joyce 1984).

Alles an menschlicher Bösartigkeit ist nichts gegen die organisierte Lüge des inzwischen alleinherrschenden Kapitalismus. Sie ist eines der wichtigsten Instrumente zum Erhalt der wirtschaftlichen und politischen Macht, auch diente sie weitgehend der ursprünglichen Erlangung der Macht, was wesentlich ist. Sie ist der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals verwandt, denn zuletzt hat sie, ganz wie eine Ware auf dem Markt, zu hundert Prozent eine kapitalistische Natur angenommen. Sie ist also eine primäre Bedingung in der Zementierung der Knechtschaft. Dem Satiriker, dem Zyniker, dem ironischen Zeitgenossen mag bereits die alltägliche Lüge der Anführer lächerlich erscheinen. Da spricht einer: „Sozialfürsorge, Arbeitsplatzsicherung, Gerechtigkeit, Sicherheit werden bei uns großgeschieben.“ In der Tat, denn es sind Hauptwörter der deutschen rache (vgl. Leonhardt 1983) […]

Ohne Ungeduld/werden Unrecht und Recht zu Brüdern/im Ebenbild des Unrechts/denn minus mal plus ist minus (Erich Fried. Anfang des Rechtes). Glauben und Nichtglauben sind zwei Arten einer gleichen Realität. […]

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 (*…)  Die Religionsfreiheit … eine Farce solange der Staat weiterhin die suprateuren Bischöfe mit Steuergeld im Etat bezahlt …

Die perfekte Vorherrschaft der Kristen in den Medien … kaschiert mit einer unglaublichen ÜBERGEWICHTUNG der jüdischen Belange in allen Lebensbereichen … Wieviel Prozent in Deutschland sind noch Juden, aber wieviel sind stattdessen Moslems? Deshalb nur Glocken?

Die einst per staatlicher Gesetzgebung verfügten Säkularisierungen wurde nahezu vollständig aufgehoben … Nicht wie viele Sektionen des Rechts, welche sich während der Nazizeit bewährt hatten … und fortwähren, weil sie (spätestens mit Einführung der amerikanischen D-Mark) wieder zur  gültigen Währung geworden sind . . . Wertäquivalente im weiterhin göttlich verfügten unlauteren Wettbewerb (!)

Giga-Vermögen der Kristlichen Kirchen wachsen immerzu weiter . . .

Die abendländische Religion ist bei ihrer Durchsetzung seit jeher un-vorstellbar brutal gewesen … bereits der römische Kaiser Julian war erschrocken darüber und wollte die intolerante Staatsreligion, die das Kristentum geworden war, auf ein akzeptierbares menschliches Maß reduzieren. Er, wie folgende Humanapostel wurden kaltgestellt.

Die kristlich ummäntelten Lügen … abstoßend und umso ekelhafter je durchsichtiger … Was kostet heuer ein Kerzlein im Mainzer Dom? Und warum kostet der Berliner Dom drei Euro EINTRITT?

Die Verlogenheit, die Falschheit … tagtägliche Schmach für einen wachen Verstand, die tägliche Erniedrigungen, das ermangelnde Menschenrecht, so doch ein jeder Mensch vor Gott gleich sei. (?)

Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit! Demagogie wäre immer dort hilfreich, wo sie annähernd Waffengleichheit herstellt. Das Dilemma ist die einseitige Interpretation der Berechtigungen, was Gott und die physische Ausbeutung von Menschheit und den natürlichen Ressourcen betrifft. Wer Stalinismus und Faschismus, Maoismus und Finanzmarkt kritisiert, der muß zumindest fähig sein, die Verlogenheit und die kriminelle Energie des VATIKAN weiterhin zu entlarven, und eben einer Sekte das Dasein einer Sekte zuschreiben. Ganz anders ist es mit der Mafia, die kriminell aber vom Staat ebenfalls vollständig beschützt ist, was zwar Ironie aber gleichermaßen die nackte Realität bedeutet. Ich glaube nicht, weil ich meine Vernunft über derartige Mittäterschaft stelle.                                             [Text nicht fortgeführt]

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Woran ich glaube

Können ein Agnostiker oder sogar ein Atheist gläubig sein? Gnostiker und Heiden 1) Gläubige Gottesleugner? Sicher kann man niemals sein.

Bereits klassische Gnostiker behauptet, daß bereits die Schöpfung als Akt und Zustand grundsätzlich bösartig und schlecht ist. Das ist exakt meine Entfremdungserfahrung aber manche Rührseligkeiten müssen sein.

Die Rolle der Neu-Platoniker „Plotin“ … schleichende Geldentwertung … Bei der (Er)schaffung des Geistes … wir waren alle dabei!

Der Weltgeist – das ist nichts als nackter Nihilismus! Materie ist (abstrakt) nichtseiend … aber sie ist das (praktisch) Definierte. Das Göttliche (als Nichtmaterie?) ist für den Menschen schlichtweg unerreichbar. Zum Nichtglauben benötige ich keinerlei Thesen.

Historie: im 4. Jh wird der römische Kaiser Julian angeblich zu einem toleranten Herrscher … 363 wird er (wen wundert’s) mitsamt seiner Familie umgebracht. Vermutet wird ein Komplott der immer radikaler werdenden Christen (!) Es ist nachgewiesen, daß Christen rasch begannen, alles Andersdenkende konkret zu verfolgen und physisch zu eliminieren (!) Es kam in dieser Konsequenz zu einer systematischen Diffamierung alles „Julianischen“. Die vorweggenommene Einübung gerade in den späteren exzessiven transatlantischen Antikommunismus aller, fast aller abendländischen Institutionen einschließlich der McCarthy-Administration, der Christdemokraten und der SPD.

Der Neuplatonismus hingegen: es wurde vergeblich versucht diesen im absolut intolerant herrschenden Christentums zu integrieren.

Die Gnostiker konnten wegen ihres quasi nihilistischen Denkens unmöglich ins Christentum integriert, nicht einmal teilintegriert werden, wie das mit (deutlich primitiveren) heidnischen Reliktstrukturen (insbes. später in Nordeuropa und bei der bestialischen „Sachsenbekehrung“) geschehen konnte. Gott ist, was die Welt nicht ist. Ein intolerantes Staatschristentum versuchte Kaiser Julian im 4. Jh. abzuschaffen.

Was bedeutet es, wenn nicht unterschwellige Angst vor Bestrafung, wenn ich zwar formulieren möchte, woran ich glaube, und mich gleich dabei ertappe, daß ich bloß fabuliere, warum ich an dieses und jenes nicht glaube. Diese eingefleischte Gegenüberstellung hat Methode.

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1)  Gott ist, was die Welt nicht ist. Gnostiker und Heiden (Rolf Cantzen, Feature SWR2, 11.08.2014).

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1 (X) Mein Nichtglaube bedarf keines diesbezüglichen Bekenntnisses. Ich glaube an die bloße Erfindung der diese Art von Kultur begleitenden Götter. Gnostiker sagen = der Teufel, das Böse ist der wirkliche Schöpfer der Welt (die Story vom Paradies erscheint somit in einem vollkommen anderen Licht; das Böse verführt zur „Sünde“, nicht das Weib, dieses ist selber vom Bösen überlistet worden … Götter sind also willkürliche aber sinnvolle Projektionen … bloßes Geschichtenerzählen.

Das alles (verdammt!) gilt für die gesamte Kurie, dann ganz besonders für die größte Lächerlichkeit seit Erfindung des Christkindleins: die Unfehlbarkeit des Papstes, sie gilt auch für die pseudofaschistische Gewinngier der Vatikanbank, ihrer Verflechtungen mit dem jüdischamerikanischen Kapital und was alles damit noch zusammenhängt. Dem Rom-Popel (!), wie Erich Fried ihn nannte, dem das Tiervolk, die Welt volkt, werden Antikommunismus und alle praktischen & geistlichen Taten gegen die Kotgeburten (!) sozialer Hoffnungen anvertraut. Über die längste Zeit auch die staatliche Zensur, jetzt hervorragend perfekt durch NSA, Microsoft-Google und geldmächtige Konsorten abgelöst.

„Ist all Schaun und Schein nur Schaum –

Nichts als Traum in einem Traum?“

                                            (Poe 2014. Ein Traum in einem Traum)

2 (X) Ich glaube an die Möglichkeit der Menschwerdung. Die SOFIA im Schöpfungsmythos … alle Theologie ist im Grunde Anthropologie (Ludwig Feuerbach  und sein anthropologischer Atheismus).

„Der kleine Jehova“ = von Pierre Gripari existiert auch als Hörspiel = SDR 1992, 54 min. stereo … das kleine Buch existiert, ganz wie viele andere herausragende kritische Publikationen, die monotheistische Religion bloßstellen, wie zu erwarten nicht auf dem antiquarischen Markt …

Vom Entsetzen über die dumpfe, gläubige Welt zur Parodie … öffentliche Kommunikation über ein Mindestmaß an Gerechtigkeit ist lediglich ein überall längst bekannter Witz, der zumindest heimlich weitererzählt werden darf. Warum zahlt der Staat eigentlich nur die Bischofsgehälter? Würde er ansonsten Abtreibungen finanzieren?

Religion zur Herrschaftsentwicklung. – Die Nichtigkeit des Seins (und der ganzen Welt) ist keine gesellschaftspolitische Basis für die Installation und Entwicklung einer wirksamen Herrschafts-Religion, die ungleiche Existenzbedingungen zementiert. Ihre Aufgaben, ganz besonders innerhalb der christlichen Religion der Großkirchen, sind:

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 ( ) – Permanentes Angst einflössen, mittels Hinzuziehung aller zivilisatorischen und kulturellen Hilfsmittel wie Wissenschaft, statistisch erfundene Prognosen, ebenso Terror-Vorhersagen und „Bildung“ …

( ) – Militärische Präsenz (Gewalt, Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung) in allen Fragen der Unterdrückung und Ausbeutung;

( ) – Unterhalt des presäkularisierten Monsters „Christlicher Kirche“, moralische Absegnung von Völkermord, totaler Ungerechtigkeit und gigantischer „Kapitalverbrechen“ vom Holocaust bis zur heimlichen Bombardierung von Laos … und so weiter … Der geforderte Fleiß, Reichtum als Belohnung für sittsame Gotterfurcht im gründerzeitlichen Protestantismus und amerikanischen Puritanismus.

( ) – Zunächst ständige Propaganda für den Feudalismus, dann für die Vorherrschaft des westlich-abendländischen KAPITALISMUS, konträre Absetzung vom Kampf der Völker gegen Spätkolonialismus, zuletzt Islamisten und Terroristen… und …

( ) – Allerlei Blasphemien sofort hart bestrafen, denn der öffentliche Frieden ist sehr sensibel und kann sich bereits durch Beethoven am Karfreitag gestört fühlen, was Taliban & Co längst nur nachäffen.

Der als Monopolist dargereichte deutsche Feld-Wald-und-Wiesen-Philosoph Sloterdijk, vom Großkapital längst zum querdenkenden Hofnarren anspruchsvoller Herrschaftsrhetorik ernannt, vermittelt mittels seiner pseudokritischen Ansätze ein fernsehgerechtes Weltbild der posttraumatischen Weihrauchentmythologisierung (Mega-Contra-Affären), weil er Weihrauch nicht braucht, um das von Faulgasen aufgeblähte Herrschaftsmodell des entwichenen Flaschenteufelchens wieder in die ökologische Wichsvorlage „Pfandflasche“ hineinzuschwätzen!

Ist moderne Philosophie endlich wieder sexy? Oder ist sie bloß der Glasreiniger für das hoffnungslos beschissene Weltbild aller gesunden Menschen über sechzig? Sogar Hausärzte versäumen ihre familiäre Verantwortung. Da saufen, koksen und medikamentieren sich ihre Patienten über viele Jahrzehnte zu Tode, und plötzlich (!), ist wirklich sensationell, steht wieder eine Villa in Beverly Hills zum Verkauf.

Im jüdisch dominierten Hollywood sterben dieser Tage zu Hauf uns wohlbekannte Schauspieler wie die Fliegen, aber ihre Produzenten wachsen klammheimlich nach. Der kristliche Negerpräsident hält die Laudatio für Robin Williams! (sic). Lauren Bacall erinnerte Zeit ihres Lebens mehr an Humphry Bogart, als an ihr eigenes Talent – das ist bis zu ihrem Tod so geblieben. (August 2014)           […]

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3 (X) Ist die Natur ein denkendes Wesen? – Ich glaube an die Kraft der Poesie, sie ist mehr als ein dialektisch definierter Teil des Kosmos (vgl. Giordano Bruno, der sie als Teil der mosaikartig eineinander verwobenen Welt begreift) … kaum ein kurzer Text, das ist hier ein Zufallsfund, wenn auch ein glücklicher der blinden Auswahl, kaum eine Erzählung fängt bereits so gewaltig und spannend an, wie „Das Gericht des Meeres“ von Getrud von le Fort . . . Es geht nicht zuletzt um GERECHTIGKEIT, auch um die Bewältigung, das Begreifen des Todes, immer dabei um die mystische Verbindung aller Lebewesen mit elementarer Urnaturen, wie dem Meer: . .  „Allen, die im Meer ertrinken, singt die Todesfrau das Lied, das sie ihren Müttern an der Wiege abgelauscht hat, – es ist dasselbe, Anne, ganz dasselbe. Deine Urmutter Avoise wußte es, und du weißt es auch: Wem man den Anfang singt, der schläft ein, und wem man zu Ende singt, der wacht nie mehr auf.“

The Times They Are A-Changin‘, sang Bob Dylan, das glaube ich längst nicht mehr. Sie ändern sich in Wirklichkeit nämlich nicht diese Zeiten, die beschissenen Umstände auch nicht, kein bißchen, und weil ich das jetzt ziemlich sicher weiß, habe ich den imaginären Elfenbeinturm geräumt und bin in ein uraltes Schneckenhaus gezogen, mit Erinnerungen und begrabenen Hoffnungen möbliert, und „jetzt wenn ich schreibe, ein großes Thema suche wie damals (. . .) man sieht es nicht, hört nur davon, fliegt über dem Dschungel mit, auf dem der Flugzeugschatten, dann ein Feuerball liegt, geliertes Benzin klebt fest, frißt brennend durch die Haut, Großvater sang, das Gewehr sei des Soldaten Braut.“1) Da gehen wir Gläubigen hinunter auf die Straße, wie in einen Gottesdienst, schwenken Fahnen und vorsorglich die löchrigen Transparente, wir protestieren, demonstrieren in alle denkbaren linken Richtungen, mit den jugendlichen Sinnlichkeiten, angehäuft mit Theorie, gegen Krieg und kapitalistische Ausbeutung und „wer Angst bekommt, fährt gesund nach Haus. Das weiß ich und kann von jedem wiederholt werden, der noch ein bißchen Bewegung will nach den Indianerspielen … was haben wir gelernt. Verdammte Scheiße, da gehen wir hintereinander auf abgesperrten Fahrbahnen mit Plakaten und Kinderwagen als Sturmgepäck, einige haben Sandalen aus Autoreifen an.“1) Du aber hast keine Chance. Also nütze sie.

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1) Günter Herburger: soso Vietnam aha. In: Kursbuch 10, Oktober 1967, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, S. 162-163)

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Der Profit fickt mit seinem Fuchsschwanz! Ich glaubte einst an den Deutschen Härtegrad, der jetzt für die Verkalkung der Gehirne sorgt, und an die geringe Haltbarkeit der Deutschen Trinkwasserverordnung, die bei der anstehenden Privatisierung der öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaft noch beim ersten Tanz abgesägt werden wird. [Briefe aus der Provinz] Kristliche Religion bedeutet ebenfalls privatisierte UNTERDRÜCKUNG!

Drei Mal Daß. – Uns wird gesagt: „Wenn alles stirbt, die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Ich aber glaube, daß wenn alle Endsieg-Hoffnungen endgültig begraben sind, daß erst dann berechtigter Grund zur Annahme aufdämmert, daß erst dann der fatale innere Drang zur Wurzelbildung wieder erwacht, eine kleine Chance zur Keimung neuer und freier Gedanken besteht. Deshalb töten diese demokratischen Staaten – die Betonung besteht auf dem Zischlaut – für ihren eigenen Fortbestand tatsächlich gnadenlos viele, oft genug sogar massenhaft Menschen, anstatt diese von ihrem angeblich guten Zweck (z. B. das sozialkristliche Wirtschaftssystem, bestehend aus reiner Freiheit und reiner Demokratie) im Diskurs zu überzeugen. Stattdessen nur Gewalt (einseitig nützliche Gesetze, Polizei, Militär), Korrumpierung (Kompradorenbourgeoisie) und fortwährende Lüge der Politik (immerzu bloße Gleich-Partei-Wahlen). Der Triggle-Down-Effekt erzeugt lediglich giftiges Sickerwasser, daß es überall stinkt wie aus einer ganz modernen „ordnungsgemäß gesicherten“ italienischen Sondermülldeponie der Mafia.   [ …]

4 (X) Ich glaube an die Freundschaft. – Nicht klarer Verstand, kein empiristisches Kalkül (und wenn durch die Erfahrung der Sinne gesteuert dann wohl eher durch die Eigenschaften des interpretierten Charakters) lassen eine besondere Zuneigung aufkeimen, in der berechtigte Hoffnung besteht, Selbstlosigkeit in die Beziehungen der Menschen untereinander, somit ins gefühlte Leben zu bringen. „Zu seinem Freunde wird wohl Jeder lieber den redlichen, den Gutmüthigen, ja selbst den Gefälligen, Nachgiebigigen und leicht Bestimmenden wählen, als den bloß Geistreichen. (…) Denn die Güte des Herzens ist eine transscendente Eigenschaft, gehört einer über dieses Leben hinausreichenden Ordnung der Dinge an und ist mit jeder andern Vollkommenheit inkommensurabel (…) Was ist dagegen Witz und Genie? Was Bako von Verulam?“ 1) Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung.                                                […]

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1) (Baron) Bako von Verulam = Francis Bacon

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5 (X)  Das Leben als Leidenschaft! Ich betreibe das so. Es liegt auf der Hand, daß sie mich zugrund richtet! Bertolt Brecht. Autobiographische Aufzeichnungen sind eigentlich nichts wert. Sie geraten zur voyeuristischen Bebilderung und sind im höchsten Maße austauschbar so wie sich der Name nur ändert, weil sie zugleich immer sich ähneln. Die Welt muß sich selber ähnlich sein, die Variationen feiern dabei die sinnlichsten Feste, und meine Affinität zur Geologie (Barbarafest!), was zuletzt die Entäußerung der menschlichen Idiotien bedeutet, ist zuletzt wie das Hinstreben zu einem Kristallisationskern, vielmehr das Bewußtsein, eben aus einem solchen gewachsen zu sein, nicht mehr. Geschichten in Stein, und die Leidenschaft ist dann, diese „Stone Stories“ wie eine solide Grundlage zu begreifen … der Point of no Return, weil wir bereits mit der Geburt das Sterben beginnen. Für mich ist diese Leidenschaft eine berechtigte Verzweiflung ob der Zivilisation, weil ich glaube, daß die Reinheit des Wassers, die Fruchtbarkeit des Bodens, der Sauerstoff der Luft immer mehr zu Überschwemmungen, Dürre und Verpestung führen. Faktenwissen, daran kann man leicht glauben, weil das kein Glaube ist, aber wo zum Teufel, kommt alles glitschig bemäntelte Faktenwissen her, wenn nicht ebenfalls aus einem bescheuert dubiosen Bildungs-Schlamm des Nirwana.                                                                                            […]

6 X Ich glaube, daß mit dem Tod alles an menschlichem Dasein zu Ende ist. Die Nacht ist Traum,/Der Tag wird Nacht./Der Tag wird Nacht –/Es ist vollbracht! (25.01.2015). Das ist sicher nichts Schlimmes. Der Zerfall der individuellen Natürlichkeit geht in die große Natur der Ursprünglichkeit ein, was wir an jedem Koposthaufen in unseren Gärten, in jedem Wald klar erkennen können. In den mineralischen Stäuben wäre eine (göttliche) Seele vollkommen unnütz. Sogar bereits diese Annahme (Glaube) ist unnütz, zumal er sich als Formulierung bloß hier auf dem Blatt Papier befindet – er könnte auch lediglich in die Luft gesprochen sein – um eben die Überflüssigkeit und das Unnütze einer religiösen Herrschaft über einen wachen Geist und die Körperlichkeit des Menschen hinreichen zu beweisen. Da ist Nichts! Oder: Da ist zweifaches Schweigen – Strand und Meer – Körper und Seele (Poe 2014. Schweigen), und was die Mineralisierung betrifft: „Mensch“ nennen sie das tragische Stück,/Seinen Helden „Eroberer Wurm“. (Poe 2014. Eroberer Wurm). Als Vorsatzdevise bestenfalls: Sehen und Gehen! […?]

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Am Anfang und Ende des Lebens jämmerliches Seehundgeheul, da stelle ich mir naßglänzendes friesisches Wattenmeer vor. Das Bild des armen verlassenen Säuglings, garnicht mal so verkehrt. Das ist es nämlich, was uns allesamt mit dem Tod erwartet – eine banale Wand-lung von empfundener zu einer körperlosen Einsamkeit. In Ewigkeit, Amen! [Briefe aus der Provinz].

Fibel

    1

Was war er denn? Er ist gewesen.

    2

Was tat er denn? In einer Fibel lesen.

    3

Was las er da? Ich weiß nicht mehr.

    4

Besinn dich doch! Es ist schon lange her.

    5

Die Fibel wurde eingescharrt wie er.

                                                                                   (Fuchs, 1967)

7 (X)  Ich glaube, daß jede kleine Erhabenheit über das gewöhnlich Kluge der eigenen Wahrheitsfindung nützt, und ganz wie der Gleichgültige bei Proust, daß mir die Wahrheiten hochgesinnter Geister als lächerliche Irrtümer des Alltags gelten. Dieser Alltag vermittel sich mir fortwährend als historischer LEHRMEISTER. Vermutlich wäre ein klassisch-marxistischer Kommunismus die einzige Non-Profit-Organisation (NPO), die ohne das Stützgerüst des Glaubens wächst.

Ich glaube, daß alle Sozialreformen, ganz besonders die mit dem staatlich tolerierten Durchmarsch der SPD in die politische Mitte, bis in ihre heutige Selbstauflösung hinein, nichts als machtpolitische Lüge und Demagogie waren. Um die Menschen vom wirklichen Kampf für eine gerechtere Gesellschaft abzuhalten, wurde sogar der Umweg über zwei Weltkriege und Naziherrschaft willentlich in Kauf genommen (sic!). Nach Berufsverboten (Brandt) zuletzt die (Schröder)Agenda und der massive Abbau sozialer Sicherung á la Thatcher, zur Etablierung des TTIP-Neoliberalismus. Der Blick in stinkende Quartiere (die Ärmsten der Welt versammeln sich nicht auf Wirtschaftsgipfel), im Zerrbild der UnterhaltungsINDUSTRIE (!) Längst gemachte Erfahrungen lassen Antiquare aufhorchen und Zille-Sammler jubeln. Wer immer auf bekennende Gläubige trifft, die dazu noch großartige Menschen sind, so sind sie es zu Hundert Prozent weil sie trotz ihres religiösen Glaubens großartige Menschen geblieben sind. […]

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Hinterhof

Das Kind ruft die Mäuse herbei.

Die Mäuse haben ein ganz großes Fest.

Die Mäuse trinken und essen.

Die Mäuse werde so langsam besoffen.

Mutter

Mutter

was will denn die Katze bei uns?

Sei still, die Katze

nimmt sich aller Besoffnen an. (Fuchs, 1967)

8X  Ich glaube, daß alle Arten menschlicher Liebe über die Zeit einer (faktischen) Prüfung unterworfen sind. Ganz wie sie hierbei ewiglich bestehen kann, wie zumeist die Mutterliebe, so vermag sie sich dort (besonders die geschlechtliche Liebe kann das), über kurz oder lang ein anderes Objekt bestimmen, wenn das alte zu nichts mehr taugt, als die unbefriedigte Sehnsucht, Enttäuschungen und zunehmende Verbitterung stetig zu vermehren. Die Nächstenliebe ist für einen normal gesunden Menschen gleichfalls normal, wie Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft immerzu beweisen, sie bedarf keiner Definition, erst recht nicht einer kristlichen.

Die kurze, sehr dichte, knapp auf die Aussage konzentrierte, in der Tat konzeptionell wirkende Erzählung Der Gleichgültige kommt mir als Der kleine Hobbit für Proust-Anfänger vor, und ist dennoch keineswegs „einfältig“, so wie Proust selber sein junges Werk später einmal bezeichnete, zumal er (wie wir heute wissen) ein deutlich grösseres schaffen wollte und solches tatsächlich vollbrachte. Der kleinen Erzählung vom Dichter vorangestellt, die wie ein Bonmot wirkende bei La Bruyère zitierte Weisheit: „Man genest wie man sich tröstet:/das Herz hat nicht das Vermögen,/immer zu weinen und immer zu lieben.“ 1)

9X  Ich glaube, daß es über diese widerwärtige Zeit hinaus immer wieder aufrechte Menschen geben wird, die Zeugnis ablegen. Zuletzt nennt sich Edward Snowdon, der Enthüller amerikanischer Verbrechen (insbes. die der NSA), schlicht Citizen Four, zumal Hoffnung

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1)  La Bruyère Die Charaktere, Kap. IV, Vom Herzen

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besteht, daß sich weiter Menschen finden, die in den kotigen Schmutz der imperialistischen Kartelle getretene „Bürgerrechte“ hochhalten. Das platonische Höhlengleichnis ist ja auch die Beschreibung, daß es dem Menschen nach seiner eigenen (billigen) Erkenntnis an der (teuren) kollektiver Hilfe mangelt, die, um in meinem eigenen Denkbild zu bleiben, von den SCHWARZEN nachweislich bösartig (weil gierig, egoistisch) verweigert wird. Nicht der leiseste Schatten einer gideonischen Gerechtigkeit (?) fiel weder in Nürnberg noch beim Frankfurter Auschwitz-Prozeß über die genialen Verbrecher. Ihre hohen Ämter mußten, wie wir längst schmerzhaft wissen, in den gleichen Personen fortgesetzt werden … Bischöfe … Generäle … Richter … Politiker sogar (und besonders!) und auch die kleinen Priester und Pfaffen haben danach NICHT auf ihre Altersversorgung verzichtet.

Dazu glaube ich mit zunehmenden Alter immer mehr, daß die Wette Pascals auf die Nichtexistenz Gottes, letztlich ein „Pascal’sches Paradoxum“ (umso mehr weil Blaise Pascal angeblich bis zum Schluß ein gläubiger Katholik war) das einzige richtige für einen vernünftigen Menschen ist. Wenn Gott gar nicht existiert, und ich also auch gegen ihn wette, so kann mir nichts geschehen, das ist somit die einzig kohärente Sichtweise. Wenn Gott aber existiert und ich wette auf ihn, schadet es mir ebenfalls nicht. So erscheint der Glaube unnütz, der Atheismus aber erscheint bis in die letzte bittere Konsequenz vermutlich (das will ich zumindest hoffen) als ein Zeichen von Geistes-stärke. Mit Federkiel geschrieben würde mir jetzt die Hand zittern.

Der Atheist Hans Wollschläger, neben Karlheinz Deschner einer der herausragendsten Kirchen- und Religionskritiker, soll zuletzt nach christlichem Ritus bestattet worden sein, so wird uns eigens von Karlheinz Deschner berichtet. Pascal, aber der war ja eh ein gläubiger Katholik, sagte nämlich auch: „Bei der Wahl zwischen dem Absurden und dem Unbekannten müssen wir das letztere wählen […] Man kann nicht vom Schiff springen […] Man muß [auf Gott] wetten.“ Inzwischen sehe ich diese Palcal’sche Wette, die mir einmal gut gefiel, auch als einen Beitrag zur Unmündigkeit an. Weshalb kann das Absurde nicht die menschliche Existenz begleiten und letztendlich in ihrer Akzeptanz zu einem hohen Maß an Sinn und Lebenslogik führen? Es ist nachweislich das Absurde, wenn man seine einfachste Definition nun einmal in die allgemein verständliche Sprache

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eingeführt hat, welches die alltägliche Erscheinung der Lüge wie einen Heiligenschein umkränzt – nur in der Philosophie, in der Literatur, in der Kunst also, soll das Absurde nicht staatstragend sondern wie verhaßte Fremdreligionen defätistisch sein? Da kann man doch laut und herzhaft lachen!

Ich glaube nicht zuletzt, und das gilt im politischen Leben ebenso wie in der Liebe, daß sich der einzelne Mensch sein Glück jederzeit nehmen muß, frei nach seinem GEFÜHL wie zu einem bunten Strauß sollte man sich die wilden Blumen pflücken, über alle staatlichen und religiösen Konventionen hinweg. Diese sind nämlich nur dazu da, um zu unterdrücken. Das urtümliche, natürliche Empfinden, vielleicht wenigstens dem einfachsten Kantschen Imperativ verpflichtet, würde ausreichen, der Gesellschaft Verstand und Edelmut zu verleihen. Die „Nacht barg die Liebenden in ihrem Schoß./Den Zaudernden erschien kein neuer Tag –– /Sie fielen – denn die ihres Herzens Schlag/Nur lauschen, sind verbannt und gnadenlos.“ (Poe 2014. Al Aaraaf).

Das deutsche Wort Glauben soll sich vom indogermanischen leubh für lieben, begehren, gern haben herleiten, und fragt man sich was gemeinhin indogermanisch bedeutet, so gelangt man flugs zu den tatsächlichen arischen Ursprüngen und dabei einzig und allein zu den vorderindischen Arealen, wo im Sanskrit arya synonym mit dem Begriff Herr ist, und im noch fast archaischen Gesellschaftsgefüge ist anarya der Nicht-Herr, was spätestens Friedrich Engels und Karl Marx einmal mehr sehr treffend für den Industriekapitalismus nachgewiesen haben. Nun ist freilich gerade das Glauben immer praktisch, wenn es um diffuse Wahrnehmungen geht, die weder in die eine noch in die andere Richtung beweisbar zu sein scheinen. In der deutschen Wissenschaft gilt der indisch-iranische Sprachstamm als arisch zum Unterschied die armenischen, griechischen, albanischen, italischen, keltischen oder baltisch-slawischen Sprachfamilien die, so glaube ich, als anaryas gelten. In welcher Sprache die kristlichen Kreuzzüge seit dem hohen Mittelalter durchgeführt werden, bleibt weiterhin ein Geheimnis, da müßte der Begriff Gottglauben mit Gier, Gewalt, Gewissenlosigkeit, mit Niedertracht und Dummheit übersetzt werden. Nun sind zum Glück diese Kreuzzüge vordergründig nicht allein mörderisch kristlich geblieben, eher abendländisch geworden. Ich glaube, daß sich am Ende das eben genau Gute in der Welt durchsetzen wird, was den wahren Charakter und die begrenzten Möglichkeiten eines einfältigen Gläubigen entlarvt.

                                                                            [Text nicht fortgeführt]

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Die Stummheit der Fische

oder die Mär von der unbeschreiblich sittsamen Mutlosigkeit

Das hellgraue, von der Witterung gebeizte Holz fühlte sich glatt an. Es war hart und schwer. Obwohl über die Zeit von der Sonne gebleicht, so schien es innen weiterhin vollgesogen zu sein. Das Holz war dabei seine Feuchte auszuatmen. Entlang der Risse und an den Bruchstellen hatten sich feine Salzkrusten gebildet. Er ließ das Strandgut liegen, um es vielleicht auf seinem Rückweg mitzunehmen. Der Geruch eines atlantischen Meeres war ihm urzeitlich, und abgesehen von Plastikabfällen und Teerklumpen, die oben auf dem Sturmstrand liegen, mag es sich bis heute im absolut anfänglichen elementaren Zustand befinden.

Fast jeder unter siebzig tippt in kleine, fast winzige Geräte, hält seinen Kopf wie über ein krankes Vögelchen gebeugt, macht beschwörende Mundbewegungen, kaum hält er das kantengerundete Wesen an sein Ohr. Fast unbemerkt knarzen (vermutlich ist es eine Art dröhnender Musik), rhythmische metallisch verzerrte Geräusche aus winzigen Kopfhörern. Warum ist es in diesem Land dennoch so still geworden?

Oder ist es eine kaum noch erträgliche Stille allein um mich herum, die mir bereits alle Erinnerung an soziale Berührungen ausgequetscht hat. So bin ich wohl bereits Teil der lautlosen, der stummen Minderheit? Ist meine radikale Entsagung längst schon systematisch eliminiert und rundherum verschwiegen worden? Selbst wenn ich etwas zu sagen, zum allgemeinen Konsens noch etwas beizutragen hätte, da ist niemand mehr, an den ich mein Wort richten könnte. Manchmal fühle ich mich in Einzelhaft, und was noch schlimmer ist, ich fühle mich unschuldig verurteilt, wenn meine Umwelt mir den Kontakt verweigert. „Radikale Minderheiten haben ihre eigene Geschichte. Reden sie bloß, werden ihnen Freigehege zugewiesen und sie selber zur Sekte ernannt. Agitieren sie ihre Umwelt, wird das Gehege umzäunt und zum Ghetto. Machen sie aber ernst mit ihren Vorstellungen, so werden sie belagert und mit ihnen wird endgültig Schluß gemacht, wenn es ihnen nicht gelingt, aus ihrem Ghetto auszubrechen.“ Horst Karasek (WAT 16)

Weil es so praktisch ist. – Die gesellschaftliche Standardisierung der Monogamie nennt sich Ehe, was in den meisten Fällen auf Dauer nichts mehr mit Natürlichkeit zu tun hat. Die einzelnen Bedingungen der Gesellschaft und des jeweiligen Brauchtums spiegeln die eigentliche Struktur der zivilisierten Ordnungen wider. Das wild lodernde

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Feuer wird im Ofen zum Haustier und alles, was nach komplizierter oder simpler Natürlichkeit aussieht, wird darin mineralisiert. Öfen und ihre Schornsteine, die haben in Deutschland einen bitterigen Beigeschmack, weil zugleich einige Meisterhandwerke und alle möglichen Massenmedien damit ihr gutes Auskommen haben. Als Motorradfahrer denke ich bei der Abkürzung NSU zunächst (und das immer noch) an die einstige deutsche Kraftradmarke. Die NSU-Affäre brachte es an den Tag. Diese Republik hat die alte Tradition von Heimatgefühl weiterentwickelt. Den Rechtsschutz genießen ganz heimlich die Mörder und Politverbrecher, solange sie rechts genug agieren, dabei nur den gesetzlichen Auflagen wie Winterreifen- und Helmpflicht treu folgen.

Habe heute beim Unkrautjäten unter Johannisbeerbüschen eine besonders groß entwickelte Blindschleiche am Schwanz verletzt. Dies ist ein Ereignis, welches all meine Empathie aufrührt. Mit tröstenden Worten habe ich sie ins seitliche Gras gebettet und ihr gut zugeredet, mich auch entschuldigt für meine mangelnde Vorsicht. Ich bin zwar keineswegs ein Buddhist, dennoch bewege ich mich meist mit einiger Aufmerksamkeit in meiner Welt, um den Schaden, den ich zwangsläufig anrichte nicht allzu groß werden zu lassen. Die schlangenartige Eidechse blieb stumm dabei, und das ist mein Lohn: Kurz einmal sich wirklich schuldig fühlen, ach, was hätte sich allein dadurch geändert.

Der moderne, superblitzschnell agierende Finanzmarkt hat mit der allgemeinen Akzeptanz von meist schwarzen Kindersoldaten gemein, daß bereits pickelige Jungs besonders mit deutschen Handfeuerwaffen großes Unheil anrichten können. C’est tojour la meme chause. – Die PolitikerInnen umhüllen sich grinsend mit der Aura der Vernunft; sie halten die gottgegebenen Insignien der Macht, einen Ballon voller heiß komprimierter Afterluft sowie einen modischhartlangen Gummiknüppel in Händen. Mit stolz geschwellten Regierungstidden verlautbaren sie ihre neuesten einsamen Entscheidungen, und sind dabei des höchsten Bundesverdienstkreuzes oder des ordentlichen Doktortitels ebenso unwürdig wie der erbärmlichste Feigling unter den Kritikern und Kriegsberichterstattern sich eine Tapferkeitsmedaille verdient hat.

Etwas lähmt mich zusehens. Ich kann keinen wirklichen Anteil am Geschehen mehr fühlen. Ich bin es längst überdrüssig, den durchschaubaren ewigen Lügen zuzuhören, kann Nachrichten kaum mehr als nur eine flüchtige Aufmerksamkeit widmen – zu viele Schauplätze sind raffiniert gewinnbringend inszeniert und blutig garniert. „Man kann seiner eigenen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen.“

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So fühlte Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften bei Musil, aus einem der üblichen zerfaserten Zusammenhänge heraus. Ich fühlte mich „mit einer Begabung geboren, für die es gegenwärtig keine Ziele gab.“

Wehret den Anfängen. – Wortmeldungen gegen einen bestialischen Krieg gegen das vietnamesische Volk sind freilich unerwünscht. So wird Anfang 1966 ein in der FU-Berlin geplantes öffentliches Vietnam-Forum verboten, was die gegen den Krieg engagierten Menschen (O-Ton der Springer-Presse und RIAS-Rundfunk: … meist jugendliche Randalierer) notgedrungen auf die Westberliner Straßen treibt. „Viele Berliner lachten vom Straßenrand her die Demonstranten aus oder tippten sich bezeichnend an die Stirn. Andere riefen den Demonstranten zu: ,Macht, daß ihr nach Ost-Berlin kommt. Ab nach Rußland mit euch.‘“ (Der Tagesspiegel, 6. Februar 1966)

Wenn die Erbärmlichkeiten der gesellschaftlich opportunen Kritiker keine Tapferkeitsmedaillen verdient haben, so bekommen die politisch-technokratischen Befürworter der Menschenverachtung durch das neoliberale kapitalistischen System oft sogar einen Nobelpreis. Nach dem Zwischenfall vor dem Amerika-Haus am 5. Februar 1966 – nach einem Vietnam-Protestmarsch setzten Demonstranten die US-Flagge auf Halbmast – sieht sich der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt (Friensnobelpreisträger!), zu dieser Erklärung veranlaßt:

„Erstens erscheint mir der Friedenswille der amerikanischen Demokratie unbezweifelbar. Zweitens halte ich es für sicher, daß die umfassenden Verpflichtungen und die begrenzten Ziele der amerikanischen Politik in Südostasien dem gedeihlichen Zusammenleben der Völker dienen. Und drittens kann ich nur nachdrücklich davor warnen, daß wir Deutschen uns in der Weltpolitik als Lehrmeister aufspielen.“ (PLM, 7. Februar 1966). Brandt sprach vom Vietnamkrieg!

Die Neigung zum Umsturz. – Im Bundestag in Bonn rührt die CDU (hier Abgeordneter Biechele) die Berliner Vorgänge zu einer frischen braunen Brühe auf. Man beruft sich dabei auch auf die Neue Zürcher Zeitung vom 14. Februar 1966: „So wie die Dinge stehen, ist damit zu rechnen, daß die revolutionär Gesinnten im nächsten Semester drei- bis viertausend Studenten auf die Straße bringen werden und daß die Neigung zum Umsturz wächst.“ Die Prognose war vollkommen falsch, denn bis in die achtziger Jahre hinein, waren die Studenten hoch politisiert, Vietnam und der Kampf gegen das Hochschulrahmengesetz

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ließen Mitte der siebziger Jahre (4,5!?) Millionen Hoch- und Fachhochschüler im Verlauf von zwei Semestern monatelang (dabei meist sehr aktiv) streiken.

Die Traurigkeit der Rückspiegel. – Selbst über einem warmen, viergetaktet pulsierenden Motor sitzend, sind wir übermannt von fröstelnder Einsamkeit, ausgesetzt in der Erbarmungslosigkeit der dunklen Stille, und manchmal möchten wir uns in den Finger ritzen, um wenigsten etwas zu spüren. Umsonst, wer würde uns betrachten dabei? Hey, wir sind nichts außer Materie, also eigentlich nicht da, aber wir sind eigentlich noch hier, dachte ich, dachten wir, stets im Fahrtwind, und wir schauten ungläubig zurück. „Ich habe eine Jacke, wie wir alle sie haben, und mir ist sie zu eng, wie uns allen. Man zieht sich so ein, daß es nicht mehr so spannt, aber manchmal, wenn man versehentlich tiefer Luft holt, kriegt man so eine Art Bauchweh. Und ich schau nach oben zum Himmel, ganz ungeniert, als wäre Hoffnung auf einen Engel. Die gefallenen Engel um mich her laß‘ ich vorbeigehn. Bist du glücklich? Glaub’s nicht. Bist du traurig? Ich glaub’s nicht, daß ich’s bin. Dann ist dir vielleicht mittelmäßig wohl? Glaub’s nicht. Ja was denn dann in Gottes Namen? Nichts. Gar nichts, weil ich gar nicht bin.“ vgl. Johanna Walser.Vor dem Leben stehend.

Klassenkampf vor blauem Korallenriff. – Die Welt steht absehbar vor einem Kollaps, der berühmte kurze Schritt vor dem Abgrund. Stets haben die Mahner, die Weltverbesserer ihren gutmütigen Kampf verloren. Jetzt steht die Verzweiflung allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben, aber manche von ihnen GRINSEN & REDEN und REDEN [wer wohl?] Nach Søren Kierkegaard wächst die Intensität der Verzweiflung mit dem Bewußtsein. So ist Verzweiflung des Teufels intensivste Verzweiflung, denn der Teufel ist reiner Geist – seine Verzweiflung ist deshalb der absoluteste Trotz, das Maximum an Verzweiflung. Das Minimum hingegen weiß noch nicht einmal von seiner Verzweiflung. „Wenn so die Unbewußtheit auf ihrem Maximum ist, dann ist die Verzweiflung am geringsten; es ist ja beinahe, als wäre es dialektisch, ob man das Recht hätte, einen solchen Zustand Verzweiflung zu nennen.“ [Kierkegaard. Entweder – Oder].

Immer noch sehne ich mich nach den gedämpften Geräuschen inmitten des Meeres. Wir wissen, daß Fische stumm sind, aber wir wissen zugleich, daß sie es nicht sind. Wir wissen, daß man uns belügt – in allen Sprachen, in allen Lautstärken, in allen Lebenslagen – und niemals

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werden sie schweigen, niemals eingestehen, daß Ehrfurcht und Toleranz so schön wie ein Sonnenuntergang über Bora Bora hätten sein können, auch ohne das Verschwinden der gesamten Malediven-Eilande. Ich bin verzweifelt, an der Welt, an mir und an meiner Wahrnehmung, die mir die Welt zeigt, wie sie vermutlich auch wirklich ist. Dennoch verspüre ich weiterhin die mit sämtlichen Nährmitteln anerzogene Hoffnung in all der Aussichtlosigkeit (resp. Hitlerjungen & Volkssturmmänner). Es lebe die adenauer‘sche Lebertranpädagogik!

Was alles in uns ist. – Auch das, was im übelsten Falle in uns sein sollte, das sagen wir in den seltensten Fällen der Welt umher. Wie oft ist die blanke Verzweiflung stärker, als unser klarer Verstand, so sie doch nur aus ihm herauskommt und sich auch noch durch unser Nachdenken darüber verstärkt. Was ich nun bei Hölderlin las, das erinnerte mich an die eigenen Gefühle, die ich vernünftigerweise gelegentlich hätte haben sollen, zumindest dann, als ich meine Familie verließ (bzw. verlassen mußte). „Je mehr ich über mich brütete in meiner Einsamkeit, um so öder ward es in mir. Es ist wirklich ein Schmerz ohne gleichen, ein fortdauerndes Gefühl der Zernichtung, wenn das Dasein so ganz seine Bedeutung verloren hat. Eine unbeschreibliche Mutlosigkeit drückte mich. Ich wagte oft das Auge nicht aufzuschlagen vor den Menschen …“ FriedrichHölderlin. Hyperion. Am Ende habe ich gar das Kunststück vollbracht, zwar voller Traurigkeit gewesen zu sein und dennoch nicht reglos, nicht mutlos, dann aber konsequent und wegen des gebrochenen männlichen Stolzes gar ein wenig zu wachsen. Irgendwann jedoch werde ich den Mut und den geläuterten Verstand haben, mir einzugestehen, daß das ganze Leben eine konsequente Aneinanderreihung von unnützen Ereignissen war – von der biologischen Vermehrung einmal abgesehen. Es hätte ein Leben sein sollen, voll Traurigkeit und Klarheit, zwischen befruchten und töten. Stattdessen Machtlosigkeit und Grauen. Ja es sind unsere Kinder, es ist eine Tochter, die einzig Mut geben: wie in einem Boxkampf das siegreiche Kontern nicht zu unterlassen, so kurz vor dem Ende der letzten Runde. Man darf sich angesichts selbst des grausamsten Gegners weder der Resignation noch der Mutlosigkeit hingeben „und wer weiß bis zu welchem Grade der Torheit ich vorgeschritten wäre, wenn nicht die Lockungen des Lebens, der Eitelkeit und der Zwang zu regelmäßigen Studien dagegen gewirkt hätten.“ Friedrich Nietzsche. Rückblick auf meine zwei Leipziger Jahre.

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Die heimliche Richtung. – Wenn es in unserer Rede eigentlich heißt, so meint es vermutlich sich selbst, was sehr wahrscheinlich ist und ziemlich exakt, also ebenso genau, wie der Wetterbericht für die närrischen Tage, das soll dann angeblich nicht immer nur Es sein sondern irgendwann zum Ich werden … Das eigentliche Interesse und alle zusätzlichen Interessen liegen vermutlich ganz allein in uns selbst, was Fichte1) das Interesse für uns selbst nannte. Selber verstehe ich das als den gedachten Kern der eigenen Persönlichkeit, dessen Aufweichen oder Verweichlichung man tunlichst nicht zulassen sollte. Fichte meint, wenn es der Mensch einmal erst zum Menschen gebracht hat, so lassen sich gleich schon zwei Hauptgattungen bei ihnen unterscheiden. Da sind die, die sich längst noch nicht zum vollen Gefühl ihrer Freiheit und absoluten Selbständigkeit erhoben haben. Ihr Selbstbewußtsein ist auf bloßes Vorstellen der Dinge gerichtet, „sie haben nur jenes zerstreute, auf den Objekten haftende, und aus ihrer Mannigfaltigkeit zusammengelesen Selbstbewußtsein. Ihr Bild wird ihnen nur durch die Dinge, wie durch einen Spiegel, zugeworfen; werden ihnen diese entrissen, so geht ihr Selbst zugleich mit verloren; sie können um ihrer selbst willen, den Glauben an die Selbständigkeit derselben nicht aufgeben: denn sie selbst bestehen nur mit jenen. Alles, was sie sind, sind sie wirklich durch die Außenwelt geworden.“ Da muß ich womöglich an die an mir vollzogene Pädagogik und an meine zahlreichen nur gestreichelten oder tatsächlich gelesenen Bücher denken.

„Wer in der Tat nur ein Produkt der Dinge ist, wird sich auch nie anders erblicken; und er wird recht haben, solange er lediglich von sich und seinesgleichen redet.“ Aus dem Glauben an die Dinge um ihrer selbst willen erwächst das Prinzip der Dogmatiker, so als wären die erbarmungslosen Stalinisten heutzutage nicht nur von dem akuten Neoliberalismus abgelöst, sondern längst um einiges an Bestialität und Unmenschlichkeit übertroffen worden. Die Heroisierung des sich selbst räsonnierenden Ich der „Menschlichkeitssucher“ wird durch die immerzu herbeigeführte gesellschaftshistorische Niederlage des selbständig und unabhängig Denkenden Lügen gestraft (deutlich z.B. in der raffiniert politischen und militärisch blutigen Niederschlagung des englischen Bergarbeiterstreiks 1984, sogar bereits vier oder fünf Jahre vor dem Zusammenbruch des „sozialistischen Ostblocks“; zugleich in

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1) vgl. Johann Gottlob Fichte. Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre.

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der fortwährenden Privatisierung der öffentlichen Funktionen, dieser Staaten mit der uralten, wenn nicht sogar klassischen Idee ihrer, wenn auch perfid weiterentwickelten, Fürsorgepflicht – jetzt neofeudalistisch, zum Wohle der Banken, ergo der Reichsten der Reichen.

Neoliberalismus, der Appetit kommt beim Essen. – Die Medien der in bodenlose Unmoral gesunkenen alten BOURGEOISIE befinden sich über Wochen in Feierlaune. Jetzt muß es überall knallen und stinken. Im Jahr 2014, genau 100 Jahre nach dem industriellen Beginn der immerwährenden organisierten Zerfleischung, gab es mehr Hungernde und Flüchtlinge als am Ende des Zweiten Weltkriegs (sic). Die Arbeitslosigkeit und der Mangel an sauberem Trinkwasser sind kaum vorstellbar. Das Weltklima (wenn man der Zweckpropaganda glaubt) erwärmt sich dramatisch. Die Rüstungsproduktion und die Kriege allerorten laufen auf Hochtouren. Die reichen Länder tun längst alles, um einem Nachlassen dieses schrecklichen Zustandes vorzubeugen, um ihn zuletzt gar zu beenden. „Wie bitte? Die Wirtschaft muß ständig wachsen, warum eigentlich? Das ist doch absolut idiotisch!“

„Leben sie gern im Wohlstand?“

„Na klar. Die meisten Sachen, die wir uns angeschafft haben, gefallen uns, wir könnten sie nicht missen, aber alles zusammengenommen, da könnte man sich schämen, weil es zuviel ist.“ Weil die Chefin von allem mit ihren vor den Unterbauch gehaltenen Fingern keine betende Geste fabriziert, sondern mit ihnen ein hohles HERZ (oder eine VOTZE) formt, glauben ihr sogar die ganz Andersgläubigen (!) Das, was in dieser Welt da zu wenig und dort zuviel ist, gefiel Brecht ebenfalls, er machte daraus keinen Hehl: „Große Appetite gefielen mir sehr … an mir mißfiel mir mein geringer Appetit … Die Frage war also: Wie sollte ich große und stetige Appetite bekommen?“

Stichtag für Schafscherer. – Am 18. September 2014: Referendum über eine mögliche Schottische Unabhängigkeit (17.22 h, etwa 12 Stunden vor Bekanntwerden der amtlichen Ergebnisse): Egal wie, dieser Volksentscheid ausgeht, er beweist, daß die Schotten (als Name könnte hier jedwede andere Völkerschaft stehen) total blöd zu sein scheinen. Die Affen im Käfig bekommen durch eine Abstimmung nicht mehr und nicht weniger Futter, es sei denn, sie fressen sich gegenseitig auf.

Eine demokratische Wahl wäre in dieser Welt wenigstens ein Vorteil für die häßlichsten Huren, denn die wenigen Sieger ficken die hübschesten Weiber, was hohen Umsatz bedeutet.

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Warten auf Demokratie

Traurigkeit klebt wie ein nasses Hemd an mir

Herbst kommt triefend feucht und reglos in die Herzen

Nachtigallen hängen krächzend im Metallring

Maschinen fetzen Federn ihnen fort

Der Tod kommt stetig im Konsum getaktet

In diesem Land so reich an allen Schmerzen

So voller Leere und ganz ohne Sinn der Ort

Der Dirigent-Obrist ist ähnlich jenen Schergen

Die lebenslang befördern Dummheit voller Gier

So wie dies grelle Licht hier weiterleuchtet

Will ich mich in der Gruft nicht rühren

In der ich liegen werde bis zum jüngsten Tag.  (GSK)

Das ist die Vorstufe der Imagination von Glück, die beweihräucherte Reglosigkeit kondensierter Ersatzbefriedigungen:

Seattle und kein Ende

Die Ohren zu, die Mäuler fest verschlossen,

Geblendet sind die Augen blau und klar

Konsumenten, welche Freiheit voll genossen

Marschier‘n im Geist der Wirtschaftsgipfel mit . . .

Nach bekannten Melodein zu singen, z. B. Horst-Wessel-Lied.

Standrecht ist auch ein Recht. – Deserteure dieser Demokratie wurden beizeiten gnadenlos erschossen. Deutschland hatte sich auf den letzten Weg gemacht, die kurze letzte Etappe (T-Tip) führte in einen herrlichen Abgrund. Dann haben sich die Askari freiwillig privatisieren lassen … Ein Liter Mineralwasser 40 Euro! … aber nächtliche Verstecke erschienen uns zunächst opportun. Deshalb hatten wir auf lange Zeit hin keinerlei Fluchtgedanken. Aber sagt, warum habt ihr euch nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht? . . .

Was einer beliebigen Erzählung ähnlich begann, das hat sich wieder einmal als eine Reihe Rülpser meiner gestörten Verdauung herausgestellt. Das muß man ziemlich spontanen Texten zugestehen, sie entwickeln sich manchmal nicht. Nicht, daß ich nur zu starken Tobak bekomme, diese Zeit übertrifft sich mit vorwiegend kristlichen Ungerechtigkeiten, der Rest ist Propaganda oder Schweigen.

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Fadenscheinige Wahrnehmung der Freiheit (!). – Ach ja, was die Mär von der unbeschreiblichen Mutlosigkeit betrifft, so gibt es wieder berechtigte Hoffnung bei der Stabilität der täglichen Verarschungen. Das schlichtweg im Sinne der GEHEIMDIPLOMATIE zu akzeptierende Freihandelsabkommen, welches die US-Wirtschaft im Gegenzug zum Schutz vor ihrem selbstgemachten Terrorismus Deutschland und der EU „anbietet“, ist vorläufiger Höhepunkt der unglaublichen Arroganz und Frechheit, mit der wirtschaftliche Monopolstellungen weniger Syndikate im Gegenzug mit militärischer Vergewaltigung die vorläufige „Rettung des Römischen Reiches“ nicht vollzogen aber versucht wird. Was der Volkseele bleibt: Das Chlorhühnchen, daran sollen sie kauen, am Brocken, der nur der Ablenkung dient, während es ganz heimlich um ALLES und sogar um den kleinsten, den allerletzten Rest von Anstand und Menschenwürde geht. Mit dem „Freihandel“ wurde stets die Freiheit verlogen gehandelt. Der Dichter soll vor dem schwarzen Regen warnen, nur das sollte er tun: Aufruf: Unbekannte Diebe/kommen von weit in die Stadt. Die ausgebreiteten/Schwingen ihrer Gehröcke/berühren den Horizont. In ihren Geigenkästen/tragen sie die Sonn- und Feiertage/heran. Sie lachen freundlich, werfen/ihre Beute über die Dächer, ziehen lautlos/zum Straßenbahnhof/und fahren hinaus vor die Stadt.// Sind wir/das Opfer einer Romanze? Zweckdienliche/Hinweise nimmt jeder Beamte entge-gen.                                  Günter Bruno Fuchs. Pennergesang (1965)

Diese Stummheit der Fische erscheint mir zuletzt als eine Metapher, die aus dem erlernten Verständnis, aus ihrer allgemeinen Einfachheit, leutseliges aber reales Leben erhält. Dennoch ist alles, was diese Welt beschreibt, schon längst formuliert oder erzählt worden. Die Erzähler sind dabei den Dichtern ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen, denn sie brauchen weder eine Wachstafel noch Papier. Nur die Erzähler der Mythen, unendlicher Geschichten, immer neu aus Kinderseelen geboren, sind dabei dem herrschenden System (oder den Systemen) überlegen. Alle dichterische Darstellung gebiert sich aus schnödem Narzissmus (im schlimmsten Fall), immerhin aus abgenabeltem doch stets identisch/gleichem, in der Welt längst schon vorhandenem NEUEN.

Die altvorderen Dichter: „Sie haben alles vorweg genommen,/die besten Gedanken, das kühnste Wort!“/ „Rächt euch an denen, die nach euch kommen/Und spielt den Enkeln denselben Tort!“ Paul Heyse. Dennoch: Es gibt keine vergangenen Poesie, die wahre Poesie ist immer jung. H. Bremond

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Panta rhei. – Was ganz bestimmt zur Ruhe beiträgt, zur Sprachlosigkeit gegenüber den öffentlichen Verbrechen, die bürgerliche Demokratien und tolerierte Faschismen angerichtet haben und weiterhin gezielt anrichten, ist der staatlich verordnete Umgang mit eben diesen Verbrechen. Wer ein Verbrecher ist und gleichzeitig über diese Sorte richten soll, der ist im Umgang mit Vermeidungen gübt. Ganz besonders erscheint die tatsächlich stattgefundene Vergangenheit für die momentan richtenden gefährlich zu sein. Es sind Klippen, die allen erklärten Zielen des herrschen Systems im Wege stehen. Sie zu umschiffen ist Aufgabe aller staatlichen Erziehung, des Militärs und der Justiz. Nach all den langen Jahren der Verschmutzung sämtlicher Flüsse, die fließen und fließen, sind wieder Fische ausgesetzt worden. Aber noch vor der Nacht begannen die einst stummen Fische tatsächlich zu sprechen, der modernen Gentechnik sei‘s gedankt, und die heißt längst wieder Technik – die bewährte Technik der Endlösung.

Gewißheit

Am Ende kehrt farblose Stille ein,

Die stete Auferstehung eines Neuen.

Laßt die alte Bitterkeit

Am Schluß und macht die letzte Fahrt:

Zu schwellender Mutterbrust – Borobudur!

Laß jetzt das treue Wantseil los,

Du wirst es nimmer mehr bereuen.

Am Ende leere Stille bloß,

Die sanfte Schwärze um sich schart.

                                                   GSK 6.November 2014

[…] Schluss machen Leute Feierabend

Nacht Bill. Gutnacht Lou. Nacht May. Gutnacht.

Tschüssing. Nacht. Nacht.

Gute Nacht, Damen! gute Nacht, süße Damen! gute Nacht,

                                                                             gute Nacht.

                                                          T. S. Eliot. Eine Schachpartie

[Text nicht fortgeführt]

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Gedankenlos. – Wenn parteilose mutlosigkeit sichtbar in angst übergeht suggerierte wahrnehmung eingeimpfter furcht bereits stattgefunden hat so haben die SCHWARZEN wieder einmal einen punktsieg davongetragen federleicht so erscheint es mir heute gelang einst der umgang mit der zeit was auch immer mit uns in den fauligen tümpeln der freiheit herumschwamm sei es drum – wir schwammen! Zumindest hat der altvordere der mit der welken haut der im alter im kino die karten abriß nein das hat er niemals gemacht aber seine amtsrichterrente hat er genossen das verfluchte dreckschwein weil er doch die KZler verhungern ließ die sau! Und immer wieder tut es mir leid daß schweine die immer intelligenten tiere spontan als abscheuliches wesen taugen dreckig und überhaupt – was sie ja wirklich nicht sind. Auch hier muß eine instanz eingegriffen haben den veredelten siegfried wie eine neue legierung auf den markt gebracht haben als gegensatz zum schwein dem bauer sein kleinod dem kleinen noch immer trotz aller globalisierung wobei wieder kotzen kotzen kotzen angesagt ist endlich die schalmeien zu einem wohlklang einstimmen der einzigen VOTZE im land der wir streptokokken wünschen ja endlich und doch immer noch nicht ist damit auch nur irgend etwas geändert worden nur die idee der verfolgung nimmt gestalt an und wenn festungshaft greift oder 100 peitschenhiebe verordnet werden von der selbsterwählten hinterfotzigen ORDNUNG! geht es ihnen nicht auch so – immer wenn sie von italien kommen finden sie deutschesland absolut super gut pünktlich und sauber und zuverlässig was die kalkulierbaren ewig stabilen verhältnisse betrifft ja wir sind stumm wir denken und frieren wir frieren und veredeln heimlich den branntwein weil das unsere revolution ist das sinnlose besaufen vor lauter vorfreude auf die niemals eintretenden veränderungen – vom sozialdemokratischen weihrauch eingelullt wollen wir kindersoldaten endlich G36 heckler & kochs oder eine AK47 kalaschnikow in die hand bekommen und fuck you MEN: Dann GNADE IHNEN GOTT!    …………………………..   […]

    Und der Rabe, unbeweglich, sitzt noch täglich, sitzt alltäglich

    Auf der bleichen Pallas-Büste über meiner Zimmertür,

    Und in seinen Augen wohnen alle Träume von Dämonen,

    Seinen Schatten wie geronnen wirft die Lampe schwarz und schwer

    Auf den Boden; doch erheben wird sich aus dem Schatten schwer/

    Meine Seele nimmermehr.                    E. A. Poe 1845: Der Rabe, letzte Strophe; übersetzt von Manfred Uhlig und Ole Törner)

Allein die einmalige Abstammung von den Fischen kann die berüch tigte Sprachlosigkeit der Männer nicht bewirkt haben. Es müssen in

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der Entwicklung aus dem ostafrikanischen Stammbaum des anthropogenen Verhaltens noch andere Gründe entwickelt worden sein, die das nachgesagte Schweigen der Männer über ihren Zustand als praktisches Verhalten bewirkt haben. Was machen Männer wenn sie nicht gerade eine neue Insel erobern oder zum Feierabend ein Weibchen ficken wollen? Oft sind‘s konkurrenzbeladene Spielchen, oder einsame Hobbies, die in einem abschließbaren Kellerraum Gestalt annehmen . . .

Fürbitte. – Zweimal blieb eine Generation von Vätern stumm, sie bewegte die Lippen zu immer gleichen Chorälen, die sie in gasbittere Kreidegräben der Champagne geleiteten, in Schlachten an der Marne, in Todesmühlen von Verdun, bald darauf in Verwesungsgesänge aus den Sümpfen des Pripjet, die aus den Straßen des Ghettos, die aus blutigen Steppen bei Kursk, am Don, an der Wolga – aus Sibirien. Die einsame Not des Unsagbaren, das Unaussprechliche, stieg aus den gemarterten Seelen mißbrauchter Landsknechte auf, zur grausamen Verzweiflung schlafloser Alptraumnächte verwoben, bloß, um die unerschütterlich erinnerten Wahrheiten zu sehen – immerfort den Augenblick still sterbenden Kinder und laut brüllender Kühe zu sehen.

    Man könnte sich die Sache natürlich sehr viel einfacher machen und dem Wissen ob der Verbrechen und den frischen Erinnerungen an die täglichen Sauereien mit dem Erzählen einer ganz neuen Geschichte begegnen. Das wäre dann eine Geschichte, die all den anderen bereits erzählten aufs Haar gleicht, der Unterschied aber wäre, daß diese neue Geschichte meine eigene wäre und alles an Geschichte darin vor dem eigenen Fenster beobachtet wurde, wie sich die Nachbarn allmählich in die Landschaft fressen, mit Plastikgeräten und Benzinmotoren, so als ginge es tatsächlich nur darum, dem Wachstum von allem und allem die dazugehörige unverwitterbare Religion einzuimpfen. Was bleibt ist der Ekel! Das bloße weiterdenken!

     Manchmal auch wünsche ich mir, daß mein vielfältiges Schaffen in irgendeiner Weise Früchte trägt. Natürlich ist’s ein widersprüchlicher Wunsch, betrieb ich doch im wesentlichen nichts Nachhaltiges, ich verschwende meine Lebenszeit mit Unnützem, mit Unprofitablem und zahle keine Steuern, weil ich nichts einnehme [Freischaffender Stiller Tag, und das stimmt nicht;/die Beitragserhöhung der Krankenkasse,/wir schimpfen und nun weiß ich, daß/ich gesundbleiben und mehr wieder/tun muß// – stiller Tag, und summend/meine Schreibmaschine ernährt die Familie/des Stromablesers mit; nun weißt du/welchen Nutzen meine Wörter haben und/warum ich in mein Zimmer gegangen bin. Jürgen Becker. Freischaffender].

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Inseljahre

*Es lebte einmal ein Mann, der Inseln liebte. Er war auf einer Insel geboren, die ihm aber nicht zusagte, weil zu viele andere Menschen dort außer ihm lebten. Er wollte eine Insel besitzen, die ihm ganz allein gehörte, nicht weil er durchaus allein darauf leben, aber weil er sie gänzlich zu seiner eigenen Welt machen wollte. (Wallace 1975, S. 225). 1)

Dieser wunsch hatte natürlich viel mit der bekannten konkurrenz der arten untereinander zu tun und auf einer relativ großen insel ist dann auch die berühmte industrialisierung entstanden nichts als ficken wollen und die kohle war die bedingung und auf relativ kleinen inseln ist die entwicklung der arten angeblich schriftlich manifestiert worden wobei es zugleich ein englischer ehemaliger inselliebhaber namens wallace2) war der diese idee noch etwas vor der weltberühmten idee hatte weil er voneinander getrennte insel miteinander verglich und ihm die klare sicht auf diese dinge schlichtweg und ganz frech geklaut wurde – ja das genau nämlich ist darwinismus oder? – anstatt kollegial zu kooperieren hat der eine enkelische bartträger den anderen fiesest ausgestochen und allein charly darwin die trüffelsau (!) hat den erfolg eingeheimst und quasiplagiate aller drecksäue regieren zuletzt die welt. Irgend etwas muß am strategischen erfolg immer suspekt sein sonst wäre er nicht eingetreten bei schulnoten beim wohnungfinden und tanzen und bei der beruflichen karriered wie ekelhaft ist ganz bald täglich die ersatzbefriedigung des analytisch dimensionierten geschlechtstriebes und da stelle ich mir einen leeren winterlichen ostseestrand zwischen eckernförde und der schlei vor an dem ein junger marinesoldat im winterwind steht und von seiner zukunft träumt und sich dabei mit fug und recht den arsch abfriert … ein bloom hockte derweilen in kappeln in einer holstenkneipe und machte der tiddentragenden zapferin schöne augen die für sich aber nur an den feierabend dachte weil sie auf ein rockkonzert in hamburg wollte an diesem frühen samstagabend und alles ist wieder nachträglich erfunden in diesen wirklich wahren erinnerungen weil die inseln genau die richtige größe haben sollten um mit nie endendem genuß fressen saufen

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1) Wallace, H. G. (1975) auszugsweise, * folgend kursiv mit Seitenangabe

2) Wallace, Alfred Russel (1869)

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lieben/ficken zu können oder auf was man eben gerade im moment lust hat und wie eine erinnerung an die erinnerung wird das wie es sich gehört ja lächerlich auch der pickelige gefreiterhilfsausbilder der mit dem sonnenbrand der vorher den schulmädchen mit dem marinefernglas auflauerte die milchgesichtige drecksau wegen der mitesser nicht konkurrenzfähig war und genau dafür war auch der glückstadthafen gut wo die schweren ruderkutter auf dem grauen elbewasser lagen und dieser wichser hielt feist das ruder und das war schon alles was der konnte das hat ihm ins gehirn geschissen seinen defätismus eingefärbt und ihm bewiesen daß die autoritäten nichts anderes als flachwichser sind die nach siebzig jahren den neonaziwahlkampf in hamburg mit fünfeinhalb prozent gewinnen und wie die über den schlamm springenden neoliberalen endlich wieder in der tagesschau erwähnt werden dürfen ja eine insel darf nicht zu groß sein sonst wird der überblick maßgeblich hinter dem bankschalter organisiert (backofficeliga) und genau deshalb vergißt der mensch den ganzen scheißdreck der ihm ständig passiert ist ja er läßt den stinkenden mist einfach absacken will sagen in den erosionsschlamm sickern … es könnte theoretisch auch schleifstaub vom edelsteinschliff sein ja doch leider aber immer naß geschliffen ja endlos schlammig ist die angelegenheit also und gutes ist hoffentlich weiterhin und immer gut.

*    Eine Insel taugt nicht viel mehr als das Festland, wenn sie zu groß ist. Ganz klein muß sie sein, damit man sie als eine Insel empfindet (Wallace 1975, S. 225).

Hinreichend bekannt daß ein förster ein beamter ist weil seine ressource entweder eine wahlperiode oder das erreichen der alterruhegrenze bedeutet was bei fischersfritz oder dem malocher auf dem oilrigg anders herum sein muß denn offshore sind verdammte sehnsüchte verortet die alle vier wochen befriedigt werden und auch die kohle stimmte einmal früher einmal bis diese margrethinselvotzensau alles plattgemacht hat und wenigsten hier ist ein name vorhanden eine historische tatsache die voller kriegsblut und polizeiknüppel in die geschichte eingeht wie wagenradgroße juraammoniten an eklischen südküsten garnicht so weit von brighton in den dorsetdowns wo man billige mädels mit marydown besoffen macht und normannisch perfekt fickt als nachtrag zu wilhelms eroberungen yes sir und der eklische commander vertrug den eigenen schnaps nicht wenn sie nachts um die klippen fuhren die immer noch diese verfuckte insel behüten ja und

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flamborough head oder lizard point sind tidenhubig magische orte – auf seekarten vermerkt wie alamoerinnerungen bis jüdische banken den atlantik verseucht haben quatschtrötig nein längst die ganze welt verseuchen über meeresströmungen und mit immer farbigeren filmen.

* Das ist die Gefahr für den, der eine Insel bewohnt. Zieht man sich auf eine Insel im Meer des Raumes zurück, so schwillt und wächst der Augenblick in gewaltigen Kreisen, die feste Erde versinkt und die entblößte Seele findet sich schwankend in einer Welt ohne Zeit … Man ist in eine neue Unendlichkeit nach draußen gestellt (Wallace 1975, S. 227).

Im normalen zustand schwillt meine zeit nicht und sowie ich mich überall unter der bettdecke verkriechen kann dröhnt das blechinstrument nicht mehr so in den hohen tönen was sich wie eine der reden anhört die vom festland herüberschallen wie triefende langeweile ja und dennoch sind sie giftig wie das gift eines taipans weil die insel von allerlei getier bevölkert ist vor der ausrottung befindlich und tiefpflügend ist die kartoffelernte ertragreicher yes und wenn die insel nicht groß genug ist wird die dreifelderwirtschaft lächerlich und ähnelt der fensterbank meiner tante elli die darauf sogar noch soldatenbilder untergebracht hat und der onkel war der einzige gefallene in der familie und auch ihn hatte man in eine neue unendlichkeit einfach in die russische steppe gestellt die er tatsächlich nur DREI tage überlebte was keine magischen gewaltigen kreise verursachte denn mein onkel liebte es mit einer zigarettenspitze zu rauchen und vier wochen vorher war er leutnant geworden was ihm gut stand und da wäre er oder ähnlich unschlüssige für eine eigene insel sowieso vollkommen verdorben also absolut ungeeignet gewesen … im felde stehend und overdressed.

*  Er fing es so an, wie wir alle anfangen, wenn wir versuchen wollen, das Paradies wiederzuerlangen: er gab Geld aus. (Wallace 1975, S. 228; vgl. Dokumentationen = Pula).

…. Es scheint die sicherheit zu sein die uns veranlaßt an einem einsamen ort den wir gerade entdeckt haben die sicherheit die aufkeimt weil wir uns ohne hilfsmittel geborgen fühlen – dann kommt die angst und wir versuchen uns gegen die gefahren zu sichern das kostet überredungskunst einschränkungen und im bequemsten falle einiges an geld so wie er in australien plötzlich so etws wie einen hausstand und eine werkstatt in seinem holden panelvan mit sich herumfuhr oder wie

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er in istrien im gemieteten haus mit den olivenbüschen vor der terrasse teller und tassen messer und pfannen lampen vorhänge oder sitzkissen um sich ordnete und dekorierte. Bei einem weiteren spaziergang hinauf zu castijun oder hinunter zum kleinen segelhafen war ihm schlagartig klar daß er dieses paradies bereits im ersten tristen langweiligen winter verfluchen würde er haßte nämlich inzwischen nebelkälte.

Wer aber nun die Welt vollkommen haben möchte, muß sich vor wirklicher Liebe und vor wirklichem Haß hüten. Mehr als ein allgemeines Wohlwollen darf er sich nicht erhoffen.

*    Nun ist es aber leider so traurig bestellt, daß solch allgemeines Wohlwollen in der Regel kränkend wirkt, und darum ruft es eine eigene Art von Bosheit herv or. Wenn dem aber so ist, so ist dies allgemeine Wohlwollen nichts als eine Art Egoismus (Wallace 1975, S. 233).

    Die psychologie der einheimischen das ist der katzensprung der zwischen der geborgenheit dem wohlfühlen und dem unausgegorenen heimatgefühl liegt weil dieses slawische in den blicken bisweilen die unverständliche freundlichkeit von seinem herzen nicht verstanden wird weil er alles zu sehr geographisch sieht und das ginge ja noch aber diese kurzen kumpelhaften gespräche mit dem stoppelbärtigen trafficguard am fußgängerübergang vor dem goldenen tor die zeitungsfrau auf dem giardini oder die um die ecke in der flanatička wo er samstags seine süddeutsche zeitung kauft auch die fraternisierung mit dem freundlichen straßenkehrer von dem er noch einen mageren hals und spinnendünne finger erinnert den er mehrmals in einer der steilen gassen mit ihren glatten steintreppen traf die von der engen touristenschwangeren sergijevaca hinauf zum kaštel führen. Vielleicht hoffte er auf ein spontane freundschaft denn schon immer fühlte er sich vom proletarischen angezogen so als sei seine schwebende aufmerksamkeit nichts als der blick eines zugvogels auf eine exotisch bewachsene futterwiese voller kleiner schnecken und geheimnisvoller wesen die sich aus den kalksteinmauern der festung schwitzen und eine silbrig glitzende schleimspur hinterlassen die von den römern bis zu den deutschen tornadopiloten führt die wegen ihrer kurzeinsätze niemals in rijeka oder pula wochenendurlaub machten … meine sympathie den einfachen menschen gegenüber rettete ich hinüber und trotz der grenzlinie die sich zwischen dem jungen makler auftat der wenigsten nur lächelte weil er ein geschäft machen wollte begriff ich meinen

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eigenen vorteil nicht mehr denn ich schwebte in diesem nach frühling duftenden arkadien und die roten böden mit den weißen kalkbrocken lassen herrliche genüsse erwarten … im gespräch mit tamara stelle ich mir ihre linke brust vor wie in einem bilderrahmen präsentiert hey little girl schau mal ich bin nett zu dir wie als sei alles wie tahiti oder noch viel schlimmer und von allen reisen nehmen wir nur das kostbarste mit: die erinnerungen. Wann begann es, wann kam ich endlich an?

* Er wußte, daß die Stimmung insgeheim gegen ihn war und tückisch, mißgünstig und verstohlen auf seine Niederlage wartete. Da wurde er genauso undurchsichtig und verschlossen gegen sie wie sie gegen ihn (Wallace 1975, S. 237).

     Er war wissentlich nicht ständig seinen stimmungen unterworfen eher war es die magere vernunft die sich durchzusetzen begann zum lachen und zum weinen war das als er seine genußfähigkeit irgendwo eingebüßt hatte auch war diese anstrengende abenteuerlust gewichen was er nicht zuletzt auch auf seine rückenschmerzen zurückführte und auf die hohen beiträge zu den rückversicherungsvereinen schob die sich überall in den ausgebluteten geschäftsstraßen in den leeren geschäften einnisten gleich neben den spielhallen und handyläden wie eklischer schleim der sich über das wirtschaftswachstum einer nagelstudionation legt aber jetzt kommen die gründe hervor weshalb die verbrannte haut abblättert und man auf inseln flüchten sollte sofern man ein gigageiles bankkonto besitzt auch gleich kaufen alles was noch ein wenig aus dem wasser ragt mit allem drum und dran auch mit den dienern und den dienerinnen aus bangkok und den ländern mit den neuen unaussprechlichen namen mit den arbeitslosen diplomingenieuren und pferdeschwänzigen schaumschlägern die wie die übrigen künstler außer einem zungenkuß im bahnhofsviertel kein handwerk mehr beherrschen und auch die zecher und die kohlegruben haben feierabend gemacht und die letzte heißt nicht gutehoffnung drei oder mariatheresia zwo sondern nach der MAGGI thatcher ganz schlicht und einfach total tote hose im votzenkapitalismus – gnade uns ihr gott! Wer kann noch in Vevey am Genfer See residieren außer Nestlé.

*    Es war schon Herbst geworden. Der Orion tauchte aus dem Meer (Wallace 1975, S. 239).

    Ein Trost ist mir der orion nicht gerade vielmehr deutet er trotz der warmfeuchten witterung den nördlichen winter an und im Dämmer

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des hauses regiert jetzt eine schattenlose einsamkeit und die stille erscheint mir bisweilen schmerzhaft weil sie oft und kurz durch die blödsinnigen ventilatoren im laptop aufgeschreckt wird und tatsächlich macht der lüfter des alten aldirechners ein dauergeräusch welches an das einlullende Rauschen in einem Verkehrsflugzeug erinnert.

    Und hier mittendrin versteckt sich eine riesensauerei die ich trotzdem einmal unausgesprochen stehen lasse so als stellt man sich jetzt hier viele zeilen gemeinste beschimpfungen vor beleidigung und drohungen und alle laufen darauf hinaus daß wir die verbrecher die das glück und jede chance der menschen zu einem produkt der aneignung gemacht haben FREISPRECHEN – deshalb die unvorstellbaren flüche über einen ganz winzigen teil dieser spezies die sich nur in einem teuflischen eutektikum entwickelt haben können und deshalb ist der teufel dem lieben gott haushoch überlegen was man bereits an glasverspiegelten staatlich bewachten hochgebäuden erkennen kann.

* Der Sirius stand grünlich überm Rand des Meeres, die Insel war nur noch ein Schatten (Wallace 1975, S. 240).

    Was für den orion gilt das gilt auch für den sehr hellen sirius der wirkte ihm wie ein motorrad am Himmel welches das große gespann des orion zu überholen trachtet ja auch er ist ein Phänomen des winters so recht passend für die schwülnächte voller dunst und nebel aus denen er bisweilen merkwürdig herausleuchtet ganz wie das feuer eines leuchtturms von dem er weiß ihn aber niemals mehr umrunden könnte und überhaupt sind sternbilder die perfektesten imaginationen weil sie hundertprozentig da sind da kann man drauf wetten absolut und besonders gut in der dunkelheit sichtbar und oft genug gar nicht mehr existieren was die leichtigkeit beweist mit der man die menschen anscheißen bescheißen zuscheißen kann und muß weil sie es wirklich nicht anders wollen diese hirnlosen idioten und nur so erklären sich nach den kristlischen gottesdiensten und heiligenbeschwörungen im radio die fernsehdokus mit tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen tiersendungen und kochsendungen kochsendungen kochsendungen kochsendungen kochsendungen kochsendungen kochsendungen kochsendungen kochsendungen und zwischendurch ständig erwähnt und hintendrein die seit fast einem jahrhundert nachgewiesene weitersowiebishermachenklimaänderung.

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* Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er in seinem Studierzimmer. […] Die Tage und die Nächte vergingen wunschlos, doch ohne Langeweile dahin. Das seltsame Ruhen aller Wünsche setzte den Inselmann fast in Verwunderung. Ihm fehlte nichts. [Die weitere Passage im Text sei zitiert, allein  um dem Wallace‘schen Stil zu frönen]. Seine Seele ruhte in ihm, sein Geist war wie eine dämmrige Höhle unter Wasser, wo krauses Seegerank sich auf der Oberfläche breitet und sich kaum bewegt und nur ein stummer Fisch manchmal wie ein Schatten hineingleitet und wieder hinaus. Alles war still und sanft und friedlich und doch lebendig wie Meerestang, der Wurzeln hat. (Wallace 1975, S. 241).

    Die katze die jetzt simba heißt hat sich sofort angewöhnt von der fensterbank wo sie mit zuckenden schnauzhaaren durchs fenster hindurch die angefütterten vögel beobachtet in einem weiten sprung auf den schreibtisch zu gelangen wo sie sich auf den papieren breit macht alles mögliche genußvoll ausgestreck hinunterschubst dann mit ihren pfoten den laptop mitbedient der ihr konkurrierend aber als angenehm wärmendes bestandteil erscheint und da es schwierig ist eine katze davon zu überzeugen daß sie gerade sehr lästig ist bin ich schnell darauf gekommen daß es genügt die lampe neben mir auf dem angrenzenden schreibtisch anzuknipsen deren altmodische glühbirne eine sonnenartige wärme auf ihr fell strahlen läßt was ihr dann ebenfalls verlockend wird und sie freiwillig voller überzeugung die tastatur freigibt auf der mittlerweile merkwürdige masken und meldungen erscheinen die ich noch niemals gesehen habe und sie zu löschen traue ich mich erstmal nicht denn es könnte auch etwas ganz wichtiges sein etwas lebenswichtiges und sobald die tigerkatze aus dem zimmer stolziert fühle ich mich einsam und es ist komischerweise als ginge ein geliebter mensch fort und ich kann es dann wieder kaum erwarten daß die katze irgendwann auftaucht und für einige stunden oder eine nacht meine einsamkeit erträglicher macht und alles ist im fluß und ratlosigkeit macht sich breit wie eine blutlache auf einem gefliesten boden ja endlich pädagogik der freiwilligen selbstzensur und wenn ein kleines kind sofort versteht weshalb es endlos wachsen muß kann es auch gleich zum wirtschaftsminister oder kapitalmanager ernannt werden nur fragen der frager oder der frager der frager auch der künstler ihres allevierjahreeinmalwahlfaches dürfen nicht gestellt werden wie zum beispiel ach liebe mama warum muß ich den weiterwachsen?

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Jetzt beuge dich bitte etwas herunter die leiter reicht nicht mehr stöhnt die erschöpfte mama mit den prallen doppeltnuckelflaschen.

* Alle Anteilnahme war ihm entglitten. Nur eine Möwe war da, ein großes, schönes Tier  […]

…. Die schönheit der raubtiere und der allesfresser wie eine präkambrische augentragende kruste auf der einzelligen masse und so setzt sich die breiig zerfließende spannung fort sei sie auch nur einer bloßen beobachtung gewidmet der der stetigen reduzierung reduktion zur eisenschlacke (?) des empfundenen menschlichen lebens ganz so wie der zustand aus akademischem anspruch einer längst begonnenen wissenschaftlichen karriere das recht der ersten nacht abzuleiten oder die unfehlbarkeit des geriatrisch lallenden popels in rom zur bloßen erfüllung der spdagenda so als sei er niemals intellektuell berührt per se avantgardistisch interessiert und stattdessen immer schon bestandteil des hoffnungslos arbeitslosen plebs des neoliberalen bodensatzes dieser gesellschaftgewesen … die pervertierung teuflischen edelmutes leuchtet aus der hölle der lügenfreiheit und da fährt wegen eines einzigen pinupmädchens kein reichsbahnauschwitzer güterwaggon leer und quer durch europa es sei denn auf dem rückweg mit abgehakten langen listen … voller lieb‘ und hoffnung die liturgie der wichsenden vorbeter ja du land voll lieb‘ und leben du hast schnell wieder deine kasernen belegt und die bieten uns am anfang und am ende ihr auf den kopf gestelltes wichsbildchen von der mageren anne frank1) am kopfende ihrer bettstadt als anreiz zur bürgerinuniformverpflichtung „join the army – learn a trade: butcherin‘!“ ja endlich herrscht an allen und an allen wasserdichten stellen freier zugang durch die freiwillige richtige reihenfolge der volksherrschaft – die ins bodenlos grundgesetzte altbewährte herrschaft der raubtiere und aasfresser.

*    Die dunklen Tage des Winters flossen dahin. Manchmal wurde es überhaupt nicht Tag. Er fühlte sich so elend, als hätte seine Auflösung schon begonnen. Überall herrschte Dämmerung, draußen und in seinem Geist und in seinem Herzen. […]

    Istrien ist im winter fürchterlich und am morgen sind die boote im hafen oft von raureif überzogen weil die klimaänderung von den

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1) Nicht Annelies Marie Frank aber das Ännchen von Tharau überlebte drei Ehemänner. Hier: für Annegret Franke, der ihr Name lange peinlich war.

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griechischen zuständen ablenkt … drüben in venedig mag die feuchte kälte romantisch wirken was ich aber bezweifle weil auch die umsätze der handychipverkäufer und der straußkahnzimmermädchen zurückgehen ja nur im dogenpalast brennt noch ein licht was ich von pula aus aber nicht sehen kann ja es ist eine großartige melancholie die sich über die erstarrten plätze legt eine erhabene traurigkeit die voller schönheit und zugleich voller schmerzen ist.

* Seine einzige Befriedigung kam ihm aus dem Gefühl zu, daß er vollkommen allein war und daß der Raum langsam von ihm Besitz ergriff, das graue Meer und die Berührung mit seiner flutenumspülten Insel. Keine Berührung sonst, nichts Menschliches vor allem, das ihn berühren und ihm Grauen einflößen konnte. Nichts als Raum, neblig, zwielichtig, vom Meer umfangen: das war das tägliche Brot für seine Seele. (Wallace 1975, S. 251).

    Dieser winter so erscheint es ihm ist einer der dunkelsten der am meisten neblig und feuchten die er jemals erleben würde auch das mit tasmanien obwohl das auch eine insel ist hatte er endlich aufgegeben. Vielmehr dachte er noch nicht einmal mehr daran möglichst bald endlich in ein wirklich warmes land zu gehen und wie in seinem bisherigen leben so gestand er sich einmal mehr ein würde es fortwährend weitergehen bis er zum beispiel an einer banalen blutsvergiftung sterben würde die er sich nicht beim bootsbauen aber beim brennholzhacken oder dem setzen von gentomaten zugezogen hatte.

    Absolut nichts mit monsantoverseuchten inseln hat ein gedanke zu tun der ihm gestern gerade beim aufwachen in den kopf kam als auf der wiese vor seinem haus einige der hundertjährigen streuobstbäume geschreddert wurden ja der fluchtgedanke sieht ihn in einem amsterdamer coffee shop so fürchterlich in ein pißbecken kotzen daß die seidenweich lächelnde frau mit den dicken blonden zöpfen ihre bdmuniform auszieht und alles so lange wieder gut macht bis er sich wünscht immer wieder solch ein banause zu sein und er wunderte sich daß die üppigen blumengarben in die kanäle hineinreichten und überall bienen umhersummten und ein sanftrötliches licht leuchtete und alles kostete nicht das geringste auch waren alle autos bunt und schwebten lautlos mit bauchig leichten segeln wie auf den teichen indischer tempel … zurück bis nach hause würden sie nur etwa sechs stunden benötigen das ist doch wirklich nicht sehr weit und ganz selbstverständlich kommt jetzt die jahrzehnteerinnerung die von den

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intensiven halt und furchtbar weh tun die wie zahnschmerzen halt und hinterher zum aufwachen trillerpfeifen zwischen grünen mannschaftswagen selbstverständlich tipperary songs und alles aus männer-männerkehlen mit bayerischer blasmusik weil sich‘s oktoberfestattentat rund jährt … des habt’s fei guat gemacht ihr buan auch bologna war ein fetzer gell das muß der neid euch loasen! Die unterschwellige sehnsucht nach hyperboreischen gefilden entstammt ganz sicher solchen erinnerungen oder gar seinen nordlandfahrten die er beizeiten vor und nach seinem studium gemacht hatte ja so mag er wohl empfinden daß er wenn auch meist nur für eine begrenzte zeit einmal auf den spuren der kelten dann in der heimat der wikinger war – die abgeschmirgelten granitflächen im gebirge und das sommerliche ständig wechselnde licht welches wie aus einem anderen himmel kommt und über lochans und fjorde leuchtet und glitzert und er wußte längst daß chemische prozesse als auch diffuse emotionen bei niedrigen temperaturen verzögert ablaufen. Jetzet vom höheren menschsein ja von der menschheit überhaupt ergriff ihn zuletzt so etwas wie rührung und mitleid alles war wie eine pauschale erinnerung wie der vage gedanke selber einmal in diesen vielen tausend jahren gewesen zu sein. Der abstand zu der umher existierenden welt und ihrer ihm fremdartig erscheinenden bewohner war immer größer geworden und so etwas war zunächst unbemerkt geschehen dann plötzlich hatte er sich den zustand vergegenwärtigt daß er gleichfalls nicht mehr WAHR-genommen wurde ja irgendwann das ist ganz sicher so geschehen sehnte er sich als das einsame kaltbeseelte nördliche wesen zu dem er mutiert war nach der kühle und stille eines leicht körnigen schnees. Das mediterrane gar das tropische das schwülwarme der inseln unter dem wind das hätte ihn zu sehr an unnütze satte farben an geiles wachstum und rasche verwesung erinnert und wie bei so vielen von jenen erinnerungen war er zuletzt froh die wichtigsten schottischen oder skandinavischen erfahrungen zu besitzen eben den schnee und das vergangene polare eis der gletscher längst zu kennen was ihm zuletzt ein sachtes zurückfühlen in die langen winter der kindheit bedeutete alles in einer sanften gelassenheit des wohlbehüteten einschlafens ganz ohne einen einzigen schmerz oder einen ängstlichen gedanken. Da war keine rötliche behaglichkeit keine blutwarme höhle die am ende auf ihn wartete es war die ewige sanftheit der formlosen gefrornis die das weltall heiligt – weit hinter all den fragen verborgen.

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Er würde irgendwann an solch einer gar lächerlichen vergiftung des blutes sterben für ihn eine weitere umschreibung seines elenden daseins reglos in einem strudel wie in einer gnadenlosen zentrifuge zu kreisen die er sich wegen seiner übertriebenen lebenswünsche wegen seiner unentschlossenheit selbst konstruiert hatte ganz so als sei es eine willkürliche verfügung eines höheren wesens ja verdammt! Sogar die verkettung von frisch vermarktbaren substantiven auch wenn sie hochgebildet und wie eklisch klingen macht das keinen steifen schwanz mit dem man diesen säcken bis zur bewußlosigkeit die fünf geraden und die aufrechten einprügeln könnte so müßte das anfühlen bevor manns loslassen müßte und von einem fernen schrei bin ich aufgewacht ja weil und womöglich habe ich seit den frühen tagen von habanna eine affinität zu kuba und sehr geheimnisvoll erscheint das zumals mit dem spanischlernen immer noch in den kinderschuhen steckt und immerhin wärs eine insel eine sehr große dazu die er längst schon abgehakt hat und sie wieder einmal dem spielkasinokapitalismus ausgeliefert sieht schon längst und davon ist er am ende erwacht von einem so jämmerlichen schrei den diese gefolterten nur ausstoßen wenn sie nicht bereits jahrelange übung im umgang mit der enklisch sprechenden freiheit haben … Inseln jetzt schwarzgemischte kontinente sind genauso beschissen wie alles andere der landschaften auch aber er will es einfach immer noch nicht glauben daß jeder quadratzentimeter der welt wenn nicht Nestlé so doch einem anderen der saugabstaubergiganten gehört … Jetzt endlich fällt ihm ein daß die gymnasiasten früher fit in griechenmythologie sein sollten um die kolonien und die haziendaproduktionen hier und dort und besonders hier gut zu verwalten. Den polizeiobristen den boss der hauptregistratur und den drahtzieherchef von allem hätte er gern einmal kennengelernt und ihm die drahtschlinge umgelegt ach! und oben am hals dann wie ein zuletztgrinsender deutschbanker fast wie ein bauer so heißt er der massentierhalter & drecksauzüchter und unten wie ein zähplastisch geschnitzter weiberunterleib mit allen tricks aus der kristlichen klappkiste getarnt und umfliedert so garnicht – wegen des fruchtbaren schoßes noch aus dem das kroch – als billige jahrmarktattraktion geeignet und alle vöglein alle wollen ins nestle o wäre es ihnen doch nicht fürder der sattrottig dampfende müllplatz der geschichte aber endlich das kalte erbärmliche grab! Er trank sein glas immer aus sagt man auch daß er trank was er sich eingeschüttet hatte ja im februar bereits blüht heuer der giftige seidelbast oder endlich der schierling?

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Abgesang der verlorenen kinder im trockenen heu. – Und was ihnen zuletzt eine einbildung war um die weihnachtzeit herum aber eine aufregende allemal und sie stellten sich vor wie der heuschober mit ihnen sanft schaukelnd davonschwamm immer weiter bis in eine dunkle ozeanische nacht hinein und weiter und weiter bis sie zuletzt auf schwankendem nassen lager schliefen wie in eine duftende ewigkeit gebettet die knisternd trocken in der nase gekribbelt hatte und jetzt am feuchten strand war all das heu faulig und roch wie nasser klebriger pelz weil sie bis zu ihrer landung noch kein wort für die modrigkeiten der vielen schimmelarten kannten denn das leben krallt sich in jegliche küste navigare necesse est und wenigstens jetzt war ihm einmal zum weinen zumute obwohl: von einem italienischem küchenduft und freunden die zu lange schon eingeladen sind weit und breit keine spur.

    Vielleicht klingen irgendwo anders helle glöckchen wenn sie vorbeischweben die madig gemachten erinnerungen hier aber ist es nur ein steter manchmal böiger wind der die felsen rau macht und den abgeschmirgelten sand vor sich hertreibt wie zu einem großen marktplatz irgendwo auf dem alles sich einfindet was sich nur anhäufen läßt. Auch die bereits schmutzige bandage an seiner hand müßte erneuert werden denn er ist in einem robinsontraum der ihm vorschreibt was er zu tun hat und heute ist ausschau halten angesagt weshalb er auf die höchste hügelspitze steigt dann um sich herum nur die braune und weiß umschäumte küste sieht und in die ferne hinein blickend ihn das gleißende zusammenfließen von wasser und himmel immer wieder neu begeistert ja und als er seine arme reckt sie wie ein junger fregattvogel ausbreitet erst eingeknickt hält zu einem ersten versuch sich dem winde zudreht er zugleich da schwebt er auch schon über die insel und erhält wohlwollen und aufwind vom dunklen lavagezacke unter ihm. Das schweben ist kein fliegen denn immer noch spürt er am fuß einen strick der sich einschneidet in seinen wunden knöchel ja und er schwebt über seiner kleinen welt wie vogelfrei jetzt ein gutes stück höher und der strick meint es gut mit ihm eine lange weile … am abend dann der modergeruch seines feuchtklammen lagers und etwas vom übrigen fett aus einem dünnen vogelknochen schmiert er sich auf seine rotverbrannte nase und natürlich auch auf den blutenden knöchel ja heute hat er es ein wenig übertrieben mit seiner sehnsucht und künftig sollte er seinen fröhlichen übermut etwas zügeln . . .

[Text nicht fortgeführt]

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Über den Ölbaum 1)

„Ich liebe sie alle, besonders aber die Olive. Vor allem ihres Symbolgehaltes wegen: Ihre Blätter stehen für Frieden, für Freude das goldene Öl.“                             Aldous Huxley

Die Griechen nannten den Olivenbaum ein Geschenk der Götter, hier das der Göttin Athena, die im Wettstreit gegen Poseidon als größere Wohltäterin gewann. Neben Getreide und dem Wein zählt der aus Ägypten stammende Ölbaum zu den ersten Kulturpflanzen. 2)

Assoziationen müssen durch unsere täglichen Beschäftigungen unterdrückt werden. Die Idee, am Beispiel der genialen Olive die Weisheit zivilisierter Kultur zu finden, sie zumindest wieder zu entdecken, führt mich schnell in die Metapher der Öllampe. Ein Bruchstück einer damals wohl weit verbreiteten antiken Form, fand ich einmal an sizilianischer Küste ganz in der Nähe einer untergegangenen griechischen Siedlung. Der Wind, der laue südliche Äon umfächelt mein Traumbild, aber warum löscht der Wind eine Lampe aus, fragte sich einmal Novalis.

Trotz mediterraner Sehnsucht, jetzt wieder Permafrost der Gefühle. Europa hält sich an seine im Schulatlas überlieferten flohn’schen Klimazonen; regionale Ungleichheiten erst recht beim bereinigten Bruttosozialprodukt. Wie ein gründerzeitliches Armenhaus hat Europa wenigstens ein Dach über dem Kopf. Aber bei einem solch rutschigen Baugrund?

Wenn es nicht eine Frage des Geschmacks ist, so kann fast jedes Fettige zur Zubereitung der menschlichen Nahrung dienlich sein. Selbst die Fragen nach den objektiven Bedingungen und Eigenschaften der Dinge durchleben verschiedene Zustände der Wahrnehmung. Denn: „Es ist ein Fehler in unsern Erziehungen, daß wir gewisse Wissenschaften so früh anfangen, sie verwachsen sozusagen in unsern Verstand, und der Weg zum Neuen wird gehemmt. Es wäre die Frage, ob sich die Seelenkräfte nicht stärken ließen, ohne sie auf eine Wissenschaft anzuwenden.“ Georg Christoph Lichtenberg. Aphorismen

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1) vgl.Gerlach, Senta & Wulf (Hrsg.): Öl und Oliven. Gedanken zum Genießen. Groh-Verlag, 2005.

2)  Harther, Heide (1988): Olivenöl & (und) Oliven. Econ, Düsseldorf, 105 pp (Archiv-Nr. 15340)

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Sinn und Ewigkeit. – Den Ölbaum möchte ich wie ein Gleichnis benutzen. An seiner alten Rinde wird sogar mein Dilletantismus abgleiten, und noch nicht einmal eine sichtbare Narbe hinterlassen. Diese Vorstellung bedeutet mir auch, daß ich imstande bin, mich außerhalb meiner Alltäglichkeit zu betrachten, und das ist das, was ich als Banalität und zugleich als eine herausragende Fähigkeit meiner Spezies betrachte. Wie lange soll ich dieses Spiel noch betreiben? Denn nichts anderes als Spiel ist es, nachdem man sich wenigstens einmal fortgepflanzt hat, und im besten Falle sollten es zumindest zwei Nachkommen sein.

     Marcel Proust1) hat meines Wissens nur wenig Fußnoten verfaßt, und wenn, dann mag es ihm wohl wichtig gewesen sein, dem Leser eine weitere Detailgenauigkeit zu vermitteln. Er begreift sich wie in einem Spiegel, in der Wahrnehmung seiner eigenen Person, durch andere Menschen hindurch. „Er ist jetzt beinahe schon ein erwachsener junger Mann.“ Das klingt in seinem Gedächtnis weiter, so als sei er niemals bereits Jahrzehnte in diesem Wachsen und Vergehen begriffen. Wir Menschen vergehen schnell, und umso beachtlicher ist die Würdigung der alten Bäume, die immer dort stattfindet, wo weder die ganz normale Gier und geistloses Herrschen die Allmacht besitzen.

    „Jetzt aber begriff ich, was das Alter war – das Alter, das von allen Wirklichkeiten vielleicht diejenige ist, von der wir im Leben am längsten eine rein abstrakte Vorstellung behalten, während wir auf den Kalender blicken, unsere Briefe datieren und sehen, wie unsere Freunde, die Kinder unserer Freunde, sich verheiraten, ohne daß wir – sei es aus Furcht, sei es aus Trägheit – begreifen, was das bedeutet, bis der Tag erscheint, an dem wir eine unbekannte Silhouette bemerken wie die des Monsieur d’Argencourt, die uns lehrt, daß wir in einer neuen Welt leben; bis zu dem Tage, an dem der Enkel einer unserer Freundinnen, ein junger Mann, den wir instintiv als Kameraden behandeln, lächelt, als ob wir uns über ihn lustig machen wollten, da wir ihm wie ein Großvater vorgekommen sind; ebenso begriff ich nun, was der Tod, die Liebe, die Freuden des Geistes, die Nützlichkeit des Schmerzes, die Berufung und alle diese Dinge bedeuteten. Denn, wenn auch die Namen für mich an Individualität verloren hatten, offenbarten die Wörter mir doch ihren vollen Sinn. Die Schönheit der Bilder

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1) Jeweils mit Bezug auf „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.“ Proust, Marcel (19841)):

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wohnt hinter den Dingen, die der Ideen vor ihnen, so daß die erste aufhört, uns in Erstaunen zu setzen, wenn wir zu den Dingen vorgedrungen sind, während man die zweite erst begreift, wenn man die Dinge hinter sich gelassen hat (Proust 19841), Anmerkung, S. 347).

   Altersteilzeit. – Die Zubereitung einer wirklich guten Mahlzeit sollte viel, manchmal weniger Zeit in Anspruch nehmen. Die Zeit ist dann wie ein leicht wehender Wind, der uns Erwartungsvollen die Düfte in die Nase trägt. Das gute Essen zugleich genießen ist eine große Errungenschaft der Zivilisation, vielleicht wäre es die allergrößte einmal, die selten oder niemals wirklich gelingt, weil Gemeinschaft oft fehlt – die Tischgemeinschaft. Der Einsame sitzt am Tisch und kaut stumm vor sich hin – das kann mir ein ebenso großer Jammer sein, wie die geblähten Bäuche des Hungers nicht einmal sehr fern. Ganz wie beim Lesen ist es beim Essen nicht. Vielleicht ist das weite und schöne Bewußtsein beim Umgang mit Büchern, insbesondere beim Lesen entstanden, das Gefühl der Einsamkeit allein beim Essen, eben in dieser Altersteilzeit … in die wir uns wissentlich lavriert haben, weil wir, wie die Welt es braucht, einst energischen Widerstand versucht haben.

    Erkenntnis oder satter Bauch? – Natürlich kann der Schlüssel des menschlichen Lebens in der fortwährenden bloßen Ernährung liegen. Die Einfacheit der Ansprüche, die immer dann erschreckend einfach bleiben, wenn/obwohl die nackte Existenz gesichert erscheint, reicht bis in die heutigen Inhalte der Massenmedien und der täglichen Staatspropaganda hinein … Tierfilme und Kochrezepte anstelle politischer Aufklärung! Die volksnahe (nicht volkstümliche) Mystifikation von Traditionen, deren Wurzeln freilich weit in den archaischen Anfängen des menschlichen Daseins liegen, sind eng mit den traditionellen und bewährten Lebensmitteln verknüpft, die allererste Grundlage für Kultur, Zivilisation und Klassenunterschiede waren. So beispielsweise Getreide wie Mais, Hirse, Reis oder Weizen, ganz also auch das Öl der Oliven. Muß gar immer das weiche Kissen, die warme Brust der Geliebten, die ganze inszenierte arkadische Landschaft zugunsten der Erkenntis aufgegeben werden? Was treibt mich in die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, um einen Sinn zu suchen? Was ist der Lohn für meine einsame Verzweiflung angesichts der nackten Dummheit? Nein, sogar der unerträglichen Ignoranz, der mir unverständlich bleibenden duldsamen Menge?

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Der arme Georg Trakl, in diesem Sinne wohl einer der Unglücklichsten: „Nur dem, der das Glück verachtet, wird Erkenntnis.“ Er hinterließ uns Nachlebenden jene zwei expressionistischen Aphorismen, wobei sich in seinem zweiten derartigen Aphorismus zugleich eine Antwort auf die Frage verbirgt, die aus diesem verheißungsvollen Zustand sich ableitet – seine idealistische Sehweise in knappester Form, die im dichterischen Sinne kaum hoffnungsvoller, menschlicher und größer sein kann: „Gefühl in den Augenblicken totenähnlichen Seins: Alle Menschen sind der Liebe wert. Erwachend fühlst du die Bitternis der Welt; darin ist alle deine ungelöste Schuld; dein Gedicht eine unvollkommene Sühne.“ Hölderlins Haßgesang gegen dieses deutsche Sein?

Der weiße Magier. – So könnten denn auch längst verflogene Gefühle und Ideen, überhaupt das Lebensalter eines Individuums in die all-wissende Rinde unseres südlichen Ölbaumes eingehen; ein schöner Gedanke, daß der Geist des bewußt Lebendigen auf der Spur des Cro-Magnon-Menschen zurückwandert. „[…]Schaudernd unter herbstli-chen Sternen/Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.“ Georg Trakl. In ein altes Stammbuch. Oder: In den Nachmittag geflüstert: […] „Sterbeklänge von Metall;/ Und ein weißes Tier bricht nieder./Brauner Mädchen rauhe Lieder/ Sind verweht im Blätterfall.//Stirne Gottes Farben träumt,/Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel./Schatten drehen sich am Hügel/Von Verwesung schwarz umsäumt […]. Aber, in einem seinem verehrten Freund Karl Kraus zugeeigneten Psalm weissagt Trakl am Ende jener prägnanten Abstraktion der Zivilisation: […] In seinem Grab spielt der weiße Magier mit seinen/Schlangen.// Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes/goldene Augen.

Überhaupt sind die überlieferten Eßgewohnheiten bezüglich der Olive und ihres gesunden Öls zunächst eine großklimatische Kategorie, die noch über der abendländischen Blutgier steht. Die gefesselte autonome Seele der westlichen Kultur darf sich trotz der modernen Industrieernährung auch weiterhin in unmenschlichen Kriegen entfesseln.

     Mitleid ist hier fehl am Platze, längst gelten andere Wachstumsbedingungen. Eine andere ehemals ehrwürdige Kategorie ist längst ins Bordell eingezogen, und je mehr eine Wissenschaft vorgibt sich mit den Belangen der Menschen zu beschäftigen, umso mehr entfremdet sich ihr Portemonnaie und ihre Fachsprache vom ursprünglichen Objekt, der Suche nach allgemein gültigen Wahrheiten. […]

[Text nicht fortgeführt]

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Blubo-Strategen. – Die heiligen uralten Bäume, sie zerbrechen endlich und entlarven sich als fauliges Balsaholz, die Philosophien, nichts als Lug und Trug und Weihrauch für die herrschenden Obristen und ihre Choräle. Die wimmelnden Massen … endlich ist auch Martin Heidegger zu dem geworden, was er immer schon war: ein letzter einsamer Leuchtturm des Nazi-Seins1), und im Dunklen bleibt die Erleuchtung seiner erbärmlichen Schwarzwaldhütte mit seinen schwarzen Büchern.

Die heilig gesproche Seinsvergessenheit eines professionellen Schamanen – nichts mehr ist das als ein schnöder langwieriger Propagandatrick, die benutzte Person immerhin kein Müllkutscher aber ein sich selbst wissender, sich immerzu windender, sich nie klar bekennender, ein wahrhaft feiger Charakter. (10.03.2015)

     Dann die vollkommen baumlosen Eilande unter den milden atlantischen Stürmen. Hier in diesem wilden Wetter zu leben, bedeutet der Natur zu gehorchen, nach Sir Francis Bacon wohl der einzige Weg sie auch zu erobern. Romantische Rückbesinnungen an‘s erfolgreiche Morden an medienwirksamen Jahrestagen von fast vergessenem Völkermorden und den Umweltzerstörungen. Armenien: Millionen, Indien: Millionen, Vietnam: Millionen …

     Wie wird eigentlich der Appellplatz von Buchenwald unkrautfrei gehalten? Durch ROUND UP! auch Glyphosat2) genannt, welches resistente Genpflanzen erfordert. Nach der Armenien-Rede des Bundespräsidenten sind die Türken stinksauer. No worries, wir restaurieren ihnen dafür die Bagdadbahn, liefern auch Waffen gegen die bösen Kurden und schweigen nochmals 100 JAHRE. … hat Bayer-Desowag nicht supergut am Napalm und Agent Orange verdient, wer noch?

Mit Ölbaumromantik verwurzelt ist ihr legendäres, oft biblisches Alter. Die touristische Glorifizierung der Olivenbäume scheint ihnen einen besonderen Charakter zu verleihen, der den amor fati geradezu in eine von Gott gewollte Euphorie knorrigweiser Würde verwandelt. Sein eigenes Schicksal zu lieben, heißt zu allerletzt auch die unerbittlichen, gnadenlosen Tatsachen der Realität zu ertragen, der Wahrheit in der Wirklichkeit zu vertrauen, wenn man denn diese ergründen

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1)  vgl. Schneeberger, Guido (1962): N.N. … über Martin Heidegger (als Nazi?). Selbstverlag, Schweiz.

2) vgl. Arte-TV, 31.März 2015 Tote Tiere – Kranke Menschen. Dolumentation

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möchte. Adorno spekuliert, daß wegen der Hoffnung auf Wahrheit die Seligkeit aus einer fixen Idee heraus ins Irrenhaus verweist. So kann der Ursprung liebevoller Akzeptanz des eigenen abstrus widerwärtigen Schicksals letztlich aus feudaler Sklaven- und Fronarbeit modernster Lohnarbeit, KZ, Archipel Gulak und US-Jail (für die NEGER des Liberalismus) hergeleitet werden. Der allergrößte Teil der mitleidswürdigen Flüchtlinge, die wegen der abendländisch-kristlichen Grenzen Europas ganz ohne Menschenwürde ertrinken, ersticken, verdursten und verhungern, nennen ihr amor fati bei letzter Gelegenheit Kismet, denn ihnen sind andersartige Letzte Ölungen vertraut.

Globale Baumgrenzen müssen geschützt werden.– „Die Sachlichkeit zwischen den Menschen, die mit dem idiologischen Zierat zwischen ihnen aufräumt, ist selber bereits zur Idiologie geworden dafür, die Menschen als Sachen zu behandeln.“ (Adorno 1969, Minima Moralia, Struwwelpeter)

      Karl Kraus tat recht daran, sein Stück „Die letzten Tage der Menschheit“ zu nennen. Was heute geschieht, müßte „Nach Weltuntergang“ heißen. (Adorno 1969, Minima Moralia, Weit vom Schuß).

     Wo geholzt wird, verenden die Bäume. Gefühlt ein fortwährendes, inneres Bild zionistischer Holzfäller, die palästinesische Olivenbäume fällen und verbrennen. Tief in unserem Inneren haben wir weiterhin ein archaisches Empfinden. „Die alte Übertreibung skeptischer Lieberaler, der Krieg sei ein Geschäft, hat sich erfüllt: die Staatsmacht hat selbst den Schein der Unabhängigkeit vom partikularen Profitinteresse aufgegeben und stellt sich wie stets schon real, nun auch idiologisch in dessen Dienst. Jeder lobende Erwähnung der Hauptfirma in der Städtezerstörung hilft ihr den guten Namen machen, um dessentwillen ihr dann die besten Aufträge beim Wiederaufbau zufallen.“ (Adorno ebenda). Die Entsetzlichkeit organisierter Menschenvernichtung wird zwischen Bankkonto und Technischem Fortschritt verbucht. Drohnen sind momentan die bequemste Option, der Meister aus Deutschland wird international preiswerter: „Wie der Faschismus selber sind die Robots lanciert zugleich und subjektlos. Wie jener vereinen sie die äußerste technische Perfektion mit vollkommener Blindheit. Wie jener erregen sie das tödlichste Entsetzen und sind ganz vergeblich. – „Ich habe den Weltgeist gesehen, nicht zu Pferde, aber auf den Flügeln und ohne Kopf, und das widerlegt zugleich Hegels Geschichtsphilosophie.“ (Adorno 1969, Minima Moralia, Weit vom Schuß)

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Roots – die jüdischen Wurzeln

(… von Kafka zu Buber)

Martin Buber und Gustav Landauer waren für einige Jahre befreundet. Die Buber’sche Beziehungstheorie mündet als ordentliche Dialogphilosophie in das halbsalinare Ästuar der Staatskritik. Alles an impliziertem Anarchismus jedoch dient zugleich einer idiologisch formulierten Kibbuz-Romantik, die dazu auch noch erstaunlich gut funktioniert. Da erfüllt sich die Utopie vorweg : Alle Beziehung ist Begegnung. (Deshalb stets viel Staatsknete für jeweilige internationale, politisch gewollte „Begegnungen“ von Jung und Alt!?). Martin Buber stirbt 1965 in Jerusalem, im Land der Erfüllung womöglich . . . Ich wünsche mir eine Städtepartnerschaft mit Prag (bitte ohne McDonalds) oder dem istrischen Pula, weil Paris zwar größer erscheint, am Ende weder mit Buber oder mit Kafka etwas gemein hat. Pirmasens, Passau oder Padua? Aber gab es dort auch Juden? In Pamir?

[…]

Abb.: Martin Buber als älterer Mann (?) vgl Titel Band 17

[Text nicht fortgeführt]

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1) Buber, Martin (1953): Muckensturm – als bibliographischer Text … gemeint ist hier der Ort Heppenheim an der Bergstraße, wo Buber lange lebte … bei booklooker 24.- bis 35.- Euro gebraucht …

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 „Aber alle meine Texte erzählen eine Begegnung zwischen zwei Männern. Das ist mir erst jetzt klar. Das hat etwas mit meinem Leben zu tun.“ 1)

Alte Geschichten. – Immer wieder neu gestaltet: die Märchen der Gebrüder Grimm, das ließe man noch angehen. Tatsächlich, es sind Konzernverlage, Profitinstitutionen, Konkordatskonfessionen; was sich da „Verlag“ nennt, nichts als rudimentäre Bildungspolitik im Sumpf der Globalisierung. Zuletzt geschwemmt in die Areale der Sinnlosigkeit von Bestsellerströmen, weil das faulige Fruchtwasser des f®uchtbaren Geldes, ganz wie gewöhnliches Wasser, den weiterhin schrecklichen Erstickungstod verursacht, auch warmer Dauerregen der Außenpolitik des Hollywoodkontinents. Ertrinken – ein furchtbarer Tod, ähnlich dem Fegefeuer oder dem Bauchschuß – wohlfeil erhältlich mit monatlicher ARD-Gebühr. Ist doch ganz lustig, was aus der ersten Rundfunkgebühr der Nazis geworden ist: eine allgemeine Haushaltsabgabe, ob ich sehe, höre oder rieche, das ist egal, denn Verweigerer müssen endlich auch bezahlen . . . Bezahlen? An wen?

   Die Gier der Menschen ist alttestamentarisch belegt. Da haben clevere Verleger einen echten Bestseller auf den Markt gebracht. The Holy Bible … Die neutestamentarischen Heilsgeschichten zu leugnen, das ist Privileg der Andersgläubigen, natürlich auch der Nichtgläubigen. Dennoch hat die Wall-Street dichtgemacht, das eigentliche Geschäft machen heute längst die Algorhythmen im Nanosekundentakt … „ALS DU FORTGINGST, MEIN WOLFGANG, kam der Ischariot heimlich herbeigeschlichen./Auf Deinen Abendmahltisch warf er die Silberlinge./Jetzt liegen sie neben Deinem Brot./Es vollzieht sich oft die schrecklichste Mahlzeit: Viele stecken die Silberlinge in den Mund. Sie erbrechen die metallne Speise, werden krank daran und sterben./Und trotzdem der Hinzukommende sah, wie grausam der Silberlingesser starb, greift er nach der gleichen Speise und verendet./ Dann werfen sich die Jünger den Hinzukommenden vor die Füße und betteln um deren Leben, sie mögen Dein Brot den Silberlingen vorziehen.“ […]     Günter Bruno Fuchs. Der verratene Messias. Essay um den deutschen nichtjüdischen Dichter Wolfgang Borchert.

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1) George Tabori. „Ich war immer müde“, Die Zeit, 22, 19. Mai 2004.

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Den Judas würdigen. – Längst könnte überlegt werden, daß ohne den verratenen Jesus, jedenfalls nicht im biblischen Sinne, eine Inhaftierung, eine Kreuzigung nicht stattgefunden hätte, daraus also keine Heilslehre in die Welt gebracht worden wäre … ach, kein Völkermord im Namen des heiligen KREUZES, keine Sachsenkriege, keine Kreuzzüge, kein Kinderarsch wäre je heute von Priestern bedroht . . . Überhaupt ist dieser Judas ein wirklich aufrichtiger Mensch gewesen, vielleicht der wahrhaft verstehende Jünger, nehmen wir in Anspruch, daß die gesamte Lehre dieses Jesus von Nazareth nichts anderes ausdrückte, als eben diesen dramatischen Ausgang.

Ischariot = Das ist der (Spreng-) Stoff, aus dem künftige Geschichten gemacht werden. Ein perfektes Plot mit einem offenen Ende, als sei‘s ein angeblich anspruchsvoller, ewiger Hollywoodfilm . . . Aber . . . als ein immer aktueller Kulturbeitrag. Zitterpartie . . .

Short List und Literaturpreise. – So wundert es mich nicht, daß Plato vormals den schöpferischen Geist zu vermischen begann. Dennoch ist es bis Hollywood mit seinen McCarthy-Gesängen ein logischer Weg, und der Dollar ist GRÜN, ausgezeichnet für seine üppige Vielgestaltigkeit, besonders in den Elendsquartieren seiner verschwiegenen Substanzen . . . Wenn nun ein Mann, der infolge seiner Kunst1) Vielfältiges leisten und allerlei nachbildend darstellen könnte, in unsern Staat käme, um uns seine Gedichte vorzutragen, würden wir ihn vielleicht auf den Knieen als eine Gottgeweihten und Freudenspender verehren, aber wir müßten ihm bedeuten: in dieser Stadt, unter uns gebe es keine solchen Männer und sie dürften unter uns auch nicht Fuß fassen. Wir würden sein Haupt mit Myrrhen salben und mit der Wollkrone schmücken, aber ihn selbst in eine andere Stadt senden. Plato

     Die Bösartigkeit menschlicher Gier gerät in Vergessenheit. In jener speziellen Erinnerung wird das Tausendjährige Reich als bloße Geld

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1) Moderne Kunst als die Gigantische Reflektion der gesellschaftlichen Überfluss-Realität: Totale Verarschung ist angesagt ! Im November 2014 eröffnete die Ausstellung … im Centre Pompidou in Paris: der Künstler …. mit dem Luftballon-Gummihund für 60 Millionen Euro (sic?) „… die vielfältigen Perspektiven des menschlichen Daseins spiegeln sich je nach der Position des Betrachtes in dem glänzenden Gummi …“ (Arte-Nachrichten 26.11.14). Nach dem Motto: Das kann doch jedes Kind!

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angelegenheit selbstverständlich für immer existieren. Es macht wirklich keinen Unterschied, ob heute menschenverachtende Konzernpolitik tötet oder Waffen; nehmen wir bloß einmal Nestlé mit frech gestohlenem und auf kleine Flaschen gefüllten Grundwasser (Pure Life!), teuer verkäuflich in den Slums allerärmster Menschen.

Wenn man nun deutscher Geschichte folgt, so ist sie bereits sehr früh europäische Geschichte. Immerzu interessant und augenscheinlich, weshalb akut über hundert Jahre die jüdischen Wurzeln, besonders in der Bankenmetropole Frankfurt am Main (!) geleugnet, bekämpft, eliminiert, totgeschwiegen, heimlich etabliert, gedultet, gefürchtet und dennoch in jeder Hinsicht beweihräuchert werden, wo in Brüssel längst ein separates Parlament regiert. Obwohl: in den Medien ist eine erstaunliche Vielfalt von Themen zu vermelden, die auf vielfältige alltägliche Art Schicksal und Kultur der Juden in Deutschland erinnern. Wenn ein Proporz herrscht, so herrscht er in der Mitherausgabe beider Kristlichen Kirchen, wenn es um Sendezeiten und Erinnerung an mehr oder weniger Relevantes geht. Dermaßen deutsch verhält sich Österreich in solcher Angelegenheiten: Vor der allein vom lieben Gott gewollten Zeitumstellung erinnerte Servus-TV: „… und die Uhr heuer wieder eine Stunde vorstellen, damit Sie morgen am Sonntag nicht zu spät zur Kirche gelangen.“

Oskars und goldene Bären. – Bei früheren Nazioffizieren und Bundeswehrkarrieren würde man sagen, die sind in den Kaderschmieden in Sonthofen/Allgäu oder Glückstadt/Elbe ausgebildet worden, bei EU-Politikern und Euro-Bankern wird heute Goldman % Sachs herhalten müssen. Dragi und Konsorten (!) gelten bereits als S…, ganz wie ein fettgewordener Marlon Brando, einst als Synonym für den Paten.

Beizeiten ermahnt uns Hans Mayer, daß Marxisten, Faschisten und Liberale Protagonisten des Antizionismus sind. Wie recht er hatte: er hat gar die drittklassigen Intellektuellen vergessen, die den völkermordenden, ungerechten Staat Israel kritisieren, nicht den jüdischen Menschen anders betrachten, als eben solche, die unter ihrem Staat moralische Not leiden müssen (u. a. blutiges Libanongewissen; perfekt inszenierter Genozid an palästinensischen Menschen). Irgendwas versucht sich zu rächen, was einem Vergleich nützt. Das doppelte Außenseitertum der Rosa Luxemburg könnte stellvertretend für die Forderung nach Vernunft sein, nämlich den großartigen Beitrag jüdischer Menschen in Politik, Wissenschaft und Kultur zu würdigen, als einen wahrhaft menschlichen eben.                                                           […]

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 „Tatsachen und Illusionen“ eines amerikanischen Juden. – Der wegen der Naziherrschaft noch rechtzeitig aus der „Frankfurter Schule“ emigrierte jüdische Soziologe Erich Fromm, längstens von mir als eine Art Mentor verehrt – weil für mich wegen seines „materialistischen“ Ansatzes weiterhin basishaft für‘s Verständnis der kapitalistischen Herrschaftsstruktur – hat sich hinsichtlich der in Machtblöcken zerlegten Weltsicht schon sehr bald [und dieses als ein studierter Marxist! hört, hört!] eindeutig auf die Seite des absehbaren US-Imperialismus geschlagen. Immerhin: „Viele frühere Nazis befinden sich noch immer in hohen Regierungspositionen. (Dr. Globke, ein hoher Zivilbeamter unter Hitler und Verfasser des wichtigsten Kommentars zu Hitlers Rassengesetzen, ist Chef von Adenauers Kanzleramt).“ Fromm bemerkt dann beiläufig, daß der sozialdemokratische Willy Brandt in der BRD wegen seiner Emigration verleumdet wird, er sei kein loyaler Patriot, höhne es aus den rechten Reihen. Wie gern sähe ich bei Erich Fromm an dieser Stelle wenigstens den kurzen Hinweis, daß sich Kanzler Konrad Adenauer als separatistischer Politiker den Amerikaner gegenüber unterwürfig zeigt, die Teilung Deutschlands mittels Gründung einer BRD und Einführung der amerikanischen DM ebenfalls konkret unterstützt und sich als Nichtemigrant in der Nazizeit wenigstens unter deutschkatholischen Nonnenröcken, fast patriotisch, in einem Kloster versteckt hat. Zum deutschen Wirtschaftswunder, ohne dieses explizit beim Namen zu nennen, bemerkt Fromm warnend, daß ein in Westeuropa dominierendes Deutschland stärker als je zuvor wäre. „Es ist kaum verwunderlich, daß die Russen diese Entwicklung mit Argwohn beobachten und sich durch sie bedroht fühlen. Erstaunlich ist, daß Großbritannien und die Vereinigten Staaten offenbar keinen Verdacht [sic!] schöpfen. In beiden Länder hat die Angst vor Rußland die Angst vor einem neuen machtvollen Deutschland eliminiert, das sich genausogut gegen den Westen wie gegen den Osten wenden könnte.“1)

    Ich halte diese, erst 1981 (!) bei der DVA in deutscher Übersetzung verlegten Bemerkung, immerhin zwanzig Jahre nach Ersterscheinen in New York, für bemerkenswert, zumal nach marxistischer Auffassung jeglicher geschaffene Mehrwert aus menschlicher Arbeit besteht.

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1)   Ende Kapitel: Problem Deutschland. In: Fromm, Erich (1961): Es geht um den Menschen. Tatsachen und Illusionen in der Außenpolitik. New York 1961. 238 pp., S. 145.

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Nichts diabolisches kommt beim ausgebeuteten Fleiß der einfachen Menschen dazu, es sei denn man warnte zugleich vor der (heimlich!) agierenden tödlich Gier des turbokapitalistischen deutsch-amerikanischen Geschäftsmodells (TTIP), immerhin bis heute mit reichlich Zuwendungen an den zionistisch-militaristischen Wirtschaftswunderstaat Israel ausgestattet (Wiedergutmachungspauschale, plus Aufbau-Ost), koste es, was es wolle. Ganz offensichtlich hat sich die Jaffa-Kisten-Romantik der aus Krieg und Gefangenschaft Heimgekehrten Nazisoldaten zumindest auf deren ENKEL in den Vorstandsetagen vererbt.

    „Viele frühere Nazis befinden sich noch immer in hohen Regierungspositionen. (Dr. Globke, ein hoher Zivilbeamter unter Hitler und Verfasser des wichtigsten Kommentars zu Hitlers Rassengesetzen, ist Chef von Adenauers Kanzleramt).“ Fromm, Erich (1961)

    Im Anhang zu einer Dokumentation: „Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes“: vom späteren BRD-Staatssekretär Globke kommentiert, es sah die Einlieferung von „erbkranken“ und unheilbaren Personen in Anstalten vor. 1939 befahl die Reichsregierung die Ermordung dieser Kranken. Dieses „Euthanasie-Programm“ wurde bis 1941 durchgeführt, dann aber aufgrund von Protesten der Kirchen eingestellt. Was den angeblichen (?) Protest der kristlichen Kirchen angeht1), so sei hier vorsichtig bemerkt, daß es sich bei der abscheulichen Euthanasie (z.B. in Hadamar bei Limburg) weitgehend um nichtjüdisches Klientel handelte, der wenig energisch vorgebrachte Protest somit Christenmenschen wenn auch erbkranke Arier innerhalb der geschickt an die Naziidiologie angepaßten protestantischen Blut- und Bodentheologie2) betraf.                        [Text nicht fortgeführt]

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1) vgl. Köhler, Jochen. Klettern in der Großstadt. Geschichten vom Überleben zwischen 1933-1945. Wagenbachs Taschenbücher. Berlin, 1981)

2) In evangelisch-protestantischer Sprachregelung in religiöser (lutherischer) Anlehnung an die rassistische, eher agrarpolitische Blut-und-Boden-Idiologie BLUBO genannt. So gab es bei kirchlichen Eheschließungen ein Neues Testament vom Pfarrer mit Sinnspruch sowie Mein Kampf in Leinen mit Widmung vom gleichgeschalteten Standesamt. Blubo-Literatur: z.B. Hermann Claudius: in SPD Zeiten entstanden: Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ oder Mit uns zieht die neue Zeit (1914/15). Dieses Lied wird gern bei SPD-Parteitagen gesungen. Ein Weihnachtslied von 1939 steht als Nr. 52 im Evangelischen Gesangbuch; Im Liederbuch der Bundeswehr von Anfang an (1958) neben anderen NS-Dichtern auch einige von Claudius (... „Ja, wir sind die Herren der Welt!“).

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Nachts schlafen die Ratten nicht1)

„Ach, wir/Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/Konnten selber nicht freundlich sein.“

                                                   Bertolt Brecht

Wenn dieses Land endlich wieder eine Trümmerlandschaft wäre. Leichengeruch aus den Kellern … Schwamm drüber als sei nichts gewesen. Obwohl man nicht optimal versorgt ist, sollte man sich eine Phrase Pessimismus leisten. Die allerschönste Wiederaufbaustadt ist Pforzheim, so ekelhaft kalt, so glatt und leer, daß meine Erinnerung vor lauter Übertreibung überschäumt. Doch alle unsere Innenstädte sind ekelhaft kalt. Besonders die kleinen, die, in denen es noch vor dreißig Jahren wirklich gemütlich war. Allgemein gilt: Überall Banken, doch nirgendwo eine Bank, nirgends ein kostenloser Sitzplatz. Abends werden die Parkplätze bei Aldi, bei Lidl, bei Rewe abgeschlossen. Die Laternen brennen die ganze Nacht. Auf den Parkplätzen knacken die Motoren beim Erkalten. Die Städte sind hell. Die Ratten lieben die Dunkelheit, sie wissen warum.

    In der Rückbesinnung habe ich mein Leben nicht nur mit vergeblicher Sinnsuche zugleich auch mit unnützer Zerknirschtheit und Menschenfeindlichkeit vergeudet. Immer dann wenn der Haß, die Hilflosigkeit gegenüber den Zuständen unerträglich schien, habe ich die Beschäftigung mit unnützen Sachen auf die Spitze getrieben. Mir schien nur eines wichtig, daß mein Schaffen und Denken in keiner Weise den bestehenden Zustand noch verschärfen könnte. Konsumverzicht trifft es wohl am besten. Das hat sich zuletzt auch auf den Umgang mit anderen (normalen) Menschen bezogen. Heute bin ich allein. Ich fühle mich wie in einer Schrottpresse, an guten Tagen bloß unter einem grauen Pappkarton, den mir als seine gewöhnliche Behausung einst der alkoholkranke Genosse Egon beschrieben hatte. Ich hätte die Menschen mit kristlicher Verlogenheit lieben müssen, zumindest aus der agnostischen Freiheit heraus, wenigsten etwas mehr, als es mich meine (zahlreichen) berühmten Vorbilder gelehrt haben: Die schmutzigen Hände und der einsame Parteisekretär Höderer als Sartre-Figur.

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1) Titel vgl. Wolfgang Borchert(1949): Das Gesamtwerk … Nachts schlafen die Ratten doch. Rowohlt Verlag, Hamburg 1959.

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Es ist eine hervorragende Struktur der derartig organisierten Menschheit böse zu sein, sich gegenseitig zu übervorteilen und schmählichst bis aufs Blut zu bekämpfen. Die Kästlein und Register, Eliminierung mittels Profit – Hinaus! „Man mag den Hintern noch so schminken wie man will, ein ordentliches Gesicht wird nicht daraus“, die verschiedenes Vokabular erfinden, Kulturgruppen, Nationalstaaten oder heutzutage die Megakonzerne – Alles läuft am Ende auf eine … ,

sagt Georg Christoph Lichtenberg. Wir trauten den Politikern und Wirtschaftsführern seit jeher nicht weiter, als ein Schwein scheißt, dennoch sind sie mit uns Schlitten gefahren. Vielleicht beginnen wir wieder einmal uns ein wenig zu wehren. Wahrscheinlich lassen wir es wieder einmal bleiben. Dabei ermorden sie uns trotz hochgehobener Hände, und gerade die Hilflosen bekommen die allerschrecklichsten Namen. Wir sind für diese Welt zu weich. „Irgend etwas muß derb und grob sein am Menschen: sonst geht er auf eine lächerliche Weise zugrunde“, sagt Friedrich Nietzsche in meinem realen Traumland.

    Was kann man gegen diese Nachtgedanken machen? Geile Lust und Radikalität mischen sich bestenfalls im letzten Traum, immer dann wenn wir aufzuwachen beginnen. So viele gute Vorsätze werden kurz vor dem Aufstehen gefaßt. Es existiert kein Gesetz, daß man nicht auf die Schloßtreppe sch …… soll! Das ist von Goethe. So deutet fast jegliche niedrige oder höher entwickelte Sicht auf die Welt auf eine niedrig oder höher entwickelte Unzufriedenheit mit den beschissenen Vorgängen. Makaber erscheint es dem Unbedarften, daß brutal Niedergedrücktes umso mehr Grund als das Erhöhte hätte, radikale Opposition und unzufrieden zu sein. Ich würde zu keiner anderen Gruppe weniger gern gehören als zu der der Unzufriedenen. Das ist wohl von Brecht. So mag die Nacht Sumpf und Schatztruhe aufmüpfiger Gedanken sein, auch löchriger Korb der guten Vorsätze, während schwarzer Kot von den Dächern tropft … klingt nach Trakl.

Vom Zwiebelschälen. – Unseren Seelen wurden von anfang an die üblichen Wunden zugefügt. Bis zuletzt eiternde Schmähungen, die sich längst nicht mehr ohne Narben verheilen. Immerzu schneidet man sich genau dort in die Finger, wo es am meisten hinderlich ist. Wie die Brotscheibe beim Frühstück, die ihrem eigenen Fallgesetz folgt, und immer auf die Marmeladenseite fällt. Sogar Gestein zerbricht nach seinem tektonischen, nach seinem kristallinen Muster, umso mehr die

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Kinderseelen, oder die Jugend, voller Begeisterung schlug ihr Herz für stets verlorene Revolutionen. In der Strategie der „wehrhaften Demokratie“ ist die wahre Freiheit der Körper und erst recht der Seelen keinesfalls vorgesehen. Die Kohorten der Polizei machten sich ans „Zwiebelschälen“ nachdem sie die Demonstranten eingekreist und in „Kesseln“ zusammengepfercht hatten (sic). Immer feste druff! Was noch zuckt, in die Wanne werfen. Korrekt verhaftet wird später – vielleicht. Mit Kesseln haben deutsche Strategen viel Erfahrung, der von Bialystok, der von Stalingrad. Kesselring – nach Noske und Kiesinger der perfekte Name für Generäle oder den künftigen Kanzler einer Bananenrepublik, in der die elektrische erkennungsdienstliche Behandlung längst patentiert ist. Wer öffentliche Verantwortung trägt und dabei kerzengerade geht, macht sich verdächtig.

Volksentscheid, nein danke! – Wie lächerlich die winzige Flamme der Gerechtigkeit im Sturm des Neoliberalismus. Neulich am Stammtisch:

    Flamin: „Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche Sklaven, und Europäer Neger? – Muß nicht immer das Glück des Ganzen auf einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Ackerbau widmen muß, damit ein anderer dem Wissen obliege?“

    Kato der Ältere: „Dann spei‘ ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin.“

    Balthasar: „Besser ists, das Ganze leidet freiwillig eines einzigen Gliedes wegen, als daß dieses wider seine gerechte Stimme für das ganze Leide.“

    Matthieu: „Fiat justitia et pereat mundus.“

    Victor: „Auf deutsch: das größte physische Übel muß man vorziehen dem kleinsten moralischen, der kleinsten Ungerechtigkeit.“

                                                                            Jean Paul. Hesperus.

Der Genius und das Daunenbett. – Nein, die Ratten schlafen nachts nicht, und niemals hat sich Kierkegaard mit dieser Art von Ratten beschäftigt. Er hätte vielleicht vor lauter Angst vor diesem Viehzeugs seine spitzen Fingerchen gereckt und „I…Gitt!“ auf Dänisch geschrien. Sören war von Anfang an so etwas wie ein Schwächling. Obwohl, er war dafür ein kluger Mann. „Meine Zeit teile ich folgendermaßen ein: die halbe Zeit schlafe ich, die andre halbe träume ich. Wenn ich schlafe, träume ich nie; es wäre Sünde, denn schlafen ist die höchste Genialität.“ Ganz anders empfindet dagegen schnippisch Lichtenberg. (Er) „weiß aus unleugbarer Erfahrung, daß Träume zur Selbsterkenntnis

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führen. Alle Empfindung, die von der Vernunft nicht gedeutet wird, ist stärker.“

    Aber wir, so wir denn nicht von den Ratten zu träumen imstande sind, so fressen sie unsere Vorräte leer. Nicht ohne Grund verflüchtigt sich aller Reichtum der meisten auf seltsam heimliche Weise, vermutlich des nachts, wenn sich die Erde auf die andere Seite gedreht hat. Sogar die Imagination eines gewaltigen kommen Tages nützt hier wenig [Das war die rote Sonne im Osten]. Die höchst Unzufriedenen, die kabarettistisch Gebildeten, die Leser, die an Enttäuschung eisern Gewachsenen, die gesamte Gattung Homo kuschelrock, alle die werden nach erquickendem Nachtschlaf in einen frischen Morgen hineingeboren. Ein paar Marktfrauen fangen sich ein Lächeln ein, ich war zu dieser Zeit in den Bauch der Städte gekrochen und beim Herauskriechen meist noch besoffen. Ach, bei Johanna Walser, das ist nämlich auch so eine, steht bei dieser Geburt im Morgengrauen noch ein Glas herum, und der Wein darin ist lichtsauer […] Von dem Nest ist nur noch ein Kissengewühl übrig, die Decke liegt schwer und schlapp, in dem weißen Licht haben Nester keinen Sinn mehr. Sie sind kalt und ihre Schlupfwinkel ausgeleuchtet. Johanna Walser, vor dem Leben stehend.

Teach Your Children. – Wir, die wir beizeiten Trost in den Wäldern suchten, malten uns bunt an. Junge Gesichter unter langen Haaren, wie bei weichbärtigen Frontsoldaten wurde eine stummelige Zigarette im Kreis herumgereicht … Trotz der fröhlichen Musik herrschte irgendwie Endzeitstimmung … Die Erde regierte der Wassermann und Napalmaktien stanken in den violetten Himmel …

Villons Herberge

Mond, weiße Krähe, gib die Hand.

Mach dich auf,

setz dein Federherz in Brand.

Klau

fürs Stundenglas

den Sand.

Küß die Lippen Schnee und Blut.

Ratten,

dieser Tag und ich,

Rattenbrüder

schlafen gut.                        (Fuchs, 1967)

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Taxifahrten. – In den Nächten, in denen ich auf‘m Gummi saß, die Stadt im hartzeichnenden Kunstlicht, regenüberstäubte Asphaltschwärze sickerte in die Augen, dieses Schweben in die Müdigkeit des grauen Morgens, in dem die Lichter verblaßten und sich in Rinnsteinen mischten, eregierte proletarischen Bedürfnisse oft sogar bohèmienartige Arroganz, da kommt die Erinnerung an einen Morgen, an dem die Sonne riesig rot über‘m Hafen auf‘m Wedding stand.

Westhafen

Der Kran

hat sich in die nächtliche Halde

verliebt. Mit seiner einzigen/langausgestreckten

Hand wischt er/die Sorgen/seiner Geliebten

vom Horizont.                (Fuchs, 1967)

Raucherlunge in Rehabilitation. – Dann in Erwartung der feuchten, der kalten dunklen Nebeltage. Die nächtlichen Gedanken quälen, und ihr positivstes Muster dient dabei zugleich der Erkenntnis, daß sie dem Tode bloß vorauseilen, er also noch nicht wirklich da ist. Ich würde in dieser Euphorie gar eine Zehnerkarte fürs Karusell nehmen. Zugleich ermahnen die gichtigen Finger, der nach Jahren noch auf den Bronchien liegende Schleim, an eine gespenstische Nachbarschaft für die alten Tagen. Er ist gegenwärtig wenn auch verborgen, nichts bleibt mehr, um etwas wieder gut zu machen. Lichtenbergs Einbildungskraft ist gut für einen Schauder über den Rücken, taugt für einen „todernsten Witz“, so ich denn wenigsten grinsen muß: „Er hustete so hohl, daß man in jedem Laut den doppelten Resonanz-Boden Brust und Sarg mitzuhören glaubte.“ (vgl. J599)

Nach Marseille/ In aller Herrgottsfrühe – die Wirtin schlief noch, und wir mochten sie nicht wecken wegen der lumpigen Rechnung und des im Zimmerpreis einbegriffenen „petit déjeuner“ – frühstückten wir „au comtoir“ des nächstbesten, schon offenen Bistro: Bien venu! […] Dieses verfluchte Marseille, für die vor den Nazis geflüchteten Exilanten der Fluchtpunkt ihrer bedrohten Existenz, der fast schon exotische Ausgangsort in die erhoffte und doch dunkelschlündige Zukunft. 1973 nur vierzig Jahre später: Bahnhof von Marseille, nachts, hier prügelten gnadenlose Polizisten auf den ersten Zug zuwartende Bagpacker ein. Nur wenige Tage zuvor, am 11. September (sic), war der blutige CIA-Putsch gegen die linke Regierung Chiles durchgeführt worden.

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Sie aber waren spätnachts, von der afrikanischen Fähre gekommen, wie heimatlos durch Marseille geirrt. Das Schiff hatte wegen eines außerordentlich heftigen Herbsturms vor den Inseln gekreuzt und sich wegen der haushohen Wellen nicht in den Hafen gewagt. Auch in Chile regierten endlich die Faschisten. „Da ist wieder eine Razzia im Gange!“ erzählte uns der Garçon, der sich zu uns setzte []. Achtundzwanzig haben sie bereits geschnappt.“ (Mehring 1979).

    Politische Ökonomie eines Neinsagers. – Auf die in all den Büchern unterschwellig oder vordergründig versprochenen Exzesse habe ich meist nur gewartet – so kommt’s mir vor. Inzwischen kann ich mit Fug und Recht behaupten, daß alles Mögliche in einem subtilen Lebensstil, was nicht unmittelbar oder nachweislich zu einem jungen, zumindest früheren Tode führt, entweder nicht wichtig im Leben ist, oder es wird dermaßen verwässert und mit einem seichten Genuße gestreckt, daß es eher der Tagesordnung eines Mädchenpensionats gleicht, als auch nur eine Rötelzeichnung oder Sepia-Skizze für eine aufregende, für die männliche Erinnerung nachhaltige, Vita abzugeben. Anstatt regelmäßig (anstatt ein wenig einmal da und einmal dort) dermaßen über die Stränge zu schlagen, daß sich daraus ein wahrhaftes Muster für ein sinnvolles, zumindest pauschal erfülltes Künstlerleben ergeben könnte, hatte ich mich schließlich doch an den Vorgaben der fortschrittlichen Bürgerlichkeit orientiert (der bis ins Sporadische führende, zerstrittenen deutschen Linken!), leider auch in denjenen Phasen besten jungmännlichen Kampfgeistes, als ich mich einer der radikalsten neokommunistischen Organisationen anschloß, die das elitäre studentische Spektrum anbot. Das betrachte ich jetzt gleichermaßen in körperlicher wie selbstverständlich auch geistiger Hinsicht. Natürlich geschah es bisweilen, daß die Zeit für den üblich nötigen Schlaf nicht vorhanden war, wir stattdessen einem Laster frönten, was meist leider nie wirklich lange anhielt, um in oben angedeutenem Sinne wirksam zu werden. All die universitären Perspektiven waren bourgeois, längst fernab vom Marsch durch Institutionen. Mein lieber Joyce, kommen Sie Mittwoch Vormittag gegen 11 Uhr (…) ich kann Sie leider nicht bitten, schon vor 11 zu erscheinen; denn ich werde Dienstag Abend lange aus sein, und muß nachschlafen. Hochachtungsvoll, Ihr W. B. Yeats. (S. Joyce, 1975, S. 257) Ja, so geschah es. Die Fähigkeit zum unbürgerlichen Leben mußte zuletzt einsam und mühsam erworben werden. Irgendwann betrieb er nur noch Unnützes – seine Art volkswirtschaftlicher (pseudokeynesianischer) Raffinesse!

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Wir wohnen hier nicht mehr

[…] Gib uns ein Stückchen Brot, wir werden essen, gib uns ein Paar Rabenflügel, wir sagen Adieu! – gib uns den großen doppelstöckigen Furz,

damit wir antworten können, wie sich’s gehört.

                                                          Fuchs. Pennergesang

An einem schwülwarmen Sommertag sind die Väter noch auf der Arbeit. Seit einigen Tagen sind Ferien für die Schulkinder. Die Mutter bringt Großvater das Essen hoch. Die Stufen knarren. Der Junge würde gern ins Schwimmbad fahren und hat sämtliche Reifen bereits aufgepumpt. Es gibt Makkaroni mit eingemachten Zwetschen, dazu wurden in viel Margarine Semmelbrösel angeröstet – danach Geschirrspülen.

„Jetzt sieht alles unheimlich aus hinter der starren Sonne auf den Häuserwänden. Die Häuser sehen ausgehöhlt aus. Jetzt wird einem angenehm schwarz vor den Augen bei der Vorstellung dessen, was im Inneren sich abspielt.1) Die Mittagsruhe, der Weg zum Schwimmbad, ein Bauernhof inmitten der Stadt, die Kirche, an der Zimmerei vorbei … Beerdigungunternehmen firmieren heute als GmbH & Co. KG oder gehen gleich an die Recycling-Börsen.

Die Resignation der Ausgebürgerten. – Allein sich zu verstecken war keine Alternative. Auch das Dunkle der Nacht, das Flüstern im Schlafraum wurde belauscht. Tief in der Nacht strolchten einst konsumgeile Nackte über beleuchte Kaufhausparkplätze. Provokationen bloß!

Das profitable Gemeinwesen wird neoliberal privatisiert, der erbärmliche Rest, gemeinhin das Übliche, die Kosten werden zum Allgemeinwohl, als „… Knotenpunkt eines schwindelerregenden Systems.“ 1)

… noch weiter zurück, der Sandkasten, womöglich von steinernen Platten eingefaßt, er im Knabenschürzchen, plötzlich der arme, kranke Schmetterling, dem er helfen wollte. „Alle Kinder reieiin…kommen!“

In der modernen Klassengesellschaft zu (über)leben gelingt denen am besten, die zu den bildungsfernen Schichten gehören, nicht einkom mensmäßig, eher von der bloßen Erkenntnis her … nicht Dieter Hilde brandt auch nicht Hans Scheibner, dann zu Not dieser spitznäsige        .

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1)  Paul Nizon (1978): vgl. Wenn es am Nachmittag … Aus: Im Hause enden die Geschichten, Suhrkamp, S. 15-18

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Schwabe (.. bäh? äh? jetzetle) mit seinen angepaßten, grinskotzigen, fernsehgerechten Plattheiten. Was bleibt da noch übrig? Wenigstens ein klein wenig Aufklärung, um die mangelhafte Vorschulbildung auszugleichen? Nein. Zum Glück für die herrschende Kompetenz haben sehr viele Menschen noch nicht einmal eine bloße Erkenntnis ihres erbärmlichen Ich mit auf ihren Weg bekommen. Es leidet nicht.

Gestern nach dem Gewitteregen: die Autos fahren mit hoher Geschwindigkeit durch die Pfützen. Es erinnert sich: sind da Fußgänger unterwegs, sind da Läden, große Geschäfte, hier wird doch alles eingekauft … Autos, die in ununterbrochener Folge hin und her rauschen durch die enge Straße, ständig, keine Fußgänger mehr. Jetzt kommen die Panzerwagen mit rasselnden Ketten, die Schaufenster sind mit billigen Brettern vernagelt, der gleiche Tritt der Soldaten, wie eine gewaltige Säge, die hin und her schrappt. Es spekuliert einäugig durch das Astloch im Bretterzaun, diese Veranstaltung ließe sich fast verheimlichen. Der Aufmarsch in eine glorreiche Zukunft, auch du wirst bald zu den Soldaten müssen, verspricht man dem Knaben, und das erscheint ihm schlimmer als ein drohendes Internat zu sein. Die Parade spiegelt sich an den Häuserwänden, leere Schaufenster … ein tragbarer Plattenspieler kratzt aus einem geöffneten Erkerfenster … If you’re goin‘ to San Franzisco … You … You …You

Komisch, der Vater kommt zu Fuß vom Bahnhof hoch, wie jeden Abend einen knappen Kilometer, genau um halb sechs … die Katze erwartet ihn am Gartentor und so braucht man keinen Hund. Sogar bei Spaziergängen und Wanderungen am Sonntag läuft Putzi wie selbstverständlich mit – wenn sie Lust dazu hat. Er weint plötzlich als ihm das einfällt, er weint, auch weil er ein gutes mediterranes Essen wieder so sehr vermißt.

Harry, der werktätige Wohnungsgenosse ist wieder einmal vor dem Fernseher eingeschlafen, gut, daß es das erstarrte Testbild gibt, irgendwann um Mitternacht rauschender Schnee zum Programmende …

Beim Probealarm hält die Moral den Kotzeimer parat. Hat es an diesem heißen Tag geregnet? Die vorhergesagte Abkühlung ist wohlweislich nicht eingetreten. Die ständige Ungewißheit der öffentlichen Berichte. Fragt die Kameltreiber wie das Wetter war, und sie werden berichten. Ein Alarm muß dringend in alle Richtungen ausgelöst werden. Von Zeit zu Zeit brauchen die Menschen einen tüchtigen Schrecken,

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und dann schauen sie verlegen aus dem Fenster, obwohl sie genau wissen, daß ihr Haus nicht brennt, daß sie die Regenfluten, die frisch ertrunkenen Küsten und Täler lieben, immer mehr, heißt es.

  Im Bett geht das mit den Gedanken weiter. Das, was man einschlafen nennt, das ist ein Zwangsmischer der Wahrnehmungen, die Relation der Empfindungen und Gefühle. Es ist ein schrecklicher Brei, den wir in die Träume hineintragen. Vom Traume naßgeschwitzt erinnert er: Und meine Angst im Federbett bekleidet dürftig ein Skelett (Fuchs 1967). Es klopft laut an der Tür. Die Lampe verlöscht. „Laß‘ sie nur klopfen, wir wohnen hier nicht mehr.“

    Angst, Zuckerlösung, Ratlosigkeit … Der lähmende Giftbiß zu hundert Prozent, am Ende lauert die große Resignation.Was soll anderes herauskommen bei dem, was hineingestopft wurde, weil doch die sinnvolle Verdauung, mit Ballaststoffen menschlichen Denkens, längst fehlt … Auch Zittern ist Tanz/auch Verlassensein ist Erlösung … (Erich Fried)

    Solch ein schwülwarmer Sommertag, da gibt es hitzefrei, Dauerfick der Steuervermeidungsindustrie … endogene Dynamik (im TV wieder nur Monstervulkane) … der Schwachsinn der wie aus dem Nichts aufsteigenden Molassesedimente … Gebirge entstehen durch enormen Druck, nur durch Druck, durch unsichtbare Bewegung, nur Menschen sehen dabei verzweifelt aus. Die Bahnlinie ist seit Jahren von Birken und Unkraut überwuchert … die Häuserwände sind fleckig … da denkt er an Polen … an die hübschsanierten Häuser dort überall … und die Autos fahren hin und her, auch bei einem Eigentor des Gegners wird gehupt. Jede gewonnene Schlacht bedeutet schulfrei, und das wilde Wachsen heißt bei den hochnäsigen Studierten Ruderalvegetation.

Endlich weiß er, weshalb er niemals ein Beamter werden wollte. Eine samtigsatte Traurigkeit berührt das sanfte Wesen der allmählich erkauften Erinnerungen. Zufriedenheit nach erfolgreicher Besitzstandwahrung. Dazu braucht die deutsche Beamtenschaft keinerlei Gewerkschaft. Die berauschende Wirkung des Lutschers hat ihren Zweck erfüllt, Zitrone-Himbeer und sogar der praktische 24-h-Deodorant hat eine angehme Penisform.Auf der Straße: BILD: Jackpot 48 Millionen!

    Wenn wir hier nicht mehr wohnen, so muß auch meine Jugendzeit mit all ihren Hoffnungen und strahlenden Zukunftserwartungen endlich ihr Ende finden. Die wichtigste Entmythologisierung ist die Entzauberung allerlei Kreuze, Zinken und Vaterfiguren. Sogar für den alten Hindenburg mußte ein kleinbärtiger Ersatz geschaffen werden.

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Nur in Familien tut man sich mit Pietäten schwer. Waren Landser wie er nur tapfere Rußlandkämpfer oder auch rassistische Mörder? Ein Trinker am Ende der Schaffenskraft. Nach 10 Uhr kam Pappie dann an; er hatte noch ein paar Pennies übrig. Wir – auch die Kinder – hatten seit 14 Stunden gefastet. Ich hörte sein trunknes Gelalle unten im Treppenhaus (…) (S. Joyce 1984). Sehr wichtig waren die gemeinsame Mahlzeiten. Am Ende qualmte das Feuer ein wenig, und alle leckten sich die Finger. Allzu fettig war das Essen nicht. Im darauffolgenden Traum zertrümmere ich einem der Riesen, die uns gefangenhalten, versuchsweise den Schädel, brenne ihm sicherheitshalber mit einem Kienspan die Augen aus, zerschlage seine langen kräftigen Knochen, denn besonders das Mark, das rosafarben Mark der erlegten Tiere, ernährt meinen Tribe in jenen eiskalten Tagen, die bald über uns kommen werden. Um nicht schuldig zu werden, vermeide ich jegliche Beteiligung. Ich lebe eigentlich nicht mehr nach außen, immerhin, natürlich von den staatlichen Organen nicht unbemerkt, nach innen, auch um einen Suizid momentan zu vermeiden. Was dabei ganz schrecklich ist: Mit der erbärmlichen Ignoranz ist die schier unerträgliche Langeweile zurückgekehrt. Jetzt fehlt nur noch, daß an jedem verfuckten Tag die Glocken läuten. Der Film läuft endlos weiter, und wieder war ich bloß eingeschlafen.

   (Juli 1985): Die katzen dösen auf dem heißen blechdach eine unvorstellbare kraft durchströmt mich bei ihrem blinzelnden blick durch das balinesische bambusdickicht die negerige stimme eines noch knaben-haften eric burdon … baby remember … its my life, and I can do what I want … I can think what I want … Bury my Body … und in der mitte der nacht beweisen wir die fähigkeit zu einem unbürgerlichen, dann zu einem bürgerlichen leben. Zum steine erstarrt ist unsere hoffnung, dabei nicht zur versteinerung werden, das wäre das schicksal.

My Generation Vietnam. – Die lustigen Kastraten-Abgänge … als Charly dem zugedröhnten GI den Sack weggeschossen hat … „Sule Skerry“ … nach dem Reloaden endlich relaxen …

Wir, die stets von den Moskaus bezahlten Agitatoren, wir haben selber die besten Gelegenheiten verpaßt. Von Axel Springer bezahlte Kabarettisten (von Bonn bezahlte Agitatoren) bemerkten bereits 1968: Vielleicht sollten unsere Jugendlichen mehr mit Götz statt mit „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh-Rufen“ protestieren. Das Götz-Zitat in Chinesisch: Sehe Slann!/Englisch: Lick my arse!/Jiddisch: Kuss mir den Toches!

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Anstatt den aussichtslosen Marsch durch die Institutionen zu versuchen, hätte dem System selber der Arsch aufgerissen werden müssen, auf die Gefahr hin, sichere Jobs und Karrieren nicht zu ergattern, sondern darauf zu SCHEISSEN!

Jene, die uns so beneiden,

können uns mit tausend Freuden

Flaumenfedern durch die Nasen

Zentnerweis ins Arschloch blasen,

und das bei konträrem Wind –,

da sie unsere Freunde nicht sind.

Aus dem Stammbuch des Studenten Billman um 1725

Die ursächlichen Erfinder des weiterhin recht billigen Bieres müssen sehr bescheidene Leute gewesen sein. Dieser primitiv wirkende Suff lähmt, er reduziert die allerbescheidensten Aggressionen, die in der Soziologie bekannt geworden sind, die also kaum zu einem Widerspruch befähigen. Nicht das Bier ist also der Grund seiner Beliebtheit – es ist die Trägheit der fetten, aufgeschwemmten Körper1) die Politiker so sehr am Bier lieben. Allein deshalb sind neolithisch-bajuwarische Bierbrauer bereits Staatsbeamte gewesen.                        1) FJS

Abends krähte der Hahn. – Der Frust wegen täglicher Veränderungen ist kein konservatives Anklammern an den gewohnten Zustand, er ist vielmehr die Trauer darüber, daß die Richtung, in die es geht, ganz augenscheinlich die bislang unübertroffen menschenverachtende ist. Wenn man sich dann mit den Zuständen abgefunden hat, so tritt im Denken eine Lähmung ein, als vorweggenommene Totenstarre.

Angst regiert das Land. – Neue Aufgaben für die niedergelassenen Kassenärzte: Sie benennen den „Erbgesundheitsgerichten“ (ohne Ansehen der Person) die Namen ihrer Patienten, die lebensunwerte Gene in sich tragen. Ansonsten gibt es Privatpatienten, die die extremen Zuschläge jetzt gerne tragen und sogar ihre Rechnungen pünktlich begleichen. Ihre Kinder melden sich freiwillig an die Front.

Positive Lehrmeinung. – Was sich für die Bundesbürger ab dem 1. August ändert: das Internet macht seine Besucher auf den Fortschritt im Globalfaschismus aufmerksam (!) Und jeder ist vor dem Gesetz gleich. Diese Art von Gerechtigkeit stinkt unerträglich zum Himmel – Der Richter sollte immer eine Rolle Klosettpapier auf seinem Tisch

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stehen haben, um sich zu erinnern, daß er auch bloß ein Mensch ist. Somerset Maugham

    Aller mühsam akkumulierte Reichtum eines jeden fleißigen Volkes verschwindet auf merkwürdige, geheime Art. Wie kommt es, daß alles Kapital Profite macht, nur das Vermögen des Volkes keinerlei Zinsen trägt, aber dramatische Schulden macht? Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb. Joachim Ringelnatz

Genialer Minimalismus. – Fast alle Aneignung von Geldkapital geschieht durch Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, mittels Steuergeld aber besonders durch Unsummen nicht gezahlter Steuern. Die allerwichtigste Gerechtigkeit, die zugleich rein imaginär und deshalb göttlich ist, ist die überall herrschende Steuergerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit herrscht eisern, sehr entschlossen, rigoros und sehr geschickt weil sie höchstens nur zwei Prozent der möglichen Gerechtigkeit ist. Alternativen gibt es angeblich kaum. Den Teufelskreis durchbrechen. Abhängigkeiten aufkündigen. Die Arschkarten verweigern. „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing.“ Ganz unmusikalisch scheißen wir auf den „Brötchengeber“. All dieses Denken muß Wunschdenken bleiben sonst schlagen alle Knüppel dieser Welt auf uns ein. Was geschieht bei der „Erziehung“ der Kinder? Sagt das nicht alles? Wir vergessen die Kindheit schneller als eine Hausnummer … wir wohnen hier nicht mehr, aber die Welt weiß es besser.

Agitation an jedem Kiosk erhältlich. – Ach, wie bewegt waren die Zeiten. Allerorten zeigte sich das bunte Hemdchen der Revolution. Die lächerlichsten Tanzveranstaltungen: Teach In’s. Vermutlich nicht seine besten lyrischen Taten, die sich hier in einem bereits etwas älteren Konkret-Heft1) befinden (mit Foto des Autors; schwarzer Grund mit weißer Schrift, Helvetica 8 Punkt?). Aber Erich Fried schaut von anfang an nicht nur zu, sondern er mischt sich ein:

    Ehrliche/Überzeugungen

„Wir werden/dem Geschlechtsakt/schon hinter die Schliche kommen“/ versichern uns/die Genossen Impotenten/Es gibt auch Genossen die sagen/„Wir werden durch Praxis lernen/wie man die Revolution macht/denn unser Sieg/steht ja fest“                                                              Erich Fried

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1)     Konkret. Unabhängige Zeitschrift für Politik und Kultur. 14, 30. Juni 1969, 56 pp., S. 53

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Weitere Fragen/eines/lesenden Arbeiters

Von denen/die mir erklärten/Kritik sei tot/und es sei auch nicht schade drum/lernte/ich/gleichzeitig/folgende/Worte: Literal/Hermeneutik/ Hermetik//Redundanzgrad/Proliferationstendenzen/Affirmation//und/Epiphanie/Ich glaube/es ist doch schade um sie/daß sie tot ist/Nun kann ich/alle/die schönen/Worte/nicht mehr/gebrauchen/Ich wüßte nur gerne/ob sie/von diesen/Worten/gelebt hat/oder/ob sie/an ihnen/ gestorben ist

                                                                           Erich Fried

Eine Aktion/von/neuem Typus

Mögen andere von ihrer Schande sprechen,

ich spreche von der meinen.     Brecht

Die Militanz/wird wieder/originell/sie führt nun/ihre Schläge nicht dort/wo der Feind sie gerüstet erwartet/sondern pinkelt Freunden ins Bett/und beschmiert ihre Möbel/Das ist neu/das ist eine Aktion/Das ist so mutig/wie lehrreich/Das stellt Öffentlichkeit her/das ist nicht/systemkonform/Das schafft ein Image/Das bleibt, nicht stecken/im schichtenspezifischen/Mief/Das hat Schwung/das verbreitert die Basis/das bricht aus/aus der Isolierung/Das ist schöpferische/Kritik/an Lebens-/und Arbeitsstil/Da hätte auch Lenin/und Liebknecht/und Luxemburg/mitgepinkelt. Erich Fried

Aus Erfahrung krank. – Vielleicht kann man sich doch nicht einfach hinlegen wie in einer Liebesgeschichte … da muß man kalt und herzlos sein, wenn‘s ans Eingemachte geht, taugt keine Selbstgefälligkeit; „wenn ich die Geschichte meines geheimen Lebens veröffentlichen könnte, Millionen würden tugendhaft werden, warum nicht ich selbst? Nein, ich glaube, es ist unmöglich, mich festzulegen. Ich mißtraue aller Philosophie.“ Georg Christoph Lichtenberg. Tagebuchblätter.

    Das Pausenbrot ist ausgewickelt, der Schülerkakao ist viel zu heiß! Mein Geist hat den Vorhof der Resignation betreten. Nicht nur die Perspektiven sind mir zu Scherben geworden, sogar die kurzen Momente bewußter Zufriedenheit bleiben jetzt aus. Wie vor der schwarzen Wolkenwand hocke ich mit den alten Ideen, und längst ist das Wetter heraufgezogen, und es sieht nach Dauerregen aus. Längst nicht

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sehe ich mich wie ein armer Kierkegaard, in seiner Kindheit in einen Sumpf der kreativen Depression geworfen, seitdem in der ausweglosen Melancholie eines wirklichen Schriftstellers stecken. „Da denke ich an meine Jugend und an meine erste Liebe – als ich noch Sehnsucht hatte, jetzt sehne ich mich nur nach meiner ersten Sehn-sucht. Was ist Jugend? Ein Traum. Was ist Liebe? Der Inhalt des Traums.“ Wie könnte man hier entrinnen? Die Welt der blitzschnellen Märkte und Kaufhäuser verschwindet unter der Camouflage. Alle Landeplätze sind vom Kommerz belegt. Auch die Heimat ist zur Touristenattraktion verkommen – zu alt zur Prostitution zu sein, das ist das Todesurteil für viele Einheimische. Heimlich wird hinter den Paravents entlang der Highways noch so etwas wie Deutsch gesprochen. Das Wort Ehre hat lebenslänglich bekommen und ist Museumswärter auf einer berühmten Gefängnisinsel geworden, die Gerechtigkeit erstickt unter TV-Berichtenüber die Pyramiden und die sieben täglichen Tatortkrimis. Das Syndikat läßt ganz öffentlich über Tod-sünden diskutieren, ob jetzt oder etwas später abgestimmt werden soll, daß künftig alle zwanzig Jahre abgestimmt werden soll. Das Raffinierte dabei: Das alles geschieht voller Arglist, ganz offensichtlich heimlich und scheinbar systematisch geplant. Ein Stein weiß einen anderen zu erweichen!

„Daß die Presse mit dabei ist, macht das Böse zu einer furchtbaren Macht. Daß ein einziger Mensch jeden achten Tag oder jeden Tag im Nu 40 000 oder 50 000 Menschen dazu bringen kann, dasselbe zu sagen und zu denken – das ist entsetzlich. Und die Schuldigen kann man niemals persönlich fassen; und die Tausende, die er gegen einen hetzt, sind im gewissen Sinne unschuldig.// Wehe, wehe, wehe über die Tagespresse! Käme Christus heute in die Welt: so wahr ich lebe, er nähme sich zum Ziel nicht die Hohenpriester – sondern die Journalisten.“ SørenKierkegaard. Tagebücher.

    Wir wohnen hier nicht mehr. Alles ist altersfaule, längst schimmelmodrige Sehnsucht, auch die, das Land endlich zu verlassen, auf die Gefahr hin, noch am gleichen Abend erneut in eine gleich möblierte alte Stube zu treten. Ich wohne hinter den Schritten/des Polizisten, der meine Paß kontrolliert./Ich wohne im Keller einer mittelgroßen/Ruine, im Altersheim/ für den pensionierten Wind. (Fuchs. Legitimation. 1967) Es sind also keine Sehnsüchte mehr, es sind vielmehr nichts als heftig stechende, schmerzende Erfahrungen.

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Oder einfach bleiben, gefügt in die gähnende Langeweile der Hoffnungslosigkeit. Endlich das bescheidene Maß vollmachen, den berühmten Tropfen spüren, das letzte dünne Fädchen des Halteseils durchtrennen, die magische Verbundenheit mit diesem kleinen Haus des Großvaters, das ist gegen alle Vernunft. „Übermütig sieht’s nicht aus, hohes Dach und niedres Haus . . .“ Goethe lebte sechs Jahre in seinem stillen Gartenhaus, dem mein Haus in Bad Betteldorf so sehr ähnlich ist. Was heißt es also, sich einem möblierten Ort zu verpflichten? Im tiefsten Herzen bin ich der Nomade geblieben, den es mit seinen leeren Händen in ferne Länder zieht und zur See hin treibt. Alles andere ist widerwärtiges Sammeln und epische Verschwendung.

Dreifaltigkeiten. – Wenn jemand seinen frei erwählten Platz verlassen muß, den Wohnort wechselt, seine geliebte Heimat verliert wegen seiner Aufmüpfigkeit; wenn die Haut sich verfärbt, das verfolgte Gesicht sich schminkt, weil der Kopf, sein empathisches Denken der schleimigen Spur der Diadochen nicht mehr folgen kann, weil seine solidarische Überzeugungskraft nachläßt, eine weitere Halbwertzeit der öffentlichen Lügen längst erreicht ist, so begreift er das Maß der abscheulich wiederholten DEKADENZ, an deren Ekelhaftigkeit nicht nur das längstens beweihräucherte Römische Imperium in einen zähen Schimmelpilz sich wandelte der, längst verrottet, unsichtbar und sich dennoch verbissen zäh hält im abendländischen Mythos (versprochener) Freiheit und bluttriefendem Kapitalzins heiliger Dreifaltigkeiten…. 24.7.38/es gibt begriffe, die deshalb so schwer zu bekämpfen sind, weil sie solche langeweile verbreiten um sich. so DÉCADENCE. natürlich gibt es so etwas wie eine literatur des abstiegs einer klasse. die klasse verliert da ihre schöne sicherheit, ihr ruhiges selbstvertrauen, sie verhehlt sich ihre schwierigkeiten, sie befaßt sich mit details, sie wird parasitär kulinarisch usw. aber schon die werke, die ihren abstieg als abstieg kennzeichnen, können kaum noch als dekadent bezeichnet werden. das macht aber mit ihnen die absteigende klasse.“ [Brecht 1973, S. 12]

Einmal hatte ihn sein Freund Holger aus Berlin angerufen … sie unterhielten sich länger als eine Stunde … aber sie haben vollkommen andere Auffassungen vom Leben, ganz besonders wie man sich darin bewegt und wie man darin zu sterben wünscht…

[Text nicht fortgeführt]

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Erinnerungen an Giordano Bruno

           Jedoch sie streckten, als Signal zum Marsch,

           Zum Hauptmann ihre Zungen am Beginn.

           Und er trompetete mit seinem Arsch.

    Dante Alighieri. Göttliche Komödie

Der Mantel des Nolaners1). – Die abendländischen Geschichtsschreibungen [es gab einst tatsächlich mehrere, die für längere Zeit nebeneinander existierten], besonders eben solche, die einen Menschen wie Giordano Bruno betreffen, sind tatsächlich noch komplizierter als ich bislang angenommen hatte. Es wäre leichter gewesen, mir jemanden auszusuchen, von dessen Vita ich bereits einiges mehr wußte, dem ich seit Jahrzehnten gar voller Zuneigung und Verständnis zugetan bin. Nun geht es mir vordergründig darum, selber etwas Neues zu erfahren und dabei meinem Schreiben als Lernmethode den eher egoistischen Bildungscharakter zu erhalten, diesen bei mancher Gelegenheit explizit zu entwickeln oder gar im allerkleinsten Kreise vorzuführen.

    Heute, es ist der 28. Oktober 2014, wird der kürzlich im gesegneten Alter verstorbene Siegfried Lenz ehrenvoll zu Grabe getragen. Seine Laudatio halten ganz bestimmt einige berühmte alte Freunde, darunter besonders hanseatisch dreinblickende Staatsmänner in ebensolchen schwarzen Festtags- und Trauergarderoben. Als begnadeter, bei seinen Auftritten glattrasierter Schriftsteller, stand leider auch Siegfried Lenz eben jener sozialdemokratischen Politik nahe, die sich bereits erkennbar früh und längst zum Verräter an der Sache der sozialen Gerechtigkeit und zuletzt als hervorragender, menschenverachtender Büttel für die Interessen des internationalen Neoliberalismus erniedrigt hat. Diese systemimmanenten Klüngel spüren keinen Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen, die ihn deshalb nicht zuletzt als kritischen Hofnarren und einer ihrer prominenter Wahlhelfer der VOR-WENDEZEIT ehren. Solch ein feierlich-pathetisches deutschtypisches Schicksal ward schon manchem klugen Menschen und seinem öffentlichen

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1) Brecht, Bertolt (1967): Der Mantel des Ketzers. Kalendergeschichten. rororo.         Brecht‘s Erzählung „Der Mantel des Ketzers“ wurde in Moskau erstmals abgedruckt, dort: Internationale Literatur Nr. 8/1939. Unter dem Titel: „Der Mantel des Nolaners“.

Schefer, Leopold (1841): Göttliche Kömödie in Rom. Novelle über den Prozeß und die Hinrichtung Giordano Brunos.

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lichen Lebenswerk zuteil, und es wird an seinem betagten Ende jenem genußsüchtigen Schnauzbartträger Günter Grass, exakt aus den genannten Gründen, ebenfalls nicht erspart bleiben.

    Hier geht es mir nicht um das fortgesetzte Aussterben literarischer Dinosaurier oder der Gruppe 47 und ihre augenscheinlichen Fliehkräfte hin zur weichgespülten Sozialdemokratie, aber um einen Mann (wie gehabt), der sich mit Leib und Seele gegen herrschende Bedingungen und Weltauffassungen verhalten hat, sich sein meistes Leben auf der Flucht befand und schließlich verraten und eingekerkert wurde, wie fast alle wirklich wahrhaften Gemüts. Obwohl ich über Bruno wenig weiß, weiß ich dennoch, daß er bis heute (!) zum Erzfeind des herrschenden katholischen Klerus erklärt ist, er aus der Kristenreligion kommt und diese wegen ihrer Götzenverehrungen verlassen hat.

Eigentlich kein Thema für mich, dann zuletzt doch, weil ich so gern die Guerilla mitbegründen möchte – mit eben diesen rekrutierten Aufrechten, zumals es nicht zuletzt auch um die momentan parasitär agierende Wissenschaft geht – tatsächlich bis heute – und deshalb ist Geschichtsschreibung so wichtig. Seltsamerweise wurde viele von ihnen, die voller Liebe und dem Wunsch nach weiterer Erkenntnis beseelt waren, schlichtweg von Staat (u.a. Faschismus, Stalinismus, Monopolkapitalismus) und Kirche (Methoden der Christianisierung, Inquisition, Renaissancepäpste etc.) ermordet, was sich bis heute als übliche Regierungsform, vielmehr als praktische Technik da oder dort bewährt hat. Deshalb gehört Giordano Bruno auf den hier errichteten kleinen Gedenkstein, der sicher ebenso niedrig bleiben wird, wie einige Seiten Druckpapier dick sind. Interessant wäre eine Analyse, weshalb die bloße Vorstellung eines unendlich belebten Universums bei der katholischen Kirche und den modernen Naturwissenschaften bis heute vehement auf Ablehnung stößt. Die inzwischen fast heilig gesprochene Urknall-Theorie erlaubt weiterhin eine abendländischzentrische Sicht auf das allein hier auf der Erde existierende Leben. Der traditionelle Mythos der eingefleischten biblischen Schöpfung, nicht zuletzt die bloß geglaubte Einzigartigkeit eines blutig Ermordeten, des Gekreuzigten, bleibt im abendländischen Verfügungsbereich, zugleich dienlich der allgegenwärtig größten Militär- und Glaubensakkumulation und kann nicht gegen Myriaden von Hingerichteten, die dann zugleich allesamt Erlöser sein müßten, einer anderen Wissenschaftlichkeit zuliebe eingetauscht werden.

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Die Kirche muß sich spreizen und ihre fast lächerlich wirkenden mittelalterlichen Sturheiten unerschüttelich beibehalten, weil es in ihrer Kristen-Trias nicht eine unvorstellbare Zahl von Dreieinigkeiten, nämlich die von Gottvätern, Heilanden und Heiligen Geistern geben darf. Warum eigentlich nicht? In dieser (weiß Gott und zum Glück für die Pfaffen und „Schatztruhen“ des Vatikan) längst nicht mehr säkularisierten Welt wird der Friedensnobelpreis zugleich an MENSCHEN wie Mahatma Gandhi vergeben aber auch an ständig (!) brutal kriegführende amerikanische PRÄSIDENTEN oder ihre Vasallen (sic).

Giordano Bruno (eigentlich Filippo Bruno)  (*Januar 1548; † 17. Februar 1600 in Rom als Ketzer auf dem Scheiterhaufen).

Italienischer Priester, Dichter, Philosoph und Astronom

Verweigerte sich bereits früh der Marienverehrung und entfernte die ihm lästigen Heiligenbilder in seiner Klosterzelle. Auf seinem Weg nach Rom, wo er Abbitte leisten sollte, warf er Schriften (gar die Vulgata?) des Kirchenvater Hieronymus ins Scheißhaus. Es folgte eine Flucht, eine manchmal kurz unterbrochene Wanderschaft durch Europa. Das heliozentrische Weltbild des Kopernikus schien ihm eher für die Erklärung der Welt geeignet, als die starren Ansichten des Klerus.

(1) Aber er ging weiter: Er vertrat als seine Hauptthese, daß das Universum real unendlich und unendlich belebt, von unzähligen Himmelskörpern erfüllt, die als große Organismen, Träger vielfältigen, auch intelligenten Lebens sind, waren oder sein werden. 2)

In Genf wurde er Protestant, um der Inquisition zu entgehen, bekam aber schnell Probleme mit der strengen calvinistischen Glaubenszucht.

    Sein phänomänales Gedächtnis ermunterte ihn zur Entwicklung einer Mnemotechnik was ihn letztlich in den abergläubischen Verdacht brachte, magischen Kräften nahezustehen.

(2) Verschwiegen oder verfälscht haben die Geschichtsschreiber die eigentlichen Stellungnahmen zur Person des Jesus von Nazareth. Brunos kaum bekannte Attacken gegen das Christentum und seinen Stifter in dem Buch „Die Vertreibung der triumphierenden Bestie“ von 1584 sind beispiellos in ihrer Art. Das schockierende Urteil insbesondere über die Figur Jesus ist darin überliefert – die vatikanischen Prozeßakten allerding sind fast alle verschwunden.

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2)  vgl. Kirchhoff, Jochen (2002): Ketzer. Die unheilige Allianz. Der Spiegel 7/2000, 14.02.2000.

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Brunos Asche, er war immerhin der erste Erfinder der Fixsterne und sah sie als eigenständige Sonnen, er vermutete bereits die polaren Abplattungen der Erde und erkannte die Rotation der Sonne, die Asche hingegen sie wurde sehr schändlich behandelt, das darf den hochheiligen Mördern unterstellt werden. Ach, wie gern sei hier dem Kalli-machos gefolgt, der Edle in gute Erinnerung bettet. Grabschrift: Hier schläft Saon heiligen Schlaf! Daß der Redliche sterbe/Sage nicht! Denn der Tod eines Gerechten ist Schlaf! 3)

    Seitens des Vatikan wurde die Ermordung Brunos erst am 12. März 2000 aus kirchlicher Sicht als Unrecht betrachtet, was mit dem Erscheinen eines Spiegel-Artikels über den Ketzer Bruno kurz zuvor vermutlich wenig zu tun hat (Kirchhoff 2000); die katholische Kirche hat Bruno aber niemals vollständig rehabilitiert, zumal sein Pantheismus unvereinbar mit der Glaubenslehre ist. Seine Schriften waren auf dem Index verbotener Schriften bis zur (zumindest offiziellen) Abschaffung im Jahr 1966. Bruno machte keine realen physikalischen Experimente. Alles, was er hinsichtlich seiner Vision eines brodelnden, hoch kommunikativen, vibrierend intelligenten und allbewußten Universums vortrug, in einer vulkanischen, leidenschaftlichen, ja erotischen Sprache, war vor 400 Jahren eine Herausforderung – und ist es bis heute. Bruno war ein Meister von Gedankenexperimenten (vgl. Kirchhoff 2000). In der populären amerikanischen Gaia-Hypothese des NASA-Veteranen James Lovelock und der Mikrobiologin Lynn Margulis (1965) ist Planet Earth der einzige Organismus inmit-ten der gesamten Galaxien … fast rührend, weil geozentrisch eng und damit ohne Weltseele (Kirchhoff 2000). Diese Einzigartigkeit ist arrogant und wird von Obrigkeiten gern propagiert! Wenn der päpstliche Kulturrat die Ermordung Brunos zumindest als längst geschehenes Unrecht betrachtet, so sollten nach 400 Jahren bitte auch die hingerichteten Deserteure der Hitlerarmee ihre bürgerlichen Ehrenrechte wieder erlangen. Das mit dem Unrecht ist zu allen Zeiten mehr Ansichtssache als Recht gewesen. Immerfort ist gültig: „Mit größerer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme.“ „Maiori forsan cum timore sententiam in me fertis quam ego accipiam.“Giordano Bruno erhielt bezeichnenderweise nie die übliche Chance für den Widerruf – ihm wurde die Reue verweigert. Wäre er schwach geworden? Die Akten sind verschwunden!

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3) Kallimachos = 310-240 v. Chr.

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[Über Wahrheit]

1 Es gibt eine Wahrheit

Das heißt: Es gibt nur eine Wahrheit, nicht zwei oder ebenso viele, als es Interessengruppen gibt.

2 Diese Wahrheit ist nicht nur eine moralische Kategorie

Das heißt: Es ist nicht nur eine Frage der Gesinnung (Unbestechlichkeit, Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit und so weiter), sondern auch eine des Könnens. Sie muß produziert werden. Es gibt also Produktionsweisen der Wahrheit.

3 Das Sagen (und Finden) der Wahrheit muß einen Zweck haben

Die Wahrheit ist die Spiegelung der treibenden Kräfte der Wirklichkeit in den Köpfen. Das Auftauchen der Frage nach Wahrheit muß als Beweis dafür betrachtet werden, daß durch reale Umstände (Veränderungen in der Realität) ein Handeln nötig geworden ist. In bezug auf dieses notwendig gewordene Handeln muß die Frage gestellt werden. Alle diejenigen Umstände, welche die Frage hervorgebracht haben, müssen Gegenstand der Antwort sein und bleiben.

4 Der Grund des Nachdenkens und der Aussage muß in der Aussage und dem Nachdenken eine Erledigung finden

Wenn zum Beispeiel die Frage nach Freiheit auftaucht, so muß festgestellt werden, welche bedrückung den Wunsch nach Freiheit erzeugt hat, denn durch eine solche Feststellung, wird die betreffende Art der Freiheit, die nötig geworden ist, bestimmt. Eben jene Umstände, welche die Frage (oder den Wunsch) nach Freiheit hervorgebracht haben, müssen dazu benutzt werden, die Lage zu ändern, also die Freiheit zu schaffen.

5 Eine Aussage oder Darstellung ist dann eine Wahrheit, wenn sie eine Voraussage gestattet.

Bei dieser Voraussage muß aber der Aussagende als Handelnder auftreten. Er muß auftreten als einer, der für das Zustandekommen der Voraussagung nötig ist. (Bertolt Brecht)

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Mani pulite

… in der letzten zeit, seit die nachrichten so schlecht

werden, erwäge ich sogar, ob ich das frühradio abstellen soll.                           (Brecht 1973 , S. 100)

Potemkin läßt grüßen. – Der Mensch wird ohne Schuld in diese Welt geworfen, was die Scheinheiligkeit Geburt nennt. Er kann sich sein Leben zunächst nicht frei bestimmen, und die Regel ist, daß er es niemals können wird. Wie kann ich also einer Herrschaft trauen, die nur durch Mord und Totschlag, Lüge und Korruption, Manipulation und ständigem Krieg sich an der Macht erhält und jedes zweite verlogene Wort aus ihrem stinkenden Maul verheißt Freiheit, die auf dem Müllplatz der Geschichte ihr Leben längst ausgehaucht hat – blakender Plastikqualm, tödlicher Gestank hinter den bunten Vorhängen vor den Sweatshops, der Hintergrund ist voller blühender Landschaften.

                                                                           [Text nicht fortgeführt]

Erinnerungen an Enrico Mattei

An der Spitze des italienischen Erdölgesellschaft Eni verfolgte Mattei ab 1953 die Konkurrenz zu den angloameriknischen Ölkonzernen, den „Sieben Schwestern“ auf dem Weltmarkt. Dafür wurde er bereits 1962 durch einen  mysteriösen, nie aufgeklärten Flugzeugabsturz ermordet. Immerhin erklärte der damalige Ministerpräsident Fanfani 1986 den Absturz als einen Abschuß. Die meisten Ermittler der Carabinieri und der Polizei waren vorher aber bereits ermordet worden.

                                                                            [Text nicht fortgeführt]

Erinnerungen an Pier Paolo Pasolini

Auch der italienische Filmregisseur, Dichter und Publizist Pier Paolo Pasolini wurde ermordet. Heute wird durch einige Indizien vermutet, daß zumindest der italienische Geheimdienst in den Mord verwickelt war, da dieser auch in (rechtsgerichte) fürchterliche Attentate im Sinne der Verbesserung des Staatsschutzes verwickelt war (Strategie der Spannung). Rechtsextremistische Organisationen führten die blutigen Taten im staatlichen Interesse aus, beschuldigt wurden stattdessen die Roten Brigaden. Beim ebenso rechtsterroristischen Bombenanschlag auf der Piazza Fontana 1969 starben 17 Menschen, 88 wurden schwer verletzt; bei dem Massenmord von Bologna 1989 starben 85 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt.

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Der am Mord an Pasolini geständige angebliche Täter widerrief später die Tat, und alle Indizien weisen heute auf einen Auftragsmord aus Richtung des staatlichen Geheimdienstes, gegen dessen Machenschaften  Pasolini seinerzeit journalistisch arbeitete.

                                                                          [Text nicht fortgeführt]

Der Aufstieg des Arglistigen Schweines Berluscontinuum inmitten der Schlachthäuser

Die scriptgirls sind meist zu alt… außen tag: flughafen, großer auftritt, haar schmalzig wellig fast fettig glänzend brauner teint, grinsen, grinsen grinsen … blitzlichter rosa über rotem teppichsperma

    Manipulite: die italienischen medien haben dieses wort wie den inzest, auf den index gesetzt … unweit die petersburg das größte bordell der heiligen stadt … die weiße weste ist mit spaghettisauce vollgegekleckert und blut der aufmüpfigen klebt an heiligen fingern … das ist alles nachge- und bewiesen … immer ist‘s bewiesen vor röntgenblicken der geschichtsschreibungen, deshalb gähnende leere. Minivergebungszahlungen wo allein ganz hohe milliardenstrafen schmerzhaft wären und drogenentzug (!) für zwei wochen keine kleine mädchen ficke dürfen (!) und das alles auf BEWÄHRUNG!

                                                                            [Text nicht fortgeführt]

Eigentlich fehlt jetzt noch das Brechmittel Sarkotzky

Nicolaus sarkotzky gilt mit seiner stolz geschwellten brust voller verdienstorden als ein stockkonservativer politiker, der buchstäblich über leichen geht und dabei nazigarmanistisch in die medien grinst.

… Die armen vorstädte mit ihrer gewaltigen jugendarbeitslosigkeit „mit dem hochdruckreiniger“ säubern („nettoyer au karcher“)… bei den unruhen in paris nannte er die protestierenden jugendlichen „gesindel“ („des racailles“) … verfolgung und abschiebung von fran-zösischen roma (entzug der staatsbürgerschaft exakt wie bei den juden unter der nazivichyregierung). Beim trauermarsch für die opfer des anschlags auf‘s satiremagazin charlie hebdo versuchte sarkotzky von hinten sich in die erste reihe zu drängeln, was ihm viel hohn & spott einbrachte [Sowjet-Stempel: „Aufbewahren für alle Zeiten!“]

S. ist Inhaber der Ehrenmedaille der Spezialeinheit Terrorbekämpfung (RAID) der französischen Polizeit. Raid = engl. für ÜBERFALL!

                                                                            [Text nicht fortgeführt]

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Wanderungen in Deutschland

Schwabinger Spaziergänge 

Schwabinger Krawalle 1962 . . .1)

Mit Schwabing bin ich eng verbunden, seitdem ich als junger Student in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg dort die für das Leben eines Menschen entscheidenden wissenschaftlichen, musischen und politischen Eindrücke empfing. Was sich in den Juninächten 1962 um die Leopoldstraße herum abgespielt hat, ist mir daher sehr nahe gegangen. Ich habe versucht abzuwägen zwischen dem Übermut junger Menschen, denen alles Muffige zuwider ist, ihrem Protest gegen eine wichtigtuerische Ordnungsgewalt, ihrer Lust an einer überdosierten Demonstration, ihrem Freiheitswillen auf der einen Seite und dem Bemühen der Verantwortlichen um die „bürgerliche Ruhe“ auf der anderen Seite. Dann häuften sich die anklagenden Briefe auf meinem Schreibtisch, schilderten mir ehrenwerte  Leute tief erschüttert ihre Eindrücke, schrieb mir einer: „Was hier geschah, war unmenschlich, geradezu unglaubhaft, doch ich sah es mit meinen Augen, ich sah es im Jahr 1962, am 24. Juni, in der Bundesrepublik Deutschland, in München, ich klage an.“ Und es wurde mir berichtet, wie Uniformierte mit verzerrten Gesichtern auf Unschuldige einschlugen.

Welche Schande, zu schlagen! Trübe Instinkte der Brutalität, die ins Unterbewußtsein zurückgedrängt waren, brechen auf und wirken weiter. Welcher Schimpf: Geschlagen werden! Wir müssen versuchen, es nachzuempfinden. Menschen entwerten sich und werden entwertet.

   In der Leopoldstraße offenbarte sich der Mangel an Menschlichkeit, auch an menschlicher Weisheit und Güte, der Mangel an Toleranz, der Mangel an Liberalität. In mir wurde die Erinnerung wach an den Beginn der trübsten Periode der deutschen Geschichte – ich habe ihn in eben diesem München erlebt.                                      Thomas Dehler

. . . und 19682)

„Auf geht’s“, schreien die bundesdeutschen Alma-Mater-Rebellen. Und sie reißen schuldlose Bänke aus, stemmen mühsam die verblüfften Pflastersteine aus dem Boulevard, meiden das Waschwasser und den Rasierpinsel und gehen dann auf die Barrikaden, gegen . . . „Ja, gegen wen denn bloß?“ möchte Blasius wissen. Warum stürmen diese

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gescheiten Bürschrl Zeitungsredaktionen und Verlagshäuser? Warum nicht ebensogut auch protestantische Brausebäder oder die deutschen Vogelschutzwarten? Der Spaziergänger kommt einfach mit bestem Willen nicht darauf, was sie eigentlich wollen

     Zeitgemäße Reflektionen auf blutighauende Staatsraison, um den wirtschaftsbewunderten Kapitalismus vor langhaarigen Gammlern und den Haschrebellen zu retten, sind nicht nur in der Springer-Presse von fast harmlos wirkenden Polemiken begleitet. Siegfried Sommer

Gedanken hängen in der Luft3)

Für Münchens Rebellen ist Platz im kleinsten Café. Es befindet sich in nächster Nähe zur Universität und besticht den Fremdling durch seinen Reiz revolutionärer Behaglichkeit: Am oberen Teil der Wände kleben, den idiologischen Überbau symbolisierend, überlebensgroße Fotos von Mao, Marx und Ho Tschi Minh, darunter sind Flugblätter der Berliner Kommune, erquicklich zu lesen, und viele, viele Zeitungsberichte über SDS-Aktionen in Hamburg, Berlin, Frankfurt und vor allem in München angeheftet.

    Die Kaffeetassen kann man auf den Brettern eines großen Regals abstellen, das hauptamtlich den popolärsten Werken der marxistisch-kommunistischen Literatur westlichen Unterschlupf bietet. In der winzigen Auslage – das Café (die Tasse vierzig Pfennig) ist auch ein Bücherladen – liegen Schriften von „Che“ Guevara und Régis Debré  und auch Neuerscheinungen der Verlage Luchterhand und Suhrkamp. Dazwischen Broschüren des Berliner SDS und einige Exemplare einer Schwabinger Schülerzeitschrift, die der schulischen Zensur zum Opfer fiel – die Schulverwaltungen sorgen für den Revoluzzernachwuchs. Von der Decke hängt ein Band mit „Enteignet-Springer“-Plaketten. Anderswo stehen Gedanken im Raum. Hier hängen sie in der Luft.

                                                                                       Christian Ude

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1) Rukwid, Werner (Hrsg.): Geliebtes Schwabing. Verse und Prosa von Wedekind bis P. P. Althaus. Mit einem Geleitwort von Peter Paul Althaus. dtv, München 1970. 164 pp. S. 148 f. Thomas Dehler: Abendzeitung. München. 13. 7. 1962

2)   ebenda, S. 149: Siegfried Sommer: Abendzeitung. München, 19. 4. 1968

3)   ebenda, S. 152: Christian Ude: Süddeutsche Zeitung München,  16. 3. 1968

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Angesichts des BILDhaft gesäten Hasses gegen jeglich Kritiker im Land nur wenig Morde, nur hier und da Foltermethoden. Es gab im jahrelangen „Deutschen Herbst“ eigentlich nur sehr wenig Todesopfer zu beklagen … Benno Ohnsorg, Rudi Dutschke, auch er starb schließlich an den Kugeln im Kopf, es waren zuletzt nur ein paar Dutzend, die dran glauben mußten, so oder so. Warum haben die repressiven, bourgeoisen Machtmonopolisten nicht viel mehr Genossen aus der linken Szene umgebracht? Märtyrer überleben ihre Mörder allemal. Und das übrige rückt die herrschende Geschichtsschreibung zurecht. Als ich mit meiner Tochter in der Eingangshalle der Universität stand, zog mir eine Gänsehaut über den Rücken … ja die Geschwister Scholl, auch sie längst zu Märtyrern geadelt. Von Schwabing nach Amsterdam : … weißt du noch mein Kind, du warst als zehnjähriges Mädchen vom Tagebuch der Anne Frank begeistert, und beeindruckt hat dich das berühmte Haus an der Gracht allemal. Weißt du, daß der riesengroße Baum davor längst umgestürzt ist? Vor ein paar Jahren schon habe ich das gehört.

    Gegen das Vergessen! – Nein, so schnell gerät das nicht in Vergessenheit. Und alles ist dann plötzlich fünfzig Jahre her. Die Enttäuschungen sind immer neu gemacht, sie sind kein Generationenproblem. Was sich wiederholt? Begeistert gewesene Jugend verzeiht schlecht. Und zuletzt: wenn nichts mehr bleibt, bleibt noch das Leben. Ein alter Mann auf der Parkbank, er sieht fast glücklich und gelassen aus, als hätte ihn sogar seine Verlassenheit verlassen. Er lächelt bisweilen, sieht weiterhin den hübschen Frauen nach und weiß eigentlich längst nicht mehr warum er das macht.

     Das Wasser der Isar schäumt nicht, es rast mit seiner zuckenden Haut wie aus Glas beschaffen einer endlichen Ebene zu … das Bild ist erstarrt, irgendwann hat er es betrachtet, es ist eingefroren wie alles vordem und im nachhinein. Die Hunde pissen nahezu ständig, sie pissen und scheißen ununterbrochen, ein unnützes Zuchtgetier, nur aus Scheiße und Pisse bestehend mit einer Nase vorneweg, die keinen anderen Gedanken zuläßt, als wer wohin gepißt und geschissen hat. Ja, ja, ein treues Wesen … doch die Menschen besitzen eine noch ekelhaftere Unterwürfigkeit, weil sie alle Nase lang auf einen etwas Stärkeren treffen. So denkt der Mann und schaut dabei den Frauen nach, und aus dem Abfalleimer stinkt es wieder einmal nach Existentialismus, es ist ein rot und schwarz kartoniertes, arg zerfleddertes Rowohltbändchen.

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So befreit er sich stückweise von seiner Bibliothek … Hör zu, das ist wirkliche Freiheit, sich irgendwann nicht mehr die Zähne zu putzen, weil doch sowieso alles in der Welt fault und stinkt wie die Pest. Das Böse wächst in jeden Grashalm … der Teufel exi-stiert ganz allein, ganz ohne Kurzweil, der braucht niemanden, dem er sein Herz ausschüttet, wenn er abends todmüde von der Arbeit kommt. Die Welt ist schlecht und ekelhaft, die Fische haben Gräten, Konservendosen explodieren als Granaten. Das Böse ist deshalb böse, weil es von Kopf bis Fuß aus Angst besteht, aus gärender, maßloser Angst vor sich selbst, und es tut gut daran.

    Aber die städtische Einsamkeit tropft jetzt hinunter in den Englischen Garten, wie ein Gelee, oder wie eine grinsende Amöbe, der Weltgeist fickt sich selbst, wandert umher wie Heuschrecken und vermehrt sich längst etwas komplizierter, als die Quallen und die herrschen bekanntlich bereits überall in der urbanisierten Welt …

    Diese Stadt wird unbezahlbar. Mieten explodieren wie andernorts die verrosteten Blindgänger der Allierten. Als Mensch lebt es sich wegen der hohen Preise hier immer schwerer, was die Bevölkerungen finanzspezifisch verändert, wie auf dem Fischmarkt herrscht das unlautere Gesetz von Angebot und Nachfrage. Diese Tendenz ist ganz sicher ebenso unaufhaltsam wie die baldige Endlagerung des Atommülls auf Schulhöfen. Was regt sich? Kein Widerstand, wie auch, das steht felsenfest in der Grundordnung verankert. Das würdevolle Abtreten, Generationswechsel an allen Fronten, gehört zum erzwungenen Lebensprogramm. Es klebt an den Häusern, dampft frisch aus den Parks. Blaues Abgaswölkchen, wirst zum Ruß auf den Gletschern in Kolumbien . . .

    Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt, als putzen? Georg Christoph Lichtenberg

    Das vereinigte Land wird nun wieder von Berlin aus bakelitkünstlich regiert, sagt man. „Ach, die Berliner mit ihrer großen Schnauze. In München hat jedes Dienstmädchen mehr Kunstverstand im A . . . . als die Spree-Ather im Hirn.!“ Schauspieler Ernst von Possart

Stadtplanregister. – Ganz zuletzt erinnern sich ein paar Straßennamen an die gestorbenen Wälder. Tannenweg, Eichenallee … der Rotkehlchenweg … ach, warmes Gefieder. Als ich Regentropfen auf meiner Wange spüre, tun sie mir wohl wie eigene Tränen. Johanna Walser. Vor dem Leben stehend.

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Phantasie und Jugend. – All meine großen Städte liegen da, als sei ich niemals in ihnen gewesen. Auch meine Erinnerungen scheinen von den Rinden der Parkbäume aufgesogen. Bestimmt ist es ein ausgezeichnetes, ein sehr großes Privileg für Krüppel, Narren und Schwindsüchtige unter schönen Künstlern, auch solchen Gefühlen ewiger Ungewißheit Worte zu geben, die ich freilich beizeiten deshalb auch selber hätte finden können. Aber: „Meine Seele hat die Möglichkeit verloren. Sollt‘ ich mir etwas wünschen, so würde ich mir nicht Reichtum wünschen oder Macht, sondern die Leidenschaft der Möglichkeit, das Auge, welches ewig jung und glühend überall die Möglichkeit erblickt. Der Genuß täuscht, die Möglichkeit nicht. Und welcher Wein ist wohl so schäumend, welcher wohl so duftend, welcher so berauschend!“ SørenKierkegaard. Entweder – Oder. Daß sich‘s so verhält, das will ich wohl eingestehen, das hält mich unbesorgt, so will es meiner Welt erscheinen.

Nachtrag zu Schwabinger Spaziergänge:

    „Der Biergartenbesucher geht an die Schenke, sucht sich einen Krug, riecht erst hinein und schwenkt ihn vorsichtig am Brunnen aus, prüft noch einmal mit seinem Geruchsorgan und holt sich die erste Maß.“ (Kellerregeln 1925). Im europäischen Revolutionsjahr 1848 stürmen aufgebrachte Münchner den Pschorrbräu – wegen einer Bierpreiserhöhung. Im Jahr 2014 kostete die Maß auf dem Oktoberfest 10.- Euro (ca. 20.- DM) und teilweise sogar mehr!. Rosa Luxemburg wetterte 1914 im Münchner-Kindl-Keller wie bekannt vergeblich gegen die SPD-Kriegskredite, die nicht zuletzt den Weltkrieg der längst verbrüderten Rüstungsproduzenten erst ermöglichten.

    Die Krupskaja, Lenins Frau, wunderte sich über die sozialdemokratischen Maifeiern in München, als die Arbeiter, die üblichen Rettiche bereits in ihren Taschen, nach einem stummen und eiligen Marsch durch die Stadt flugs in Bierschwemmen und Biergärten verschwanden.

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Just am 11. November 2014 feierte Hans Magnus Enzensberger in Schwabing seinen 85. Geburtstag …

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(Schreibübung Schulheft Felix um 1962)

Der alte Professor Spengler

Von Ludwig Thoma

Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen acht Uhr vom „Großen Wirt“ in Schwabing bis zur Universität. Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung. Lange weiße Locken hängen ihm auf die Schultern, und er geht gebückt unter der Last der Jahre. Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn längere Zeit durch das Fenster. Er wendet sich an den Schaffner. „Wer ist eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon öfter gesehen.“ „Der, den kennen Sie nicht? Nein, das ist doch unser Professor Spengler.“ „So, so, Spengler.“ „Professor der Weltgeschichte“, ergänzt der Schaffner und schüttet eine Prise Schnupftabak auf den Daumen. „So, so“, sagt der Herr. Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn vorwurfsvoll an. „Den sollten Sie aber schon kennen“, sagt der Schaffner „der hat vier solche Bücher geschrieben.“ Er zeigt mit den Händen wie dick die Bücher sind. „So … so?“ „Lauter Weltgeschichte!“

(2 Fehler    gez. B. Gerhardt)

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Dokumentarisches

„Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.“ Georg Trakl

Volkstrauertag zum Dauertiefstpreis        [Entwurf – Erste Fassung]

Am Vorabend galante Verehrung

Unverwesbarer feldgrauer Leichen.

Rosa‘s Speck zu grünem Brei gerührt

Weht‘s süßlich vom Heldenfriedhof herüber.

Aus der neuen Gulaschkanone, der Teller drei Euro.

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

Geschnürte Stiefel sind blank

Geputzt mit schwarzer Wichse.

Ekelhafte Samtdoktrin sickert in Hirne,

Sankt Martin! Er kotzt auf olivgrünen Mantel.

Das sepiabraune Bild längst im Kasten! Heimlich zuletzt.

An der zweiachsigen Gulaschkanone, der Teller drei Euro.

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

Ein Gedenktag ist immerzu!

Auch du mußt stolze Trauer nähren.

Camouflagefarbenes Kleidchen mit rotem Käppi,

Schneewittchen und Maria dürfen heute mitkämpfen.

Fette Hüften lassen Reservistenherzen höher schlagen.

Im Takt fickt wund sich das Land, in Öffnungen aus Trockenfisch,

Und hinein in die Gulaschkanone auch Erbsen, der Teller drei Euro.

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

                                                                               /Tanzt…

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Tanzt nach tödlicher Trommel

Vom Leibregiment, vom Leibregiment,

Das sich nach König Adolf nennt. Namenschilder!

Unschuldige? Daß die Numerierten sich nicht schämen!

Ach was, ansonsten Gesetz-Gummigeknüppel in dem Land

Voll Lieb‘ und Leben, Notverordnung und käftige, knochige Hände.

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

Wieder dabei Rheinstahl,

Thyssen-Krupp, Kraus-Maffei!

Erbseneintopf, Leichengeruch im Saal.

An Panzerplatten klebt Schweinskopfsülze –

Birkenstock, Nordsee, Hugo Boss-Uniformen,

Filzpantoffeln und Fisch profitabel wie härtester Kruppstahl.

Ich kenn‘ das heil’ge Land allein am Geruche wieder. So geil –

Fast nach den modrigen Backstein-Kasernen! Lichterfelde

Liegt östlich vom Spandauer Knast – Siemens-Stadt.

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

„So schwören wir diesen heiligen Eid!“

Hi, Schneewittchen mit der Rommelbrille,

Mach ihnen die schwarzhaarigen Beine breit

Für den guten heiligen Zweck – der starb elend im Dreck!

Ja die alljährliche Trauer tut gut, Maria voll Gnade und Huld,

Vergibt ihnen die angebliche (großartige) Schuld;

Dem Kriegsgräberverein seinen ewigen Scheck.

Hallo, junger Mann, Nachschlach jefällich?

Der Teller drei Euro.

Er sättigt uns sehr.

Aber die Helden?

„Wir leben nicht mehr!“

                                                                                 /Ach, diese

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Ach, diese Teller, o Freunde!

Tiefe Teller, praktisch zu Schalen gesägt!

Aus weißen Schädeln! Radibim, radibom, radibommel,

Schlagt ihnen nochmals die dumpfe Totentrommel!

Es sind ihre Schädel da – den Schädeln dort,

Den Schädeln DEINER Art sehr ähnlich.

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

Wie dumpfen Bürgern erzählt:

Die Blutpolitik ist selbst so gewählt,

Mit diesem deutschen Boden verankert,

Mit Herz und Mund und unsern Kreuzen verbunden.

So steigen beim sozialdemokratischen Landratsbesuch am

Quarzitsteinernen Denkmal flugs ökomenische Gebete

Hinauf zum Papierfirmament; von oben heiliger Rat:

Der Appetit kommt den Knaben beim Essen!

Der Teller drei Euro.

Siegesbewußt den Herren geben,

Und nach den Wahlen Steuern zahlen,

Nicht nur billigsten Konzern-Profit erdulden.

Heilig gesprochene Waffenexporte im Reservisten-Drillich.

Sie turnen die Pflicht vor der Kür, als Trockenübung.

„Kommt! Hier steht die tolle Gulaschkanone,

Auf der ich seit meiner Kindheit wohne!

Der Teller drei gesegnete Euro!“

„Psst! Im nächsten Jahr

Drei staatliche Euro und fünfzig,

Ist immer noch RECHT und billich.“

Wußt ich‘s doch: ein Sponsor war Heckler & Koch!

Der Teller drei Euro und ewige Ehr‘

Den Taten gefallener Knechte!

Sie leben nicht mehr.

Bad Betteldorf , 11. November 2014

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Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen

Und blauen Seen, darüber die Sonne

Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch stille sammelt im Weidengrund

Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt

Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen

Es schwankt der Schwester Schatten durch den

                                                          /schweigenden Hain,

Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;

Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! Ihr ehernen Altäre

Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger

                                                                            /Schmerz

Die ungeborenen Enkel.

                   Georg Trakl (veröffentlicht im Brenner 1914/15)

Vom kindlichen Trieb, dem Lichte gemein zu sein. – Im Elternhaus folgten nach der Ernte der Gartenfrüchte traditionelle Übungen, die dafür sorgten, daß es im Keller bald erdig und etwas muffig roch … das ist ihm heute positiv belegt, aus der Kindheit stammt das nämlich, denn das bedeutete Nahrung zu haben, und Kartoffeln aß er immer schon gern. Keimt nun die Liebe/in langen blassen Trieben?/Knollen und Früchte sind so/die lange im Keller liegen/und nach Wachstum verlangen/und langen und langen/mit wächsernen kranken Ranken/mit Kraken und Schlangen […] Erich Fried. Beschwörung des Steines

Kreidezeit, der Fund:                     ein opalisierter Haifischzahn

Latene-Zeit, der Fund:                   ein blutiges Schwert

Coca-Cola-Zeit, der Fund:             ein blutiger Diamant

Goldman-Sachs-Zeit, der Fund:     ein blutiges Derivat?

Vorsorglich ein Tampon der Kinder-Kanzlerin?/Und viel EKEL ganz umsonst! Dazu moralapostolische Schavanästhetik … (GSK)

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Goldgruben

[…] Unter finsteren Tannen

Mischten zwei Wölfe ihr Blut.

Georg Trakl. Passion

(Original-Zitat) …. US-Rüstungsindustrie boomt [kleine Überschrift halbfett]

Krieg gegen IS erweist sich als Goldgrube [große Überschrift halbfett]

18.10.2014 15:48 Uhr/ AFP, t-online.de

Foto: Bildunterschrift: Ein US-Soldat montiert Raketen mit ausklappbaren Stabilisatoren an einem Apache AH-64D Kampfhubschrauber, der bereits mit Hellfire-Raketen bestückt ist. (Quelle: AFP)

    Für die Rüstungsindustrie erweisen sich die Luftangriffe der USA gegen den islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien als Goldgrube. Der Einsatz gegen die Dschihadistenmiliz vor wenigen Tagen „Operation Inherent resolve“ (etwa: „Operation natürliche Entschlossenheit“) getauft, beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und Einnahmen in Milliardenhöhe. (Absatz halbfett)

Gefragt sind Bomben, Raketen oder Ersatzteile für Kampfflugzeuge. Auch die Entwicklung neuer Rüstungsprojekte dürfte einen Schub erhalten. „Aus der Sicht der Verteidigungsindustrie ist es der perfekte Krieg“, sagt Branchenkenner Richard Aboulafia von der Marktforschungsfirma Teal Group.

Am 23. September, dem ersten Tag der Luftangriffe auf Syrien, feuerten US-Kriegsschiffe 47 Tomahawks ab. Kostenpunkt 1,4 Millionen Dollar pro Rakete. Ein Krieg mit hohem Materialeinsatz, ohne dass US-Soldaten sterben, geführt gegen einen international geächteten Feind [sic, ohne Komma] und ein Ende ist nicht abzusehen – eine perfekte Konstellation für die Waffenindustrie (Text mager).

Rüstungsfirmen legen an der Börse zu(halbfett)

In den vergangenen drei Monaten legte der Aktienkurs des Rüstungs und Technologieriesen Lockheed Martin um rund zehn Prozent zu. Der Konzern stellt unter anderem Hellfire-Raketen her, die von US-Drohnen abgefeuert werden. Auch die Börsenwerte der

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Rüstungsunternehmen Northrop Grumman und Raytheon stiegen seit Beginn des Militäreinsatzes.

Raytheon sicherte sich Ende September einen 251 Millionen Dollar (196 Millionen Euro) schweren Pentagon-Auftrag, der US-Marine weitere Tomahawk-Lenkraketen zu liefern.

Gute Geschäfte – nicht nur mit der US-Armee(halbfett)

Die Rüstungsfirmen hoffen nicht nur auf Geschäfte mit der US-Armee, sondern auch mit anderen Ländern der internationalen Koalition gegen den IS. An den Luftangriffen in Syrien beteiligen sich Bahrain, Jordanien, Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Im Irak fliegen unter anderem die französische Luftwaffe Angriffe. Außerdem schielen Sicherheitsunternehmen auf Beraterverträge bei Neuaufbau und Ausbildung der irakischen Regierungstruppen.

Noch vor einem Jahr sah alles anders aus. Da bereitete sich die Rüstungsindustrie in den USA daruf vor, den Gürtel enger zu schnallen. Präsident Barack Obama hatte die Truppen aus dem Irak abgezogen [sic, ohne Komma] und der Einsatz in Afghanistan neigte sich ebenfalls dem Ende zu. Angesichts des Schuldenberges sollten die Verteidigungsausgaben in den kommenden Jahren zurückgefahren werden. Der Haushaltsstreit zwischen Demokraten und Republikanern hatte bereits zu automatischen Kürzungen im Pantagon-Budget geführt. Erste Entlassungen in den Rüstungsfirmen waren die Folge.

Internationale Krisen kommen gelegen(halbfett)

Der Vormarsch der Dschihadisten im Irak und in Syrien, aber auch der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland kommen der Rüstungsindustrie daher wie gerufen. Sie haben in Washington zu einer Neubewertung der Sicherheitslage geführt. „Der politische Konsens scheint sich in Richtung höhere Verteidigungsausgaben zu bewegen, als Antwort auf das gefährliche Umfeld da draußen“, so Aboulafia.

Obama, der sich eigentlich dem Aufbau des eigenenen Landes widmen wollte, gab den Befehl zur Verlegung von 1600 Soldaten in den Irak. Der Einsatz von Kampftruppen hat der US-Präsident zwar ausgeschlossen. Die Soldaten sollen nur das irakische Militär beraten und wichtige US-Einrichtungen schützen. Dennoch brachte er eine Mission ins Rollen, die Jahre dauern könnte und deren Ende noch nicht abzusehen ist.

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Kritiker sind verstummt(halbfett)

Die Rufe aus dem Kongress in Washington nach harten Einschnitten im Verteidigungsbereich sind weitgehend verstummt. Selbst die für einen Minimalstaat eintretende Tea-Party-Bewegung habe ihre Kritik an Militäreinsätze im Ausland abgemildert, sagte Anboulafia.

Im gerade abgelaufenen Haushaltsjahr 2014 betrug das US-Verteidigungsbudget rund 580 Milliarden Dollar. Die USA sind damit weiter auf Platz eins in der Rangliste der nationalen Verteidigungbudgets -–und gaben alleine mehr Geld für Verteidigung aus als alle acht nachfolgenden Staaten zusammen. Das Pentagon hat nun gute Argumente, sein Stück am Haushaltskuchen in den kommenden Jahren wieder zu vergrößern. Widerstand aus dem Kongress dürfte nur wenig kommen, „Es ist unglaublich schwer, nein zu sagen, wenn man im Krieg ist“, sagt Loren Thompson vor Denkfabrik Lexington Institut [sic, Schreibfehler]. Zitat Ende; t-online.de/wirtschaft/unternehmen/id 18. Oktober 2014 . . . Hey man! Auch Trakl wußte längst bescheid, was da abgeht oder.

[…] Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.

O, das gräßliche Lachen des Golds.

Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,

Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

                               Georg Trakl. An die Verstummten.

Großaufträge. – Purpurne Flüsse vergiften die Ideen, bunte Vögel, die Federn lassen, und das Blut stinkt wie Pulverschleim: Arm in Arm gehen … reich und noch reicher werden … gleich und gleich ist ewig der Dollar … Gleiches mit Gleichem ermorden! Die frisch und weiß gekalkten Pentagone verteilen die Orden!

Die Erziehung zum förderlichen Kriegsdienst erfordert, daß alle guten Geister ihren Verstand verlassen und fortan dem herrschenden Einzigen im Lande dienen, nämlich den Gottgleichen, den Edlen und Reichen zugleich. Kampferfochtene Tugend/Du des Menschlichen Geschlechts/Edelste Sehnsucht!/Für dich, o schöne göttliche Jungfrau/ Starben Griechenlands Jünglinge der Helden Tod,/Für dich dulden sie froh/Brennender Wunden Qual und der Arbeit Last […] Aristoteles (384-322 v. Chr.). How many miles to Babylon? Erich Fried nach irischen Kinderreim … „In Potsdam unter den Eichen…“ Antikriegslied mit künstlerisch geringem Anspruch in wohlbekannter brechtiger Weil-Manier.

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Auf der Suche nach der Wahrheit

Zusammenfassung

Die große Wahrheit unseres Zeitalters (mit deren Erkenntnis noch nicht gedient ist, ohne deren Erkenntnis aber keine andere Wahrheit von Belang gefunden werden kann) ist es, daß unser Erdteil in Barbarei versinkt, weil die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln mit Gewalt festgehalten werden. Was nützt es da, etwas Mutiges zu schreiben, aus dem hervorgeht, daß der Zustand, in den wir versinken, ein barbarischer ist (was wahr ist), wenn nicht klar ist, warum wir in diesen Zustand geraten? Wir müssen sagen, daß gefoltert wird, weil die Eigentumsverhältnisse bleiben sollen. Freilich, wenn wir dies sagen, verlieren wir viele Freunde, die gegen das Foltern sind, weil sie glauben, die Eigentumsverhältnisse könnten auch ohne Foltern aufrechterhalten bleiben (was unwahr ist).

Wir müssen die Wahrheit über die barbarischen Zustände in unserem Land sagen, daß das getan werden kann, was sie zum verschwinden bringt, nämlich das, wodurch die Eigentumsverhältnisse geändert werden.

Wir müssen es ferner denen sagen, die unter den Eigentumsverhältnissen am meisten leiden, an ihrer Abänderung das meiste Interesse haben, den Arbeitern, und denen, die wir ihnen als Bundesgenossen zuführen können, weil sie eigentlich auch kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzen, wenn sie auch an den Gewinnen beteiligt sind.

Und wir müssen fünftens mit List vorgehen.

Und alle diese fünf Schwierigkeiten müssen wir zu ein und derselben Zeit lösen, denn wir können die Wahrheit über barbarische Zustände nicht erforschen, ohne an die zu denken, welche darunter leiden, und während wir, immerfort jede Anwandlung von Feigheit abschüttelnd, die wahren Zusammenhänge im Hinblick auf die suchen, die bereit sind, ihre Kenntnis zu benützen, müssen wir auch noch daran denken, ihnen die Wahrheit so zu reichen, daß sie eine Waffe in ihren Händen sein kann, und sogleich so listig, daß die Überreichung nicht vom Feind entdeckt und verhindert werden kann.

So viel wird verlangt, wenn verlangt wird, der Schriftsteller soll die Wahrheit schreiben (Bertolt Brecht 1935).

Und daß der deutschen Sozialdemokratie, zumindest weil sie Folter gegner ist, nicht abverlangt werden kann, eben aus dieser Erkenntnis

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sich zur vernünftigen Wahrheit zu bekehren, zur Solidarität mit den von ihnen erhofften Wählerstimmen des golden Schnitts und ihren Reproduktionsbedingungen, weil die Eigentumsverhältnisse so geblieben sind, wie sie zum Ausbruch der großen Barbareien bereits waren, und die Sozialdemokratie niemals fünf listige Gedanken zusammenbringen wird, um ihrem ältesten Programm gerecht zu werden, weil es eben von anfang an und bis zum Schluß nicht aus Wahrheit, aber aus bewußt herbeigeführten Lügen und Gedächtnislücken besteht, die man gemeinhin als öffentlichen Geschichts-Prozeß führt, deren Richter die Eigentumsverhältnisse dermaßen beurteilen, daß sie aus allen erdenklichen Gründen so belassen werden sollen, weil diese Art von Demokratie bereits alles beherrscht. (04.12.2014) Edathy-Prozeß einstellen!

Wandertag1) Merksätze für den Schulwandertag: Wind und Wetter: Auch Regenwolken und unsicheres Wetter sollten uns nicht abschrecken. Wenn wir die Jugend wetterfest haben wollen, dürfen wir sie auch vor der Unbill der Witterung nicht ängstlich behüten. „So betrachtet ist der Wandertag keine Angelegenheit, die nur die Bereicherung der Kenntnisse und Fertigkeiten betrifft, nur die Lehrerschaft und Elernschaft in ihrer Sorge um die beste Erziehung der Kinder angeht: er ist ein bescheidener Baustein für den von uns ersehnten Aufbau unseres Volkes auf einer neuen sittlichen Grundlage.“ (Schomburg 1956). So sollte gerade heutzutage wieder nicht sehr weit gereist werden. Jetzt, wo der US-Dollar so immens hoch steht, hoch am Himmel der Fernreiselust, genügt es oft, einfach nur im Westerwald spazieren zu gehen, vielleicht über den stadtnahen Südfriedhof oder einmal gemütlich am Rhein entlangzuradeln. Fremde Kulturen verursachen in uns Deutschen nur wirre Gedanken … in chinatown für 40 cts einen kleinen chinesischen glücksgott gekauft. überlegte ein stück die reisen des Glücksgotts. der gott derer, die glücklich zu sein wünschen, bereist den kontinent, hinter ihm eine furche von exzessen und totschlag. (Brecht 16.11.41)

Dem Klapphelm eine Lanze brechen. – Als Nachtrag zu einem Minifeature in einem Bikermagazin: Wenn wir schon wie mittelalterliche Ritter, allen Gefahren des Weges trotzend, in eisiger Kälte frierend

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1)  vgl. Schomburg 1956 s.a. Münker, Wilhelm : Geschichte des Jugendherbergswerks von 1933 bis 1945. 100 S., Deutscher Heimatverlag Ernst Gieseking, Bielefeld.

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und gegen gleißende Sonnen blinzelnd, durch die fremden Lande reiten, ständig Ausschau halten nach dem gefährlichsten Drachen, der hinter jeden engen Wegbiegung lauert, ihn mit quietschenden Reifen und kaltem Mut bezwingen, windet er sich am Scheitelpunkt vor den Zumachen noch so sehr, so möchte ich wenigstens nicht auf meinen KLAPPHELM verzichten, der das ritterliche unseres Wesens erst vor-zeigt, wenn wir frohen Mutes auf die unberechenbare Strecke blicken, vor dem Angriff jeder unser GESICHTE sehen, in unsere Augen blicken kann, bevor wir uns in den heldenhaften Kampf stürzen, das letzte Restchen von Freiheit zu finden, welches uns zwischen der IKEA Couch und Fertiggerichten, IHK und IG-Metall noch bleibt, eine Idee, besser eine IMAGINATION von Freiheit, die uns die Bankenrettung und die Ersatzteilpreise, zwischen TÜV und Tempoblitzer, Vignette und dunstigen Alpenblicken, noch übrig gelassen haben . . . Das wahre Glück muß erkämpft werden, denn fällt es uns in den Schoß, liegt es griffbereit herum, so ist es zwar süß, ist aber meist ein faules Obst. Ganz anders verhält es sich bei lukrativen Erbschaften und dem falschen Wetter, welches uns auf der Heldentour überrascht. Wir nehmen es gelassen hin, aller Langeweile zum Trotz. Vielleicht endlich wieder Marlboro rauchen und auch auf das Rheuma pfeifen, weil wir allesamt so harte Naturburschen geblieben, Ganzjahresfahrer, die wir längst geworden sind, und durch Überschwemmungen und Tiefschnee unser Bike treiben, dessen Hufe nach alter Indianerart nicht immer von Heidenau beschlagen sind, sondern als Straßenversion auch mal welsche Namen tragen – alles für‘s Gefühl von Freiheit. (ein anonymer, zwischen den Staureihen fahrender Staupilot).

    Auf der Strecke zwischen Kiel–Wiesbaden regnete es auf der ganzen Strecke (bis weit hinter Gießen). Starkregen auf der Autobahn, das wird man hin und wieder mal erlebt haben, doch sind diese Härteprüfungen für Motorradfahrer besonders einprägsam. Da gibt es Biker, die beim ersten Tropfen unter Brücken stehen und sich angeblich wasserdichte Ganzkörperpräser überstreifen. Sie werden letztlich im eigenen Saft durchfeuchtet, während Hartgesottene stehendes Wasser in Stiefel, Hose und Jackentaschen herumfahren (die Wassermengen sind enorm). Ich empfehle bei Regen garnicht anzuhalten, alle Witterung in kauf zu nehmen, und wenn Warmduscher (vermutlich Hotel-Biker=HB-Männchen) unter Brücken stehen, um grellbunte Plastikhüllen abzustreifen, fahren wir grüßend vorbei, uns ruckzuck trocken, voller Glück im Herzen, auch diese TorTour überlebt zu haben.

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Bericht an eine Kommission aus dem Jahr 2015

von Harry Hassmann

(in Auszügen)

Vorbemerkung: Mein erster Tätigkeitsbericht1) für diese Kommission (das Jahr 2022 betreffend) beruhte vermutlich bereits auf absehbaren Tatsachen, was natürlich nicht heißt daß er, obwohl vorhergesagt, auch wahr ist. Da ein zweiter Bericht dieser Art nicht mehr existiert (als Folge des Blackrock-Stromdisasters im Jahr 2011, in dem sämtliche Pseudo-Daten weltweit angeblich gelöscht wurden), und von Amts wegen bislang nicht eingefordert wurden, soll sich der vorliegende dritte Bericht an die EU-Kommission nicht mit einer als sicher geltenden nahen Zukunft, aber wenigstens mit der jüngeren Vergangenheit und ein wenig auch mit der unmittelbaren Gegenwart befassen. Der globalgesetzlichen Forderung, daß jeder volljährige Bürger der TTIP & CETA-Union, der zumindest über eine Internetadresse verfügt, jährlich einen individuell verfaßten Bericht über seine jeweiligen Heimlichkeitsgedanken zu verfassen hat, ist damit hoffentlich genüge getan. (1) Meine persönliche Kennziffer wird seit der Implantierung des Dauersensors im Zweisekundentakt in den Sekrets-Bunker in Langley/Virginia gepulst (Ort leicht verändert).

Persönliche Assoziationen (ungegliedert): In Polen und Rumänien sind Bestrebungen im Gang, die zu einer neuen und ebenso effektiven Nutzung der CIA-Folterkeller führen sollen. Obwohl zunächst an eine kostenlose und natürlich geheime Einlagerung der europäischen Steuerfluchtakten gedacht war, ist der Bau des definitiven Gigantospeichers „Das heilige Gedächtnis des Abendlandes“, weiter in der Diskussion. Die global aufgestellte Hedgefonds & Atomlobby will angesichts der Genehmigung von 295 weiteren Kernkraftwerken nicht hinnehmen, daß eine sichere Unterbringung von Geheimdienstdaten und der milliardenfachen Abhör- und Folterprotokolle absoluten Vorrang vor dem hochradioaktiven Atommüll haben wird.

    Die ehrgeizigen Enkel der GI-Neger aller Coleur (sogar in Alabama und Mississippi) sind sogar als Präsidenten längst gleichberechtigt, was absolut keine praktische Bedeutung hat, denn nächtliche

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1) Stephan-Kempf, Günter (2010): Mare vulgata – alles was recht ist sagen sie … INSELJAHRE Band 14, Edition Geoteam Bad Schwalbach, Korrektur-ausgabe, Bericht für eine Kommission … S. 183-193, 1 Abbildung.

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Hakennasenkorrekturen der Mitarbeiter und Lobbyisten von BlackRock Inc. werden weiterhin aus Kosteneinsparungen bei der NASA (Mengenrabatte!) und Steuergeldern finanziert.

    Über viele dieser Großväter hat die Nachkriegssoziologie sehr bald behauptet, daß man ihnen im Krieg, besonders in den russischen Wintern, in Kriegsgefangenschaft und bei der Entnazifizierung alle Arme, zumindest die Schmutzigen Hände amputiert und ihr Gemüt bis auf winzige Reste sogleich auf den Müllplatz des Wirtschaftswunders geworfen hat. Daran waren rheinischer Revanchismus, die amerikanische D-Mark und die frisch installierte Einheitsgewerkschaft gleichermaßen schuldig geworden. Der Rest wurde von heimlichen Krankmachern, Milben, Viren und Bakterien, allesamt Feinde von Freiheit und Demokratie, die seit dem amerikanisch-spanischen Krieg längst auf der Lauer lagen, und jetzt in Care-Paketen überall im vom Kommunismus bedrohten Westeuropa verteilt wurden, im Sinne der ebenfalls einheitlichen Geldgeber durchgeführt. So haben viele Väter wie mein eigener ähnliches behauptet, obwohl er körperlich heil nach Hause zurückgekehrt war. Niemals im vom Kommunismus bedrohten Europa, haben sie öffentlich Kinderhaar gestreichelt. Sogar im akuten History-Channel wird die zornig-depressive Sprachlosigkeit dieser armen Männer als männlich und geschlechtstypisch hingenommen.

Freie Fahrt für freie Bürger: Keine Experimente, alles wird gut. „Eine Maut für Pkw wird es mit mir nicht geben.“ (oder) „Endlich kann in Deutschland die allgemeine Mautpflicht eingeführt werden, wir gratulieren!“ Reden ein und derselben Kanzlerin. Sie sprach diese verlogenen Bekenntnisse innerhalb eines einzigen Jahres, allerdings mit ihren „Schamlippen“. Aber nichts ist jemals gut geworden, nur  weil es immer gleich weitergeht, was der heutige Zustand eindeutig beweist.

Nach der Abwrackprämie für Pkw, die älter als 9 Monate sind, hat die Zwangsenteignung durch eine winzige Plakette an der Windschutzscheibe zur Zulassung von immerhin 745 Neuwagen geführt. Die freie Fahrt für frei Bürger wird durch winzige oft eingewachsene Schilder an den Stadtgrenzen dahingehend eingeschränkt, daß unter Androhung mittelalterlicher Strafen das umfriedete Stadtgebiet nur von Rentenversicherungspflichtigen der Innung der Grünplakettierten befahren werden darf. Der Ekel in der Ökoszene nach den Zwangspfandkrediten an den deutschen Einzelhandel (die zinslosen Trittin-Milliarden), hat eine noch größere Kotzarie bei einkommensschwachen Altwagenfahrern

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ausgelöst. Obwohl sie nur etwa 0,12 Prozent der zugelassen Kfz ausmachen, hat sich das Investitionsklima nicht verbessert, auch wenn das Fernsehen pro Tag gefühlt etwa 68,3 mal das Wort Klimaänderung in Tierfilmen und 100% politikfreien Naturluftbilddokumentationen vorzeigt. „Ägypten – Pyramiden, Pharaonen und Phillister, die Reiseindustrie ist terrorsicher … letzte versteckte Badestrände in Spanien … Geheimtips für Inselparadiese der Tropen …. der Zauber der vollkommen menschenleeren Antarktis … die spottbilligen Massen-Kreuzfahrten boomen … All-Inclusive Bangkok Three Days? Megaout!

    Die Mahlzeiten werden weiterhin entweder im Sitzen oder auch im Stehen eingenommen. Neu ist das flexible Essen, je nachdem, was die Franchisebetriebe vorschreiben … Kopfstand zwecks Vorbeugung gegen Knochen, die im Halse stecken bleiben, deswegen hat der spitzbärtige Rebell Kentucky-Fried-Chicken Konkurs gemacht … angeblich wird gemunkelt, denn vieles im Wirtschaftsleben ist geheimer als Reichweiten der Polaris-Raketen, oder wie die immer heute heißen. Alles andere wäre Geheimnisverrat oder Waffenabnehmern wie der ISS in die Hände gearbeitet … Wir erinnern uns an Rudolf Augstein und FJS… aber die Nato gibt es immer noch … sie reicht inzwischen gefühlt bis Wladiwostok, trotz oder wegen der Spiegelaffäre.

    Volkswirtschaftlich machten sich früher alle nur denkbaren, direkt oder indirekt auf die Kapitalbesitzer und Spielgeldbesitzer im Casino einwirkenden Bedingungen bemerkbar (J. M. Keynes). Weil sich miteinander in Wechselwirkung stehenden Vorgänge so gut wie nicht vorhersagen, geschweige denn beherrschen lassen, sind die wenigen federführenden Megabanken und Hedgefondsgiganten dazu übergegangen, künftig ihren Algorithmen mehr zu trauen als ihren hörigen Politiker. Ein immer neuer Algorithmus paßt dieser Finanzwelt – er IST sie geworden. In Wirklichkeit, zum Beispiel vor ein Gericht gestellt, besitzt er, wenn auch meist stümperhaft verheimlichte Gesichter und Namen, aber der A. kann, im Gegensatz zu Geheimdienstmitarbeitern, die plötzlich ihr gutes Gewissen anscheißt, keine Geheimnisse verraten, oder zu journalistischen Eintagsfliegen machen, der IM der Systemgierigen bestellt keine Kinderpornos im Internet, ist in keine Korruptionsskandale der SCHWARZEN verwickelt, fickt als italienische Politschmalzlocke und Medienmonopolist keine minderjährigen Mädchen . . . wie ein Hauch schwebt die gleiche alte Welt vorbei, die in Spiegelsälen einst Ideale krönte, Reiche und ihre Reichen entstehen

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ließ und zumindest verbal am kristlichen Sonntag ein klein wenig vom (allgemeinen) Wohlstand zurückverteilen ließ … Ganz ähnlich der einst gefürchteten Einkommenssteuererklärungen für deutsche Sozialhilfeempfänger in Florida . . . allein die künftige Mautpflicht verursacht wegen der implizierten Hilflosigkeit der Opportunisten statistisch drei Millionen Magengeschwüre. Dieses ganz tolle, alternativlose  System hat sich wieder einmal als dauerhaftig und tragfähig erwiesen. Am staatlichen Schulsystem kann weniger verdient werden als im lobbyistisch durchsetzten Gesundheitswesen oder gar am Tunnelbau. Die gigantischen Folgekosten beim Unterhalt unnötiger Verkehrsprojekte sind raffiniert und sichern Pfründe der Großfirmen und der unbeteiligt scheinenden Politiker auf Generationen (sic).

Moderne Lebensgewohnheiten: viele Menschen sind wegen dem kontinuierlichen Konsumieren zu faul geworden, die Thermostate ihrer hypermodernen Zentralheizungen zu bedienen. Wie ihre Großväter heizen sie zusätzlich mit einem elektrischen Heizlüfter, weil andere elektrische Heizungen mit dem EG-Schamfaktor 9 belegt sind. Der ökologische Ausgleich erfolgt mit dem fast schadstoffreien, steuerbefreiten 30-Liter-Zweit-Jeep für Mutti, der die Kinder sicher zu Ballett, Tennis und Reiterhof kutschiert… Panzerführerschein? Nee, aber eine Einparkhilfe.

Menschen, die Angst davor haben, ihren Bericht nicht mit ausreichend Bemerkungen zu füllen, sind weiterhin auf gewisse Informationen angewiesen, wobei solcher Umgang zwar nicht strafbar, zumindest aber Grund für die engmaschiger werdenden Rasterinteressen des ZK (Zentralkomputers) liefern. Die Menschen sind daher dazu übergegangen, ARD-Nachrichten oder die pseudokritischen Dekomentationen z.B. auf ARTE heimlich zu notieren (Kuli, Schreibblock direkt am Fernsehsessel) … so kann beim Verfassen der Bürgerwertigkeitsberichte, das ist die amtlich Bezeichnung, erstaunlich viel bemerkt und interpretiert werden. Wie in der Schule: Wenn ein Aufsatz innere Zustände eines Schölers nur andeutete, so diente die strenge Korrektur der Kommaregeln für schlechte Noten. Korrektur und Zensur gehören nur bei Zeilen eines Gedichtes auf eine gedankliche Ebene. Ansonsten Tabula rasa! Sogar die ERBSCHAFTSSTEUER, d. h. die Nichterbschaftssteuerpflicht bei großen Vermögen, die über Firmen des Wirtschaftssystems angehäuft wurden, deshalb nicht zu versteuern sind.

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Da wäre Tante Emma (96), hat einen Teil ihrer Kriegerwitwenrente eisern gespart, und das über siebzig Jahre … Nun, sogar diese Art der Sehweise auf ein Mindestmaß an Gerechtigkeit kann ich mir ersparen.

    Die Charaktereigenschaften des Berichterstatters, seine Bildung, sein Abwehrmechanismus oder seine Unterwürfigkeit, sein austauschbarer Testosteronspiegel und die Art der vorgekauten INDUSTRIE-Nahrung, alles wirkt ein auf die Bereitschaft, frank und frei aus einer persönlichen Meinung heraus zu berichten. Ich selbst, als ausgewiesener Laie in diesem Geschäft, tendiere immer mehr dazu in einen undeutbaren, hoffentlich unkreativen, alkoholisierten Zustand zu geraten, um mit der damit verbundenen Leichtigkeit und endlichen Schwere, eben diesen abscheulichen Zustand zuletzt sogar schriftlich zu kritisieren, in den uns die bereits an anderen Stellen genannten Konzerne und ihre Bosse, die sogenannten demokratischen Volksparteien und ihre Ober- und Unterlakaien, die abgefuckten und unübertrefflich verlogenen PolitikerInnen und ihre Nachwuchsorganisationen, die den Schleimspuren der momentan Kriechenden nichts als folgen wollen, die genialen Schwarz-Weiß-Maler der Monopolverlage und vermutlich eines einzigen Fernsehmachers, die meist schwarzgewandeten Heuchler, Scharlatane und Dunkelwichser der Religionen, besonders der mit immer neuen STEUERMILLIARDEN gesegneten Kristenmafia (!) und das allerletzte Fünkchen eines überlieferten Journalismus lavriert haben, oder. Ein besonders schräger Vogel wie Karl Kraus, der seinen scharfzüngigen Intellekt liebte, ein jeder klare Verstand, sogar ein Dieter Hildebrandt im Deutschfernsehen, wäre in diesem faulgärig vor sich hin stinkenden Zustand der gesellschaftlichen, sprich der jämmerlich kulturellen Pseudorealität, keine fünf Minuten fähig, seinen wahrnehmenden und ordnenden Geist auch nur einen Millimeter von der einfachsten schimmelfördernden aber erlösend wirkenden Fäkalsprache freizuhalten: „Die Scheiße liegt in diesem Land wieder einmal dermaßen hoch, daß sogar die Schmeißfliegen sie nicht mehr umschwärmen möchten!“

Wieder einmal ist es in diesem Land so weit, daß die Beugung des Gesetzes, die ungerechtfertigte Zuwendung von Geld und den synonymen geldwerten Vorteilen, das Verkleben der Augen vor Folter, Elektrofolter, Waterbording und die üblichen bestialischen Methoden, Klitorisverstümmelung, Vergewaltigung, Kriege (?) gegen Zivilisten, Waffenexporte, Konzernwillkür schreitet voran, was das Zeug hält.

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Wenn die fragwürdigen Genehmigung von uneffektiven Windkraftanlagen in der allerletzten Quasi-Natur allein zum Wohle reicher steuersparenden Geldanleger zum Alltag wird, alles an perfider Eigennützigkeit für die renditegeile Klientel der INVESTOREN zum alltäglichen Vorgang normalisiert erscheint, dann werden sich im gesellschaftlichen Kreisverkehr Fernsehprogramm und parlamentarische Wahlen immer ähnlicher. Die Welt dient sich selber zur maßlosen Verdummung. Die unglaublich engmaschige Wiederholung derselben Filme und „Dokumentationen“, fast nur im Luftbildmodus mit farblich geklonter Abstimmung, fein über alle Arten von hirntötenden Propagandafunktionen verteilt. Tierfilme, Nazideutschland wie es wirklich war, G-36-Militarismus, TATORTE zwischen die Werbeblöcke gesetzt; durchschaubare Tendenzmeldungen, sich perfekt wiederholdende gleiche Sendefolgen – alles im Framing! Tatorte, immer neue Folgen, bis sich die ganze Welt gegenseitig ermordet hat. Fast 100% der Drehbuch-Verbrechen aufgeklärt! Ist die Inkarnation des Filtiven. Fast wie ein Hohn die unnützen Sachen, die gekauft müssen sollen.

    Fakt ist: Fernsehprogramm und politische Wahlen gleichen sich immer mehr. Wiederholungen, leere Versprechungen, analytisch konstruierte Unwahrheiten, Scheinwirklichkeiten, Imaginationen und falsche Bilder, inszenierte Lügen in Permanenz. Denn diese Welt ist immer noch nicht so FREI geworden, wie sie einmal werden wird! Kritiklos akzeptiert und rundherum ein absolutistisch sicherer Platz für die Reichsten der Reichen. Zuletzt wird der erzwungene Terrorismus abgeschafft und versuchsweise durch den Begriff TOTALHAPPYNESS ersetzt. Die wenigen der verurteilten Glücksverweigerer kommen in den Knast, denn der ist eh bereits voll.

  Die noch im Wachstum befindlichen, empfindlichen Wesen philosophischer Weisheiten werden, den Ketzern und ihren Büchern im finsteren Mittelalter gleich, nicht verbrannt, dafür in neonbeleuchteten Käfigen gehalten: In Langen/Hessen (nicht in Langley/Virginia) in den weitläufigen Tiefbunkeretagen des Paul-Ehrlich-Institutes des Bundesgesundheitsamtes wird an lebenden PRIMATEN geforscht; jene Affenwesen können vor Angst zittern, vor Schmerzen schreien, wissen?, daß es keinen GOTT geben kann – niemals! das ist diesen Kreaturen sicher. Das alles ist den modernsten Folterkellern angloamerikanischer Heilsbringer gleich. Die Schmerzen des Tages, die Qualen der Nacht, die erbärmlichen Taten sind unendlich … Orwell’s Visionen, Huxley‘s Humor, das Degenhardt’sche Hygieneinstitut, das Jungk’sche Wilde Denken gegen menschenfeindlichen Zeitgeist, und alle anderen warnenden Vorhersagen sie waren für uns tatsächlich richtig!

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Die Nazis, welch eine Verkürzung bei der Bezeichnug der Schuldigen aus sämtlichen Institution des weltweiten Kapitalismus, die Nazis hatten nur 12 Jahre für ihre Verbrechen, die USA betreiben dieses Handwerk gegen hilflose Menschen seit 1858 (?) … spätestens seit dem Kubanisch-Spanischer Krieg! … „Handelsniederlassungen“ … Hawaii, Philippinen, Panama und … und … und dreihundert Kriege!

    Und die Rüstungsexporte sind längst kein Geschäft ordentlicher Kaufleute mehr, nun aber das bloße Weiterreichen von Billionen von einer Ecke in die andere dieses Planeten. Hört der Eisenglocken Klang – Eisenklang! …. Auch in der staatlichen Propaganda, will sagen, in der Pädagogik hat man Fortschritte zu vermelden. Der schimmelige Humanismus, die Hegelsche Dialektik und der Kant’sche Imperativ gelten als vollkommen abgeschafft. Das Abitur gibt es mittlerweile (wie das Gesundheitssystem) in drei Stufen, die in das A-, B- und C-Abitur, dann in Patientenklassen unterschieden werden.

Nur das Wort Troika ist im neoklassischen Griechenland verboten, der Unterricht findet auf Englisch statt. Ein Ritter hehr/Von Art und Ehr … endlich ist alles im Original erhältlich. Sogar unreife grüne Kartoffeln werden für die authentische Armenspeisung nicht mehr gekocht.

   Bei der „Wehrkundetagung“ 2015 in München wurden leicht zurückgegangene Waffenexporte (friedenspolitisch) gewürdigt, aber die trotzdem kräftige Erhöhung der Umsätze gelobt (sic). Der deutsche Ferkelismus wird trotz des Rekordexportes von fast allen Staats- und Wirtschaftsführern hoch gelobt. Nur die Iren diskutieren sehr nachteilig über das weiterhin sehr geheime aber ganz sicher drohende TTIP-Abkommen mit den USA: Pappie ist eine pfiffige kleine Ratte (…) In seinem Gesicht drückt sich das in seiner O’Connell-Schnauze aus. (S. Joyce 1984, S. 64). Der Gabriel von der SPD beherrscht seine historisch eingefleischte neoliberale Rhetorik, die zugleich den Zynismus der Technokraten-Riege ab Schmidts DOPPELBESCHLUSS aufwärts widerspiegelt: „Die 940.000 Unterschriften gegen das TTIP? Die regen sich doch über etwas auf, was es noch garnicht gibt.“ (sic)

Im Wettbewerb unschlagbar! Sarkozy forderte von einem einzelnen Rapper 250 Millionen Euro Schadensersatz für die wochenlangen Krawalle der arbeitslosen Jugendlichen in der Banlieue und in anderen großen Städten Frankreichs im Jahre 2005 (?) Fast 10.000 Autos wurden zerstört, immerhin mehr als 2.800 Festnahmen. Nur seine Rapsongs seien für die gewalttätigen Proteste verantwortlich. Französische Gerichte pfiffen Sarkozy allerdings zurück. Kopfschütteln? Nein.

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Was nachwirkt sind die merkwürdigen Routinen besonders bei der Kriegspropaganda. – Hier spätestens wurden die ersten Kuhhörner an Helmen nordischer Krieger (und an Stahlhelmen der Nazi-Soldaten) erfunden, dem absolut dekorativen, aber nachweislich ahistorischen, bunten Stirnband kupferglänzend zurechtgeschminkter Hollywood-Apatschen nicht unähnlich. Was wir im wiedervereinigten Deutschland weiterhin brauchen, der Respekt nicht vor den Antifaschisten, die im Widerstand starben, nicht vor den füsilierten Fahnenflüchtigen der Naziarmee, aber allein vor den hochdekorierten preußischen Offizieren, die bereits 1944 den Krieg verloren glaubten, und die neue Furcht begründeten, vielleicht vor einem radioaktiven Rübezahl im Erzgebirge, der die Russenangst anderweitig warmhalten könnte.

Die Nasenringromantik wurde ausgerechnet von den Großvätern vererbt, die auf der Vogelkopphalbinsel von Neuguinea oder auf Tonga eine glänzende Kolonialoffizierskarriere ausschlugen. Schweißglänzende Ober- und besonders beachtliche Unterkörper in Germanien stationierter Bizeps-Neger überkommen preußische Jungfrauen in deren feuchten Träumen. Penisneid? Dazu wurde die Dolchstoßlegende erfunden. Auf dem Lehrplan von einst die farbige Abbildung von Osama Bin Laden (dünner schwarzer Vollbart!) als „die Inkarnation des Bösen“ im Schulbuch für den Sozialkundeunterricht von Baden Württemberg um 1997 (sic).

Bei IKEA gibt es neben den üblichen Gewinnverschleierungen (Steuerhinterziehung) wieder günstiges buntes Geschirr und endlich wieder die urigen handgemachten Fleckerlteppiche aus den Lumpen dieser Welt (Aus den Rot-Kreuz-Sammlungen für Afrika und Bangla Desh chemisch gereinigt!), gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen treten sie vor die Kameras. Die Putinversteher, Ukrainesachverständige und Griechenlandfans haben miteinander nichts zu tun. Alles wartet auf den berühmten Flugzeugabsturz, durch den sich endlich die tagtäglich gleichen Meldungen der Propaganda ablösen lassen. „Es befinden sich auch Franzosen/ Engländer/Spanier/Deutsche unter den Opfern. Allen Angehörigen sprechen wir unser tiefstes Mitgefühl aus!“ Da könnten die Staatsweiber und die Staatsmacker eine Trauermine aufsetzen und verlautbaren, wie leid ihnen das alles tut. Geschickt geheuchelte Empatie kommt bei Bürgen gut an, die verstehen sie! Besser als die anderen Lügen! Gnadenlos der Umgang mit armen Kindern und Menschen in der Welt, die im Sekundentakt verrecken, nur weil Großkonzerne und ihre Hausbanken den Hals niemals voll genug bekommen. (…)

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PULA

Notizen zweier versuchter Reisen

Dreiecksbeziehungen

Ich wollte dem Mann noch die Hand reichen,

aber er war bereits gegangen.

Ich wollte der Frau noch die Hand reichen,

aber sie war bereits gegangen.

Ich wollte beiden noch die Hand reichen,

aber wir waren bereits gegangen.

         15. Mai 2014

Auf der Suche nach dem Paradies

In Pula 09 Uhr: Treffpunkt Cafe Charlie gleich gegenüber der Kanzlei, Branko, der Vermittler ist überpünklich, ebenso Mutter und Tochter als Verkäufer – Bald eröffnet der Notar seiner Versammlung, daß ich als Ausländer kein Bauernland kaufen darf. Nun wird man sich in Vodnjan (Dignano) erkundigen, inwieweit sich weitere Probleme oder Lösungen zeigen. Grundsätzlich gilt, daß ich ohne den guten Rat und die Hilfe der neuen Freunde vollkommen ausgeliefert wäre. Später treffe ich offenbar rein zufällig Franjo und Marie beim Lidl – natürlich nach dem LM-Einkauf im Cafe am Parkplatz.

Im Immobilienbüro von STANOINVEST hinterlasse ich eine Nachricht für Kristjan, da ich künftig wieder ein paar Besichtigungen machen möchte.

Es gibt ein gutes Sauerteigbrot/Mischbrot Seljački Kruh 500 g … für 8,99 Kuna bei Billa …

Joe Cocker was here … die römische Arena.

Nach dem Treffen beim Notar lange Verabschiedungen; danach Bummel durch die Markthalle und über den Markt – Fisch – mit einem großartigen Angebot. Sardinen sind spottbillig! Meist liegen die Preise für einfachen Fisch bei 60-80 Kuna/kg (etwa 10 Euro) … Was aber kocht man mit Sardinen?

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Eine harte Wurst von Lidl 200g 9,99 Kuna Češujovka (…die Knoblauchartige)

Kalendernotizen: MORA Treffen Biker-Days-Pula vom 27.7.-5.8. im Šijana forest …

Tschüs heißt in Kroatien: Bog … Was zurerst auffällt: nach den kleinsten Lebenstaten wir bei nächster Gelegenheit irgendwo in einem der vielen Caféhäuser ein Kafe eingenommen … im Radio gerade fast nur elektronisch gequält kauderwelschiges Amigedudel … schier unerträglich in dieser offensichtlichen Tagesmode … www.kolonialdialektenglischscheißig, notdürftig einem Reggae verwandt (was wohl ebenso balla ist … oh oh oh … ohuhuuuhuuu …. oh … ohohuhuhuhu … I want’you! That You stay the night! … ohuhuu-huu … oh .. oh … oh … und fade out. Gern lebte ich ohne Gedanken.

Tagesrezept: Spaghetti Oliva. Tomatenmus, mit Oreganum und Knoblauch, Speck, Olivenöl anbraten, Petersilie grob hacken dazu schwarze Oliven und Tomatenstücke, Brot und Rotwein …

Rundgang Nähe des römischen Mosaiks. Amt für Geodäsie, bekomme vom Chef einen (veralteten) Satz Topografischer Karten dieser Gegend geschenkt (Sind Sie ein Journalist?). Dann Forum, Herkules Tempel, Rathaus- Uni-Bibliothek, werde Mitglied für ein Jahr (70 Kuna) für den Preis von einem Kilo Fisch … Cafe am Forum mit Robert, er möchte als Security nach London .. (07.04.14)

Ockerig eingebräunte Calzit-Stufe (mind. 12 kg) bei Branko in Fažana – Weiteres Foto: Mäandermuster auf roher Kalkplatte (Dentriten?).

Warum haben Spaziergänger/Innen in der ganzen Gegend oft dünne Stöcke dabei? Wegen der Schlangen? Oder, um damit den zur Zeit überall wachsenden wilden Spargel zu entdecken? Knorrige alte Stöcke lehnen meist auch an Türrahmen der Bauernhäuser der ländlichen Umgebung… (09.04.14)

Mut zur Lücke … warum habe ich, wo ich doch so gern und viel schreibe, niemals ein regelrechtes Tagebuch über einen bestimmten Zeitraum hinaus geführt?

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Scheiße zum Quadrat. – Die unglaubliche Beleidigung des Lesers findet in gefühlter Intensität bereits nach einer Woche Medienverzicht statt. Originalzitat: „Roger Cicero, 43, ist von seinem Vater, dem Jazz-Pianisten Eugen Cicero, schon als Heranwachsender zum Rauchen verführt worden. Er habe seinen Vater auf den Autofahrten zwischen dessen Auftritten begleitet, sagte Cicero dem Magazin Focus: „Wir fuhren tagelang in seinem alten, mintgrünen Audi 100 und haben geraucht“ sagte Cicero. „ich war erst 14 Jahre alt, aber mein Vater meinte: Rauchen sollst du lieber mit mir als alleine.“ sic. (Süddeutsche Zeitung, Samstag 12./13. April 2014, kursive Hervorhebung nach dem Original).

Er fing es so an, wie wir alle anfangen, wenn wir versuchen wollen, das Paradies wiederzuerlangen: er gab Geld aus. (Wallace 1975, S. 228) Bei Pevec in Pula einige hochwertige Elo Rubin Töpfe zur Grundausstattung der neuen Wohnung gekauft … Edelstahl mit Glasdeckel.

Im Cafehaus ein kalter Macchiata, der bereits fast kalt serviert wurde, wohl weil er in nicht vorgewärmte dickwandige kalte Tassen kommt. … aber die (jungen) Frauen hier und überall! Ach, nicht nur die jungen, überhaupt üppige Gewächse – in so vielen Generationen aus den schönsten Sklavinnen Roms gewachsen! Der Frühling quillt über, schwappt über die Flanierzeilen – zum Glück ist noch wechselhaftes Wetter, dabei dennoch angenehm, sonst wäre meine Begier bereits vollends entflammt – kurvenbetonte Wirkungen, vielleicht ist das die neue Brille (Gleitsicht).

Habe die Stadtbibliothek, die ich eigentlich aufsuchen wollte, wieder verpaßt. Mitglied bin ich also in der Uni-Bibliothek und nicht in der ersteren.

Morgen findet eine (Red-Bullige) Flugschau (Luftrennen!) im wunderschönen alten Rovinij statt, da hätte ich irgendwann auch zum Nürburgring fahren können, wenn mir solches gefiele.

Im Hafen eine alte Ketch entdeckt, bei der ich nachfrage, ob sie zu verkaufen wäre. Und tatsächlich; ich verabrede mich mit der Eignerin am nächsten Tag … sie möchte aber nicht gern verkaufen „weil sie die Polster selber genäht hat“ (!), das sagt mir bereits vorher ihr Mann, der selber professionell Boote restauriert. Warum also liegt das private Sportboot als (hellstrahlendes) einziges direkt an der Pier, in Nachbarschaft zu den Ausflugsschiffen für die Touristen? (13.04.2014)

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Erstelle bereits eine Einladungsliste für die Einweihung der neuen Wohnung in Gerovica … es sind bereits mehr als 36 Personen, die ich einladen möchte, weil sie mir auf die eine oder die andere Art halfen, oder sie einfach nette Zeitgenossen zu sein scheinen . . . Beim Einzug aber macht die Vermieterin (Alkoholikerin und offenbar mit zu hohen Schulden und unbezahlten Stromrechnungen) einen Rückzieher, ich bekomme meine bereits vorausgezahlte Miete zurück … was immerhin ein großes Glück wäre, das bekomme ich überall gesagt.

Der Makler hatte es den einheimischen Freunden zeigen wollen, ein Objekt in Premantura, wo sie selber wohnen, als ich unverhofft auftauche. Diese haben sich offenbar nur aus Neugier für das scheinbar günstige Anwesen mit 800 qm Grund interessiert. Für 140.000 Euro soll es extrem günstig sein (aber holla!). Die dort wohnenden Nachbarn wollen sofort, daß ich es kaufe … Roman, der hat tatsächlich etwas zigeunerhaftes, und Dorothea, seinerzeit auf DDR-Bananen-Dampfern gefahren, ist offenherzig, quirlig aber dennoch etwas gräulich.

Verbringe fast einen halben Tag in der Uni-Bibliothek (Castropola 2 Tel.: 213-888), erstelle zunächst eine kleine Bibliographie über mir nahestehende Themen, die mit der Stadtentwicklung Pulas oder mit der (geologisch-naturgeschichtlichen Entwicklung) von Istrien zu tun haben.

                                                   Buch-Titel : siehe A4-Notizheft gelb.

Die Stadtbibliothek steht dabei immer noch aus (Giardini 15 Tel: 223-313)

Sich die Herzen öffnen.

    „Istrien liegt in der Mitte Europas. Seine geografischen Umrisse erinnern an ein Herz oder an eine ins Meer getauchte Traube. Hier reicht Mitteleuropa bis zum Meer herunter, beziehundsweise erklimmt der Mittelmeerraum über die Adria das Herz Europas. Pula ist der südlichste, der reifste und schönste Ort dieser Traube istrischer Städte.

    Pulas Tore stehen seit jeher Menschen aus aller Herren Länder offen, die ihrerseits bereit sind, die Herzen zu öffnen. So kam zum Beispiel der Vertriebene Jason mit reicher Beute, dem Goldenen Vlies, hierher, und auch die Nichte des Kaisers Augustus hielt sich hier wegen ihrer verbotenen Liebe zum Dichter Ovio hier auf.

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Gebürtige Pulenser, die das Leben anderswohin verschlagen hat, kommen ebenfalls gerne hierher zurück und mischen sich unter die Besucher aus aller Welt. Die Geschichte der Stadt ist keine Last sondern ein strahlendes Zeugnis dafür, daß der gesamte Wert des Lebens eigentlich im Erlebnis selbst liegt. Pula ist eine Stadt, in der vom Leben Vertriebene einen sicheren Hafen finden. Von Jason bis in die heutige Zeit hielt sie ihre Tore offen, wenn die Ankömmlinge nur bereit waren , ihre Herzen zu öffnen. Nicht wegen der Stadt, man sollte vor allem um seiner selbst Willen nach Pula kommen! Ob mit einem Goldenen Vlies an Erlebnissen oder mit den Wunden des Lebens, in Pula findet man immer einen sicheren Hafen. Manch einer kommt vielleicht einfach, um die Liebe und Schönheit zu erfahren, nach der er sich immer schon gesehnt hat und wegen welcher er sich Zeit seines Lebens immer wieder hierher zurücksehnen wird. Pula seit je und für immer.“ (Bratulić 2001) 1)

    Diese rührenden Worte eines Bürgermeisters mögen in Wahrheit von einem routinierten Rhetoriker verfaßt sein; sie stammen vielleicht auch wirklich von einem Mann, dessen Herz von einem tiefen Gefühl der Zugehörigkeit zu einer wirklich einzigartigen Stadt erfüllt ist. Einer Stadt vorzustehen, die in bewegten Tagen der Neugeburt Kroatiens und damit dem Landesteil Istrien ihren fast archaischen und zugleich immer modernen Charakter lebt, ist zugleich Auszeichnung und Herausforderung. Die willkürlichen Probleme, die ein rabiates Wirtschaftssystem, nicht zuletzt der nahezu industriell organisierte Tourismus mit sich bringen, und das ist gerade meine tiefste Überzeugung, werden, ganz wie in den vergangennen dreitausend Jahren von den großartigen Menschen Pulas auf ihre Art gemeistert. (17.04.2014)

    Ich selbst habe mich längst noch nicht zu einer der letzten (?) Fahrten aufgemacht. Da denke ich an Heimat, und daß man diese immer wieder neu gewinnen muß. Ist Heimat das, wo man geboren ist [wurde…], oder ist sie dort, wo man zu sterben wünscht? Das fragte sich einst Carl Zuckmayer, und er war zu diesem Zeitpunkt wohl auch kein junger Mann mehr.

Eine andere derartige Wahrnehmung stammt aus den Notizen von W.

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1) Bratulić 2001: Hier Vorwort des Bürgermeisters, S. 2 f. [Pula – eine Stadt erinnert sich ihrer drei Tausend Jahre].

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Somerset W. Maugham. „Ich bin wie ein Reisender, der in einem Kriegshafen auf sein Schiff wartet. Ich weiß nicht, an welchem Tag es in See stechen wird, aber ich bin bereit jederzeit an Bord zu gehen. Ich kümmere mich nicht mehr um die Sehenswürdigkeiten der Stadt.“ 1)

    Auch mir ergeht es jetzt in diesem Maß, daß ich, kaum in Istrien angekommen, bereits der weisen Voraussicht erlegen bin, nämlich schlichtweg in diesem vielfältigen, fast verbindlich wirkenden großen Hafenorte Pula zu verharren. Auch diese scheinbare Reglosigkeit ist mit wohlweislichen Überlegungen gespickt. Der Entschluß bei erster Gelegenheit ein Häuschen zu erwerben oder hier am Platz in eine Mietwohnung zu ziehen, was gestern bereits geschehen ist, ist ganz sicher der Beweis dafür, daß die Suche, die fortwährende Unzufriedenheit, die vertraute Langeweile in den Taunuswäldern, eingetauscht ist gegen das erregende Gefühl, endlich wieder, zumindest ein wenig, eine Art von Kosmopolit geworden zu sein. (19.04.2014)

    Boris. – Bereits der Anblick, die fernen und nahen schrillen Schreie umherkreisender Möwen, freilich auch über meinem Domizil, in Gregovica macht mir immer wieder bewußt, daß ich endlich mein ozeanisches Milieu gefunden habe. Auch war es gestern erst, daß ich das tiefe Empfinden einer sich vielleicht anbahnenden Freundschaft zu einem gar seelenverwandten Menschen (Boris) verspürte. Er bezeichnet sich selber als Maler, ganz sicher ist da ein weltkritischer Geist zuallererst spürbar, der nun samstags an gewohnter Stelle seine gebrauchten Bücher trödelt. Ach wie vertraut ist mir diese Art der Existenzsicherung … Ironie? Hier erwarb ich nun ein allererstes Buch in der neuen Heimat … und Boris schien am Ende sehr erfreut zu sein als wir unsere Namen und Adressen austauschten (20.04.2014)

    Herr und Hund. – Habe den aus der Bibliothek entliehenden Thomas Mann auf dem Fieberlager zu Ende gelesen. „Herr und Hund“ – aus der heutigen (hundepädagogisch hoch entwickelten) Sicht in einen nahezu lächerlichem, autoritär wirkenden Tenor versetzt. Eine moderne Hundepädagogik (ja es gibt sie wirklich), wie sie sich in Massenmedien abbildet, ist vollständig dem totalen Konsumauftrag

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1) Maugham, W. Somerset (1970): Einführung zu „Der bunte Schleier“ von Christian Ferber. Notiz Maugham’s aus dem Frühjahr 1949 … M. lebte auch eine gute Weile in Heidelberg und bereiste Deutschland.

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und der Gesellschaft des Habens verpflichtet. Sogar Hundepsychologie wird TV-gerecht, RTL-nivelliert, ganz wie raffiniert ergonomisierte Ausgehgeschirre an die unerzogen Besitzer der zerrenden und überall hinscheißenden Sachen verkauft. Endlich ein klarer, über 100 Jahre überlieferter artgerechter Umgang mit dem steuerpflichtigen Vierbeiner (seit 1919! Wegen der Versailler Reparationskosten ? Und nicht erst seit dem 1000-jährigen Nazi-Finanzamt, wie Antifaschisten stets behaupten). Bei Mann darf abgestraft, da muß noch wüst geprügelt und vorsorglich geschlagen werden, und trotz offensichtlicher liebevoller Integration in das Mann’sche Leben und in die Spaziergänge um das Haus in den Isarauen, bleibt der Hund dennoch ein rätselhaftes Wesen, ein treuer Begleiter auf (stets zu kurzen) Spaziergängen ( . . . vor der Mittagsmahlzeit . . . und, als wir rasch zurückkehrten . . . » „Morgen wieder, Bauschan“, sagte ich, „falls ich nicht in die Welt gehen muß.“ Und dann spute ich mich, hineinzukommen und meine Nagelschuhe loszuwerden, denn die Suppe steht auf dem Tisch.« 1)

    Der Mann’sche Schreibstil kommt mir sehr entgegen. Wo aber liegt der Grund verborgen, weshalb ich ihn bislang verschmähte? Gewiß, auf den Punkt gebracht, ist er ein genialer [germanistisch wertvoller] Schreiber, dann mit all seinen inneren Perspektiven, zuletzt aber allzu bürgerlich, und läßt man die Weimarer Zeiten einmal einfach im Raume stehen, so bleibt bis zu seiner Rückkehr aus dem „Hollywood-Exil“ (manche mögen es Rindersteak-Paradies genannt haben) nur mehr Beschämung als Weltphilosophie übrig. Ich selbst würde gern diese Privilegien genießen, mich aber standhaft weigern, daraus eine umfassend gültige deutsche Intellektualität ableiten zu wollen. Wer will das auch schon in voller Deutlichkeit. (20.04.2014 abends).

    (Ostermontag) War bei Franjo und Marie zum Mittagessen eingeladen. Die beeindruckende Menge von Fleisch [auch Spanferkel und Wildente…] die speziellen Zutaten und Beilagen hätten sicher für eine 10-köpfige Gesellschaft gereicht. Nach einer Rindfleischsuppe, dem Hauptmenu etc. zuletzt Kaffee und reichlich Cremetorte und Kirschblätterteig. Franjo wurde bald unruhig … „Er braucht seine Bewegung, muß nach einer Weile wieder etwas machen.“ Trotz meinem verdammt heftig schmerzenden Großen Zeh fahren wir wechselweise mit Quad und Motorroller kreuz und quer über die Halbinsel von Premantura,

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1) Mann, Thomas (1919): Herr und Hund, S. 127 (dort als Schlußsequenz).

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auch wieder bis zum Kap Kamenjak hinunter. Am Campingplatz, den ich vor zwei Wochen noch verwaist vorfand, stehen (Hunderte?) Camper entlang der malerischen Küstenlinie. In der fast kreisrunden Vorzeige-Bucht im Kapgebiet bereits vier Segler, ein deutscher und drei Kroatenflaggen (20.04.2014).

Zurück zu Thomas Mann: So ist mir die langatmige Idylle aus den Isarauen mitgeteilt worden, in denen vor fast einhundert Jahren der Umgang eines arroganten Schriftstellers mit seinem Hund ein reiner Zeitvertreib gewesen,– bin also immerhin erneut auf das Schreibgenie gestoßen, und wenn ich also das Umschreibende zum guten Vorbild nehme [ein Berufsschullehrer und Dipl. Kaufmann benannte beizeiten meine Übungs-Geschäftsbriefe: „Das ist ein unterhaltsamer Barockstil.“ Letzterer ward durch Grimmelshausen unnachahmlich vollendet und der deutschen Literatur einmal mehr im Simplicissimus dargereicht]. Was nun die Unterhaltsamkeit betrifft (denn das soll Literatur immer leisten), so mögen die Geschmäcker glücklicherweise sehr vielfältiger Natur sein. Dann wieder der sehr erfolgreiche Villenbesitzer im mediterrannen Milieu1) (ich selber werde zumindest bald eine durchaus passable Mietwohnung in Pula bewohnen dürfen), dieser Maugham, der für die Kunst Wirkung forderte, und den jungen Schriftstellern, so sie noch Bohémiens und wahre Weichlinge waren, den Fernen Osten empfahl … „Go East, Young Men!“ Mir dann, dem nachweislich bereits Alten, dem ewig Erfolglosen, die Facon abgewinnen läßt … „Go South Old Man!“ Es ist wärmer hier, und die Seelen der Menschen sind nicht weniger freundlich und hilfsbereit, als in den tropischen Arealen, zumal mir der Palmenbaum als Wegweiser diente. Oliven und Feigen? Was tut es darum! Die nutzen wir auch . . .

Am Ostermontag hat es anfänglich den Anschein einer Feiertagsruhe. Doch als ich auf dem Weg zu meiner neuen Wohnung am BILLA Lebensmittelmarkt verbeifahre, ist der dortige Parkplatz brechend voll. Wenn ich fauliges Kapital besäße, ich würde es ganz wie die Russenmafia und ihre Oligarchen glatt in Kroatien investieren, denn hier wird ebenso gewerkelt, geschafft und rangeklotzt wie einst im Wirtschaftswunder in Deutschland. Der hiesige Menschenschlag scheint mir äußerst anpassungsfähig und fleißig zu sein!

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1) … Ein reicher Villenbesitzer, das war W. Somerset Maugham und Inhaber einer beachtlichen Bildersammlung … Hört, hört, Herr Gullit!

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Bin morgens meist fast zu früh in der Stadt, um meinen banalen Geschäften nachzugehen. Erst später, so gegen halb zehn, werden Weichbild und Innenstadt ihr südländisches Flair bekommen, welches uns Sehnsuchtskranken aus dem Norden so behaglich und urtümlich erscheint, so als hätte man entweder da oder dort die richtigen oder die falschen kulturellen Gewohnheiten. Zentrum von all diesem Geschehen ist nicht der Hafen mit den hoch aufragenden Kränen, keine Fabrikszenerie mit rauchenden Schloten wuchert in den Himmel, es ist der Marktplatz, die einzigartige Halle und die Anlagen um sie herum. Innen Fisch in allen Variationen und allerlei Fleischarten, auch Käse, wohl getrennt, außen eher Gemüse, Obst, Blumen, Gartenpflanzen, Setzlinge, Honig, Oliven, Ziegenkäse sowie allerlei an Kleidung und Ramschartikeln. (23.04.2014)

    Nachdem ich von meiner frustrierenden Tour wegen der neuen Wohnung in Gregovića zurückkomme, vollgepackt, zwei mal hin und her, ist mein junger Vermieter Davor gerade dabei, den Rasen des Vorgartens zu mähen. Ein Idyll, welches mir deutscher erscheint als der meiner dortigen Nachbarn, zuletzt aber durchaus dem „Vorortstil“ entspricht, der sich in den istrischen Neubauvierteln durchgesetzt zu haben scheint – Gartenzwerge habe ich bisher nur im Pevec-Baumarkt und Gartencenter in Pula gesehen, es gibt sie also, sie lauern womöglich in Schuppen und Kellern auf ihren heimlichen Einsatz.

(Sonntag, 27.04.2014) Bin nach dem mißglückten Versuch in Pula in das kleine Haus in Pomer gezogen. Nach der ersten Nacht in meiner „Villa Oliva“ scheint die frühe Morgensonne rötlich durch das kleine Fenster in der Eingangstür bis ins Schlafzimmer hinein . . . jetzt gegen sieben Uhr wird es mitmal etwas kühler, und der Himmel bezieht sich mit den (typischen?) Adria-Mischwolken. Die Sicht wird diesig und im Gegenlicht wabert der kleine Sportboothafen von Pomer mit seinen Mastspitzen über das Vorland herüber.

    Was werde, was soll ich hier künftig tun? Vielleicht habe ich mich allzusehr von meiner eingebildeten Freiheit berauschen lassen. Vielleicht überkommt mich, wenn auch in eine mediterrarane, arkadisch erscheinende Landschaft gebettet, über kurz oder lang erneut öde Lähmung, eine irritierende Untätigkeit, während der Geist ohne Unterlaß nach einem vertretbaren Lebenssinn außerhalb der prognostizierbaren gräßlichen Bürgerlichkeit sucht. Alles ist somit stets eine Erfindung,

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eine neue Behaglichkeit, die es sich – potzblitz – in dieser neu entdeckten Welt bequem einrichten wird. Die Möglichkeit hier Tauchen, Segeln zu können, die reichhaltige regionale Historie und Kultur, die meist offenen freundlichen Menschen. … ließe sich das zu einem eigenen Schicksal patentieren? Und was sind in der heutigen Zeit Patente noch wert, wo sie doch ebenso inflationär wuchern wie die tödliche Pest in den Hirnen der gierigen Megakapitalien. Bleiernes Hafenwasser schwappt müde an istrische Kalksteinmauern … vom Luxus gewienerte (viele Österreicher sind darunter) Segelyachten vor einer riesigen aber maroden Werft. Mir wird der Zugang verwehrt.

Hafenpromenade. – Die Schlawiner der jetzt noch wie eingemottet liegenden Ausflugsschiffe warten bereits auf touristische Kundschaft, das alles mit einem Hauch von Balkanromantik, so als höre man die Bagdadbahn pfeifen. Dabei ist der Bahnhof von Pula winzig, in einem erbarmungswürdigen, osmanisch wirkenden Zustand, ganz wie die einst pompösen Bürgerhäuser und der marode Charme des großen alten Hotelbaus, weniger der Stadt, mehr dem Adriahafen zugewandt.

Was ist mit den Vorbildern? James Joyce hat das erzerne Denkmal im Kaffeehaus am Tor der Julier ganz sicher nicht verdient. Er hat dieses Pula wenn nicht gehaßt, so doch nach kurzer Zeit wieder verlassen, schlichtweg, weil er es, vermutlich aufgrund seiner unglücklichen Lebensumstände, ganz und garnicht nicht mochte, denn sein Job als Englischlehrer für K.u.K.-Offiziere brachte nicht viel ein. Er wandte sich wieder hinauf nach Triest, wo es ihm angeblich besser gefiel. Aber auch dort wechselte er mit seiner Gefährtin ständig die Wohnung – er war eben ein rast- und ruheloser Geist, seinem selbst erschaffenen Protagonisten Stephen Dedalus garnicht einmal unähnlich …

„I am trying to move on to Italy as soon as possible as I hate this Catholic country with ist hundreds races and thousand lanquages … Pola is a back-of God-speed-place – a naval Siberia …. Istria is a long boring place wedged into the Adriatic peopled by ignorant Slavs who wear little red caps an colossal breeches.“ (James Joyce an seine Tante)

Vielleicht frage ich einmal Johanna (alias Tamara) nach ihrem Bruder, der sich offenbar in der hiesigen Literatur sehr gut auskennt. In seiner Eigenschaft als Linguist, Schriftsteller und Lektor (ich habe noch nicht recht verstanden, was er beruflich gerade macht) ergäbe sich

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Abb. Ulysses

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vielleicht so etwas wie ein allererster intellektueller Anker, denn ich fühle mich bereits an diesem Anfang in der gleichen Situation, in der ich auch vorher war: in der Einsamkeit meines reduzierten Denkens.

Wenn ich dabei an die fast aggressive Ignoranz von Franjo und Marie denke, die alles, aber auch alles, jeden kleinsten Hinweis auf kulturelle Aspekte deutlich geringschätzend abtun, dabei solche Formulierungen gebrauchen wie: Was geht das mich an? Das interessiert mich einen Sch…. Ja, ich bräuchte dringend etwas komplexere Ansprache, so einer wir Boris tut dann wirklich gut. Der hagere, fast ausgemergelt wirkende Bursche hat natürlich einen verfilzten Vollbart, riecht nach seinen alten Büchern und lebt sehr ärmlich von Sozialhilfe – wie sollte es auch anders sein?

Wo sind die Verse? Die von der einen Nacht, die mir im Kopfe herumgeisterten und sich bis in einen Reim hinein klar und deutlich darstellten. Dann ist es wie mit Seifenblasen, auch Goethe hatte nachts Papier und Bleistift parat; dennoch: vergessen ist vergessen, und das Nachdichten gerinnt meist zu dünner Makulatur.

Friedhof Premantura

Suche im Norden

Die nebelverhangenen Welten.

Suche im Süden

Das blauseidene Meer.

Von Zypressen umrahmt

Die ewigen Plätze,

Und hier die Stätte erstaunlicher Andacht.

Adriatische Winde,

Von all meinen Göttern geschickt:

Ja, hier will ich ruhn bis zum Ende.

                                                                                       (09.05.2014)

„Jadran for Ever!“

Freitag 02.05.2014

Zunächst dachte ich nach Pula hinaufzufahren, vielleicht Johanna zu treffen, um ihr endlich mein kleines Freundschaftsgeschenk zu überreichen . . . an dem Roundabout bei Bandole biege ich dennoch nach links, nach Premantura ab, den dort wohnenden Freunden Franjo und

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Marie einen kurzen Besuch abzustatten.

Daraus wurde eine Tagesbeschäftigung, und das kam so . . . Regenwolken über der Adria . . . Friedhof Premantura … RIP : Requiae in pace mit Meerblick! helfe einen ganzen Anhänger weißen Kalksplitt auf das Grab des guten Nachbarn zu schaffen … „Was guckst du denn hier herum. Ein Friedhof halt.“ Auch hier Unverständnis meinen Gefühlen gegenüber … es ist für mich zugleich ein magischer Platz!

So denke ich wieder einmal an Carl Zuckmayer … Heimat … der Platz, an dem man zu sterben wünscht … Jadran … Das Tal der Unrast … die Stimmung bei Poe, die doch so gut auf diesen Nachmittag paßt:

Das Tal der Unrast

Einstmals war ein stilles Tal,

Unbewohnt; mit Schild und Stahl

Zog das Volk in Kriege fort;

Hielten milde Sterne dort

Vom azurnen Turm zur Nacht

Über all die Blumen Wacht,

Über denen jeden Tag

Rot und faul die Sonne lag.

Jetzt wird jeder Wandrer sehen

Unrast dieses Tal durchwehen,

Nichts ist da, das nicht sich regt,

Luft nur brütet unbewegt

Ob der Zauber Einsamkeit.

Ach kein Lüftchen weit und breit

Rührt der Bäume Blätterkleid,

Die da pulsen ohne Frieden

Gleich dem Eismeer der Hebriden.

Ach, kein Lüftchen jagt und bauscht

Das Gewölk, das ruhlos rauscht,

Rastlos rauscht von früh bis spät

Über Myriadenbeet

Blauer Veilchen, sorgenreich,

Myriaden Augen gleich,

Über Lilien, die so weich

Wehend, weinend schaun herab  

Auf ein namenloses Grab!          (Wehend …)

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Wehend: aus dem Duft heraus

Kommen Tropfen ewigen Taus.

Weinend: von der zarten Zweigen

Ewig Tränen niedersteigen,

Die gleich Edelsteinen schweigen.

              (E. A. Poe  Das Tal der Unrast)

Mit der Modesprache läßt sich vieles erträglicher bereden. So ist das Unterscheiden von althergebrachten und und ganz neuen Sachverhalten und Problemen allein durch die entkrampfte Neuumschreibung viel leichter geworden. Die anonymen Massen werden unterscheidbar, aber waren sie das nicht schon immer?

Sogar das mieseste Leben, jeglicher politisch gewollte, sogar gesetzlich herbeigeführte soziale, sprich existentielle Zustand, die komplett ausgespähte mentale und physische Existenz – der somit erzwungene private Zustand –  bekommt eine neue (elektronisch beweisbare) Qualität … Das Leben im Experiment ist Billionenfach lukrativer, als das quasi natürliche, das rein menschliche, das altmodisch wahrhafte (!)

Die Massen sind unterscheidbar, die Mikroskopierung von Verhalten und Denken schreitet zügiger voran, als die Umgestaltung der Moralismen, was für das alternativlose Preisschild immer wichtiger wird. „Qualitätssänger, Qualitätspianist, Qualitätsautor, [ergänzt: Qualitätspolitiker, Qualitätsfick]. Wir nennen jetzt schon die paar Stündchen, die wir noch schnell mit unseren Kindern verbringen : quality time. Qualität ist ein katzenhaft schnurrendes Wort für Bullshit geworden […] Wenn wir unseren Arbeitsplatz verlieren, erfährt unser Beschäftigungsverhältnis eine neue Qualität.“1)

Das Märchen vom gesunden Fisch (-Öl) und dem weltweiten Milliardenmarkt von Omega-3-Fettsäure-Kapseln hat sich als unhaltbare „Wissenschaftlichkeit“ der 70er Jahre entlarvt [untersucht wurden für diesen Absatzmarkt seinerzeit lediglich 7 (sieben) Eskimos!]2)

Die Windenergie-Firma Prokon sorgt für eine der größten Anlegerpleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. 75.000 Kapitalanleger hatten 1,4 Milliarden Euro darin investiert (SZ 3./4. Mai 2014)3)

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1) SZ, 70, 18, 101 3./4. Mai 2014: Das Streiflicht. S. 1

2 )  ebenda: Die Mär aus dem Meer. Werner Bartens.

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In der Nacht zum 3. Mai – Samstag – die allergrößte Freiheit scheint mir darin zu liegen daß ich einmal mehr entscheiden kann, was ich mir zumuten möchte und was nicht … Dazu gehören die Freiheiten Nein zu sagen und etwas auf eine andere (selbstbestimmte) Zeit zu verschieben … um neun Uhr war es gestern Abend dunkel, ich war müde und beschloß daher, mich einfach zur Nachtruhe zu begeben. Deshalb war ich um drei Uhr in der Nacht bereits ausgeschlafen.

Schöner Nachtgesang der Vögel … dann sehr frühe Hahnenschreie … dann totale Ruhe … Tags: tausche die Deckenstrahler-Leuchtkörper … Räume im Geiste die neue Wohnung ein … und genieße meine neue beschissene Freiheit, die entweder eine neue Einsamkeit oder aber die bewußte Lebensstrecke voller jugendlicher Euphorie und  Abenteuerlust heraufbeschwört, weil sie das in sich birgt, endlos vermutlich. Das ist nämlich Bewußtsein. Bewußtheit. Anyway!

Die Waschmaschine (obwohl sie neu ausschaut) macht höllischen, gräßlich metallischen Lärm, wenn sich die Trommel nur dreht, erst recht dramatisch beim Schleudergang, und Sigvald Stupar, der Vermieter, bleibt stumm, zuckt bloß mit den Schultern … Thats their Mentality! Yes, Sir, thats oriental!

Gegen 11 Uhr bin ich bei Tina und Rolf eingeladen. Will später mit Tina auch eine Mora-Tour machen. Sehr schöne, großzügige Wohnung mit doppeltem Meerblick (!) Einige hervorragende Kunstexponate stechen hervor … eine Skulptur: Ernst Barlach! was ich sofort spüre und bemerke … nette Atmosphäre. Dann mit Tina und ihre kleinen Honda-Varadero (mit der auch Kerstin einmal begann): Richtung Rinjani … zurück über Fazana …

Spontane Gegeneinladung für den Abend .. ich zaubere ein Hühnerfrikassé … erhalte als Gastgeschenk sechs wunderschöne uralte (1814?) Teelöffel aus Familienbestand! Wir unterhalten uns gut und wie ich meine umfassend. Teile meine Pläne mit, bald nach Deutschland zu gehen, dort alles zu vermieten, um nach etwa sechs Wochen quasi nach Pomer umzuziehen.

Zum Abendessen (u.a. Punsch mit echtem Earl Grey und meinem Billigrotwein) mußte ich mir von Laura Stupar Besteck leihen. Einige Teller hatte ich bereits gekauft. (03.05.2014)

Länger geschlafen : Wetter kühl, regnerisch 12 Grad Celsius. Ziehe

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mittags die Thermounterwäsche an.

Aufmaß einer Terrassenverglasung, die ich im Herbst und Winter bestimmt brauchen werde. Auch drückt sich der Wind spielend durch die Ritzen der Billigtür aus PVC (auffallend viel kalkiger Staub überall), die als Eingang fungiert. Überhaupt ist hier wenig wirklich gemütlich und rustikal gelungen … ein schneller Eigenbau, wohl gerade gut zum überteuerten Vermieten an die (dummen?) „Touristen“.

Unverhoffter Besuch von Tina und Rolf, da sie mich über mein Handy nicht erreichen konnten. Sie teilen mir mit, daß es ein Angebot gibt „Pula/ Frankfurt Direktflug – allerdings nach F-Hahn … am Samstag 10.5. für 80.- Euro incl. …Sie brauchen dazu meine persönlichen Daten …

Nachmittag erneut Anruf von Tina: „Es hat geklappt!“ Einschließlich der Gebühr (für was auch immer) ergo schlappe 87.- Euro. Das Geld könnten wir verrechnen, da die Bezahlung über ihre Kreditkarte ging, dafür könne ich später von OBI in Deutschland entsprechend viel Farbstifte für die Cottofugen der Wohnung in Vinkuran mitbringen. Muster Fugenstifte: Flug Pula-Ffm-Hahn Sa 10. Mai 18.50-20.20 h

    Abends habe ich die Idee, mein schönes Beefsteak zum gemeinsamen Abendessen bei den Stupars mitzunehmen … gegen halb neun ist die Glut im Grill gerade recht für die große Menge Fleisch und Würstchen … das reicht doch wieder mal für 15 Leute, sage ich, und Laura nickt grinsend. Dann warten wir mehr als eine halbe Stunde auf den imaginären Besuch, der irgendwann tatsächlich auftaucht. Diesmal sind es Sigvald’s Eltern und sein jüngerer Bruder, der recht gut Englisch und sogar ein wenig Deutsch spricht. Das Rindersteak ist zu einem fast schwarzen Brocken Trockenfleisch geworden, muß mich also allein an die Tschevaps halten und an das angegrillte Gemüse, welches ich ebenfalls mitgebracht hatte. Gegen halb elf ziehe ich mich in mein benachbartes, nahegelegenes Domizil zurück. Das Wetter versprach durch einen roten Sonnenuntergang eine weitere Besserung. (04.05.2014)

    Tatsächlich beginnt der Tag mit einem wunderschönen Morgenrot gegen 5:30 h Dann lege ich mich noch einmal für ein gutes Stündchen ins Bett. Später herrlicher Sonnenschein, leichter Wind, aber weiterhin noch sehr kühl. In der Wohnung kaum wärmer als 14-15 Grad, wo ich mit Jacke und Mütze frühstücke. Ben, der junge (belgische) Schäferhund,

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weicht mir oft lange Zeit nicht von der Seite. Er streunt dennoch von Wohnung zu Wohnung, erkundet die weitere Umgebung und holt sich (wenn er das übliche Glück hat) bei mir ein leckeres Stück meiner Mahlzeiten. Gestern waren es die nahrhaften Abfälle vom Frikassé, davor die T-Boones der Rindfleischsuppe, heute ein gutes Stück (fast alles) der irrtümlich bei LIDL gekauften ekelhaft künstlich-glitschigen „Pollo-Wurst“ – auf der lecker wurstfarben eingefärbten und bunt bedruckten Plastikhülle ist tatsächlich ein lustig dreinschauendes Küken abgebildet [Foto], da muß einem noch mehr der Appetit vergehen.

Nachmittags wird Rolf das ausgedruckte Flugticket bringen (15-16 h) – Auch das hat später gut geklappt, er mußte aber wegen der gekauften Muscheln im Auto sehr bald wieder los. Abends Sardinenessen bei Stupars. Recht lecker.                         (05.05.2014)

Sardinen sind auf den regionalen Märkten und überall billigst zu haben … Gar ein Armeleuteessen ganz wie der Hering im Norden … Nur Innereien werden ausgenommen, Grete bleibt drin, grob gesalzen und in Mehl gewälzt, um dann in tiefem Öl gebacken zu werden . ..

Der Dienstag beginnt sonnig, wenig Wind , recht warm. Wie bewährt ein sehr ausgiebiges Frühstück. In Pula: Bücherei, Rückgabe der fünf entliehenen Titel, Flaschenannahme bei LIDL, später nochmals, weil hier personalbedingt geschlossen war (ernährt offenbar einen Ein-Euro-Jobber – nach Boris einen weiteren netten Hungerkünstler, und der heißt Emanuel und lernt Deutsch) … Kfz-Bedarf Nähe Kaufland … Ölfilter für BMW 85 Kuna, 4 Liter 20 W 50 ca 400 Kuna); lasse einen zusätzlichen Schlüssel für die Wohnungstür machen ( 15 Kuna in 30 Sekunden). Auf einen Kaffe in die Ciber-Bar … Garcon ist um 11h bereits deutlich besoffen … Später zu Franjo und Marie nach Premantura; habe Erdbeeren für die Beiden und auch für die Stupars mitgebracht. Erzähle von meinem bevorstehenden Flug. Noch später macht Franjo bei mir in Pomer einen Gegenbesuch. Endlich auch eine Art Quittung für die drei Monate gezahlte Miete erhalten … (Nachtrag: das sind immerhin 900 Euro, was mich dann doch erneut ins Grübeln bringt und zu Zweifeln nötigt, ob ich dieses Unterfangen wirklich lange fortsetzen möchte und kann (!)                              (06.05.2014)

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    Bereits drei Tage später vermag ich gewöhnlich nicht mehr zu sagen, was mich an einem bestimmten Tage umgetrieben hat, womöglich herrschte da jenes ozeanische, bisweilen extrem kühle Wetter (12 Grad), kaum zu vergleichen mit den heutigen 22 Grad – eigentlich ist das Wetter nun über die beobachteten Wochen sehr wechselhaft, immer aber mit nur wenigen Regenstunden zu beschreiben. Ich könnte endlich jene strukturierenden Notizen machen, die in einen hoffentlich spannenden Pula-Roman (oder gibt es so etwas bereits?) einfließen könnten. Ja, ich muß beginnen, eben diese Notizen zu machen, wegen denen ich in unterschwelliger Weise auf diese Reise gegangen bin – alles soll dem Gewinnen von neuen Eindrücken nützen – Inspirationen vielleicht, das wäre dringend nötig.

Von Menschen und Hunden. – Boss, der schwarze Doggenrüde, ist sehr schlau. Nachdem ich vor einiger Zeit (sind es wirklich erst zwei Wochen seitdem?) „Herr und Hund“ von Thomas Mann las, scheint mir die Hundepsychologie wieder einmal ein offenes Buch zu sein. B. kommt mir mit  seinem Schlabber- und Gabermaul gern sehr nahe, er schmiert sich regelrecht an meine Knie und Schenkel, er möchte am Kopf gekrault werden, das ist ganz offensichtlich, und stubst mich deshalb immer wieder fest an. Das alles geschieht mit einem festen energischen Druck, der die ihm innewohne Kraft und Geschmeidigkeit ahnen läßt, die er leicht auf mich werfen könnte, erfülle ich ihm nicht seine Bedürfnis nach Streicheleinheiten. Als ich mit der bösen Absicht aufstehe, einen zweiten der schweren Holzstühle neben mich zu stellen, um ihn an seinem Gebaren zu hindern,, wandert er zugleich mit stolz erhobenem Kopf zur anderen Seite des Terrassentisches, um sich weiterhin professionell bettelnd an mein Knie, zuletzt an meine Körperseite pressen zu können. Wenn ich sitze, könnte er leicht mein Gesicht belecken, was er wohlweislich aber nicht macht, denn das würde ihm all meine Ablehnung entgegenbringen – das scheint der Kerl zu wissen. Ben hingegen ist eine junge, vollkommen unerfahrene Töle, die alles daransetzt durch permanente Präsenz, genau das zu bekommen, was ihr angenehm und nützlich erscheint. (06.05.2014)

Johanna. – Treffen mit Johanna um elf Uhr auf dem Platz vor der Post. Sie kommt um die Ecke und auf mich zu. Beachtlich auf dieses Entfernung sich sofort zu erkennen. Ein kurzer Gedanke im Kopf: das ist eine nette Frau, leg‘ sie doch einfach aufs Kreuz … dann wieder

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angenehm prickelnder Pragmatismus – sonst nichts (?). Bei den freundschaftlichen Begrüßungsküssen spüre ich angenehm warme Haut . . .  Ihr Hund Neo scheint wieder absolut gesund zu sein – als gigantisch, strahlende Neuigkeit erzählt Johanna daß ihre Hündin fast eine Stunde immer wieder und immer wieder, ach, mit einem ihr bereits bekannten Rüden GEFICKT hat. Endlich einmal ein wirklich lockeres Gespräch über deutsche Literatur (u.a. Hesse), Goethe und Gott und die Welt, das alles zum Cafe Latte, denn unattraktiv ist Johanna nicht, als sie mir indirekt ihr Alter vermittelt, was ich wahr nehme, es gleich aber wieder vergesse, wie einen dahingeflüsterten Namen auf einer Vernisage, einer großen Party oder sonstwo, wo vielefremde Leute aufeinandertreffen und gegenseitig flüchtig vorgestellt werden …

    Johannas Bruder ist gleichfalls der Literatur verbunden, ich sollte diesen Mann unbedingt kennenlernen – Wir selber lassen alsbald so manchen Philosophen Revue passieren und kommentieren ihre charakteristischen Grundaussagen in spontanen Assoziationen, von Hegel bis Kierkegaard, von Schiller bis Nietzsche … fast anekdotenhaft zweideutig und wie Murmelspielen ist das mitmal … Johanna ist 51, jetzt fällt es mir wieder ein, und sieht (für mich) , das ist also mein eigener objektiver Eindruck, wie dreißig aus. Sie hat lange (vierzehn Jahre) in Italien gelebt (Verona … Padua … Venedig?)

   Kein weiteres Getränk mehr. Ich zahle, der Kellner grinst, als sei das alles eine minimale Verschwörung. Kurzer Spaziergang, der uns durch Pulas Innenstadt führt, schließlich auch dicht vor ihre Wohnung, die knapp vor dem Giardini liegt. „Dort unten wohne ich“, sagt Johanna und verabschiedet sich mit ihren warmen Wangen. Bis bald, und sie lächelt mit ihrem etwas verwischen Rot auf den schmalen aber weiblichen Lippen, fast wie ein Schulmädchen sehr rein in ihrer fast zugeknöpften weißen Bluse, die mir aber wiederholt einen deutlichen Brustansatz mit begehrlichen Sommersprossen zeigte.

    Heute ist ein Geburtstag von Sigrid, erreiche auf dem Handy aber nur ihre Mailbox, was mir freilich genügt … (07.05.2014)

Die sanft Entschlafenen. – Warm und sonnig beginnt der Donnerstag. Heute hat der ehemalige Freund Karl Surdyk Geburtstag. Schade, daß wir uns jetzt ganz aus den Augen verloren haben – auch einer dieser

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Sanft Entschlafenen, wie aus einem anderen Leben stammenden ehemaligen guten Bekannte und Freunde. Vielleicht gehört die Bereitschaft, die Fähigkeit, immer wieder neue Bekanntschaften zu machen und neue Freunde zu gewinnen, zur ureigensten Überlebensstrategie des Menschen. Hier müßte ich mich nicht beklagen, denn wie oft treffe ich gerade hier auf Menschen, deren Gesicht offen und freundlich ist, und die ein Gefühl der Vertrautheit, der Sympathie und  ersehnter Freundschaft hinterlassen. Ich könnte es einmal das Strassenkehrersyndrom nennen. So kehren die Starken, die Überlebenden, den Unrat ihrer verflossener Freundschaften zusammen, alles auf einen Haufen, um darin eine neue Blume zu pflanzen, die nur aus einem offenen Herzen sprießen kann . . .

Bin bereits wieder relativ früh (zu früh) in Pula. Mit dem Motorrad gerade auf dem Giardini angekommen, ich bin gerade am offenen Topcase beschäftigt, klingelt Schwester Heide an.

    Werde mir ein kroatisches Devisenkonto einrichten, dazu brauche ich eine staatliche Steuernummer, sagt mir die nette Frau bei der Raiffeisenbank … dann schrecklich lange Warterei in der hoffnungslos überlasteten Ausgabestelle für diese NUMMER! Heiß, keine Sitzplätze, eigentlich ist der Warteraum ein Eingangsflur und der Bürgersteig in PRALLER SONNE. Treffe „Tamara“ wie ich sie nennen will. Nach zwei Stunden und einem langen, langen Gespräch, ein Flüstern fast inmitten den Wartenden, habe mich vermutlich verliebt. Hat sie das bemerkt, als sie mir einen Kaffee aus dem Caféhaus gegenüber bringen will, weil sie doch vor mir ins „Schloß“ hineingelangt war. „Ach weißt Du, den Kaffe würde ich lieber mit Dir gemeinsam trinken“, flirte ich bewußt.

Sie lächelt mich an (braune Augen, blond) und wendet sich dennoch zum gehen, dann hebt sie noch eine Hand und bewegt sie winkend, dicht vor meinen Augen, wendet sich um und geht. Das ist wie in einer Filmszene, die wir alle kennen, verdammt! Viele Wochen/ Monate schrillt diese Erinnerung besonders früh am Morgen zwischen Nachtschlaf und Rekelbequemlichkeit … sie bleibt mir namenlos und natürlich wieder einmal ist sie viel zu jung.

    Später hat sich die Transaktion bewährt. Problemlos bekomme ich den Guthabenbetrag in Pula ausgezahlt. Eigentlich war das alles nur eine Übung, und so könnte es künftig funktionieren: Euro nach Pula überweisen, dort Euro abheben, ganz ohne Umständlichkeiten.

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Vor dem heutigen Besuch in Premantura erneuter Besuch des dortigen wunderschön gelegenen Friedhofes [Fotos!] 2) Hier möchte ich dereinst zur Ruhe gebettet werden, dies aber nur, falls eine Seebestattung (in der Ostsee?) nicht möglich ist.

    Danach suche ich die Tauchbasis am Campingplatz in Premantura auf (Gespräch mit Daniel). Alles nötige Equipment könnte hier ausgeliehen, alle Preise als quasi Einheimischer, könnten fair verhandelt werden.

Das Wohnumfeld. – Am späten Nachmittag sehr lohnender Spaziergang zum Kaštijun hinauf, einem Fort der Österreicher. Die in der K. u. K. Zeit angelegten Befestigungung in und um Pula, machten diese wirtschaftlich eigentlich absolut unbedeutende adriatische Hafenstadt womöglich zum bestgesicherterten Kriegshafen der damaligen Welt. Noch heute fällt die Vielzahl der Festungen und Forts fast wie landschaftsprägende Bestandteile dem historisch Wahrnehmenden überall deutlich auf. Ortsbezeichnungen, oft genug platte, kritiklose touristische Bezogenheit zu der militärische Strategie der feisten Pallatchinkenfresser … heute sind die Kolonialpfannkuchen mit braunklebrigem Nougatgeschmacksscheißdreck einer der übelsten Gangsterfirmen der Welt, nämlich des angeblich noch schweizerischen Nestlé-Konzerns gefüllt. Allein sein Milchpulver hat bereits Millionen Kinder getötet.

Holzschnittartige Notizen … einmal irgendwann einen Fuchshaarpinsel zum Nachkolorieren der Skizzen benutzen können … Im heute bewaldeten Hügel des Kaštijun führt der heimliche Weg bald zu tiefen breiten Festungsgräben, die in den kalkigen Untergrund gehackt und gesprengt wurden. Wieviel Schweiß? Wer drohte mit Angriff?

    Am Ende der Reise wird ihm deutlich, daß er sich selbst nichts zu sagen hat; alles sind in sich verborgende Gedanken, Gefühle der Lähmung und Selbstaufgabe, von denen er glaubt, daß sie wie eine längst verbüßte Strafe an ihm kleben, wie Peitschennarben der Erkenntnis, wegen denen er gern den abgefuckten Psychoanalytikern Recht geben muß, wenn diese behaupten, alles läge bloß am Ödipus-Komplex, auch die Fließbandarbeit, der in Nanosekunden profiterheischende Finanzmarkt, und überhaupt sieht er keinen einzigen Sinn in all den Konstruktionen wenn sie nicht das Elend und den früheren Tod der Menschenmassen befördern. Da wie dort werden Statistiken bemüht, er hätte ebenso gut zu Hause bleiben können.

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Religion, Besitzgier, Staatsterrorismus, der Schmäh : Wiener Militarismus, und alles erinnert an die idiotischen (!) Pyramiden, was mir Ekel erregt, darum quäle ich mich weiter auf Umwegen durch die dornige Macchia … dann sehr wenig Mauerwerk … evtl. befinden sich hier auch deutsche Bunker aus WK II … Blick nach Vinkuran … die Hochhäuser von Pula (ein märkisches Viertel; vermutlich leben dort die meisten ohne lebenswertes Einkommen). Die gewaltige Deponie, Abertausende lärmender Möwen, ganz fern ein großer Steinbruch, der hell herüberleuchtet, tolle Rundumsicht. Finde im Internet „Startbahn-West-artige“ Vorgänge um diese äußerst umstrittene Großdeponie!

Medulin … der Hafen von Pomer … in der Ferne die Hügel der beiden vorgelageerten Kvarner Inseln Cres und Krk … das freilich von der Ignoranz von Franjo bestritten, der auf einer maximalen Sicht von 20 Kilometern beharrt: „Die Sicht ist hier höchstens zwanzig Kilometer. Hä, wer kennst sich hier aus, du oder ich?“

Gegen 20.30 h gilt es zum Einlaufbier auch eßbare Reste aufzuwärmen … Bier wird mir langsam zu teuer, es kostet mindestens doppelt/-dreifach so viel wie in Deutschland … da ist auch ein Rotwein Vranac, der Liter für 22 Kuna …

Was auch wichtig ist, die Kontinuität der Einsamkeit. Es ist erstaunlich inwieweit die Isolierungen durch die unglaubliche Ignoranz der ALTEN und (teilweise) der neuen Freunde gerade hier (wie erwartet und erhofft) fortgesetzt wird.

Die überlieferte Antipatie eines J. J. gegenüber Pula will ich mir wirklich nicht zu eigen machen. Zu den Cafés der Stadt sind es immerhin sieben Kilometer … und allmählich sehne ich mich nach mehr Gelassenheit.

Mentalitäten. – Ein Problem tut sich auf: Sigvald, mein Vermieter, hat mit Franjo gesprochen … ich würde nackt in meiner Wohnung herumlaufen, bei Tisch rülpsen und hätte die kaputte Türzarge einfach herausgerissen … da kommt mir zugleich die verhuschte Nachbarin ins Spiel, der ich das Aufhängen ihrer Wäsche unmittelbar vor meinem Fenster (immerhin sind es die Leinen meiner Terrasse) über Sigvald nachgefragt habe. Das Rülpsen mag geschehen sein, denn wer tränke ein billiges Dosenbier ohne Gasverluste, und in Anbetracht der FRESSGEWOHNHEITEN von S. selbst, dermaßen etepetete zu sein,

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riecht nach Intrigieren, wie es manchmal alten Männer zueigen wird! So grinse ich zuletzt nach diesem Herumgerede …

Was läuft hier hinter meinem Rücken? Wenn mich Sigvald übermorgen zum Flughafen fährt, so sehe ich in ihm einen freundlichen Menschen, der nicht zuletzt wegen der Sprach- und Verständnisprobleme, die ja allein meinerseits importiert sind, derweilen irritiert, und die recht guten Englischkenntnisse seiner Laura nicht wirklich akzeptiert – er scheint eher einfach gestrickt und seinem Job als Hilfspolizist und Parkplatzwächter adäquat. (08.05.2014)

Wieder einmal Boss. – Schmusestreß mit dem schwarzen Doggenrüden. Er geht mir stundenlang nicht von Knie und wehrt sich vehement gegen eine am Boden liegende hundegemäße Position. Er sabbert schrecklich langfädige Schleimportionen, die deshalb tägliches Waschen einer Hose erforderlich macht. Was sollten die Leute denn sonst denken? Überhaupt sehe ich mich in eine merkwürdige Situation lavriert. Die intellektuelle Freiheit ist massiv bedroht. Ich werde ziemlich klar zum Popanz einer „Herr und Diener Persiflage“, wobei mich die Diener in bewährter Manier finanziell zapfen – nichts anderes. Bereits ab jetzt sollte mich die Idee einer möglichst anonymen Stadtwohnung beherrschen, was sonst.

Konsolidierung. – Vielleicht ist Franjo ein kleinhirniger Intrigant, der sich anfänglich Provisionen (Makler) und Zuwendungen (über Vermittlungen) erhoffte, sie gar erhalten hat. Deshalb dieses merkwürdige Engagement. Sigvald kommt spät noch zu einem unbeholfenen, fast einsilbigen Smalltalk. Er scheint nicht verärgert. Er sei müde und hat morgen Frühschicht.                                                   (08.05.2014)

Der Freitag ist warm und sonnig etwa 22 Grad. Um 8.30 h Fahrt nach Pula, Laura steht an der Ausfahrt und fragt komischerweise wann ich fliege. Sage ihr erneut, daß ich um 17 h von hier weg muß. Vielleicht fragt sie mich, um Sigvald daran zu erinnern. Irgendwie ist mir mulmig, ob das mit dem Bringen wohl klappt, denn zum Flughafen kenne ich die Busverbindung nicht, und Taxi wäre sicher recht teuer.

    Diesmal (gegen neun) nur eine kurze Wartezeit auf dem „Steuernummeramt“. Der Platzeinweiser nickt mir zu, und endlich habe auch ich einmal das Gefühl einer Sonderbehandlung im positiven Sinne.

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Danach Stadtbummel. Zuletzt bei LIDL wegen der Rückgabe der Flaschen länger als eine halbe Stunde angestanden. Hier kommen die Leute mit einigen großen Müllsäcken (!) mit ihren gesammelten leeren Pfandflaschen.

Jetzt bin ich Inhaber einer kroatischen Steuernummer, jetzt könnte ich mit meinen finanziellen Transaktionen loslegen und mein gesamtes Vermögen (!) im Karst versenken . . . Im Cyber Café habe ich mich verabschiedet … am Hafen an der Touristenpier längeres Gespräch mit dem Sohn eines Angelkutterkapitäns … während gegenüber auf dem „Platz des nationalen Gedenkens“ vor einer größeren Menschenmenge eine Militär (?) Kapelle zünftig die Nationalhymne für die versammelten Politiker, Revanchisten und Kriegsveteranen spielt, was mir der junge Mann eher geringschätzend hinüberäugend mitteilt. Viel lieber möchte er nach Deutschland, endlich eine gescheite Arbeit haben, das ist sein größter Wunsch. Ich rate ihm vielleicht nach Norwegen zu gehen, zumal es dort wirklich manch gutbezahlte Arbeit gibt.

    Zurück nach Pomer nehme ich die Vinkuran-Nebenstrecke, hier liegt der absolut sehenswerte Antike Steinbruch, aus dessen Gestein bereits viele römische Gebäude errichtet wurden, u. a. die Arena. Hier gibt es auch eine (einfache) Kletterwand, die etwas vernachlässigt ausschaut. Tatsächlich treffe ich am Weg zum Ausgang ein junges Pärchen aus Dresden (mit Mietfahrrädern), die hier vielleicht klettern möchten. Von der hiesigen Geologie wissen sie kaum etwas. Es stellt sich heraus, daß wir abends im gleichen Flieger nach Hahn fliegen.

    Bei der Heimfahrt kurz vor Banjole eine verletzte Schlange auf der Straße … da bereits andere Leute am Straßenrand halten und herumstehen, halte ich nicht auch noch an … braun glänzend; Natterkopf?

    Mittagsschläfchen. Danach längerer Spaziergang zum Kastijun, Fotos FOSSILIEN. Mache eine Skizze/ Zeichnung im Feldbuch. Es ist schwülwarm geworden, in der Sonne ist es bereits etwas zu grell, … zwei einheimische, meist ältere Frauen im Wald getroffen, sind bei der Wildspargelernt, was sonst … frage nach ihrem Erfolg. „Noch nichts gefunden“, sagen sie. „Dann komme ich heute Abend nicht zu ihnen zum Essen“, deute ich an. Wird lustig verstanden, wollen zugleich aber wissen, wo denn meine Frau sei.

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Abends werden die Faulen fleißig! Kurz vor der Dämmerung kommt Sigvald und fordert mich mehr oder weniger auf, die mitgebrachten zehn Büsche Kirschlorbeer zu pflanzen. Ist dann, weil wir ranklotzen, nur eine halbe Stunde gemeinschaftlicher Arbeit, was mir eigentlich ein sehr gutes Gefühl vermittelt. Habe mir von S. nochmals den Termin für morgen bestätigen lassen. Bin dennoch etwas skeptisch – vielleicht wirkt hier das Gift der angeblichen üblen Nachrede, die mir durch Franjo wenn auch indirekt zugetragen wurde. Irgend etwas wird hier abgekocht. Ein Gefühl ist das, nichts weiter. (09.05.2014)

                                                … INFO-Tafel am Antiken Steinbruch:

Cavae Romanae – Sie befinden sich am Eingang in den römischen Steinbruch, den ältesten Istriens, der schon in der Antike genutzt wurde. Gerade aus den in diesem Steinbruch gewonnenen Steinblöcken wurden einige der schönsten Bauten errichtet, von denen die Arena von Pula der bekannteste ist. Seit Menschengedenken war dieser wunderschöne Stein eine Herausforderung für Künstler. So wurden in der Antike gerade aus diesem Stein in den nahegelegenen Werkstätten im 1. Und 2. Jahrhundert ein Frauenporträt und ein Kopf einer Göttin, und im 3. Jahrhundert eine spätantike Grabstatue einer mit reichem Schmuck verzierten Frau herausgearbeitet. Alle diese Skulpturen sind unvollendet. An ihnen erkennt man heute noch Meißelspuren – man kann sie im Archäologischen Museum betrachten. Heute bearbeiten in diesem Steinbruch zeitgenössische Steinmetze, Bildhauer im Rahmen der Bildhauerkolonie, die seit 1995 vom Verein Cavae Romanae organisiert wird. Wenn Sie sich etwas umschauen, werden Sie an vielen Stellen der Gemeinde Medulin Skulpturen bemerken – sie sind gerade hier im Steinbruch Cavae Romanae entstanden … (Muster)

                            mit 09.05.2014 Ende der istrischen Aufzeichnungen.

Schreibideen. – Erläuterungen zu Hotel California der damaligen Kultgruppe The Eagles … They said: it’s their „interpretation of a high life in Los Angeles.“ Essays = Interpretations. Don Henley: „. . . a journey from innocence to experience . . . that’s all.“ Song writing credits are shares by Don Felder, Don Henley and Glenn Frey (1977).

Erster Arbeitstitel von HC war: „Maxican Raggea“. The term „colitas“ in the first stanza means „ little tails“ in Spanish; in Maxican slang it refers to buds of cannabis (marijuana) plant. The metamorphorical

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character of the story relatet in the lyrics has inspired a number of conjectural interpretations by listeners. In the 1980‘s some Christian Evangelists alleged that „Hotel California“ refered to a San Francisco hotel that was purchased by Anton Lavey and converted into a church of Satan.

Other rumors suggested that the Hotel California was the Camarillo State Mental Hospital. Diese kurze Recherche geht auf eine schlichte Frage von Želsko, einer der Wirte im Cyber-Cafe in Pula, zurück. Er fragte ganz rhetorisch nach dem tieferen Sinn des Textes, was ich ihm spontan mit: „It’s a lyrical text, a very lyrical text, you know“, beantwortete.

Zum Herkules-Tempel1). – Vielleicht geht es nicht anders. Ich bin neugierig, erst einmal offen für mein Gegenüber und gesprächig, auf Reisen ganz besonders, denn das garantiert fast das Überleben in der Fremde. Mit jedem Menschen an der Kasse, auf den Ausgrabungen, mit den Museumswächtern, der Lidl-Kassiererin, dem Straßenfeger, dem Verkehrswächter, allen schenke ich mein aufrichtiges Interesse, frage sie, frage nach Name und wie sie sich fühlen, bewunderre ihr Deutsch, ihr Englisch, und das nur weil ich immer noch kaum ein Wort Kroatisch beherrsche.  (05.07.2014)

Was sich geschickt windet kommt schnell voran. – Wie einst mit den für Menschen durchaus gefährlichen Blauhaien in der jugoslawisch-dalmatinischen Adria (angeblich längst ausgerottet) wird es die Tourismusindustrie auch mit den vermutlich weiterhin verbreiteten Giftschlangen halten. Informationen über solche Tierarten in Istrien und dem übrigen Kroatien waren und sind nur sehr schwer zu bekommen.

    So bin ich auf meinen Wegen durch die Stadt auch mehrmals über das Forum gekommen … vielleicht der archaischste Platz in Pula, der, richtiger gesagt, das urbane Abbild der römischen Antike bis in die venezianische Renaissance hinein am besten vermittelt … einmal, als Bauarbeiter auf dem Dach des Tempels reparierten, sah ich die Seite zum Hafen noch eingerüstet. Die schlank und steil aufragende Fassade, noch durch die hohen Stufen überhöht schien eine statische Botschaft vermitteln zu wollen. Eine gelbe Plastikbahn wehte wie eine losgerissene Fahne von oben herab, um von selbstlosen Taten zu künden, die eine Menschwerdung des Heldenhaften … zumindest theoretisch, immer wieder neu möglich erscheinen lassen.

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 „Was aber wäre […] wenn Herakles nicht unverzagt, ständig die Befreiung der Unterdrückten vor Augen, Ungetümen und Tyrannen seine Taten entgegengesetzt hätte […] Er war für uns der Irdische, dem es darum ging, die Natur zu beherrschen, der zum ersten Mal klarmachte, daß hier, im Diesseitigen, die Verändrungen und Verbeßrungen stattfinden mußten, daß nichts andres uns nützt als das, was unmittelbar spürbar ist, was, bei handfestem Zupacken, die Lage erleichtert“ 2)

Dennoch… die langeweile, die den reisenden bald befällt, ist durch nichts zu ersetzen. sie beginnt und endet mit dem entschluß bald wieder eine andere reise zu beginnen.

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1) Leis, Mario & Sourek, Patrick (2005): Mythos Herkules. Texte von Pindar bis Peter Weiss. Reclam Leipzig.

2) Weiss, Peter (1987): Die Ästhetik des Widerstands. Henschelverlag. Kunst und Gesellschaft. 2. Aufl., S. 314

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Zurück in Bad Betteldorf

Es kehret der Heimatlose/

Zurück zu den moosigen Wäldern.

                                           Georg Trakl. Fragment 7

Nächtliche Buchen; es wohnt im Herzen

Dunkler Landschaft ein roter Wurm.

                                          Georg Trakl. Fragment 10

Zurück in Bad Betteldorf

So ließ er eines Tages

Das flackernde Licht,

Den trockenen Kräuterduft

Des Dickichtwaldes,

Die kalkhellen, groben Mauern …

Und fuhr noch in der gleichen Nacht

Über sanfte Pässe

Des kühlen nächtlichen Gebirges

Hinauf in den Norden –

Zurück zu den moosigen Wäldern.

                                                                                   (GSK 2014)

Gründerzeitekel. – Neues von den alten Malern: Feuerbachs einsamer Tod in Venedig . . . dafür seine Ausstellung in Wiesbaden, womöglich zu einem der Jubiläen der Bankenrettungen. Dieses unentwegte Vorzeigen von Kunst der Bougeoisie kotzt mich endlich an! (2014).

Die moderne Lebensangst läßt der Furcht vor dem Tod keinen Raum.

Pula Memories = Handlungsstränge ? aber die unnützen Erinnerungen verblassen bereits …

Örtliche Charaktere:     römische, illyyrische Soldaten … Kaufleute

Verdichtungen: Friedhof Premantura … Steinbruch bei Vinkuran

Bücherei … Trödelmarkt … „Fotogebühr“ bei einer aggressiven Trödlerin verweigert (sic)

Römischer Hintergrund: Arena … Forum … Hafen/ Protagonisten

= schiere Unsterblichkeit des Siedlungsplatzes (frei nach dem Motiv: Der ewige Seemann, bei Alexander Kent) Römer … Osmanen … Venezianische Architektur (Vodnjan/ Dignano) K.u.K.-Zeit, österreichisch, ab 1918. Italienisch … Moderne Tourismusindustrie …

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Unsere Erinnerungen ein Jungmädchentagebuch oder als Gewissenstoilette? Dichtung und Wahrheit, kein Weg geht da vorbei. Niemals wird man es anders machen können; sowie ich ernsthaft darum bemüht bin, mein eigenes Leben zu erinnern, da muß ich mir auch bewußt machen, daß ich zu jeden Zeitpunkt meines Lebens meinem Unterbewußtsein ausgeliefert war und bin. Also wird, wenn ich es denn aufschreibe, wiederum ein großer Teil meiner Erinnerung weder schöpferische Phantasie noch wirklich Geschehenes aber viel mehr eben dieses (blumige) Unterbewußtsein sein. Fiktive Literatur, das will ich meinen, ist immer das ehrlichste im Inneren des Schreibenden. Die Faszinationen, die sich dem Leser mitteilen, sind dann nichts anderes, als eben deren eigene sinnlich verklemmte immer aber verborgene Chemie, was sonst?

Der Trinker in Arkadien

Der Sommer fährt in alte Glieder

Als kehre junge Lust ihm wieder.

Anakreons1) Becher scheint vertraut,

Wie Sehnsucht einst auf Sand gebaut:

Im Sonnenglaste wabern Düfte

Die Erde trinkt sich selbst

Die Bäume trinken Erden.

Das Meer schwängert die Lüfte,

Die von Wolken getrunken werden.

Die Sonne ertrinkt im Meer,

Aus dem Monde sich gebären;

Wollt Ihr dann, erinnerte Freunde,

Den allerletzten Wein mir verwehren?

                                                   (GSK 5.11.2014)

   In fast jedem anspruchsvollen, über Längen langweiligen Machwerk gibt es irgendwann eine oder sogar zwei pralle Tidden zu sehen; so wunderts nicht, daß die amtliche Verordnung von dosierten Portionen Sex an das niedere Volk, ganz wie die zensierte Berichterstattung über

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1) Anakreon, etwa 580-495 v. Chr. Gilt als der namensgebende Dichter des heiteren Lebensgenusses. Sogar Eduard Möricke scheint als sein Übersetzer und schaffensreicher Dichter von ihm beinflußt.

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ihr eigenes Leben, gerade von namhaften „kritischen“ Künstlern vorgehalten wird. Es ist zum verzweifeln! hier erlebe ich, wie lächerlich und unverschämt es ist, dem arbeiter zu sagen, er solle die große literatur lesen! Ich selbst kann sie nicht mehr lesen, in dieser umgebung. (Brecht 28.7.42)

Traumland. – auf der Suche nach Raum und Zeit; was uns schlagartig an den armen Georg Trakl erinnert: Edgar Allan Poe’s Traumland – die tiefe Dunkelheit, das Sein, das Werden, das Heimatland (?) nur durch Traurigkeit erhellt, trotz all der Angst eine fortgesetzte Sehnsucht nach dem, ach, doch immer gleichen Ort … der Blick des Nachtreisenden ist angesichts paradiesischer Hoffnungen dumpf getrübt … die dunklen Trakl-Farben, die schwer und einsam sind, sich auf Herz und Gemüt legen und rund, rund wie kullernde Kanonenkugeln sind, die uns im einlullenden sanften Seegang gravitativ zermalmen.

Traumland

Auf Pfaden, dunkel, voller Grausen,

Wo nur böse Engel hausen,

Wo ein Dämon, Nacht genannt,

Auf schwarzem Thron die Flügel spannt,

Aus letztem düstern Thule fand

Ich jüngst erst her in dieses Land –

Aus Zauberreich, so wild und weit,

Fern von Raum, fern von Zeit.

[…]

Ewig bodenlose Schlünde,

[…]

Bei den Weihern, die da breiten

[…]

Bei den Wäldern, bei den Sümpfen,

Wo bei schwarz verfaulten Stümpfen

Molch und Kröte lauernd schleichen;

Bei den Pfuhlen und den Teichen,

Wo gefräßige Dämonen

Gierig bei den Leichen wohnen;

[…]

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Für das Herz voll tausend Wehen

Ist es hier ein freidvoll Gehen –

[…]

Auf Pfaden, dunkel voller Grausen,

Wo nur böse Engel hausen,

Wo ein Dämon, Nacht genannt,

Auf schwarzem Thron die Flügel spannt –

Aus jenem letzten Thule fand

Ich jüngst erst heim in dieses Land.

                                               (Poe 2014. Gedichte)

Dieses Land

Es ist jetzt Heimat der Banausen,

Die um die letzten Pfründe sausen;

Im Land – Unterwürfigkeit gewohnt –

Da wird der Euro fett geklont.

Gibt es am Morgen billigen Sand,

So kommt der Profiteur gerannt;

Am Abend ist der Preis gestiegen,

Mit Waagen schändlich wiegen,

Ganz wie beim Reis in diesem Land;

                                                     (GSK 31.01.2015)

Weiß ich was ein Reis ist

ich weiß nicht wer das weiß

ich weiß nicht was ein Reis ist

ich kenn‘ nur seinen Preis.     (Bertolt Brecht)

Schöpfungsmythos. – Die Welt sich längst umsonst erbebt: Wieviele Sonnenaufgänge noch? Wieviel vergebliche Untergänge? Bis endlich Menschenähnliches erlebt.

Death of a Clown. – Die dialektische Vernunft ist gegen die herrschende Unvernunft, bis zur Aufhebung derer, sagt Adorno. Werden das herrschende Allgemeine und seine Bedingungen als krank erkannt, so können wie gehabt nur die Narren der Herrschaft Wahrheiten sagen; der Dialektiker steht mit seinem Auftrag vor dem Abgrund, in den der gesunde Menschenverstand ihn der Ordnung halber stoßen wird.                                                      [Text nicht fortgeführt]

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Blosse Erinnerungen

                                                                          now I know

That twenty centuries of stone sleep

Were vexed to nightmare by a rocking cradle,

And what rough beast, its hour come round at last,

Slouches toward Bethlehem to be born?

– – –                                                                       jetzt weiß ich‘s

Diese zwanzig Jahrhunderte steinschweren Schlafs

Wurden quälender Alp, geträumt in schaukelnder Krippe,

Und welche brutale Bestie, seine Stunde kommt schnell am Ende,

Latscht in Richtung Bethlehem zur eigenen Geburt?

                                                                                                         W. B. Yeats

Schlachtfest. – Trotz der ekelhaften Yahoos Schlaf zu finden, das ist ja nun überhaupt kein Thema, auch wenn diese schleimigen Bestien über den Bankschalter, jenseits des überbreiten Tisches beim Finanzamt, im Rekrutierungsbüro, ganz übel aus dem Maul stinken. Wo gefräßige Dämonen/ Gierig bei den Leichen wohnen, sind sie Rindenmulch, Befehlsempfänger, Handlungsgehilfen, rein arbeitsrechtlich willkürliche Existenzen, und sie stinken wie ein Berberlöwe aus dem Maul, fällt ihm ein … Marinejargon … beim Singen der Internationale, Bitte-Danke, die linke Fausthand hochhalten, nicht wie im Bavaria-Film Hotel Lux, die rechte Hand ist ihm für militärisches Grüßen oder für Abschiedswinken reserviert, so als sei es der ewige Hitlergruß … Yes! Marinejargon? – Papst Peter, der leidet an Bettpisserei,/Denn Mann bleibt Mann, ahoi! Das Matrosenliedchen hat ein Bootsmann verfaßt.

Doch wer wandert durch dies Grauen,/ Wage niemals aufzuschauen

   Er schläft seit er denken kann erholsam nur eine kurze Zeit aber dafür tief und ausgezeichnet. Befreiung von Auschwitz vor Siebzig Jahren, vor Tausend, vor Zweitausend Jahren und immer noch werden die Gehälter der Bischöfe vom Staat bezahlt. Aber es sind Tiere in Menschengestalt, die uns bedrohen, die uns das Blut aussaugen, und es wäre angeblich gesund für ihn, hätte er sich nachts auch nur einmal gefürchtet, anstatt sich ständig in seinen eigenen Gedanken zu drehen, wie in einem Karusell, nur manchmal unterbrochen von Ritualen . . . die einfache Zubereitung der Mahlzeiten und wie Brecht liebt er es, nachts in den Garten zu pinkeln, weil er dann eine großartige Überlegenheit spürt … nur ich darf das, denkt er sich während die feuchte Kühle der Nacht um seinen naßgeschwitzten Rücken streicht;

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er nennt das Abhärtung, und auch das Schlafen im eiskalten Anbau kommt ihm gewöhnlich vor, als sei er bei Shackletons Kameraden in der Dunkelheit ewiger Nacht. Das ist dann anders, nur wenn er an etwas besonders denkt, hat er diesen oder jenen Gedanken. Wo aber ist das Bewußtsein in diesem Moment, hat es sich in eine Art Bücherregal verkrochen? Aber er spürt doch auch seinen Zustand nicht in der Vollständigkeit, die er hätte, könnte er nur alles gleichzeitig empfinden. Jetzt geschieht es, daß er meint, eben genau diesen Gedanken bereits einmal früher zu „Papier“ gebracht zu haben. Dann fällt ihm ein, daß viele Schauspieler uralt sind, ganz plötzlich nimmt er solches war.

     Ganz plötzlich auch ein alberner Anflug von Gelassenheit … morgen würde er in dem Rewe-Laden nach einem Guinness schauen, er würde zu Fuß hinunter in die Stadt gehen, vielleicht mit seinem größeren Wanderrucksack ausgestattet, auch um endlich einmal vor einer Fleisch- und Wursttheke stehen zu können, hinter der sich rosabäckige Verkäuferinnen heimlich den Träger vom BH bequemer schieben. Hat er sich das alles jetzt nur eingebildet oder erinnert er sich, warum aber sieht es ein solches Bild, von dem er ebenso ehrlich behaupten könnte, daß er‘s gerade erst bloß erfunden hat, um‘s zu beschreiben … auch das ist eine latente Begierde, wie die großbusige Verkäuferin natürlich nicht mehr existiert, das war vielleicht eine, die er tief unten im KaDeWe-Keller erlebt hat, und das müßte jetzt über vierzig Jahre her sein, und auch das muß erfunden werden, um dazu diesen einen Gedanken zu haben, ach, in dem er sich bloß vorstellt, einmal wieder so jung und dazu noch glücklich zu sein. Bullshit! Ist das jetzt das Irische Gefühl?

     Besonders in diesem besonders verfuckten, ewig langen, feuchtkalten Klimaänderungswinter 15, dieses wohltuende irische Gefühl hat ihn irgendwie niemals verlassen, dabei weiß er noch nicht einmal, wie das in ihn gekommen ist. Schottland, das kannte er gut. Niemals aber hat er selbst die Grüne Insel besucht, noch wäre da jemand in seinem Freundeskreis, der von einem dortigen Besuch wenigstens rechtzeitig geschwärmt hätte. Sie waren allesamt längst alte Männe, und jeder für sich ging seinen merkwürdigen Abenteuern nach. Jonny immer noch im VW-Bully, er selbst zuletzt mit dem Motorrad hinunter zum Balkan. Im istrischen Pula blieb er nach kurzer Fahrt bereits hängen, und in einer magischen Sekunde hatte er sich im ersten Morgenlicht in diese Stadt verliebt. Irland? Freilich, da war Bölls Irisches Tagebuch,

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ganz selbstverständlich hat er auch solches beizeiten gelesen … Heimat der Schönheit, Killarney,/Ewig holdes Killarney.

    Drei Nächte hintereinander hatte ich mich, wie … in einem Fastnachtstaumel in den Kneipen von Charlottenburg, Schöneberg, Kreuzberg und zuletzt in Neukölln herumgetrieben. Die Wandlung erfolgreich. Nichts erschien mir nach dieser lasziven Zeit, wie vorher zu sein.

    im lieben schmuddeligen Dublin … wachte ich nicht auf, zugleich schien es eine lebhafte, vielbefahren Straße zu sein, deren Rauschen und diffuses Lärmen durch die offenen Fenster heraufströmten, sich an der Stuckdecke reflektierten und auf den glänzenden Bettüchern eine wohlige großstädtische Gelassenheit behauchten. Tatsächlich hatte er in einem Haus in der Wilmersdorfer Straße genächtigt, und beim Frühstück auf dem Balkon konnte er links, ein paar Häuser weiter, den Konrad-Adenauer-Platz, die Kreuzung am Kurfürstendamm erkennen. Sie mußte zu einem ihrer Vorstellungsgespräche, denn sie hatte sich erst vor drei Tagen als Stewardess beworben. O Allfrau, du blonde Wohlgeburt, du rotgehaarte Isolde, du ewige grünschimmernde Maggy mit dem halbvollen Glas Absynth, du Stundentänzerin, deine Form ist mehr als göttlich, weil ich sie so oft gespürt habe und alles potenziert sich in deinen heiligen Axiomen. Alles danach bloße Huritänze, dennoch die üppige Lehrmeisterin, geduldig bis zum Morgentau … Und jetzt: Erneut vermodert ist ein Jahr in mir!

    Und du entglitts wie Geist dem Grabesschatten/Der Bäume dort. Nur deine Augen blieben!/Sie gingen nicht – sie sind nie mehr gegangen!/In jener Nacht mir sorgsam heimwärts leuchtend/Verlassnen Pfad, verließen sie mich nie – […] Im traurig stummen Wachen meiner Nacht;

    Die Alte hat diese wilden Iren nie besucht … das wurde einmal von der Queen Victoria behauptet, und es ist vermutlich allein Margreth Thatchers Besuch bei den siegreichen Soldaten auf Falkland zu verdanken, daß zugleich einige Millionen arbeitsloser Arbeiter in einer Woche mehr Guinness saufen, als alle argentinischen Gauchos zusammengenommen in ihrem ganzen scheiß Leben. Diese erdachten Joyce-Übersetzungen sind hoffentlich unkatholisch und unbedingt subjektiv: „Die Bastarde dort unten hatten wenigstens einmal eine alte stinkende Schafsvotze zu Besuch, die sie möglichst aufrecht grüßen mußten.“

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Das flache Sonnenlicht hat bereits die sehnsuchtvolle Schwüle des Frühlings in sich, und durch den frischen Schnee auf Obstbaumzweigen blinkt es grell und schmerzhaft ins Auge. Immerzu möchte man lebenslang den Ort wechseln, ich wenigstens, dann will ich wieder zum Meer gelangen eines letzten Tages, und in meinem Plan sehe ich zumindest endlich die lockere und dennoch magisch komprimierte Asche all meines Daseins und Hoffens, wie in einer Schmiere der großen Mündung entgegentreiben. Der gnädige Ozean ist natürlich nicht väterlich, er ist zutiefst mütterlich, was jeder schnell begreift. Die Möwe, traumesschwer,/ Streicht übers trübe Meer. (…) An der Ecke Nassau Street ging er über die Straße … sogar ein Restaurantkellner ist er einmal gewesen, Gleich am „Anhalter Bahnhof“, an den Wochenenden einige Monate lang, und kaum eine Lady im stahlgläsernen Konstrukt des Christopher of Bremen konnte den Blick von ihm nehmen, wenn er aufmerksam lächelnd zum Tisch kam, mit seinem flotten blonden Bärtchen oder wenn er geschmeidig von ihnen ging mit seinem längst männlich geratenen Körper und mit einem knackigem Arsch. Feiner schneidiger junger Edelmann. Aus gutem Stamm, natürlich. Dieser Schuft … Trinkgeld war es bloß, immerhin reichlich bis in die späte Nacht.

    Über diese Straße gehen, und schon bist du mitten im Teutoburger Wald, und Stalingrad war die lang ersehnte Rache, da hat man es den Germanen einmal so richtig gezeigt, was ein Blutopfer ist. Er öffnet sich noch ein Flaschpils, denn er hat viele seiner neuntausend Bücher längst verkauft oder verbrannt, fortwährend, in eben der umgekehrten Reihenfolge. Als der Freund aus Bayern anruft, reden sie eine Stunde lang über‘s Winterwetter, über schöne Autos, über ihre Depressionen und über ihre Motorräder, da spürt er einen neuen Aufbruch und, daß noch Saft in der Zitrone ist, falls er den Frühling noch erlebt. Draußen schneit es wieder, wie beim Drucken von Euroscheinen, damit sie in der Sonne systematisch dahinschmelzen.

Ein Hauptmann war dem geistlosen und verkrüppelten, engstirnigen, kulturlosen und stumpfsinnig reaktionären Exkaiser aus der degenerierten Hohenzollerndynastie mehr als suspekt. Deutschlands letzter Kaiser, Wilhelm II., äußerte sich öffentlich über (Gerhart) Hauptmann als einen „Vergifter des deutschen Volksgeistes“. Er hat den Schriftsteller ständig verfolgt und nach Kräften besudelt. Das ist natürlich sehr gut. Das bildet bei der Einschätzung des Schriftstellers ein beträchtliches Plus. Erfinder Fritz Haber ist stolz auf sein GIFTGAS.

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    Vor Sonnenuntergang verliebt sich der siebzigjährige Protagonist in einem dramatischen Stück (so als sei Goethe gemeint), in ein junges Mädchen … das erscheint mir zugleich der arme König Lear zu sein, in den Wahnsinn getrieben von den eigenen undankbaren Kindern. Nun habe ich weder Geld noch Macht, nichts zu vererben als meine kleine Hoffnung, es möge einmal mehr Mut und Verstand in die Welt kommen, um sie wenigstens noch eine kleine Weile bewohnbar zu halten. Ich werde nicht konvertieren, nicht am Ende sicherheitshalber die Fronten wechseln, vielleicht doch wie Pascal auf Gott wetten?

Wir haben seinerzeit gesehen, wie der höchst subtile Kulturmensch Anatole France im Alter zum Sozialismus, sogar zum Kommunismus hindrängte, weil er fühlte, daß die herrschende Klasse plump wird, dumm wird und daß in ihren Händen die menschliche Kultur untergeht. Wir haben unlängst gesehen, wie der kultivierteste Mensch unserer Zeit, Romain Rolland, welcher lange ein Anhänger der Widerstandslosigkeit gegenüber dem Übel gewesen, feierlich erklärte, daß er in das Lager der aktiven Revolutionäre übergeht, um die menschliche Kultur aus den für sie verderblichen Pranken des Kapitalismus zu retten. Wir haben gesehen, wie der kultivierteste Mensch Großbritanniens, Bernard Shaw, erklärte, wenn die Hoffnungen auf die von dem unsterblichen Lenin und seinen Nachfolgern errichtete neue Welt ihn trügen, würden er seine Augen voll Verzweiflung an die Zukunft der Menschen schließen. Diese Verweiflung ist längst zum Dauerzustand geworden, die bekannte Prognose ist schrecklich, nahezu täglich nimmt die organisierte Unterdrückung zu, zumal sie in ihrer umfassenden Kontrolle immer perfekter zu werden scheint. Auch André Gide wollte gern sein Leben für den Sieg des Kommunismus geben, weil ansonsten die Nacht für die Menschheit anbrechen werde. Ich habe leider nicht die Möglichkeit der Bourgeoisie gegenüber zu behaupten, daß ich die ganze Wahrheit besitze, aber ich habe die volle Möglichkeit ihr zu verstehen zu geben: „Ihr lügt, sie ist nicht euer!“

    Die heutigen Helden, wie Edward Snowdon, bedürfen keiner literarischen Großtat, um das gesellschaftlich Greul der Realität zu beschreiben, da ist auch immerzu die pazifistische Anklage einer Bertha von Suttner, um stellvertretend lediglich diese beiden Herausragenden zu nennen. Immer wieder waren es aber gerade Bücher, die in Romanform auf schreiende Ungerechtigkeit und imperialistische Kriegstreiberei hinwiesen. Barbusse, Remarque, die Liste ist lang und wird von genialen reaktionären Machwerken wie von Jünger oder Flex ergänzt.

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Die Welt hält den Atem an. Der Euro wird geklont, Billionenfach vervielfältigt, heißt es. Das Tempo der Verarschungen ist blitzkriegartig und so gewollt. Neueste Strategien sind durchsichtiger als die früheren aber dermaßen dick aufgetragen, daß der kleine Mann darin glatt verschwindet; die Armani-Anzüge der Großen wie gehabt im chicen Schuldenschnitt … die welt hält wieder den atem an. Die deutsche armee rollt nach saloniki in genau dem tempo, das die autos eben hergeben (…) die veralteten armeen konkurrieren da wie der spinnrocken gegen die jenny, tapferkeit verliert gegen fahrkunst, unermüdlichkeit gegen pünktlichkeit, ausdauer gegen fleiß, die strategie ist zur chirurgie geworden. ein feindliches land wird „geöffnet“, nachdem es betäubt worden ist, dann wird tamponiert, desinfiziert, genäht usw. alles mit der ruhe (Brecht 9.4.41)

Felix Kusch: Muster der Wahrnehmung besonders für seine langen Jahre des Sturm und Drangs 1965–1988 (vgl. Kursbuch 1–94, Wagenbach-Verlag u. a.), auf den einfachsten Nenner gebracht ist ein praktisches Männerleben ziemlich unkompliziert: „Fressen, Saufen und Lieben!“ In der fast romantischen, umgangssprachlichen Ausdrucksweise der rückgekehrten, braungebrannten Spanienurlauber heißt das „Salute – Amore – Pesetas!“ Immer wieder die Heiligung des Exzesses, sei es unter Seeleuten oder in der Dichterelite, das durch Jim Joyce selbst ritualisierte Besäufnis unter dem Rubrum „déjeuner Ulysses“: „Auf dem Rückweg nach Paris […] bestanden Joyce und Beckett darauf, an jeder Kneipe anzuhalten, um noch mehr Wein zu trinken. Irgendwann wurde es dem Kutscher, der die Gesellschaft begleitete, zu bunt. Er fuhr los und ließ den völlig betrunkenen Beckett in einer Kneipentoilette zurück, von der dieser erst am nächsten Tag wieder nach Paris zurückgelangte.“ 1)

Die vier heiligen Wahrheiten. – Alle Reden gegen ein Monstrum waren vergeblich. Bereits mein erschreckend niedriges Einkommen, welches nur ein erstes Drittel von dem beträgt was mich die momentan definierte offizielle Armutsgrenze leichtfüssig überschreiten ließe … er will nichts besitzen … wie gern ginge er einst zurück, ganz wie er gekommen war. Jeder Besitz trägt ein Maß von Schuld in sich, und es ist richtig, daß die Vergebung der Sünden ein frommer Wunsch ist, der

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1) David Norris: Origins of Bloomsday, zitiert nach Carsten Beyer: Vor 100 Jahren Bloomsday in Irland. DeutschlandRadio Berlin Kalenderblatt vom 24 Juni 2004.

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menschlicher zu sein scheint, als jedwede Errungenschaft der Zivilisation. Aber so lange wir leben atmen wir durch Lunge und Haut: „Das Tiefste, was der Mensch besitzt, ist die Haut.“ Paul Valéry

Was ich am Ende wünsche. – Vielleicht zu meinem Tode das schlichte Lied der Rolling Stones „Wild Horses“ (allererste Alabama-Aufnahme vom Dezember 1969 oder London Februar 1970 auf der LP Sticky Fingers) erklingen, oder das in Melodie gefaßte Gedicht der Eagles: „Hotel California“! Klassisch? da wünsche ich unbedingt „Die Moldau“ von Smetana, aber niemals bitteschön das scheinheilige Wort eines Pfarrers! Dann lieber den jazzigen Beerdigungs-Stomp a la New Orleans. Vielleicht ergibt sich sogar ein passender Zeitpunkt, verbunden mit einem sokratischen Gefühl …

    Während der Giftgaserfinder Fritz Haber am Abend der ersten Einsatzes an der Ypernfront mit kaiserlichem Militär feiert, begeht Clara Immerwahr (selbst prom. Chemikerin) im Garten ihres Dahlemer Hauses mit der Dienstwaffe ihres Mannes Selbstmord. Das nenne ich einen gelebten Pazifismus.

Wild Horses

 Childhood living is easy to do

 The things you wanted I bought them für you

 Graceless lady, you know who I am

 You know I can’t let you slide trough my hands

 Wild horses couldn’t drag me away/Wild, wild horses couldn’t drag 

 me away

 I watched you suffer a dull aching pain/Now you decided to show me

 the same/No sweeping exits or offstage lines/Could make me feel

 bitter or treat you unkind

Wild horses couldn’t drag me away/Wild, wild horses couldn’t drag me away

I know I dreamed you a sin and a lie/I have my freedom but I don’t have much time/Faith has been broken, tears must be cried

Let’s do some living after we die

Wild horses couldn’t drag me away/Wild, wild horses, we’ll ride them someday/Wild horses couldn’t drag me away/Wild, wild horses, we’ll ride them someday

                                      (Mick Jagger & Keith Richards)

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Ostern 2015. – Immer wieder penetrante Provokationen perfid organisierter neoliberaler Lügenmedien. Der Petersplatz bei strömendem Regen: „Erst beim Segen Urbi et orbi klarte es etwas auf.“ (sic. – SWR1 Nachrichten Ostersonntag – Dauer vier Minuten). Ich möchte da garnicht hinsehen schon garnicht diesen Schmonsenz hören, ich möchte die Augen und die Ohren verschließen vor faschistoider fortwährenden Gewalttat, alles unkristliche weiterhin nicht zu WORT kommen zu lassen in diesem heiligen Abendland, das inzwischen vor lauter Neoliberalismus tiefer als in den absolutistischen Wahnsinn gesunken ist. Endlich spüre ich eine tiefe Sehnsucht nach der Avantgarde, die bevorzugt jüdisch war, wie fast alles Künstlerische in der Mitte Europas. So wie dieser Popanz seine Grenzen schützt, ebenso ekelhaft wird sein Niedergang sein – der Rückfall in den Nationalismus der kleinhirnigen Staatsmonopolisten und Kapitalisten, denen bereits Marx einen gnadenlosen Konkurrenzkampf sogar untereinander bescheinigte – ach, waren das noch schöne Zeiten. Heute angeblich Kleinstaaterei-Tendenzen trotz heimlich beschlossener TTIP als geklonte Wichsvorlage! Niemand sieht die Schrift an der Wand! „Hier, nur hier, wo sie nirgends stehen, sehe ich noch in den dumpfen Abendgerüchen die Buchstaben zittern: anarchieistdufte, anarchieadolce, anarchie.“ (Gertud Leutenegger. Vorabend. 1975). Getrost kann man von der Erkenntnis ausgehen, daß bürgerliche Aufklärung trotz aller Umwege jämmerlich gescheitert ist, der gesamte Humanismus nichts als ein historisches Strohfeuer war. Eine westliche Politik, die TAUSENDE MENSCHEN vor ihrer Türschwelle ertrinken oder zugleich verdursten läßt (der Welthunger wird, wie das Waldsterben, schon garnicht mehr erwähnt), hat nicht nur ihre Erbärmlichkeit bewiesen, sie schießt, ganz wie krumme Heckler & Koch-Gewehre sich selbst ins Herz des FREMDARTIGEN märchenhaft hohen Profits.

Höheres Brandrisiko (sic) – Die größte bayerische Hausversicherung verlangt inzwischen 10-fach höhere Prämien für Wohnhäuser, die von „Asylanten“ bewohnt werden. (SWR2-Nachrichten, 23.4.15, 09 h)

„Worunter die Menschen leiden, darüber gleitet mittlerweile das Lamento über Verdinglichung eher hinweg, als es zu denunzieren. Das Unheil liegt in den Verhältnissen, welche die Menschen zur Ohnmacht und Apathie verdammen und doch von ihnen zu ändern wären; nicht primär in den Menschen und der Weise, wie die Verhältnisse ihnen erscheinen.“ Theodor W. Adorno. Negative Dialektik

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 (18) Wörterbuch zur Verschleierung diverser Zustände

unsortiert

    „Es erleichtert den Umgang unter Menschen, die Dinge nicht immer beim Namen (…) zu nennen. Das wird dann nicht als „Schönrednerei“ bezeichnet, sondern als Euphemismus (von eu = gut und pheme = Rede).“ (Leonhardt 1983)

    „Schlimm sind die von der Obrigkeit verordneten Euphemismen, die nichts anderem als der Vernebelung von Sachverhalten dienen. In unserem Jahrhundert sind auf diese Weise aus allen ehrlichen Kriegsministern „Verteidigungsminister“ geworden. Und Kriege sind natürlich auch keine Kriege mehr, sondern „bewaffnete Auseinandersetzungen“ oder nach angloirischem Vorbild „Unruhen“ (troubles). Es wird nicht mehr „gerüstet“ oder gar „aufgerüstet“ sondern nur noch „nachgerüstet“; und schließlich legt man über das Ganze den harmlosen Wortmantel „Doppelbeschluß“. Daß der Angriff die beste Verteidigung sei, gehört zum klassischen Argumentations-Schatz der Strategen. Daraus jedoch wurde in unserer Zeit der von Staats wegen dekretierten Euphemismen die größte Unverschämtheit, die den der deutschen Sprache Mächtigen auf diesem militärischen Gebiet jemals zugemutet wurde: die „Vorwärtsverteidigung“.

    Euphemismen haben etwas Liebenswertes – solange sich keiner mit ihrer Hilfe für dumm verkaufen läßt. (Leonhardt 1983)

Viele der in den achtziger Jahren aufgekommenen Neusprech-Wörter haben nichts von ihrer Originalität verloren und sind bisweilen immer noch im Gebrauch. Besonders die idiologisierenden, die vom politisch-soziologischen Sprechapparat benutzten, bergen weiterhin die deutliche Tendenz der Verharmlosung und Vertuschung von zumindest moralisch schlimmen Sachen. „Ich gehe davon aus, daß durch den Lernprozess der Sensibilisierung draußen im Lande Neusprech ein irres Erfolgserlebnis ist – echt!“ sagt uns Rudolf Walter Leonhardt. Beispiel : Weil der herrschaftsfreie Diskurs heute ganz ohne Freiheit geführt wird, wird er zum Dialog unter Deradikalisierungsexperten.

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Leonhardt, Rudolf Walter (1983): Auf gut deutsch gesagt. Ein Sprachbrevier für Fortgeschrittene. Berlin: Severin und Siedler, 1983. 174 pp. Inventar-Nr. 15077

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Anmerkun zur Lesart der Verschleierungen: Bei der Interpretation einiger Begriffe und heuchlerischer Umschreibungen, die einer restlichen Staatsraison und den alles umfassenden Interessen der Privatwirtschaft geschuldet sind, konnten sarkastische Färbungen, fäkalistische Wortwahl und selbstzensierte satirische Einschübe nicht immer verhindert werden.

Anpassungsmaßnahmen = Bundesfinanzminister Schäuble (Rollstuhlfahrer), meint damit: sofortige Massenentlassung von Menschen aus dem öffentlichen Dienst in Griechenland, zugunsten der kriminellen Banken.

Arabischer Frühling = ganz im Sinne der westlichen Machtpolitik und Ressourcensicherung liegt der (begründete) Verdacht nahe, daß auch hier die üblichen korrumpierten Drahtzieher zu Werke gehen, die früher einmal Kompradorenbourgoisie genannt wurden.

ARD-Education-Woche = öffentlich-rechtlicherHinweis darauf, daß in diesem Land manchmal noch pädagogische Erziehung wenigstens einmal erwähnt wird … „Nicht für die Schule, für das Leben lernten wir!“ stammelt der Opa. Besser: Education as Education can!

Aufklärungsziel = Personen, die vollständig durch geheimdienstliche Maßnahmen bespitzelt werden, faktisch jeder Bürger der Welt einschließlich sämtlicher Staatspolitiker – sämtliche?

Ausgehen = Kein Redner der achtziger Jahre nimmt an, setzt voraus, ist sicher, daß etwas geschieht. Sie gehen alle immerzu davon aus. Unter persönlicheren Umständen kommen sie dann auf jemanden zu. Ein ewiges Wandern. (Leonhardt 1983)

Befreiungstatbestand = Seit der Kriegsdienst, von anfang an wohl organisiert, amtsrichteramtlich verwaltet wird, ist ein Entrinnen kaum noch möglich. Der Soldateneid ist der vorläufige Höhepunkt der Vergewaltigung der Blutopfer, als Kanonenfutter tauglich:

Fahneneid/ Ich gelobe,/nicht nachzugeben. Mein Vorbild/ sind die Skelette von Ensor1). Ihr Streit/ um den toten Hering. (Fuchs, 1967)

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1) Ensor, James Sidney Edward (1860-1949): Belgischer Zeichner und Maler; Symbolist, Vorreiter des Expressionismus…

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Bewußtseinserweiterung = Im Unterschied zu den Drogen, die dazu führen sollen, Cannabis und LSD, ist die Bewußtseinserweiterung in Deutschland heimisch geworden (Leonhardt 1983). Zwischen der reinen Drogensucht und dem ausgeprägtem Willen nach gesteigerter Kreativität blieb mancher Künstler auf dem Feld der Ehre und Erinnerung. Im Brief des neunzehnjährigen Georg Trakl an seinen Freund Karl von Kalmár findet sich ein erster Hinweis auf unkontrollierten Rauschgiftgenuß: „Um über die nachträgliche Anspannung der Nerven hinwegzukommen habe ich leider wieder zum Chloroform meine Zuflucht genommen. Die Wirkung war furchtbar.“ Bleibt anzumerken, daß Trakl erst drei Jahre später von den Dichtungen Arthur Rimbauds tief beeindruckt ist, die gleichermaßen jene unergründliche Tiefe und Traurigkeit der einsamen Existenz einer kranken Seele so reizvoll macht.

Cookies = Der niedlich klingende Quaderstein, der mithilft, das Mausoleum der bürgerlichen Persönlichkeitsrechte für jede Willkür bloßzulegen.

Deradikalisierungsexperte = vermutlich weiterhin bei geheimen Diensten angesiedelter Fachmann, der durch radikalislamistisches Gedankengut verdorbene deutsche Jugendliche wieder auf den Pfad demokratischer Freiheit und Tugend zurückgeleiten soll. Das offizielle Programm zur Rückführung deutscher terroristischer „Kämpfer“ in Syrien etc ist im August 2014 eingestellt worden. Das hat nichts mit der üblichen Ermittlungspraxis gegen RECHTSRADIKALE zu tun, was die NSU-Geschichte nachweislich belegt hat.

Drohnen-Demokratie = s. a. Demokratie, moderne Form der US-geführten Freiheit, die ohne Einsatz von Leib und Leben der eigenen Soldaten in fremdgläubige Länder gebracht wird. Die Steuerung der Drohnen erfolgt vom bequemen Sessel aus, aus Zentren der Macht . . . und aus dem deutschen US-Ramstein in der Pfalz.

Echt = Beteuerungswort und Steigerungs-Adverb der jungen Generaion. Für Erwachsene schwer zu unterscheiden von den Beteuerungs-Adverbien voll, ehrlich und irre (beide nicht mit den altertümlichen Adjektiven gleichen Klanges zu verwechseln). Dazu gehören auch tierisch und super, sowohl als Adverb wie als Adjektiv verwendbar, und geil, das nur adjektivisch zu gebrauchen ist. So kann irgend etwas Großartiges sowohl echt geil wie irre geil wie tierisch geil und

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schließlich auch super geil sein (oder „supergeil“, Duden hat noch nicht entschieden). (Leonhardt 1983) […] Als W. E. Süskind1) das Wort „echt“ in das „Wörterbuch des Unmenschen“ aufnahm, ahnte er wohl noch nicht, wie viele ganz und gar menschliche Bedürfnisse darauf gerichtet sind, Echtheit zu versichern oder sich ihrer versichern zu lassen. (Leonhardt 1983) So erscheint die Welt dem fortschrittsgläubigen Sehnsuchtskranken echt geil, bisweilen hart aber ungerECHT.

Endlagersuchgesetz = die seit fünfzig Jahren unentwegt voranschreitende Suche nach einem Endlager für heisse atomare Abfälle soll durch ein Gesetz zu einer neuen eiskalten bürgerfeindlichen Suche erklärt werden . . .

Fahrradsoziologe = Spezialisierte Tätigkeit, die sich vermutlich nicht  ausschließlich mit dem fachmännischen Spannen von Speichen beschäftigt, sondern das Fahrrad als gesellschaftliche Mystifizierung angesichts der Luxuskarossen in den systemerhaltenden Fokus stellt. 29.04.13

Finanzsanktionen = die gegen die akut störenden politischstrategischen Aktionen anderer Länder (z. B. Rußland) gerichteten Bankenmanipulationen der US- und Eurobanken (komplizierte englischsprechende Derivate). Um die Fließrichtung der Finanzströme ins Abendland zu erhöhen und besser eindeichen zu können.

Finanzströme = Die durch die künstlich herbeigeführte Euro- und Schuldenkrise fließenden Ströme von kaum noch vorstellbaren Steuermilliarden münden in außerbilanziellen Zweckgesellschaften, die sich wie unbekannte Galaxien jeglicher Einsichtnahme und Kontrolle entziehen.

Freisetzen = Das hat nichts mit pervertierten deutschen Vorstellungen von Freiheiten zu tun, sondern mehr mit Arbeitskräften, denen solches durch „Rationalisierung“ widerfährt. (Leonhardt 1983)

Gesetzentwurf = „… in einen Gesetzentwurf gießen“, sagt eine Politikerin (Bundesumweltministerin Barbara Hendrix, 10. Februar 2014) zur naturzerstörenden Trassenführung bei der Energiewende, und verriet damit das verheimlichte Denken ihrer Berufssparte. Wie kann ein bloßer ENTWURF unverrückbar wie aus Erz (?) in eine Form gegossen werden? Was ist, bleibt. Was veränderbar bleibt, ist menschlich. Was menschlich war, wird unmenschlich.

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1) Sternberger, D., Storz, G.,Süskind, W. E. (1957): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Claasen, Hamburg. -vgl. Die Wandlung. Eine Monatsschrift

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Grauabdeckung = Perfekte Grauabdeckung, prima! Welche Farbe nehmt Ihr? (fragt die berühmte Brigitte). GAD = Die Umschreibung für Haarfärbemittel …

Ground-Zero = bei Ebola ist es eine kleine Hütte in Guinea, in der der „Kleine Emile“ an dieser Krankheit starb … von Fledermäusen oder von Heuschrecken verbreitet?

Herrschaftsfreier Diskurs = von den intellektuellen Avantgarden angestrebter Kaffeeplausch, zu wissenschaftstheoretischen Untermauerung des linken Reformismus auf allen Ebenen.

Humanitärer Korridor = Zugang für die profitablen abendländischen Organisation in Kriegs- und Konfliktgebieten, ähnlich der Funktion des Deutsche Roten Kreuzes in den imperialistischen Weltkriegen.

Jobtouristik = besonders die aus dem Ausland herbeigekarrten Amazon-MIT-Arbeiter werden nachweislich ganz wie Sklaven ausgebeutet … totale Überwachung … Hungerlohn … Hire and Fire … erbärmliche Unterbringung … Beispiel vom Standort Bad Hersfeld: erschreckende TV-Dokumentation (02/2012) …

Krankenhausreif schlagen = nicht nur von der chinesischen Polizei praktizierte Feinjustierung des Gesundheitszustandes gegnerisch empfundener menschlicher Subjekte …

Kreatives Einkommen = verfügbare Geldmenge, die sozial benachteiligte Eltern der Unterschicht nach Abzug der Kinderarmut zur ihrem reinen Wohlbefinden zur Verfügung haben.

Lebensarbeitskonten = Möglichkeit von Bundewehrsoldaten, aufgelaufene Überstunden in familienplanende Lebensqualitäten zu wandeln. Die Idee der deutschen Kriegsministerin von der Leyen: ekelhaft!

Lohnuntergrenze = Armut nicht nur in Kriegszeiten … „Wir geben für Profitgewinn unser Gold für Eisen hin!“

18. 2. 1941/ die norwegischen zeitungen bringen kochrezepte neuer art: wie man krähen und möven zubereitet. und die gottesdienste werden von polizisten überwacht [Brecht 1973, S. 244]

Lux-Leaks = Enthüllungen der seit langer Zeit bekannten Steuerdeals in Milliardenhöhe (Steuerpraktiken der Konzerne und Großfirmen) Juncker war nicht der Architekt, er war 25 Jahre Wirtschaftsminister und Präsident in Luxemburg … EU-Recht, d. h. Steuersätze seien sehr

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verschieden …. er will keine ungebührliche Einmischung betreiben, sagt Juncker … Steuertricks sind/waren legal ….

Mietpreisbremse = irgendwie gesetzlich zu regelnden Auswüchse des normalsten Kapitalismus, die sich weder gegen „einstürzende Neubauten“ noch gegen rasend steigende Mieten in den üblichen Ballungszentren wendet.

Null = Von der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden mit Recht zum Wort des Jahres 1981 gewählt. Seine nicht zu unterschätzende Bedeutung liegt darin, daß es die Kluft zwischen den Generationen überbrückt, wobei auf der einen Seite der substantivische Gebrauch, auf der anderen der adverbielle vorherrscht. Die Alten: Null-Tarif, Null-Lösung, Null-Wachstum; die Jungen: null spießig, null Bock. (Leonhardt 1983)

ÖPP- Beschleunigungsgesetz = (sic – seit 8.9.2005) Im Dezember 2002 bereits durch die SPD initiiert! Bereits im April 2001 durch BK Schröder eine interministerielle AG, die ÖPP-AG . . . Dazu „Staeck-Plakat“ GESUCHTE TERRORISTEN! 1/ Hubertus Heil (SPD = ÖPP-Gesetz / 2 Gerhard Schröder (SPD Agenda/ Hartz IV-Gesetz

Präzisionsnetzwerk = mit den Errungenschaften der weltweiten elektronsichen Überwachung, mit heißer Nadel gestricktes geheimes Terrorinstrument, allerdings gegen den anderen, den als feindlich erklärten Terrorismus gerichtet.

Rotlichtvergangenheit = Im Zusammenhang mit den skandalösen Bestechungs-Enthüllungen, die letztlich zum beschämenden Rücktritt von Bundespräsident Wulff führten, kam auch seine hübsche, blonde Ehefrau ins Gerede. Sie soll doch tatsächlich eine Rotlichtvergangenheit haben … My Father was a Gambling-Man … my Mother was …

Sanktionspaket = Das gegen die territorialenen, hegemonistischen Bestrebungen von Rußland geschnürtes „Bündel von Maßnahmen“, wie Wirtschaftsboykott und Kontensperrungen, welches vorwiegend verbal verhackstückt wird, während die weltweiten deutschen Exporte nie erreichte Dimensionen erreichen (allein im Monat Juli 2014 Exporte für 100,5 Milliarden Euro). Vielleicht gehört die (angebliche) Nullzinspolitik zur „Eisernen Ration“ des aus seinen Nähten platzenden, übersättigten Finanzmarktes (s.a. Finanzsanktionen).

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Seligsprechungen = feindselige Handlungen gegen den Gesunden Menschenverstand, aus der okkulten Geisteswelt des finstersten Mittelalters stammend, gegen den gesunden Menschenverstand deswegen, weil sich die die Logik der Seligkeit gleich doppelt zeigt: Wer’s glaubt, wird selig! . . .

Sensibilisierung = Da uns die schönen Gefühle abhanden gekommen und wir mißtrauisch geworden sind gegenüber allem Gefühlvollen, versuchen wir ein wenig des Verlorenen auf dem Wege über die Wissenschaft wieder hereinzuholen. (Leonhardt 1983)

Steuerfluchtenthüllung = das medienwirksame bloße Bemerken (kurzzeitig, wie eine Sensation) der fortwährenden Tatsache, daß gierige reiche Mitbürger (weiße Weste Träger) z.B. die Millionen ganz wie Ulli Hoenes von Bayern München einsacken. 29.04.13

Strukturelles Versagen = wenn bewährte Neonazis in Deutschland von Beamten der Polizei und der „Dienste“ gedeckt werden … das ist dann ein „bewußtes Versagen der staatlichen Sicherheitspolitik“.

Strukturieren = Wo uns die Formen fehlen, entdecken wir Strukturen. Nachdem der Strukturalismus aus der Mode gekommen ist, geht es auf einer niedrigeren Ebene erst richtig los mit dem Strukturieren. Ein akademisch promovierter Doktor schrieb an die „Deutsche Tagespost“ : „Wie war es möglich, daß die zweite Person der Gottheit Mensch wurde? Wie konnte das strukturiert werden?“ (Leonhardt 1983)

Terrorreisende = im Gegensatz zu direkten Waffenlieferungen aus Deutscher Produktion (wie beim solidarischen Mitkämpfen im Spanischen Bürgerkrieg) umständlichste Art der Unterstützung des Kampfes gegen die westlichen Kartelle. Diese Reisenden sollen künftig einen Vermerk („T“?) in Personalausweis bzw. Reisepaß bekommen. Die Freizügigkeit (vgl. Grundgesetz) darf selbstverständlich eingeschränkt werden, wenn die schnöde Tagespolitik es verlangt!

Trainingsmission = Nachdem das Wort „Krieg“ in der deutschen Politik weiterhin und wieder einmal krampfhaft vermieden werden soll, Kriegseinsatz deutscher Soldaten und Kriegswaffen möglichst verbrämt umschrieben wird, werden Soldaten eigentlich feindlich agierender Staaten (Syrien etc.) und militärischer Gruppierung (z. B. Kurden im Irak) in Deutschland (heimlich?) für exportierte Präzisions-Waffensysteme ausgebildet.

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TTIP = faschistoid-juristische Totalherrschaft der Konzerne: die gilt wie‘s versuchte Kaiserwalzertanzen in Hollywoodfilmen längst als die höchste Form der Weltkultur, abgenickt von hiesigen Kompradoren!

Umweltgipfel = Millionen Flugkilometer bringen die Deligierten dieses Pauwaus zu einem vorher festgelegten Ort, meist ist es, wie bei anderen ähnlichen internationalen Zusammenkünften eine Großstadt mit ausgeprägtem Nachtleben. Danach müssen kubigmeterweise Apelle und Protokolle gedruckt und publiziert werden, um zu verkünden, daß gegen das Waldsterben (eine deutsche Wortschöpfung wie Kindergarten und Gemütlichkeit) immer noch keine einheitliche Regelung ins Auge gefaßt werden konnte.

Unabkömmlichstellung = heute besonders durch die Privatisierung des Kriegsdienstes (ÖPP) nahezu altmodisch gewordene Bevorzugung bestimmter Personen und Personengruppen, die trotz Wehrpflicht nicht Soldat werden müssen. Im Merkblatt heißt es zum gleichfalls erzwingbaren Zivildienst:  „Aus Vereinfachungsgründen werden die für den Wehrdienst maßgeblichen Begriffe verwendet.“

Unkontrollierbare Trefferbilder = mit dem Aufmacher „Gefahr für Leib und Leben“ berichtet IlluStern über die lächerlichen Trefferquoten des Heckler & Koch Gewehres im kriegsmäßigen Einsatz bei der Bundeswehr (u.a. in Afghanistan), welches letztlich lebendigwarme Menschen treffen und töten, zumindest schwerst verletzen  soll.

unverzichtbar= „unverzichtbar“ ist nicht nur ein Polit-Produkt fehlerhafter Logik, sondern ein Ausfluß persönlicher Feigheit. Die Steuererleichterungen für das Großkapital, der Einsatz von Kampfdrohnen gegen aufsässige Bevölkerungen sind unverzichtbar!

Vermögensverschleierung = davon kann bei der Katholischen Kirche nicht die Rede sein, denn Zahlen werden nicht genannt. Faktische Hochrechnung ergeben allein für Deutschland eine Finanzakkumulation von 200 Milliarden Euro … vgl. TV-Bericht

Verrechnungspreis = dramatisch räuberisches Verhalten bei der Preisgestaltung exportierter mineralischen Ressourcen, die armen Ländern zugunsten der reichen Industrieländern geraubt werden. Beispiel Afrika: Kupfer aus Sambia (ARTE 28.11.2012 22.20h)

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Volksverteidigungsmelizen = das sind die in Wahrheit weiterhin im Stich gelassenenen, aber propagandistisch verwertbaren guten Kurden, die gleichzeitig die syrischen Truppen und die islamistische Terrormiliz (IS) bekämpfen. Aber: im Oktober 2014 bombardierte die Türkei mit Natowaffen kurdische Dörfer in der Türkei selbst, um die verhaßten Kurden bitte nicht „zu zahlreich“ werden zu lassen.

Waffensystemoffizier = „Der himmlische Alltag eines deutschen Luftwaffenpiloten“, SWR 2, 14.12.2013. Ohne Skrupel! „ … avionisch die Waffen ins Ziel zu bringen.“ Mit Erregung in der Stimme?

Water-Ressource-Group = Offizielle Lesart einer der ekelhaftesten Gangstervereinigung westliche Weltwirtschaft. Mitglieder sind Nestlé, Coca Cola, Pepsi, die Welt-Bank (Washington als Globalplayer).

In Colorado verdient Nestlé bei einem Liter gestohlenem örtlichem Grundwasser die Differenz von 2 US-Cent zu 10 US-Dollar (!? Recherche?)

„Wem gehört das Wasser?“ (Alpha-TV 25. März 2015 – Doku von Christian Jensch) In South Africa und (Südamerika?) wird der Liter „Pure Life“ (auf Plastikflaschen gezogenes ordinäres Grundwasser) von Nestlé für umgerechnet 1 Euro an die ärmste Bevölkerung verkauft, denen man zuvor eine öffentliche Wasserversorgung entzogen hat (!). Die Methoden zur Durchsetzung dieser kriminellen Interessen werden von staatlichen Geheimdiensten unterstützt … So wurde z.B. Franklin Frederik ausspioniert, gemobt und kaltgestellt (!)

Willkommenskultur = ein angeblicher Arbeitskräftemangel in Deutschland wird eingeläutet, um Standardlöhne durch das „Gespenst der Zuwanderung“dennoch weiter senken zu können … Streiks? wie warme Pisse auf besitzstandswahrende Gewerkschaftspfründe.

Wirtschaftsweisen = W. im eigentlichen Sinne betreffend (Art und Weise, wie gewirtschaftet, gehandelt wird) auch wird von W. gesprochen, im Sinne von Heiligen Männern, Gurus, Marabus o.ä. die es in ähnlicher Form fast in jedweder Religion gibt (wo es allein um disziplinierende Glaubensangelegenheiten geht) … Die W. in Person: an der schwachen Wirtschaft ist der längst noch nicht eingeführte Mindestlohn schuld … die Rente mit 63 ist ganz schlecht …  die Völkerwanderung von Osteuropa und Afrika kostet uns zu viel … Sparen, sparen, sparen empfiehlt der dubiose Club … Wer von Profiten besser, besser und noch besser leben will, muß die restlichen fetten Bestandteile der Kommerzgesellschaft TOTSPAREN oder endlich PRIVATISIEREN.

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 (18) Mein kleines „Literaturlexikon“ (1)

Man ist sich ordnend bewußt, nicht bloß einen ganz äußerlichen Katalog zu machen, sondern sich um die Sache zu bewegen.                              Karl Jaspers

Einige Personen agieren im Hintergrund, übliche Volksmenge, Apfel-und-Ei-Statisten … Fast eine offene Fundgrube, als Skizze zu einer Anthologie/ möglichst im Fließtext belassen/ Sammlung/ Entwurf und vieles mehr vgl. dazu HOLTHUSEN ff

Kurze Anmerkungen zu weiterhin bekannten oder längst vergessenen Dichtern und Autoren sind in den hiesigen Manuskripten wie ein Relikt durch die Texte geschleppt worden – wie Asservate liegen sie bereit; irgendwann wäre einiges deutlicher hervorzuheben. (die Fundgrube als eine düngenede Fäkaliengrube).

… Ganz wie von selbst gelingt die auswahl ja das ist doch der tägliche gebrauch von einem nahrungsmittel ja nenn‘ es halt buch ja du köstliche droge … den persönlichen Bezug herstellen … wie zu dem damals frisch gestorbenen brecht ja kaum von ihm gehört ja war er tot in jenem oestlichen berlin vielleicht oder woanders ja ich saß später einmal im üppig dekorierten theater am schiffbauer damm und ich wunderte mich über das rokokointerieur ja welches gipsgoldig über rote samtvorhänge die schattigen ränge tropfte ja und während die dreigroschenoper sich weit unten wie von selbst inzenierte, spürte ich plötzlich claudes küsse (das ist erinnerung an meine marie a. … tatsächlich und wie sie sang von dem hemd ja auch am sonntag nicht rein und von den brüsten andalusischer mädchen … ja das ist jetzt alles eins ja wie ein einziges buch ist das und so schwillt es uns hoch als wären wir brüder am ende.

Anakreon = gehört zum (klassischen) Kanon der neun Lyriker … Wein, Weib und Gesang war sein Motto … der Bursche hätte gut ins heutige Werbefernsehen gepaßt … sein einsichtiger Tiefgang ist kaum nüchtern zu ertragen – aber er hat ihn! Das ist gar wie beim einschmeichelnden andalusischen Charakter, womöglich durch griechische Kolonisatoren eingeschleppt: die Faulheit als Voraussetzung für skrupellose, folkloristisch wirksame Genußfähigkeit.

Anouilh, Jean = Der Mensch in den Dramen Anouilhs: ein zum Leben verdammter Hysteriker und Monomane des Untergangs, mit einem unbezwinglichen Drang zur Flucht aus der Zeit … (HOLTHUSEN31)

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Aragon = LouisAragon, Paul Eluard, Anna Seghers und/oder Upton Sinclair = Das Gebiet der politisch, sozial und gesellschaftskritisch interessierten Literatur ist unübersehbar groß: u.a. vom vagen „leftism“ (Linksertum = besonders in England entwickelt) über anonyme SA-Lyriker bis hin zu den Führern des Surrealismus …  die heute (1949) Kommunisten sind (vgl. Holthusen 1952)

Arendt, Hannah = wieder ein gutes Beispiel! Vita activa oder vom tätigen Leben. 7. Auflage München 1994 – Vita activa gilt als ihr philosophisches Hauptwerk. . . . auch: Über Rosa Luxemburg . . . Über das Böse . . . Hannah Arendt führte ein „Denktagebuch“ (publ. 2002 ?) … warum umstritten? Ihr Postulat von den Nazi-Befehlsempfängern … Die Banalität des Bösen (!)

Aristoteles = Metaphysik „Das hinter, neben der Physik“ … zuletzt bei Horkheimer, wenn es um die Vernunft des Menschen geht …

Beauvoir, Simone de = … immer schon war ich versucht (1968 als junger Mariner zuerst gelesen: Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau), die Beauvoir und Sartre in einen gemeinsamen Topf zu werfen … haben sich gegenseitig im Bett auch ihre Manuskripte vorgelesen, oder zumindest vom Anderen das jeweiligst neue in die prüfende Hand bekommen . . . wie glücklich darf sich jemand schätzen, der in der Welt etwas Verständnis (Verständigung?) findet – wie gern wäre ich Holzschnitzer geworden, ehe ich nur eine Zeile ganz für mich allein geschrieben hätte. Sich vergleichen, ja das ist auch ein Grund, sogar die eigene Idee begreifen zu wollen. Ist alles nur Narzissmus oder nur ein Teil davon? Gerade die erworbenen Wissenschaftlichkeiten bildet einen Grad intellektuelle Arroganz ab, der erst mit der Vergrößerung der Auflage abnimmt …

    Was merkwürdig erscheint: einige Bücher, mir bedeutsame, die ich verliehen habe, und sie, so wie es in dieser Welt üblich zu sein scheint, niemals zurückerhalten habe, das waren wohl auch die, die ich weiterhin sehr vermißte … eben das oben genannte, dann Anatomie der menschlichen Destruktivität von Erich Fromm … alles nach einem stundenlang verhinderten, zickenhaft aber glitschigen One-Night-Stand, und eben das bleibt bis heute das Ärgerlichste.

Benn, Gottfried = funktioniert als manisch-depressiver Gigapoet … kommt immer mal wieder vor … vgl INSEL Band 12 Bitterschokolade

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Bernardos, Georges = … religiöser Psychologe von unheimlicher, fast unbegreiflicher Entlarvungs- und Durchdringungskraft … (27) (Holthusen 1952)

Bloch, Ernst = seine Begrifflichkeiten werden immer mehr Rätsel als Offenbarungen sein … Menschlichkeit – vielleicht doch irgendwann in einer besseren Welt?

Block, Belyj und Block, Alexander = russische Symbolisten, 1910 ? sie schrieben, lebten und litten unter dem Diktat der aufkommenden Revolution (Holthusen 1952) … O was ein Schicksal … kannten sie beide diesen Lenin?

Böll, Heinrich = Heinrich Böll wurde in der Adenauerzeit im Dunstkreis des rheinländische Katholizismus wohnend, auch als Mahner in der Wüste begriffen, besonders was die üblen Machenschaften betraf, die in Bonn ausgeklüngelt wurden. Man trank widerwärtig Tee bei Dr. Borsig, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Er galt den DM-Magnaten und Patriarchen ein Zeitlang als beliebter Festredner, nicht zuletzt ein Tennessee Williams des nahezu kritiklos aufblühenden deutschen Wirtschaftswunders, verbreitet durch billige Taschenbücher . . . (insbes. dtv?)

Brecht, Bertolt = . . . das war in den fünfziger Jahren, da hat er endlich auch Briefe an Peter Suhrkamp geschrieben: Lieber Suhrkamp,/natürlich möchte ich unter allen Umständen/in dem Verlag sein, den Sie leiten./Herzlichst Ihr/bertolt brecht/Berlin, 21.5.50.

    „1898-1956, aus Augsburg, Lyriker, Dramatiker, Schriftsteller. Ging von München nach Berlin, 1933 über Dänemark und Finnland nach USA, 1949 Rückkehr nach Ost-Berlin. Der ursprüngliche Dichter stellt sich in den Dienst der kommunistischen Idee. Zuerst reiner Lyriker, fand er zu programmatischen Lehrstücken. Im Exil, fern dem politischen Tageskampf schrieb Brecht dichterische Dramen. Seine Lyrik verbindet lakonische Unterkühlung mit dem Lob eines neuen vitalen Glücks:“(Britting 1978). Brecht: insgesamt eine wahre Fundgrube …

Breton, André = vom Symbolismus (Paul Valéry, Stéphane Mallarmé) zum Dadaismus (Guillaume Apollinaire, Comte de Lautréamont, Louis Aragon, Philippe Soupault, Tristan Tzara, Paul Èluard, Max Ernst, Robert Desnos, René Crevel, Benjamin Péret). Idee des

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„Automatischen Schreibens“ und der „Traumprotokolle“ (Breton’s Kontakte zu Sigmund Freud – irgendwie lustig!) zuletzt als quasi Mitbegründer und entscheidenter Theoretiker des Surrealismus definierte Breton 1924 diesen als einen „reinen psychischen Automatismus“. 1930 wurde von Breton im Zweiten Manifest des Surrealismus eine Neudefinition als eine sozial-revolutionäre Bewegung versucht. Hierher gehört die Aussage: „Marx sagt, die Welt verändern. Rimbaud sagt, das Leben verändern.“ Surrealismus als eine Synthese zweier Ideen … Erkenntnis über die Notwendigkeit der sozialen Revolution aber auch der psychischen Reaktion auf die abscheulichen Exzesse des Imperialismus und Kapitalismus … wir schweben, wir schweben voll farben und näselndem rauch … die logik der form ist sicher, so sicher wie geschmolzenes wachs …

Brod, Max = Einmal war dieser Franz Kafka ein Mann, der mit dem großen Max Brod befreundet ist, dann war Brod mitmal der Mann, der mit dem berühmten Kafka befreundet ist.

Kafka in einem Brief an seinen Freund Max Brod: „Wie Betrunkene fallen die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinaufgibt, das stürzt herunter, was man hinunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“ (Holthusen 1952, a. a. O., S.11). Max Brod war ein enorm fleißiger Mensch, er publizierte fast hundert Bücher, der in einem Kulturbeitrag treffend als eine geschäftige Goethenatur bezeichnet wurde (Tobias Lehmkuhl, 02.01.2015 Deutschlandradio Kultur).

Bruno, Giordano = Vor gut 400 Jahren war die Katholische Kirche der heutigen Welt wieder einmal weit voraus – sie verbrannte einen klugen Geist auf dem Scheiterhaufen . . . weshalb hätte sie auf Kosten ihrer dreisten Allmächtigkeit akzeptieren sollen, daß es eine anders funktionierende nachgewiesene Welt gibt, eben die, welcher Galileo Galilei etwas später, um am Leben zu bleiben, abzuschwören hatte (vgl. S. 128 hier).

Camus, Albert =  Was in Deutschland der Expressionismus, in Amerika zugleich die Prosa der „verlorenen Generation“ war, das ist heute (1951) in Frankreich der Existenzialismus (Existentialismus:

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Schreibweise?). Die ganze Bewegung ist ein Derivat der deutschen Existenzphilosophie, die schon 1926 in Heideggers „Sein und Zeit“ und 1932 in der dreibändigen Philosophie von Karl Jaspers öffentlich wurde (Holthusen 1952)

Über Camus. – In einem Brief von Albert Camus an Lisolotte Dieckmann wird Herman Melville ausdrücklich als eines seiner Vorbilder bezeichnet … das Absurde …. Der Tod als … Juli 2012

Celan, Paul = wer bei Gelegenheit wissen möchten auf welchen intellektuellen Fundamenten das neofaschistoide Wirtschaftswunderdeutschland errichtet wurde, der mache sich über die Erbärmlichkeiten der (berühmten?) GRUPPE 47 ein dokumentarisches Bild, besonders als der belachte und verspottete Celan seine „schwarze Milch der Nacht“, zugegeben in seiner gewöhnungsbedürftiger Manier,vor die Flakhelfer-SÄUE schüttete. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland!“ Das gilt bis heute, gerade bei solch gigantisch bleibenden Waffenexporten.

Crane, Stephen = Das Monstrum; Im Rettungsboot (?) … protestantische Ethik, fast wie bei Wallace … sachte britische Kolonialkritik…

Darwin, Erasmus = (der Großvater des uns wohl etwas bekannteren Charles Darwin) war ein stattlicher, überaus potenter und gelehrter Mann … Hier überwiegt die Lässigkeit über das Dasein oder ist es Gelassenheit, die hier zum Zweck erhoben wirkt – was bewirkt den kleinen Unterschied?

Dos Pasos, John Roderigo =  *14. 01. 1896 – 28. 09. 1970 amerikanischer Romanschriftsteller … Chicago … Dos Pasos; zählt mit seinen sozialkritischen, expressionistischen Stilmitteln verwendetene Werken zu den bedeutendsten Autoren seiner Zeit. Als Ausdruck eigener Erlebnisse entstand der pazifistische Roman „Three Soldiers“ (1921). Die moderne Großstadt schildert „Manhattan Transfer (1925). In der Trilogie „USA“ (The 42nd Parallel, 1930; Nineteen-nineteen, 1932; The Big Money 1936) gibt er einen Querschnitt aller Schichten und Generationen des 20. Jahrhunderts.

Enzensberger, Hans Magnus = vgl. Der Monolog des Felix Kusch, INSELJAHRE Band 17, S. 104 und 127

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Eichendorff, Joseph von = vgl. Oskar Seidlin: Eichendorffs „Zwei Gesellen“*)

 1

Es zogen zwei rüst’ge Gesellen

Zum erstenmal von Haus

So jubeln recht in die hellen,

Klingenden, singenden Wellen

Des vollen Frühlings hinaus.

2

Die strebten nach hohen Dingen,

Die wollten, trotz Lust und Schmerz,

Was Recht’s in der Welt vollbringen,

Und wem sie vorübergingen,

Dem lachten Sinnen und Herz.

3

Der erste, der fand ein Liebchen,

Die Schwieger kauft‘ Hof und Haus;

Der wiegte gar bald ein Bübchen,          

Und sah aus heimlichem Stübchen

Behaglich ins Feld hinaus.

4

Dem zweiten sangen und logen

Die tausend Stimmen im Grund,

Verlockend‘ Sirenen und zogen

Ihn in der buhlenden Wogen

Farbig klingenden Schlund.

5

Und wie er auftaucht‘ vom Schlunde,

Da war er müde und alt,

Sein Schifflein das lag im Grunde,

So still war’s rings in die Runde,

Und über die Wasser weht’s kalt.

6

Es singen und klingen die Wellen

Des Frühlings wohl über mir;

Und seh‘ ich so kecke Gesellen,

Die Tränen im Auge mir schwellen –

Ach Gott, führ‘ uns liebreich zu dir!

———————————–

*) Oskar Seidlin: Eichendorffs „Zwei Gesellen“ , In: Schillemeit, Jost, Hrsg. (1965): Deutsche Lyrik von Wackherlin bis Benn. S. 173- 197. Fischer TB 121-125. Tausend 1975. Frankfurt am Main.

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Faulkner, William = Düster erregende Kunst, wobei die Menschen vom Sexus und schleichender Mordgier befallen sind und sich zuweilen mit der dumpfen Getriebenheit von Tieren bewegen … entfesseltes erzählerisches Furioso.     Die Erzählungen: sie erscheinen eingebettet in ein Bild vom schwülwarmen Süden, auch die Schwarzen spielen hier eine Rolle (man nannte sie Neger), die robusten Helden und die bürgerlichen Versager des kleinstädtischen Alltags, und doch sind manche Figuren weiß wie Porzellan – zerbrechlich, werden immer durchsichtiger, je mehr man in diese Welt hineintaucht … Schön, wenn der, der schreibt, seine Heimat beschreiben kann, zumindest das, was einmal vorgab es zu sein. Die Figuren Faulkners sind verschlüsselter Teil eines Amerikas, welches noch stolz auf seinen beschworenen Pioniergeist und den Präsidenten war. Es steht hinter den Zeilen, mit großer aber  stiller Menschlichkeit und mit seinem erbärmlichen Gegenteil. (11.02.10)

„Wer einen Tiger reitet, kann nicht mehr absteigen“ Indisches Sprichwort. (25) (Holthusen 1952)

France, Anatole = Die Insel der Pinguine funktioniert als eine bissige Satire (Aufbau Verlag. Leinen) … liest sich heutzutage, ganz wie eine Schöne neue Welt, da vieles längst eingetreten ist, womöglich etwas mühsam, die bereits verstandenen, betonierten Ereignisse in langatmigen Metaphern sich einmal neu anzueignen.

Frisch, Max =

Aus Kampen , Juli 1949 [. . .] Heimat.

Die Summe unsrer Sitten und Unsitten, eine gewisse Gewöhnung, das Gemeinsame einer gleichen Umgebung, all das ist nicht wertlos.

[. . .] (Sinn des Reisens.) Was ich in Deutschland suche: die Weite im Verwandten. Die anderen Größenverhältnisse spiegeln sich immer auch im Menschlichen.

[. . .] Zur Schriftstellerei:

(…) jedes Erlebnis bleibt im Grunde unsäglich, solange wir hoffen, es ausdrücken zu können mit dem wirklichen Beispiel, das uns betroffen hat. Ausdrücken kann mich nur das Beispiel, das mir so ferne ist wie dem Zuhörer: nämlich das erfunde. Vermitteln kann wesentlich nur das Erdichtete, das Verwandelte, das Umgestaltete, das Gestaltete – weswegen auch das künstlerische Versagen stets mit einem Gefühl von erstickender Einsamkeit verbunden ist. (Max Frisch in: Suhrkamp 1990, S. 57)

215

Fuchs, Günter Bruno = eine frisch entdeckte Affinität zu Günter Bruno Fuchs habe ich während meiner Berliner Zeit verpaßt, am Ende wohnte er um die Ecke, ganz wie Günter Grass oder Ulrich Roski (auch ein Komiker ?)

Fuchs konnte Prosagedichte, und wo es nach Rimbaud klingt, da ist Fuchs drin : Betrunkner Wald/Nicht genug, daß die Bäume in den Himmel wachsen! – /jetzt lachen sogar die Eichhörnchen/und werfen Haselnüsse ins All. […]

(vgl. a. Erich Fried, Günter Grass, Enzensberger …)

dazu: Stillmark, Alexander (2013): Gedichte in Prosa von der Romantik bis zur Moderne. 15,58 Є incl. Versand.

Fuchs: Pennergesang

Nach Hubert Witt: Anläßlich einer programmatischen Selbstverständigung schreibt Fuchs 1961: „Ich versuche einen Text aufzuspüren, der sich wehrt, der auf einem Flugblatt stehen kann . . .“, und er prüfe, „ob das Ergebnis brauchbar ist für den Vortrag, ob es abschwört der guten Miene zum bösen Spiel und vor allem intakt genug ist, zwischen den herrschenden Idiologien sein eigenes Denken behaupten zu können.“

George, Stefan: zit. n.: Ludwig Strauß, Dichtungen und Schriften.

Hrsgg. v. Werner Kraft. München: Kösel 1963. S. 478-512.) In: Schillemeit, Jost, Hrsg. (1965): Deutsche Lyrik von Wackherlin bis Benn. S. 113- 134. Fischer TB 121-125. Tausend 1975. Frankfurt am Main. S. 118.

Ein herz voll liebe dringt in alle wesen

Ein herz voll eifer strebt in jede höhe

Und heilig nüchtern hebt der taglauf an.

                                     (Stern des Bundes)

War nicht Martin Walser ein großer Bewunderer des „marmorgeschliffenen“ Werks (?) Walser streichelt über George = Das Jahr der Seele … Georgemarmor … Wortmarmorgedichte …

Komm in den totgesagten park und schau . . .

Komm in den totgesagten park und schau:

Der schimmer ferner lächelnder gestade –

Der reinen wolken unverhofftes blau

Erhellt die weiher und die bunten pfade.     /Dort …

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Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau

Von birken und von buchs – der wind ist lau –

Die späten rosen welkten noch nicht ganz –

Erlese küsse sie und flicht den kranz –

Vergiss auch diese letzten astern nicht –

Den purpur um die ranken wilder reben –

Und auch was übrig blieb von grünem Leben

Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

                                                        Stefan George

Gide, André = skeptische Gewissensfreiheit (Holthusen 1952) Revolte gegen jedwede moralisch-ethisch oder religiös-kirchlich begründete Konventionen. „Die Falschmünzer“ (Nobelpreis für Literatur 1947) ist vielleicht das Resümé seines Denkens … warum sind heute polemische Erziehungsromane aus der Mode gekommen?

Hesse, Hermann = zunächst kompentent für die literarische Erwähnung von Jugendängsten (Unterm Rad) … schwere Kindheit (Kinderseele) …. Wirkt als geläutertes Sensibelchen ? Versteht es die Meditation als individuelle Erkenntnis einzuführen …  (Glasperlenspiel; Siddartha) Hippiebewegung paßt sich da hinein (Steppenwolf) …

    Hans Mayer beschimpft seine Lyrik als entbehrlich; es sei die eines Schwarzwaldpoeten (Wilhelm Hauff etc.), mehr nicht … Hesses wunderschönes Lebenssinn-Gedicht Stufen erlangte allerdings hohe Verbreitung; es scheint längst im unteren Bildungsbürgertum (gibt es das noch?), zumindest bei Älteren bekannt zu sein; kaum eine Feier im Altenwohnheim; bei lustiger Rast auf Seniorenwandertreffs …

    Hesses Stufen und freilich Brechts Erinnerung an die Marie A. sind für mich selber so etwas wie rührende Erinnerungen an längst vergangene Ideen und egoistisch zertretene Gefühle …

     Brief im Mai von 1962, hier lobt Hesse Wolf von Niebelschütz und dessen Roman „Die Kinder der Finsternis“ „… ein umfangreicher, sehr anspruchsvoller, sehr kühn und männlich fabulierter Roman.“

     Hesses Gedicht „Kleiner Gesang“ (wohl vom Mai 1962) scheint aus zwei Segmenten zu bestehen, die sich gegenseitig in ihre jeweilige Welt ziehen wollten … hier steht Hesses Natur- und Weltbeschreibung, wie ein Blick aus dem Fenster einer gotischen Kathedrale, vielleicht einmal im Widerstreit mit den dumpfstählern gebläuten Wort-Schmiedearbeiten von Gottfried Benn (?) (14.01.2014)

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Heym, Georg = besingt den aufkommenden 1. Weltkrieg. Das Lebensgefühl der Décandence und des Fin de Siècle war abgelöst worden durch das Vorgefühl einer Kette von ungeheuren Katastrophen … (Holthusen 1952)

Hindemith = strenge und gesunde Musik (Holthusen 1952) … Exkurs: Weshalb ist klassische wie moderne Musik so wichtig im soziologisch-philosophischen Getöse? Ist es die klingende Akzeptanz der sich bewegenden Avantgarde durch den Sumpf der Bürgerlichkeit? Die tönende Verwässerung revolutionärer politischer Forderungen? Was bedeutet ein Gustav Mahler für die Linke? Ist die Auseinandersetzung mit Wagner sinnvoll?

Joyce, James = Ulysses(1922): legt mit der Technik durchgehender Analogik die homerische Odyssee gleichsam als Schnittmuster zugrunde … (26) … ein echter Durchbruch aus leidenschaftlichem Interesse an der Totalität des ganzen Menschen … (26) … Joyce‘ Enthüllungsdrang gräbt so tief, daß er durch das Medium der neu entdeckten Bewußtseinsschichten hindurch wieder auf das Grundwasser der Seele trifft … (27) (Holthusen 1952)

In Pula sitzt Joyce auf der Terrasse seines Kaffeehauses an einem Tisch … in Bronze gegossen, obwohl er diese Stadt wirklich nicht sonderlich mochte und deshalb schnell nach dem inzwischen ebenfalls italienischen Triest verschwand, wo es ihm angeblich besser gefiel.

Joyce, Stanislaus = der weniger berühmte Bruder von James Joyce … wobei einige seiner quasi familienbiographischen Schriften für das Verständnis der komplexen, nahezu unverständlich bleiben Werke von Bruder Jim sehr wichtig erscheinen.

Kafka, Franz = (1910) In der Strafkolonie = höllische Verbindung von Bürokratismus und Grausamkeit . . . bei Kafka funktioniert die Wirklichkeit grundsätzlich nicht . . . K. verharrt in der Sachlichkeit und Nüchternheit der alltäglichen, unlösbar schwierigen, verstrickten und verstockten Existenz … (vgl. Max Brod) auch (Holthusen 1952)

    Er wäre mir der Liebste von allen, seine Welt ist womöglich nach innen gekehrt, dorthin, wo das wahre Leben im wahrnehmenden Widerstand stattfindet . . . (28.09.13) Vielleicht auch Starrsinn, die Gewißheit der denkenden Überlegenheit, die freilich wiederum sich in geschickten Szenarien, in bloßen Worten sich erschöpft – die Funktion von Literatur im unsäglichen Dasein der Einsamkeiten.

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Kaléko, Mascha =  „Ich sitz in meinem Haus aus Glas … und werfe doch mit Steien.“ Findet sich in der Clique der literarischen Bohême, und man trifft sich im „Romanischen Café“ . . . Großstadtlyrik, und man bemerkt das weibliche, das Verletzbare trotz aller Ironie . . .

Kaßner, Rudolf = 1910 ? Inthronisierung des Verbrechers als des „fünften Standes“ (Holthusen 1952)

Kierkegaard, Søren = „Die Angst ist der Schwindel der Freiheit.“ Körperlich ein Schwächling hat doch Großartiges gedacht/ erdacht . . .

Koestler, Arthur = 1910 ? Spürt das Heraufkommen einer politischen „Eiszeit“ = Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein … Der Mensch als ein moderner Neandertaler (vgl. Holthusen 1952)

Kraus, Karl = für den nachhaltig beeindrucktenGeorg Trakl war Karl Kraus: „Weißer Hohepriester der Wahrheit;/Kristallne Stimme, in der Gottes eisiger Odem wohnt,/Zürnender Magier,/Dem unter flammenden Mantel der blaue Panzer des Kriegers klirrt.“

Lawence, D. H.  =… Ich selber tauche bisweilen in diese Welt der fast sinnlichen Wahrnehmungen. Wie aus einer versunkenen Welt leuchten die Wahrheiten herüber … Lawrence liebte Inseln, das gilt mir als bewiesen.

L. unterscheidet sich von Joyce (?) … Sinn für den Augenblick … (Holthusen 1952) (was immer uns das sagen will)

Ludwig Marcuse (für mich gilt er als ein klar denkender Geist in einer einst hoffnungsvollen Ära), lobte fast im Überschwang (wo zitiert?) die Intensität der Lawrence-Sprache: „ … Lawrence, was immer er sonst noch philosophiert, besingt die Lust der Sinne.“

Lawrence selbst bekennt: „Ich glaube, daß die höchste Tugend darin besteht, glücklich zu sein.“

Leonow, Leonid = Leonow gehört als faszinierender (linker) russischer Erzähler, zu den Grenzfällen. Wie Aragon oder Eluard erscheinen sie am wenigsten als Dichter, wo sie am meisten Politiker sind, so sieht es ein bürgerlicher Kritiker.

Lenau, Nikolaus = „Das Menschen Herz hat keine Stimme/Im finstern Rate der Natur.“ Lenau

Es gibt da eine Sonette, die Anastasius Grün 1845, Nikolaus Lenau gewidmet hat . . .

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Lorca, Federico García = Die Gitarre bringt die Träume zum weinen… (zeitdokumentierende Biographie, Stücke und Dramen). Andalus! O Andalus! das Lächeln in den makrebinischen Augen …

Wann endlich wird ihm eine Schwulen-Oper gewidmet sein?

Das Judentum und das Schwulsein erfordert die wirklichkeitsnahe Toleranz aller anders artigen Künstler …

Majakowski, Wladimir Wladimirowitsch = gilt als pompöser bolschewistischer Revolutionsdichter … (Holthusen 1952) … was brauchen wir heute? Futurismus! Er sah manchmal wirklich wild aus…

Marx, Karl = (1848) „Das Kommunistische Manifest“ … Ein Gespenst geht um in Europa … vielleicht als Beginn einer modernen Literatur … ? (s.a. Holthusen 1952)

Mehring, Walter = seine schöpferische Emigration mag logisch erscheinen, da wäre er nicht allein, dazu gehört aber auch die Akzeptanz der Barbarei als ursächlicher Grund des Andersseins … überhaupt sind Verfolgte zu beneiden … aber sind sie immer auf der richtigen Seite?

Miller, Henry = … hält dem Vergleich mit Joyce nicht stand … bei Miller mit seinen pansexualistischen-neognostischen Exzessen findet man eigentlich nichts Neues … (Holthusen 1952)

Mohnnau, Ralph Günther = u.a. der Gedichtband „Ich pflanze Tollkirschen in die Wüsten der Städte“. Metaphorisch und experimentell an den Nerv der Zustände zu gelangen, das erscheint stets praktisch: … es zettelt Revolutionen an/es erfindet neue Idiologien/& überlistet beide…  vgl. Fischer tb, 1988, S. 7)

Mussil, Robert = Der Mann ohne Eigenschaften. Der ewige Zauderer.

Nietzsche, Friedrich = Liegt nicht der großartig, groteske Schatten Friedrich Nietzsches immer noch auf dem, was in unserer Zeit gedacht, getan und gelitten wird? Seit der Verkündigung seiner tragisch-heroischen Erkenntnisfrevel ist die Bahn freigemacht für die völlige Emanzipation des abendländischen Geistes … (15) (Holthusen 1952)

Das schwierige Genie, doch eher nicht, er zitiert sich leicht, weil er für mich immer (?) und sofort Wahres sagt – er erscheint mir gerade bei seinem endlichen Größenwahn verständlich. Ja, ich verstehen ihn!

Ich wäre dann einer der Wenigsten, einer der posthum Geborenen.

„Man muß der Menschheit überlegen sein durch Kraft, durch Höhe der Seele, – durch Verachtung . . .“

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Novalis = „Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Aus der Vernichtung alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als neue Weltstifterin hervor.“ (?) (39) (Holthusen 1952) Stets habe ich Anarchie anders verstanden, eher politisch und nicht religiös, was mir das Gegenteil der hypothetischen Unterwürfigkeit (des gesellschaftlichen Wesens, als Masse) zu sein scheint.

Picasso, Pablo = proteischer Formenreichtum (Holthusen 1952) . . . was immer das sein soll . . . immer wieder vorzeigbar . . . das wilde Experimentieren im Schulterschluß zu einer inneren sozialistischen Gesinnung . . . die Formen und Farben des Menschlichwesens, das Gegenteil der wahren Welt. Allein schon die geniale Abstraktion, die sich aus der vorgegebenen Betrachtung (Entwicklung aus Realismus-Darstellungen im Entwurfprozess) zum genialen Baustein transformierter Ewigkultur entwickelt … Zeitlosigkeit, erlangt Bedeutung in der Seele . . .

Penzoldt, Ernst = Thomas Mann schrieb Ernst Penzoldt zum Abschied: „Ihr >Squirrel< ist eine poetischere Konzeption als der ganze Krull. Das ist eine Epiphanie.“ Da wunderte sich mein Felix Kusch dann doch.

Auch ihn (Ernst Penzoldt),überwältigt bisweilen die Traurigkeit des menschlichen Daseins, immer dann, wenn die alten Herren die neuen sind, dann ist Ablenkung dringend nötig. Kunst ist stets für neue Bilder im Kopf tauglich … wie lange?

Lufteis, in: Suhrkamp 1990 …. Das Penzoldt’sche Lufteis, es hat doch nur wenig mit der Glaziologie eines Gerhard Stäblein zu tun, der wie alle Würzburger Büdel-Schüler die Adenauer-Geographie zum unantastbaren Bestandteil konservativer Gesellschaftsstruktur erhob und selbst nach den Nazi-Notstandsgesetzen der Großen Koalition unter Kiesinger, in der Brandt’schen Reformzeit (ähnlich wie Fakultätskollege Wilhelm Wöhlke vom Osteuropa-Institut) keine rot eingebundenen Feldbücher bei manchen seiner Studenten akzeptieren wollte. … Bei Eschwege auf einer Exkursion fand man fast vierzehn Zentimeter (?) hoch gewachsenes „Kammeis“ – auf der Handfläche der geliebten Rosemarie V. (alias Rote Rosi) fotografisch dokumentiert.

Jean Paul = Über Jean Paul. – „Levana oder Erzieh-Lehre“ – eine geniales, die Obrigkeit anhimmelndes Machwerk zur

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Aufrechterhaltung des immer noch herrschenden globalaristokratischen Patriachats, was man diesem Manne kaum zutraut. Dennoch sind am Ende (damals wie heute) die übelst Geratenen immer die, welche einst in junger Gier und pochendem Penis zu den Barrikaden der FREIHEIT riefen … riefen … und immer riefen. 02.11.11

Ein gewaltiges Archiv … viel Notizen … … Witzeleien … Humor in seinem Werk.

Die Ewigkeit lag auf dem Chaos./ 1789 der „Siebenkäsroman“/ 1813 Über Deutschland „Madame der Stille“ (?)

Biographie von Helmut Pfotenhauer: „Nihilismusexperiment“

Im Siebenkäsroman spricht Jesus: Da ist kein Gott! (Jean Paul: Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei)“… in Extreme verfallen.

Als Museum: 1793: Die unsichtbare … Hesperus

Der erste Ziegenkäs-Roman – der erste „Ehe-Vermeidungs-Roman der Welt“ — später die Bayreuther Provinz, die er als „geistige Sahara“ erlebt.

Orbis pictus = Latein-Lexikon

„Mokierspiel“ Idee: der Ziegenkäsroman als Drehbuch?

Helmut Pfotenhauer: Der Roman war in Österreich verboten.

Joditz in Sachsen/ Leseanleitung/ Gesamtausgabe?

„Jean Paul lesen heißt einen Tunnel bohren.“

SWR2 22.03.201

Zu Marcel Proust = einzigartiges Romanwerk als Kontraststück zum französischen Roman: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ … das Rätsel der Zeit und das menschliche Dasein … das Geheimnis der Erinnerung in schwindelerregender Dimension … Vergangenheit und Gegenwart gleichen sich an … ein Punkt jenseits der Zeit … (Holthusen 1952).

„Proust war Angehöriger, sozusagen passiver Angehöriger einer außergewöhnlich reichen jüdischen Bürgerfamilie, nahe den Rothschilds.“ (Lunatscharski 1934).

= Zwischen Hommage und Parodie, wie anders kann man die Belle Epoque, die fast abstoßende Nichtsnutzigkeit des höheren Bürgertums zu seinem eigenen Interesse verklären? Nun, dazu bedarf es dem quasi marxistischen, dem überaus kritischen Leser nur eine höchste Form

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von Literatur … Stattdessen erwächst in mir eine spezifische Bereitschaft zur Erduldung der Schilderungen … das Hoffen auf das erstaunliche Bemerken der Metapher … Nur ein klein wenig Begeisterung für wirklich schöne Literatur vorausgesetzt: In diesem Text klebt man sofort fest, dieser Stil im Detailgefühl, im ständig vorgezeigten emotionalen Gedächtnis — ja so schreiben können, zumindest Lust zum Schreiben bekommen, das sollte man den Zaghaften empfehlen, gar ehrfürchtige Pastiches lassen sich vermutlich nicht vermeiden, hat man Proust im Kopf, im Kopf, im Kopf … hier sitzen zuletzt Gefühl und Verstand, auch die verblassenden Erinnerungen — Ihr Zögerlichen! Schreibt! Alle, die es nur tun, können es, denn Literatur ist alles, alles, alles … nur die Kindheit muß dabei erinnert werden, weil sich alles danach doch nur wiederholt. Zuletzt: Mein vorbildliches Leitmotiv: ständige, ewige Wiederholung von Thema und Motiven … ich selbst bevorzuge das Typus-Motiv des EINZELGÄNGERS … einsamer Wolf in der Natur … die Einsamkeit hinter leeren Fenstern … Mein eigenes emotionales Gedächtnis ist, wenn ich ihm freien Lauf gebe, nichts anderes als eine gigantische Assoziationkette, deren Glieder spätestens im Frühjahr 1970 wenn nicht erstmals in Worte gefaßt so doch in pseudodichterischen Ergüssen weitergeknüpft wurden …

„Diese überaus erstaunliche Woge von Erinnerungen, die natürlich eine enorme Rolle im Schaffen jedes Schriftstellers spielt, ist bei Proust mächtig und tragisch, er liebt nicht nur sein „Temps perdus“, er weiß, daß sie für ihn gerade nicht „perdus“ sind, daß er sie aufs neue vor sich auslegen kann wie riesige Teppiche, wie Schals, daß er diese Qualen und Genüsse, Höhenflüge und Stürze abermals durchmachen kann. […] Und diese ungeheure Arbeit am ersten Teil des Lebens wird zu Prousts zweitem Leben. Der Schriftsteller Proust lebt nicht mehr, er schreibt […] wichtig ist gerade die erstaunliche Verdauung des Einst […].“ (Lunatscharski 1934).

  Alles wird zu einem schimmernden Riesenhaufen erlesener Dinge, alles in allem erwächst eine höchst detaillierte Darstellung lebendiger Persönlichkeiten. Im Vordergrund steht das eigene Ich, die eigene Persönlichkeit. Das Leben ist vor allem mein Leben.“ (vgl. Lunatscharski 1934). Der körperlich schwächelnde und auch seelisch kränkliche Proust mag seine sich im besten Mannesalter gestellte Lebensaufgabe, durchaus im zweideutigen Sinnzusammenhang gesehen, und mit einem besonderen Stil verbunden haben. „Der etwas trübe, honigartig

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kolloidale, überaus süße und aromatische Stiel Proust ist der einzige, durch den Zehntausende von Lesern zu nötigen sind, mit ihnen Ihr nicht gar so besonders bedeutsames Leben enthusiastisch mitzuerleben, indem sie hinter ihm eine besondere Bedeutsamkeit erkennen und sich diesem ausgedehnten Genuß mit unverkennbarer Begeisterung hingeben.“ Das schrieb Anatoli Lunatscharski 1934 im Vorwort zur russischen Proust-Ausgabe. Die Begeisterung des zugleich scharf denkenden marxistischen Kulturschaffenden, letztlich für Prousts zutiefst bürgerliches Machwerk (das Vorwort wurde unvollendet nur zwei Tage vor seinem eigenen Tod hinterlassen) deutet auch auf eine mögliche positive Entwicklung des sowjetischen Experimentes hin, welche leider niemals stattgefunden hat, da kann man heute den Proust lesen, so viel man immer will. Ich selber erinnere mich deutlich an die großartige Hoffnung, die Ende der sechziger Jahre eine Jugend in der ganzen Welt spürte, die sich kämpferisch unter roten Fahnen und lammfromm und friedlich unter Blumensymbolen versammelten. Alles verbreitet in diesen Erinnerungen gähnende Langeweile, falls sich da nicht immer ein literarische Stil findet würde, der den suchenden Leser auf seine verlorene Zeit, im Grunde auf sein „verlorenes Leben“ zurückwirft.

    Beschreibung von Felix: „In jenem Mai waren die baumbesäumten Charlottenburger Straßen längst grün geworden … die laue Luft hatte sich gesättigt, in jeder Hinsicht gesättigt, ja fast lasziv erschienen ihm die Seitenstraßen im einst mondänen westlichen Teil der Stadt. In seiner großzügigen Einzimmerwohnung in der Schillerstraße Nummer 73 gab es auch einen Balkon, der gerade groß genug erschien, auf ihm gelegentlich zu frühstücken, oder sommerabends, über die Passanten erhöht, zu sitzen, um ein wenig die milde und gedämpfte Frühlingssonne der Großstadt auf der Haut spüren zu können …“ Dort, an der Ecke zur Wilmersdorfer Straße ist längst eine gewalttätige Shopping-Mall entstanden, in der die Seelen der Menschen vergewaltigt und in Zwangsprostitution erniedrigt werden, dort, wo er einst auf dem flachen Dach des Groenewold-Mietshauses Silvester gefeiert hatte, in einer warmen Sommernacht einmal auch mit einer Geliebten geschlafen hatte … das Haus ist längst abgerissen und der riesige Parkplatz (hier stand sein verwaschenblauer Opel P-7), ist ebenfalls mit diesem Konsumtempel aus Beton und Glas überbaut worden.              

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Anstreichungen zu Proust’s „Der Gleichgültige“

… die dunkle Hellsicht eines Jockeys … oder eines Schauspielers

… polynesischer Liebreiz

… glückliche Gleichgültigkeit/ … verläßliche Genauigkeit

… gleichgültige Liebenswürdigkeit

… Regeln der Koketterie

… die Bitterkeit ihrer Enttäuschung

… schmerzvoll und sanfte Bedrückung = Pleonasmus?

… der arme beklommene Kranke zürnt dem Asthma

… Die elementarste Koketterie und die strengste Würde befahlen ihr (…) äußerste Kühle (…) zu wahren  = widersprüchliche Aussage?

… auf dem Grund des Spiegels

… bleichgewordene Wimpern

… der unbewußte Traum

… erstrahlte von der Glorie frischer Rosen

… sonderbare und peinigende Lust des Stolzes

… sehr grausame Heftigkeit dieser Enttäuschung

… das Gespinst der Täuschungen

… die leidenschaftlichste Freundin als auch die scharfsichtigste Gegnerin

… die geschäftige Vorstellungskraft

… der Gewaltherrscher ihrer Träume

… die kühne Schärfe seines Verstandes

… edel wie ein Louis-Treize-Porträt

… die widersinnige Hoffnung

… im bleichen Himmel mit den Schwalben schweben

 … der traurige Reiz

… Er liebt die gemeinen Frauen, die man in der Gosse aufliest, und er liebt sie leidenschaftlich;

… Unweit ruhten einige von Gärten umgebene Häuser im besänftigten Abendlicht, einem Licht, fern, orientalisch und fromm, als wäre es Jerusalem. (…) Am Ende der Avenue neigte sich die untergehende Sonne glanzvoll wie ein Triumphbogen mit himmlischem Gold und Grün beflaggt.

… in vertrauter Feierlichkeit/ … stille Süße

… das Erhabene seines Geistes

… weil die Wahrheiten hochgesinnter Geister als die lächerlichen Irrtümer des Alltags gelten./ … eine reine freundschaftliche Innigkeit

… ihr kranker Blick ..(89)

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Rousseau, Jean-Jaques = Es erschien zu Beginn des Karnevals. Der Kolporteur brachte es der Frau Prinzessin von Talmont, am Tage des Opernballs. Nach dem Abendessen ließ sie sich ankleiden, um dorthin zu gehen, und begann, die Stunde erwartend, den neuen Roman zu lesen. Um Mitternacht befahl sie anzuspannen und las weiter. Man meldete ihr, die Pferde wären eingespannt. Sie antwortete nichts. Ihre Leute machten sie, da sie sie ganz versunken sahen, aufmerksam, daß es zwei Uhr wäre. „Es eilt noch nicht“, sagte sie und las immer fort. Etwas später, da ihre Uhr stehengeblieben war, schellte sie und fragte, wie spät es wäre. Man entgegnete ihr, es wäre vier. „Dann ist es schon zu spät, auf den Ball zu fahren“, erklärte sie, „man spanne aus.“ Sie ließ sich auskleiden und verbrachte den Rest der Nacht mit Lesen. (Rousseau. Bekenntnisse)

Schmidt, Arno = … das ist der : mit dem Doppelpunkt … „mit ihren Montessori-Fingern …“ Zettels Traum ist gigantisch hochpreisig!

Seghers, Anna = Deutsche Sozialistin, gleichzeitig respektable Erzählerin. Politisches Engagement und dabei trotzdem Dichter bleiben …(Holthusen 1952)

Simonides von Keos = 556-468 v. Chr., der in Grabinschriften Erfahrene … Auf die bei Thermopylae Gefallenen … eingebrannt in die historische Wahrnehmung aufgeweckter Gymnasiasten, dem Kriegsdienst fürs Vaterland nicht abhold: Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habens uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl. Hier in der nachgedichteten Übersetzung durch Friedrich Schiller.

Sinclair, Upton = Schilderer der Chicagoer Schlachthäuser (Holthusen 1952) . . . Tradition der realistischen amerikanischen Erzählung

     Wann taucht das „Schlachthausmotiv“ erstmals bei Brecht auf?

Überhaupt: taugt die Metapherfindung nur im kriminellen Milieu?

Die alltägliche Anschauung … in wächserne Beständigkeit gegossen…

Stephan-Kempf, Günter (Satire) zu = geb. Stephan, am 22. Mai 1948 in der Kur- und Kreisstadt Bad Schwalbach, in die er nach langen Bildungsjahren, in Berlin und auf weltweiten Reisen verbracht, 1993 nicht allein wegen ihres maroden Charmes zurückkehrte.

Er war kein sehr guter Schüler, wobei ihn ganz allgemein die Literatur, trotz seiner Lehrer die Fächer Geschichte und Erdkunde zunächst hin . . .

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[Bad Schwalbach, den 4.5.1963]

Unser Kater Pit      

Unser Kater heißt Pit und ist ein strammer Bursche. Sein Fell ist grau mit weißen Flecken und er hat einen buschigen Schwanz und sein besonderes Merkmal hat er am linken Auge wo das Fell dunkel gefärbt ist. Infolge guter Fütterung hat er sich zu einem stattlichen Mäusejäger entwickelt.

Seine Bewegungen sind plump aber er weiß sich aus jeder Lage zu retten. Wenn ich ihn zum Beispiel im Garten mit Erdklumpen bewerfe, so rennt er auf mich zu, bis er etwa zwei Meter von mir entfernt ist. Dann schlägt er plötzlich einen Haken, daß es unmöglich ist, ihn zu treffen.

Im hohen Rasen spielt er am liebsten. Dabei sieht man deutlich das Raubtierhafte an ihm. Mit dem Bauch auf der Erde, die Schnauze mit den Schnurrhaaren tief im Gras versteckt, schleicht er durch den grünen Dschungel. Aus der Katzensicht sieht man dann nur die Ohren und die Schwanzspitze.

Abends sitzt er auf seinem Schemelchen neben dem Herd in der Küche und putzt sich für sein nächtliches Kater-Thing im Mondlicht. Wenn man Pit dabei aufmerksam beobachtet, so sieht man, daß er keinen Quadratzentimeter unbeputzt läßt.

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Nach der Schnauze kommt die Katerbrust, dann die Beine und der Bauch und zum Schluß die Pfoten. Bei der Reinigung der Pfoten benötigt er die größte Sorgfalt, Die Zehen werden auseinandergespreizt und einer nach dem anderen wird mit dem Waschlappen vorsichtig beleckt.

Das Fressen und das Schlafen sind Pit’s Lieblingsbeschäftigung. Neben seinem Platz hat er sein Schüsselchen stehen, und während er auf seinem Platz dahindöst, was er übrigens den ganzen Nachmittag macht, schaut er manchmal andächtig zu dem herrlich nach Speckschwarten, Haferflocken und Milch duftenden blauen Etwas hinüber. Bekommt er Hunger, so erhebt er sich und beginnt den Inhalt zu verzehren.

Morgens, wenn ich die Haustüre aufschließe, sitzt er schon erwartungsvoll davor und empfängt mich mit einem von Herzen kommenden „Miau!“ Den Schwanz  kerzengerade in der Luft, den Buckel krumm, schnurrt er um meine Beine und schmiegt sich an meine Hände wenn ich ihn streicheln will. Das ist der Augenblick, wo er alle Kunststücke, die ich ihm beigebracht habe, willenlos ablegt. Ich sage: „Pit, leg dich!“ Oder: „Mach schön so. Na, dann leg dich auf die Erde!“ Sofort liegt er mit der Seite auf dem Boden und schaut erwartungsvoll zu mir herauf, und wenn ich ihn dann auch noch

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streichele, dann wälzt er sich von einer Seite auf die andere. Das zweite Kunststück heißt Purzelbaum machen. Ich nehme ihn an den beiden Vorderbeinen und hebe ihn ungefähr fünf Zentimeter vorne hoch und sage: „Pit, mach schön Köpfchen!“ Nachdem ich ihm das zweimal gesagt habe legt er den Kopf an die Brust und macht eine Rolle vorwärts mit Hechtsprung, denn er ist sofort wieder auf den Beinen. Das dritte Kunststück ist das leichteste und es klappt fast immer. Ich setze mich auf einen Stuhl und sage: „Hopp, hopp!“ und er springt mir auf den Schoß. Das vierte geht folgendermaßen. Ich stelle mich mit dem Rücken zur Wand und Pit kommt hinter meine Füße. Die Hände lege ich ihm vor die Brust und er springt ohne Anlauf in hohem Bogen über meine Hände.

Wenn man Pit in Ruhe läßt und ihn nicht ärgert ist er ein friedfertiges Lebewesen. Bei Näckerei und Quälerei jedoch wehrt er sich mit Zähnen und Krallen und dann kommt auch die Abstammung der Katzen von den Tigern zum Vorschein.

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Unser neues Klassenzimmer

An Ostern bekam unsere Klasse einen neuen Klassenraum. Er befindet sich direkt neben dem Lehrerzimmer. Der Flur, der den Zugang zum Lehrerzimmer bildet, stellt sogleich den Eingang unseres Klassenraumes. Er liegt hinter dem Feuerwehrturm und wenn einmal die Sirene heult, dann versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Ein anderer Ruhestörer sind die Hühner, die unter dem Klassenzimmer ihr Konzert verrichten. Der Hahn aber treibt es am schlimmsten. Denn er kräht immer dann, wenn der Lehrer das Wort hat.

Der Raum selbst ist für einen Klassenraum hübsch eingerichtet. An der Fensterseite stehen fünf Tische. Die restlichen zehn Tische sind nebeneinandergerückt und stellen ein geschlossenes Ganzes dar. Vor der Tafel, auf der Sirnseite des Raumes führt ein Gang von der Lehrerzimmerseite zur südwestlichen fensterseite. Ein zweiter von der Stirnseite zur südöstlichen Fensterseite. Ein dritter Gang führt von der Stirnseite zur Tür. Die Tafeln sind im Vergleich zu unserem früheren Raum bald um das dreifache größer. Die eine ander Stirnseite kann man in der Höhe verstellen und zwei aufklappbare Teile vergrößern sie noch mehr.

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Die zweite Tafel ist in der Wand eingelassen und bedeckt die Wand von der Stirnseite bis zur südöstlichen Fensterseite. Die Wändes selbst sind mit Farbe angestrichen. Die Lambris ist hellbraun, der Sockel ist mit Ölfarbe hellgrün gestri-chen, und der Rest bis zur Decke ist ebenfalls hellgrün aber nur mit Leimfarbe oder Binder getönt. Dem Schmuck der Wände  dienen sechs Bilder und eine Aushängetafel. An der Südostseite hängt das Bild „Ta Matete“ von Gauguin. Zwei weitere Bilder zeigen den Neptunbrunnen in Schweidnitz und ein Rathaus einer mir (ebenso) unbekannten Stadt. A der Südwestseite hängen zwei dunkelgetönte Schülergemälde, die südländische Städte bei Nacht zeigen. An der Anschlagtafel der Stirnseite hängt ein Bild vom meeresgrund eines Südmeeres. Ein anderes Bild von dem Nabburger Tor in Amberg vervollständigt den Schmuck der Wände.

Drei Heizkörper wärmen das Zimmer bei kühleren Jahreszeiten angenehm. Zwei Fenster auf der Südostseite geben und den Blick auf den Höhberg und die neue Schule. Die drei Fenster auf der Südwestseite zeigen uns die Stadt und ihren bewaldeten Hintergrund. Die Beleuchtung schaffen vier Kugellampen, die an zwei Deckenbalken hängen. Der Boden ist mit braunem Linoleum ausgelegt.                   (Frühjahr 1963?)

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Was ich von einer Klassenfahrt erwarte-  Entwurf

[Die Schülerwünsche]Meine persönlichen Wünsche den Lehrern und der Klasse gegenüber sind zwar sehr klein, aber von sehr großer Wichtigkeit. Sie lauten folgendermaßen: Wenn man eine Klassenfahrt mit einer solchen großen Klasse macht, dann muß die Fahrtengemeinschaft doppelt so gut sein, wie bei einer Fahrt mit zehrn oder zwölf Schülern. Der Wunsch der Klasse gegenüber ist, daß sie sich gut benimmt und die Schule auf jeden Fall zu vertreten hat. Denn wenn alles gut von statten geht, dann macht die Fahrt doppelt so viel Freude. Mein Wunsch den Lehrern gegenüber ist, daß sie die Fahrt gut vorbereiten, denn eine Fahrt mit bals dreißig Teilnehmern muß vorzüglich organisiert werden. Sonst habe ich keine Wünsche, denn ich denken, es wird nicht die erste Fahrt sein, die die Lehrer nun vorbereiten.

[Der Sinn] Der Sinn und Zweck einer Klassenfahrt ist, die Schüler an die Gemeinschaft zu gewöhnen. Denn wenn das nicht frühzeitig geschieht, dann wird es ihnen später nicht gut ergehen. Denn ein Mensch ohne Gemeinschaftssinn fällt überall auf. Ein weiterer Sinn einer Klassenfahrt ist, uns ein wenig Kunstverständnis zu verschaffen. Denn die Kunst ist im Leben sehr wichtig.

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Ein Mensch ohne Kunstverständnis fällt ebenfalls überall auf.

[Die Lehrerwünsche] Die Wünsche der Lehrer stimmen fast mit den Wünschen der Lehrer überein. Ein Lehrer wünscht sich eine ordentliche Klasse, mit der er seine Schule in jeder Weise vertreten kann. Die Lehrer wünschen sich Verständnis, denn die meisten Schüler glauben eine Klassenfahrt sei eine Belohnung für  … (Textstelle unleserlich)

[Die Schülerwünsche]Die Schüler wünschen sich eine Fahrt, auf der sie etwas sehen und auf der sie etwas lernen können, was ihnen später dienlich sein könnte. Die Schüler wollen auf ihrer Klassenfahrt etwas erleben, was sie bei ihren zurückgebliebenen Schulkameraden erzählen können.

[Alle Wünsche erfüllen können]Wenn jeder Teilnehmer der Fahrt den Wünschen der anderen Teilnehmer entgegenkommt und die Lehrer den Wünschen der Schüler entgegenkommen, dann muß die ahrt gut verlaufen, was wir Schüler und die Lehrer ja doch von Herzen hoffen.

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Mein kleines Literaturlexikon (2)

Thomas, Dylan (1914-1953) = Gedichte, Essays, Briefe, Prosa wie autobiographische Erzählungen, ein Theaterstück „Under Milwood“ (auch als Hörspiel) … Der Poet im Pub.

… und noch immer weinend sagt er: „Es ist Salz. Es ist richtiges Salz. Genau wie in meinen Gedichten.“ Dylan Thomas. Abenteuer in Sachen Haut.

Thomas von Aquin = Aquin, Thomas von,wollte ihn zunächst unter A eingeordnet sehen, habe ihm dann den Thomas krummgenommen … ergo … warum eigenlich? Thomas ist ein schöner Name, das Gegenteil von Macchiavelli …

Trakl, Georg = vgl. Bewußtseinserweiterung (Wörterbuch zur …)

Kaum gibt es Verse bei ihm, die nicht mit einer dunklen Farbe beginnen … der schwarze Schnee … dunkle Deutung … schwarzer Winkel … dunkler Mund …

Gedichte 1912-1914

                      An Mauern hin […]

                      Die blaue Nacht ist sanft auf unsren Stirnen aufgegangen

                      Leise berühren sich unsere verwesten Hände

                      Süße Braut!

                      Bleich ward unser Antlitz, mondene Perlen

                      Verschmolzen in grünem Weihergrund.

                      Versteinerte schauen wir unsre Sterne.

                      […]

                      Ein rosiger Engel aus den Gräbern der Liebenden tritt.

B. Traven = Jetzt schon, so sagte man damals; damals schon, sagt man heute: Die Erschaffung der Sonne und des Mondes … das klingt uns immer noch ziemlich surrealistisch … bekannter die unverwechselbaren „Abenteuerromane“ von B. Traven (… Das Totenschiff …) mit einer wie klassenbewußten Feder … den Arbeiterromanen der KPD ähnlich (Willi Bredel etc.)

Tucholsky, Kurt = Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Cha-rakter als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen Nein! – Das ist ziemlich abgegriffen und leider auch bourgeoisienützlich zitiert worden, was weh tut. „Alles ist erlaubt!“

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Walser, Johanna = Die Welt schlägt sich wund an mir, an mir Stein … vgl. Walser, Martin (Hrsg.) Lektüre zwischen den Jahren. Suhrkamp Verlag. 1992.

Weiss, Peter = Das einzige Verhältnis zu diesem Land: ein gestörtes … Thalassa = das Meer // Panthalassa = Urozean , Pangea

    Die Ästhetik des Widerstands, Romantrilogie – ist vergriffen und antiquarisch teuer – habe mir dennoch eine besorgt, sogar die (angeblich unzensierte),

Weiss, Peter = Das einzige Verhältnis zu diesem Land: ein gestörtes … Thalassa = das Meer // Panthalassa = Urozean , Pangea … Die Ästhetik des Widerstands, Romantrilogie – ist vergriffen und antiquarisch teuer – habe mir dennoch eine besorgt, sogar die (angeblich unzensierte), nicht die angesagte Suhrkamp-Ausgabe, sondern die andernorts vielgelobte vom Henschelverlag (DDR 1987).

Whitman, Walt (vgl Band 17 S. 99)

Wittgenstein, Ludwig = Wittgenstein starb fast auf den Tag genau mit 62 Jahren – wie konnte Felix selber um so viel älter werden?

Wie Wittgenstein war Felix auf einer Schule, in die einmal eine wahre Berühmtheit gegangen war. Bei Wittgensteins Realschule war es Adolf Hitler, allerdings nicht in der gleichen Klasse. Nikolaus-August-Otto, der Erfinder des Verbrennungsmotors ging eine Zeit in Langenschwalbach (ab 1927 Bad Schwalbach) zur Schule, eben dort, wo Felix selbst sich später sein Bad Betteldorf erdichtet hat

Wolfe, Thomas = ein germanischer Berserker mit deutsch-amerikanischer Seele, ein „hungriger Gulliver“, wie man ihn genannt hat, riesenhaft an Leib und Seele, von rasendem Lebenshunger und vulka-nischer Schaffenskraft besessen. … ein Walt Whitman des 20. Jahr-hunderts. (Holthusen 1952)

Wondrascheck, Wolf = Wondratschek und Konsorten. – Auch ein schöngeistig verstrickter Wolf Wondratschek kannte sie alle, die späteren Talkshowgeilen und abgefuckten Minister, trotz mancher aufmüpfiger (unreifer?) Gedichte. Gedichte, Berichte? – alle dereinst nichts als Wichte (Wichtelmänner?) der Geschichte!

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Gedichte

Bemerkung zum Wesentlichen. – Eine mir gelegentlich nützlich erscheinende Anthologie lyrischer Äußerungen würde sich in ihrer Zusammensetzung stetig ändern, sie würde deshalb für immer und ewig unvollständig und bei Gelegenheit unpassend bleiben. Dann ist der versuchte, zumindest der erklärte, Anspruch auf eine Vollständigkeit, ganz besonders in der Lyrik, eine hochgradige Lächerlichkeit, derer sich deshalb die allerwenigsten Herausgeber preisgegeben haben.

    „Die Lyrik des Abendlandes“ (sic), da möchte man ehrfurchtvoll erschauern, auch frieren vor der Nutzlosigkeit der feigen Begrenzungslinien bei wunderschönsten Mischfarben.

Was aus den großen Städten kommt. – Die eigenen seelischen Empfindungen dem scheinbaren Überfluß der Prosadichterei überlassen können, welch eine bequeme und geregelte Freiheit wäre das wohl? trotz ihrer vielfältigen (immer zwanghaften) Kreationen! Die Suche nach Form und Inhalt nicht dem gestaltgebenden Schnitzmesser in die Hand legen, letztlich dem groben und feinen Schleifpapier des Verseschreibers, freilich erst nach der intuitiv formenden Hand des künstlerischen Töpfers, der sich, ganz wie in einer sanften Geburt von Genius und Verdruß zugleich dem realen, aber auch dem unkontrollierbaren poetischen Wesen, der erotischen Körperlichkeit, zuletzt der stets neuen Schöpfung – Nein! Bloß der abscheulichsten ERSCHAFFUNG der gerade/momentan stattfindenden Welt anvertraut:

    „Wen gibt es unter uns, der nicht in seinen ehrgeizigen Stunden, von dem Wunder einer poetischen Prosa geträumt hat, die musikalisch wäre ohne Rhythmus und ohne Reim, biegsam und eigenwillig genug, um sich den lyrischen Regungen der Seele, den Wellenbewegungen der Träumerei, den Erschütterungen des Bewußtseins anzupassen? Es ist hauptsächlich das Leben in den Riesenstädten, das Durcheinander ihrer zahllosen Beziehungen, das dieses quälende Ideal entstehen läßt.“ 1)

————————————–

1) Baudelaire 1869: In der Vorrede zu „Petits poèmes en prose“ (auch bekannt als „Le Spleen de Paris“), wobei bis in spätere Dichtergenerationen diese Form der Lyrik sich ausprägte.

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Nachts

Villons Herberge

Mond, weiße Krähe, gib die Hand.

Mach dich auf,

setz dein Federherz in Brand.

Klau

fürs Stundenglas

den Sand.

Küß die Lippen Schnee und Blut.

Ratten,

dieser Tag und ich,

Rattenbrüder

schlafen gut

                            Günter Bruno Fuchs, 1967

Nachtlied

Über nächtlich dunklen Fluten

Sing‘ ich meine traurigen Lieder,

Lieder, die wie Wunden bluten.

Doch kein Herz trägt sie mir wieder

Durch das Dunkel her.

   Nur die nächtlich dunklen Fluten

Rauschen, schluchzen meine Lieder,

Lieder, die von Wunden bluten,

Tragen an mein Herz sie wieder

Durch das Dunkel her.

                                            Georg Trakl. Sammlung 1909

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Am Rand eines alten Brunnens

Die Flucht zu den grünen Wiesen ist nicht gelungen,

Wenn üppig das Gras wächst die Sensen dengeln,

Und eng umschlungen modern Haut und Knochen

Im Staub – geraubtes Glück für riesige Herden,

Die Zinseszins im Tempel der Ewigkeit werden.

Ihr Hoffnungen aus schwebenden geistlosen Engeln –

Gottgleiche Wesen der kalten Natur,

Auch ihr seid längst schon zerbrochen.

                                                             GSK 30.10.2014

Herbstliche Einkehr

In graufeuchter Nacht!

Ihr arglosen Milliardensammler

In euren silbrigen Karossen;

Die Schläfer unter den Brücken

Träumen von euch.

        GSK 30.10.2014

Gewißheit

Am Ende ist farblose Stille,

Die stete Auferstehung eines Neuen.

Laß die alte Bitterkeit

Am Schluß und mach die letzte Fahrt:

Zu schwellender Mutterbrust – Borobudur!

Laß jetzt das treue Wantseil los,

Du wirst es nimmer mehr bereuen.

Am Ende leere Stille nur,

Die sanfte Schwärze um sich schart.

                                                                GSK 6.11. 2014

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The Raven – oder „Blick auf die Welt by Edgar Allan Poe“

Ein Rabe auf der Pallas Büste scheißt auf der Weisheit flache Brüste

Und krächzt dabei sein Zauberwort, in dunkler Nacht an diesem Ort,

Der einst mir weibisch hold und lehrreich war –

Jetzt voll der schwarzen Geisterschar.

Wie hinter Reihen alter Bücher längst vertrautes Grauen grinst,/ So

kriecht der zähe Schleim der Angst aus dämmrigen Erinnerungen her.

Es klopft! So spät Besuch? Mich frierts im Schlaf.

Ich faß‘ das klamme wollen Tuch. Es klopft!

Der Rabe krächzt, so fing es an, begrüßt damit die kalte Nacht,

Die neblig feucht zerfaserte Gestalt annimmt – die wabernd bald

Zerfließt und auf der Stubentüre Schwelle tropft …

Des Raben Augen glänzen sehr: „Nichts weiter mehr.“

GSK, 16.01.2015

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Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich

müde über manchem alten Folio lang vergess‘ner Lehr‘ –

da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen, gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her. „‘s ist Besuch wohl“, murrte ich, „was da pocht so knöchern zu mir her – das allein – nichts weiter mehr.“

Übersetzung: Hans Wollschläger

Das ist insgesamt (abgesehen von der ersten Strophe) die Raven-Übersetzung, die mir selber am meisten zusagt, vielleicht auch weil Wollschläger seinerzeit den Ullysses so meisterlich vorgestellt hat.

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Mitternacht umgab mich schaurig, als ich einsam, trüb und traurig,

Sinnend saß und las von mancher längstverklung’nen Mähr‘ und Lehr‘ –

Als ich schon mit matten Blicken im Begriff, in Schlaf zu nicken,

Hörte plötzlich ich ein Ticken an die Zimmerthüre her;

„Ein Besuch wohl noch“, so dacht‘ ich, „den der Zufall führet her – Ein Besuch und sonst Nichts mehr.“

…für die erste Strophe als mir beste Übersetzung: Carl Theodor Eben

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Eines Nachts aus gelben Blättern mit verblichnen Runenlettern

Tote Mären suchend, sammelnd, von des Zeitenmeers Gestaden,

Müde in die Zeiten blickend und zuletzt im Schlafe nickend,

Hört‘ ich plötzlich leise klopfen, leise doch vernehmlich klopfen

Und fuhr auf erschrocken stammelnd: „Einer von den Kameraden, einer von den Kameraden!“

Übersetzung: Hedwig Laumann

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Als ich einst zur Geisterstunde, leidend an der Lebenswunde, überdachte alter Kunde Weisheit, alter Weisheit Lehr‘,

als ich, schläfrig, kaum vermochte, länger wachzubleiben, pochte

an die Tür es leise, pochte sanft wie einer Magd Begehr.

„Oh, da kommt noch ein Besucher“, dachte ich, „wo kommt er her,

– in der späten Nacht noch her?“

Übersetzung: Maria Mathi

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Einst in dunkler Mittnachtsstunde,

     als ich in entschwundner Kunde

Wunderlicher Bücher forschte,

     bis mein Geist die Kraft verlor

Und mir’s trübe ward im Kopfe,

     kam mir’s plötzlich vor, als klopfe

Jemand sacht ans Tor, als klopfe –

     klopfe jemand sacht ans Tor.

Irgendein Besucher, dacht ich,

     pocht zur Nachtzeit noch ans Tor –

Weiter nichts. – So kam mir’s vor.

Übersetzung: Theodor Etzel

Daily Framing

Ansonsten: Leide unter dem November-Blues.

Was dazu paßt: die Sonnenbrillentanten der Lablues.

Laß deshalb feuchte Luft und Kälte jetzt geschehn,

Werd‘ doch dereinst zum warmen Elba gehn.

                                                               GSK 27.11..2014

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Die Nacht der Armen

Es dämmert!

Und dumpf o hämmert

Die Nacht an unsre Tür!

Es flüstert ein Kind: Wie zittert ihr

So sehr!

Doch tiefer neigen

Wir Armen uns und schweigen

Und schweigen, als wären wir nicht mehr!

                                Georg Trakl. Gedichte 1909-1912

Prophezeiung

Einmal kommt – ich habe Zeichen –

Sterbesturm aus fernem Norden.

Überall stinkt es nach Leichen.

Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen.

Sturmtod hebt die Klauentatzen:

Nieder stürzen alle Lumpen.

Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.

Keine Fliege kann sich retten.

Schöne homosexuelle

Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.

Fische faulen in dem Flusse.

Alles nimmt ein ekles Ende.

Krächzend kippen Omnibusse.

                                 Alfred Lichtenstein 1913

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Tags

Whitehaven Coal District 1989

Wie viele andere hier.

Er hat sich beschäftigt mit den Dingen des Lebens

Das Grubenholz erschien ihm gut lesbar

Und auch die Augen der Bräute.

Er schwamm unter den Häuten des sänftigen Meeres

Unter Tage! Kein Ziel zog hier vergeblich vorbei.

Die Segel wie eine weibliche Haut.

Kristallene Krusten zerbarsten im schwarzen Schlot.

Das Antlitz der Erde zuletzt

Wie ätzender Schleim aus Mitleid gebaut,

Bedeckt mit Gottes Gebot.

Metallische Wahrheit im Traume erkrallt,

Entzückt die genietete Lady.

Ihr Penis ist aus Yankeesstahl,

Ihr Lustschrei im leeren Bergwerk verhallt.

Die Zukunft wird zynisch, die Welt zu sehr

Grellbarbiebunt und neoliberal.

Er hat sich beschäftigt mit den Dingen des Lebens.

Sie taugen den Menschen nichts mehr.

Wie vieles andere hier im Saal.

                                                                             GSK 13.11.2014

Seattle und kein Ende

Die Ohren zu, die Mäuler fest verschlossen,

Geblendet sind die Augen blau und klar

Konsumenten, welche Freiheit voll genossen

Marschier‘n im Geist der Wirtschaftsgipfel mit . . .

                                                                   (GSK Herbst 2014)

Nach bekannter Melodie zu singen, z. B. Horst-Wessel-Lied.

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Warten auf Demokratie

Traurigkeit klebt wie ein nasses Hemd an mir

Herbst kommt triefend feucht und reglos in die Herzen

Nachtigallen hängen krächzend im Metallring

Maschinen fetzen Federn ihnen fort

Der Tod kommt stetig im Konsum getaktet

In diesem Land so reich an allen Schmerzen

So voller Leere und ganz ohne Sinn der Ort

Der Dirigent-Obrist ist ähnlich jenen Schergen

Die lebenslang befördern Dummheit voller Gier

So wie dies grelle Licht hier weiterleuchtet

Will ich mich in der dunklen Gruft nicht rühren

In der ich liegen werde bis zum allerjüngsten Tag.

(GSK Herbst 2014)

Zurück in Bad Betteldorf

So ließ ich eines Tages

Das flackernde Licht

Den trockenen Käuterduft

Des Dickichtwaldes

Die kalkhellen, groben Mauern …

Und fuhr noch in der gleichen Nacht

Über sanfte Pässe

Des kühlen nächtlichen Gebirges

Hinauf in den Norden –

Zurück zu moosigen Wäldern.

                                                                               (GSK Oktober 2014)

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Westhafen

Der Kran

hat sich in die nächtliche Halde

verliebt. Mit seiner einzigen

langausgestreckten

Hand wischt er

die Sorgen

seiner Geliebten

vom Horizont.                (Fuchs, 1967)

Dreiecksbeziehung

Ich wollte dem Mann noch die Hand reichen,

Aber er war bereits gegangen.

Ich wollte der Frau noch die Hand reichen,

Aber sie war bereits gegangen.

Ich wollte beiden noch die Hand reichen,

Aber ich war bereits gegangen.

                  (GSK 15. Mai 2014)

Delirium

Der schwarze Schnee, der von den Dächern rinnt;

Ein roter Finger taucht in deine Stirne

Ins kahle Zimmer sinken blaue Firne,

Die Liebender erstorbene Spiegel sind.

In schwere Stücke bricht das Haupt und sinnt

Dem Schatten nach im Spiegel blauer Firne,

Dem kalten Lächeln einer toten Dirne.

In Nelkendüften weint der Abendwind.

                                  Georg Trakl. Delirien 2. Fassung

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Der Trinker in Arkadien

Der Sommer fährt in alte Glieder

Als kehre junge Lust mir wieder.

Anakreons1) Becher scheint vertraut,

Der Festsaal üppig und bequem,

Wie Sehnsucht einst auf Sand gebaut:

    Im Sonnenglaste wabern Düfte

Die Erde trinkt sich selber zu

Die Bäume trinken Erden

Das Meer schwängert die Lüfte

Die von Wolken getrunken werden

    Die Sonne ertrinkt im Meer,

Aus dem Monde sich gebären;

Wollt Ihr dann mir, vergeßliche Freunde,

Den allerletzten Wein mir verwehren?

                     GSK 5. 11. 2014 Idee von Anakreon

Sommersonate

Täubend duften faule Früchte

Büsch‘ und Bäume sonnig klingen,

Schwärme schwarzer Fliegen singen

Auf der braunen Waldelichte.

In des Tümpels tiefer Bläue

Flammt der Schein von Unkrautbränden.

Hör‘ aus gelben Blumenwänden

Schwirren jähe Liebesschreie.

Lang sich Schmetterlinge jagen;

Trunken tanzt auf schwülen Matten

Auf dem Thymian mein Schatten.

Hell verzückte Amseln schlagen.

/Wolken …

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Wolken starre Brüste zeigen,

Und bekränzt von Laub und Beeren

Siehst du unter dunklen Föhren

Grinsend ein Gerippe geigen.

                                                        Georg Trakl. Gedichte 1909-1912

Die seltsamen Verhörmethoden des Santa Claus

Zum Nikolaus kein Krümel vom Candy

Noch nicht einmal auf dem neuen Handy

Die CIA-Sau ruft mich im Schlachthof an:

Hat uns Schweine verraten, weil sie das kann.

                                                                   GSK 11.12.2014

Just Do It

Just do it!

But where . . .

And when . . .

An why just now?

Here it‘s good,

And this means Now!

Bounded für the Western Shore

The Raven croak his „Never more“.

                                     GSK 11.01.2015

Komm in den totgesagten park und schau . . .

Komm in den totgesagten park und schau:

Der schimmer ferner lächelnder gestade –

Der reinen wolken unverhofftes blau

Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau

Von birken und von buchs – der wind ist lau –

Die späten rosen welkten noch nicht ganz –

Erlese küsse sie und flicht den kranz –

Vergiss auch diese letzten astern nicht –

Den purpur um die ranken wilder reben –

Und auch was übrig blieb von grünem Leben

Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

                                                        Stefan George

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Oppositionen der Literaten

Jedwede erhoffte Vervielfältigung

Hat ihren erbärmlichen Ursprung

In der Sehnsucht nach Schmeichelei – auch

In eng beschriebenen Kassibern aus Kerkern

Trachtet sie nach allzumenschlichem Immergleichen

Ihrer eigenen künstlich erschaffenen Zeit gewidmet

Belächelt chirurgisch geschmälerte Grundrechte

Als Chefarztherrschaft der Mitte konform

Ewiges Auschwitz! Den Heini Heines sei Dank

Weiterhin profitable Worte voll Zärtlichkeit

Äußert die einst so heimliche Sehnsucht

Jedwede erhoffte Vervielfältigung

Hat ihren genialsten Ursprung

Das Überleben eigener Art:

Zwei zuckende Rücken –

Verschmolzenes Tier.        (GSK 06.04.15)

Cast a cold eye

On life, on death.

Horseman, pass by!

[Hab‘ einen wachen Blick

Auf das Leben, auf den Tod.

Reitersmann – reit‘ noch ein Stück!]

                                                     W. B. Yeats

Epitaph am Fuße des Ben Bulben/Sligo. Das Schicksal der Flüchtlinge! Letzter Beweis für die GOTT-Losigkeit dieses Universums! Und niemals da romantische Fragmente.

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Kleine Anmerkung ——————– Hier war ursprünglich das Ende dieses Bandes vorgesehen, wobei wegen rein praktischer Überlegungen das „Sammelsurium“ aus dem heißen Sommer 2015 angehängt wurde.

                        Mich dünkt, die Toten sind noch unbegraben,

                        Noch währt die Zeit der Geier und der Raben.

                               Anastasius Grün. Poesie der Zukunft (1850)

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Alltägliches Sammelsurium

Der innere Geist

Hölderlin meinte, „die Sprache bilde alles Denken; denn sie sei größer wie1) der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommene, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe.“

Berühmte Maler mögen bisweilen eine willkommene Ausnahme innerhalb dieser Regel machen, wie der expressionistische Max Liebermann. Dazu muß man wirklich nicht aus Berlin stammen: „Ick kann janich so viel fressen wie ick kotzen möchte.“

Das hat immerhin wenig mit Ölfarben im allgemeinen, mehr etwas mit Moral im speziellen zu tun, die bekanntlich nach dem Fressen kommt, und nach dem Fressen kommt die Verdauung (und das hat uns Brecht ausgelassen) und somit das Scheissen, nach den Geistigen Erfrischungen durch Bestselleromane und Politikerreden folgt die täg-liche Notdurftverrichtung. Sich einfach wehren, das wäre nicht verkehrt. Goethe z. B. wandte sich gegen Nicolai und dessen „Freuden des jungen Werthers“, die wohl eine sehr freche Erwiderung auf des noch jungen Goethes Werther-Roman darstellten:

     Nicolai auf Werthers Grabe

         1775

Ein junger Mann – ich weiß nicht wie –

Verstarb an der Hypochondrie,

Und wird dann auch begraben.

Da kam ein schöner Geist herbei,

Der hatte seinen Stuhlgang frei,

Wie ihn so Leute haben.

Der setzt sich nieder auf das Grab

Und legt sein reinlich Häuflein ab,

Schaut mit Behagen seinen Dreck,

Geht wohl eratmend wieder weg,

Und spricht zu sich bedächtiglich:

„Der gute Mensch, er dauert mich,

Wie hat er sich verdorben!

Hätt er ge– so wie ich,

Er wäre nicht gestorben!“

                   ———– Frankfurt, März (?) 1775

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Das Genie als theoretischer Erfinder des künstlerisch-dichterischen Darwinismus, oder warum hatte Goethe so wenig Kinder? Größenwahn und Großtaten, geschlechtliches Fieber und Fruchtbarkeit sind zweierlei Schuhe, in denen manche Genies daherschlurften, denken wir nur an Nietzsche. Eckermann hingegen läßt Goethe sprechen (am 12. Mai 1825), der subjektive Kritiken gegen seinen Werther mit dessen gigantischer Auflage mehr als wettgemacht sieht. „Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben!“

    Das mit dem Größenwahn fängt in unserem Innersten schon früh und ganz heimlich an; steigert sich regelhaft in eigentlich alberne Ernsthaftigkeiten eines erhofften künstlerischen Erfolges, weil es Verlassenheitsgefühle wie die schmerzhaft an uns klebenden Einsamkeiten sind, die gar einen großartig schöpferischen Wahn in unsere exemplarischen Gedanken transportieren, und wenn ich am frühen Nachmittag die Pappe eines Sixpacks zerreisse, denke ich fast immer an den Grafen Luckner, der großstädtische Telefonbücher in der Luft zerrissen haben soll. Wir ahnen und wissen dann, wer jener Graf Luckner in Wirklichkeit war, kennen seine spontan inszenierten Heldentaten (hat er als preußischer Marine-Odysseus gar seinen Hölderlin gelesen?), und wir wissen bereits, daß die besagten Telefon-bücher von Berlin vorher im Wasser eingeweicht lagen. Das Telefonbuch von Berlin war längstens recht dick als Luckner zu seinen Kaperfahrten aufbrach – ja, ja er hatte natürlich auch seinen Koch dabei! In der Reichshauptstadt Berlin gab es gleich nach dem Ersten (präkeynesianischen) Weltkrieg trotz der raffiniert inszenierten Dolch-stoßlegende der Profiteure: … 25 Fernbahnhöfe, 170 Bahnstationen, 250 Postämter, eine halbe Million Telefone mit 400 Millionen Ferngesprächen im Jahr, 2 Flughäfen, 400 Krankenhäuser, 40 Theater, 170 Varietés, 400 Kinos, 90 Zeitungen. Natürlich allesamt noch springerfrei.Wissenschaft & Kunst machten wegen der vielen jüdi-schen Kollegen allerorten ihre genialen Luftsprünge … „Es war eine Lust zu leben!“ 2) Die Sitten in den kanalisierten Großstädten waren endlich wieder lebenswert geworden.

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1) Anm. zu S. 249: Genauso wie und anders als, deshalb bitteschön: größer als.

2) vgl. Fernau, Joachim, 1958: Und sie schämeten sich nicht. Ein

zweitausendjahr Bericht, F. A. Herbig, Berlin. 232 pp.)

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Hatte ein biedermännischer Jean Paul bei seinen heimlichen Berührungen der sinnlichen Charlotte noch seine Pfeife im Pulvermagazin rauchen müssen, kam es jetzt massenhaft zu Explosionen der Verdorbenheit aber auch zu neuartigen industriellen Überproduktionskrisen, die bereits Karl Marx und Friedrich Engels in aller gewohnten Klarheit ihrer Politischen Ökonomie beschrieben und vorhergesagt haben.

Der Vater des Autors (alles andere als ein studierter Marxist, der die französische und englische Besatzung nach dem Ersten Weltkriegt erlebt, der immerhin Rußland und eine lange Kriegsgefangenschaft überlebte), hatte noch in den späten sechziger Jahren eine stehende Redensart wenn er wegen der Kinder in der Familie Summer-of-Love-Radio (Hitparaden) hören mußte: „Jeden Tag sollen wir merken, daß wir auch diesen Krieg verloren haben.“

Überhaupt erscheint uns die gute alte Zeit während der Weimarer Republik zunächst als die vor lebenslustiger Ingnoranz triefenden „Goldenen Zwanziger Jahre“ zu sehr glorifiziert, vermutlich wegen dem profitablen Leichengeruch und den bettelnden Krüppeln allerorten in den Straßen, als Sehnsuchtsort von Millionen hungernder Arbeitsloser und der klamauksüchtigen Gigolos und Dosenöffner. Die waren als Künstleravantgarde den Jahren des Deutschen Wirtschaftswunders nach einer noch tolleren „tausendjährigen“ Inszenierung der Grössenwahnsinnigen wenigsten für kurze Zeit bereits vorausgeeilt. Die knospend drallen deutschen Mädchen sagten angesichts aufkeimender brauner Ideale der flippigen Dekandenz ade und himmelten eine Elisabeth Berner als ihr Idol an. Zwölf Jahre später (gefühlt waren es wie gesagt mehr als Tausend Jahre), unter dem (Hört, hört!) PARTEILOSEN (?) Ludwig Erhard wurden nicht nur die frischen Ami-Mark und Micki-Maus-Hefte verteilt, auch mehr GmbH’s und katholische Karnevalsvereine gegründet, als die eingeladenen protestantischen Kriegerwitwen Orgasmen haben durften. Doris Day nahm drüben vorsorglich Gesangsunterricht. Vorher waren den Knaben ordentliche Scheitel gezogen und die Straßen auf‘m Wedding und überall im Land wieder einmal blitzblank gefegt worden. Von „Alle-Wege-des-Marxismus- führen-nach-Moskau-Wahlplakaten“ bis zur böser Inquisitions-Erotik in beliebten und schnell überfüllten Konzentrationslagern haben sich bis heute die unübertreffliche Reinlichkeit der bundesrepublikanischen Hygiene-Institute, SPD-Berufsverbote, Frontec-Asylzeltlager, lässige

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Kernkraftsicherheit und der unberührbar geheime freiheitlich-demokratische Staatsgrenzschutz hinübergerettet, mit transatlantischem Kopfnicken ohne Ende. Die amtliche Kriegsverleugnungssprache der Diadochen nennt das erstaunlicherweise Solidarität (natürlich ohne „Vorwärts, und nicht vergessen…!) Aber stets wird dem NATUR-GESETZ folgend irgendwo ein freier Geist geboren, dazu braucht es weder ein Parallel-Universum noch eine herbeigelogene Weltformel, ein ewiger Grenzfluß mit stark schwankendem Wasserstand, so wie der Vater Rhein einer ist, erfüllt den Zweck gleichermaßen, und weil sogar der elektronische DAUERKRIEG kalt gehalten wird, sind es bald auch die Beziehungen aller Herzen untereinander.

Drohnengerechtigkeit im Bienenstock, für die Königin ein Mindestlohn, das ist der Wunsch der Dynastien, und so wird es wohl für alle Zeiten bleiben. Trotz deutschsprachiger Relativitätstheorie die Stahlhelmromantik der Adenauerschlitzohrigkeit, in Wirklichkeit gnadenloses TOTGERÜSTE des konkurrierenden rotmähnigen Galans, der die offenkundig bloßliegende Freiheit der ganzen Welt endlich einmal nach der Art geiler Hähne, oder mit derZärtlichkeit eines Bären ficken (befruchten) wollte.

Aber in der Literatur sind experimentale Exzesse etwas Wunderbares! Der junge Rimbaud provoziert und prophezeit ganz unbewußt – das konnte nicht anders sein – aber die geheuchelte Wirksamkeit der sozialistischen Internationale, das erbarmungslose Niedermetzeln der Pariser Kommune durch bourgeoises Militär löst bei ihm kein körperliches Engagement aus; wenig später besonders die deutsche vom Nationalwahn besoffene Sozialdemokratie, die mitmal bloß noch zur menschenverachtenden MITTE strebte (sic). Das verdient bis heute keine andere Sprache als die höchster Verachtung und lähmt uns in TRAUER. „Während die Staatsgelder zerrinnen in Festen der Brü-derlichkeit, läutet eine rosafarbene Feuerglocke in den Wolken“ (Rimbaud). Konkurrierende Systeme (welch eine Verballhornung im Wortsinn), wenn die blanke Ausbeutung natürlich allein zum Vorteil einer herrschenden Fabrikanten- und Politiker-Clique gemeint ist.

Kindergarten & Gemütlichkeit, Demokratie & Freiheit sind nicht umsonst weltweit vermarktete Worthülsen. Wenn nichts anderes, so hilft nackte staatliche Gewalt, Garant für ständige Exportratenerhöhung, ständiges Wachstum bis der rotglänzende, stahlhart angeschwollene Pimmel platzt – BUMMs und FLUTsch FLUTsch … die ganze schlei-

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mige Suppe müssen wir uns selber auslöffeln, und das Sperma dieser Alphatiere schmeckt bitter, nicht süß! Das geht wegen der Konsistenz nicht mit einem kleinen Schlückchen, wer daran nur eben nippt, noch nicht einmal trinkt, der bekommt die ganze Portion an einem Stück.

Die olympisch behauchten Weihestätten im klassischen Griechenland, die mit Leopard-II-Garagen und Natoraketenfundamenten, für Jahre einmal mehr zum exklusiven Dauerbrenner in den Medien geraten. „Alles ist schlechter geworden“, jammerte einmal Kurt Tucholsky, aber er hatte seine Hoffnung auf Besserung, „nur eines ist besser geworden, die Moral ist auch schlechter geworden.“ Wie unter Bis-marck wuchern die unglaublichen Ungerechtigkeiten wie ansonsten nur zu akuten Nachkriegszeiten, wie die Ranken der preußischrheinischen Gartenlaube ersticken sie das freie Atmen, als Baudelaire bereits die Fleurs du Mal geschrieben hatte, als man sich in Szene-boudoirs die zotiggenialen Gedichte des Knaben Arthur Rimbaud zuflüsterte.

    Es ist da eine, neben den von der rasant wuchernden Industriege-sellschaft verletzten Empfindungen bei Baudelaire, plötzlich an eine junge, schreiende, zugleich amputierte Seele geklebte, kaum zu integrierende wilde Sprache, die alles umher maßlos verletzt, zugleich auch heilt und fast humanistisch verbindet: „Ich habe Seile gespannt von Kirchturm zu Kirchturm; Blumengewinde von Fenster zu Fenster; goldene Ketten von Stern zu Stern, und ich tanze.“ (Rimbaud)

Und viel später, nach literarischen Sinnmasturbationen Pariser und Londoner Taschenbuchexistentialisten bricht im Land der großen Verheißung plötzlich ein junges Wolfsgeheul aus, kurzlebig immer wieder wie das mit starren Gesichtern dargebote „The Howl“, argwöhnig beäugt von den Kreiswehrersatzämtern da und dort … schnell hintereinander schlitzäugige Minderwertigkeit ausrotten, Bodycount zum Üben. „O welch ein arabisch-islamistischer Unrat schmiert die Achse des Bösen!“ Die also per Joystick den geräuschlosen Drohnen zur Verbrennung empfohlen (sic!). Der innere Geist, der Wille zur Macht, die kleine Flamme, die nie verlöscht, Worthülsen nur, erbarmungswürdig, den Freßtieren unterlegen, zitternd und am Ende sogar noch um Vergebung flehend – verachtenswert ist wohl der Geist der Menschen, nicht aber ihr gemartertes Fleisch.

Der innere Geist des Menschen stinkt nach Napalm, ebenso der wunderschöne Geruch allerfeinster, ewig versprochener Freiheit, die sich damit auf dem unendlichen Weg zur Vollkommenheit befindet.

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Die Verwandlung der Daseinwahrnehmung hat sich ab der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in eine seelische Hypochondrie entwickelt. Das einzige, was die Existentialisten zu einer ernsthaften philosophischen Sekte erhob, war die Tatsache, daß sie sich ein wenig auch mit dem Daseinssinn der Kreatur und der Utopie des Marxismus beschäftigt haben, will sagen den Historische Materialismus als Arbeitshypothese intergrieren mochten. Aber: man vergaß dabei den Menschen! Denn in das Leben einiger Intellektuellen war etwas getreten, was kein Jahrhundert vorher jemals gespürt hatte: die nackte Existenzangst. Da wäre eine nordmännische Götterwelt mit viel Met und drallen Weibern besser geraten, als eine geschlossen Gesellschaft, biedermännische Brandstifter oder bebrillte Baskenmützenträger, die ihre wilden Ehen rechtzeitig zur Inszenierung ihrer Theaterstücke mit gutem Gewissen vorzeigten. Es ist nicht die Furcht vor Gewalten, nicht die Bangigkeit vor Gott, nicht das Entsetzen vor Natur-Katastrophen, nicht die Sorge vor Hunger und Not, nicht der Schrecken vor dem Feind, dem Krieg, dem gewaltsamen Ende. (…) Die Angst, die die heutige Zeit überfallen hat, ist das Entsetzen vor der offensichtlichen Grundlosigkeit aller Existenz. Vor dem Ins-Leben-Geworfensein (…).

Die einfachen Menschen gieren nach Phänomenen, die ihnen bestätigen, daß sie in Wirklichkeit nicht einsam sind. Die angstfreie Existenz findet im Angepaßten, im Genormten statt, nicht zuletzt im ungehemmten Konsum in möglichst jeder avisierten Hinsicht. Alles, was ins Seelische hineinreicht, das Unbegreifliche, was man modern agierend und gern freiwillig sich dazu erdenken möchte, ist angsteinjagend, zuletzt wohltuend lähmend, denn ansonsten wäre das eigenverantwortliche Engagement zur (permanenten) Revolution gegen die erbärmlich unmenschlich geratenen Zustände im Kapitalismus vonnöten.

Nichts darf sein, was nicht sein darf. Sind sogar die modernen Nachkriegs-Philosophien von anfang an käufliche, schwächliche Geister gewesen? Sie waren, wie es sich mit der Alleinherrschaft des totalen Westkapitalismus, rechtzeitig zum Millenium herausstellte, für das indirekte, synthetisch getaktete Leben der totalen Überwachungsgesellschaft unbedingte historische Voraussetzung. Was mit Fotoalben vom Adriaurlaub, mit knatterndzittrigen Super-8-Filmen begann, ist mit der

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unausweichlichen Abhängigkeit von wenigen Gigamonopolisten a lá NSA und ihren Ablegern wie Google und Konsorten längst unabwendbare Realität geworden. Die verwirrten Reaktionen beim ersten Begreifen der perfiden Künstlichkeiten, dafür bisweilen der Wunsch, etwas in wirklich ECHT zu erleben (wie Hunger, Kälte, physische Bedrohung, Armut … Gefahr und gähnende Langeweile), ist nach dem existentialistischen Grauen in eine rastlose Totalaktion geraten, die nach Einsteins Vorstellungen ein wenig länger dauert, als bloßes Verharren, regloses Nachdenken und Reagieren auf die verordnete, ja längst gesetzlich einzementierte Unmenschlichkeit vorgegaukeltes Glück und bilderbuchhafte Sicherheit, ganz so wie im Märchen.

Über allen Wipfeln ist Ruh, über allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch … prompt kommt der elektronisch implantierte Vorschlag endlich einen günstigen Wochenendflug nach New York oder Bali zu buchen … gern mit altmodischem Gruppensex, denn allein kann ein existenzgeängstigter Mensch nicht sein. Der verzweifelte, sich nach Tradition und Selbserkenntnis sehnende elektrische Reiter ist in dieser Wirklichkeit unwissentlich zum Marlboro-Mann degeneriert.

Warengeschäfte in Nanosekunden! Alles Unpassende kann garantiert ausgetauscht, umgetauscht werden. „Lesen Sie dazu die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Die Scheidung der Ehen, einfach weil sie nicht zusammenpaßten, nicht weil die Liebe fehlte, und das einzige Standardkind wird gezeugt wie ein Ersatzreifen. Der innere Geist ist längst verglüht, die Seele der Menschen birgt keine Geheimnisse mehr. Sogar die Vertraulichkeiten in den Nächten gehen in öffentliche Gesamtrechnungen ein, sie sind zwar nicht öffentlich, nützen deshalb allein der gefühlten Erhaltung eben dieser spezifisch verheißenen, individuellen Freiheit.

Immer die gleichen Ideale, immer die gleichen Worte, immer die gleichen Veränderungen, die den Geist in allen Farben belügen, ihm glitschige Wände errichten und seiner Bequemlichkeit willen Starkstrom um seine Bettstatt legen, ihn mit der weiten Welt verdrahten, bis seine Freiheit und das Glück nicht mehr zu steigern sind, alles geschieht, in dem Sinne, wie es seit über zweitausend Jahren gepredigt wird.

(14.07.15) Nach langen Monaten der Erbärmlichkeit! Endlich: der deutsche ARD-Journalismus ist nachweislich im Stadium der Ballermann-Medien angekommen, und daran wird sich absolut nichts mehr

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ändern dürfen! In Griechenland war Tsipras am Ende! Zwei Tage später nach jahrelanger weltweiter Geheimhaltung: Das TTIP-Abkommen zur Absaugung des restlichen europäisch-globalen Knochenmarks ist längst unter Dach und Fach! Die Kanzlerin strahlt und hält ihr Fingerherzchen (Ferkel-Raute) über die vertrockneten Eileiter der Republik. „Ihr Lächeln war in Wirklichkeit immer schon ein perfekt geschminktes bösartiges Grinsen, für Waffenlobbyisten und Landwirtschaftminister gleichermaßen praktisch“, flüstert ein seit Jahren vermißter ehemaliger Journalist, der immer noch eingeklemmt hinterm SPIEGEL steckt. „Glauben sie diesem Mann bloß nichts. Den hatten einmal die Taliban für längere Zeit als Geisel entführt. Der ist ganz wie der Jürgen Todenhöfer von der CDU trotzdem auch noch parteiisch“, warnt ein Experte vom NSU-Untersuchungsausschuß. Wer denn für ihn Vorbild sei, frage ich den eingeklemmten Journalisten später selbst, und er erwähnt beiläufig einen gewissen Jonathan Swift.

(14.07.15) Während die Franzosen ihre Revolution feiern, die einmal sogar nach ihnen benannt wurde, die armen verarschten Franzosen, die es ja auch nicht anders gewollt haben, die armen verarschten Europäer und die erbarmungswürdigen südamerikanischen Indianer, die der neue argentinische Papst verbal anwichst, damit sie MILLIONENFACH jubeln (sic), während die Welt ihren üblichen Lauf nimmt, da wird es mir speiübel. Es ist ein Zustand zwischen wässrigem Durchfall und Kotzenmüssen. Wundert es da nicht, daß vor dem Erbrechen einem das Wasser im Munde zusammenläuft; das muß an der lecker dekorierten Garnierung liegen, die uns umstrickt. Ach ja, einmal wieder versuchsweise HR1 gehört (der ein wenig noch deutschsprachige Kanal Detroit?): Nerviges Motown-Balaballa mit unterlegten Staumeldungen, unterlegten Berichten, kaum ein gesprochenes Wort ohne unterlegte Schrubbdiduuaahschrubbdidududdu… duaschrub… didua… schrubdiba… babab..ditsch dirsch .. so etwas wie Hintergrundlärm zur Abtötung jeglicher Aufnahmefähigkeit … keine Sekunde ohne unbewußte Vermüllung der naiven Gehirnkapazität eines Menschen, der einst sogar Bücher gelesen hat … der Ekel vor solchem Entblößen der Hilflosigkeit der Zwangs-Gebührenzahler (es gibt tatsächlich keine ALTERNATIVEN mehr!) wird nur noch durch die herausragend zeitlosen kristlich-jüdische Programminhalte bei HR2-Kultur übertroffen …

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Wie kann ein Mensch fast siebzig Jahre alt werden ohne über einige Jahrzehnte nicht zu spüren, daß es längst wieder Zeit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen. Das ist natürlich längst keine Torschlußpanik mehr (die hat er nämlich auch verschlafen), das ist die erwartete Erkenntnis aus der Kritischen Theorie, die er ebenfalls viel zu spät an sich hat herankommen lassen. Was ihm aber tatsächlich fehlt: die Jugend mit ihrer logischen Kraft und die günstigen gesellschaftlichen Zustände, die seiner Jugend anheim gingen, das aufgewärmte Dialektische erst, dann erspüren, ja definitiv begreifen, daß schon längst keine privatgesellschaftliche Bewegung mehr möglich ist.

Ehre den Wendehälsen. – Gregor Gisi, der aalglatte Schönredner der revisionistischen Anpassung geht wohlverdient in Rente. Nun mag das gesellschaftliche, schon garnicht das historisch-materialistische, nicht mehr den Nerv der etablierten Oppositionen treffen, die mehr mit Besitzstandswahrung letzter Beamte und den zu tolerierenden Monopolbildungen beschäftigt sind, als an eine alberne Änderung der Zustände auch nur zu denken. Irgendwann: eine Talkshow in einem ARD-Agiprop-Kanal: „TTIP bereits vor zwei Jahren von der EU, Rußland und China unterzeichnet!“ Eine Geheimhaltung ist jetzt nicht mehr nötig, aber sechs Milliarden Menschen sind trotzdem angeschissen; sie leben in altertümlichen offenen Käfigen, über denen die WEISSEN, die schilywächsernen Wächter, spazieren und gelegentlich hineinurinieren – kurz vor und während freiheitlich-demokratischer „Wahlkämpfe“ im historischen Mutterland der Freiheitserklärungen. Was also sind das für Freiheiten, die einer Erklärung bedurften?

Subsidium… oder volvo ergo sum… und ich werde der ewigen Sehnsucht beizeiten ein Ende machen, denn von nirgendwo ist eine Hilfe zu erwarten: dann bleibt da noch die drängende Ungewißheit über das Restliche. Natürlich stirbt nicht die Hoffnung zuletzt, das ist also die Abnabelung der logischen Wunschinhalte des Subjektes von den realen Bedingungen der Gesellschaft, aber mit ihr auch vom eigentlichen Träger vielgestaltiger Imaginationen… So einmal Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, für mich den juvenilen, bis zum Schluß immer Zuspätkommenden, die unerreichbaren, in der Emigration edelpilzbehauchten geistigen Väter, obgleich zuletzt Zeitgenossen meiner rebellischen Jugend, diese beiden zumindest waren sich einig, daß manche entwickelte Seele ihrer Bestimmung nach von der Sehnsucht

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nach dem Anderen gesteuert wird. Da wo Sigmund Freud das Innere an sich analysiert hatte, da geht es den nicht zuletzt marxistischen Soziologen der Frankfurter Schule, die sehr genau die Verwertbarkeit in ihrem Sinne analytisch geprüft hatten, trotz aller späteren moralischen oder pramatischen Widerufungen (was uns Max Horkheimer vorgezeigt hat, bei seiner nahezu erbärmlich nach Verrat stinkenden Reduktion des vorher beschworenen Marxismus, nämlich als Garant für Wohlfahrt und Gerechtigkeit der Menschen in einer neuen Gesellschaft zu firmieren), nicht zuletzt um den weltgeistigen Segen einer kulturell fortschreitenden Gerechtigkeit zu erheischen, die, verdammt nochmal, in der bisherigen Historie einfach nicht gelungen ist. Hilflose, angesichts des Faschismus und der imperialistischen Rüstungsgewinnler fast naiv erscheinende philosophische Sehnsucht ist dem organisierten, weil vom Staat geförderten Profitstreben eindeutig unterlegen. Sehnsucht verharrt somit auf der Stelle, wird zur klassenkämpferischen Theorie eines liebevoll gemalten Bühnenbildes erhoben, wird zum intellektuellen Wunschdenken immer einer ganzen Generation von Randalieren, Solidaritätsfanatikern und ihrer eigenen Institutionsmilch hörigen Schwätzern (die Alma mater soll abgeschafft, dann aber reformiert werden), die sehr bald in ihre egoistischen Karrieren marschieren. Ist da etwas übrig geblieben? Is there anybody out there? Ist noch jemand da draußen, der das Unrecht bekämpfen möchte? Max Horkheimer postuliert am bitteren Ende nichts als eine längst bekannte Definition von menschlich-gesellschaftlicher Sehnsucht: Auf die Frage, was bleibt, antworteet Horkheimer: „Es bleibt die Sehnsucht – nicht nach dem Himmel, aber doch die Sehnsucht, daß diese grauenvolle Welt nicht das einzig Wahre sei, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nicht das Dogma, daß es einen Gott gibt, der sie vollzieht.“ [Wieder einmal sind es die bereits von Victor Hugo bewunderten, von der Reaktion ermordeten Narren, die nicht zuletzt auch hier den Auftrag bekommen, die Flamme zu hüten versuchen, weil sie niemals verlöschen darf. Akut betreibt das ein routinierter, nicht ganz unsympathischer Wendehals namens Gregor Gisi, der bei professioneller Polemik zugleich wohlbeleibt in den Ruhestand geht. Trotz aller Horkheimerschen & Co-Rhetorik im Verbund der Kritik der Gesellschaft, die alte Sehnsucht geläuterter Marxisten aus den Nazi-und-Weltkriegstagen, wird passend zur bürgerlichen

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Studentenrebellion (bereits 1969) in Neuauflagen aufgewärmt, sogar als die eingeschliffene Hure des Fortschritts akzeptiert, während die real zunehmenden Ungerechtigkeiten dramatisch eskalieren. Aus der heutigen Sicht (nach Griechenlanderwürgung folgt logischerweise die „Kuba-Befreiung“,  das „Freihandelsabkommen“ und das neue Iran-Embargo), ist der gnadenlos vollzogene Sieg des Kapitalismus allein aus der physisch-leiblichen und intellektuell-theoretischen Duldsamkeit der Massen und dem mangelnden Realitätssinn der „Philosophen“ zu schulden.]: Horkheimer antwortet weiter: „Und diese Sehnsucht und alles Kulturelle, was mit ihr zusammenhängt, das würde ich zu den Zügen rechnen, die auch beim Fortschritt zu bewahren sind, damit man sich nicht nur den Tatsachen anpaßt, die den Gang der Geschichte kennzeichnen.“ (Schmidt 1974 a.a.O., S. 297 f.). Theoretisch untermauerte Sehnsucht als elitäre Alternative: in gelehrsamer Mastubation vor dem Abbild der aufgehübschten Sehnsucht? Yes Sir.

Nieder mit der linken Regierung des Vatikan! – Nach den monatelangen Schlagzeilen über die Zwangsverschuldung Griechenlands, endlich eine senationelle Neuigkeit, die ebenfalls die ewig gleiche ist: Verdacht italienischer Behörden: Hat die Vatikanbank wieder einmal Schwarzgeld über deutsche Banken verschoben? Die Rolle der Deutschen Bank, wen wundert’s, spielt dabei eine herausragende Rolle. Immer wieder die gleiche Frage, aber welche der zumeist international verflochtenen schmutzigen Geschäfte der Bank des Heiligen Stuhls sollen diesmal vertuscht werden?

Die Medien der ARD und ihre Redaktionen bilden einen Rechercheverbund, wenn uns die immerzu gleichlautenden Meldungen verwundern, hier ist eine erste Erklärung dafür.

Zwischen einigen befreundeten westlichen Regierungen, einschließlich der mittlerweile ans öffentliche Hochgeschwindigkeits-Stromnetz angeschlossenen neuen Natoländern, wurde bereits vor einiger Zeit ein „No-Spy-Abkommen“ geschlossen. Hi! Weeping like a willow. Versorgmichgut-Gesetz (?), Tarifsicherheits-Gesetz (!) Profitvermehrungsgarantie-Gesetz.

Kann man allein durch lesen radikal sein/werden? Die schwach erinnerte kurze Theoriebesessenheit der sechziger-siebziger Jahre (Adorno-Horkheimer & Consorten) mochte das einmal vermuten lassen.

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„Rotkäppchen-Sekt“, das ist nicht das Mützchen aber das Mäntelchen des herbeigelogenen Erfolgs des blühenden Kapitalismus, welches sich die kriminelle Treuhand der Großkonzerne umgehängt hatte. Und: Anarchisten am La Plata. – 600 Tote streikende Arbeiter in Buenos Aires… 1930? Diese Sendung ist herausragend, wenn ein Beispiel einer emotionslosen Dokumentation gefunden werden soll. (SWR2 Wissen, 19. 07. 15). Ach, war der Klassenkampf romantisch! Man war ja buchstäblich ins Abenteuer ausgewandert, um ein besseres Leben zu finden. Ähnlich der Polen und Schlesier, die von Krupp & Co und dem militaristischen Kaiser Wilhelm II. gleich doppelt mißbraucht wurden.

Avanti popolo. – Proteste der Bevölkerung in Baden: Manche schimpfen (viele hinter vorgehalter Hand) gegen die alte Giftmülldeponie der BASF (das ist der immer noch gigantische Arbeitgeber für Ludwigshafen und die ganze Region!), deren Giftcocktails seit vielen Jahren ins Trinkwasser sickern… sie wenden sich angeblich nicht gegen die momentan geplante ERWEITERUNG (sic)! Warum also berichtet der Staatsrundfunk (SWR2) gerade heute einmal? Die Deponie liegt übrigens auf einer Halbinsel unmittelbar am RHEIN und von ihm lieblich umflossen! Ist das bereits die diesjährige Saure-Gurken-Zeit? (22. 07. 15)

Geisterstunde der Moralapostel. – Zur Unzeit – aber diese herrscht in Wirklichkeit permanent – kann die herbeizitierte Moral keine Uniform tragen wollen, denn das wahrhaft Böse, welches individuelles Menschenglück und beizeiten ganze Völker ausmerzt, ist zu allen Zeiten, unwidersprochen, in der staatlich organisierten Form des Bösen (!) am bedrohlichsten. Das Nützliche für den einen bringt Armut und Leid für den anderen hervor. „Dem Dieb sei die Dattel ein Dorn“, läßt alte persische Dichtung verlauten, auch hier die machtlose Hoffnung des Guten. Die Poesie als bloße Masturbation der edlen Weltanschauungen. Fast wird da Zeit verschwendet, sie geht verloren in der Sinnlosigkeit, die immer ein Teil der Schönheit ist. Dennoch: die Propaganda zur Abschaffung des Achtstundentages verläuft synonym mit der Abschaffung der Gerechtigkeit als bloße Idee! Nicht ohne Grund haben sich einmal die bedeutendsten Theorien der modernen Welt mit der Modifikation der Gerechtigkeit und der längst nötigen Abschaffung eines vorherrschenden Kapitalismus beschäftigt. (23. 07. 15)

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Zum Schluß. – Der allerletzte zur Sinngebung erhoffte Imperativ benötigt ein wenig mehr Weisheit. Eine längst namenlose Reihe ruht tief in uns, sogar bei flüchtiger Betrachtung ist es ein respektvolles Erahnen einstigen Lebens. Ach, unsere Ahnen, die haben immer gut reden, sagt man beizeiten und schert sich, schon wegen der eigenen Immanenz, wenig um sie. Das Alter sollte endlich wieder althergebrachte Privelegien genießen dürfen, die einem gierhaften Fortschritt nicht schaden, zuletzt eher nützen, weil sie fortwährend zur Mäßigung ermahnen sollten. Eine „Kleinste Ethik“ könnte den (medium-) rotfleischfressenden Erfolgreichen anheim gegeben werden, fortwährend, denn die mißbrauchten Generationen degenerieren immer geschwinder hin zur beherrschenden Künstlichkeit, die einer natürlichen Sinnhaftigkeit abhold zu sein scheint, womit wir beim sanftmütigsten, zugleich hochkarätigsten Kritiker dieses industriell herbeigeführten Lebenszustandes sind: Theodor W. Adorno, ein scharfsinniger Meister nicht nur musikalischer Intellektualitäten, dann soziologischer Tangotänze, sondern auch kritischer Kurzessays, Miniaturen wie Langaphorismen in der vergeistigten Tradition von Friedrich Schlegel (Athenäum-Fragmente), Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches), Walter Benjamin (Einbahnstraße, 1928) sowie Ernst Bloch (Spuren, 1930), und nicht zuletzt die des von ihm hochverehrten Max Horkheimer (Dämmerung. Notizen in Deutschland, 1934, unter dem Pseudonym Heinrich Regius). Die Numerierung und die vorgesetzte, kursive Betitelung vor einem Gedankenstrich ist inzwischen zum Allgemeingut geworden, eine praktische Respektlosigkeit zwischen Lichtenberg, Nietzsche, Adorno und dem gefühlten Mentor der opportunen Aufsässigkeiten meiner Jugendzeit, die mir wesenhaft erschienen, jenen Wust der spontanen Gedanken hintereinander zu bringen, ihnen Worte zu geben – eben zu nichts anderem nütze, als allen anderen Blödsinn der Mitteilungssamen nachzuäffen, die nicht zuletzt aus ihrer faktischen Einsamkeit heraus berühmt wurden. Welch hoher Preis gegen ein sinnliches Leben in Leichtigkeit … das welsche Italien?

Ja, es ist am Ende dieses Italien, das meinem verirrten Gefühl Schönheit, Scharf- und Tiefsinn, Farbe, Form und Format verleiht. Minima Moralia – eine solche ist vor der elektronischen Überwachung aller Kategorien längst nicht mehr möglich, so sie denn einmal mehr als dem eigenen Ich gewidmet sein sollte, dann dem großen Adorno und seinem Freund Horkheimer … Man muß einen Punkt setzen hinter all die diffusen und selbsterkannten Schmerzen in unseren Herzen.

261

ANHANG

LITERATURVERZEICHNIS

Adorno, Theodor W. (1969): Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Bibliothek Suhrkamp, 339 pp. Band 236. Archiv-Nr. 15646

Beetz, Dietmar (2000): Haiku und andere Sprüche 1 Aphorismen Archiv-Nr. 15386

Bratulić (2001): Hier Vorwort des Bürgermeisters, S. 2 f. [Pula – eine Stadt erinnert sich ihrer drei Tausend Jahre]. (Leihgabe Univ. Bibliothek, Pula, Istrien)

Brecht, Bertolt(1973): Arbeitsjournal. Erster Band 1938-1942, Herausgegeben von Werner Hecht, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Erste Auflage 1973, 507 pp., S. 12. Archiv-Nr. 15303

Britting, Georg (Auswahl. 1978): Lyrik des Abendlandes. Gedichte aller abendländischen Völker von den Homerischen Hymnen bis zu Lorca und Brecht. Hanser Verlag,, München. 765 pp. Archiv-Nr. 15531

Brecht, Bertolt (…): Autobiographische Aufzeichnungen

Brecht, Bertolt (1972): Über Politik und Kunst. edition suhrkamp -Letzter der Auswahlbände theoretische Schriften Brechts -. Archiv-Nr. 14767

Buber, Martin (1953): Muckensturm – als bibliographischer Text … gemeint ist hier der Ort Heppenheim an der Bergstraße, wo Buber lange lebte …

Deschner, Karlheinz (Hrsg.): Woran ich glaube. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh,. 295 pp. Archiv-Nr. 15234

Eliot, T. S. (1977): Das wüste Land. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975, S. 85-95. Hier: Eine Schachpartie, Auszug. Ernest Borneman (1990): „Weshalb ich nicht glaube: 18 gute Gründe“, in: Karlheinz Deschner (Hrsg.): Woran ich glaube. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh,. 295 pp., 62 ff.

Fried, Erich (1984): Reich der Steine. Zyklische Gedichte. Claasen Verlag, Düsseldorf. U. a. Die Meilen nach Babylon (… How many Archiv-Nr. 13856

263

Fromm, Erich (1961): Es geht um den Menschen. Tatsachen und Illusionen in der Außenpolitik. New York 1961. 238 pp., S. 145] Archiv-Nr. 15426

Fuchs, Günter Bruno (1967): Pennergesang. Gedichte & Chansons. Archiv-Nr. 15

Fuchs, Günter Bruno (1981): Erlernter Beruf eines Vogels. Gedichte & Geschichten & Bilder. Auswahl und Nachbemerkung von Hubert Witt. Reclams Universal Bibliothek Band 856. Archiv-Nr. 15503

Ortega Y Gasset, José  (1941): Andalusien. In: Spanien – Tradition und Gegenwart. Novellen und Berichte zeitgenössischer spanischer Dichter.Bibliothek der Unterhaltung und des Wissen, 66. Jg., Band 849, S.57-80 Archiv-Nr. 10467

Gerlach, Senta & Wulf (Hrsg.): Öl und Oliven. Gedanken zum Genießen. Groh-Verlag, 2005. Archiv-Nr. 15xxxx

Gregorovius, Ferdinand (1951): Wanderjahre in Italien. Eine Auswahl. Mit 12 Tafeln in farbigem Lichtdruck. Leinen, 360 pp.Wolfgang Jess Verlag Dresden. Archiv-Nr. 15581

Grossage, Howard Luck (1996): Der Rabe

Harther, Heide (1988): Olivenöl & (und) Oliven. Econ, Düsseldorf, 105 pp Archiv-Nr. 15340

Herburger, Günter (1967): soso Vietnam aha. In: Kursbuch 10, Oktober 1967, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, S. 162-163)

Holthusen , H. E. (1952): Der  unbehauste Mensch ArchivNr. 20947

Horkheimer, Max (o. Jg.): Kritische Theorie der Gesellschaft. Band 1-3; Band 4. zusammen mit Th.W. Adorno und H. Marcuse; Hier. Raubdrucke Marxistisches Kollektiv … 1968-70 ? Archiv-Nr. 15648 -15651

Konkret. Unabhängige Zeitschrift für Politik und Kultur. 14, 30. Juni 1969, 56 pp., S. 53 Archiv-Nr. 15438

Joyce, James (1975) Ulysses. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main. Archiv-Nr.12256

Joyce, Stanislaus (1975) Dubliner Tagebuch. Deutsch von Arno Schmidt. suhrkamp tb, Frankfurt am Main. EA Archiv-Nr.15640

264

Joyce, Stanislaus (1984) Meines Brudes Hüter. suhrkamp tb, Frankfurt am Main. EA Archiv-Nr.15638

Lawrence, D. H. (1975): Der Mann der Inseln liebte. In: Sämtliche Erzählungen IV. Diogenes. Archiv-Nr.14753

Leis, Mario & Sourek, Patrick (2005): Mythos Herkules. Texte von Pindar bis Peter Weiss. Reclam Leipzig. Archiv-Nr. 14018

Leonhardt, Rudolf Walter (1983): Auf gut deutsch gesagt. Ein Sprachbrevier für Fortgeschrittene. Berlin: Severin und Siedler, 1983. 174 pp. Archiv-Nr. 15077

Lunatscharski, Anatoli (1974):. Die Revolution und die Kunst. Essays, Reden, Notizen. VEB Verlag der Kunst Dresden. Hier: vgl. Bernard Shaw (1931); Marcel Proust (1934) Archiv-Nr. 20490

Maugham, W. Somerset (1970): Der bunte Schleier. (Leihgabe Univ. Bibliothek, Pula, Istrien).

Mann, Thomas (1919): Herr und Hund, S. 127 (dort als Schlußsequenz). (Leihgabe Univ. Bibliothek Pula, Istrien).

Mehring, Walter (1979): Wir müssen weiter. Fragmente aus dem Exil. Claassen Verlag, Düsseldorf. Archiv-Nr. 15570

Poe, Edgar Allan (2014): Der Rabe und andere Gedichte. Übersetzung Theodor Etzel und Karl Lerbs.Anconda Verlag Köln. 159 pp. Archiv-Nr.15635

Proust, Marcel (19831)): Die Gefangene. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (in sieben Teilen). Band 5. Nach der 13-bändigen Werkausgabe von 1964, Suhrkamp tb, Archiv-Nr. 14224

Proust, Marcel (19841): Der Gleichgültige. Erzählung in zwei Sprachen. Suhrkamp taschenbuch Archiv-Nr. 15532

Proust, Marcel (19842): Die wiedergefundene Zeit. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (in sieben Teilen). Band 7. Nach der 13- bändigen Werkausgabe von 1964, Suhrkamp tb, Archiv-Nr. 15535

Rukwid, Werner (Hrsg.): Geliebtes Schwabing. Verse und Prosa von Wedekind bis P. P. Althaus. Mit einem Geleitwort von Peter Paul Althaus. dtv, München 1970. 164 pp.

Schomburg, Burkhart (1956): Wandertage für Schule und Gruppe. Handreichungen und Hinweise. Deutsches Jugendherbergswerk Detmold Hrsg. und Verlag. Archiv-Nr. 20964

265

Seidlin, Oskar(1965): Eichendorffs „Zwei Gesellen“ , In: Schillemeit, Jost (Hrsg.) Deutsche Lyrik von Wackherlin bis Benn. S. 173- 197. Fischer TB 121-125. Tausend 1975. Frankfurt am Main.

Sternberger, D., Storz, G.,Süskind, W. E. (1957): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Claasen, Hamburg. -vgl. Die Wandlung. Eine Monatsschrift.

Szymanski & Stahlschmidt (1996): Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur. EA Archiv-Nr. 15424

Tabori, George (2004): „Ich war immer müde“, Die Zeit, 22, 19. Mai 2004.

Tacitus (1992): Germania. Übersetzung, Erläuterungen und Nachwort von Manfred Fuhrmann. Philipp Reclam Jun. Stuttgart. Archiv-Nr. 15136

Wallace, Alfred Russel (1869): The Malay Archipelago. The Land of the Orang-Utan and the Bird of Paradise, a Narrative of Travel with Studies of Man and Nature. McMillan & Co. U.K., 515 pp mit zahlreichen Abbildungen und Karten. Reprint 1983 by Graham Brash (Pte) Ltd, Singapore. Inventar-Nr.13547

Wallace, H. G. (1975): Der Mann, der die Inseln liebte. in: Sämtliche Erzählungen, IV, Diogenes, S. 225 ff.  Archiv-Nr.14753

Walser, Johanna (2010): Vor dem Leben stehend. Prosastücke. Neuausgabe Edition Isele. Auch als Fischer-TB.

Walser, Martin (Hrsg. 1992): Wer kennt sich schon. Lektüre zwischen den Jahren ausgewählt von Martin Walser. Suhrkamp Verlag. Broschur, 160 pp. Archiv-Nr. 15510

Weiss, Peter (1987): Die Ästhetik des Widerstands. Henschelverlag. Kunst u. Gesellschaft. 2. Aufl., 3 B ände, S. 314 Inventar-Nr. 15179 ff

Wittgenstein, Ludwig (1963): Tractatus logico-philosophicus. edition suhrkamp Inventar-Nr. 15125

Yeats, W. B. (2000): The Collected Poems of W. B. Yeats. Wordsworth Edition, Ware, Hertfordshire. Inventar-Nr. 14200

ders. (2005): Die Gedichte. Herausgegeben von Norbert Hummelt. Luchterhand. 463 pp. Archiv-Nr.15637

266

Vollständiges Inhaltsverzeichnis

Blosse Gedanken

Blosse Gedanken (Fortsetzung der Aphorismen)  ……     7

Weshalb ich nicht glaube

oder die Logik im Zirkelschluss  ……………………………  53

Woran ich glaube  ……………………………………………….   67

    Fibel (Fuchs)  ………………………………………………….   73

    Hinterhof (Fuchs)  ……………………………………………….              74

Die Stummheit der Fische

Die Stummheit der Fische oder die Mär von der unbe-

schreiblichen Mutlosigkeit  …………………………………….                77

Weil es so praktisch ist  ……………………………………….   77

Wehret den Anfängen  …………………………………………   79

Warten auf Demokratie  ……………………………………….  84

Seattle und kein Ende  …………………………………………   84

Panta rhei  …………………………………………………………..  86

Gewißheit  ………………………………………………………….  86

Gedankenlos  ………………………………………………………  87

Inseljahre  ……………………………………………………………                 89

Über den Ölbaum  ……………………………………………….  101

Roots – die jüdischen Wurzeln  …………………………….   107

Nachts schlafen die Ratten nicht

Nachts schlafen die Ratten nicht  …………………………..  113

Wir wohnen hier nicht mehr  ………………………………..   119

Erinnerungen an Giordano Bruno ………………………….  128

Über Wahrheit (Brecht) ……………………………………….   132

Manipulite

Potemkin läßt grüßen  ………………………………………….   133

Erinnerungen an Enrico Mattei  ……………………………    .               133

Erinnerungen an Pier Paolo Pasolini  ……………………..  133

Der Aufstieg des arglistigen Schweins Berlusconi  …..                134

Eigentlich fehlt Sarkozy  ………………………………………  134

Wanderungen in Deutschland

Schwabinger Spaziergänge  ………………………………….   135

Dokumentarisches

Volkstrauertag zum Dauertiefstpreis  …………………….   141

    Grodek (Georg Trakl) …………………………………………..             144

    Goldgruben  ……………………………………………………….               145

Auf der Suche nach Wahrheit  ………………………………   148

267

Bericht an eine Kommission (Harry Hassmann)  ………                151

Pula (Bericht zweier versuchter Reisen)  …………………..               159

    Sich die Herzen öffnen  ………………………………………                162

    Herr und Hund  …………………………………………………..               164

    Einstmals war ein stilles Tal  ……………………………….               171

    Sanft entschlafen  ……………………………………………….               178

Zurück in Bad Betteldorf  ……………………………………….               187

Blosse Erinnerungen  …………………………………………….                191

Wörterbuch zur Verschleierung diverser Zustände (2) ..             199

Mein kleines Literatur-Lexikon (2)  ………………………….               209

Gedichte

Bemerkungen zum wesentlichen  ……………………………….            237

Was aus den Städten kommt  ……………………………………..            237

Nachts – Villons Herberge (Fuchs)  ………………………….               238

Nachtlied  …………………………………………………               238

Am Rand eines alten Brunnens  …………………..               239

Herbstliche Einkehr  ……………………………….   239

Gewißheit  ……………………………………………..  239

The Raven (Poe)  …………………………………….  240

Daily Framing  ……………………………………….   241

Die Nacht der Armen (Trakl)  ………………….   242

Prophezeiung Lichtenstein)  ……………………..  242

Tags –   Whitehaven Coal District 1989  ………………..  243

Seattle und kein Ende  …………………………….   243

Warten auf Demokratie  ……………………………                 244

Zurück in Bad Betteldorf  ………………………..   244

Westhafen (Fuchs)  …………………………………   245

Dreiecksbeziehung ………………………………….  245

Delirium (Trakl)  ……………………………………..                 245

Der Trinker in Arkadien  …………………………   246

Sommersonate (Trakl)  ………………………………                246

Die seltsamen Verhörmethoden

des Santa Claus  ………………………………………..               247

Just Do It  ………………………………………………  247

Komm in den totgesagten Park (George)………                247

Alltägliches Sammelsurium  …………………………………                249

Zum Schluß  ………………………………………………………..                261

ANHANG

Literaturverzeichnis  ……………………………………………..                 263

Vollständiges Inhaltsverzeichnis  …………………………….                267

Schmutzblatt hinten

Dieses „Jahrbuch“ – es ist, ganz wie eine Manuskriptsammlung, erneut eine Art Arbeitsjournal geworden.     „Politiker lügen ohne sich zu schämen – Politikerinnen lügen sogar mit ihren Schamlippen.“ [vgl. BG 10] Das ist Tenor von aufgestauter Wut und der, wenn auch dialektischen Erkenntnis scheinbar rasant zunehmender Machtlosigkeit. So viel wird verlangt, wenn verlangt wird, der Schriftsteller soll die Wahrheit schreiben (Bertolt Brecht 1935). Was unter die Gürtellinie geht, das ist in Anbetracht der unvorstellbaren Dreistigkeit, mit der Volksvertreter ohne Scham und Reue sich zu Türklinkenputzer der Großkonzerne erniedrigen, nichts als Dampfablassen zur Verhütung schlimmerer Tagträume zur radikalen Änderung dieses fortwährenden Zustandes. Ein Beweis nachgeäffter Selbstzensur ist hingegen die Tatsache, daß weder das Rumpelstilzchen noch die dummen Rehe auch nur einmal vordergründig zu Protagonisten gemacht werden … Politiker lügen ohne sich zu schämen – Politikerinnen lügen sogar mit Schamlippen. Politiker lügen ohne sich zu schämen – Politikerinnen lügen sogar mit Schamlippen. Politiker lügen ohne sich zu schämen – Politikerinnen lügen sogar mit Schamlippen – Yes Sir! Die Würde des Menschen ist unantastbar! Wird sie deshalb mit Füßen getreten? [BG 31]
Klappentext oder Nachwort? – Alles in allem ist dieses Buch eine zusammengesuchte aber dabei sehr praktische Philosophie mit dem Hammer.1) Vielleicht erscheint mir deshalb meine Affinität zur Erdgeschichte als ein generalistisches Ablehnungsmuster der zivilisatorischen Sauereien erklärbar. Bei der Erforschung der Gesteine und der Sichtbarmachung elementarer Grundlagen unserer physischen Welt ist der GeologenHammer ein kaum verzichtbares Werkzeug. Um wenigstens den gemütskrank gewordenen Nietzsche zu bemühen, nützt nur eine freche Benennung unumstößlicher Tatsachen, um dem gebeugten Rücken der Angepaßten vorzubeugen, denn „Jeder Spezialist hat seinen Buckel.“ Der Idealismus zieht mich hinunter, der Materialismus richtet mich wieder auf. Atheisten und Existentialisten fallen sich ins Wort, die Argumente gegen die Dummheit der Unterwürfigkeiten fallen jedoch leichter, als wenn sich ein (marxistischer) Agnostiker bemüht, wie der längst ausgebahnte Opportunist, möglichst allen gerecht zu werden. In Anbetracht des „vorherrschenden“ gigantischen Elends, welches die Profitgier, die Bestialitäten der Macht, die Ignoranz der Gebildeten und der Parteigänger in die Welt gebracht und nicht verringert, eher vermehrt haben, bleibt die Beharrlichkeit eines vergeblichen Widerstands. Es ist dabei scheißegal, was korrumpierte Kunst (Markt) oder individueller, fast psychopathischer Geschichtsfrust (Erkenntnis) am Fortgang dieses Zustandes verändern könnten. Mit Agitation, etwas Boykott und Bescheidenheit ersichtlich nichts, fast garnichts am Zustand der Welt gändert zu haben heißt: zugleich einem einzelnen Grashalm, dem Sandkorn zu ähneln – trotz alledem. —————————- 1)  Philosophie mit dem Hammer, vgl. Nietzsche (1872-73) –„Pathos der Wahrheit“ als Aufsatz in Wahrheit und Lüge (am Anfang stehend)    

STEPHAN-KEMPF, GÜNTER (2015): Die Sehnsucht nach der Heimat. Bloße Gedanken (1). INSELJAHRE Band 18. Edition 

Stephan-Kempf, Günter: INSELJAHRE Bloße Gedanken – Manuskripte 2015

Bad Schwalbach: Edition Geoteam, 2015

  • (INSELJAHRE Gesamtausgabe Band 18) ISBN o-oooo-oooo-o

       © 2015 by Günter Stephan-Kempf

 nur nu“vgl.

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